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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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Theodor Ickler zu »Ohne große Mühe«
Dieser Kommentar wurde am 18.01.2019 um 17.23 Uhr verfaßt.

Eine tote Sprache soll eine solche sein, in der es keine Muttersprachler mehr gibt. Als Beispiele werden Latein und Sumerisch angeführt. Sumerisch ist ausgestorben, aber Latein? Es hat sich nahtlos in die romanischen Sprachen entwickelt und dabei nie aufgehört, Muttersprache zu sein. Latein ist so tot wie das Kind, das ich mal war.
Althochdeutsch wäre vergleichbar. Es ist dem heutigen Deutschen ungefähr so fremd wie Latein dem Italiener (man versteht ab und zu ein bißchen). Aber auch Mittelhochdeutsch, Frühneuhochdeutsch, Goethedeutsch ist nicht die Muttersprache heutiger Menschen. Man sieht, wohin die Reise geht. Das Schriftdeutsch, das ich hier schreibe, ist auch nicht die Muttersprache unserer Kinder, sondern eine Schulsprache, die später erlernt wird.
Latein starb, als die Sprecher versuchten, eine ältere Form festzuhalten, und zwar in Schriftform, während sich die gesprochene Sprache weiterentwickelte. Ebenso Sanskrit, nur daß dort die Schrift keine so große Rolle spielte und man die Hochsprache anders definieren muß.


Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 18.01.2019 um 16.33 Uhr verfaßt.

Die Sprache soll in ihrer modernen Form 40.000 Jahre, vielleicht sogar 100.000 Jahre alt sein. Da der Neandertaler Krankenpflege und Totenbestattung kannte, soll er eine „zumindest rudimentäre Sprachform“ gehabt haben. (Bildatlas der Sprachen, hg. von B. Comrie u.a.)

Es gibt keinen Grund zu solchen Aussagen. Totengräber brauchen bei ihrer Arbeit vielleicht nicht viele Worte, aber warum sollten die Neandertaler einander nicht alle möglichen Geschichten erzählt haben? Das ganze Gestammel von rudimentären Sprachen (gelehrt: "Protolanguage") ist dünkelhafter Quatsch.


Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 18.01.2019 um 16.12 Uhr verfaßt.

Lachen hat ja viele Funktionen. Panksepp will es bei Ratten entdeckt haben, ebenfalls auslösbar durch Kitzeln, und das wäre zu erwägen, wenn Lachen viel älter sein sollte als Sprache und damit auch als Witze. Nach einer anderen Auffassung könnte das Zähnezeigen ohne Zubeißen der Kern sein, daher also das Signal "nicht ernst!" Es würde die latent aggressive Natur des Lachens erklären, vgl. Freuds Witztheorie. Die Lautgebung könnte hinzukommen, damit man auch bemerkt, daß jemand bleckt. Oft zeigt Lachen die Erleichterung, wenn man einen Normverstoß als harmlos erkennt. So in vielen Witzen, etwa dem mit den flugunfähigen Bumsen.

Das Schütteln oder Abschütteln kommt mir nicht so plausibel vor.

Der Eintrag Laughter in der englischen Wikipedia ist noch umfangreicher als der deutsche und zeigt, wie viele Probleme es gibt.


Manfred Riemer zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 18.01.2019 um 14.55 Uhr verfaßt.

Typisch für das Lachen ist nicht ein Schrei, sondern das rhythmische Zusammenpressen und Herausstoßen der Luft, auch wenn das manchmal mit einem Laut verbunden ist. Es ist also eine Art Sich-Schütteln, was man als Abwehrreaktion beim Kitzeln deuten kann. Deshalb das Lachen beim Kitzeln.

Der Sexualakt besteht dagegen aus einer Phase stetig steigender Anspannung des Körpers, gefolgt von schneller Entspannung und Ruhe, beides paßt nicht zu einem Schütteln, also auch nicht zum Lachen.


R. M. zu »Synonymie«
Dieser Kommentar wurde am 18.01.2019 um 13.32 Uhr verfaßt.

Vielleicht spielt hier am Rande eine Rolle, daß dénonciation ein neutraler Begriff ist (Anzeige).


Theodor Ickler zu »Synonymie«
Dieser Kommentar wurde am 18.01.2019 um 10.35 Uhr verfaßt.

denunzieren, Denuntiation werden mit Recht als "abwertend" bezeichnet; allerdings kenne ich auch den feuilletontypischen neutralen oder sogar positiven Gebrauch:

Für den Filmkritiker Enno Patalas ging "Die Brücke" aber im Vergleich zu den zeitgenössischen Kriegsfilmen am weitesten in der Denunziation des Krieges. (Wikipedia "Die Brücke")

Auf den Eintrag bin ich übrigens gestoßen, weil in den Medien gerade der Schauspieler Fritz Wepper erwähnt wird, der offenbar sehr bekannt ist, den ich aber seit Wickis "Brücke" nicht mehr gesehen habe, also genau 60 Jahre. Der Film hat uns damals stark beeindruckt, und wenn ich heute lese, daß er nach Meinung einiger Kritiker als kriegsverherrlichend empfunden werden konnte oder als Lob der Durchhaltemoral, dann kann ich das gar nicht nachvollziehen. Wir waren 15 und legten natürlich keine ästhetischen Maßstäbe an, die Bilder verfolgten uns noch lange.


Theodor Ickler zu »Lebensmittel«
Dieser Kommentar wurde am 18.01.2019 um 10.10 Uhr verfaßt.

Über den Reformdurchsetzer Kultusminister Hartmut Holzapfel wird mitgeteilt: Er war 1998 "vollumfänglich" über die Zustände an der Odenwaldschule informiert worden, unternahm aber nichts. (Jens Brachmann: Reformpädagogik zwischen Re-Education, Bildungsexpansion und Missbrauchsskandal: Die Geschichte der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime 1947-2012. Bad Heilbrunn 2015:399)


Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 18.01.2019 um 09.44 Uhr verfaßt.

Sie befassen sich auch, was noch viel näher liegt, mit Kopfverletzungen von Aphatikern, ohne einer neurologischen Erklärung des Sprachverhaltens näher zu kommen. (Oder allenfalls einen Zentimeter, und auch der wird gleich wieder verspielt, wenn man "grammatische Regeln" usw. lokalisieren zu können glaubt, was nicht empirisch falsch ist, sondern begrifflich verkorkst.)


R. M. zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 18.01.2019 um 09.38 Uhr verfaßt.

Neurologen können sich ja immerhin mit den Kopfverletzungen des Grafen Slawata befassen . . .


Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 18.01.2019 um 09.27 Uhr verfaßt.



Ich sehe Sprachverhalten durch Vorgänge erzeugt, die überhaupt nichts Sprachähnliches haben. Sprache ist gesellschaftlich und historisch, weit entfernt von jeder Physiologie. Eher vergleichbar mit dem Spielen eines Instruments oder dem Autofahren. Gesellschaftliche Normen werden beachtet oder auch verletzt. Neurologen können dazu so wenig sagen wie zum Dreißigjährigen Krieg (pace Johannes Fried).
Wenn ein falscher Sprachbegriff zugrunde gelegt wird, kann auch die Neurolinguistik nichts taugen. Das ist ein begriffskritisches Thema: Was sollen „Begriffe“, „Regeln“ usw. im Gehirn sein? Die Umbenennung von Cell assemblies (nach Hebbs Modell) in „Begriffe“ bringt nichts außer eingebildetem Wissen.

Wenn man überhaupt von „Denken“ spricht, scheint es unvermeidlich, dieses folkpsychologische Konstrukt nach Art einer Sprache auszugestalten, wie es ja in der Sprache selbst vorgezeichnet ist, die Gedachtes wie Gesagtes konstruiert (direkte und indirekte Rede, Inhaltssätze). Das liegt sicher auch daran, daß man stumm vor sich hinspricht.
Die wenigsten Modelle kommen ohne „Begriffe“ aus, und die sind deutlich erkennbar den Wörtern nachgebildet, vor allem den Substantiven. „Propositionen“ entsprechen natürlich Sätzen. Die logische Terminologisierung dieser Begriffe ist unverfänglich, ihre psychologische oder gar physiologische Deutung ist Unsinn.


Theodor Ickler zu »Rhetorik«
Dieser Kommentar wurde am 18.01.2019 um 06.53 Uhr verfaßt.

Bayerisches Volksbegehren „Rettet die Bienen!“ - Das ist nicht so geschickt, weil es erklärtermaßen um die Artenvielfalt ganz allgemein geht und weil viele sagen werden: den Bienen geht es doch gut (was Imker bestätigen). Mit Recht wird auch der Regenwurm als eigentlicher „König der Tiere“ bezeichnet.


Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 18.01.2019 um 06.44 Uhr verfaßt.

Kitzeln und Lachen sind beide nicht recht aufgeklärt und hängen außerdem zusammen. Beide haben auch eine kommunikative Seite. Valentin Braitenberg dazu:

Einerseits ist das Lachen eine Folge des Kitzelns. Einen biologischen Sinn dieser Reiz-Reaktionsfolge kann man heute nicht mehr erkennen, da das Kitzeln-bis-zum-Lachen zum Kinderspiel abgesunken ist und von Erwachsenen höchst selten und nur als Zitat aus der Kindheit praktiziert wird. Aber man kann einen früheren Sinn erraten, wenn man die Stellen der Körperoberfläche betrachtet, wo der Mensch besonders kitzlig ist: unter den Achseln, seitlich an der Brust, auf dem Bauch, auf der Innenseite der Oberschenkel, auf den Fußsohlen. Abgesehen von den Fußsohlen sind das Stellen, bei denen man sich vorstellen kann, dass ihre Berührung als Vorspiel zu einer Umklammerung eine Rolle spielte, und mit etwas Phantasie kann man sich auch eine Rolle für die Fußsohlen dazudenken.
Es macht dann auch Sinn, dass es immer ein anderer sein muss, der den Kitzel auslöst: selber kann man das nicht. Und das Lachen könnte eine Erinnerung an die Schreie sein, die den Sexualakt begleiten.
(Das Bild der Welt im Kopf: Eine Naturgeschichte des Geistes. Stuttgart 2009:208f.)

Paarungslaute sind bei Tieren sehr verschieden verbreitet, den unmittelbaren Vorläufer müßte man bei Menschenaffen finden. Vor allem aber: Niemand lacht beim Geschlechtsverkehr, schon gar nicht beim Orgasmus.



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