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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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Theodor Ickler zu »Jede und jeder«
Dieser Kommentar wurde am 10.03.2026 um 03.18 Uhr verfaßt.

„Bei der Kommunalwahl haben die Bürgerinnen und Bürger ihre Vertreterinnen und Vertreter in Gemeinde- und Stadträten sowie ihre Bürgermeisterinnen und Bürgermeister neu gewählt.“ (inFranken.de 9.3.2)6)

Es gibt nur wenige Menschen, die sich im Alltag so unnatürlich ausdrücken, und die sind in der Regel beruflich eingebunden (déformation professionnelle). Die schöne Literatur kann sich so etwas nicht leisten; sie ist eine letzte Bastion sprachlicher Normalität, neben der wirklich gesprochenen Volkssprache.


Theodor Ickler zu »Pädagogik vom Tage«
Dieser Kommentar wurde am 09.03.2026 um 17.26 Uhr verfaßt.

Ich möchte noch nachtragen, daß die Graphologin aus einer Schriftprobe von zwei Wörtern herausliest, die Schreiberin sei "vielseitig interessiert". In meinem Okkultismusaufsatz habe ich ausführlich gezeigt, daß gerade diese horoskoptypische Ausdrucksweise (samt zugrunde liegender Charakterologie) die Graphologie an die Seite der Astrologie führt.


Theodor Ickler zu »Pädagogik vom Tage«
Dieser Kommentar wurde am 09.03.2026 um 14.58 Uhr verfaßt.

Der VDS macht sich für die verbundene Schreibschrift stark. Die Delegiertenversammlung hat dazu eine Erklärung (in schönster Gremienprosa) verabschiedet. Darin heißt es:

Anders als bei der Methode „Lesen durch Schreiben“ („Schreiben nach Gehör“) mit Anlauttabelle aktiviert das verbindende Schreiben wichtige Synapsen im Gehirn. Diese sorgen dafür, dass Kinder lernen, in logisch-bildlichen Verknüpfungen zu denken. Das belegen alle neueren seriösen wissenschaftlichen Studien und das bestätigen durchweg die Erfahrungen in der pädagogischen Praxis. Eine auf verbundenes Schreiben zielende Lernmethode stärkt die Entwicklung des selbständigen Wahrnehmungs- und Denkvermögens und dient damit der Persönlichkeitsbildung von Kindern und Jugendlichen in besonderem Maße. (https://vds-ev.de/mitteilungen/delegierte-beschliessen-erklaerung-zur-schreibschrift/ - andere Fasssung in den „Sprachnachrichten“)

Natürlich sind die Behauptungen reiner Unsinn. Kein Mensch hat je beobachtet, was bei den verschiedenen Formen des Schreibenlernens an den „wichtigen (!) Synapsen“ geschieht. Auch die Sache mit der Persönlichkeitsbildung ist der übliche Stuß.

Im gleichen Heft der „Sprachnachrichten“ darf eine Graphologin ihre Pseudowissenschaft anpreisen.


Manfred Riemer zu »Wh«
Dieser Kommentar wurde am 09.03.2026 um 10.47 Uhr verfaßt.

Wiederholungen mögen oft besser sein als künstlich wirkende Synonyme, aber dieser Satz in der heutigen Freien Presse, Seite 2 (zum geplanten Brückenbau in Bad Schandau) läßt mich dann doch schmunzeln:

Die Einschränkungen in der Region sollen laut Ministerin Regina Kraushaar (CDU) möglichst eingeschränkt bleiben.


Theodor Ickler zu »Jede und jeder«
Dieser Kommentar wurde am 09.03.2026 um 08.35 Uhr verfaßt.

Auch auf den Wahlurnen steht „Bürgermeisterin/Bürgermeister“ usw. – mit dem längeren Glied am Anfang, das zugleich den galanten Vortritt der Damen aus der Zeit ihrer Benachteiligung in die Gegenwart rettet.


Theodor Ickler zu »Synonymie«
Dieser Kommentar wurde am 09.03.2026 um 03.27 Uhr verfaßt.

Eine Stupsnase, ein Schmollmund und strahlend blaue Augen: 2007 wurde Thylane Blondeau zum "schönsten Mädchen der Welt" gewählt. Damals war sie sechs Jahre alt, heute ist sie erwachsen und arbeitet nach wie vor als Model. (t-online.de 9.3.26)
Schon damals hat uns das allgegenwärtige Bild der früh vermarkteten Kleinen auf synonymische Gedanken gebracht. Im allgemeinen findet man Kinder hübsch, aber nicht schön. Letzteres verträgt sich nicht mit der Flüchtigkeit und Oberflächlichkeit des Hübschseins. Schön und hübsch sind üblicherweise auf einer Skala angeordnet:
Hübsch ist er nicht, schön noch weniger. (Wilhelm Raabe: Alte Nester)
Sie war nicht schön, kaum hübsch. (Thomas Mann: Königliche Hoheit)
Die Steigerungsfigur ist nicht umkehrbar.

Daraus ergab sich auch das Anstößige: Wenn man kleine Mädchen mit den Attributen anpreist, die geschlechtsreifen Frauen zukommen, braucht man sich nicht zu wundern, daß die Fotos ins Album von Pädophilen wandern.


Theodor Ickler zu »Synonymie«
Dieser Kommentar wurde am 08.03.2026 um 17.52 Uhr verfaßt.

Es ist tatsächlich ein beliebtes Verfahren, das Gemeinte mit einer Schar von Synonymen gleichsam zu umstellen oder einzukreisen:

"Es ist keine Frage, daß Demosthenes in erster Linie Politiker und Staatsmann war und sein wollte." (Werner Eisenhut: Einführung in die antike Rhetorik und ihre Geschichte. Darmstadt 1974:29)

Goethe soll dieses Verfahren bewußt gepflegt haben, weil er eine Abneigung gegen terminologische Festlegung hatte.

Im Beispielsatz müssen "Politiker" und "Staatsmann" eine leicht verschiedene Bedeutung haben, was aber nicht ausdrücklich thematisiert wird. Anders hier:

"Der Politiker denkt an die nächste Wahl, der Staatsmann an die nächste Generation." (Zeit 13.5.88)

Es braucht aber nicht bewiesen zu werden, daß "Politiker" und "Staatsmann" auch völlig gleichbedeutend gebraucht werden können, jede Unterscheidung also neutralisiert werden kann.


Wolfram Metz zu »Synonymie«
Dieser Kommentar wurde am 08.03.2026 um 13.35 Uhr verfaßt.

Wenn schon die Wörterbuchmacher kein oder kein ganz überzeugendes Konzept haben, sollten wenigstens die Benutzer wissen, was sie von einem Wörterbuch erwarten und wie sie es am besten benutzen. Ein Synonymwörterbuch ist keine Speisekarte, aus der man zur Abwechslung immer wieder andere Gerichte auswählt. Ich jedenfalls nehme ein Synonymwörterbuch nur zur Hand, wenn ich das Gefühl habe, daß ein Wort mir momentan nicht einfällt. Ein mir angebotenes Wort, dessen Verwendungsweise (Semantik, stilitische Markierung, Frequenz, Konnotationen usw.) mir nicht vertraut ist, würde ich immer unangerührt lassen.

Suche nach dem treffenden Wort und Wiederholungsvermeidung müssen sich nicht gegenseitig ausschließen, jedenfalls erscheint mir das etwas zu streng gedacht. Manchmal gibt es kein hundertprozentig treffendes Wort, oder man findet es trotz emsiger Recherche bis zum Schluß nicht. Aber vielleicht gibt es ein Wort, das einen Millimeter links vom Ziel liegt, und ein anderes einen Millimeter rechts davon. Dann nimmt man das eine und das andere und hat damit den Sachverhalt einigermaßen eng eingekreist. Die Wiederholungsvermeidung war dann zwar nicht der Zweck des Nachschlagens, ist davon aber ein Nebeneffekt. Oder zwei Wörter sind tatsächlich gleichermaßen passend, man möchte aber trotzdem eine Wiederholung vermeiden. Ich habe zwar vorhin nicht nachgeschlagen, aber im zweiten Satz dieses Beitrags hätte ich statt »Gerichte« auch »Speisen« schreiben können. Allerdings finde ich, daß sich mein Satz so, wie ich ihn formuliert habe, angenehmer liest, ohne daß die Grenze zu sinnlosem Synonymgeklingel, wie ich es nenne, überschritten wäre. Aber das ist wohl auch Geschmackssache.

Umschreibungen von Merkmalen sind meines Erachtens keine echten Synonyme für den Träger dieser Merkmale, selbst wenn sie nur auf diesen einen Träger zutreffen. Entweder die Merkmale sind für die Textaussage relevant, dann verdienen sie eine ausformulierte Erwähnung. Oder sie sind nicht relevant, dann wirkt ihr Gebrauch zur Wiederholungsvermeidung schnell gezwungen oder sogar unfreiwillig komisch. Ich denke etwa an »die geteilte Stadt« für Berlin. Wenn die Teilung für das, was man über Berlin sagen wollte, keine Rolle spielte, hätte man besser »Berlin« wiederholt. Wie hartnäckig sich solche Marotten halten können, sieht man daran, daß Berlin nach der Wiedervereinigung in solchen Fällen kurzerhand in »die ehemals geteilte Stadt« umgetauft wurde!


Theodor Ickler zu »Synonymie«
Dieser Kommentar wurde am 08.03.2026 um 05.57 Uhr verfaßt.

Statt die Welt a priori in eine ausgedachte Ordnung zu zwängen, wie es die „Begriffssysteme“ (Hallig/v. Wartburg usw., auch die Anordnung des Stoffs in den Synonymwörterbüchern wie Dornseiff, Wehrle/Eggers usw.) tun, sollte man im Verlauf der synonymischen Unterscheidungen induktiv die relevanten wiederkehrenden Kategorien zu gewinnen suchen. Wenn wir z. B. „geben – bringen – liefern“ untersuchen, stoßen wir darauf, daß „liefern“ auf Waren, auf Handel beschränkt ist. Das gleiche Merkmal kennen wir schon vom Farbwort „beige“ (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1058#25587), und wer weiß, wo überall es noch eine Rolle spielt? Etwa beim Verb "bestellen", einem Gegenstück zu "liefern". Wer hätte sich so etwas ausdenken können?


Theodor Ickler zu »Jede und jeder«
Dieser Kommentar wurde am 08.03.2026 um 03.49 Uhr verfaßt.

Zu einem Gedenkartikel in der Zeitung:
Königin Luise hatte mit 34 schon 10 Kinder geboren und 3 verloren. Kurz darauf starb sie selbst. Der königliche Witwer äußerte sich später über ihre mangelhafte Bildung, die sie auch nicht durch Unterricht bei Königsberger Professoren habe ausgleichen können, weil ihr der Fleiß und die Ausdauer dafür gefehlt hätten. Was denn noch alles! „Der Frauen Zustand ist beklagenswert“, sagte ein Zeitgenosse.


Theodor Ickler zu »Synonymie«
Dieser Kommentar wurde am 08.03.2026 um 02.43 Uhr verfaßt.

Das Wörterbuch von Görner/Kempcke ist eines jener DDR-Produkte (hier von 1973), die nach der Wiedervereinigung überarbeitet und dann auf den gesamtdeutschen Markt geworfen wurden, oft von Billigverlagen (die inzwischen auch zu Konzernen gehören). Daß es schon viel Gleichartiges gibt, spielt dabei keine Rolle. Man denke auch an die Aldi- und Tchibo-Produkte im Zuge der Rechtschreibreform. Ein paar Märker lassen sich auch damit machen. Solche Bücher werden ja nicht gelesen und so gut wie gar nicht benutzt, da fällt die Qualität nicht ins Gewicht.


Theodor Ickler zu »Synonymie«
Dieser Kommentar wurde am 08.03.2026 um 02.33 Uhr verfaßt.

Pferd und Roß werfen die Frage auf, ob dialektale Varianten aufgenommen werden sollen (Metzger, Fleischer, Schlachter; Brötchen, Semmel, Rundstück). Ins gleiche System sind sie ja nur deshalb gerutscht, weil die Dialektgrenzen teilweise aufgeweicht sein und wir heute auf der Klaviatur der Gesamtsprache spielen können. Das betrifft allerdings nicht nur Synonymwörterbücher.


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