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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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Theodor Ickler zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 23.04.2017 um 07.10 Uhr verfaßt.

Nachdem ich schon mehrmals das hübsche, einst naziverseuchte Städtchen Witzenhausen erwähnt habe, in dem ich bis 14 aufgewachsen bin, will ich noch ein Lesefrüchtchen aus Michael Naumanns gerade erschienener Autobiographie (in Reformschreibung) einschalten:

Meine Mutter bewahrte jahrelang eine kuriose Fotografie auf, eine Amateuraufnahme mit gezackten Rändern. Sie zeigt ihren Mann neben einem Dromedar am Fuß des Kaukasus. Auf die Rückseite hatte er nur einen Satz geschrieben: »Weiter möchte ich eigentlich nicht.« Das ironische »eigentlich« ist das einzig mir bekannte Anzeichen seines inneren Widerstands gegen den Krieg oder seine Urheber. Seine Frau hingegen erzählte einem Bekannten, dass er »gern Soldat« bei den Pionieren gewesen sei. In einem Feldpostbrief aus Frankreich (»Wo sind die Franzosen?«) schrieb er angesichts der eingekesselten englischen Kontinentalarmee von der »Tragödie Dünkirchen«. Für den Rest der Deutschen war »Dünkirchen« ein Triumph.
Er hatte in Marburg studiert und war der schlagenden Verbindung »Teutonia« beigetreten. Sein Freund und »Fuchsmajor« Karl August Eckhardt, ab 1928 Professor für Rechtsgeschichte, war bereits seit 1931 Parteigenosse der NSDAP, dann auch SS-Mitglied im Stab Heinrich Himmlers. Er stieg 1938 zum SS-Sturmbannführer auf und forderte die Todesstrafe für Homosexuelle (»widernatürliche Unzucht ist todeswürdig«). Eckhardt bewarb sich vergeblich um die Stellung eines »Kronjuristen«, also um eine Stelle, die auch Hitlers intelligentestem Apologeten, Carl Schmitt, versagt geblieben war. Nach Kriegsende verlor er seine Professur. Ich sollte ihn in den fünfziger Jahren während der Sommerferien kennenlernen: In seinem Keller im hessischen Witzenhausen stöberte ich zwischen NS-Literatur und Karl-May-Bänden, die er mir lebhaft empfahl. Auf einem Bücherregal lag eine perfekt skelettierte Maus. Im Garten graste eine Kuh. Sie versorgte die verarmte Familie mit Milch. Eduard Naumann, so erfuhr ich später, wollte bei ihm über germanische Femegerichte promovieren, ließ es aber bleiben. Wäre er ein überzeugter Nazi geworden?
Als Mitherausgeber füllte Eckhardt bis zu seinem Tod im Jahr 1979 Seite auf Seite der Monumenta Germaniae. Von meinem Vater sprach er nicht, ich habe ihn auch nicht gefragt. Der alte Mann und seines toten Freundes kindlicher Sohn wohnten für einige Wochen gemütlich im allgemeinen Nachkriegsschweigen in seinem kleinen Haus am Waldesrand. Was bleibt, ist das Staunen, dass dieser Mann fließend Lateinisch sprechen konnte, ein hoch gebildeter Barbar, der die römischen Quellen deutscher Rechtsprechung mit ihrer rassistischen Auslegung so furchtbar verunreinigt hatte: »Gegenüber Führerentscheidungen, die in die Form eines Gesetzes oder einer Verordnung gekleidet sind, steht dem Richter kein Prüfungsrecht zu.« Ich aber lernte im Stadtbad von Witzenhausen schwimmen. In der seltsam opferstolzen Sprache jener Jahre nannte ich mich gerne »Halbwaise«. Als ich schließlich »Vollwaise« wurde, habe ich das Wort nicht mehr benutzt, denn ein Kind war ich nun nicht mehr, und Vollwaisen sind die meisten Menschen irgendwann einmal sowieso. Es sei denn, sie sind viel zu jung gestorben oder im Krieg gefallen.



Über Eckhardt s. den Wikipedia-Eintrag, die Daten kurzgefaßt auch hier:
http://www.lagis-hessen.de/pnd/118681575

„Der alte Mann und seines toten Freundes kindlicher Sohn wohnten für einige Wochen gemütlich im allgemeinen Nachkriegsschweigen in seinem kleinen Haus am Waldesrand.“

Eine leicht erklärbare Erinnerungstäuschung. Damals war Eckhardt erst Anfang fünfzig. Und für uns stand das geheimnisumwitterte Eckhardtsche Haus am Waldrand, nicht am Waldesrand. Der ganze Satz ist im idyllischen Stil "besonnter Vergangenheit" gehalten. Man erfährt auch nicht, warum der Schüler Naumann überhaupt nach Witzenhausen gegangen ist, um bei Eckardt zu wohnen.



Theodor Ickler zu »Abwärts mit Duden«
Dieser Kommentar wurde am 23.04.2017 um 05.03 Uhr verfaßt.

Die FAZ bezeichnet ihren Liebling Christian Lindner als gutaussehend, was mich wieder einmal zu einem ahnungsvollen Blick in den Duden veranlaßt:

"gut aus­se­hend, gut­aus­se­hend
Von Duden empfohlene Schreibung: gut aussehend
Alternative Schreibung: gutaussehend
Betonung: gút aussehend
gútaussehend"

In Wirklichkeit handelt es sich nicht um verschiedene Schreibungen, sondern um verschiedene Ausdrücke. Die Wortgruppe gut aussehend hat gleichmäßige Betonung auf gut und aus, während das Adjektiv gutaussehend den Hauptakzent auf gut und einen Nebenakzent auf seh hat. Er ist "unorganisch", also rein rhythmisch motiviert wie in handarbeiten mit Nebenakzent auf bei usw., also Vermeidung des Betonungshiats.


SP zu »Friede sei mit euch!«
Dieser Kommentar wurde am 22.04.2017 um 19.25 Uhr verfaßt.

Die Amtskirchen? Das einzige Kreuz, das diese Jünger des Diabolos auf sich nehmen, ist das Pluszeichen auf ihrem Kontoauszug (Matthäus 10,38).


Theodor Ickler zu »Die Tyrannei des Vermeintlichen«
Dieser Kommentar wurde am 22.04.2017 um 07.02 Uhr verfaßt.

Wer das Recht auf Eigenbezeichnungen predigt, kann eigentlich nicht "Islamisten" sagen, wenn die Leute selbst sich einfach als (besonders fromme) Muslime verstehen. Dabei geht es nicht nur um Worte, sondern um Möglichkeiten des Verstehens, die man sich wohlmeinend verbaut.


Theodor Ickler zu »PISA«
Dieser Kommentar wurde am 22.04.2017 um 04.55 Uhr verfaßt.

„Im Gegensatz zu Organisationen der Vereinten Nationen (UN) wie UNESCO oder UNICEF, die ein klares und legitimes Mandat im Bildungsbereich haben, verfügt die OECD nicht über ein solches Mandat.“ (https://slawistik.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/inst_slawistik/Mitarbeiter_Lehrmaterialien/Fischer/Wie_lange_noch_PISA_01.pdf)

Siehe auch http://bildung-wissen.eu/wp-content/uploads/2014/05/offener-brief-schleicher-autoriserte-fassung.pdf



Theodor Ickler zu »Ökonomie der Sprache?«
Dieser Kommentar wurde am 22.04.2017 um 04.22 Uhr verfaßt.

"But in examining the laws of style Spencer necessarily speaks of the hearer (recipient) only and says nothing about the speaker (producer). Now I found that in valuation of a language, or a linguistic expression, both sides should be taken into consideration: the best is what with a minimum of effort on the part of the speaker produces a maximum of effect in the hearer." (Otto Jespersen)

Die Aufgabe ist mathematisch sinnlos formuliert, und das deutet auf eine tieferliegende Schwierigkeit hin. Um z. B. die phatische Kommunikation (das Reden um des Redens willen) einzubeziehen, mit dem ein Teil der Menschheit den ganzen Tag beschäftigt ist, muß man den Begriff der Wirkung oder des Erfolgs nach Bedarf so weit dehnen, daß er willkürlich wird: es wird sich immer eine Wirkung finden lassen. Was ist mit der Wirkung auf den Sprecher selbst, der „Funktionslust“ am reinen Palaver? Wikipedia definiert: „Man versteht unter Sprachökonomie die Neigung von Sprecher und Hörer, auf Sprachformen so einzuwirken, dass die Kommunikation zwischen beiden gewährleistet ist bei einem für beide möglichst geringen Aufwand.“ Hier wird alles in den Begriff „Kommunikation“ gepackt. Auch läßt sich der geringste Aufwand für Sprecher und Hörer nicht berechnen.




Theodor Ickler zu »Friede sei mit euch!«
Dieser Kommentar wurde am 22.04.2017 um 04.09 Uhr verfaßt.

Gedanken eines AfD-Gegners:

Die Kirchenaktion ist allzu billig und außerdem unklug. Ich kenne kirchlich aktive Christenmenschen, die aus verschiedenen Gründen diesmal wahrscheinlich die AfD wählen. Sie werden nun vor den Kopf gestoßen, und mancher wird (wie die Leserbriefe zeigen) eher aus der Kirche austreten, als sich in seinem politischen Urteil irremachen lassen.
Als wirklich eine Partei unter dem Hakenkreuz auftrat und es Mut forderte, gegen sie zu kämpfen, war von den Kirchen wenig zu vernehmen. Heute wollen viele tausend Demonstranten die AfD an der rechtmäßigen Abhaltung ihres Parteitags hindern; da wollen die Kirchen auch dabeisein, natürlich „friedlich“, mit 60 anderen Organisationen. Mit ihrem moralisierenden Schwarz-Weiß geben sie ungewollt dem gewaltbereiten Mob das gute Gewissen. Im Kampf gegen das Böse sind alle Mittel recht.


Theodor Ickler zu »Spannend«
Dieser Kommentar wurde am 22.04.2017 um 03.49 Uhr verfaßt.

Es ist ja auch ein Schwammwort und gehört zu denen, die ich beim Überarbeiten meiner Texte streiche. (Wie Skinner einmal bemerkte: Wenn ich mich mit etwas beschäftige, wird es wohl wichtig sein, das brauche ich nicht dauernd hervorzuheben.)

Aber in der Nachkriegspädagogik und -stilistik war Engel vergessen und Reiners der Mann der Stunde. Daß Reiners fast immer Engel ist, wissen wir ja inzwischen.


Germanist zu »Spannend«
Dieser Kommentar wurde am 21.04.2017 um 20.49 Uhr verfaßt.

Von den vielen im Duden-Herkunftswörterbuch angebotenen Übersetzungen von "interessant" gefällt mir "bemerkenswert" am besten. (Bei "aufregend" fällt mir immer Didi Hallervorden ein: "Ach ist das aufregend.")


ppc zu »Jede und jeder«
Dieser Kommentar wurde am 21.04.2017 um 18.17 Uhr verfaßt.

> keine Unterrepräsentanz ... _mehr_ vorliegt.

Das impliziert, daß es eine solche gegeben hat, womöglich noch vor einem Kurzen. Und dieser Misssstand wurde durch den jahrelangen, mutigen und selbstlosen Einsatz des Büros für LSBTTI*, Frauen, Karneval und Umwelt endlich beseitigt.


Klaus Achenbach zu »Spannend«
Dieser Kommentar wurde am 21.04.2017 um 16.31 Uhr verfaßt.

Wohl nicht nur Reimers, sondern auch Eduard Engel, der in seinem Verdeutschungswörterbuch "Entwelschung" das Wort "interessant" als "ödes Schwammwort" bezeichnet.


Theodor Ickler zu »Non leguntur«
Dieser Kommentar wurde am 21.04.2017 um 07.03 Uhr verfaßt.

Auf einer ganzen Seite der FAZ kämpfen zwei Professoren, einer ist DFG-Präsident, gegen die "Populisten" und für die freie Wissenschaft. Der Text ist in schwerer Sprache abgefaßt, die meinen beschränkten Untertanenverstand überfordert, aber ein flüchtiger Blick zeigt mir, daß der Inhalt bis zum Schluß das erwartbare Gerede ist, und ich bin sowieso nur bis zu diesem Satz gekommen:

„Sie erklären sich zum Sprachrohr jenes Volkes, mit dem sie sich eins wähnen und das nicht als vielfälter demos verstanden wird, sondern gegen jede wache Wirklichkeitserfahrung, als homogener ethnos.“ (FAZ 21.4.17)

(Man beachte die philologische Kursiv- und Kleinschreibung!)

Nun, was bringt dem Leser dieser verunglückte Ausflug ins Altgriechische?


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