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»Schule und Bildung allgemein«

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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 04.03.2016 um 19.36 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#11312


Frankfurter Rundschau, 03. März 2016

Diktatwettbewerb in Frankfurt
Kampf mit der Rechtschreibung

Am Diktatwettbewerb „Frankfurt schreibt!“ in der Aula der Schillerschule nehmen rund hundert Schüler, Eltern und Lehrer teil. Am besten schneiden am Ende die Eltern ab.

Die Antwort liegt Timon Sioulvegas auf der Zunge. „Sodbrennen“, sagt er nonchalant, als er nach seinem Lieblingswort gefragt wird. Der Schüler der Musterschule zählt zu den Siegern des großen Diktatwettbewerbs „Frankfurt schreibt!“.

Die Aula der Schillerschule ist an diesem Mittwochabend vollgepackt. An die hundert Teilnehmer schwitzen hier, Schüler, Eltern und Lehrer. Die große Bühne vorne erinnert mit der Landkarte und einem Stapel Duden an ein Klassenzimmer. An der Tafel steht „Handys aus, Hefte raus – wir schreiben ein Diktat“.

Inhaltlich dreht sich der Text um ein Frankfurter Pärchen, das auf dem Weg in die Alte Oper ist. Bei jedem Satz grübeln die Zuschauer, denn jedes dritte Wort wird als „schwierig“ eingestuft. An Begrifflichkeiten wie „Déjà-vu“ oder „in null Komma nichts“ kann man schließlich leicht verzweifeln. Durchschnittlich werden 21 Fehler gemacht. „Die deutsche Sprache lebt auch in Poetry Slams, Literatur, Hip-Hop und klassischer Musik fort“, sagt Roland Kaehlbrandt, Vorsitzender der ausrichtenden Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Deshalb sei es wichtig, sich korrekt mit ihr zu beschäftigen. „Heute geht es um Spaß, Schweiß und den Wettbewerb untereinander“, ruft Margaret Wohlfahrt-Stoll, Fachbereichsleiterin Sprachen an der Schillerschule, den Teilnehmern zu.

Sieger gehen in nächste Runde

Nachdem das Diktat beendet ist, müssen alle ihre braunen Schreibstifte gegen grüne Korrekturstifte eintauschen. „Wir vertrauen natürlich auf die Ehrlichkeit des Publikums“, sagt Stephan Hübner von der Polytechnischen Gesellschaft. Nachdem jeder seinen Text korrigiert hat, werden die mit den wenigsten Fehlern bei der Jury eingereicht. 18 Männer und Frauen ermitteln gemeinsam die Sieger.

Bei den Schülern gibt es drei erste Plätze. Sie gewinnen Karten für die YouFM-Night. „Ich bin aber kein Deichkind-Fan“, sagt Victor Schlothauer, Schüler an der Schillerschule. Er wolle versuchen, seine Tickets gegen einen anderen Preis einzutauschen.

Über den Sieg bei den Eltern freut sich Wiebke Reimer mit nur vier Fehlern. Generell schneiden die Eltern mit durchschnittlich 16,2 Fehlern am besten ab. Es folgen die Lehrer (20,6 Fehler) und die Schüler (26,3 Fehler).

Für den Ausrichter steht jedoch nicht nur der Konkurrenzgedanke im Mittelpunkt, sondern auch Spaß: Für Unterhaltung sorgt Moderatorin Marita Peter, die 2014 selbst Dritte bei den Schülern wurde. Slampoet Tilman Döring präsentiert in der Jury-Pause seine Kunst. Neben ernsten Gedichten über Liebe und Fremdenfeindlichkeit bringt er auch Hip-Hop zum Mitmachen auf die Bühne. Die Schüler freuen sich sichtlich, Eltern und Lehrer die typischen Rapper-Gesten machen zu sehen.

Am 14. Juni stellen die Frankfurter Sieger sich erneut der Herausforderung Orthografie. Dann treten sie gegen die besten Schreiber aus Wiesbaden, Hamburg und weiteren Städten an.


(http://www.fr-online.de/frankfurt/diktatwettbewerb-in-frankfurt-kampf-mit-der-rechtschreibung,1472798,33908262.html)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 01.02.2016 um 20.38 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#11287


F.A.Z., 31. Januar 2016

Neue Studie
Hausaufgaben machen die Klugen klüger – und die Dummen dümmer

Hilft es Kindern, wenn Eltern bei den Hausaufgaben helfen? Zu viel Druck schadet, das haben Forscher rausgefunden. Neue Studien geben Hinweise, wie sich Eltern am besten verhalten.

Von Heike Schmoll

(Bildunterschrift: Die vorliegenden Studien zur Hausaufgabenforschung sind widersprüchlich.)


Kaum etwas stiftet in Familien mehr Streit als der tägliche Kampf um die Hausaufgaben. Während manche Eltern unweigerlich zu Hilfslehrern in den eigenen vier Wänden mutieren, mit Internet- und Fernsehentzug drohen und Ultimaten verkünden, kümmern sich andere überhaupt nicht um die Hausaufgaben. Nicht immer sind das die Eltern von begabten Schülern, die ohnehin motiviert sind und ihre Arbeit auch allein erledigen können. Oft sind es Eltern schwacher Schüler, häufig auch mit Einwanderungsgeschichte, von denen Unterstützung nötig wäre, die sie aber aufgrund eigener Sprach- und Bildungsprobleme nicht leisten können. Schon in früheren Debatten zum Sinn oder Unsinn von Hausaufgaben, die periodisch auftreten, war von Hausfriedensbruch durch Hausaufgaben die Rede - das war noch zu Zeiten, als die Ganztagsschule eher unüblich war. Schon in den Schulordnungen aus dem 15. Jahrhundert ging es um Hausaufgaben. Sie dienten dazu, dass Kinder selbständig nacharbeiten, was im Unterricht durchgenommen wurde, dass sie üben und Vokabeln lernen.

Eine neue deutsch-schweizerische Studie kommt nun zu dem Schluss, dass elterliches Engagement bei Hausaufgaben und Leistungsentwicklung von Sechstklässlern oft nicht zu besseren Ergebnissen führt. Befragt wurden dafür knapp 1700 Schweizer Schüler und ihre Eltern über einen längeren Zeitraum. Sowohl die Deutschnoten als auch die Leistungsentwicklung im Lesen fiel bei Kindern schlechter aus, deren Eltern häufig bei den Hausaufgaben halfen, als bei denen, die sie selbständig machten. Die Ergebnisse wurden im „Journal of Educational Research“ veröffentlicht.

„Das führt zu einem Teufelskreis“

Oft sind es schlechte Zeugnisnoten, die Eltern dazu bringen, sich stärker um die Hausaufgaben ihrer Kinder zu kümmern. Ob das Kindern hilft, ist in der Forschung umstritten. Die vorliegenden Studien zur Hausaufgabenforschung sind widersprüchlich, weil sie ganz unterschiedliche Aspekte elterlicher Hausaufgabenhilfe untersuchten. Manche fragten nämlich nur, wie oft Eltern helfen, kümmerten sich aber nicht weiter darum, wie die elterliche Hilfe aussah. Sie hätten deshalb eine begrenzte Aussagekraft, sagt der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein, einer der federführenden Forscher der neuen Hausaufgabenstudie. Offenbar ist die Qualität der elterlichen Hausaufgabenhilfe entscheidend. Wie nervend es sein kann, wenn Kinder von ihren Eltern nach der Rückkehr als Erstes gefragt werden, ob sie Hausaufgaben aufhaben und wann das Kind diese zu erledigen gedenke, weiß jedes Kind und wissen auch die Eltern aus ihrer eigenen Schulzeit.

Kinder wollen nicht ständig kontrolliert werden und unter Druck stehen, aber sie brauchen sicher eine ruhige Lernatmosphäre und einen eigenen Arbeitstisch. Auch das ist nicht in allen Familien selbstverständlich. Besonders günstig scheint für den Lernfortschritt zu sein, wenn Eltern sich relativ wenig einmischen, aber zur Unterstützung zur Verfügung stehen. Das Kind kann dann selbst entscheiden, ob es sich helfen lässt oder nicht.

Zu viel Druck scheint dagegen schon bei Grundschülern dazu zu führen, dass sie zu Hause angeben, nichts aufzuhaben, und in der Schule Ausreden erfinden, warum sie die Hausaufgaben nicht machen konnten. Es sei ein großer Unterschied, ob Kinder die Unterstützung der Eltern als Hilfe oder als unliebsame Einmischung und Kontrolle empfänden, sagt Sandra Moroni von der Pädagogischen Hochschule Bern, die Erstautorin der neuen Studie. Wenn Eltern dagegen verstärkt eingreifen, wenn die Leistungen ihrer Kinder nachlassen, frustriert das die Kinder doppelt. Es wird ihnen dadurch signalisiert, dass sie gute Leistungen allein nicht erreichen können. „Das führt zu einem Teufelskreis“, sagt Moroni. Sie rät den Eltern, erst einmal genau zu prüfen, warum die Leistung des Kindes nachgelassen hat, und gemeinsam mit den Lehrern nach Möglichkeiten zu suchen, wie es selbst Verantwortung für die Hausaufgaben übernehmen kann.

Die Autoren haben auch getestet, wie sich ihre Ergebnisse veränderten, wenn sie - wie das in vielen früheren Studien der Fall war - wichtige weitere Faktoren wie frühere Leistungen und familiären Hintergrund außer Acht ließen. Ganz offenbar sind die Wirkungen von elterlicher Hausaufgabenhilfe bisher deutlich überschätzt worden. Ulrich Trautwein fordert deshalb eine bessere Datengrundlage, mehr und vor allem qualitativ aussagekräftige Studien wären vonnöten.

Die Untersuchung des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie, der alle vorhandenen Studien zu bestimmten Themen zusammengefasst und analysiert hat, kommt zu dem Ergebnis, dass Hausaufgaben nicht den allergrößten Effekt haben. Für viele war das Grund genug, die Abschaffung der Hausaufgaben zu fordern. Wer genau hinschaut, wird allerdings sehen, dass Hattie genau unterscheidet: am Gymnasium erscheinen Hausaufgaben ihm sinnvoller als in der Grundschule. Doch nur wenn das selbständige Arbeiten in der Grundschule geübt wurde, können Schüler in weiterführenden Schulen auch von Hausaufgaben profitieren.

In seinem neuen Buch „Hausaufgaben, nein danke - Warum wir uns so bald wie möglich von den Hausaufgaben verabschieden sollten“ (hep Verlag) hat der Bildungsjournalist Armin Himmelrath nach 32 Jahren Hausaufgabenerfahrung mit den eigenen Kindern ein entschiedenes Plädoyer für die Abschaffung sämtlicher Hausaufgaben vorgelegt. Er setzt sich für eine Ganztagsschule mit vollständiger Hausaufgabenerledigung und individuelle Lernphasen im Schulalltag ein. Himmelrath beruft sich dabei auch auf Lehrer, die Hausaufgabenkontrolle als reine Zeitverschwendung betrachten. Wenn Lehrer gar keine Hausaufgaben kontrollieren, haben die Schüler überhaupt keinen Anreiz, diese selbst wichtig zu nehmen. Der Lerneffekt ist dann gleich null. Problematisch sind auch solche Lehrer, die Hausaufgaben als „Mülleimer für alle Inhalte, die am Vormittag nicht untergebracht werden konnten“, betrachten, also als Strafarbeit für den unerledigten Stoff des Lehrers, der damit den Schülern - womöglich wegen ihres Disziplinmangels den Schwarzen Peter zuschiebt. Wenn Schüler sich vor derlei Hausaufgaben drücken, sie abschreiben, von den Eltern erledigen lassen oder morgens im Bus auf wackligem Untergrund fabrizieren, braucht das niemanden zu wundern.

Nicht immer sind die Hausaufgaben sinnvoll

Selbst Lehrerverbandsvertreter wie der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, geben überdies zu, dass Hausaufgaben nicht immer sinnvoll gestellt werden. Manche Schüler verstehen die Aufgabenstellung gar nicht, und das liegt keineswegs immer an den Schülern, es kann auch an unklaren Formulierungen des Lehrers liegen oder an einer Hausaufgabe, die nach dem Läuten zwischen Tür und Angel gestellt wurde. Sinnvolle Hausaufgaben müssen auch nicht besonders lange dauern oder einen großen Umfang haben, ganz im Gegenteil. Manchmal könnte vermutlich schon eine intelligente Übungsaufgabe mehr bewirken. Nicht immer gingen Lehrer mit der nötigen Sorgfalt bei der Hausaufgabenkonzeption vor, sagt Meidinger. Lehrer haben allerdings auch die Erfahrung gemacht, dass manche Schüler gar nicht erst aufschreiben, was sie aufhaben, standhaft Hausaufgaben verweigern oder den Sinn von Hausaufgaben nicht erkennen.

Bei den Hausaufgaben ist es ähnlich wie beim sogenannten selbstgesteuerten Lernen, die begabten Schüler haben keine Probleme damit und sind zum selbständigen Arbeiten in der Lage, diejenigen aber, die Hausaufgaben am nötigsten hätten, sind dazu gar nicht in der Lage, weil sie viel zu unselbständig sind. Dadurch wird die Leistungsschere zwischen den Schülern immer größer: wenn die Guten auch noch üben, was ihnen nicht schwerfällt und sie nicht viel Zeit kostet, werden sie immer besser - und die Schwachen, die auf die Übungsmöglichkeit verzichten oder sie nicht wahrnehmen können, geraten noch weiter ins Hintertreffen. Sollten Hausaufgaben gerechtigkeitshalber lieber abgeschafft werden und mehr Übungszeit in der Schule zur Verfügung stehen? Bei den Hausaufgaben kommt es darauf an, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Eine schlechte Praxis rechtfertigt noch nicht den Sinn oder Unsinn des häuslichen Übens überhaupt.

Überhaupt nicht sinnlos dürfte es nämlich sein, Vokabeln zu Hause zu lernen, das dürfte selbst in Arbeitsphasen in der Schule nicht ausschließlich gelingen. Je besser Schüler verstehen, warum sie eine bestimmte Aufgabe erledigen sollen, desto eher werden sie auch bereit sein, sie zu lösen. Die Hausaufgabenverweigerer wird es auch in Zukunft geben, auch diejenigen, die so gut wie keine Zeit investieren müssen und wollen, aber sie erreichen damit je nach Ausgangslage nicht unbedingt die schlechteren Lernergebnisse. Entscheidend scheint die Motivation des Kindes oder Jugendlichen zu sein. Wenn Kinder Stunden - tagträumend oder nicht - mit den Hausaufgaben zubringen und nicht zum Ende kommen, ist das eher ein Warnsignal für Eltern als eine sehr kurze Bearbeitungszeit, die auch auf die rationale Arbeitshaltung eines Minimalisten hindeuten kann. Kritisch sei allein dieser „sich abmühende Lerner“, bestätigen die Forscher.

Fünf Lerntypen

In einer früheren Studie haben die Tübinger Forscher des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung unterschiedliche Hausaufgabentypen unter Schülern analysiert. Sie haben dafür knapp 2000 Achtklässler aus der Schweiz zu einem Test eingeladen. Bei allen wurde das Hausaufgabenverhalten in Französisch untersucht. Französisch wurde in den schweizerischen Kantonen, aus denen die Schüler kamen, als Zweitsprache unterrichtet. Zu Beginn der achten Klasse sollten die Schüler sagen, wie viel Zeit sie für ihre Aufgaben brauchten. Sie haben dafür einen Fragebogen angekreuzt, auf dem Aussagen wie „ich gebe mein Bestes“ oder „wenn ich nicht schnell eine Lösung finde, lasse ich die Aufgabe sein“ ankreuzen konnten. Herauskristallisiert haben sich am Ende fünf Lerntpyen: die Fleißigen und Schnellen, die Hochengagierten und die Durchschnittsschüler, die sich nicht verausgaben und auch nur mittelmäßige Noten bekommen, diejenigen, die sich erfolglos abmühen und möglicherweise unkonzentriert viel Zeit mit Aufgaben zubringen, die sie nicht lösen können, und die absoluten Minimalisten, die mit dem geringstmöglichen Arbeitsaufwand durchkamen, aber nicht mit Noten glänzen konnten.

Vielen Eltern geben die Hausaufgaben einen willkommenen Einblick in das, was ihre Kinder gerade in der Schule lernen. Eltern indessen, die sich ohnehin wenig für ihre Kinder interessieren, kaum mit ihnen reden und noch weniger mit ihnen üben, werden auch nicht nach den Hausaufgaben fragen. Ehrgeizige Eltern mit Einwanderungsgeschichte - häufig Vietnamesen - sitzen zum Beispiel in ihren Restaurants still mit ihrem Kind in einer Ecke und machen mit ihnen Hausaufgaben. „Das wird einfach besser, auch wenn er erst in der zweiten Klasse ist“, versicherte neulich eine vietnamesische Mutter. Der kleine Sohn schaute nicht ganz so drein, als sei auch er davon restlos überzeugt.


(http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/neue-studie-hausaufgaben-machen-die-klugen-klueger-und-die-dummen-duemmer-14037488-p2.html?printPagedArticle=true)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 10.11.2015 um 16.17 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#11209


www.ndr.de, 2. November 2015

Mehr Deutsch für bessere Rechtschreibung

Die Grundschüler in Mecklenburg-Vorpommern bekommen künftig mehr Deutschunterricht, um ihre Rechtschreibung zu verbessern. Vom Schuljahr 2017/18 an sollen, verteilt auf alle Grundschuljahre, bis zu vier Deutsch-Stunden mehr als jetzt auf dem Wochenstundenplan stehen. Das kündigte Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) am Montag in Schwerin an.

Verzahnung mit dem Sachunterricht

Bisher erhalten die Schüler im Land von Klasse eins bis vier insgesamt 26 bis 28 Wochenstunden Deutsch. Künftig sollen es für die gesamte Grundschulzeit einheitlich 30 Stunden sein, davon in Klasse 1 und 2 jeweils sieben Stunden pro Woche und in Klasse 3 und 4 jeweils acht Stunden. Im Gegenzug werde der Sachunterricht gekürzt. Beide Fächer sollen aber besser miteinander verzahnt werden. Beispielsweise könnten für Lese-Übungen auch Texte aus dem Sachunterricht genutzt werden.

Verbindlicher Grundwortschatz

Auch die Rahmenpläne wollen SPD und CDU wieder stärker strukturieren. Beginnend mit Deutsch, dem Sachunterricht und Mathematik soll es nach und nach für alle Fächer klare inhaltliche Vorgaben geben, so Brodkorb. Bereits zum kommenden Schuljahr werden Experten zudem einen verbindlichen Grundwortschatz erstellen, den Grundschüler zum Ende der vierten Klasse beherrschen sollten.

Linke: Mehr Unterricht statt "Umschaufeln"

Aus der Opposition kam Kritik an den Plänen. Zusätzlicher Unterricht sei nötig, sagte die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Landtag, Simone Oldenburg. Ein "Umschaufeln" bereits vorhandener Stunden bringe keinen Wissenszuwachs. Mecklenburg-Vorpommern gehöre zu den Bundesländern mit den wenigsten Unterrichtsstunden in der Grundschule.


(www.ndr.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 25.09.2015 um 12.44 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#11171


Altenkirchener Kurier, 23. September 2015

CDU will Schreiben nach Gehör abschaffen

Die Christdemokraten wollen zurück zum Bewährten: Sie fordern, so der Parteitagsbeschluss der Landes-CDU vom vergangenen Wochenende, „den Schrifterwerb durch das Lernen nach Rechtschreibregeln in Rheinland-Pfalz wieder allgemein verbindlich für die Grundschulen zu machen.“
Kreis Altenkirchen. „Schreip widu schbrichst“, „Butaprod“, „Kruntchule“. So oder ähnlich kann das Ergebnis in Grundschulen aussehen, wenn die Schülerinnen und Schüler der ersten und zweiten Klassen das Schreiben nach Gehör erlernen, ein reformpädagogischer Ansatz, gestützt auf so genannte Anlauttabellen, auf denen jedem Laut ein Bild zugeordnet ist. Auf ihrem Landesparteitag im pfälzischen Frankenthal hat sich die CDU hierzu eindeutig positioniert. Die Christdemokraten wollen zurück zum Bewährten: Sie fordern, so der Parteitagsbeschluss, „den Schrifterwerb durch das Lernen nach Rechtschreibregeln in Rheinland-Pfalz wieder allgemein verbindlich für die Grundschulen zu machen.“

Derzeit werde das Schreiben nach Gehör an über 900 Grundschulen im Land bis zur zweiten Klasse praktiziert. Lehrer und Eltern werden hierbei angehalten, die Texte nicht zu korrigieren. „Dabei entsteht eine Rechtschreibung, die in den allermeisten Fällen konträr zur gültigen Rechtschreibung steht“, so CDU-Kreisvorsitzender Dr. Josef Rosenbauer. Die Kreis-CDU unterstütze daher die Linie des Parteitages, die Delegierten aus dem Kreis hätten dem Beschluss zugestimmt. „Viele Eltern stehen der Entwicklung hilflos gegenüber, sie haben keine Mitsprache und werden nicht zu Rate gezogen“, so die Erfahrung der CDU-MdLs Dr. Peter Enders und Michael Wäschenbach. Sie wollen die Schuld aber nicht bei den Lehrern abladen, sondern die Lernmethode auf Eis legen.

Die Unionspolitiker verweisen unter anderem auf eine Langzeitstudie von Wolfgang Steinig, Germanistikprofessor an der Universität Siegen: Für ihn sei das Schreiben nach Gehör lediglich eine erste Schreiberfahrung für Kinder, die aber lernen müssten, dass Rechtschreibung tatsächlich unter Regeln erfolge. Diese Methode gehöre daher in den vorschulischen Kindergartenbereich, aber nicht in die Schule selbst. „In Hamburg“, so Rosenbauer, „wurde die Methode schon 2013 aufgrund der schlechten Erfahrungen aus der Liste der potenziellen Unterrichtsmodelle gestrichen.“ Und in Nordrhein-Westfalen habe eine entsprechende Online-Petition Anfang September 4.600 Unterschriften erzielt. In der letzten Woche habe eine Mutter aus dem westfälischen Iserlohn das Schreiben nach Gehör zum Thema über Facebook gemacht - und einen Nerv getroffen: Von fast 18.000 Nutzern gab es Zustimmung, außerdem fast 2.000 Kommentare in ihrem Sinne.

Außerdem: Um mit der Anlauttabelle Wörter bilden zu können, bedarf es eines korrekten Hochdeutschs. Kinder mit starkem Dialekt oder mit Migrationshintergrund sieht die Union hier im Nachteil. „Gerade für lernschwächere Kinder besteht die Gefahr, dass sie abgehängt werden. Eingeübte Fehler wieder auszumerzen, macht die Sache nicht leichter, sondern schwerer. Wenn die Kinder zwei Jahre lang nur nach Gehör schreiben und keinerlei Rechtschreibregeln lernen und sich dann von jetzt auf gleich umstellen müssen und korrigiert werden, kann das nur zu Frustration führen“, warnen Enders und Wäschenbach. Spätestens im dritten Schuljahr beginne die Misere: Wörter, die sich falsch eingeprägt haben, sind über Jahre kaum mehr in die korrekte Form zu bringen. „Die Rechtschreibung nach Regeln vermittelt Kernkompetenzen für das ganze Leben, sie ist ein Kulturgut, das man nicht dem Zufall überlassen darf“, so die Forderung der heimischen CDU-Politiker.


(www.ak-kurier.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 23.09.2015 um 08.25 Uhr eingetragen.
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Hamburger Abendblatt, 23. September 2015

Alarmstimmung bei der Hamburger Schulpolitik
Von Peter Ulrich Meyer

Schülerleistungsvergleiche sind für Bildungsqualität unerlässlich. Es wird nur übertrieben.

Schon wieder ein Schülerleistungstest, und schon wieder gibt das Ergebnis aus Hamburger Sicht Anlass zur Sorge. Der Test mit dem kindgerechten Namenskürzel Kermit (Kompetenzen ermitteln) bescheinigt 35 Prozent der Drittklässler 2015 unterdurchschnittliche Leistungen beim Leseverstehen im Fach Deutsch, beim Sprachgebrauch sind es sogar 43 Prozent. Bei den Achtklässlern, die auch Kermit durchlaufen haben, ist die Lage ähnlich.

Dabei hatte erst kurz vor den Sommerferien in Sachen Rechtschreibung Alarmstimmung geherrscht: Die Vergleichsarbeiten der zehnten Klassen im Fach Deutsch an den stets leistungsorientierten Gymnasien waren grottenschlecht ausgefallen. Die Durchschnittsnote betrug 3,7. "Schuld" war wohl vor allem ein in der Tat ziemlich fordernder Rechtschreibtest.

Es ist dringend an der Zeit, in Sachen Leistungs- und Kompetenzmessung von Schülern innezuhalten. Selbstverständlich sind Vergleichstests – auch zwischen den Bundesländern und nicht zuletzt international – heute ein wesentlicher Bestandteil der Entwicklung von Bildungsqualität. Die Vergleichbarkeit schulischer Abschlüsse ist in einer globalisierten Welt mit immer mobileren Arbeitnehmern unerlässlich. Und: Vergleichbarkeit muss auch innerhalb einer Stadt wie Hamburg gegeben sein. Das Abitur in Blankenese muss gleich viel wert sein wie in Billstedt. Das ist eine Frage der Bildungsgerechtigkeit.

Niemand kann also daher vernünftigerweise zurückwollen in die alten Zeiten, als Lehrer vergleichsweise frei und "ungetestet" unterrichten konnten und allenfalls am Ende, bei den Abschlussprüfungen, abgerechnet wurde. Aber: Mit geradezu paukerhafter Gründlichkeit ist seit dem Pisa-Schock aus dem alten Schonraum Schule beinahe ein gläsernes Klassenzimmer gemacht worden. Pisa, Iglu, TIMSS, Kess, Lau, Vera oder eben Kermit mit ihren regelmäßigen Wiederholungen – wie immer die fantasievollen Namen lauten mögen: Längst sind Leistungstests inflationär geworden, Studien von Instituten wie der Bertelsmann-Stiftung noch nicht einmal eingerechnet.

Anlage und Konzeption der einzelnen Leistungsüberprüfungen sind zum Teil recht unterschiedlich, was eine direkte Vergleichbarkeit der Ergebnisse der einzelnen Länder häufig ausschließt – wie jetzt auch bei Kermit.

Im Grunde ist es so: Hamburger Schüler haben im Deutschen gravierende Probleme vor allem mit der Rechtschreibung. Auch bei den Leistungen im Angstfach Mathematik hinken die Hamburger hinter ihren Altergenossen in anderen Bundesländern her. Dass etwas geschehen muss, ist völlig unabweisbar.

Es zählt zu den bemerkenswerten Ereignissen der Hamburger Schulpolitik, dass sich immerhin SPD, CDU und Grüne 2010 darauf verständigt haben, den jahrzehntelang leidenschaftlich geführten, aber fruchtlosen Streit über die Schulstruktur zu beenden. Eine vergleichbare Anstrengung zur Steigerung der Bildungsqualität wäre hoch wünschenswert. Letztere ist ohnehin dringend erforderlich: Das bundesweite "Zentralabitur" steht vor der Tür.

Ein Anfang ist gemacht: Die von den drei Parteien verabredeten kleineren Klassen lassen den Pädagogen mehr Zeit für jeden einzelnen Schüler. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) hat zudem ein Maßnahmenbündel zur Verbesserung der Rechtschreibung aufgelegt und eine "Mathe-Offensive" gestartet. Das wird noch nicht ausreichend sein, kann und muss daher noch verbessert werden.

Und, ja, die starke Zuwanderung von Flüchtlingskindern stellt die Schulen vor zusätzliche Herausforderungen. Aber erstgemeinte Bildungspolitik ist immer das Bohren dicker Bretter.


(www.abendblatt.de)
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Paul Westrich
Kusterdingen

Dieser Beitrag wurde am 20.08.2015 um 16.56 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#11136


Zu „Schwäbisches Himmelfahrtskommando“:
Schulleiter und beteiligte Forscher widersprechen Heike Schmoll vehement. Das angebliche Gutachten sei ein „nicht öffentlicher Zwischenbericht“ für die Schulen gewesen, die an der wissenschaftlichen Begleitforschung teilnehmen, sagte Friedrichsdorf, der Leiter der „Erweiterten Kooperation" („ErKo“) an der Geschwister-Scholl-Schule. Die Weitergabe von internen Hinweisen, die weder ein Gutachten noch Forschungsergebnisse seien, sei ein „eklatanter Missbrauch“.
Näheres dazu über folgenden Link:
http://www.tagblatt.de/Home/nachrichten/tuebingen_artikel,-Schulchef-und-Forscher-widersprechen-FAZ-Bericht-_arid,314687.html
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 18.08.2015 um 14.23 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#11134


F.A.Z., 16. August 2015

Studie zur Gemeinschaftsschule
Schwäbisches Himmelfahrtskommando

Ein Gutachten stellt dem Vorzeigeprojekt Gemeinschaftsschule ein vernichtendes Urteil aus. Vor allem das individuelle Lernen erweise sich als denkbar ineffektiv.

Von Heike Schmoll, Berlin

Die Gemeinschaftsschule ist das Vorzeigeprojekt der grün-roten Landesregierung in Stuttgart schlechthin. Sie soll nicht nur das gemeinsame Lernen ganz unterschiedlich begabter Schüler ermöglichen, sondern dient angesichts der sinkenden Schülerzahlen an vielen Orten des Flächenlandes Baden-Württemberg dazu, den Schulstandort zu sichern. Viele Gemeinschaftsschulen finden sich deshalb im ländlichen Raum, ganz gleich, welche Partei den Gemeinderat gerade regiert.

Nun wurde ein vernichtendes Gutachten über die Gemeinschaftsschule bekannt, das vom Kultusministerium bisher unter Verschluss gehalten wird, den Vermerk „nur intern verwenden“ trägt und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt. Danach gelingt weder die neue Unterrichtsform des selbständigen Lernens mit Lehrern als Lernbegleitern noch die Inklusion oder die besondere Förderung der Schwächsten und Stärksten. Auch die Leistungsbeurteilung ist mehr als fragwürdig. In den Fremdsprachen kommt das Sprechen zu kurz.

Bei der untersuchten Geschwister-Scholl-Schule mit einem überaus engagierten Lehrerkollegium und viel Partizipation in Tübingen handelt es sich nicht um irgendeine Gemeinschaftsschule, sondern um eine renommierte, die von Kultusminister Andreas Stoch (SPD) gern als beispielhaft bezeichnet wird, denn dort hat man eigentlich Erfahrung mit integrativen Unterrichtsformen. Die 1972/73 gegründete Schule ist eine öffentliche Verbundschule, die unter ihrem Dach zunächst eine Hauptschule/Werkrealschule, eine Realschule und ein Gymnasium beherbergte. Vom Schuljahr 2009/10 an war sie als Schulversuchsmodell „Erweiterte Kooperation“ (Erko) geführt worden, das unter dem damaligen Kultusminister Helmut Rau (CDU) eingerichtet worden war.

Die Geschwister-Scholl-Schule war also bestens vorbereitet, als die seinerzeit noch existierende Stabsstelle im SPD-regierten Kultusministerium ihr 2012 nahelegte, sich in eine Gemeinschaftsschule zu verwandeln. Die Schule beugte sich zögerlich, weil sie nicht den Eindruck erwecken wollte, ihren Standort in einer Universitätsstadt mit vier weiteren Gymnasien, einer Realschule und zwei weiteren Gemeinschaftsschulen retten zu wollen – denn sie ist etabliert. Während die Anmeldezahlen an den beiden anderen Gemeinschaftsschulen zum vergangenen Schuljahr 2014/15 erheblich zurückgingen, blieben sie in der Geschwister-Scholl-Schule stabil.

Realschulen wollen kaum zur Gemeinschaftsschule werden

Die Schule reichte kurzerhand denselben Antrag wieder ein, der schon bei der Genehmigung des Schulversuchs Erfolg hatte. Der damalige Schulleiter Joachim Friedrichsdorf leitet die Schule auch heute. Denn die Gesamtleitung des Schulverbundes liegt beim Gymnasium, die Leitung der Gemeinschaftsschule hat die Stellvertreterfunktion inne. Friedrichsdorf tourt durch das Land und wirbt für das veränderte Lernen, wenn irgendwo eine Gemeinschaftsschule gegründet werden soll. Nach wie vor sind es vor allem Haupt- und Werkrealschulen, die zur Gemeinschaftsschule werden wollen. Realschulen sind nur in wenigen Fällen dabei.

Wirklich zusammengewachsen sind die Kollegien auch an der Geschwister-Scholl-Schule bis heute nicht, nur zwei Gymnasiallehrer gehören zum Kollegium der Gemeinschaftsschule, sieben unterrichten in beiden Schulformen. Über solche schulorganisatorischen Gefüge hat man sich so wenig Gedanken gemacht wie über das „kooperative Lernen“ (Lernen mit Partner und in Gruppen), das sogar vom Schulgesetz eingefordert wird und in Tübingen offenbar nicht einmal in Ansätzen erkennbar ist.

Lernzeiten werden nicht effektiv genutzt

Selbst einer der entschiedensten Befürworter aus der Bildungsforschung, der Tübinger Erziehungswissenschaftler Thorsten Bohl, kritisiert inzwischen, dass die Gemeinschaftsschule nicht gut aufgestellt sei. Es gebe überhaupt noch keine Forschungen zum individuellen Lernen und nicht einmal einheitliches Unterrichtsmaterial. Die Gemeinschaftsschule gehört also zu den bildungspolitischen Himmelfahrtskommandos, die überstürzt eingeführt wurden. Daran ändern auch die eilig verabreichten Lehrerfortbildungen durch den umstrittenen Schweizer Schulpraktiker Peter Fratton nichts. Immerhin hat das Stuttgarter Wissenschaftsministerium eine auf drei Jahre angelegte wissenschaftliche Begleitforschung etabliert, die Schwachstellen aufdecken soll. Federführend dafür verantwortlich ist die Universität Tübingen unter Leitung von Thorsten Bohl gemeinsam mit den Pädagogischen Hochschulen Freiburg, Heidelberg, Schwäbisch Gmünd und Weingarten.

Mitarbeiter des Lehrstuhls Bohl haben im Rahmen einer alltagsnahen Begleitforschung (in einer zweiten Tranche soll eine Längsschnittbefragung folgen) jetzt die Arbeit der Tübinger Vorzeigeschule unter die Lupe genommen. Sie haben eine Inklusionsklasse mit 19 Schülern und eine weitere Lerngruppe mit 26 Schülern untersucht. Ausgerechnet das individuelle Lernen, das in der Gemeinschaftsschule bei den Kernfächern in zwei der vier Wochenstunden praktiziert werden soll, aber auch im Wahlpflichtbereich viel Raum einnimmt, hat sich als denkbar ineffektiv erwiesen.

In Englisch, Deutsch und Mathematik arbeiten die Schüler an der Geschwister-Scholl-Schule ausschließlich ihre sogenannten Lernpakete ab, das sind Wochenarbeitspläne mit einem konkreten Pensum, das bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erledigt sein muss. Offenbar werden dafür auch Unterrichtsstunden genutzt, die eigentlich gar nicht für das individuelle Arbeiten vorgesehen waren. Sie machen sich weder Gedanken über ihre Arbeitsstrategie, noch nehmen sie sich ein konkretes Pensum vor. Auch die Lehrer unterstützen in den Arbeitsphasen wenig.

Die Schule hatte dieses Modell schon lange entwickelt, um den völlig unterschiedlichen Begabungen ihrer Schüler entgegenzukommen. Selten gibt es auch Aufgaben für die leistungsstarken Schüler, häufig sehen sie identische Aufgaben für die gesamte Lerngruppe vor. Dabei haben die motivierten und fortbildungswilligen Lehrer in die Entwicklung der Lernpakete 121 Deputatsstunden im Gegenwert von 220.000 Euro investiert. Lehrerzentrierte, als besonders effektiv erwiesene Unterrichtsformen und Klassengespräche gibt es in Tübingen so gut wie nicht. Das Lerntagebuch, das die Schüler eigentlich über das Schuljahr hinweg führen sollen, um ihr eigenes Lernverhalten einzuschätzen, aber auch Rückmeldungen zu bekommen, dient in den meisten Fällen nur noch als Schülerkalender. Die Schüler finden es überflüssig.

Sowohl Schüler als auch Lehrer und Eltern „waren sich darüber einig, dass die Lernzeiten nicht effektiv genutzt werden und zu wenig gearbeitet würde“, heißt es in dem insgesamt 38 Seiten umfassenden sachlichen Beobachtungsbericht. Da das Lernen entweder im Gruppenraum, im Lernatelier oder gar auf dem Flur (angeblich nur für Schüler mit „Könner-Button“, was aber nicht kontrolliert wurde) stattfindet, mangelt es an Disziplin. Die aktive Lernzeit sei „sehr gering und in diesem Fall häufig auch das Ausmaß der Störungen entsprechend hoch“.

Positiv ist, dass die Eltern miteinbezogen werden

Während leistungsstärkere Schüler mit der Selbständigkeit gut umgehen können und auch Lernstrategien beherrschen, geraten die schwächeren noch mehr ins Hintertreffen als ohnehin schon. Den Lehrern fehlt der Überblick, welcher Schüler woran arbeitet, welche Fortschritte er macht und die Kontrolle der Ergebnisse kommt zu kurz. Wenn überhaupt, schauen die Lehrer nach Vollständigkeit, Orthographie, Grammatik und Seitenzahl, während „die inhaltliche Qualität der Schülerarbeiten hintangestellt wurde“. Und das an einer Schule, die derlei Lernmodelle schon seit langem praktiziert?

Fragwürdig ist in den Augen der Forscher auch die in Tübingen praktizierte Leistungsmessung. Schüler, deren Gesamtergebnis in der Klassenarbeit unter 40 Prozent liegt, können die Klassenarbeit in neu konzipierter Form wiederholen und das Ergebnis der schlechten Arbeit ersetzen. Doch eigentlich verbietet die Notenbildungsverordnung, dass bereits benotete Leistungsergebnisse gestrichen oder ersetzt werden. So müssten also beide Noten in die Gesamtbewertung einfließen. Hinzu kommt, dass die Benotung in unterschiedlichen Niveaustufen nach Angaben der Forscher zu wenig individuell ist und sich mit den Anforderungen der Bildungsstandards für die drei Schularten Gymnasium, Realschule, Hauptschule nicht deckt. Es wird auf diese Weise zwar annähernd ein Leistungsstand in einem Fach in der Bewertung abgebildet, aber keine Lernentwicklung.

Für die Inklusionsklassen in jedem Jahrgang gibt es keine Vorstellungen und keine zentrale Koordination, und die Schulleitung fühlt sich unter den derzeitigen Bedingungen schlicht überfordert. Es fehle eine Konzeption, die Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten regele, Schulbegleiter für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden kaum einbezogen. Insgesamt seien noch mehr Gymnasial-, Haupt- und Sonderschullehrer an der Gemeinschaftsschule nötig, um Schüler überhaupt ihren Leistungsvoraussetzungen gemäß zu fördern. Mit anderen Worten: Der Unterrichtsalltag vollzieht sich mehr oder weniger ungeordnet, bei den Lehrern mit mehr „Klassenführungskompetenz“, wie die Forscher so schön schreiben, störungsärmer, bei anderen weniger.

Auch die von Grün-Rot angeprangerte frühe Schullaufbahnentscheidung, die durch die Gemeinschaftsschule überwunden werden sollte, ist durch die Hintertür wiedergekommen. Da Französisch nur noch von der 6. Klasse an unterrichtet wird (vorher in den Klassen 6 oder 7) und auf der Schiene mit Technik und Mensch und Umwelt liegt, müssen sich die Schüler doch schon früh entscheiden. Ein Teil der Schüler wird dann zusammen mit weiteren gymnasialen Kindern aus dem Schulverbund für drei Wochenstunden in Französisch unterrichtet, der Rest der Lerngruppen teilt sich in Technik und Mensch und Umwelt auf. Die Unruhe ist trotz der Doppelstundenstruktur unvermeidlich. Positiv wird notiert, dass die Eltern einbezogen werden und das Kollegium motiviert und kritikfähig sei.


(www.faz.net)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 05.08.2015 um 15.54 Uhr eingetragen.
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F.A.Z.-Kommentar, 11. März 2015

Mangelnde Bildung
Rechtschreibung lehren!

Mecklenburg-Vorpommern ist nicht das einzige Land, das immer mehr Grundschüler trotz massiver Rechtschreibdefizite in weiterführende Schulen entlässt. Die fatale Entwicklung begann in den siebziger Jahren. Ein Kommentar.

(von Heike Schmoll, Berlin)

Mecklenburg-Vorpommern ist nicht das einzige Land, das immer mehr Grundschüler trotz massiver Rechtschreibdefizite in weiterführende Schulen entlässt. Es gibt inzwischen kaum noch ein Land, das seine Grundschüler Diktate schreiben lässt. Rechtschreibung ist wie alle schriftlichen Leistungsfeststellungen in der Schule zugunsten der mündlichen Darstellungen in den Hintergrund getreten. Selbst beim Abitur spielen inzwischen Präsentationen und Powerpoints als Prüfungsgegenstand eine Rolle.

Diese fatale Entwicklung begann schon in den siebziger Jahren, als die hessischen Rahmenlehrpläne frech behaupteten, Rechtschreibregeln würden vor allem deshalb gelernt, um sie zu kritisieren. Das genügte, um das Interesse der Schüler zu lähmen. In der jüngsten Vergangenheit haben die Kultusminister viel getan, um einem Vergleich der Orthographiekenntnisse in den Ländern aus dem Weg zu gehen. Die letzten länderspezifischen Ergebnisse stammen aus dem Ländervergleich des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) im Jahr 2009. Damals standen aber nicht Grundschüler im Mittelpunkt der Studie, sondern die Frage, ob die Schüler die Mindeststandards für den mittleren Schulabschluss in Deutsch, Englisch und Französisch erreichen. Bezeichnenderweise lagen damals die durchschnittlichen Ergebnisse der Neuntklässler in Mecklenburg-Vorpommern deutlich unter denen des deutschen Mittelwerts.

Direkter Vergleich vermieden

Das ist ein Beleg dafür, dass es sich bei den Vergleichsarbeiten der dritten Klasse keineswegs um einen unrealistischen Wert handelt, sondern um ein Defizit, das mit dem vierten Schuljahr nicht behoben wird, geschweige denn mit den beiden darauffolgenden Jahren der sechsjährigen Grundschulzeit. Denn in allen Ländern mit sechsjähriger Grundschule konzentrieren sich die Lehrer auf den Fachunterricht und holen nicht mehr nach, was bis zum vierten Schuljahr an kulturellen Basistechniken nicht gelernt worden ist. Das ist in Berlin mit seiner sechsjährigen Grundschule nicht anders.

Auch im Ländervergleich 2011, der die Bildungsstandards für die Grundschule testete, haben die Kultusminister ein aussagefähiges Ergebnis zur Rechtschreibfähigkeit erfindungsreich vermieden. Einige sozialdemokratisch regierte Länder hatten Bedenken und verhinderten den Test; sie werden schon gewusst haben, dass das Ergebnis nur blamabel ausfallen konnte. Offiziell wurde als Grund vorgeschoben, dass die Lehrmaterialien noch nicht fertiggestellt seien.

Damals blieb es bei einer repräsentativen Stichprobe für ganz Deutschland. Auf die Rechtschreibkenntnisse in den einzelnen Ländern ließ sie keine Rückschlüsse zu. Insgesamt erreichten 64,3 Prozent der Viertklässler durchschnittliche Leistungen (Regelstandard), 12,6 Prozent aber nur das Minimum. Das glimpfliche Ergebnis haben die Kultusminister den Vorreitern Sachsen, Thüringen und Bayern zu verdanken. Sie heben den Durchschnitt. Der Gesamtbefund ist so nichtssagend wie politisch gewünscht.

Dumpfe Wissenschaftsfeindlichkeit

Im Herbst nächsten Jahres werden die Ergebnisse für die Sekundarstufe I an die Öffentlichkeit kommen. Dabei soll im Fach Deutsch auch die Orthographie eine Rolle spielen. Aber auch dann wird es sicher wieder Möglichkeiten geben, dem Ländervergleich für die Rechtschreibung aus dem Weg zu gehen.

Auf ihrer nächsten Sitzung entscheiden die Kultusminister darüber, welche Themenbereiche beim Ländervergleich im Jahr 2016 für die Grundschule getestet werden sollen. Dazu zählt auch die Orthographie. Sollten sie den echten Vergleich und das genaue Hinsehen wieder verweigern, wird die Öffentlichkeit empirischen Bildungsstudien noch weniger trauen als ohnehin schon. Das wäre fatal. Nach der Pisa-Hysterie ist die Abneigung gegen die Vielzahl von Studien und die empirische Bildungswissenschaft so gewachsen, dass die Propheten unter den sogenannten Bildungsfachleuten, David Precht etwa und Gerald Hüther, inzwischen wie Heilsbringer herumgereicht werden.

Ungetrübt von irgendeiner empirischen Forschung können sie so bizarre Thesen verbreiten wie diese: „Jedes Kind ist hochbegabt.“ Das kommt besonders gut an, weil dann eben alle hochbegabt sind. Der Erfolg der Bildungsgurus müsste die Kultusminister zutiefst beunruhigen, weil er ein Indiz für eine dumpfe Wissenschaftsfeindlichkeit ist, die sich ausbreitet. Ein vernünftiges Maß an empirischen Kenntnissen über die Schulwirklichkeit und vor allem das Können der Schüler ist dringend nötig.

Außerdem muss der muttersprachliche Unterricht dringend gestärkt werden. In anderen Ländern, in Frankreich und in China zum Beispiel, wird die Landessprache mit bis zu zehn Unterrichtsstunden gelehrt. Es ist ein Unding, dass Lehrstühle für Deutsch im Anfangsunterricht an Pädagogischen Hochschulen und Universitäten häufig mit Professoren besetzt werden, die weder ein Lehramtsstudium noch Staatsprüfungen, noch ein Referendariat, geschweige denn eine unterrichtspraktische Erfahrung vorweisen können. In jedem anderen ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Fach taugte das für einen Aufruhr, nur in der Pädagogik wird es einfach geduldet. So zufällig sind die Rechtschreibdefizite also nicht.


(www.faz.net)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 05.08.2015 um 15.49 Uhr eingetragen.
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WAZ, 14. März 2015

Länder planen Vergleichstests in Rechtschreibung

Wie fit sind die Schüler in Deutsch, Mathe und Fremdsprachen? Das wollen die 16 Bundesländer dieses und nächstes Jahr in zwei breit angelegten Vergleichstests herausfinden. Wie die Kultusministerkonferenz (KMK) auf ihrer zweitägigen Frühjahrssitzung in Leipzig beschloss, soll im Fach Deutsch erstmals auch die Rechtschreibung von Grundschülern über Ländergrenzen hinweg auf den Prüfstand gestellt werden. „Orthografie ist wichtig, auch wenn es auf dem Computer Rechtschreibprogramme gibt“, sagte die KMK-Präsidentin, Sachsens Ressortchefin Brunhild Kurth (CDU), zum Abschluss der Tagung.

Die vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) überwachten Tests für rund 45 000 Neuntklässler an gut 1800 Schulen in Deutsch, Englisch und teilweise auch Französisch beginnen nach IQB-Informationen bereits Mitte April und dauern bis Mitte Juni. Ergebnisse sollen im Herbst 2016 präsentiert werden. Sie lassen sich dann mit ähnlichen Länder-Tests zur Sprachkompetenz von 2009 vergleichen. Rechtschreibfähigkeiten sollen beispielsweise in einem so genannten „Lückendiktat“ getestet werden - einem Text, in dem viele Stellen fehlen, die die Schüler möglichst korrekt ergänzen sollen.


(www.derwesten.de)
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Horst Ludwig
St. Peter, MN, USA

Dieser Beitrag wurde am 04.06.2015 um 07.11 Uhr eingetragen.
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"KMK-Chefin Kurth hofft langfristig auf einheitliches Abitur. Dresden (dpa). Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Brunhild Kurth, hält ein möglichst einheitliches Abitur in Deutschland langfristig für notwendig. «Wir müssen zu Vergleichbarkeit kommen. Das hat auch etwas mit Chancengleichheit und Gerechtigkeit zu tun», sagte Kurth der Deutschen Presse-Agentur. Abiturprüfungen und Notendurchschnitte spielten eine Rolle, wenn es um die Vergabe von Studienplätzen gehe. Positiv äußerte sie sich zur Arbeit in der Kultusministerkonferenz.04.06.2015 05:42 Uhr"

Die hat von Erziehung und Bildung keine Ahnung. Na klar spielen "Abiturprüfungen und Notendurchschnitte [...] eine Rolle, wenn es um die Vergabe von Studienplätzen" geht, aber vielleicht ist daran etwas falsch; es mechanisiert nämlich die Vergabe von Studienplätzen und was weiß ich sonst noch. Hier in den USA soll ich oft Empfehlungen nach vorgefertigten Computerfragen und -kategorien in kleinen Kästchen mit Prozentsätzen machen, bloß damit der Computer denen da in irgendeinem Zulassungsbüro eine Zahl ausspuckt, von der die dann aber klar und ohne weiteres Verantwortungsgefühl wissen, ob sie höher oder niedriger ist als irgendeine andere in ihrem angepaßten Geiste. So ein Typ wie die Präsidentin der Kultusministerkonferenz äußert sich natürlich "positiv zur Arbeit in der Kultusministerkonferenz", kann ja gar nicht anders. Aber von Erziehung und Bildung zeugt das nicht – und von für Erziehung und Bildung des jungen Menschen in einer Demokratie verantwortlicher Haltung schon gar nicht.
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Manfred Riemer
Mannheim

Dieser Beitrag wurde am 15.04.2015 um 22.59 Uhr eingetragen.
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Ein Fall, zwei Zeitungen:

FAZ, 15.4.2015, Seite 7:
Am Dienstagmorgen hatte ein 17 Jahre alter Afghane einen Mitschüler in einem Klassenzimmer in einer Außenstelle der Schule im [Hamburger] Stadtteil Wilhelmsburg erstochen. Das spätere Opfer sei in einer Pause in den Klassenraum des Verdächtigen gegangen, um mit ihm zu reden, ... Bei dem Gespräch soll der Siebzehnjährige dann unvermittelt mit einem Küchenmesser auf seinen gleichaltrigen Mitschüler eingestochen haben. Das Opfer, wie der Täter Flüchtling aus Afghanistan, starb noch am Tatort.

SZ, 15.4.2015, Seite 1:
Ein Jugendlicher ist in eine Hamburger Schule gestürmt und hat einen 17 Jahre alten Schüler im Klassenzimmer erstochen. ... Es sei nach bisherigen[!] Ermittlungsstand ein gezielter Angriff gewesen.

gleiche Zeitung, Seite 10:
Nach ersten Erkenntnissen war der Täter ein ebenfalls 17-Jähriger[!] Afghane, der den Schüler während eines Deutschkurses in einem Klassenzimmer aufsuchte und unvermittelt mit einem Messer auf ihn einstach.
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 02.11.2014 um 17.33 Uhr eingetragen.
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Kieler Nachrichten, 30. Oktober 2014

"Luft nach oben" bei Digitalisierung an deutschen Schulen
Von Deutsche Presse-Agentur dpa
Immer weniger Berufstätige kommen ohne Computerkenntnisse aus. Auch an den Schulen spielt Digitalisierung eine wachsende Rolle - aber nicht alle Schüler profitieren gleichermaßen davon.

Berlin. Sozial benachteiligte Schüler werden nach Expertenansicht an deutschen Schulen oft weniger fit am Computer gemacht als Schüler aus höheren Bildungsschichten. Insofern stelle die zunehmende Digitalisierung in vielen Jobs für die Betroffenen ein zusätzliches Risiko auf dem Arbeitsmarkt dar, sagte Reinhard Pollak, Bildungsexperte am Wissenschaftszentrum Berlin, am Donnerstag (30. Oktober). Er stellte eine Studie im Auftrag des Vodafone Instituts für Gesellschaft und Kommunikation vor.

Nach der Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach sagen nur 27 Prozent der Eltern von Gymnasialschülern, ihre Kinder würden weniger gut für den Umgang mit Computern und dem Internet im Beruf vorbereitet - aber 36 Prozent an anderen Sekundarschulen. "Bei der Digitalisierung in der Schule gibt es viel Luft nach oben", mahnte David Deissner vom Vodafone Institut.

Rund zwei Drittel der Eltern sind sich der Umfrage zufolge sicher, dass in Zukunft gute Kenntnisse im Umgang mit Computern noch wichtiger im Berufsleben werden. 40 Prozent aber meinen, die wachsende Bedeutung digitaler Technologien führe zu einem Wegfall von Arbeitsplätzen. Eltern aus sozial schwächeren Schichten rechnen sogar zu 48 Prozent mit einem Verlust von Jobs durch Digitalisierung.

60 Prozent der Eltern mit Kindern an Gymnasien finden, dass Computer und Internet im Unterricht eine große oder sehr große Bedeutung haben. Von den Eltern mit Kindern an anderen weiterführenden Schulen sind nur 45 Prozent dieser Ansicht.

Fast ein Drittel der Eltern empfindet die Ausstattung der Schulen mit digitaler Technik als ungenügend. Mehr als die Hälfte der befragten Eltern bestätigt der Schule eine gute oder sehr gute Ausstattung.

Auch andere Studien zeigten, dass Jugendliche an Gymnasien größere Computerkenntnisse haben als an anderen Schulen, sagte Pollak. Vielen Schulen fehle es auch am Netzausbau und an IT-Technikern, sagte Benjamin Wüstenhagen, Geschäftsführer eines Bildungs-Startups (k.lab edumedia).


(www.kn-online.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 30.10.2014 um 11.35 Uhr eingetragen.
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Lesen in Deutschland – Projekte und Initiativen zur Leseförderung, 27. Oktober 2014

Lesestörung und Rechtschreibstörung sind verschiedene Probleme
Ergebnisse einer Studie des Forschungszentrums IDeA

Lange wurde die Lese-Rechtschreibstörung (auch Legasthenie genannt) als zusammenhängendes Störungsbild angesehen. Eine Studie im Rahmen des Forschungszentrums IDeA (Individual Development and Adaptive Education of Children at Risk) zeigt nun: Kinder mit einer Lesestörung weisen andere Defizite im Arbeitsgedächtnis auf als Kinder mit einer Rechtschreibstörung. Die Lernschwierigkeiten im Bereich des Lesens und des Schreibens müssen daher deutlicher als bisher als verschiedene Störungen betrachtet werden – und nicht als Varianten derselben Lernstörung.

Das Arbeitsgedächtnis ist im Gehirn für das kurzfristige Speichern und Verarbeiten von Informationen zuständig und gilt in der modernen Forschung als maßgeblich für das Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen. Die für die Studie mitverantwortliche Wissenschaftlerin Janin Brandenburg erläutert die neuen Befunde: „Kinder mit einer Lesestörung zeigen primär Defizite in der zentralen Exekutive. Das ist das Teilsystem des Arbeitsgedächtnisses, das die Koordination verschiedener Tätigkeiten gleichzeitig und den Abruf von Informationen aus dem Langzeitgedächtnis steuert.“ Brandenburg weiter: „Kinder mit einer Rechtschreibstörung haben demgegenüber deutlicher Probleme in der Phonologischen Schleife, dem Bereich des Arbeitsgedächtnisses, der für die Verarbeitung sprachlicher Informationen verantwortlich ist.“

Die Studie basiert auf mehrjährigen Untersuchungen von insgesamt 465 Kindern. 365 von diesen Kindern weisen unterschiedliche Lernschwächen und -störungen auf, während die übrigen 100 keinerlei Lernschwierigkeiten zeigen und als Kontrollgruppe dienen. Die Forscherinnen und Forscher testen seit 2011 regelmäßig die kognitiven Funktionen der Kinder und erheben ihren Lernstand. Zu Beginn der Untersuchungen waren die Schulkinder in der zweiten Klasse, jetzt kommen sie in die fünfte.

Die nun veröffentlichten Forschungsergebnisse bringen verschiedene Implikationen mit sich. „Es erscheint erforderlich, offizielle Kriterien zur Diagnose von Lernstörungen zu ergänzen und zu spezifizieren“, so Brandenburg. Die Weltgesundheitsorganisation führt die Lese-Rechtschreibstörung etwa noch als zusammenhängendes Störungsbild. Zugleich gilt es, gesonderte Fördermaßnahmen für die einzelnen Störungsbilder zu entwickeln, die isoliert und in Kombination auftreten können.

Die Untersuchungen wurden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und durch IDeA-Mittel gefördert. IDeA erforscht individuelle Entwicklungsprozesse bei Kindern in den ersten zwölf Lebensjahren und überprüft Ansätze zur individuellen Lernförderung auf ihre Wirksamkeit. Das Forschungszentrum wurde im Rahmen der hessischen Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), der Goethe-Universität Frankfurt und dem Sigmund-Freud-Institut gegründet. Die Koordination liegt beim DIPF.

Die Studienergebnisse im Detail: http://bit.ly/Lernstörungen_Arbeitsgedächtnis

Kontakt:
Janin Brandenburg
Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)
Tel.: (069) 24708-852
E-Mail: brandenburg@dipf.de


(www.lesen-in-deutschland.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 20.10.2014 um 14.32 Uhr eingetragen.
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Süddeutsche.de, 16. Oktober 2014

Akademiker sollen fürs Studium zahlen
– Die Hochschulrektorenkonferenz fordert eine Rückkehr zu den Studiengebühren.
– Als Grund nennt ihr Präsident Horst Hippler im Interview mit der Süddeutschen Zeitung die mangelnde Finanzierung der Universitäten.
– Um junge Leute aus sozial schwachen Familien nicht von einem Studium abzuschrecken, schlagen die Vertreter "nachgelagerte Gebühren" vor, bei denen das Studium selbst kostenfrei ist, gut verdienende Absolventen aber einen kleinen Anteil ihres Einkommens zahlen müssen.

Von Roland Preuß und Johann Osel

Kurz nach Abschaffung regulärer Studiengebühren fordern führende Vertreter der Wissenschaft, wieder einen finanziellen Beitrag von Akademikern einzuführen. "Die Hochschulen sind jetzt schon völlig unzureichend ausgestattet. Studienbeiträge können sinnvoll die staatliche Finanzierung ergänzen", sagte der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, der Süddeutschen Zeitung. Die öffentliche Ablehnung werde sich ändern, wenn man sehe, wie an Hochschulen noch stärker gespart werden müsse. Wegen der angespannten Haushalte werde bald auch die Politik umdenken, so Hippler. In den Bundesländern sehe er "schon jetzt diese Debatten, an allen Ecken und Enden".

Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hält es für geboten, Studenten an den Kosten ihrer Ausbildung zu beteiligen. "Allerdings muss es ein glaubwürdiges Stipendiensystem geben, damit junge Leute aus sozial schwachen Familien nicht von einem Studium abgeschreckt werden", sagt der Leiter des Berliner OECD-Centers, Heino von Meyer. Das habe bei der Einführung der Gebühren gefehlt. Der Einkommensvorteil von Akademikern sei im Vergleich zu Nicht-Akademikern deutlich gewachsen. Umso mehr könnten sie zu ihrer staatlich finanzierten Ausbildung beitragen. "Studiengebühren erhöhen die Qualität und die Motivation der Studenten."

Von 2005 an hatten sieben westdeutsche Länder Gebühren von meist 500 Euro pro Semester eingeführt, darunter Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Das Thema prägte Wahlkämpfe, nach und nach fielen die Gebühren wieder. Als letztes Bundesland ließ nun Niedersachsen das Bezahl-Studium zu diesem Wintersemester auslaufen. Der Staat ersetzt den Unis weitgehend die entfallenen Einnahmen.

"Die Gebühren waren hilfreich und sinnvoll"

Bayern strich die Gebühren zum Herbst 2013 - zum Bedauern vieler Rektoren. "Die Gebühren waren für die Universitäten hilfreich und sinnvoll", sagt die Präsidentin der Universität Augsburg, Sabine Doering-Manteuffel, die auch Vorsitzende des Verbandes der bayerischen Unis ist. Studenten hätten über die Verwendung mitentscheiden können und "mehr Mitbestimmungsrechte gehabt als heute".

"Bei der Umsetzung der Gebühren hat man Fehler gemacht, aber sachlich waren sie richtig", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung und früherer Hamburger Wissenschaftssenator. Kritiker argumentieren, dass Gebühren gerade junge Leute aus ärmeren Familien von der Uni fernhalten oder das Studieren erschweren.

Der Bochumer Ökonomie-Professor Stefan Winter fordert dennoch Gebühren, aus sozialen Gründen. "Der Verzicht auf die Gebühren für Reiche ist äußerst fragwürdig, während zugleich viele Studierwillige durch einen Numerus clausus ausgeschlossen werden." Er plädiert für "nachgelagerte Gebühren", bei denen das Studium selbst kostenfrei ist, gut verdienende Absolventen aber einen kleinen Anteil ihres Einkommens zahlen müssen.

Das Modell kann sich auch Hippler vorstellen. Ideal sei ein "verlässliches" bundesweites Konzept, das nicht nach Regierungswechseln in den Ländern stets infrage stehe.


http://www.sueddeutsche.de/bildung/vorstoss-zu-neuen-studiengebuehren-akademiker-sollen-fuers-studium-zahlen-1.2176671
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 12.11.2013 um 16.14 Uhr eingetragen.
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ka-news.de und fnp.de, 11. November 2013

Legasthenie lässt sich ab der zweiten Klasse feststellen

Berlin (dpa) - In den ersten Schulwochen sind Probleme mit der Rechtschreibung normal. Aber ab der zweiten Klasse zeigt sich, ob ein Kind unter Legasthenie leidet. Dann sollten Eltern professionelle Hilfe suchen.

Legasthenie zeigt sich in der Regel schon früh. Typisch dafür sind Probleme, einzelne Laute zu unterscheiden und sich zu merken. Im Vorschulalter lässt sich Legasthenie aber noch nicht sicher diagnostizieren. Möglich ist das ab der zweiten Klasse. Erste Anzeichen für eine Lese-Rechtschreibstörung gibt es bei Kindern meist schon sehr früh. Eindeutig festgestellt werden kann sie aber erst ab der zweiten Klasse. In den ersten Schulmonaten sind Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben normal und hängen nicht zwangsläufig mit einer Legasthenie zusammen. Darauf weist Ingo Spitczok von Brisinski vom Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (BKJPP) hin.

Mit mangelnder Intelligenz hat eine Legasthenie nichts zu tun. Die Ursachen für die Störung sind nicht vollständig geklärt, wahrscheinlich kommen mehrere zusammen. Ein möglicher Grund sind genetische Faktoren, die die Verarbeitung von gehörten und gelesenen Informationen beeinflussen. Um die Chancen der Kinder in Schule und Beruf zu verbessern, sollten Eltern erste Anzeichen früh bei einem Facharzt abklären lassen und entsprechende Therapieangebote nutzen.


(www.ka-news.de, www.fnp.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 08.11.2013 um 21.37 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#10502


Auszug aus diesem Beitrag:

Seit den 1990er Jahren wird das umstrittene "Lesen durch Schreiben"-Prinzip an deutschen Schulen eingesetzt. Inzwischen sehe man die Folgen bereits an den Universitäten, sagt Dr. Peter Kruck, der an der Ruhr-Universität Bochum lehrt. Er bemängelt, dass immer mehr Studenten die Orthographie nicht richtig beherrschen. Bei stern TV berichtet er von "haarsträubenden Fehlern in den Haus- und Examensarbeiten" seiner Studenten. Und: "Wir haben ein Riesenproblem in der Lehrerausbildung. Die stehen am Ende ihres Studiums da und sagen: Wir haben keinen Plan, wie Rechtschreibung funktioniert", so Kruck. "Die meisten Lehramtsstudenten schaffen es nicht, zwei bis drei Sätze fehlerfrei zu schreiben."
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Manfred Riemer
Mannheim

Dieser Beitrag wurde am 02.10.2013 um 11.24 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#10456


Gibt es eigentlich einen feinen Bedeutungs- oder anderen Unterschied zwischen Sekundar- und Sekundär-, oder muß man einfach lernen, wann das eine und wann das andere verwendet wird?
Mir fällt auch im Moment kein anderes Wort mit einer ähnlichen Doppelung ein.
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Reinhard Markner
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 01.10.2013 um 07.47 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#10454


Kolumnist Gunnar Schupelius in der B. Z. über das Versagen der Berliner »Sekundarschule«:

»Die Sekundarschule ist ein Zusammenschluss der früheren Haupt- und Realschule. Sie wurde erfunden, um das Leistungsniveau der Hauptschüler zu heben.

An die Stelle des Hauptschulabschlusses trat die Prüfung zur „Berufsbildungsreife“. 25 Prozent fielen in diesem Jahr durch, weitere 1600 Schüler erschienen nicht zur Prüfung, so dass nun ein Drittel des Jahrgangs ohne Abschluss dasteht.

[. . .]

Wenn ein Drittel der Schüler bereits an der Berufsbildungsreife scheitert, wie sollen diese Mädchen und Jungen im nächsten Jahr die Prüfung bestehen? Oder danach den mittleren Schulabschluss (MSA)? Wer hilft ihnen jetzt und warum hat ihnen vorher niemand geholfen? Was sind das für Schulen, deren Schüler zu einem Drittel bereits an der untersten aller Hürden hängen bleiben?

Der frühere Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) pflegte das schöne Märchen von der Sekundarschule zu erzählen, an der auch die schwächsten Schüler besser gefördert werden, als zuvor an der Hauptschule. Tatsächlich wird dort niemand besser gefördert. Die Schultür wurde umgestrichen und ein neuer Name drangehängt. Das war alles.«

Zöllner war als rheinland-pfälzischer Kultusminister für die Rechtschreibreform mitverantwortlich. (Schupelius selbst verwechselt dass und das, wie seit deren Durchsetzung allgemein üblich.)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 26.08.2013 um 20.00 Uhr eingetragen.
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Hamburger Abendblatt, 24. August 2013

Zum Diktat, bitte – ein Test an der Klosterschule
Für die 10a ist es die erste Rechtschreibüberprüfung seit drei Jahren. Der Notenschnitt ist mit 2,8 ordentlich. Doch Experten und Ausbilder fordern grundlegende Reformen.

Von Friederike Ulrich, Insa Gall und Daniel Herder

Hamburg. Die Schüler der 10a haben jetzt, um 14.35 Uhr, schon einen langen Tag hinter sich. Aber an der Klosterschule, Hamburgs erstem Ganztagsgymnasium, ist Unterricht am Nachmittag normal. Diese Stunde aber ist gleich aus zweierlei Gründen ungewöhnlich: Die Schüler sollen ein Diktat schreiben, was sie seit der 7.Klasse nicht mehr getan haben, und zwar für das Abendblatt. Nach der Diskussion über die umstrittene Lernmethode "Lesen durch Schreiben" wollten wir wissen, wie es um die Rechtschreibleistung bei Zehnklässlern bestellt ist.

Die Lehrerin liest den 216-Wörter-Text, der den Schülern völlig unbekannt ist, einmal im Ganzen vor. Thema: die Körpersprache. Rechtschreibung und Kommasetzung bergen Tücken – etwa bei "Therapeut", "nonverbale Kommunikation", "widerrufen" und "unmissverständlich"; bei "ohne dass", "gar nicht" oder "das Wippen des Fußes". Dann beginnt die Lehrerin, die einzelnen Sätze vorzulesen. Wer nicht mitkommt, darf die Hand heben.

Wir haben das Gymnasium Klosterschule wegen seiner heterogenen Schülerschaft, die aus einem weiten Einzugsgebiet kommt, ausgesucht. Die Schule schneidet bei Vergleichen der Lese- und Schreibkompetenz in der Regel besser ab als der Durchschnitt. So ist Schulleiter Ruben Herzberg auch nicht überrascht von dem Ergebnis des Diktats: Nur zwei der Schüler bekamen ein "mangelhaft" (mehr als 14 Fehler), es gab drei Einsen (weniger als zwei Fehler), die meisten Schüler machten zwischen sechs und neun Fehler und wurden mit der Note 3 bewertet; der Notendurchschnitt lag bei 2,8. "Bei einem ungeübten Sachtext auf Ebene der Erwachsenenkommunikation kann man damit durchaus zufrieden sein", so Herzberg. Zumal es sich bei Zehntklässlern ja noch um Lernende handle.

Die Schüler äußersten sich nach den Diktat durchaus positiv über diese Form des Rechtschreibtrainings. "Es ist gut, wenn man sich auch mal über nicht-alltägliche Wörter Gedanken machen muss", war die überwiegende Meinung. "Und wenn man genau sieht, wo man Fehler macht."

Das Diktat als Überprüfungsform sei didaktisch nicht mehr gewünscht, sagt Deutschlehrerin Anke Jendrny, die auch die Sprachlern-Beraterin der Klosterschule ist. Als Klassenarbeit würden Diktate nur bis zur Mittelstufe geschrieben werden, dann würde generell weniger Rechtschreibunterricht stattfinden. "Der Schwerpunkt der Rechtschreibbildung liegt bei uns in den 5. und 6. Klassen", sagt Frau Jendrny. Mit der "Hamburger Schreibprobe" werde überprüft, wie weit die Schüler seien. Wer Schwierigkeiten hat, wird ein halbes Jahr lang gesondert gefördert. Der Versuch, das Rechtschreibtraining auf die höheren Klassen auszuweiten, scheitere letztendlich an den fehlenden finanziellen Mitteln.

Das Diktat an der Klosterschule mit den relativ guten Ergebnissen hat natürlich keinen repräsentativen Charakter. Viele Experten zeichnen jedenfalls ein eher negatives Bild – zum Beispiel Agi Schründer-Lenzen. Sie ist Professorin für Allgemeine Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Potsdam. Auch unter ihren Lehramtsstudenten, die selbst später einmal Schüler unterrichten wollen, sind solche, die bei Klausuren keine einwandfreien Texte abliefern. "Die Fehler, die teilweise gemacht werden, sind gravierend. Sie würden keineswegs nur einem Deutschlehrer auffallen, der genau auf die Feinheiten der Interpunktion oder der Groß- und Kleinschreibung achtet", sagt Agi Schründer-Lenzen, die Frau von Uni-Präsident Dieter Lenzen. Die grammatikalische Struktur von Sätzen stimme in diesen Texten nicht und manchmal würden auch eigentlich häufig vorkommende Wörter falsch geschrieben. "Das ist bei Menschen, die über das Abitur verfügen, so eigentlich nicht zu erwarten."

Die Pädagogik-Professorin hat sich insbesondere mit der Rechtschreibung an Grundschulen befasst. Ihr Buch "Schriftspracherwerb" ist gerade erschienen. "Die Relevanz von Rechtschreibung ist in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend infrage gestellt worden", sagt Schründer-Lenzen. "In den 70er- und 80er-Jahren, als reformpädagogische Ansätze populär wurden, sind die formalen Fertigkeiten von Schülern wie richtig schreiben und rechnen in den Hintergrund getreten. Beigetragen zu der Entwicklung habe zudem die Rechtschreibreform, die eigentlich als Vereinfachung gedacht, doch vielfach auch zu Verwirrungen geführt habe – und zu dem Gefühl, eigentlich sei es doch auch egal, wie man schreibe, wenn alle paar Jahre neue Regeln kämen. "Durch die Orientierung an Vergleichsarbeiten und die Standardisierung von Abschlüssen bricht jetzt jedoch etwas auf", hat Schründer-Lenzen beobachtet. Eltern begehrten auf: Sie beklagten sich über die schlechten Rechtschreibleistungen ihrer Kinder.

In Hamburg ist dies besonders der Fall. Hier hat der Pädagoge Jochen Reichen, der die umstrittene Methode "Lesen durch Schreiben" entwickelt hat, am Landesinstitut für Lehrerbildung (LI) gearbeitet. "Er hat über viele Jahre Lehrer fortgebildet. Deshalb ist Hamburg ein Nest für diese Lernmethode", so Schründer-Lenzen. Eher skeptisch sieht sie auch die Tatsache, dass an Hamburger Schulen die Schreibschrift nicht mehr verpflichtend gelernt werden muss. "Solange die Lehrer neben der Druckschrift auch die Schreibschrift lehren mussten, wurde in der Klasse Schreiben geübt. Fällt dies weg, gibt es eine Übungsschleife weniger." Und: "Ob, und wenn ja, welche Konsequenzen das für die Rechtschreibung hat, ist eine offene Frage."

Die Basis für gute Rechtschreibung werde zwar in den Grundschulen gelegt. "Aber gerade in Hamburg mit seiner vierjährigen Grundschulzeit ist es wichtig, dass an den weiterführenden Schulen weiter an der Rechtschreibung gearbeitet wird", so die Erziehungswissenschaftlerin. Schließlich seien gerade Schüler mit mittlerem Abschluss darauf angewiesen, Betriebe mit fehlerfreien Bewerbungszeugnissen zu überzeugen.

Und das gelingt vielen nicht, wie Fin Mohaupt, Leiter der Ausbildungsabteilung bei der Handelskammer Hamburg, beobachtet hat. In manchen Bewerbungen wimmele es vor Fehlern, zudem seien sie teilweise eher im Stil einer SMS oder Facebook-Kurznachricht geschrieben. "Viele Jugendliche können offenbar nicht zwischen Schrift- und Alltagssprache unterscheiden", sagt Mohaupt. Viele Betriebe bemängelten seit Jahren, dass die sogenannten Kulturfertigkeiten der Jugendlichen wie Schreiben und Rechnen zu schlecht seien. "Und besser geworden ist das nicht", so Mohaupt. Dabei sei dies entscheidend. "Ein guter Verkäufer kann man vielleicht auch sein, ohne die Interpunktion perfekt zu beherrschen, aber bei allen Berufen, die mit Büroarbeiten zu tun haben, ist dies schon außerordentlich wichtig", sagt der Handelskammer-Mann.

Das gilt auch für die Polizei. Die Zahl der Bewerber, die durch den Deutschtest fallen, ist seit Jahren nahezu konstant. Konstant hoch. 40 bis 45 Prozent der Bewerber für den mittleren Dienst scheitern an den Anforderungen. Im gehobenen Dienst sind es bis zu 35 Prozent, sagt der Leiter des Zentralen Personalmanagements der Hamburger Polizei, Gerhard Ruschmeyer.

Die Kandidaten müssen ein Lücken-Diktat bestehen. "Häufig werden Fehler bei der Groß- und Kleinschreibung, bei der Worttrennung und der Interpunktion gemacht", sagt Ruschmeyer. Einen Grund, das hohe Niveau des Deutsch-Tests abzusenken, sieht er nicht. "Polizisten müssen sich präzise ausdrücken und den Sachverhalt gerichtsfest zu Papier bringen können. Deutsch ist ein K.O-Kriterium." Für das Scheitern macht Ruschmeyer Nachlässigkeit und mangelhafte Vorbereitung verantwortlich. Und die Schulen. "Ich habe die Vermutung, dass die Grundanforderungen in Deutsch nicht so hoch sind, wie sie eigentlich sein sollten."


(www.abendblatt.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 12.08.2013 um 18.01 Uhr eingetragen.
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Süddeutsche Zeitung, 12. August 2013

Gutes Deutsch ist Pflicht

Ein Lehrer muss Deutsch können - das wurde nun gerichtlich bestätigt. Zweimal hatte ein Student Physikprüfungen wegen Sprachschwierigkeiten nicht bestanden, und geklagt. Er stammt aus Kasachstan, kam 1993 nach Deutschland, von 2005 an studierte er in Gießen Mathe und Physik für das Lehramt an Haupt- und Realschulen. Sein Deutsch sei so schlecht, dass er akzeptable Fachleistungen in den Klausuren nicht richtig ausdrücken konnte, meinten die Prüfer. Er beherrschte 'durchgehend weder Grammatik noch Rechtschreibung'. Vor dem Verwaltungsgericht Kassel wollte der Mann die Note Vier oder einen dritten Prüfungsversuch erwirken. Die fachlichen Leistungen seien ja anerkannt worden, man habe ihn also verstanden, so schlecht könne sein Deutsch nicht sein. Das Gericht meinte, Fachwissen und Sprache dürften getrennt bewertet werden. Gerade Lehrer müssten Sprache sicher anwenden. Berufung am Landesverwaltungsgerichtshof wurde wegen der grundsätzlichen Relevanz des Falls erlaubt.

(www.sueddeutsche.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 17.07.2013 um 17.41 Uhr eingetragen.
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www.derwesten.de, 17. Juli 2013

Rechtschreibung per Tastendruck
Voerde. Die Mausklasse der Regenbogenschule in Möllen arbeitete vier Wochen lang mit Tablet-PCs. Von Corinna Meinold

Auf dem Bildschirm des Tablet-PCs erscheint ein Elefant und Julius tippt den Namen des Tieres in das Kästchen, denn der Zweitklässler der Regenbogenschule in Möllen übt gerade Rechtschreibung. Ein grünes Häkchen signalisiert ihm, dass er das Wort richtig geschrieben hat. Es ist die vierte und letzte Woche, in der die Mausklasse innerhalb eines Pilotprojektes (siehe Kasten) mit den Tablet-PCs im Unterricht arbeitet.

Per Los wurde entschieden, welche der beiden zweiten Klassen in Deutsch und Mathe mit den Geräten arbeiten darf – die Mausklasse von Lehrerin Kerstin Schöller. Jedes der 22 Kinder hat von der niederländischen Stiftung Snappet einen Tablet-PC geliehen bekommen, alle Geräte sind mit dem Laptop von Kerstin Schöller verbunden. So kann die Lehrerin Aufgaben kontrollieren und schnell Probleme erkennen.

Direktes Feedback

Janik löst gerade Mathe-Aufgaben. „Das ist wie ein Aufgabenblatt“, erklärt der Zweitklässler. Ist das Ergebnis richtig, erscheint ein grünes Häkchen und die nächste Aufgabe, ist das Ergebnis falsch, können die Schüler noch einmal rechnen. „Man kann aber auch zurückblättern und hat noch zwei weitere Versuche“, ergänzt Janiks Sitznachbarin Nurul. Die Arbeit mit den Tablet-PCs findet sie spannender als Aufgabenblätter, die seien manchmal langweilig. Auch das Tippen kommt bei den Schülern besser an als das Schreiben mit dem Stift: Julius findet, dass die Hand weniger weh tut und Schekria freut sich, dass sie nichts wegradieren muss.

Außer den Matheaufgaben können in Deutsch Rechtschreibung, Grammatik und Lesen geübt werden. Entweder es erscheint ein Bild und die Schüler müssen den richtigen Namen eintippen (Rechtschreibung) oder aus mehreren Begriffen den richtigen auswählen (Lesen). Bei den Grammatik-Aufgaben können beispielsweise Verbformen geübt werden.

Diese Arbeitsweise ermöglicht sowohl den Schülern als auch den Lehrern einen besseren Überblick, wie Kerstin Schöller erklärt: „Die Kinder bekommen direkt ein Feedback.“ Und auch sie selbst kann durch die Vernetzung der Tablets mit ihrem Laptop direkt sehen, wie die Schüler die Aufgaben bearbeitet haben, wie oft sie korrigieren mussten und wo Probleme sind. Die kann sie dann zeitnah und individuell besprechen. „Das ist ein Riesenvorteil“, findet die Lehrerin, stellt aber auch gleich klar, dass dies den traditionellen Unterricht nicht ersetzen kann. Das Schreiben habe einen hohen Stellenwert, aber Tablet-PCs gehörten zum Leben der Kinder dazu – Kerstin Schöller möchte ihnen den verantwortungsvollen Umgang mit den Geräten vermitteln.

Projekt ist „pädagogisch sinnvoll“

Am Freitag endet das Projekt, von dem Schüler und Lehrer begeistert sind. Ohne die Zusammenarbeit mit der Stadt wäre es aber nicht möglich gewesen, wie Schulleiterin Verena Hartmann sagt, denn für die Arbeit mit den Tablets wurde extra eine zweite Internetleitung eingerichtet, damit alle Kinder gleichzeitig arbeiten können. Die Stadt hält das Projekt für sinnvoll, erklärt Andreas Wellmann. Gemeinsam mit der Regenbogenschule soll nun nach einer Lösung gesucht werden, wie die Arbeit mit den Tablets weiterhin realisiert kann.


www.derwesten.de
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 16.07.2013 um 15.20 Uhr eingetragen.
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Merkur online, 16. Juli 2013; Landkreis Dachau

Frei von der Leber weg erzählen
Hebertshausen - Innerhalb von nur sechs Wochen wurde aus zwölf Siebtklässlern der Hebertshauser Mittelschule eine Gruppe kreativer Autoren. Das beste: Die Rechtschreibung war eher unwichtig.

Zwölf Schüler der siebten Klasse der Mittelschule Hebertshausen haben an sich ganz neue Seiten entdeckt. Sie durften Geschichten aus dem Leben und auch aus ihrer Phantasie zu Papier bringen und vortragen. Und was dabei herauskam, erstaunte sogar die jungen Autoren selbst.

Die Hebertshauser Siebtklässler waren vom Literaturhaus München für ein Schreibobjekt an Mittelschulen ausgewählt worden - das allein war schon eine große Ehre für sie. Klassenlehrerin Ilse Oftring-Thomas war natürlich stolz auf ihre Schützlinge. Sechs Wochen lang trafen sie sich einmal in der Woche mit den Autoren Andrea Funk und Markus Ostermaier vom Literaturhaus zum Lernen und gegenseitigen Erfahrungsaustausch. Was schreibe ich, schreibe ich aus dem Leben oder erfinde ich eine Geschichte, über wen schreibe ich, wie formuliere ich die Sätze, wie stelle ich wichtige Sachen in den Vordergrund? Diese Fragen schäftigten die Schüler. Das Leitthema des Projekts lautete „Freunde durch dick und dünn“.

Beim letzten Treffen vor dem großen öffentlichen Finale der Schreibwerkstätten für Mittelschulen im Literaturhaus München gab es eine Generalprobe, zu der auch die Leiterin des Projektes Dr. Katrin Lange nach Hebertshausen gekommen war. Da gab es lustige und nachdenkliche Geschichten, Geschichten erzählt aus der Sicht von Haustieren wie Hase und Katze, Geschichten über die Oma und über die erste große Liebe. Ein Schüler erzählte von der Flucht aus dem Kosovo und wie dabei die beste Freundin der Mutter verloren ging. Auch von Jugendfreundschaften und einem großen Jagdhund war die Rede.

Auf jeden Fall waren die Autoren Andrea Funk und Markus Ostermair, die das Projekt betreuten, samt Klassenlehrerin Ilse Oftring-Thomas sehr erstaunt über die Kreativität der Mädchen und Jungen - was da für Fähigkeiten im Verborgenen schlummerten. „Das hätten wir ihnen eigentlich gar nicht zugetraut, dass sie so aus sich herausgehen und ihre Geschichten ohne Scheu vor den Mitschülern vortrugen“, so Ilse Oftring-Thomas. Jede Geschichte beurteilten die Mitschüler. Es wurde viel Lob verteilt, aber auch auf Schwachstellen hingewiesen, sei es in der Sprache, in der Gestik, in der Lautstärke oder im Tempo.

Verbesserungsvorschläge und Lob kam auch von Autorin Andrea Funk. Sie verpasste den meisten Geschichten den nötigen Feinschliff. Eines gefiel den Schülern an der ganzen Sache aber besonders gut: Rechtschreibung und Grammatik waren nicht gefragt. Geschrieben und erzählt wurde frei von der Leber weg.


(www.merkur-online.de)
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Horst Ludwig
St. Peter, MN, USA

Dieser Beitrag wurde am 30.06.2013 um 19.35 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#10310


Zu Abs. 1 von #10309: Ich stimme aufgrund meiner Erfahrung von vor über einem halben Jahrhundert nicht überein. Im Gegenteil halte ich sogar jede kulturministerlich verordnete Vereinheitlichung von Standards und auf Vergleichbarkeit ausgerichtete Veränderung im Schulwesen für gefährlich, weil sie die individuelle kulturelle Leistung des Lehrers nicht nur *gewalt*ig beeinträchtigt, sondern ihn (vgl. Abs. 2) zum bloßen Funktionär macht.
Ich jedenfalls habe zur Schlacht im Teutoburger Wald von meinen Lehrern eine Menge zum Leben der Römer, der Germanen, zur Schlachten*ordnung*(!), zur ungefähren Gleichzeitigkeit vom Leben von Arminius und Jesus von Nazareth gelernt und — was mich besonders amüsierte —, daß wir ohne den Sieg der Germanen damals jetzt keinen Deutschunterricht in unserm Schulsystem hätten, — all das nach fast zwei Millennien, wobei die Jahreszahl fast von allein im Gedächtnis blieb. Zu "freundlicher Betrachtungsweise [der] Äußerung der Ministerin" kann ich mich also weiß Gott nicht bewegen lassen, denn sie erschwert mit derart Gerede nur die Arbeit echter Lehrer. Jaja, und die schlechter Lehrer? Nun, wer hat die denn angestellt? Und deren Ausbildungskriterien zusammengestellt?

Noch zu "ein guter Historiker sei jemand, der ganz viele Ereignisse und Jahreszahlen einander zuordnen kann" etwas aus einem ganz anderen akademischen Gebiet, weil's mir zufällig im Gedächtnis geblieben ist: "Der bessere Kunsthistoriker ist der, der ein Dia mehr hat." Ich bin also gar nicht gegen Lehrer, die zu ihrer Sicht der Geschichte eine Jahreszahl mehr parat haben.
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Urs Bärlein
*

Dieser Beitrag wurde am 30.06.2013 um 17.19 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#10309


Mit der Schlacht im Teutoburger Wald hat Frau Wanka nicht einmal ganz unrecht. Die Schule neigt dazu, Wissen auf seine Abfragbarkeit hin zu organisieren. Das regelmäßige bleibende Ergebnis des Geschichtsunterrichts ist deshalb der Irrglaube, ein guter Historiker sei jemand, der ganz viele Ereignisse und Jahreszahlen einander zuordnen kann.

Leichte Kontrollierbarkeit ist auch der ganze Sinn der Dreikonsonantenregel. Bei Schwimmmeister erkennt der Lehrer sofort (na ja, wenn er sich ein bißchen Mühe mit dem Nachzählen der ms gibt), daß der Schüler einen Zusammenhang mit schwimmen hergestellt hat, bei Schwimmeister ist das nicht so klar.

Bei freundlicher Betrachtungsweise kann man die Äußerung der Ministerin also für nachgerade subversiv halten. Sie untergräbt das Fundament der wichtigsten Institution ihres Ressorts.
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Horst Ludwig
St. Peter, MN, USA

Dieser Beitrag wurde am 29.06.2013 um 18.36 Uhr eingetragen.
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Hat die mal was zu sagen, was wirklich neu wäre?

«Wanka kritisiert Lehrpläne: Simples Pauken von Fakten überflüssig

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat sich für die Entrümpelung der Lehrpläne ausgesprochen: "Das simple Pauken von Fakten halte ich für überflüssig", sagte die Ministerin in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Focus".

Berlin (dts Nachrichtenagentur) - "Kein Mensch muss wissen, wann genau die Schlacht im Teutoburger Wald war, wenn ihm nicht zugleich beigebracht wird, warum das historisch wichtig ist." Der Unterricht solle viel mehr Zusammenhänge vermitteln, "damit die Schüler Ereignisse der Weltgeschichte einordnen und bewerten können". Auch von einem "starren Bildungskanon" hält Wanka nichts.

Die Deutschlehrer sollten sich nicht auf die Klassiker etwa von Goethe beschränken. "Sie sollten Bücher heraussuchen, die berühren, die persönlichkeitsbildend sind - und die die Kinder auch erreichen", sagte Wanka. So entstehe Spaß am Lesen.»

(http://www.derNewsticker.de/news.php?id=266422&i=dtiaqa)

Bei der Rechtschreibreform hat sie jedenfalls ebenfalls sehr schnell gezeigt, daß sie keine Ahnung hatte, wovon sie so daherredete. (Vgl. Interview am 19.7.2005 um ca 20.45 live bei NBC GIGA.)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 24.06.2013 um 22.12 Uhr eingetragen.
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Spiegel online (Schulspiegel), 24. Juni 2013

Studie der Bertelsmann-Stiftung: Deutschlands Schulsystem gibt Kindern wenig Chancen
Von Lena Greiner

Deutschlands Schulen bieten kaum Möglichkeiten für einen Aufstieg. Der Lernerfolg eines Kindes wird weiterhin von der sozialen Herkunft der Eltern geprägt. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die alle 16 Bundesländer verglichen hat.

Hamburg/Berlin - Das deutsche Schulsystem ist ungerecht, schon lange. Es wurde kritisiert, schon oft. Und es ist noch immer ungerecht. Die Verantwortlichen ändern es nicht. Die soziale Herkunft der Eltern bestimmt weiterhin wesentlich den Schulerfolg des Kindes. Das zeigt der zweite Chancenspiegel über die Leistungen und Schwächen der Schulsysteme in den 16 Bundesländern, den die Bertelsmann Stiftung am Montag in Berlin vorlegte.

"Insgesamt geht es mit der Chancengerechtigkeit eher im Schneckentempo voran", sagt Jörg Dräger. Die Bertelsmann Stiftung, deren Vorstand Dräger ist, ermittelt zusammen mit den Universitäten Dortmund und Jena, wie gerecht und leistungsstark die unterschiedlichen Schulsysteme in Deutschland sind. Die aktuellen Zahlen zeigen, was sich diesbezüglich seit den alarmierenden Ergebnissen aus dem Schuljahr 2009/10 sowie seit Pisa und Iglu verändert hat.

Wie groß die Chancen für deutsche Schüler sind, soziale Nachteile zu überwinden und Potentiale zu nutzen, zeigt der Chancenspiegel anhand von vier Kategorien: Durchlässigkeit (Aufstiege und Abstiege), Kompetenzförderung, Zertifikatsvergabe (Schulabschlüsse) und Integrationskraft (Gemeinsames Lernen). Das Ergebnis: Was 2009/2010 mies war, ist auch 2011/2012 noch schlecht [Graphik-Verweis, siehe Quellseite].

Um Chancengleichheit für Kinder aller sozialen Schichten zu garantieren, müssten die Länder in allen Kategorien gut abschneiden. Da das aber bei keinem Bundesland der Fall ist, bleibt das Schulsystem in Deutschland im Prinzip ungerecht. Wer aus einem unteren sozialen Milieu stammt, hat wenig Chancen auf Aufstieg.

13 Prozent brechen in Mecklenburg-Vorpommern die Schule ab

Besonders auffällig sind die enormen Unterschiede in den Bundesländern. Ein paar Beispiele: In Mecklenburg-Vorpommern brechen mit einer Quote von 13,3 Prozent fast dreimal so viele Jugendliche die Schule ab wie im Saarland (4,8 Prozent). In Sachsen-Anhalt erreichen nicht einmal 37 Prozent die Berechtigung zu studieren, in Nordrhein-Westfalen sind es 59,1 Prozent.

In anderen Punkten schneiden die neuen Bundesländer jedoch besser ab als die alten Länder: So ist in Sachsen der Abstand zwischen Schülern oberer und unterer Sozialschichten nur etwa halb so groß wie in Bayern. Und in Brandenburg kommen auf einen schulischen Aufstieg (Wechsel von einer niedrigeren Schulform auf eine höhere) nur 1,8 Abstiege - in Bremen liegt das Verhältnis bei 1 zu 9,8. Das Risiko, in der Mittelstufe in eine niedrigere Schulart wechseln zu müssen, ist im Durchschnitt in Berlin, Bremen, Hessen und Niedersachsen viermal so hoch wie in Baden-Württemberg, Brandenburg, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Betrachtet man alle Kategorien zusammen, schneidet allerdings kein Land überall nur gut oder nur schlecht ab. "Die Bundesländer haben jeweils Stärken und Schwächen, alle haben Nachholbedarf", sagt Wilfried Bos, Direktor des Instituts für Schulentwicklungsforschung an der TU Dortmund.

Einige Ergebnisse im Vergleich:

• Durchlässigkeit: Noch immer steigen viel mehr Schüler ab als auf. Auf einen Aufstieg, also einen Wechsel von einer niedrigeren Schulart zu einer höheren, kommen 4,2 Abstiege. Im ersten Bericht waren es 4,3. Kein Bundesland verzeichnet mehr Aufwärts- als Abwärtswechsel.
• Der schon häufig bemängelte Kompetenzerwerb kann sich auch noch immer nicht sehen lassen. Das Leseverständnis der Grundschüler bewegt sich auf nahezu demselben Niveau der Iglu-Studie vor zehn Jahren - und ist weiterhin stark abhängig von der sozialen Herkunft: Damals wie heute liegen die Kinder aus niedrigen Sozialschichten bei der Lesekompetenz durchschnittlich um ein Jahr zurück.
• Bei der Zertifikatsvergabe, also den Schulabschlüssen, gibt es zumindest eine positive Tendenz: Weniger junge Menschen verlassen die Schule ohne Abschluss. Der Anteil der Schulabbrecher sank von 6,9 auf 6,2 Prozent. In demselben Jahr (2011) verzeichnete Deutschland zudem die höchste Quote an Schulabgängern mit Hochschulreife - mehr als jeder Zweite (51,1 Prozent) verließ die Schule mit der Möglichkeit zu studieren. 2012 allerdings sank diese Zahl wieder auf knapp 500.000, was aber immer noch vergleichsweise hoch ist.
• Die Integration von Kindern mit Förderbedarf lahmt ebenfalls. Jedes vierte dieser Kinder besucht zwar mittlerweile eine reguläre Schule, die Bedeutung der Förderschulen verringert sich aber nur langsam: Der Anteil der Schüler, die separat auf gesonderten Schulen unterrichtet werden, sank seit dem Schuljahr 2009/10 nur geringfügig von 5,0 auf 4,8 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil von Kindern in Ganztagsschulen nur von 26,9 auf 28,1 Prozent. Knapp 13 Prozent aller Schüler besuchen gebundene, also für alle Schüler verpflichtende, Ganztagsschulen.

Wenn der Ausbau der Ganztagsschulen in diesem Tempo weitergeht, dauert es laut Dräger noch mehr als 50 Jahre, bis für alle Kinder genug Plätze vorhanden sind. "Dabei bietet gerade die gebundene Ganztagsschule gute Möglichkeiten, den Einfluss der sozialen Herkunft zu verringern."


(www.spiegel.de/schulspiegel)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 18.04.2013 um 18.49 Uhr eingetragen.
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Märkische Allgemeine, 21. März 2013

Bildung: Neues Angebot: Stadt reagiert auf Kritik

Probleme beim Rechnen und der Rechtschreibung? Seit Kurzem bietet die Potsdamer Stadtverwaltung eine lerntherapeutische Beratung für Kinder mit Dyskalkulie und Legasthenie an. Die Beratung findet jeden ersten Dienstag im Monat von 16.30 bis 18 Uhr in Zimmer 434 im Haus 2 der Stadtverwaltung statt.

„Wir wollen an dieser Stelle unser Dienstleistungsangebot für die Eltern und deren Kinder verbessern“, so die Beigeordnete für Jugend und Gesundheit, Elona Müller-Preinesberger. Dazu ist sie allerdings auch verpflichtet: Die Sozialgesetzgebung schreibt vor, dass die Kommune für lerntherapeutische Kosten aufkommen muss. Zuletzt hatten Elternverbände die Stadtverwaltung kritisiert, weil diese bei der Prüfung und Gewährung von Förderanträgen zu restriktiv sei.

Nun hat es im Rathaus eine Gesprächsrunde gegeben, bei der die Stadtverwaltung sich mit verschiedenen Vertretern pädagogischer und lerntherapeutischer Einrichtungen aus ganz Brandenburg beraten hat. Bis zum Herbst soll nun auf Verwaltungsebene erarbeitet werden, wie die herrschende Gesetzgebung konkret umgesetzt werden soll. Dann wolle man sich erneut zusammensetzen.

„Gerade, wenn gesetzliche Vorgaben schwer verständlich sind, müssen die Eltern frühzeitig in die Verfahrenweisen der Verwaltung eingebunden werden“, verspricht Elona Müller-Preinesberger. Wie die Beteiligung und Information betroffener Eltern genau geschehen soll, ist aber noch offen.

Hintergrund der neuen Leistungen ist die laufende Debatte um Inklusion, also die Beteiligung lernbehinderter Kinder am normalen Unterricht. Die Umsetzung der Vorgaben durch den Fachbereich Soziales und Gesundheit soll gewährleisten, dass die Hilfen für die Kinder soweit wie möglich aus einer Hand kommen, heißt es aus der Stadtverwaltung. küp

Die lerntherapeutische Beratung für Kinder mit Dyskalkulie und Legasthenie findet jeden ersten Dienstag im Monat von 16.30 bis 18 Uhr in Zimmer 434 im Haus 2 der Stadtverwaltung in der Friedrich-Ebert-Straße 79-81 statt.


(http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12489829/60709/Neues-Angebot-Stadt-reagiert-auf-Kritik-Bildung.html)
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Manfred Riemer
Mannheim

Dieser Beitrag wurde am 16.12.2012 um 13.49 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#9762


Das ganze Dilemma mit der Ablehnung des "Frontalunterrichts" entsteht durch die unglücklich gewählte Bezeichnung. Woran erinnert denn Frontal- zuerst: Frontalangriff, Frontalzusammenstoß; die Frontalstellung ist vor allem eine feindliche, im Sport gegnerische Stellung. Der Lehrer wird als Feind bzw. Gegner hingestellt. Kein Wunder, daß sich die Meinung durchsetzt, das sei veraltet. Die Vorteile dieser natürlichsten aller Unterrichtsformen werden so in der Wahrnehmung unterdrückt.
Es ist das gleiche wie mit dem "Turboabitur", bei dem man nur an schnell-schnell und nachlässig denken soll, bloß nicht an effektiveres Lernen und daran, daß den jungen Erwachsenen ein ganzes Jahr mehr für die Familienplanung bleibt.
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Horst Ludwig
St. Peter, MN, USA

Dieser Beitrag wurde am 16.12.2012 um 09.20 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#9761


Parallel zur ihrer Rechtschreibreform hier etwas für die Kultusminister: "Es ist ein Witz: Die moderne Didaktik mit ihrem Anspruch, Chancengleichheit zu bringen, schadet denen am meisten, die Hilfe brauchen." ("Frontalunterricht macht klug", FAZ.net, 15.12., www.faz.net)
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Michael Krutzke
Bremen

Dieser Beitrag wurde am 11.10.2012 um 08.28 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#9541


Ich fände es besser, wenn man standardmäßig statt der Gleichung die Ungleichung lehren würde. Dann gäbe es unendlich viele richtige und im Grundkurs nur eine, im Leistungskurs n (<< unendlich) falsche Lösungen. Weniger Frust bei den Schülern, bessere Noten, mehr Abiturienten und vor allem: mathematisch völlig korrekt.
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Gunther Chmela
Raubling

Dieser Beitrag wurde am 10.10.2012 um 21.51 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#9539


Das ist eine sehr gute Idee, Herr Riemer! Der nächste analoge Schritt 6x6 = 36 bestätigt ja die Richtigkeit der neuen Rechenregel. Und noch weiter braucht eigentlich kein Mensch...
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Manfred Riemer
Mannheim

Dieser Beitrag wurde am 10.10.2012 um 14.06 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#9536


Eine Rechenreform nach dem Vorbild der Rechtschreibreform ist schon lange überfällig. Ziel sollte sein, das Rechnen für Schüler zu vereinfachen und Spitzfindigkeiten (Pi usw.) zu beseitigen. Außerdem ist es notwendig, das Rechnen mit den Erfordernissen der Gegenwart in Einklang zu bringen. Zum Beispiel ließe sich 4x4=14 (analog zu 5x5=25) viel leichter lernen und könnte sehr zur Überwindung der Euro-Krise beitragen. Natürlich müssen mehr Rechenreformschritte folgen.
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Oliver Höher
Braunschweig

Dieser Beitrag wurde am 09.10.2012 um 20.05 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#9534


Didaktik-Professor Hans Peter Klein „Ziel ist, möglichst viele Schüler das Abitur bestehen zu lassen“

09.10.2012 · Eine Untersuchung zeigt: Das Zentralabitur in Mathematik schaffen Schüler auch ohne große mathematische Kenntnisse.

Herr Klein, Sie haben die elfte Klasse eines G9-Gymnasiums in Nordrhein-Westfalen zwei Abitur-Klausuren in Mathematik schreiben lassen: einmal mit Aufgaben vor Einführung des Zentralabiturs und einmal mit Zentralabitur-Aufgaben. Im ersten Fall scheiterten 21 von 22 Schülern, im zweiten Fall scheiterten nur zwei Schüler derselben Klasse.

Das zeigt, dass für die neuen Mathe-Abituraufgaben Alltagswissen und Cleverness ausreichen, um zu bestehen. Wenn man in den einschlägigen Communities schaut, trifft man nach geschriebenem Zentralabitur dort zu fast allen Fächern auf Kommentare wie: „Warum habe ich überhaupt in den letzten Wochen Tag und Nacht gelernt?“ Oder: „Ich habe nur aus dem Arbeitsmaterial abgeschrieben, kam mir ganz doof vor.“ Ein Schulleiter gab diesen Rat: „Selbst wenn ihr in der Abiturarbeit wegen des meist umfangreichen Materials glaubt, nicht zurecht zu kommen, schreibt das ganze Material einfach ab, für ein ausreichend reicht das allemal.“ Und das ist nicht nur in Nordrhein-Westfalen so.

Ihre Untersuchung bezog sich auf einen Grundkurs. Was ist falsch daran, gerade dort anwendungsorientierte Mathematik zu betreiben statt mit dem Riemannschen Integral zu kommen?

Selbstverständlich ist ein Anwendungsbezug sinnvoll. Aber darum geht es nicht. Ziel ist, möglichst viele Schüler das Abitur bestehen zu lassen, und dafür verwendet man Aufgabenstellungen, an denen man nicht scheitern kann. Zu der konkret untersuchten Mathematik-Aufgabe: Sie kann jeder, der lesen kann, zumindest mit der Note ausreichend bestehen, ohne irgendetwas gerechnet zu haben. Dazu reicht - wie in fast allen anderen Fächern auch - Lesekompetenz aus.

Ist das für Leistungskurse anders?

Viele Mathematiklehrer haben mir bestätigt, dass dort im Abitur das fachliche Anforderungsniveau kaum höher ist, die Fragestellungen aber umfangreicher sind. In Biologie zum Beispiel gibt es auch anspruchsvollere Aufgaben, es ist aber immer eine dabei, die auch ein Acht- oder Neuntklässler ohne Probleme bearbeiten kann. Und warum sollte der Schüler diese nicht wählen?

Hört man von Schülern tatsächlich, dass sie sich durch die Abituraufgaben „verarscht“ fühlen?

In unserer Untersuchung hat ein Schüler in der deutlich anspruchsvolleren Mathematik-Abituraufgabe vor der Einführung des Zentralabiturs ein „gut“ und in der kompetenzorientierten Zentralabituraufgabe nur ein „ausreichend“ erzielt. Dabei galt er als mit Abstand Bester im Kurs. Er habe nach Schwierigkeiten gesucht, die nicht vorhanden waren, sagt er.

Ist es wirklich so, dass zwischen Schul- und Universitätsmathematik kein Zusammenhang mehr besteht?

Die Befürworter der neuen Didaktik argumentieren, es könne nicht Aufgabe des Gymnasiums sein, auf ein Studium der einzelnen Fächer vorzubereiten. Das müssten die Unis selbst machen. Gott sei Dank unterrichten aber viele Lehrer nach wie vor fachlich orientiert. Das hat bisher verhindert, dass der Karren gegen die Wand gefahren wurde.

Jeder zweite Mathe- und Ingenieurstudent wirft wegen mangelnder Vorkenntnisse im Fach Mathematik das Handtuch. Sind die Ansprüche der Universitäten zu hoch?

Bis um die Jahrtausendwende hat sich bezüglich des Anspruchsniveaus wenig geändert. Seit den OECD-Diktaten nach hohen Abiturienten- und Akademikerquoten ist das anders: Eine Nivellierung der Ansprüche auf breiter Front ist im Gange. Die Verantwortlichen argumentieren, dies sei sozial gerecht. Ich kann aber nicht erkennen, was daran gerecht sein soll, Schülern nicht vorhandene Leistungen als ausreichend zu attestieren. Denn letztlich dürfte dies gerade für diese Schüler zu einem Bumerang werden.

Das Gespräch führte Birgitta vom Lehn.

Quelle: FAZ-Netzausgabe vom 9.10.2012.
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 21.08.2012 um 13.34 Uhr eingetragen.
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junge Welt, 21. August 2012

Kringeln wir uns nicht mehr?
Schreibschrift in Seenot

Von Hagen Bonn

Unsere deutsche Sprache hat es auch nicht leicht! Wir wissen mittlerweile alle, daß im Hundekuchen kein Hund drin ist und daß ein Zitronenfalter kein Küchengerät ist. Und dann steckt uns allen noch die letzte Rechtschreibreform tief in den Knochen, da man seither ohne Wörterbuch nicht mehr sicher schreiben kann. Vom Coffee-Shop, der Lounge und anderen Highlights zur After-Hour wollen wir internationalistisch aufgeschlossen gerne schweigen. Haben Sie eigentlich schon mal »Gratisgeschenk« gegoogelt? Macht 42 Millionen Einträge. Erst kürzlich berichtete das Hamburger Abendblatt von »runden Kugeln«.

Und unsere Kinder? Angeblich schrumpft der von ihnen beherrschte Wortschatz. In den westlichen Bundesländern soll er sich seit den 1970er Jahren sogar halbiert haben. Dazu passen Pläne des Grundschulverbandes, die uns bekannte Schreibschrift (Schul-Ausgangsschrift beziehungsweise vereinfachte Ausgangsschrift) gegen eine Druckschrift (»Grundschrift«) zu ersetzen. Man meint, das Schreibenlernen würde den Kindern damit viel leichter fallen. Besonders Kinder aus dem sogenannten bildungsfernen Milieu bekämen so bessere Startmöglichkeiten im Land der begrenzten Bildungsmöglichkeiten. Kritiker verweisen darauf, daß die persönliche Handschrift dann der Vergangenheit angehöre und der nächste logische Schritt nur der sein kann, die Buchstaben gleich in die Tastatur einzugeben.

In Hamburg ist die »Grundschrift« schon möglich. In Bayern wird bald darüber entschieden. In vielen Bundesländern werden bislang erst die Druckbuchstaben gelernt und dann erst die Schreibschrift. Sind wir bald alle schnörkellos? Kringeln wir uns nicht mehr? Der einzeln gestellte Druckbuchstabe, ist das nicht Isolation, Entfremdung und Stanzwerk?

Das Einüben der Schreibschrift ist eine Kulturfertigkeit, die gleichzeitig Inhalt und Ergebnis einer hochverdichteten Koordinations- und Konzentrationsleistung ist. Andererseits zeigt die Geschichte der »deutschen Schreibschrift« (Sütterlin, Kurrent), daß Schreibschriften tatsächlich einmal aufgeschüttete Bildungsbarrieren einer aristokratischen Oberschicht waren und bürgerlichen und besonders proletarischen Schichten den Bildungserwerb künstlich erschwerten. Hieße das zukünftig, Bremens Grundschüler drucken und die in Hamburg schreiben in ihre Hefte? In diesem Sinne: »Schakkeline, Schastin, Käwinn – tu die Omma aus Meck-Pomm ma winken!«


(www.jungewelt.de)
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Kratzbaum
*

Dieser Beitrag wurde am 20.08.2012 um 12.54 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#9337


...die einfach nur ihren Job macht, aber an allem Schuld sein soll. (WELT-online)

Schuld /schuld scheint bsonders häufig zu Fehlern zu führen, die Neigung zur Verwechslung ist wahrscheinlich unheilbar. Möglicherweise verschwindet das prädikative "schuld" mit der Zeit vollständig aus dem Sprachbewußtsein der meisten.
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Manfred Riemer
Mannheim

Dieser Beitrag wurde am 19.08.2012 um 18.32 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#9332


"Personalerin" ist auch eine ungewöhnliche Wortschöpfung.
Aber ist wohl regulär.
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 19.08.2012 um 18.00 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#9331


Handelsblatt, 17. August 2012

Nachhilfe im Werksunterricht

[...]

Und doch hat sich in Sachen Ausbildung beim Familienunternehmen Zapp einiges verändert – mehr schleichend als offensichtlich. „Ich bin manchmal schon fast überrascht, wenn ich eine völlig fehlerfreie Bewerbung auf dem Tisch liegen habe“, sagt Vohla, sie scheint selbst etwas verwundert über ihre Aussage. Nach wie vor gebe es sehr gute Bewerbungen: Teilweise hätten die Bewerber jedoch massive Probleme mit der Rechtschreibung, von der Kommasetzung ganz zu schweigen. Fehler, die sie auch in den Bewerbungen von Abiturienten finden würde. Woher die Defizite kommen? „Fehlendes Können, das in der Schule nicht vermittelt wurde“, ist die Einschätzung der Personalerin, die seit fünf Jahren bei Zapp ist, „sicher auch verbunden mit mangelnder Sorgfalt“.

Ein K.O.-Kriterium beim Rennen um einen Ausbildungsplatz sind die Fehler in den Bewerbungen trotzdem nicht immer, wenigstens nicht, wenn es um den technischen Bereich geht. Vohla: „Wenn die Fehler nicht zu gravierend sind, alles andere aber stimmt, lade ich die Bewerber trotzdem ein.“ Dann weist sie die Schulabgänger allerdings auf ihre Fehler hin. Wer jedoch mit solch einer Bewerbung auf ein Vorstellungsgespräch für eine kaufmännische Ausbildung oder ein Verbundstudium hofft, der wartet vergeblich. Das sind Bewerbungen, die Vohla sofort aussortiert. Und so schafft es nur weniger als ein Zehntel von rund 950 Bewerbern zu einem Vorstellungsgespräch.

[...]

Auch wenn die Ausbildungsstellen bei Zapp besetzt sind: Das Bildungsproblem im Ausbildungsalltag bleibt. Deshalb gibt es ein zusätzliches Pflichtprogramm während der Ausbildungszeit bei Zapp: Werksunterricht. Einmal pro Woche für eineinhalb Stunden ist das eine Zeit, in der Fragen gestellt werden können und der Unterrichtsstoff der Berufsschulen vertieft wird. Mehr und mehr ist dieser Werksunterricht zur Nachhilfe geworden, weil eben häufig zu viel Grundwissen fehlt, vor allem in Mathematik. Zapp will den Standard der Ausbildung nicht senken, will auch in Zukunft für Qualität in der Ausbildung sorgen. Deshalb gibt es eben Nachhilfe für die Auszubildenden, die sie brauchen.

[...]


(www.handelsblatt.com)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

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Weser-Kurier, 23. Februar 2012

Handels- und Handwerkskammer beklagen hohe Fehlerquote
Junge Bremer kämpfen mit der Rechtschreibung
Von Thomas Joppig

Bremen. Die Rechtschreib- und Grammatikkenntnisse von Bremer Auszubildenden und Studenten haben sich in den vergangenen Jahren verschlechtert. Das beklagen Experten aus Handelskammer, Handwerkskammer und Uni. Die Erklärungsansätze dafür sind vielfältig.

Oft sind es beiläufige Momente, in denen deutlich wird, woran es bei manchem Azubi hapert. „In einem Baubetrieb hatte zum Beispiel ein Auszubildender Schwierigkeiten, den Weg zu einem Grundstück zu finden, weil er die Fahrtroute auf dem Plan nicht lesen konnte“, sagt Michael Weiß, Referent für Berufsbildung bei der Handwerkskammer Bremen. „Andere Azubis scheuen sich davor, Formulare oder Berichtshefte auszufüllen, weil sie nicht wollen, dass ihr Chef sieht, dass sie Probleme mit dem Schreiben haben.“

Immer öfter müssten Handwerksbetriebe Defizite auffangen. Weiß sieht die Hauptverantwortung bei den Schulen. „Natürlich haben es Jugendliche aus den sogenannten bildungsferneren Elternhäusern schwerer, weil sie von den Eltern weniger gut an Dinge herangeführt werden. Auch Jugendliche mit Migrationshintergrund haben es nicht leicht, wenn in der Familie kaum Deutsch gesprochen wird“, sagt er. „Dennoch kann nicht sein, dass Jugendliche die Schule mit einem Abschluss verlassen und trotzdem noch immer grundlegende Defizite im Lesen und Schreiben haben.“

18 Wörter - 13 Rechtschreibfehler

Eine Einschätzung, die Karlheinz Heidemeyer, Geschäftsführer für Aus- und Weiterbildung bei der Handelskammer Bremen, teilt. In den vergangenen Jahrzehnten habe die Zahl der Azubis, die Probleme mit Rechtschreibung und Grammatik haben, zugenommen, sagt er. "Neulich hatte ich ein Kündigungsschreiben, das aus gerade mal 18 Wörtern bestand aber 13 Rechtschreibfehler enthielt."

Zwar habe das schlechte Abschneiden Bremens bei der Pisa-Studie und anderen Bildungsrankings zu einem Umdenken in der bremischen Bildungspolitik geführt. „Das Bewusstsein hat zugenommen, dass Schule etwas mit Leistung zu tun hat.“ Dennoch rechnet Heidemeyer damit, dass es noch dauert, bis sich dieses Umdenken auch auf die Rechtschreibkompetenz künftiger Azubis auswirkt. „Zum einen braucht es Zeit, bis die Reformen der vergangenen Jahre wirklich greifen. Zum anderen dauert es, bis die Jugendlichen, die von diesen Reformen profitiert haben, die Schule beenden und eine Ausbildung beginnen.“ Derzeit sei in Bremer Betrieben noch immer zu beobachten, dass Azubis aus dem niedersächsischen Umland oft bessere Grammatik- und Rechtschreibkenntnisse mitbringen als Auszubildende, die in Bremen zur Schule gegangen sind.

Auch Studenten sind betroffen

Mit Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik haben aber nicht nur Azubis, sondern auch Studenten zu kämpfen. Hans Krings, Professor für Linguistik und Romanistik an der Universität Bremen, hat den Eindruck, dass sich die Rechtschreib- und Grammatikkenntnisse der Studierenden in den vergangenen Jahren verschlechtert haben. In Kursen fragt er die Studenten, was an dem Satz „Die Politiker konnten den Problemen nicht Herr werden“ falsch ist. Sein Fazit fällt ernüchternd aus: „In einem Kursus mit 20 bis 30 Studenten erkennen in der Regel nur zwei bis drei, dass es „der Probleme“ heißen muss.

Krings macht für diese Beobachtung mehrere Gründe verantwortlich. So habe sich durch die schnelle Kommunikation via SMS und Internet eine Art „Mischform zwischen geschriebener und gesprochener Sprache“ entwickelt. „Viele Leute schreiben so wie sie reden und machen sich keine großen Gedanken über Grammatik und Rechtschreibung.“ Zudem präge auch der Medienkonsum das Gefühl für Sprache und Rechtschreibung: „Die Frage ist, ob sich jemand nur oberflächlich informiert, oder ob er auch jemand auch mal ein gutes Buch oder eine Qualitätszeitung liest oder eine anspruchsvolle Fernsehsendung schaut.“

Mehr Fernsehen als Schule

Er wolle allerdings nicht in Kulturpessimismus verfallen, betont Krings. „Viele Studenten verbessern während des Studiums ihr Sprachgefühl, weil sie sich intensiver und bewusster mit Texten auseinandersetzen.“ Anders als Handels- und Handwerkskammer gibt er nicht den Schulen die Verantwortung für mangelhafte Rechtschreib- und Grammatikkenntnisse junger Menschen. Er sieht die Gründe eher in der Medienentwicklung: „Seit Einführung des Privatfernsehens hat sich zum Beispiel der Fernsehkonsum ständig erhöht. Das Fernsehen vermittelt vielen Jugendlichen inzwischen mehr sprachlichen Input als die Schule. Und wenn sie dann vor allem sprachlich wenig anspruchsvolle Sendungen wie etwa Doku-Soaps schauen, prägt das natürlich ihr Sprachgefühl.“

Empirische Studien, die eindeutig belegen, dass Jugendliche immer mehr Rechtschreib- und Grammatikfehler machen, gebe es bislang nicht, betont Krings. Eva Anslinger, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Akademie für Arbeit und Politik an der Uni Bremen, misstraut denn auch den Klagen von Handels- und Handwerkskammer. „Es wird heute einfach mehr geschrieben als früher.“ Als Beispiele nennt sie die in vielen Betrieben gängige Kommunikation per E-Mail, aber auch die verschärften Dokumentationspflichten in vielen Berufen – zum Beispiel bei Pflegekräften. „Je mehr geschrieben wird, desto stärker fallen Unsicherheiten in Fragen der Rechtschreibung und Grammatik auf.“


(www.weser-kurier.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

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Badische Zeitung, 1. August 2012 (modulo ClassGerman)

Zu viele Studienabbrecher – Unis sollen handeln
Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hat die Hochschulen aufgerufen, die Studienabbrecherquoten zu senken. Sie fordert, daß sich die Unis besser auf das Leistungsniveau der Studenten einstellen sollen.

"Die Hochschulen machen es sich zu leicht, wenn sie sich darüber beschweren, daß die Schüler nicht genug mitbringen", sagt Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne). Ebenso wie Schulen müßten sie sich der Tatsache stellen, daß junge Menschen wachsende Schwierigkeiten mit Lesen und Rechtschreibung hätten und mehr Zeit bräuchten, diese Fähigkeiten zu entwickeln.
Nach Informationen der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) liegt die Abbrecherquote der Bachelorabsolventen an den Universitäten im Bund bei gut einem Drittel (35 Prozent). Besonders hoch ist der Anteil derer, die vorzeitig das zuerst gewählte Studium beenden, bei Ingenieurwissenschaften (nur Bachelor) mit 48 Prozent, gefolgt von Mathematik/Naturwissenschaften (39 Prozent). Auch jeder dritte Student der Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften beendet sein Studium nicht mit einem entsprechenden Abschluß.

Bei einer Betrachtung der Erfolgsquoten aller Hochschulen (Bachelor und Master) schneidet Baden-Württemberg mit 84 Prozent vor Bayern (80,5 Prozent) bundesweit am besten ab. Der Südwesten liegt damit deutlich über dem Wert im Bundesschnitt (75 Prozent) und dem Schlußlicht Hamburg (64,5 Prozent). Bauer erläuterte, ein möglicher Grund für höhere Abbrecherquoten an den Universitäten als an den (Fach-)Hochschulen für angewandte Wissenschaften sei, daß an den Unis die Umstellung auf die Abschlüsse Bachelor und Master später vollzogen worden sei.

Sorgenkinder sind im Südwesten unter anderem die Juristen: Bei ihnen fällt an manchen Universitäten nahezu jeder Dritte durch die Prüfungen. Die meisten Jura-Studenten bestehen nach Beobachtung von Bauer das Examen ohnehin nur mit Hilfe privat bezahlter Repetitorien. "Das Studium muß aber so angelegt sein, daß man nicht auf private Lösungen zurückgreifen muß", fordert sie.

Ihr Ministerium befinde sich im Gespräch mit den Hochschulen darüber, auf welche Weise sich der Abbruch eines Studiums am ehesten vermeiden lasse. Für Bauer kommen dabei mehrere Schritte in Frage: eine engere Betreuung der Studenten durch die Dozenten, intensivere Vorbereitung von Klausuren, mehr Tutorien und Beratungsangebote für Studenten, kleinere Studienmodule vor allem im Jurastudium sowie der Aufbau von Studiengängen, die mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten zum Abschluß führen.

Hilfreich sei ein bereits existierender verpflichtender Onlinetest, mit dem die Studenten nach dem ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechenden Studiengang und Beruf suchen können. Wie die Schülerschaft sei eben auch die Studierendenschaft unterschiedlicher geworden, so Theresia Bauer. Auf diese Unterschiede müßten die Hochschulen mit verstärkter individueller Förderung reagieren. Allerdings könne trotz aller Bemühungen nie ausgeschlossen werden, daß Studenten sich umorientieren oder die Hochschulen verlassen, sagte Bauer. "Sich nach zwei oder drei Semestern für ein anderes Fach zu entscheiden, kann heilsam sein. Eine Abbrecherquote unter zehn Prozent ist aus meiner Sicht undramatisch."


(www.badische-zeitung.de)
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Manfred Riemer
Mannheim

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71 Prozent aller Schüler finden es gut, dass in der DDR jeder einen Arbeitsplatz gehabt hat. (#9199)

Dieser Satz sagt eigentlich gar nichts, denn man kennt die Frage nicht. Es kann sich sinnvollerweise um keine Wissensfrage, sondern nur um eine Frage nach der Einstellung handeln: Ob Vollbeschäftigung im Gefängnis höher bewertet wird als Selbstbestimmung mit Risiko in Freiheit. Wenn der Gefragte aus der Frage erst erfährt, daß in der DDR jeder Arbeit hatte, aber ansonsten keine Ahnung hat, dann ist es keine Einstellungsfrage mehr, sondern sie wird doch zu einer Wissensfrage, und zwar einer trivialen: Natürlich ist Vollbeschäftigung etwas Erstrebenswertes. Dann müßte man sich wundern, daß es nicht 100% sind, die das gut finden.
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Oliver Höher
Braunschweig

Dieser Beitrag wurde am 15.07.2012 um 16.21 Uhr eingetragen.
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Der historische Analphabetismus wächst

30.06.2012 · Schüler wissen mit zentralen geschichtlichen Ereignissen nichts mehr anzufangen. Unter jungen Leuten können an die 80 Prozent weder 1789 noch 1848 mit den entsprechenden Ereignissen verbinden.

Von Josef Kraus

Mit dem historischen Wissen der Deutschen steht es nicht zum Besten. Das betrifft nicht nur die schulisch und medial ausführlich behandelte Zeit des Nationalsozialismus. Nein, es geht auch um die Epochen vor 1933. Unter den jungen Leuten können an die 80 Prozent weder mit 1789 noch mit 1848 etwas anfangen. Würde man nach dem Mittelalter oder gar der Antike fragen, so wäre die Bilanz noch ernüchternder. Skandalös unterbelichtet oder von Legenden geprägt ist gut zwanzig Jahre nach dem Mauerfall sogar das Wissen der Schüler über die DDR. Laut einer Studie des „Forschungsverbundes SED-Staat“ der Freien Universität Berlin kennt mehr als die Hälfte der Schüler das Jahr des Mauerbaus nicht. Nur jeder Dritte weiß, dass die Mauer von der DDR gebaut wurde. 71 Prozent aller Schüler finden es gut, dass in der DDR jeder einen Arbeitsplatz gehabt hat. Außerdem sei es der Umwelt - und den Rentnern - dort besser gegangen als in der Bundesrepublik.

Die Zeit dieses historischen Analphabetismus wird bald vorbei sein, wenn es nach Lehrplankonstrukteuren und Geschichtsdidaktikern geht. Ganze Litaneien zu fördernder, historisch relevanter Kompetenzen hat man sich für einen neuen Geschichtsunterricht ausgedacht: die Frage-, Orientierungs-, Methoden-, Begriffs-, Strukturierungs-, Handlungs-, Analyse-, Wahrnehmungs-, Urteils-, Dekonstruktions-, Rekonstruktions- und die narrative Kompetenz. Einmünden sollen diese Kompetenzen - je nach Abstraktionsgrad - auf einer elaborierten, intermediären oder basalen Ebene in die Sprach-, Lern-, Sozial- und Personal-Kompetenz. Damit aber wird der „neue“ Geschichtsunterricht zum Problem, als dessen Lösung er sich ausgibt - so zum Beispiel das von Geschichtslehrern und Historikern zu Recht heftig kritisierte und 2011 in Kraft getretene hessische „Kerncurriculum“ Geschichte.

Verbalkosmetik, die nicht an den Wurzeln ansetzt

Die skizzierte geschichtsdidaktische Verbalkosmetik wird ihr Ziel verfehlen, weil sie nicht an den Wurzeln des historischen Analphabetismus ansetzt. Deshalb steht zu befürchten, dass mit der „modernen“ Kompetenzenpädagogik abermals eine Furie des Verschwindens in Szene gesetzt wird, ein endgültiges Verschwinden der konkreten Inhalte aus dem Geschichtsunterricht. Also Geschichtsunterricht ohne Geschichte?

Dabei hat der Geschichtsunterricht bereits zwei Amputationen hinter sich. Zum einen ist dem Schulfach Geschichte teilweise seine Eigenständigkeit abhandengekommen. In manchen deutschen Ländern wurde das Fach Geschichte mit Geographie und Politik/Sozialkunde, verschiedentlich sogar mit Wirtschaft zu einem Fächermix vereint. In Bremen heißt das Mischfach „Lernbereich Welt und Umwelt“, in Mecklenburg-Vorpommern „Weltkunde“, in Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz „Gesellschaftslehre“ und im Saarland „Lernbereich Gesellschaftswissenschaften“. Integriert in ein solches Sammelsurium, besteht aber die Gefahr, dass Geschichte verfremdet und gesellschaftspolitisch instrumentalisiert wird. Ideologisierte hessische und nordrhein-westfälische Rahmenrichtlinien der siebziger Jahre lassen grüßen.

Viele Unterrichtsstunden sind dem Schulfach verlorengegangen

Zum andern sind dem Schulfach Geschichte viele Unterrichtsstunden verlorengegangen, oder sie waren nie in größerem Umfang vorgesehen. Ein Schüler einer nichtgymnasialen Schulform hat dann in seiner gesamten Schullaufbahn je nach Bundesland von der fünften oder sechsten bis zur neunten oder zehnten Klasse, also in vier, fünf oder sechs Schuljahren, unter Einbeziehung von Stundenausfall gerade eben 150 bis 250 schulische Geschichtsstunden erlebt, ein Gymnasiast - ohne Oberstufe - zwischen 250 und 350. Das ist viel zu wenig für vier Jahrtausende Historiographie.

Eine Neubesinnung auf den „Bildungswert“ des Faches Geschichte - womöglich sogar als sogenanntes Kernfach - und auf konkrete Inhalte ist überfällig. Das Fach Geschichte ist anthropologisch enorm wichtig, denn es vermittelt die Einsicht in Endlichkeiten. „Das Leben wird zwar nach vorwärts gelebt, aber nur nach rückwärts verstanden“ (Søren Kierkegaard). Das Fach Geschichte fördert außerdem das Gefühl für Veränderungsprozesse. Es vermittelt einerseits Skepsis gegenüber Großideologien, Machbarkeitswahn, Geschichtsmythen, Manipulation und Missbrauch von Geschichte; es ermuntert andererseits, Chancen für Veränderungen abzuwägen und wahrzunehmen. Das Fach Geschichte leistet zudem einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Identität junger Menschen. Identität ist Partizipation am kulturellen Gedächtnis; als individuelle und kulturelle Identität erklärt sie sich eben nicht aus modisch definierten Kompetenzen, sondern nur aus der „Er-Innerung“ eines konkret fassbaren Erbes. Das ist auch der Grund, warum totalitäre Systeme zur Proklamation einer ewigen Gegenwart neigen. Im „Er-Innern“ liegt damit zugleich Chance, jedweder Indoktrination zu widerstehen.

Vor allem in Zeiten der Globalisierung hat der Geschichtsunterricht Orientierung zu leisten. Ein Zeichen für Unbildung dagegen ist es, sich einem Absolutismus der Gegenwart zu überlassen. Der unbehauste Mensch nämlich wird die Beliebigkeit und Oberflächlichkeit des „global village“ nur dann aushalten, wenn er Geborgenheit in Geschichte, Tradition, Kultur, Sprache und Nation findet. Allein deshalb darf es keinen Schulabgänger geben, der in seiner Schulzeit nicht wenigstens einmal einen obligatorischen, soliden chronologischen „Durchgang“ von der Urgesellschaft bis heute erfahren hat - einen Durchgang, der hoffentlich via Langzeitgedächtnis eben auch mit sehr konkreten Ereignissen, Personen und Jahreszahlen vertraut macht. Das ist unendlich wichtiger als das Geplänkel um vage Kompetenzen.

Wer zu wenig weiß, muss zu viel glauben, zum Beispiel zu viele Legenden. Das heißt: Junge Leute, sollen sie denn mündige Staatsbürger sein, brauchen fassbares historisches, ja kanonisches Wissen - Wissen als Bollwerk gegen den „Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft“ (Hermann Lübbe). Das Fach Geschichte sollte in diesem Sinn ein unbequemes und ein auch durchaus anstrengendes Fach sein dürfen.

Quelle: Netzausgabe der FAZ vom 30.6.2012.
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Oliver Höher
Braunschweig

Dieser Beitrag wurde am 15.07.2012 um 16.11 Uhr eingetragen.
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Der Master ist der Regelabschluss

14.07.2012 · Derzeit entscheiden sich drei Viertel der Bachelorabsolventen in Deutschland für ein Masterstudium. Das besagt eine neue Studie des HIS-Instituts für Hochschulforschung. Der Bachelor ist noch weit entfernt davon, zum Regelabschluss zu werden.

Von Lisa Becker

Zu den Zielen der Bologna-Reform, die vor zehn Jahren ins Werk gesetzt wurde, gehörte, den Bachelorabschluss zum Regelabschluss zu machen. Dass die deutschen Studenten davon noch weit entfernt sind, zeigt eine aktuelle Analyse des HIS-Instituts für Hochschulforschung. Danach entscheiden sich derzeit drei Viertel der Bachelorabsolventen für ein Masterstudium.

Damit wollen sie vor allem ihre beruflichen Chancen verbessern. 90 Prozent der Bachelors geben dies als Motiv an. Fast genauso wichtig ist ihnen, sich persönlich weiterzubilden und ihren fachlichen Neigungen nachzukommen. Die HIS-Forscher glauben, dass diese Motive auch künftig eine große Rolle spielen werden und rechnen deshalb nicht damit, dass sich an den hohen Übergangsquoten in nächster Zeit etwas ändert.

Offenbar glauben vor allem Universitätsstudenten, dass sie der Bacheloranschluss nicht genügend auf das Berufsleben vorbereitet hat. Dort ist der Anteil der Studierenden, die noch einen Master anschließen, mit 80 Prozent besonders hoch. Doch auch zwei Drittel der FH-Studenten streben den Master als Regelabschluss an.

Vor allem Studenten der Mathematik und Naturwissenschaften entscheiden sich für ein Masterstudium, in manchen Fächern liegt die „Masterquote“ bei 100 Prozent. In den Ingenieurwissenschaften liegt sie hingegen nur beim Durchschnittswert von drei Vierteln. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die meisten Ingenieure an Fachhochschulen ausgebildet werden.

FH-Bachelors machen den Master oft an der Uni

Mit dem Bachelor-Master-System sollte den Studenten außerdem die Möglichkeit eröffnet werden, „hybrid“ zu studieren, also den Master in einem anderen Fach zu machen als den Bachelor. Doch auch das geschieht nach der HIS-Studie noch selten. Relativ oft wählen Bachelors der Sprach- und Kulturwissenschaften ein rechts-, wirtschafts- oder sozialwissenschaftliches Masterstudium.

Recht häufig entscheiden sich hingegen FH-Bachelors für ein Masterstudium an der Universität, immerhin knapp ein Fünftel derjenigen, die nach dem ersten Abschluss weiter studieren. Besonders oft sind das Studenten des Maschinenbaus.

Masterstudenten sind regional sehr mobil

Bei der Wahl der Hochschule für das Masterstudium sind die Bachelorabsolventen regional sehr mobil. Das trägt dazu bei, dass fast alle das Masterstudium im Wunschfach beginnen können. Besonders einfach ist das in den Mint-Fächern.

Die Forscher rechnen allerdings damit, dass die Zulassungsbeschränkungen mit der wachsenden Zahl von Bachelorabsolventen und den weiterhin hohen Übergangsquoten in das Masterstudium zunehmen werden.

Quelle: Netzausgabe der FAZ vom 14.7.2012.
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Oliver Höher
Braunschweig

Dieser Beitrag wurde am 15.07.2012 um 16.00 Uhr eingetragen.
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Kenntnisse von Studienanfängern: Gute Selbstdarstellung, schlechte Sprachbeherrschung

15.07.2012 · Eine Befragung an den Philosophischen Fakultäten zeigt: Vielen Studienanfängern mangelt es an grundlegenden Kenntnissen. Manche sind sogar unsicher, wann der Zweite Weltkrieg war. Ein Interview mit Gerhard Wolf, dem Initiator der Umfrage.

Herr Wolf, Sie haben im vergangenen Herbst eine Umfrage an den Philosophischen Fakultäten zur Studierfähigkeit gemacht. Was ist herausgekommen?

Es war einigermaßen überraschend: Nicht nur weil wir einen hohen Rücklauf hatten - von 60 angeschriebenen Fakultäten haben etwa 30 geantwortet -, sondern weil wir auch viele Beispiele bekamen, die zeigten, wie sehr sich die Studierkompetenz geändert hat. Ich behaupte nicht, dass die heutige Studentengeneration dümmer ist, aber die Kompetenzen liegen heute auf einem ganz anderen Gebiet. Das macht den Geisteswissenschaften enorm zu schaffen.

Inwiefern?

Da sind zum Beispiel mangelnde Kenntnisse der Grammatik, also Tempora, Casus, Modi und Syntax. Eine Erklärung ist die veränderte Kommunikation in der Gesellschaft. Deshalb sind diese heute schon als elitär empfundenen Begriffe und ihre Bedeutung den Studenten vielfach fremd.

Ein Kollege führte kürzlich die Schlechtschreibung der Schüler auf fehlende Regelwerke in den Schulen zurück.

Das Regelwerk gibt es noch, aber es wird nur noch bis zur Mittelstufe abgeprüft. Wir müssen erkennen, dass die Sprachbeherrschung zugunsten von Medienbeherrschung und Techniken der Selbstdarstellung zurückgegangen ist. Deswegen sind nicht wenige Studienanfänger mit den formalen Ansprüchen der Textorganisation überfordert. Die Schulen vermitteln nicht mehr die wesentlichen Kulturtechniken. Es ist tragisch, dass die Universitäten darauf nicht vorbereitet sind.

Wie sieht es mit der Literaturkompetenz aus: Können Studierende heute besser mit Texten umgehen?

Sie gehen anders mit Texten um. Da ihnen die handwerklichen Analyseinstrumente und das historische Kontextwissen oft fehlen, versuchen sie es mit ihren subjektiven Empfindungen. Wenn man aber an Goethes Werther wie an einen Harry-Potter-Roman herangeht, erleidet man schnell Schiffbruch. Generell besteht eine mangelnde Fähigkeit, selbständig zu formulieren, zusammenhängende Texte selbständig zu schreiben und unterschiedliche Stilregister zu bedienen. Gleichzeitig sind die Universitäten heute auch stärker wissenschafts- und methodenorientiert als früher. Durch die Bachelorstudiengänge sind teilweise Inhalte in diese Module gekommen, die einen extrem hohen Wissenschaftsanspruch haben. Davon werden vor allem Lehramtsstudenten überfordert.

Sieht es dafür besser beim Textverständnis aus? Im Internet wird schließlich viel gelesen.

Es fehlt nach unseren Beobachtungen an der Fähigkeit, bei Vorträgen oder Vorlesungen mitzuschreiben. Die Studierenden verlassen sich auf Skripte, die sie im Netz nachlesen können. Es ist aber eine Kulturtechnik, dass ich einem Argumentationsgang nicht nur folge, sondern ihn auch umsetze in meine eigene Sprache.

Wie kommt es zu diesen Defiziten?

Es klingt banal, aber meiner Ansicht nach fehlt es an Training, an Leseförderung in der Schule.

Experten fordern Leseförderung vor allem für die Jungen.

Ja. Unsere Umfrage zeigt auch deutlich, dass die genannten Kompetenzmängel zu einer weiteren Verweiblichung der Geisteswissenschaften führen, weil Mädchen vieles noch besser beherrschen als Jungen. Die Bachelor-Studiengänge kommen den Mädchen ohnehin entgegen: Mädchen sind bekannt für schnelle Aufnahme und Reproduktion von Wissen. Jungen sagt man dagegen nach, etwas langsamer, dafür aber kreativer zu sein.

Hat sich wenigstens die Lage in den modernen Fremdsprachen verbessert? Auslandsaufenthalte sind ja heute fast selbstverständlich geworden.

Selbst englische Texte werden nicht flüssig gelesen, obwohl Englisch in der Schule zu Recht eine wichtige Rolle spielt. Es scheint aber nicht richtig vermittelt zu werden. Eine Erklärung ist die: Wenn man die Struktur der eigenen Sprache nicht ausreichend beherrscht, ist es schwer, im fortgeschrittenen Alter die Struktur einer neuen Sprache erlernen.

Diktatur und Demokratie können viele Schüler nicht mehr voneinander unterscheiden, zeigte gerade eine Studie. Gibt es ähnliche Erfahrungen mit Studenten?

Ja, es ist schon bedauerlich, wenn Studenten unsicher sind, ob der Zweite Weltkrieg im 19. oder 20. Jahrhundert war. Auch die Geschichte des Christentums ist vielen unbekannt. Die Gefahr ist, dass sich dadurch ein Aberglaube und eine antirationalistische Haltung ausbilden.

Das Gespräch führte Birgitta vom Lehn.

Quelle: Netzausgabe der FAZ vom 15.7.2012.
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 10.07.2012 um 13.44 Uhr eingetragen.
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Hamburger Abendblatt, 10. Juli 2012

Ferien in Hamburg
Immer mehr Hamburger Kinder verbringen Ferien an der Schule

Die Zahl der Hamburger Kinder steigt, die trotz Unterrichtspause geschult und betreut werden. Lernphasen wechseln mit Exkursionen und Projekten.

"Liebe Mama, lieber Papa. Lernsommer ist cool. Wir machen heute Wasserschacht", schreibt Lucas aus Neuwiedenthal auf eine Postkarte mit Hamburgmotiv. Das "l" hat Lucas vergessen. Nun ja, er ist ja auch hier, um seine Rechtschreibung zu verbessern.


(www.abendblatt.de, Artikel nicht frei zugänglich)
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Oliver Höher
Braunschweig

Dieser Beitrag wurde am 22.06.2012 um 10.15 Uhr eingetragen.
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So in ungefähr 20 bis 30 Jahren könnte für das deutsche Bildungssystem übrigens wieder Hoffnung bestehen. Denn Großbritannien hat nun offensichtlich endlich kapiert, daß das tolle britische Schulsystem nur Leute produziert, die nicht lesen, schreiben und rechnen können. Deshalb soll das einst so vielgepriesene GCSE wieder abgeschafft werden:


Return of O-levels: Michael Gove to get rid of GCSEs in exams shakeup

Two-tier system proposed with first new tests modelled on old O-levels planned for 2016

Nicholas Watt, chief political correspondent
The Guardian, Thursday 21 June 2012

Michael Gove is to scrap GCSE exams as the government accelerates its schools reforms to improve the teaching of core subjects.

Pupils across England will sit GCSEs for the last time in English, maths, physics, chemistry and biology in 2015, paving the way for more traditional exams modelled on the old O-levels the following year.

The education secretary has already scrapped the modular element of GCSEs and his education white paper last November signalled a major reform of the exams introduced by the Conservatives a quarter of a century ago.

But the decision to scrap GCSEs altogether and to revive O-levels, though possibly not the actual name, will be seen as one of the government's boldest reforms.

The move was signalled in an internal education department document leaked to the Daily Mail. The document says: "The Department for Education expects that existing GCSEs will disappear … Those starting GCSEs in 2013 are the last pupils who will have to do them."

The education department refused to comment on leaked documents. But it is understood that there are two broad elements to the reforms: the national curriculum, which sets out what secondary school pupils should be taught, will be scrapped; and a more rigorous exam system will be introduced.

Gove believes it is important to extend to all schools the freedom enjoyed by academies and free schools, which account for half of schools in England. There will also be one exam board for each subject. This means that schools will not be able to sign up for exam boards seen as easier.

Gove believes that the twin reforms will hand freedom to all teachers.

The changes mean that, by 2016, GCSEs will no longer count in league tables. The requirement for five good GCSEs graded A* to C will be scrapped, removing any incentive to study for the exams.

The changes will be introduced in stages. The new exams will be sat in the core subjects of English, maths and the three science subjects from 2016. Gove sketched out the following timetable for the next few academic years:

• The autumn of 2013 will be the last year that pupils will start studying for GCSEs in the core subjects.

• The autumn of 2014 will be the first year that pupils start studying for the new exams in the core subjects.

• The summer of 2015 will be the last time pupils sit GCSEs in the core subjects.

• The summer of 2016 will be the first time pupils sit the new exams.

Gove began his assault on GCSEs soon after taking office, when he ended the modular element. He believes pupils do not learn properly if they are coached to sit exams every term, which they can retake.

He wanted a return to the more traditional way of teaching a subject for two years and then requiring pupils to sit exams at the end of the course.

He told the Andrew Marr Show on BBC1 last June: "The problem that we had is that instead of sitting every part of a GCSE at the end of a course, bits of it were taken along the way. Those bits could be resat. That meant instead of concentrating on teaching and learning you had people who were being trained again and again to clear the hurdle of the examination along the way. That meant that unfortunately less time was being spent developing a deep and rounded knowledge of the subject.

"I think it's a mistake and I think the culture of resits is wrong. I think that what we need to do is make sure, certainly at GCSE, that you have a clear two-year run."

Stephen Twigg, the shadow education secretary, said: "Michael Gove must explain his changes to parents and pupils. Will going back to O-levels for some and CSEs for the rest really improve standards for all? Labour wants to see a robust, rigorous and broad curriculum and exam system that is trusted by parents, pupils and employers. We will set a series of tests to measure these changes.

With no secondary national curriculum how will he ensure a rigorous approach to learning in all schools? When the Tories abolished O-levels and introduced GCSEs in the 1980s they said standards would rise. Now they say they've fallen."

Gove's move comes as influential Tory MP Elizabeth Truss calls for the teaching of maths at core, preparatory or higher level to be compulsory until the age of 18 by 2015. in a report to be published on Thursday tomorrow. Truss said: "The government needs to take urgent action to address the lack of mathematics attainment in schools. Current failings are hampering social mobility and the UK's long term competitiveness. Let's make this year – when we celebrate Turing's centenary – that we start to climb back to the top of the maths table."

Quelle: The Guardian, 21 June 2012
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Horst Ludwig
St. Peter, MN, USA

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www.iagcovi.edu.gt/Homepagiag/.../grass_rolltreppe/grass_roll_text.pdf
Günter Grass in Reformschreibe! Fallen seine Sachen nicht noch ganz unter sein Copyright?
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Jan-Martin Wagner
Kiel

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GEW Hessen, 7. Mai 2012

Vergleichsarbeiten
GEW Hessen kritisiert Stresstest für Hessens Drittklässler

Als "sinnlosen Stresstest für Drittklässler" bezeichnete der Vorsitzende der GEW Hessen, Jochen Nagel, heute den Testmarathon, dem die Schülerinnen und Schüler der dritten Klassen ab Dienstag wieder ausgesetzt werden. Wie schon in den vergangenen Jahren sollen – als Folge des sogenannten Qualitätssicherungsprogramms [1] der Kultusministerkonferenz – im Mai wieder umfangreiche Tests geschrieben werden.

Dieser Testmarathon für die Kinder beginnt am 8. Mai mit Deutsch (Lesen), weiter geht es mit Deutsch (Rechtschreibung) am 10. Mai, Mathematik folgt am 15. und 16. Mai. Anders als in anderen Bundesländern ist in Hessen eine Teilnahme aller dritten Klassen durch das Kultusministerium verbindlich vorgeschrieben. Von Seiten des Kultusministeriums heißt es, "den Schulen dienen die Lernstandserhebungen zur internen Evaluation, zur Vergewisserung ihrer Arbeit, zur Schülerförderung und zur Weiterentwicklung des Unterrichts."

"Grundschullehrkräfte sehen die Tests als nicht kindgerecht an, sie bevorzugen andere Wege zur Förderung der Kinder und zur Weiterentwicklung ihres Unterrichts", betont die Vorsitzende (im Team) der Fachgruppe Grundschulen der GEW Hessen, Susanne Hoeth. "Lernfreude, Motivation, Neugier und Entdeckerhaltung werden durch diesen Testmarathon erheblich strapaziert. Moderner Grundschulunterricht, der auch den Anforderungen der UN-Konvention nach einem inklusiven Bildungssystem gerecht werden will, setzt am Lernstand des einzelnen Kindes an und hat seine individuelle Entwicklung im Blick."

Selbst Klassenarbeiten können inzwischen laut Verordnung in einem am einzelnen Kind orientierten individuell angepassten Rhythmus geschrieben werden. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn Kinder sich von den ungewohnten und umfangreichen Testformaten an gleich vier Tagen innerhalb von zwei Wochen überfordert fühlen. Frust und öfter auch Tränen sind die Folge.

"Wesentlich wichtiger als die Testergebnisse, die für die Lehrkräfte in aller Regel keine grundlegend neuen Informationen bringen, ist für die engagierten Pädagoginnen und Pädagogen doch die Frage, was passiert mit denjenigen Schülerinnen und Schülern, die in unseren Schulen hinter ihren Möglichkeiten zurück bleiben? Welche Unterstützung erfahren diese Kinder in unseren Schulen? Wann werden endlich die Rahmenbedingungen dafür geschaffen, dass alle in der Schule optimal gefördert werden können? Auch auf diese entscheidenden Fragen geben Bildungsstandards und Vergleichsarbeiten keinerlei Antwort", so Susanne H. Die GEW wird gemeinsam mit den Lehrkräften (u.a. auf einer Fachtagung im Herbst) darüber diskutieren, wie eine erneute Wiederholung dieser unsinnigen, aufwendigen und auch wissen-schaftlich umstrittenen Testerei im kommenden Schuljahr verhindert werden kann. "Dabei schließen wir auch einen Boykottaufruf keinesfalls aus", erklärten Hoeth und Nagel abschließend.

[1] Kern dieses Programms sind Bildungsstandards, in denen uniforme Erwartungen formuliert werden, was Schülerinnen und Schüler zu einem bestimmten Zeitpunkt können sollen. Um das zu überprüfen, werden zentrale Tests durchgeführt, die Lernstandserhebungen, Vergleichsarbeiten oder Orientierungsarbeiten genannt werden. Nicht nur die Begriffe variieren, sondern auch über Sinn und Zweck der Tests bestehen unterschiedliche Auffassungen. Hessen startete im Jahr 2002 mit eigenen Orientierungsarbeiten; seit 2010 beteiligt es sich an den bundesweiten Vergleichsarbeiten im 3. Schuljahr.


(bildungsklick.de)
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Jan-Martin Wagner
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dpa, 26. April 2012

Jobcenter muss Rechtschreibförderung bezahlen

Celle (dpa)- Auch Schüler mit der Deutschnote 3 haben grundsätzlich Anspruch auf eine kostenlose Zusatzförderung, wenn sie besondere Schwächen in der Rechtschreibung haben. Das entschied das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen.

Im konkreten Fall muss das Jobcenter nun die Lernförderung für zwei Kinder bezahlen, die die 6. und 8. Klasse einer Hauptschule besuchen, wie das Gericht in Celle mitteilte (Aktenzeichen: L7 AS43/12 B ER). Das Jobcenter hatte die Kosten nicht übernehmen wollen und argumentiert, dass die Versetzung der Schüler nicht gefährdet sei. Das Gericht jedoch betonte, dass sich die Rechtschreibung nicht nur auf das Fach Deutsch auswirke, sondern auf die Leistung in allen Fächern. Zudem sei die Rechtschreibung auch für den weiteren Lebensweg von großer Bedeutung. Nach Angaben der Schule floss die Rechtschreibnote nur zu zehn Prozent in die Gesamtnote im Fach Deutsch ein. Im Fall der beiden Schüler muss das Jobcenter nun zunächst bis zum Ende des Schuljahres wöchentlich vier Stunden zusätzliche Lernförderung bezahlen.


(siehe z. B. www.n-tv.de)
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Jan-Martin Wagner
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www.derwesten.de, 26. März 2012

Wo Schüler auf dem Tablet-PC statt im Schulheft schreiben

Essen/Neubeuern. In Bayern gibt es digitale Klassenzimmer ohne Stift und Papier. Schüler arbeiten nur noch mit Tablet-Computern. Der Schulleiter erzählt begeistert von dem Experiment und auch Experten loben den Ansatz: Das Schreiben am Rechner verbessere die Rechtschreibung der Schüler.

Es wirkt wie ein konservatives Internat, das Schloss Neubeuern in Bayern. In altehrwürdigem Gemäuer büffeln die Gymnasiasten, die Schulkleidung tragen müssen. Doch der Schein trügt. Das Privatgymnasium ist vielen Schulen voraus. Hier wird gewischt statt geblättert, gebeamt statt kopiert, gespeichert statt gelagert. Ab Klasse neun schreiben die Schüler nicht mehr in Hefte oder auf Tafeln, sondern auf den Bildschirmen flacher Tablet-Computer. Tinte und Papier gehören der Vergangenheit an. Neubeuern hat das Ende der Kreidezeit ausgerufen – und steht damit ziemlich allein auf weiter Flur. Mit der digitalen Schule tut sich Deutschland noch schwer.

Auf den Tablets können die Schüler schreiben, tippen und zeichnen

Dabei ist es gar nicht so schwer, meint Dr. Armin Stadler, Schulleiter des privaten Gymnasiums und Internats Schloss Neubeuern. Denn in den Klassen sitzen keine reinen Computerexperten, sondern ganz normale Schüler. Seit drei Jahren bietet die bayerische Schule den digitalen Unterricht an. Ab Klasse neun sind die Schreibtische der Schüler mit einer Dockingstation ausgestattet, die den Tablet-PC mit Strom versorgt.

Der Computer kann in den Tisch versenkt werden, sodass man ihn wie ein Heft benutzen kann. Damit dürfte auch die Sorge begraben werden, dass Kinder im digitalen Zeitalter die Schreibschrift verlernen. „Die Schüler können wie auf einer Tastatur tippen, einen Aufsatz mit einem digitalen Stift schreiben oder Formeln zeichnen“, erklärt Stadler.

Nur das Schulbuch ist noch aus Papier

Doch er sieht noch mehr Vorteile bei der Arbeit mit den Tablet-Computern. So lässt sich ein übersichtliches und platzsparendes Ordnersystem auf der Festplatte anlegen, in denen der gesamte Lernstoff gespeichert wird. Der Schüler kann mit drei Klicks schnell auf die Rechenaufgabe von vor zwei Jahren zurückgreifen. „Es geht nichts mehr verloren“, verspricht Stadler. Auch nicht, wenn der Server ausfällt, sagt er. Alle Daten werden im Minutentakt gespeichert.

„Wir merken, dass die Schüler organisierter sind und ihre Arbeit strukturierter wird“, schildert der Schulleiter seinen Eindruck. Hausaufgaben bekommen die Schüler per E-Mail geschickt. „Vergessen geht also schlecht“, weiß Stadler. Das einzige Papier, das es ab Klasse neun noch gibt, ist das Schulbuch.

Schulbuchverlage setzen auf digitale Schulbücher

Doch auch hier bewegt sich etwas. 27 Schulbuchverlage – darunter Klett und Cornelsen – haben sich zusammengeschlossen, um nach den Sommerferien mit digitalen Schulbüchern die Klassen zu erobern.

Doch sind die Schulen schon so weit? „Die Potenziale digitaler Medien sind in Deutschland noch nicht ausgeschöpft“, sagt Professor Dr. Silke Grafe von der Ruhr-Universität Bochum der NRZ. So hat die Pisa-Studie 2009 gezeigt, dass an Deutschlands Schulen elf Schüler auf einen Computer kommen. Mit diesem Verhältnis liegt die Bundesrepublik unter dem OECD-Durchschnitt (7,7:1).

Rechtschreibung verbessert sich durch Arbeit am Computer

Expertin Grafe plädiert für eine stärkere Nutzung von tragbaren Computern im Unterricht. „Verschiedene Fallstudien zeigen, dass mit dem Einsatz von Notebooks eine positive Veränderung der Fähigkeit zur Textproduktion und eine Verbesserung der Rechtschreibleistung verbunden ist“, sagt sie.

Doch die Installation von Computern allein macht keinen besseren Unterricht. Die Lehrer müssten das Medium auch sinnvoll einsetzen. Wie, das sollten Lehramtsstudenten bereits an den Unis lernen. „Aus meiner Sicht ist es außerordentlich wichtig, eine medienpädagogische Grundbildung als verbindlichen Bestandteil der pädagogischen Ausbildung zu verankern“, sagt Grafe.

Denise Ludwig


(www.derwesten.de)
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Jan-Martin Wagner
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Usinger Anzeiger, 30. Dezember 2011

Durch längeres gemeinsames Lernen Begabungen fördern

Aus der Schulgeschichte, Teil II - Das Konzept der Usinger Förderstufe

USINGEN. Im zweiten Teil seines Beitrags berichtet Heinrich Nitschke, der ehemalige Leiter der Usinger Konrad-Lorenz-Schule, über eine weit über die Grenzen des Taunus bekannt gewordene „Usinger Schulreform“: die Usinger Förderstufe.

Im Rahmenplan des deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen war der Begriff „Förderstufe“ 1959 geprägt und mit wissenschaftlicher Begründung nach festen Vorgaben und Inhalten ausgestattet worden. Es sollte die Förderung aller Kinder in den fünften und sechsten Klassen im Anschluss an die seit 1920 obligatorische vierjährige Grundschule in Form des Gesamtunterrichts erfolgen. Durch längeres gemeinsames Lernen und soziales Miteinander, unabhängig von der sozialen Herkunft der Kinder, forderten die Verfasser des Rahmenplans eine Schulreform, die in vielen Industrieländern seit Jahren praktiziert wurde. Begabung ist keine „reine Mitgift der Geburt“, sondern sie wird durch längeres gemeinsames Lernen und vielfältiges pädagogisches Handeln bei Elf- und Zwölfjährigen durchaus sehr nachhaltig gefördert. Schließlich sollte die frühzeitige punktuelle Auslese von Zehnjährigen und die Zuweisung in drei weiterführende Schulformen in Deutschland aufhören. Das formulierten die Verfasser des Rahmenplanes bereits im Jahr 1959.

Schon am 28. April 1960 begann in Usingen an der damaligen Grund-, Haupt- und Realschule mit Sonderklassen ein gründlich vorbereiteter Schulversuch mit der neuen Förderstufe. Der damalige Schulrat Otto Köth, vor allem aber Schulleiter Georg Wolfarth sowie zahlreiche reformbereite Lehrer aller Schulformen, starteten bei schwierigsten und sehr unzulänglichen Raumverhältnissen die Förderstufe. Das „Projekt“ hatte die Zustimmung der Elternschaft, der örtlichen politischen Gremien und die Genehmigung der Schulbehörden in Wiesbaden erhalten. All das erfolgte zeitgleich mit der Landschulreform im Kreis Usingen, dem kleinsten hessischen Landkreis. Die ständige wissenschaftliche Begleitung des Schulversuchs durch die damalige Hochschule für internationale pädagogische Forschung in Frankfurt sicherte das Vorhaben gegen beginnende örtliche Kritik.

Welche „Grundstrukturen“ hatte die Usinger Förderstufe, die mehr als 25 Jahre lang erfolgreich arbeitete? Im sogenannten „Kernunterricht“ - acht Unterrichtsstunden von den insgesamt 30 bis 32 Wochenstunden - waren die Fächer Erdkunde, Sozialkunde, Geschichte, Biologie, Chemie und Physik zusammengefasst. Den Lehrstoff für diese Kernfächer wählten Fachdidaktiker altersgerecht für Zehn- und Elfjährige aus. Er wurde nicht fachbezogen und in Fachstunden, sondern in Epochen und Gesamtthemen vermittelt. Eine solche Epoche dauerte in der Regel zwei bis drei Wochen.

Einige Themen-Beispiele: Wie der Strom in unser Haus gelangt? Fische, Fischzucht, Fischen, Aquarien; aus dem Mittelalter; Aufgaben unserer Gemeinde oder unserer Stadt; Weltmacht im Osten Europas. Der Deutschunterricht (fünf Stunden) war weitgehend dem Kern zugeordnet. Im sechsten Schuljahr erschienen im Lehrplan jedoch einige fachorientierte Stoffeinheiten mit Schwerpunkt Grammatik und Rechtschreibung.

Der Klassenlehrer unterrichtete in der Regel nicht nur den „Kern“, sondern ebenfalls Deutsch und möglichst auch Musik, Kunst und Polytechnik. Er war der Pädagoge, der alle seine Schützlinge während der zweijährigen Förderstufe objektiv kennenlernen, fördern und beurteilen sollte. Seine Arbeit und sein Tun wurden von den Eltern sehr genau, manchmal kritisch, doch meist positiv begleitet und beobachtet.

Der Unterricht fand für alle Schüler stets im gleichen Klassenverband statt. Sogar in den Fächern Englisch und Mathematik und auch im Sport blieben im ersten Schulhalbjahr der Klasse fünf alle Kinder in ihrem Klassenverband. Die sogenannte Ersteinstufung in vier und später in drei Niveaukurse in Englisch und Mathematik erfolgte in Klassenkonferenzen. Zwar wurde dabei die Beurteilung der Grundschule beachtet, doch Elternwünsche fanden keine Berücksichtigung. Ausführliche Elternberatungen, die Teilnahme an Lift- und Stützkursen im Sinne einer Fördermaßnahme, gehörten zum Angebot der Förderstufe. Terminierte Umstufungskonferenzen und Leistungsüberprüfungen durch genormte Arbeiten (Tests) in den A-, B-, C-, und D-Kursen korrigierten die Ersteinstufungen und überzeugten die Eltern von der verantwortungsbewussten Arbeit in der Förderstufe. Alle Kinder konnten sich nicht nur ständig in ausgesuchten Lehreinheiten erproben und selbst versuchen, sondern auch überprüfen und orientieren. Dabei leisteten Mitschüler und Lehrer Hilfen, etwa durch Kleingruppenunterricht und Binnendifferenzierung.

Basis für Reformvorhaben

In die Fachliteratur fand die Arbeit des Usinger Schulversuchs vor allem durch die Veröffentlichungen von Dr. Rommel und Uppleger positiven Eingang. Kultusminister, Staatsminister und fachkundige Besucher aus Politik und Gewerkschaften besuchten die Usinger Förderstufe, um sich vor Ort zu informieren, wie man Schulreform praktiziert. Die Förderstufe war in den 70er und 80er Jahren die Basis für alle Reformvorhaben des Schul- und Bildungswesens in Deutschland. Als das 25-jährige Bestehen der Usinger Förderstufe gefeiert wurde, formulierte Ludwig von Friedeburg, der ehemalige hessische Kultusminister, in seinem Festvortrag folgende Sätze: „1920 begann die vierjährige Grundschule für alle Kinder, nun gibt es eine gemeinsame Eingangsstufe - die Förder- oder Orientierungsstufe - in der Lehrer der unterschiedlichsten Schulformen gemeinsam unterrichten und Schüler fördern. Diese Reform der deutschen Schulstruktur wird in der Mittelstufenschule für alle Jugendlichen bis zur Klasse zehn fortgesetzt werden.“

Der Vorsitzende des Kreiselternbeirates in Usingen schrieb 1970 in einem Zeitungsbericht über die Ergebnisse und Erfolge der Förderstufenarbeit inhaltlich folgenden Text: Die Förderstufe sei eine segensreiche Arbeit für die Jugend und Kinder in unserem kleinen Landkreis. Die Zahlen der erfolgreichen Absolventen in der Realschule und die Abiturienten hätten sich fast verdoppelt. Schüler blieben in weiterführenden Schulen auch weniger sitzen, weil sie durch die Förderstufenarbeit „krisenfester“ geworden seien. Doch die Inhalte aller „Lobreden“ über Förderstufe und Schulreformen wurden um 1990 durch Änderung der politischen Mehrheiten in den meisten Bundesländern und Entscheidungen der obersten deutschen Gerichte zu den Akten gelegt.

Zweiteiliges Schulsystem

Nicht nur die originale Usinger Förderstufe gibt es nicht mehr. Eingangsklassen als Sexta und Quinta wurden überall wieder Wirklichkeit - in allen Gymnasien. Restförderstufen gibt es noch in den Gesamtschulen und für Haupt- und Realschüler in den neuen „Stadtteil- oder Gemeinschaftsschulen“. Das deutsche Schulsystem ist inzwischen „zweigliedrig“ geworden. Einerseits gibt es „Studienschulen-Gymnasien“ und andererseits „Schulen für die zweite Hälfte der Schülerschaft“. Das dreigliedrige System wird in den nächsten Jahrzehnten zweiteilig werden. Diese Reform wird von der Mehrheit unserer Bürgergesellschaft und der Politik gewünscht und akzeptiert - inzwischen sogar von einigen prominenten Reformern. Andererseits werden alle wissenschaftlichen Feststellungen zur positiven Entwicklung der Begabung durch Frühförderung im Kindergarten und die Vorteile von längerem gemeinsamen Lernen sowie die Mittelmäßigkeit der Leistungen und Kompetenzen unserer Schulen und Schüler von unserer Gesellschaft und den Verantwortlichen nicht wahrgenommen. Auch die Notwendigkeit der Integration der Kinder aus allen sozialen Schichten und Nationalitäten wird bisher kaum und nachhaltig durch unser Bildungssystem gefördert. Man verbleibt in traditionellen historischen Bereichen. Grundlegende Schulreformen werden vorerst weiter auf den Wartelisten bleiben. Reformer können nur hoffen.

Heinrich Nitschke


(www.usinger-anzeiger.de)
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Jan-Martin Wagner
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KMK-Pressemitteilung, 8. Dezember 2011

Ergebnisse der 336. Plenarsitzung der Kultusministerkonferenz am 8. Dezember 2011 in Berlin

Am 8. Dezember 2011 fand in Berlin die 336. Plenarsitzung der Kultusministerkonferenz unter dem Vorsitz ihres Präsidenten, Minister Dr. Bernd Althusmann, statt.

Im Mittelpunkt der Beratungen standen folgende Themen:

– Vorbereitung des IQB-Ländervergleichs 2012 zu den Bildungsstandards in den Fächern Mathematik, Biologie, Chemie und Physik für den Mittleren Schulabschluss
– Festlegung des Schwerpunktthemas für den Bildungsbericht 2014
– Stärkung der Fremdsprachenkompetenz
– Erhalt des immateriellen Kulturerbes der Menschheit
– Wahl des Präsidenten und des Präsidiums für das Jahr 2012

[...]

Senator Ties Rabe zum Präsidenten der Kultusministerkonferenz für 2012 gewählt

Mit Beginn des Jahres 2012 übernimmt Hamburgs Senator für Schule und Berufsbildung, Ties Rabe, die Präsidentschaft der Kultusministerkonferenz.
Zu Vizepräsidenten für das Jahr 2012 wählte die Kultusministerkonferenz:

1. Vizepräsident: Minister Stephan Dorgerloh, Sachsen-Anhalt
2. Vizepräsidentin: Ministerin Sylvia Löhrmann, Nordrhein-Westfalen
3. Vizepräsident: Minister Dr. Bernd Althusmann, Niedersachsen.

Staatsministerin Doris Ahnen (Rheinland-Pfalz) und Ministerin Prof. Dr. Johanna Wanka (Niedersachsen) gehören dem Präsidium der Kultusministerkonferenz als kooptierte Mitglieder an.


(www.kmk.org)
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Jan-Martin Wagner
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Spiegel online, 18. Dezember 2011

Analphabeten
Wenn die Beförderung zum Horror wird

Mehr Verantwortung im Job wünschen sich viele. Nicht Uwe Boldt. Weil er kaum lesen und schreiben kann. Eine Beförderung hätte den Hafenarbeiter fast ins berufliche Aus geschickt - fortan sollte er auch Papierkram erledigen. Jetzt paukt Boldt zweimal die Woche in einem Kurs.

Mit der Beförderung wurden Uwe Boldts schlimmsten Befürchtungen wahr. Er sollte die Schiffe im Hamburger Hafen jetzt nicht mehr nur be- und entladen, sondern bei Gefahrguttransporten auch den Papierkram übernehmen. Für Boldt, 52, eine unlösbare Aufgabe.

Lesen und schreiben hat er in der Schule nie richtig gelernt. Obwohl er mit den Wörtern an der Tafel oder in den Schulbüchern kaum etwas anfangen konnte, blieb er nicht ein einziges Mal sitzen. "In Klassenarbeiten hatte ich immer eine Sechs, aber mündlich habe ich einiges wieder rausgerissen", sagt Boldt. Und die Lehrer hätten ihn wohl auch deshalb immer versetzt, weil keiner die Zeit und die Motivation hatte, um das Problem wirklich anzupacken.

Nach einer Studie der Universität Hamburg können 7,5 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland so schlecht lesen und schreiben, dass sie als funktionale Analphabeten gelten. Das sind 14 Prozent der Bevölkerung. Und dass sie mit Buchstaben, Wörtern, Sätzen kämpfen, ist für viele ein Tabuthema.

Noch größer ist die Gruppe derjenigen, die zwar lesen und schreiben können - aber allenfalls auf Grundschulniveau. "Diese Menschen können vielleicht eine Boulevard-Zeitung lesen. Sie drücken sich aber so weit wie möglich darum, irgendetwas schreiben zu müssen", erklärt Ute Koopmann, Vorsitzende des Arbeitskreises Grundbildung beim Deutschen Volkshochschul-Verband.

Nur wenige Berufe kommen ohne Lesen und Schreiben aus

"Früher konnte man auch mit geringer Lese- und Schreibkompetenz durchaus seinen Platz in der Arbeitswelt finden - aber das wird immer schwieriger", sagt Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbands Alphabetisierung in Münster. Bei den meisten Betroffenen gebe es irgendein einschneidendes Ereignis, nach dem sie sich für einen Lese- und Schreibkurs anmelden.

Bei Uwe Boldt war es die neue Herausforderung im Beruf: "Mir war klar, so geht es nicht mehr weiter." Boldt suchte sich einen Kurs an der Volkshochschule. Zweimal pro Woche paukt er jetzt Lesen und Schreiben - seit neun Jahren. "Es geht halt nicht schnell", sagt Boldt. "Es wird aber langsam was. Das Schreiben geht eher noch kleckerweise, aber lesen klappt schon so gut, dass man durchs Leben kommen kann."

Meist sei es eine Kombination aus niedriger Lernfähigkeit und fehlender individueller Förderung in der Schule, durch die Menschen nicht richtig lesen und schreiben lernen, so Peter Hubertus. Die Hürde, als Erwachsener in einen Kurs zu gehen, sei dann extrem hoch: "Schließlich verbinden die meisten mit dem Lesen und Schreiben nur negative Erinnerungen." Nicht selten müssten deshalb erst einmal Blockaden gelöst werden.

Individuelle Kurse - aber nur wenige gehen hin

Die Kurse sind klein, damit eine individuelle Betreuung möglich ist. Meist wird nach Niveau unterschieden: Totale Analphabeten hätten oft schon Probleme, überhaupt eine Beziehung zwischen dem gehörten und dem geschriebenen Wort herzustellen, sagt Hubertus. "Für manche fängt München beim Hören nicht mit einem M an, Emmentaler aber schon. Und andere können sich kaum vorstellen, dass das Wort Kuh viel kürzer ist als das Wort Tausendfüßler - schließlich ist die Kuh ja viel größer."

Die meisten Betroffenen sind deutlich über diesem Niveau, können jedoch nur mit Mühe einen Einkaufszettel schreiben oder ihren Mietvertrag lesen. Den Schritt in den Unterricht wagen aber nur wenige: Von 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten besuchen nur rund 20.000 einen Leselern-Kurs.

"Die Menschen haben auch häufig so viele Probleme mit Geld, Gesundheit oder Familie, da ist das Lesen und Schreiben das Geringste", sagt Ute Koopmann vom Volkshochschul-Verband. Für manche seien auch die Kurskosten ein Problem: Obwohl rund die Hälfte der Betroffenen arbeitslos ist, bezahle die Arbeitsagentur häufig keine Lese- und Schreibkurse.

Für viele sei das ein zusätzlicher Schlag vor den Kopf, weiß auch Uwe Boldt: "Wir sind ja nicht dumm. Wir können und wollen ja arbeiten. Aber ohne Unterstützung stehen wir ziemlich allein vor der großen weiten Welt."

Marc Herwig, dpa/vet


(www.spiegel.de)
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Jan-Martin Wagner
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Die Welt, 15. Dezember 2011

Lehrer geben sozial schwachen Schülern schlechtere Noten
Studie belegt: Akademikerkinder profitieren von ihrer Herkunft. Forscher plädieren für Einführung eines standardisierten Leistungstests

Unterschiedliche Benotung selbst bei gleicher Leistung. Migrationshintergrund spielt kaum noch eine Rolle

Fast jeder Schüler wird von sich sagen, er sei einmal "ungerecht" benotet worden. Doch inwieweit hat etwa die soziale Herkunft Einfluss auf die Noten und auf die Empfehlung, welche weiterführende Schule das Kind besuchen soll? Dieser Frage sind Forscher der Universität Potsdam, der Universität Tübingen und der Universität Freiburg in der Schweiz im Auftrag der Vodafone Stiftung nachgegangen. Sie haben dafür die Daten dreier großer Bildungsstudien aus Deutschland (TIMSS, ELEMENT und TOSCA) sowie einer weiteren aus der Schweiz untersucht.

Ihr Fazit: Nicht nur die Leistung, sondern auch der soziale Hintergrund der Schüler beeinflusst die Noten wie auch die Empfehlung für die weiterführende Schule. Kinder aus bildungsfernen Schichten haben - selbst bei gleicher Leistung - durchschnittlich schlechtere Noten als Kinder aus Akademikerfamilien. Das könne sowohl in der Grundschule als auch am Ende der gymnasialen Oberstufe nachgewiesen werden, sagte Kai Maaz, Professor der Bildungswissenschaften an der Universität Potsdam.

Besonders gravierend wirkten sich diese sozialen Nachteile in der Schullaufbahnempfehlung beim Übergang von der Grundschule zum Gymnasium aus. Das wichtigste Merkmal des sogenannten sozialen Herkunftseffekts ist dabei die tatsächliche Leistung. Es beeinflusst aber nur zu knapp 50 Prozent die Notenvergabe. Zurückzuführen sind die sozial bedingten Leistungsunterschiede unter anderem auf die familiären Bedingungen und eine geringere Förderung durch das Elternhaus bei sozial schwachen Schülern. Die kognitiven Grundfähigkeiten der Schüler spielen bei der Benotung vor dem Hintergrund der Herkunft zu 21 Prozent eine Rolle, der Bildungshintergrund der Eltern macht 19,4 Prozent aus, die Frage, ob sich im Elternhaus Bücher befinden oder nicht, 18,3 Prozent. Ob Schüler einen Migrationshintergrund hatten oder nicht, spielte bei der Notenvergabe praktisch keine Rolle. Schüler aus Einwandererfamilien mit gleicher Leistung wurden auch gleich benotet.

Ermittelt wurde die Leistung durch standardisierte Tests. Bei 23,4 Prozent hatten die Schüler unterschiedliche Schulempfehlungen erhalten, obwohl sie im Test gleich abgeschnitten hatten. Zu 25,5 Prozent entstand die soziale Verzerrung bei der Empfehlung durch ungleiche Notenvergabe bei gleicher Leistung während der Grundschulzeit.

Aufgrund dieser Ergebnisse nahmen die Forscher eine Simulation vor. Derzeit liegt die Gymnasialquote von Arbeiterkindern bei 19,2 Prozent. Würde sich die soziale Herkunft nicht mehr auf die schulische Leistung auswirken, so würden nach dieser Berechnung 31,7 Prozent der Arbeiterkinder ein Gymnasium besuchen - und damit 12,5 Prozentpunkte mehr als jetzt. Würden Lehrer bei gleicher Leistung Arbeiterkinder nicht mehr ungleich benoten, so würde sich der Anteil auf 28,5 Prozent steigern. Und würden Eltern bei der Wahl der Schulform unabhängig von ihrer sozialen Schicht entscheiden, so würde der Anteil der Arbeiterkinder an den Gymnasiasten 32,5 Prozent betragen. Denn diese, so die Forscher, würde sich manchmal aus Unsicherheit, aus finanziellen Gründen oder aus Desinteresse selbst dann gegen das Gymnasium entscheiden, wenn das Kind eine entsprechende Empfehlung bekommen habe.

Auch die Lehrer wurden im Rahmen der Studien befragt: Ihren Angaben zufolge erhielt etwas mehr als jeder 20. Schüler eine Gymnasialempfehlung, obwohl die Lehrkraft persönlich diese für nicht wirklich angemessen hielt. Somit erhielt im Schnitt pro Klasse ein Schüler oder eine Schülerin eine "zu gute" Empfehlung. Deutlich wurde auch, welche wichtige Rolle Lehrer dem familiären und sozialen Umfeld der Schüler zumessen. Keine Belege fanden die Bildungsforscher hingegen dafür, dass Kinder aus sozial schwachen Familien deshalb schlechtere Noten bekommen, weil sie weniger Bereitschaft zeigen, sich im Unterricht anzustrengen.

"Die Studie zeigt, wie wichtig individuelle Förderung sozial schwacher Kinder ist, damit diese nicht schon in einem frühen Stadium ihrer Bildungslaufbahn wegen schlechterer Leistungen abgehängt werden", sagte Mark Speich, Geschäftsführer der Vodafone Stiftung Deutschland bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Die Tatsache, dass auch Noten und Schulempfehlungen zur sozialen Ungleichheit beitrügen, dürfe nun aber nicht zu verstärkter Lehrerschelte führen: "Vielmehr sollten die üblichen Formen der Leistungsdiagnostik und Übertrittsregelungen überdacht werden." Wie das geht, macht das Beispiel aus der deutschsprachigen Schweiz deutlich: Im schweizerischen Freiburg werden bei der Empfehlung für die weiterführende Schule nicht nur die Noten, die Einschätzung der Lehrer und die Wünsche der Eltern berücksichtigt. Die Schüler müssen zudem einen standardisierten Test absolvieren, der anonymisiert ausgewertet wird. Auch dessen Ergebnis fließt in die Bewertung mit ein.


(www.welt.de)
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Jan-Martin Wagner
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Welt online, 13. Dezember 2011

Studie
Migranten wollen ihre Kinder an der Uni sehen
Eltern mit Migrationshintergrund wollen keine Bildungsverlierer sein, sondern besser als der Durchschnitt. Sie schicken ihre Kinder früher und bei besseren Noten zur Nachhilfe.

Migranten gelten im medialen und politischen Diskurs als potenzielle Bildungsverlierer. Meist ist davon die Rede, dass es die Mehrheit ihrer Kinder nicht an höhere Schulen, ja nicht einmal bis zu einem Schulabschluss schafft. Offensichtlich hat dieses Urteil den Ehrgeiz derjenigen, über die da nicht selten unqualifiziert geredet wird, entfacht. Das zeigt eine Untersuchung des Marktforschungsinstituts TNS Emnid, die "Welt Online" exklusiv vorliegt. Befragt wurden 500 Eltern von Grundschulkindern, die beim Institut Studienkreis Nachhilfe bekommen.

Eltern mit Migrationshintergrund schicken ihre Kinder dabei früher und bei besseren Noten zur Nachhilfe. Nur vier Prozent der deutschen Eltern lassen ihre Kinder mit der Note zwei in einem Fach nach der Schule schon nachsitzen. Für elf Prozent der Migranten ist diese Note dagegen bereits Anlass dafür.

Ihr Anspruch ist, besser zu sein als der Durchschnitt. 54 Prozent wollen, dass ihre Kinder einmal aufs Gymnasium gehen, von den deutschen Eltern wollen das nur 25 Prozent. Und quasi alle (96 Prozent) sehen sie später auch an der Uni. Deutsche Eltern sind da etwas weniger ambitioniert (77 Prozent).

Weil der Leistungsgedanke offenbar ihr Handeln diktiert, ist es eine logische Folge, dass sich Migranten weniger über den Druck beklagen, der angeblich in der Grundschule ausgeübt wird. Nur 38 Prozent halten ihn für zu hoch, im Gegensatz zu 54 Prozent auf der Seite der Bürger ohne Zuwanderungsgeschichte.

Fokus speziell auf Türken

Aufschlussreich ist ein Blick auf die Qualifikation der Eltern. Während der Großteil der Eltern deutscher Kinder, nämlich 84 Prozent eine Ausbildung absolviert hat – und damit im Wesentlichen Nicht-Akademiker-Kinder Nachhilfe bekommen – finden sich unter den Migranten auffallend viele, die an der Uni waren. Möglicherweise verhindern Sprachbarrieren, dass diese Eltern – anders als die deutsche Vergleichsgruppe – ihren Kindern selbst helfen. Wenig verwunderlich, dass 90 Prozent ihrer Kinder demnach Nachhilfe in Deutsch erhalten (68 Prozent ohne Migrationshintergrund), 76 Prozent in Mathematik (69 Prozent).

Unter den befragten Eltern waren 38 Prozent türkischer Herkunft. Damit bestätigt diese punktuelle Befragung den allgemeinen Befund einer erst im Oktober vorgestellten Studie des Instituts Allensbach. Sie hatte den Fokus speziell auf Türken gerichtet. Die Befragten dokumentierten ebenfalls einen auffallenden Bildungsehrgeiz. 71 Prozent unterstrichen: „Meinen Kindern soll es später einmal besser gehen.“ In der Gruppe aller Eltern sagten dies nur 41 Prozent.

Um dieses Ziel zu erreichen, haben viele Migranten, gerade türkische, in den vergangenen Jahren eigene Schulen gegründet, oft aus Unzufriedenheit mit dem staatlichen System. In Berlin gingen aus einem Nachhilfeinstitut die Privatschulen des Vereins TÜDESB in Spandau hervor. Unterrichtssprache ist Deutsch. Maria Böhmer, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, sieht den Boom solcher Privatschulen aber nicht ohne Sorge. „Schulen müssen die ganze Vielfalt der Gesellschaft unter einem Dach haben.“


(www.welt.de)
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Jan-Martin Wagner
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Bild online, 30. November 2011

(Ähnlich auch unter http://mami.erdbeerlounge.de zu finden)

Jeder fünfte 15-Jährige Analphabet!
Ist mein Kind auch betroffen? Woran Eltern es erkennen können

Von Nicole Gast

Es sind erschreckende Zahlen, die der Rat für deutsche Rechtschreibung jetzt vorlegt: Jeder fünfte (!) 15-Jährige ist Analphabet!

Heißt: Er oder sie beherrscht grundlegende Regeln der Rechtschreibung nicht. Mehrere Studien und Befragungen hätten übereinstimmend diesen „erschreckenden Befund” erbracht. „20 Prozent Analphabetismus sind ein Skandal, den unsere Gesellschaft nicht hinnehmen darf”, so die Geschäftsführerin des Rates, Kerstin Güthert.

Wie kommt dieser hohe Prozentsatz zustande?

Güthert sieht verschiedene Ursachen. Vor allem: Kinder lesen zu wenig und bekommen zu wenig vorgelesen. Zudem komme die Vermittlung von Rechtschreibekenntnissen in der Lehrerausbildung zu kurz und in den Schulbüchern stehen lediglich die komplex formulierten, offiziellen Rechtschreiberegeln. Besser: Diese in verständliche Regeln je nach Altersstufe der Schüler übersetzen!

Wie können sich Kinder mit so einer Schwäche überhaupt durch die Schule bis hin zu einem Abschluss schummeln?

Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung: „Lehrer haben häufig mit großen Klassen zu tun und merken zunächst nicht, dass es bei einigen mit dem Lernen nicht klappt. Wenn es ihnen auffällt, fällt es schwer, passgenaue Unterstützung zu geben. Und manche denken sich „das ist jetzt zu spät, da hätte man früher was machen müssen“. Aus falschem Unterstützungswillen heraus, versetzen sie die Schüler, weil sie ihn/sie „nett“ finden oder es „schade um ihn/sie“ wäre.“

Die Schüler werden förmlich zum Abschluss „mitgeschleift“!

Hubertus: „Zudem arbeiten die Schüler meist mündlich sehr gut mit, um die schriftlichen Noten auszugleichen – oder bitten die Lehrer, Prüfungen mündlich ablegen zu dürfen. Manche ziehen sich zurück, andere spielen den Klassenclown.“

In ihrer Not werden viele Schüler kreativ: Sie lernen vieles auswendig, nehmen den Unterricht womöglich sogar per Diktiergerät auf, um die informationen von einer Vertrauensperson aufschreiben zu lassen.

Und woran erkenne ich, dass mein Kind eine Lese- oder Rechtschreibschwäche hat bzw. nicht auf dem Bildungslevel ist, auf dem es eigentlich sein sollte?

Hubertus: „Eine verzögerte Sprachentwicklung vor der Einschulung ist z.B. ein Risikofaktor fürs Lesen- und Schreibenlernen in der Schule.“

Ist das Kind schon in der Schule, sollten Eltern auf folgendes achten:
• es drückt sich vor den Hausaufgaben
• es zeigt seine Hausaufgaben nicht
• die Hausaufgaben wimmeln vor Fehlern
• es liest selten oder nur widerwillig und dann nur stockend, ohne den Text zu verstehen
• es lässt andere für sich vorlesen
• es hat schlechte Noten
• es schwänzt oft sie Schule
• es wird gehänselt, fühlt sich ausgegrenzt, gemobbt, isoliert.

Tipp für Eltern: Schreiben Sie Ihrem Kind etwas auf, was Sie ihm auch sagen könnten, z.B. einen kleinen Einkaufszettel. Oder fragen sie schriftlich, was es zum Essen geben soll. Wie reagiert es? Freut es sich, dass es das Geschriebene versteht und antwortet darauf – oder gibt es keine Reaktion? Letzteres könnte ein Hinweis auf eine potentielle Lernschwäche sein.

Wie können Eltern ihre Kinder unterstützen?

Hubertus: „Sie sollten vor allem nicht dem Lehrer die Schuld zuschieben, sondern lieber mit ihm zusammen nach Lösungen suchen. Man kann sich auch an schulpsychologische Beratungsstellen wenden – diese vermitteln auch bei Konflikten zwischen Schüler, Lehrer und Eltern. Zudem gibt es noch andere Hilfsangebote wie Kurse oder Nachhilfeunterricht.“

Was Eltern selbst tun können:
• dem Kind vorlesen und sich auch vorlesen lassen
• viel mit dem Kind sprechen und ihm zuhören
• die einseitige Beschallung durch TV und Internet runterschrauben
• das Kind beim Lernen unterstützen, keine Vorwürfe machen
• mit dem Kind singen und Gedichte auswendig lernen (fördert das Sprachbewusstsein)

Bereits im Februar 2011 kam die Analphabetismus-Studie „Leo” der Uni Hamburg zu dem Fazit, dass rund 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland keine einfachen Texte lesen und schreiben können. Gerade mal 20 000 von ihnen befinden sich laut Schätzungen von Peter Hubertus in Alphabetisierungskursen.

Die möglichen Gründe: Zeit, Geld und Scham.

Denn einen solchen Kurs zu machen heißt: alte Wunden aufreißen, sich seinen Schwächen stellen. Das alleine ist schwierig genug – aber die Kurse müssen die Teilnehmer auch noch selbst zahlen (Preise variieren stark, je nach Einrichtung). Rund 1200 Stunden würde es laut Schätzungen dauern, bis funktionale Analphabeten auf dem gleichen Stand sind wie "normale" Schulabgänger. Bei vier Stunden Unterricht pro Woche würde dies sechs Jahre dauern – eine viel zu lange Zeit, die die meisten nicht durchhalten.


(www.bild.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 22.10.2011 um 20.33 Uhr eingetragen.
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Süddeutsche Zeitung online, 20. Oktober 2011

Entwicklung von Jugendlichen
IQ kann sich in der Pubertät noch ändern
Von Christian Weber

Es ist vielleicht keine gute Idee, Schulkinder bereits sehr früh im Leben nach ihrer Leistungsfähigkeit zu sortieren. Britische Forscher haben nachgewiesen, dass der Intelligenzquotient entgegen der verbreiteten Annahme auch in der Pubertät noch steigen oder sinken kann.

Britische Neurowissenschaftler haben neue Gründe gefunden, wieso es vielleicht doch nicht so sinnvoll ist, Schulkinder bereits sehr früh im Leben nach ihrer Leistungsfähigkeit zu sortieren: Sie konnten nachweisen, dass sich der Intelligenzquotient (IQ) entgegen verbreiteter Annahme auch noch in der Pubertät deutlich ändern kann (Nature, online).

In ihrer Studie ermittelten die Forscher um Cathy Price vom University College London bei 33 Teenagern im Alter von zwölf bis 16 Jahren mit den üblichen Tests die verbale und nicht verbale Intelligenz.

Vier Jahre später wiederholten sie Tests bei den mittlerweile 15- bis 20-Jährigen. Zum Erstaunen der Forscher ergaben sich bei den einzelnen Probanden Abweichungen von bis zu 20 Punkten auf der IQ-Skala im Vergleich zur ersten Testreihe - und zwar nach unten und nach oben.

Mit anderen Worten: Ein Jugendlicher, der mit zwölf Jahren über einen durchschnittlichen IQ von 100 Punkten verfügt, könnte sich im Extremfall als 16-Jähriger der Hochbegabung genähert haben oder umgekehrt als fast schon lernbehindert gelten.

So überraschend diese Ergebnisse sind, haben die Forscher doch weitere harte Belege für die Richtigkeit ihrer Befunde. So fertigten sie parallel zu den Intelligenztests auch Hirnbilder mit einem Magnetresonanztomographen an. Diese zeigten, dass etwa bei gewachsener verbaler Intelligenz auch die Dichte der grauen Substanz in der Hirnregion gestiegen war, die für Sprachverarbeitung zuständig ist. Geänderte IQ-Werte korrelierten also mit Änderungen in der Hirnstruktur.

Unklar bleibt allerdings, wie diese Wandlungsprozesse zu erklären sind, und wieso die IQ-Werte bei einigen Probanden stiegen und bei anderen sanken.

Waren vielleicht einige der Jugendlichen Früh- oder Spätentwickler? Oder zeigt die Qualität des Schulunterrichts Auswirkungen? Studienautorin Price spekuliert, dass es sich vielleicht ähnlich verhalte wie bei der Fitness: "Ein Teenager, der mit 14 Jahren körperlich fit ist, kann mit 18 weniger fit sein, wenn er zu trainieren aufhört."

Eine weitere Frage sei, ob die Intelligenz auch noch bei Erwachsenen ähnlich schwanken könnte; schließlich sei auch deren Gehirn noch plastisch. In einem aber ist sich Cathy Price bereits sicher: "Wir müssen aufpassen, dass wir Leistungsschwache nicht in einem frühen Stadium abschreiben, wenn sie doch ihren Intelligenzquotienten in wenigen Jahren noch deutlich steigern könnten."


(www.sueddeutsche.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 16.09.2011 um 22.53 Uhr eingetragen.
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Hamburger Morgenpost, 16. September 2011

Neue Senatsstudie
Weniger als 100 Bücher? Dann kommt Ihr Kind nicht aufs Gymnasium!
Von Mathis Neuburger

Intelligenz, Eifer, Neugier: All das muss ein Kind haben, damit es aufs Gymnasium gehen kann. Oder einfach Eltern mit Büchern. Die Statistik zeigt: Gibt es im Haushalt mehr als 100 Bücher, geht ein Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit aufs Gymnasium. Bei weniger Lesestoff landet der Nachwuchs auf der Realschule.

Die am Freitag von Schulsenator Ties Rabe (SPD) präsentierten Zahlen sind ein weiterer Beleg, wie sehr der Erfolg in der Schule vom Elternhaus abhängt: 71 Prozent der Gymnasiasten in Klasse 10 haben mehr als 100 Bücher zu Hause. Bei 66 Prozent der Realschüler stehen weniger als 100 Bücher in heimischen Regalen. Und auch Schüler der bisherigen Gesamtschulden haben in der deutlichen Mehrheit (57 Prozent) wenig Lesestoff zu Hause.

Selbst wenn es ein Kind aus sogenanntem „bildungsfernen Elternhaus“ aufs Gymnasium schafft, liegen seine Fähigkeiten in den getesteten Bereichen Lesen, Englisch, Mathe und Naturwissenschaften rund ein Jahr hinter denen der Klassenkameraden mit bücherfreundlichen Eltern. Auf der Gesamtschule ist der Effekt noch höher. Nur bei Rechtschreibung liegen die Leistungen nicht ganz so weit auseinander.

Drastische Unterschiede gibt es auch zwischen Jungen und Mädchen. Bei der Rechtschreibung sind Letztere in allen drei bisherigen Schulformen ein bis 1,5 Jahre voraus. Und in Englisch liegen sie ein halbes Jahr vorn.

Dafür sind die Jungs in Mathe und Naturwissenschaften klar überlegen. 43 Prozent der Mädchen am Gymnasium und 55 Prozent an Gesamtschule und Realschule scheinen es gar nicht erst zu versuchen. Sie gehen in Mathe oft von vornherein davon aus: „Das verstehe ich nie.“

Ernsthaft Sorge bereiten Senator Rabe aber viele der Elftklässler in Gesamtschule sowie Berufs- und Aufbaugymnasien. Deren Leistungen in Mathe, Englisch, Lesen und vor allem Naturwissenschaften sind teilweise schlechter als bei durchschnittlichen Achtklässlern. Rabe: „Hier ist das erreichen des Abiturs fraglich.“


(www.mopo.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 17.08.2011 um 15.33 Uhr eingetragen.
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Stern online, 16. August 2011

Bildungsmonitor 2011
Experte hält Ranking für "dummes Zeug"

Sachsen und Thüringen erklimmen die Spitze, Schlusslicht ist Berlin: Der "Bildungsmonitor 2011" zeigt, dass es mit der Bildung in Deutschland aufwärts geht, sagen die Initiatoren der Studie. Doch ein Experte hält die Untersuchung für wissenschaftlichen Unfug.

Vor mittlerweile elf Jahren wirbelte die Pisa-Studie die deutsche Bildungslandschaft durcheinander, der Begriff hat sich eingebrannt ins kollektive Gedächtnis als Synonym für die damals mangelhafte Qualität der Schulen hierzulande. Mittlerweile hat sich viel getan, die Kultusminister haben Lehrpläne entrümpelt, den Unterricht auf den ganzen Tag ausgeweitet und Krippenplätze geschaffen. Mit Erfolg, wie sich zeigt, denn im jetzt erschienenen Bildungsmonitor 2011 der wirtschaftsnahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) haben sich alle Bundesländer seit Beginn der Studie im Jahr 2004 deutlich verbessert.

Sachsen und Thüringen an der Spitze

An der Spitze stehen laut Studie Sachsen und Thüringen. Die zwei Länder haben kräftig aufgeholt und die einstigen Spitzenreiter Bayern und Baden-Württemberg vom Thron gestoßen. Die Bildungsforscher der INSM loben allem voran das Betreuungsverhältnis: In Sachsen etwa werden knapp siebzig Prozent der Schüler den ganzen Tag in der Schule versorgt, dreimal so viele wie im Bundesdurchschnitt. In Thüringen unterrichtet ein Grundschullehrer nur 14,1 Kinder, weniger als in jedem anderen Bundesland.

So können sich die Lehrer besser um jeden einzelnen Schüler kümmern, was sich auch in besseren Schulleistungen niederschlägt. Bei den bundesweiten Pisa-Vergleichstests erzielten die Schüler aus Sachsen und Thüringen die besten Ergebnisse. Besonders freut sich die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft darüber hinaus über die hohe Zahl an Absolventen naturwissenschaftlicher Studiengänge, der sogenannten Mint-Fächer, die in der Wirtschaft derzeit händeringend gesucht werden. So kamen in Thüringen 13,3 Ingenieursabsolventen auf 100 beschäftigte Ingenieure - das ist deutschlandweit Spitze.

Den Ostdeutschen hilft die Demografie

Sicher haben die zwei Bundesländer eine Menge getan für ihre Erfolge im Bildungswesen, doch kommt ihnen auch ihre Bevölkerungsstruktur sehr entgegen. "In Ostdeutschland gehen die Schülerzahlen schon länger massiv nach unten" sagt Oliver Stettes vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, der die Studie leitet. Wenn der Staat die Zahl der Lehrer konstant hält, verbessert sich das Betreuungsverhältnis somit ganz von allein. Für Stettes ist dies aber kein Automatismus, stattdessen sagt er: "Die Kultusminister haben die demografische Rendite reinvestiert."

Nach den ostdeutschen Spitzenreitern folgen auf Platz drei und vier Bayern und Baden-Württemberg. Bayern liegt bei reinen Leistungstests nach wie vor an erster Stelle, also in Studien wie Pisa und der vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen der Berliner Humboldt-Universität. Doch die INSM moniert die fehlenden Mint-Absolventen: lediglich 4,4 Ingenieursabsolventen kommen hier auf 100 beschäftigte Ingenieure.

Berlin verharrt an letzter Stelle

An bundesweit letzter Stelle im Gesamtranking steht Berlin, das auch in den Jahren davor stets zu den Schlusslichtern gehörte. Viele Schüler mit Migrationshintergrund sitzen in den Klassenzimmern der Hauptstadt, was den Unterricht oft behindert. Hier hat die soziale Herkunft den größten Einfluss auf den späteren beruflichen Erfolg.

Hubertus Pellengahr, der Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, freut sich über den Beitrag, den sein Lobbyverband mit der Studie zur Bildungsdebatte leistet. Er sagt: "Wir wollen Wettbewerb schaffen um das beste Bildungssystem in Deutschland - ganz klar!" Schützenhilfe dabei bietet ihm Axel Plünnecke vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft. Die Studie liefere einen "Beitrag zum Bildungscontrolling" sagt er, eine genaue Vermessung der Ausgaben im Bildungssystem und ihrer Wirkung. Bis hin zum wirtschaftlichen Wert, den zusätzliche Studienabsolventen erzeugen, rechnet er alles auf Heller und Pfenning genau aus.

"Das ist medienwirksame Zauberei - sonst nichts"

Klaus Klemm, langjähriger Bildungsforscher und bis 2008 Beirat der Pisa-Studie, hält den Bildungsmonitor jedoch für wissenschaftlichen Unfug: "Solch eine Studie mit Rangliste zu erstellen, traut sich außer der INSM kein Wissenschaftler zu - denn es ist medienwirksame Zauberei, sonst nichts." Er stört sich daran, dass die Länder aufgereiht werden wie in der Bundesligatabelle. Die so vorgegaukelte Exaktheit existiert seiner Meinung nach nicht, man könne bestensfalls Gruppen von besonders starken und schwachen Bundesländern bilden, alles andere sei "dummes Zeug".

Klemm stört sich aber nicht nur an den wissenschaftlichen Methoden, sondern auch am vermeintlichen Ergebnis der Studie. "Durch die Studie könnte man den Eindruck gewinnen: Wenn ein Land möglichst wenig Kinder bekommt und wenig Migranten hat, hat es große Chancen im Ranking nach vorne zu kommen. Das kann aber nicht das Ziel der Bildungspolitik sein."

Pellengahr stört derlei Kritik indes wenig. Die Frage, ob man künftig von Berlin aus die Bildungspolitik für ganz Deutschland steuern sollte, verneint er lakonisch: "denn dann könnten wir ja kein Ranking mehr durchführen."


(www.stern.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 09.06.2011 um 20.44 Uhr eingetragen.
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Focus Schule online, 3. Juni 2011

Jugendsprache
Voll normal? Megasupergeil!

Wie verändert sich die Sprache der Jugendlichen durch Facebook und Chatten? Hört und liest man von Teenagern bald nur noch Kurzsätze im SMS-Stil? Ein Gespräch mit der Linguistin Christa Dürscheid.
Bei einer SMS wird nicht immer auf Grammatik, Kommasetzung und Rechtschreibung geachtet. Es werden Smileys eingefügt, Wörter, Abkürzungen und lautmalerische Ausdrucksweisen erfunden. Muss man sich deshalb um die Sprache der Jugend Sorgen machen? Werden auch in Deutschaufsätzen künftig nur noch unvollständige Sätze stehen? Und: Sind Teenager von heute überhaupt noch in der Lage, eine Diskussion mündlich zu führen?

Ja, das sind sie, beruhigt die Linguistin Christa Dürscheid von der Universität Zürich. In ihrer jüngsten Forschungsarbeit fand sie heraus, dass die neuen Medien keinen Einfluss auf die Rechtschreibkenntnisse und die Ausdrucksweise der Schüler haben. Der Beweis wird heute in Berlin erbracht, beim verbalen Schlagabtausch auf höchster Ebene: im Bundesfinale des größten Schüler-Rhetorikwettbewerbs „Jugend debattiert“.

FOCUS-SCHULE: Frau Dürscheid, die Veranstaltung „Jugend debattiert“ erscheint im Zeitalter von Skype, Facebook und Chat schon fast antiquiert. Diskutieren Jugendliche heute überhaupt noch?

Christa Dürscheid: Natürlich gibt es auch heute noch genug Situationen, in denen Jugendliche ihre Standpunkte mündlich vertreten müssen. Sei es in der Schule oder auch später im Studium oder im Beruf. Streitgespräche werden immer noch von Angesicht zu Angesicht geführt. Wenn Jugendliche miteinander chatten, hat das eher Plaudercharakter.

FOCUS-SCHULE: Man hat den Eindruck, dass Jugendliche heute nur noch online diskutieren und nicht mehr im realen Leben debattieren.

Dürscheid: Ich glaube nicht, dass das Internet oder die neuen Medien Einfluss darauf haben, ob Jugendliche heute noch diskutieren. Ein Chat ersetzt schließlich keine hitzige Diskussion, die muss man schon mündlich führen.

FOCUS-SCHULE: Und dann heißt es in jedem zweiten Satz: megasupergeil oder voll krass.

Dürscheid: Diese Kraftausdrücke sind völlig normal. Die Jugendlichen gebrauchen ihre eigene Sprache, um sich von den Erwachsenen abzugrenzen und eine Gruppenzugehörigkeit zu signalisieren.

FOCUS-SCHULE: Aber nicht immer sind solche Ausdrücke angemessen.

Dürscheid: Genau hier liegt die Herausforderung für die Jugendlichen. Sie müssen lernen, sich der Situation angemessen auszudrücken. Mit ihren Freunden können sie anders reden als mit ihren Eltern. Unsere Erfahrung ist, dass Teenager auch heute klar zwischen einem Vortrag in der Schule oder einer Diskussion mit den Freunden unterscheiden und ihre Ausdrucksweise anpassen können.

FOCUS-SCHULE: Inwiefern sollten Eltern denn die mündliche Sprache korrigieren? Wann sollten sie eingreifen?

Dürscheid: Gerade in emotionalen Situationen reagieren Jugendliche mit verbalen Kraftausdrücken. Hier ist es wichtig, Grenzen zu setzen und zu signalisieren, dass diese Ausdrücke nicht in jeder Situation angemessen sind. Aber letztendlich gilt hier – anders als in der Orthographie: Es gibt kein Richtig oder Falsch.

FOCUS-SCHULE: Apropos Orthographie: Sie haben in Ihren Studien herausgefunden, dass Chatten und Simsen sich nicht negativ auf die orthographischen Fähigkeiten der Schüler auswirken. Ist also die Sorge unbegründet, dass diese Art zu schreiben in der Schule Einzug hält?

Dürscheid: Ja, auch wenn der öffentliche Eindruck ein anderer ist. Die meisten Schüler wissen sehr wohl, ob sie einen Deutschaufsatz schreiben oder bei Facebook eine Nachricht auf die Pinnwand posten.

FOCUS-SCHULE: Wir müssen also keine Sorgen haben, dass in Zukunft in Deutschaufsätzen alles klein geschrieben wird oder Lehrer anstelle von „er lacht“ Smileys oder „lol“ vorfinden?

Dürscheid: Die Sprache verhunzt nicht. Schüler, die gut in Deutsch sind, können noch so viele SMS- und Chatnachrichten schreiben – ihre Fähigkeit zum grammatikalisch richtigen Schreiben wird nicht beeinflusst. Beim Chatten wird die mündliche Sprache der schriftlichen angenähert. Das heißt aber nicht, dass die Schüler sich in allen Situationen so ausdrücken.

FOCUS-SCHULE: Wissen Sie eigentlich, was ein Niveaulimbo ist?

Dürscheid: Sicher. Das ist das Jugendwort des Jahres 2010.

FOCUS-SCHULE: Es bezeichnet den Niveau-Verfall bei zum Beispiel Fernsehserien wie „Deutschland sucht den Superstar“. Sprechen Jugendliche wirklich so?
Dürscheid: Ich bezweifle stark, dass Jugendliche dieses Wort häufig benutzen. Ich glaube eher, dass hier nach Originalität ausgewählt wurde.


(www.focus.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 31.05.2011 um 17.39 Uhr eingetragen.
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Kieler Nachrichten online, 27. Mai 2011

2400 Schüler an Beruflichen Gymnasien betroffen
Bildungsministerium hebt Abi-Noten an

Kiel - Für die meisten Abiturienten waren die Aufgaben wohl zu schwer. Das Bildungsministerium hebt die Noten im Fach Mathematik an. Grund: Mehr als die Hälfte der Schüler erreichte nur die Note mangelhaft.

Betroffen sind 2400 Schüler an den Beruflichen Gymnasien in Schleswig-Holstein. Wie das Ministerium für Bildung und Kultur am Freitag mitteilte, wird die erreichte Punktzahl um 20 Prozent angehoben, weil mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler unter 5 Punkten (mangelhaft) lag - deutlich mehr als in den Vorjahren.

Eine Expertengruppe, die seit drei Jahren die Einführung neuer Lehrpläne begleitet, habe diese Aufstockung der Ergebnisse empfohlen, heißt es. Erstmalig seien in diesem Jahr die Mathematik-Abschlußarbeiten zentral geschrieben worden, teilte das Ministerium mit. Verunsicherungen der Schülerinnen und Schüler sowie Anfangsprobleme bei der Umsetzung der neuen kompetenzorientierten Lehrpläne könnten zu den problematischen Ergebnissen beigetragen haben.

Das Ministerium kündigte die Ausweitung der Fortbildung für Mathematik-Lehrkräfte an und hat bereits eine Arbeitsgruppe zur Überarbeitung der Lehrpläne eingesetzt.


(www.kn-online.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 18.05.2011 um 18.04 Uhr eingetragen.
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Märkische Oderzeitung online, 14. Mai 2011

Grundschüler sollen mindestens 700 Wörter beherrschen
Frankfurt (Oder) (moz) Das Brandenburger Bildungsministerium zieht Konsequenzen aus dem schlechten Abschneiden der märkischen Schüler im Vergleich der Bundesländer. Ab kommendem Schuljahr sollen die Lehrer an den Grundschulen einen verbindlichen Wortschatz mit 700 Begriffen vermitteln.

Wörter wie Thermometer, Skizze oder Nahrung fallen spätestens mit Beginn des nächsten Schuljahres öfter als sonst im Deutschunterricht an den 3. und 4. Klassen der Grundschulen. Es sind nur drei auf einer langen Liste, die das Bildungsministerium nach bayerischem Vorbild mit einem Anschreiben den Schulleitern an die Hand gab – mit dem Auftrag, sie „durch häufigen Gebrauch anzueignen“.

Mindestens 700 Wörter soll nach Ansicht des Ministeriums der Grundwortschatz eines Viertklässlers umfassen. Nicht irgendwelche, sondern verbindlich festgelegte Begriffe, „die entweder häufig vorkommen, Rechtschreibmuster und -regeln repräsentieren oder im Sprachgebrauch der Kinder bedeutsam sind“, heißt es in einem Schreiben an die Schulen. „Wir haben beim Ländervergleich gesehen, dass unsere Schüler bei Textverständnis und Rechtschreibung nicht gut abgeschnitten haben“, sagt Ministeriumssprecher Stephan Breiding. Bei der Überprüfung von Neuntklässlern im vergangenen Jahr belegten die Brandenburger Schüler Platz 13 im Ländervergleich, beim Hörverständnis Platz 14, bei der Rechtschreibung Platz 15.

Dieses Armutszeugnis möchte sich das Land nicht noch einmal ausstellen lassen und hat bereits im Dezember 2010 ein Qualitätspaket geschnürt, das neben dem verbindlichen Sprachwortschatz für die ersten bis vierten Klassen auch gezielte Fortbildungsangebote für Englischlehrer beinhaltet. Die Ergebnisse im Englisch-Vergleich waren nämlich noch dramatischer als die in Deutsch.

Beginnend in der ersten Klasse werden den Abc-Schützen ab nächstem Schuljahr vorgegebene Begriffe eingeimpft. Darunter sind sowohl Zahlen, Farben, Monate und Wochentage als auch Wörter wie Euro und Cent. Hinzu kommen die nach Ansicht von Bildungsexperten 100 häufigsten Funktionswörter – Artikel, Präpositionen und Hilfsverben. „Wir brauchen diese Grundkompetenzen“, sagt Breiding.

Dass es um das Sprachvermögen von Grundschülern nicht sonderlich gut bestellt ist, bekommt auch Katrin Zitzmann, Vorsitzende des Landesverbandes der Logopäden in Brandenburg, bei ihrer täglichen Arbeit zu spüren. Bei vielen Kindern, sagt sie, ist der Wortschatz nicht ausreichend entwickelt. Allerdings kann sie das nicht mit Zahlen belegen. Und auch im Zentrum für angewandte Psycho- und Patholinguistik Potsdam (Zapp) weiß Therapeutin Anna Kurth von kleinen Patienten zu berichten, bei denen die Sprachproduktion verspätet einsetzt. „Das hat die verschiedensten Ursachen und geht durch alle gesellschaftlichen Schichten“, betont sie.

Die bildungspolitische Sprecherin der Bündnisgrünen im Landtag, Marie Luise von Halem, zweifelt an der aus Bayern importierten Sammlung. „Die Pisa-Ergebnisse verbessern wir nicht mit einem verbindlichen Grundwortschatz“, sagt sie und verweist auf Defizite in Kitas, wo bei 20 Prozent aller Kinder ein Sprachförderbedarf diagnostiziert worden ist. „Solange wir weder diese Kinder ausreichend fördern, noch insgesamt den Betreuungsschlüssel weiter verbessern, ist ein verbindlicher Grundwortschatz nur ein armseliges Herumdoktern an den Symptomen“, ist die Politikerin überzeugt.


(www.moz.de, Wortlisten unter docs.google.com)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 03.05.2011 um 21.59 Uhr eingetragen.
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Tagesschau-Nachrichten online, 3. Mai 2011

Viele Absolventen schaffen Berufseinstieg
Studie stellt Bachelor gutes Zeugnis aus

Den meisten Bachelor-Absolventen gelingt der Berufseinstieg gut. Etwa die Hälfte der Absolventen von Fachhochschulen und ein Viertel der Universitätsabsolventen starten nach dem ersten akademischen Abschluß in den Job. Das ergab eine Studie des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, die jetzt in Berlin vorgestellt wurde.

"Die Bachelor-Absolventen sind auf dem Arbeitsmarkt angekommen", sagte der Präsident des Stifterverbands, Arend Oetker. Der Abschluß sei besser als sein Ruf. Auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan äußerte sich zufrieden über die Studienergebnisse. Der Bachelor werde "immer mehr zur Selbstverständlichkeit", sagte sie.

Jobzufriedenheit bei Bachelor-Absolventen

Nach einem Jahr im Job ist laut der Studie die Mehrheit der Absolventen mit Vergütung, Aufgaben und Karriereperspektiven zufrieden. Übergangsjobs, Praktika oder Arbeitslosigkeit nach dem Abschluß seien selten.

Das System von Bachelor und Master war in den vergangenen Jahren nach und nach eingeführt worden, um die Studienabschlüsse in Europa zu vereinheitlichen. 2009 waren Zehntausende Studenten in Deutschland auf die Straße gegangen, um gegen die Studienbedingungen im neuen System zu protestieren. Sie beklagten unter anderem zu starre Strukturen und eine zu hohe Arbeitsbelastung. Seitdem laufen Bemühungen, die Probleme auszuräumen.

Immer noch zuviel Stoff

Kritik gibt es laut der Studie aber auch weiterhin. Die Befragten - Studenten, Absolventen und Unternehmen - monierten unter anderem einen fehlenden Praxisbezug und eine Überfrachtung der Bachelor-Studiengänge. Wissenschaftler befragten für die Studie in der zweiten Jahreshälfte 2010 rund 1500 Unternehmen und 10.000 Bachelor-Studenten, Bachelor-Absolventen und Studenten traditioneller Studiengänge.


(www.tagesschau.de, modulo ClassGerman)
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Jan-Martin Wagner
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Dieser Beitrag wurde am 03.04.2011 um 17.42 Uhr eingetragen.
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Schwarzwälder Bote, 1. April 2011

Furtwangen
Rektoren zu Gast bei Firma Reiner

Von Stefan Heimpel

Furtwangen. Zu Gast bei der Firma Reiner waren die Schulleiter des Oberen Bregtals. Neben grundlegenden Informationen über die Firma und ihre Produkte ging es vor allem um die Ausbildung und damit um das Zusammenspiel zwischen Schule und Betrieb.

Eine zentrale Forderung von Betriebsleitung und Ausbildern an die Schulen war, mehr Wert auf Deutsch und die Rechtschreibung zu legen.

Einmal pro Jahr, inzwischen bereits zum sechsten Mal, machten sich die Schulleiter aus dem oberen Bregtal auf, um einen der hiesigen Industriebetriebe kennen zu lernen. Mit dabei waren Bürgermeister Josef Herdner und Hauptamtsleiterin Carmen Grieshaber.

Nach einer Begrüßung durch die Geschäftsleitung sowie einer kurzen Einführung folgte als erster Punkt ein Einblick in die Fertigung. In kleinen Gruppen wurden die Schulleiter durch den Betrieb geführt. Anschließend trafen sie sich zu einer Gesprächsrunde. Der geschäftsführende Rektor Adalbert Oehler betonte, dass die Gespräche auch für die Schulleiter von großer Bedeutung seien.

Nicht zuletzt könne man hier erfahren, welche Anforderungen die Betriebe an die Schule stellten. Beim Thema Ausbildung der Kaufleute wurde deutlich, dass die Absolventen der Schulen immer wieder Probleme mit Deutsch haben.

Vor allem die Rechtschreibung weise große Mängel auf. Rektor Oehler wies darauf hin, dass in den Bildungsplänen für Schulen auf die Rechtschreibung nicht mehr so viel Wert gelegt werde. Auch wenn die Schulleiter selbst dies für wichtig halten, die Schwerpunkte in den Bildungsplänen sind andere.

Firmenchef Andreas Reiner machte deutlich: Gehen Schreiben mit Fehlern an Kunden hinaus, habe das negative Folgen. Unternehmen würden insgesamt schlechter bewertet, wenn die Korrespondenz in schlechtem Deutsch geführt werde.

Das andere Problem sei, dass auch bei der Formulierung etwa abgebrochene Sätze genutzt würden, die Mitteilung sei dann oft nicht mehr verständlich. Auf Frage von Rektor Frank Wallner nach der Bewertung der neuen Werkrealschule machten die Ausbilder deutlich, dass sich die Werkrealschule erst einmal beweisen müsse.

Ist der mittlere Bildungsabschluss an der Werkrealschule wirklich mit dem der Realschule vergleichbar? In vielen Fällen sei es den Schülern auf jeden Fall zu empfehlen, nach Haupt- oder Werkrealschule noch eine zusätzliche schulische Bildung wie die Wirtschaftsschule zu absolvieren.

Dies gelte vor allem für die Kaufleute, in den technischen Berufen finde man dagegen oftmals Schüler, die schulisch nicht so erfolgreich seien, aber dafür umso mehr motiviert. Von Bedeutung seien auch die Fremdsprachen. Der Unterricht in der Schule habe oft nichts mit dem benötigten technischen Englisch zu tun.

Realschulrektor Gerhard Mengesdorf meinte, die Pläne der Kultus-Bürokratie seien oft weit weg von der Realität. Firmenchef Andreas Reiner kritisierte die Forderungen des Ministeriums nach Kooperations-Verträgen: "Das ist viel zu viel Papier! Viel wichtiger sind das Gespräch und die Praxis vor Ort, wie sie hier praktiziert werden!"


(www.schwarzwaelder-bote.de)
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Jan-Martin Wagner
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Dieser Beitrag wurde am 01.04.2011 um 13.15 Uhr eingetragen.
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Der Inselbote, 1. April 2011

Wyk
Ministerium hat pro G 9 entschieden
Kiel übernimmt Argumente der Befürworter

Für die Eltern, die sich in den zurückliegenden Wochen und Monaten für die Rückkehr des Föhrer Gymnasiums zum neunjährigen Bildungsgang (G 9) eingesetzt haben, ist es ein Sieg auf der ganzen Linie: Das Kieler Bildungsministerium hat die Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit verfügt und sich in seiner Begründung die Argumente der G 9-Fraktion weitgehend zu Eigen gemacht.

Gestern hat Schulleiter Carl Wögens – der selbst den achtjährigen Bildungsgang beibehalten wollte – von Staatssekretär Eckhard Zirkmann die Mittelung bekommen, dass eine rechtssichere Entscheidung pro G 9 gefallen sei. Dies gelte für den kommenden fünften Jahrgang, teilt Wögens mit und ist erleichtert, dass jetzt Klarheit herrscht. [...]

Er selbst, so Carl Wögens weiter, bedauere zwar, dass er sich mit seinen Argumenten für den achtjährigen Bildungsgang nicht habe durchsetzen können. "Aber auf der anderen Seite ist mir der Schulfrieden auch wichtiger", betont er. [...]

Der Kieler Entscheidung vorausgegangen war eine Anhörung in Niebüll mit drei Vertretern des Ministeriums, an der, wie Wögens berichtet, Vertreter von Schulleitung, Personalrat, Regionalschule, Elternbeirat und Schülerrat teilgenommen hatten. Nach den vorangegangenen hitzigen Diskussionen auf Föhr sei dieses Treffen sehr konstruktiv verlaufen, berichtet der Pressesprecher des Bildunsgministeriums, Thomas Schunck. [...]

Zur Entscheidung selbst sagte Schunck, dass das Ministerium der Auffassung sei, dass bei G 9 die Durchlässigkeit zwischen Regionalschule und Gymnasium eher gegeben sei [...].

Weiter, so Schunck, halte das Bildungsministerium eine langfristige Sicherung der Oberstufe am Föhrer Gymnasium bei G 9 eher für möglich. Und schließlich erleichtere die neunjährige Oberschulzeit "das Ausschöpfen des Bildungspotenzials vor Ort" – gemeint ist damit wohl, dass die Kinder, wenn sie nicht am Nachmittag die Schulbank drücken müssen, wieder mehr Zeit für Musikunterricht oder Vereinssport haben.


(www.shz.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 06.03.2011 um 22.48 Uhr eingetragen.
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Donaukurier/Schrobenhausener Zeitung, 4. März 2011

Wie schreibt man noch mal . . .?

Schrobenhausen (SZ) Deutsche Sprache, schwere Sprache. Das zeigte einmal mehr der "Große Rechtschreibtest", der diese Woche im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Die Teilnehmer bestanden ihn mit der Durchschnittsnote Drei. Wie steht es um die Rechtschreibung? Die SZ hörte sich an den Schulen um.

"Die Rechtschreibleistung wird generell schlechter" – Monika Priller, Deutschlehrerin an der Michael-Sommer-Mittelschule in Schrobenhausen, redet nicht lange um den heißen Brei herum. "Viele unserer Schüler haben große Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung", gibt sie unumwunden zu. Dabei hapere es oft schon an grundsätzlichen Kenntnissen der deutschen Schrift, wie zum Beispiel der Groß- und Kleinschreibung. "Es fehlen die Grundlagen", stellt Priller fest.

Die Folge der mangelnden Orthografiekenntnisse: Rechtschreibfehler fließen in der Regel nicht mehr in die Benotung mit ein. Diktate, wie sie noch in den 70er und 80er Jahren geschrieben wurden, gibt es schon lange nicht mehr. Stattdessen schreiben die Mittelschüler heute Kurzdiktate, die aus nur wenigen Sätzen bestehen, und die vor der Abgabe fünf Minuten lang mit Hilfe des Wörterbuchs bearbeitet werden dürfen. Die Schule versuche mit dieser Methode eine neue Strategie durchzusetzen, erläutert Priller: "Wo kann ich nachschauen, wenn ich mir nicht sicher bin."

Von dieser neuen Lernstrategie hört man auch an anderen Schrobenhausener Schulen wie der Franziska-Umfahrer-Grundschule oder der Maria-Ward-Mädchenrealschule. Dennoch sieht Grundschulleiterin Jutta Reichel-Holz ein Problem darin, dass die Schüler sich mit einer korrekten Rechtschreibung immer schwerer tun. "Wir bräuchten wesentlich mehr Förderstunden", betont sie. "Wir brauchen mehr Zeit, um mit den Kindern individuell zu lernen." Nur mit mehr Förderunterricht und entsprechenden Programmen könne eine Verbesserung erreicht werden.

Eine gezieltere Förderung schon in der Grundschule – daran führt auch nach Ansicht der Lehrer aller weiterführenden Schulen kein Weg vorbei. Das sieht auch Petra Schiele, Rektorin der Maria-Ward-Schule so. Von ihren eigenen Kindern weiß sie, wie schwer sich vor allem Erstklässler tun, die zunächst nur nach dem Gehör schreiben sollen und erst später die korrekte Schreibweise beigebracht bekommen. In Schieles Augen ist das der falsche Weg. Sie spricht sich dafür aus, den Kindern die Sprache "liebevoll von Anfang an richtig beizubringen".

Ein großes Problem an den weiterführenden Schulen seien die vielen Legastheniker, erläutert Schiele. Das bestätigt auch Roland Schneidt, Leiter der Franz-von-Lenbach-Realschule. Zwei bis vier Schüler pro Klasse könnten ein Gutachten vorlegen, das ihnen eine angeborene Lese- und Rechtschreibschwäche attestiere, ist von beiden Schulleitern zu erfahren. Bei diesen Schülern werde die Rechtschreibleistung überhaupt nicht benotetet, bei den anderen nur noch in Rechtschreibproben.

Dabei lässt Rektor Schneidt keinen Zweifel daran, wie wichtig es sei, fehlerfrei zu schreiben. "Rechtschreibung ist nach wie vor eine grundlegende Voraussetzung", unterstreicht er. Fehlerhafte Briefe oder Bewerbungen würden noch immer einen schlechten Eindruck machen. Allerdings, ganz so schlecht stehe es um die Rechtschreibung nun auch wieder nicht, lenkt der Rektor ein. Und: Mädchen waren im Diktat schon immer besser als Jungen, weiß der Leiter der Knaben-Realschule.

An allen Schulen wird übrigens die geltende Rechtschreibung gelehrt. "Wir arbeiten mit dem neuesten Duden. Das ist für jeden bayerischen Lehrer verbindlich, egal welchen Faches", versichert Beate Bott, Fachbetreuerin für Deutsch am Gymnasium Schrobenhausen und Mitarbeiterin im Direktorat.

Wer jedoch schon lange aus der Schule raus ist, weiß oft gar nicht so genau, was jetzt eigentlich der neueste Stand ist. "Da hab ich das Gefühl, dass die Leute sich ihre eigene Schreibweise raussuchen", beobachtet Bott bei ihren Mitmenschen.

Von Eleonore Wöhrle


(www.donaukurier.de)
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Dieser Beitrag wurde am 03.03.2011 um 22.55 Uhr eingetragen.
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Kommentar von Germanist, verfaßt am 03.03.2011 um 16.15 Uhr

Umgekehrt wäre es richtig: Für "normale" Bürger unverständliche Texte in Verträgen oder Geschäftsbedingen sollten öffentlich an den Pranger gestellt und verboten werden. Viele werden nämlich absichtlich so formuliert, daß der Kunde etwas anderes herausliest als der Vertragsgeber beabsichtigt. Der Maßstab muß "allgemeinverständliches Deutsch" heißen.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.03.2011 um 09.08 Uhr

In den letzten Tagen gingen Meldungen durch die Presse, die sich ungefähr so lesen:

»Wer Deutscher werden will, muß einen Sprachtest bestehen. Möglicherweise werden bald auch Deutsche eine solche Prüfung ablegen müssen. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) strebt verpflichtende Deutschtests für Deutsche an. "In Anbetracht von 7,5 Millionen Analphabeten müssen alle Wege, die helfen, gegangen werden", sagte Schavan bei der Vorstellung einer Studie der Universität Hamburg zum Analphabetismus. Auch Rita Süßmuth, die Präsidentin des Volkshochschulverbands, sagte: "Es kann nicht sein, daß wir Migranten Integrationskurse machen lassen und annehmen, daß gutes Deutsch für Deutsche selbstverständlich ist." Denkbar wäre demnach, daß Unternehmen ihre Mitarbeiter nach der Anstellung testen. Wer Probleme hat, Wörter, Sätze und kürzere Texte zu lesen und zu schreiben, sollte sich weiterbilden.
Unklar ist aber, wer das bezahlen soll. Bisher liegt der Eigenanteil für Kurse an den Volkshochschulen bei bis zu 70 Prozent. "Für viele ist das zu teuer", sagte Süßmuth. Schavan will bis Juli mit den Ländern, Unternehmern, Kammern und anderen Partnern einen "Grundbildungspakt" schließen, der sich des Problems annimmt. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Niedersachsens Ressortchef Bernd Althusmann (CDU), forderte eine "nationale Kraftanstrengung".
Bisher war nicht bekannt, wie viele Analphabeten es gibt. Von bis zu vier Millionen war manchmal die Rede. Die sogenannte Leo-Studie sorgt nun für Klarheit - und Betroffenheit. 7,5 Millionen Menschen sind nicht in der Lage, mehr als ein paar Sätze am Stück zu lesen oder zu schreiben. Sie beherrschen das für ihren Alltag Notwendige, können Schilder entziffern, Unterschriften leisten. Allerdings wissen sie oft nicht, was sie unterschreiben, da Behördenformulare oder Arbeitsanweisungen zu komplex sind. Man spricht von funktionalem Analphabetismus. Zwei Millionen Bürger verstehen sogar nur einzelne Wörter. 300 000 können nicht einmal ihren Namen schreiben. Neben diesen Gruppen gibt es eine weitere, der ungefähr 13,3 Millionen angehören, die große Probleme mit der Rechtschreibung hat. Für die Untersuchung hat TNS Infratest mehr als 8400 Bürger im erwerbsfähigen Alter zwischen 18 und 64 Jahren befragt.
Schwierigkeiten im Umgang mit der deutschen Sprache haben dabei keineswegs nur Migranten. 58 Prozent der Analphabeten sprechen Deutsch als Muttersprache, 41 Prozent haben eine andere Erstsprache erlernt. Auch ein Schulabschluß ist noch keine Garantie, nicht zum Analphabeten zu werden. 48 Prozent besitzen einen Hauptschulabschluß, 19 Prozent sogar mittlere Reife. "Wir dürfen nicht annehmen, daß man auf Kenntnissen immer aufbaut. Schule kann nicht alles leisten. Wer wenig liest und schreibt, verlernt die Sprache auch wieder", erläuterte Süßmuth. Männer sind mit 60 Prozent häufiger betroffen als Frauen (40 Prozent).
Viele Analphabeten sind gleichwohl gut ins Arbeitsleben integriert. 57 Prozent der Betroffenen gehen einem Beruf nach, nur 17 Prozent gaben an, arbeitslos zu sein. Für Schavan ist das dennoch kein Anlaß, sich mit dem Zustand abzufinden: "Diese Menschen bleiben unter ihren Möglichkeiten. Jeder wünscht sich doch Entwicklung. Daß sie sich nicht entwickeln können, hat auch gesamtwirtschaftliche Folgen." Den Betroffenen zu helfen sei eine ethische Frage.«



Daß deutsche Texte – z. B. solche aus den Kultusministerien – zu komplex sind und kaum verstanden werden, sei zugestanden, das liegt aber nicht an den Lesern.
Will Frau Schavan wirklich erwachsene Bürger in VHS-Sprachkurse zwingen? Nachdem sie schon das Schreiben so enorm erleichtert hat, scheint sie übermütig zu werden. Oder handelt es sich um Arbeitsbeschaffung für die Volkshochschulen, worauf auch die phantastischen Prozentzahlen hindeuten?
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 22.12.2010 um 11.03 Uhr eingetragen.
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Oberösterreichische Nachrichten, 22. Dezember 2010 (modulo ClassGerman)

Gastkommentar
PISA-Ergebnisse – eine unendliche Geschichte

Ich habe einmal geglaubt, Rechtschreibung sei das wesentlichste Bildungshindernis unserer Gesellschaft. Deshalb habe ich eine Dissertation über Rechtschreibung gemacht, um meinen Schülern besser helfen zu können, dieses Bildungshindernis zu überwinden (mein Studium habe ich neben meiner Lehrtätigkeit an einer Hauptschule in Linz an der Universität Salzburg absolviert).

Bei den Arbeiten an der Dissertation, bei der ich standardisierte Rechtschreib- und interessehalber auch die Lesetests bei allen Schülern „meiner“ und einer weiteren Linzer Hauptschule durchgeführt habe, mußte ich erkennen, daß ich das falsche Dissertationsthema gewählt hatte. Das Hauptbildungshindernis von Pflichtschulabsolventen ist das nicht ausreichend entwickelte Lesekönnen.

Bei den Lesetests stellte ich fest, daß rund 12,5 Prozent der Hauptschulanfänger den von ihnen gelesenen Texten keinen Sinn entnehmen konnten, etwa 25 Prozent nur teilweise. Noch erstaunter war ich über das Faktum, daß sich daran im Laufe der vier Hauptschuljahre nichts zum Positiven ändert, schon eher das Gegenteil.

Bald erkannte ich: Lesen lernt man in der Volksschule oder eben nicht. Doch es kam noch schlimmer. Ich war sogenannter „wissenschaftlicher Betreuer der Schulversuche“ an Volksschulen (deren angebliche Wissenschaftlichkeit meiner Überzeugung nach jeder echten Hohn spricht). Erfahrene Elementarlehrerinnen ließen mich in Gesprächen wissen, daß sie bereits zu Weihnachten (in ersten VS-Klassen) wüßten, welche von ihren Kindern Leser würden und welche nicht. So kam ich zum Schluß: Lesen lernt man in der ersten Klasse oder fast nicht mehr! Eine Ansicht, die viele Elementarlehrerinnen teilen, aber wer fragt denn die? Die „oben“ entscheiden und wissen deshalb alles „besser“. Welch fataler Irrtum.

Ich habe 1983 in einer Pflichtschullehrer-Zeitung meine „nebenproduktlichen“, selbstverständlich nicht repräsentativen Ergebnisse veröffentlicht und dafür Schelte als „Nestbeschmutzer“ einstecken müssen. Das ist nicht ganz neu: Man (er)schlägt den Unglücksboten, das ist jahrhundertealter Usus. Die Lesetests an einer repräsentativen Stichprobe durchzuführen, hat man mir (sicherheitshalber?) nicht erlaubt. Mich hat das Thema weiter beschäftigt, und ich fand, daß Erich Hankiewitz Ähnliches schon 1972 gefunden hatte.

Als Lehrer an der Berufspädagogischen Akademie des Bundes in Linz hatte ich dann 1990 die Möglichkeit, neben anderen Eingangskenntnissen von Berufsschulanfängern auch das Leseverständnis zu erheben, dieses Mal an einer repräsentativen Stichprobe von 1009 Berufsschulanfängern.

10 Prozent konnten über das Lesen keine Informationen aufnehmen (= können nicht sinnerfassend lesen). 34 Prozent der getesteten Berufsschulanfänger erfaßten beim Lesen von Texten den Inhalt nur sehr mangelhaft (= erfassen den Sinn eines Textes nur teilweise). Sie lesen nie freiwillig, denn Lesen ist ihnen zu mühsam.

Ist sinnerfassendes Lesen Voraussetzung zur Lösung von mathematischen (oder anderen) Problemen, so versagt etwa ein Drittel der Schüler, allerdings nicht, weil sie nicht (rechnen) können, sondern weil sie nicht lesen können.

Die Studienergebnisse waren unbequem, hatten wir doch ein Jahrzehnt von so „gelungenen Schulversuchen“ eben hinter uns – so wurden sie nicht veröffentlicht. Ich habe einige Ergebnisse publiziert, hätte mir beinahe ein Disziplinarverfahren eingefangen und – siehe oben – wurde angefeindet.

Aber dann kam PISA und bestätigte, was helle VS-, HS- und BS-Lehrer seit Jahren erleben und was die „Nestbeschmutzer“ Hankiewitz und Rieder längst nachgewiesen hatten. Und so muß man – und das ist ganz aktuell – die PISA-Ergebnisse kleinreden, denn die Realität ist offenbar unerträglich.

Vernünftiger wäre es, man akzeptiert endlich, was ist, fragt nach den Ursachen (nicht nur ich kenne sie) und schafft Abhilfe. Fast 40 Jahre alter und mehrmals wiederholter wissenschaftlicher Nachweis partiellen Analphabetismus bei Pflichtschulabsolventen sollten doch genügen.


(www.nachrichten.at)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 22.12.2010 um 10.46 Uhr eingetragen.
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Hamburger Abendblatt, 22. Dezember 2010

Ein Lehrer muss mindestens dran glauben
An der Gesamtschule Stellingen schreiben Schüler einen Roman, der Hamburger Schriftsteller Stefan Beuse begleitet sie bei ihrer Arbeit.

[...]

Man sollte den Schülern lieber nicht damit kommen, dass sie aus einer schwierigen Gegend kommen, sagt Beuse. Ist schon recht, ist ja auch ein billiges Etikett. Deutschlehrer Müller verweist auf die vergleichsweise hohe Zahl von Schülern mit Migrationshintergrund, die den Unterricht in Stellingen besuchen, seine Erklärung fördert Überraschendes zutage: "Im Deutschunterricht fließt die Rechtschreibung oft nur noch zu 20 Prozent in die Bewertung mit ein, wir fordern vor allem gute Inhalte." Müller, Jahrgang 1976, wuchs in Berlin-Marzahn auf, er studierte in seiner Heimatstadt und machte das Referendariat an einer Bochumer Brennpunktschule. Er sagt: "In Hamburg sind die Schüler weltoffen und tolerant."

[...]


(www.abendblatt.de)
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Manfred Riemer
Mannheim

Dieser Beitrag wurde am 22.12.2010 um 01.18 Uhr eingetragen.
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FAZ, 9.12.2010, Seite 10:

Ohne Rechtschreibung

Ausbildungbetriebe, Gymnasiallehrer und Hochschullehrer klagen einhellig über rechtschreibschwache Schulabgänger. Trotzdem wollen die Kultusminister heute in Brüssel einen Ländervergleich für die Grundschulen im Fach Deutsch unter Ausschluss der Orthographie beschließen. Für Rechtschreibung soll es nur eine nationale Stichprobe geben, aus der nicht hervorgeht, wie die Grundschulen der einzelnen Länder abgeschnitten haben. Angeblich habe das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen seine sogenannten Kompetenzstufen für die Rechtschreibung zu spät geliefert. Aber das ist nur ein Vorwand. In Wirklichkeit fürchten die SPD-regierten Länder, sich bei diesem Vergleich zu blamieren. Sie wollen in Deutsch nur länderspezifische Untersuchungen im Hörverstehen und Leseverstehen zulassen. Befürchten sie denn, dass ihre Grundschüler über die lauttreue Verschriftung (schlümm statt schlimm) nie hinausgekommen sind? Jedenfalls setzen sich die ablehnenden Länder dem Verdacht aus, nur geschönte Vergleichsstudien zu wollen und damit ihren Schülern zu schaden. oll.
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 21.12.2010 um 19.01 Uhr eingetragen.
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Weser-Kurier, 18. Dezember 2010

Eklatante Defizite
Handwerk beklagt Niveau der Bremer Schüler

[...]

Der Test der Tischlerinnung fragt sieben Themenbereiche ab. Die Kategorien reichen von Allgemeinwissen über Rechtschreibung bis hin zu räumlichem Denken. In den meisten Sparten schlossen die rund 50 angetretenen Jugendlichen mit ordentlichen Leistungen ab. Ernüchternd fielen dagegen die Mathematik-Ergebnisse aus. Die Hälfte der Prüflinge schaffte es gerade einmal, eine von 14 möglichen Aufgaben zu lösen. 15 Prozent der Teilnehmenden kamen zu gar keinem richtigen Ergebnis. "Das betrübt uns besonders, weil man im Tischlerhandwerk ohne mathematisches Wissen nicht bestehen kann", sagt Obermeister Winter. Die Bremer Ergebnisse seien in diesem Bereich mit Abstand die schlechtesten im gesamten Bundesgebiet.

Der Mathematik-Teil besteht zur Gänze aus Textaufgaben, die auf den Arbeitsalltag als Tischler Bezug nehmen. Es gilt, Grundflächen von Räumen, Mehrwertsteuersätze oder Materialmengen zu berechnen (siehe rechts). Beherrschen sollten die Prüflinge Dreisatz und Grundrechenarten. Um das Niveau der Prüfung nicht zu hoch anzusetzen, arbeitet der Bundesverband der Handwerkerschaft den Test zusammen mit Lehrern aus. Die Pädagogen stellen sicher, dass die Aufgaben mit dem Wissen, das die Prüflinge laut Lehrplan haben sollten, zu lösen sind.

Noch schlechter als die Mathe-Ergebnisse fiel das Resultat des Konzentrationstests aus. Bei dieser Prüfung galt es, bestimmte Buchstaben aus Zeichenkolonnen herauszufiltern. Keinem der angetretenen Prüflinge gelang es, diese Aufgabe zu lösen. "Für uns sind die Ergebnisse schlicht eine Katastrophe", sagt Winter. "Schließlich geht es um die Fachkräfte von morgen und die werden ganz offensichtlich nicht auf das vorbereitet, was sie im Berufsleben erwartet."

Nicht alle Bremer Gewerke testen das theoretische Wissen ihrer potenziellen Azubis. Doch überall dort, wo es geschieht, alarmieren die Ergebnisse die Verantwortlichen. Am schlimmsten hat es in diesem Jahr die Maler-Innung erwischt. Ihren Test bestand keiner der Teilnehmenden.

Andreas Meyer sieht einen Grund für die Negativentwicklung auch in der steigenden Anzahl der Schulabsolventen, die ein Studium anstreben. "Für die duale Ausbildung bleiben schlicht weniger junge Leute übrig", sagt der Geschäftsführer der hiesigen Kreishandwerkerschaft. "Wir müssen den Begriff Bildungsrepublik neu definieren", fordert er. Und selbstverständlich müsse sich an den Schulen etwas ändern. Gefragt sei aber auch das Handwerk selbst. "Wir müssen noch deutlicher aufzeigen, welche Erwartungen wir an unsere künftigen Azubis haben." Dazu gehöre es etwa auch, Lehrern zu ermöglichen, in die Betriebe zu gehen, um sich ein besseres Bild von den Bedürfnissen des Handwerks machen zu können. Die jüngst unterzeichnete Bremer Vereinbarung zwischen Vertretern aus Wirtschaft, Behörden und Politik zur Verbesserung der Ausbildungssituation sei ein Schritt in die richtige Richtung.

"Wir haben das auf dem Kieker und wollen die Qualität in diesen Bereichen deutlich verbessern", sagt Karla Götz, Sprecherin der Bremer Bildungsbehörde. Die Bremer Vereinbarung markiere einen Paradigmenwechsel hin zu mehr Berufsorientierung an Bremer Schulen. Im Fokus stünden dabei vor allem die Fächer Deutsch und Mathematik. Besonders in Sachen Mathematik sei es wichtig, früh anzusetzen. Deshalb setze die Behörde unter anderem auf eine Kompetenzsteigerung für Grundschullehrerinnen und -lehrer in diesem Bereich.

Meyer von der Kreishandwerkerschaft geht davon aus, dass dieser Prozess mühsam wird. Aber das Ziel hat er klar vor Augen: "Ein Schulabschluss soll die Ausbildungsfähigkeit eines Schülers bestätigen - das ist heute nicht grundsätzlich der Fall, aber da wollen wir hin."


(www.weser-kurier.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 17.12.2010 um 11.11 Uhr eingetragen.
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Handelszeitung, 17. Dezember 2010

Die Not mit dem Nachwuchs

[...]

Wichtig ist die Schreibfähigkeit namentlich für die kaufmännischen Berufe. Deshalb müssen die potenziellen Lehrlinge des Versicherers Zürich einen Aufsatz schreiben, damit das Unternehmen ihre schriftliche Ausdrucksfähigkeit prüfen kann. Die in der Pisa-Studie erhobene Verbesserung im Lesen bestätigt sich aber nicht. «Der Notendurchschnitt im Fach Deutsch hat sich in den vergangenen Jahren konstant bei 4,6 gehalten», erläutert Roman Hess von der Zürich.

[...]

Die Schuld an den mangelnden Lese- und Schreibfähigkeiten liegt jedoch nicht nur bei den Schülern, sondern auch bei der neuen Rechtschreibung. Sie verunsichert. Die Sprache scheint relativ. Die Motivation, mit der Sprache genau zu arbeiten, gehe verloren, beobachtet Herth vom KV-Zürich. [...]


(www.handelszeitung.ch)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 10.12.2010 um 15.59 Uhr eingetragen.
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Hamburger Abendblatt, 8. Dezember 2010

GAL kritisiert das Festhalten Wersichs an Diktaten

Hamburg. Die GAL-Bürgerschaftsfraktion kritisiert die Entscheidung von Schulsenator Dietrich Wersich (CDU), er wolle "ideologischen Ballast abwerfen" und Diktate in Grundschulen wieder einführen, als Schritt in die falsche Richtung. Michael Gwosdz, der schulpolitische Sprecher der GAL-Bürgerschaftsfraktion, sagte dazu: "Senator Wersich irrt sich und ist offensichtlich schlecht beraten, wenn er die Diktate an den Hamburger Grundschulen zur Leistungsbewertung wieder einführen will.

Wenn der Senator sich auf diese Weise von ideologischem Ballast trennen will, so trifft er damit auch die CDU-Schulpolitik." So seien bereits in den Hamburger Bildungsplänen von 2004 Diktate nicht mehr zur Leistungsmessung vorgesehen.

"Wenn er seine Kompetenz in Bildungsfragen aus seiner medizinischen Ausbildung ableitet, sollte Senator Wersich klar sein, in welchem Umfang äußere Faktoren wie das Hörverständnis das Ergebnis von Diktaten beeinflussen und wie unzuverlässig Rückschlüsse auf die Rechtschreibung sind", so GAL-Politiker Michael Gwosdz.

In der Grundschule sind Diktate bisher lediglich als Übungsmethode vorgesehen, nicht aber zur Leistungsbemessung in den Zeugnissen.(rek)


(www.abendblatt.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 03.12.2010 um 20.15 Uhr eingetragen.
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Fachkräftemangel – Bildungspolitik bremst Arbeitsmarkt aus

Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie sieht fatale Fehler der Bildungspolitik. Schülerinnen und Schüler mit Teilleistungsstörungen werden in Deutschland behindert, einen begabungsgerechten Ausbildungsabschluss zu erreichen.

“Die demografische Entwicklung können wir nicht kurzfristig verändern, aber die Förderung von Stärken von Schülerinnen und Schülern mit einer Legasthenie oder Dyskalkulie”, sagt Christine Sczygiel, Bundesvorsitzende des BVL, Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie.

Etwa 10% aller Schülerinnen und Schüler sind von einer Legasthenie oder Dyskalkulie betroffen und verfügen trotz der Teilleistungsstörung über eine gute Begabung, die sie für viele Berufe qualifiziert. In den skandinavischen Ländern und den Niederlanden wurden für Kinder mit Teilleistungsstörungen bereits schulisch umfangreiche Maßnahmen getroffen, um ihre Stärken zu fördern und sie begabungsgerecht zu qualifizieren. Es werden von Beginn an technische Hilfen bereitgestellt, um ihnen den Zugang zum Wissen barrierefrei zu ermöglichen und auch bei Prüfungen sicherzustellen, dass das Fachwissen uneingeschränkt abgeprüft werden kann. Vorlesesoftware, Sprachsoftware, Laptops mit Rechtschreibprogrammen und mündliche statt schriftlicher Prüfungen sind bereits eine Selbstverständlichkeit. So ist es möglich, dass die betroffenen Kinder von Beginn an ihre fachliche Kompetenz zeigen können und nicht an ihrem Handicap scheitern.

“Bereits heute fehlen 34.000 Ingenieure und die Wirtschaft kann 3 Milliarden Umsatz nicht realisieren, weil Fachkräfte fehlen. Bei ca. 500.000 legasthenen Schülern in unserem Schulsystem könnte diese Lücke mit entsprechender Förderung schnell geschlossen werden. Da scheut sich die Bildungspolitik vor den Ausgaben für technische Hilfsmittel und individuelle Förderung. Auf der anderen Seite versucht man, Ingenieure aus dem Ausland zu gewinnen, die mit Sicherheit auch nicht gleich perfekte Rechtschreiber der deutschen Sprache sind”, kritisiert Sczygiel.

Mangelhafte Rechtschreibung führt bis heute dazu, dass viele Schüler die Schule ohne Schulabschluss verlassen oder eine Schullaufbahn einschlagen müssen, die weit unter ihrer Begabung liegt. Gerade legasthene Schüler verfügen meist über eine gute Begabung in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern und man weiß, dass Betroffene, die über ihr Elternhaus gut gestützt und gefördert wurden, erfolgreich als Mediziner oder Ingenieure arbeiten. Auch Menschen mit einer Dyskalkulie sind in vielen Berufen erfolgreich, wenn man sie nicht schon zu Beginn ihrer Ausbildung aussortiert.

“Wir fordern die Bundesregierung auf, sich bundesweit dafür zu engagieren, die Potentiale, die in unseren Kindern stecken, zu fördern und ihnen eine Chancengleichheit zu verschaffen. Man wird vielleicht nicht ohne Fachkräfte aus dem Ausland auskommen, aber man muss sich an erster Stelle darum kümmern, die vorhandenen wertvollen Ressourcen unserer Kinder zu entwickeln und ihnen Zukunftsperspektiven zu geben, von denen die gesamte Volkswirtschaft nachhaltig profitiert”, fordert die Bundesvorsitzende Sczygiel.

Weitere Informationen zum Thema und zum Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. sind im Internet unter http://bvl-legasthenie.de abrufbar.


(Deaf News Magazin, 30. November 2010)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 03.12.2010 um 20.02 Uhr eingetragen.
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Das Fundament für gute Noten
Spezielles Training beim Regensburger FIDD für Schüler mit Lese- und Rechtschreibschwäche

Regensburg – Schulerfolg sowie Lese- und Rechtschreibleistungen hängen eng zusammen. Die besten Leser und Rechtschreiber sind meist auch die besten Schüler.

Etwa 25 Prozent der Schulkinder haben Probleme beim Lesen und mit der Rechtschreibung. Sie tun sich auch schwer, die Textstücke in Mathematik richtig zu lesen, ihre Aufsätze sind meist ein Trauerspiel.

Das FIDD-Regensburg (früher „LOS“, Weißenburgstraße 49) setzt diese Kinder auf die Erfolgsspur. Mit dem dort durchgeführten morphem-orientierten Training wird ihre Rechtschreib- und Lesekompetenz gestärkt. Bei Morphemen handelt es sich um Wortbausteine. Denn im Vokal des Wortstammes entscheiden sich viele Rechtschreibprobleme.

Die rund 115.000 deutschen Wörter sind für Kinder nicht erlernbar, meist auch die zirka 3.000 Wortstämme nicht. Wer aber die 200 wichtigsten Morpheme beherrscht, schreibt gut 80 Prozent eines normalen Textes richtig. Das von FIDD-Chef Professor Dr. Helmut Heim entwickelte „selbstregulatorische Aufsatzprogramm/SAT“ vermittelt zudem jedem Schulkind (aller Schularten) die Grundelemente der Aufsatzarten. Mit ihm können die Stilmittel geübt und durch Selbstkontroll-Listen die Ausdruckskompetenz nachhaltig gesteigert werden.

Als Neuentwicklung bietet das FIDD jetzt außerdem ein konzentriertes Übertrittstraining für Kinder an, die den Übertritt in Realschule oder Gymnasium gut und stressfrei schaffen wollen.

Mehr Infos: www.fidd-regensburg.de


(www.kanal8.de, 27. November 2010)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 03.12.2010 um 19.53 Uhr eingetragen.
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junge Welt, 24. November 2010

Schlechte Noten für Kultusminister
GEW-Bilanz erklärt, warum sich nach PISA-Schock kaum etwas getan hat
Von Claudia Wangerin

Der Countdown läuft: Am 7.Dezember legt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit der aktuellen PISA-Studie deutscher Bildungspolitik ein Zeugnis vor. Neun Jahre nach dem Schock über das schlechte Abschneiden der Bundesrepublik in der ersten PISA-Schulleistungsuntersuchung hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am Montag abend eine Bilanz über die seither getroffenen Maßnahmen veröffentlicht.

Bei den PISA-Studien werden die Kenntnisse und Fähigkeiten 15jähriger international verglichen. Als nationale Ergänzung wurden im Sommer Ergebnisse des Bundesländervergleichs der Kultusministerkonferenz (KMK) veröffentlicht. Verglichen wurden hier die Leistungen der Neuntklässler in den Disziplinen Lesen, Zuhören, Rechtschreibung (jeweils in deutsch) sowie Leseverstehen und Hörverstehen (in englisch).

Hinweise auf nennenswerte Verbesserungen in der Lesekompetenz im Vergleich mit der ersten PISA-Studie gibt es demnach nicht. Im Bundesländervergleich zeigte sich wie in den Jahren zuvor ein Nord-Süd-Gefälle: Bayern und Baden-Württemberg lagen an der Spitze. Beim Vergleich der ersten Ergebnisse mit den KMK-Standards ist jedoch bundesweit nur eine Verbesserung um sieben Punkte festzustellen. »Eine Differenz, die im Schätzfehlerbereich liegt«, so die Leiterin des GEW-Vorstandsbereichs Schule, Marianne Demmer.

Nur in vier von sieben seit dem PISA-Schock beschlossenen Handlungsfeldern der KMK seien flächendeckend Maßnahmen ergriffen worden, erklärte die Gewerkschafterin. Die meisten davon seien jedoch nicht auf ihre Wirksamkeit überprüft worden. Defizite gebe es vor allem in der Förderung bildungsbenachteiligter Kinder, besonders jener mit Migrationshintergrund, aber auch in der Lehrerfortbildung. In einer Mitgliederbefragung der Gewerkschaft stimmten nur 25 Prozent der Aussage zu, das Kultusministerium mache gute Angebote in der Lehrerfortbildung.

Strukturell sieht die GEW die Hauptprobleme im selektiven Schulsystem sowie im Kooperationsverbot für Bund und Länder in Bildungsfragen, das mit der Föderalismusreform 2006 im Grundgesetz verankert wurde. Das Verbot legt fest, daß der Bund keine nennenswerten Finanzmittel in Bereiche lenken darf, für die die Länder zuständig sind – und Bildungspolitik ist Ländersache.

Die Frage des Schulsystems sei von der KMK mit einem Tabu belegt worden. Um innerhalb des bestehenden Systems bessere Ergebnisse zu erzielen und Schüler mit Lernproblemen individuell zu fördern, müsse den Lehrkräften wenigstens durch Fortbildung das notwendige Handwerkszeug mitgegeben werden. Den Lehrern werde durch die frühe Selektion suggeriert, sie hätten es später mit annähernd gleichen Leistungsgruppen zu tun; sie müßten aber mit Heterogenität umgehen lernen. »Den Lehrern wird gesagt: Ihr müßt individuell fördern. Aber machen Sie das mal, bei 30 Kindern«, so Demmer. Der GEW zufolge müßten rund zehn Prozent mehr Lehrer eingestellt werden, damit die Lehrpläne eingehalten werden können.


(www.jungewelt.de)
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 03.12.2010 um 18.35 Uhr eingetragen.
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Schul-Report in der WELT (14. September 2010):

I. Deutsche Bildung – Milliardengrab der Bürokraten
II. Wo sind die Stunden hin? Von Lehrern und Mangel
III. Neue Medien – Fortschritt oder Verschwendung?
IV. Verwaltungsmonster Schule
V. Hilfe verboten – das große Kompetenzgerangel
VI. Was die Schulen jetzt brauchen
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Jan-Martin Wagner
Kiel

Dieser Beitrag wurde am 22.10.2010 um 15.16 Uhr eingetragen.
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Märkische Allgemeine, 18. Oktober 2010

Studie: Problemviertel zieht auch Bürgerkinder runter

Gütersloh (dpa) - Auch Kinder aus der Mittelschicht haben schlechtere Perspektiven, wenn sie in Problemvierteln aufwachsen. Das geht aus einer neuen repräsentativen Studie der Bertelsmann Stiftung hervor, die am Montag (18. Oktober) in Gütersloh veröffentlicht wurde.

Demnach hat das Wohnumfeld teilweise sogar einen größeren Einfluss auf die Entwicklungs- und Bildungschancen als der soziale Status der Familie. "Kinder, die in stabilen familiären Verhältnissen aufwachsen, aber in einem schwierigen Wohnumfeld leben, haben schlechtere Perspektiven als Kinder, die in gehobenen Gegenden aufwachsen", sagte der Leiter der Studie, Timo Heyn. Unabhängig vom familiären Hintergrund habe das Wohnumfeld von Problemvierteln eine belastende Wirkung. Für die gemeinsame Studie mit der Beratungsfirma empirica AG und dem Robert Koch-Institut (RKI) waren erstmals systematisch Daten aus der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des RKI mit Informationen zum Wohnquartier kombiniert worden.

Auch die gesundheitliche Entwicklung kann den Angaben zufolge in einem sozialen Brennpunkt häufig leiden. "So greifen in den städtischen Problemvierteln schwangere Frauen öfter zur Zigarette und stillen ihr Kind seltener: Dies gilt insbesondere auch für Schwangere aus der sozialen Mittelschicht", heißt es in der Mitteilung der Stiftung.

Kinder aus Problemvierteln bewegten sich zudem, unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund, weniger als Altersgenossen in den gehobenen Stadtteilen. Zudem verbringen auch Kinder aus der sozialen Mittelschicht in preislich günstigen Wohngegenden überdurchschnittlich viel Zeit vor dem Fernseher (6,6 Prozent mehr) und dem Computer (11,6 Prozent mehr) als in den teureren städtischen Wohngegenden, wie die Experten der Stiftung schilderten. Eine bessere Bildung und Gesundheit bekämen hingegen Kinder und Jugendliche, die in gehobenen Gegenden aufwachsen. Für Kinder aus problematischen sozialen Verhältnissen wirke dieses Umfeld stabilisierend, heißt es.


"Gesundheit lernen: Wohnquartiere als Chance für Kinder" zum Download (ca. 2 MB)

(www.maerkischeallgemeine.de)
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 07.06.2010 um 10.17 Uhr eingetragen.
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Der Standard, 6. Juni 2010

Gesamtschule
Wirtschaftsbund tritt für gemeinsame Schule ein
Haubner: "Großer Wunsch" der Wirtschaft - Unternehmer und Manager eindeutig für gemeinsame Schule aller 10- bis 14-Jährigen

Wien - Der ÖVP-Wirtschaftsbund zeigt Sympathien für eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen. In den Betrieben gebe es "die klare Forderung" danach, allerdings verbunden mit "klarer Leistungsdifferenzierung", stellte Generalsekretär Peter Haubner angesichts einer Umfrage unter rund 700 Managern fest. Der Wirtschaftsbund werde sich dem "großen Wunsch" der Wirtschaft anschließen und in der ÖVP Druck für ein solches Schulsystem machen, berichtet die "Presse".

Leitl, Karl und Haubner pro "Gesamtschule"

Wirtschaftsbund-Präsident Christoph Leitl hat in seiner Funktion als Wirtschaftskammer-Präsident schon mehrfach für eine gemeinsame Schule plädiert. Der VP-Arbeitnehmerbund ÖAAB sprach sich hingegen in seinem Bildungskonzept für die strikte Trennung von Hauptschule und AHS-Unterstufe aus. Alle ÖVP-Bünde und die Landesparteien sollen bis Herbst ihre Positionen zur künftigen Bildungspolitik abgeben. Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) hat sich zuletzt für ein "Gymnasium für alle" bis 14 Jahre ausgesprochen - was in der ÖVP auf einige Kritik stieß. ÖVP-Chef Josef Pröll sprach von einer "persönlichen Meinung" der Ministerin.

Bildungsdefizite bei Lehrlingen

Haubner forderte, das Hauptaugenmerk auf die Ausbildungsbedürfnisse der Jugendlichen - und nicht auf die Interessen der Gewerkschaft - zu legen. Ein neues Schulsystem könnte helfen, die teils massiven Defizite bei Jugendlichen auszumerzen, die eine Lehre machen wollen. Unternehmer würden beklagen, dass es immer weniger Lehrlinge gebe, die Rechtschreibung und Grundrechtenarten auf hohem Niveau beherrschen. "Hat man früher einen von zwei problemlos in die Lehre aufnehmen können, so findet man heute nur noch einen unter zwanzig", merkte er an. (APA)


(derstandard.at)
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 04.06.2010 um 17.15 Uhr eingetragen.
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Lübecker Nachrichten, 4. Juni 2010

Lehrerstreik: Blauer Brief für 3000 Beamte

Das hat es in Schleswig-Holstein noch nie gegeben: Trotz eines Verbots legten gestern in 18 Städten des Landes 3000 verbeamtete Lehrer nach der dritten Unterrichtsstunde die Arbeit nieder. Sie protestierten damit gegen geplante Stellenstreichungen und längere Arbeitszeiten. Ihnen drohen jetzt disziplinarische Maßnahmen.

Sie bekommen demnächst „Blaue Briefe“ vom Kieler Bildungsminister. Über das Finanzverwaltungsamt wird ihnen mitgeteilt, dass ihre Besoldung um die Zeit der gestrigen Streikaktion gekürzt wird. Das kündigte Bildungsminister Ekkehard Klug (FDP) an. Außerdem würden die Betroffenen einen Eintrag in ihre Personalakte erhalten. Nach gängiger Rechtsprechung steht Beamten nämlich kein Streikrecht zu.

„Unerlaubtes Fernbleiben der Beamten vom Dienst während der Unterrichtszeit ist nicht in Ordnung“, verteidigte der Minister seine Disziplinarmaßnahmen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die zu der Arbeitsniederlegung aufgerufen hatte, nannte die Streikaktion dagegen einen vollen Erfolg. Sie führt Urteile des Europäischen Gerichtshof in Bezug auf die Türkei an, wonach Beamte doch streiken dürften. Die Grünen im Kieler Landtag forderten den Rücktritt des Bildungsministers, die SPD sprach von „zerschlagenem Porzellan“.

Landesweit demonstrierten 3500 Pädagogen, darunter 500, die im Angestelltenverhältnis arbeiten. In Lübeck versammelten sich am Mittag 500 Lehrer, Eltern und Schüler. Sprüche wie „Klug macht dumm“ waren auf Transparenten zu lesen. Die Lübecker GEW-Vorsitzender Wulfila Gädeke lobte den Mut, trotz der Drohungen des Ministeriums am Streik teilzunehmen. „Das hier ist keine Bildungspolitik, sondern ein Abriss der Bildung“, sagte der DGB-Nord-Vorsitzende Uwe Polkaehn bei einer Kundgebung in Kiel. In Schleswig-Holstein sind rund 23 000 Lehrer verbeamtet, gut 3000 arbeiten im Angestelltenverhältnis.

Die Opposition im Kieler Landtag ließ Sympathie für den Streik durchblicken. „Ein Minister, der Chaos stiftet, wo er produktive Ruhe versprochen hat, der Schulen und Kitas zu Sparschweinen macht, sollte seinen Platz räumen“, forderte die schulpolitische Sprecherin der Grünen, Anke Erdmann. Henning Höppner (SPD): „Wie viel Porzellan er bereits zerschlagen hat, lässt die Bereitschaft zahlreicher Lehrer erkennen, trotz ihres Beamtenstatus in Streikaktionen einzutreten.“ Für die Linke sagte Ellen Streitbörger: „Es ist mehr als recht und billig, dass sich auch die verbeamteten Lehrer zum Streik entschlossen haben.“

Der Philologenverband, der Lehrer an Gymnasien vertritt, erklärte: „Die Erhöhung der Pflichtstundenzahl können wir nicht akzeptieren.“ Engagement außerhalb des Unterrichts werde zurückgehen. Gleichzeitig aber distanzierte sich der Verbandsvorsitzende Helmut Siegmon von dem Streik. „Das Beamtenrecht gilt, und wir halten es ein.“

Unterdessen gibt Klug beim Zwang zum Langsam-Abitur „G9“ nach: Alle Gymnasien im Norden sollen jetzt frei entscheiden, ob sie ein kurzes (G8) oder ein längeres (G9) Abitur anbieten. Die CDU habe darauf gedrängt. Bislang sah der Schulgesetzentwurf der Koalition vor, dass in Orten mit nur einem einzigen Gymnasium beide Zweige angeboten werden müssen, zum Beispiel in Bad Oldesloe.

Von Curd Tönnemann


(www.ln-online.de)
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 04.06.2010 um 17.01 Uhr eingetragen.
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HL-live.de, 3. Juni 2010

500 Teilnehmer bei Lehrer-Demo in Lübeck

Alle Appelle des Bildungsministeriums haben nichts genutzt: Am Donnerstag sammelten sich rund 500 Demonstranten auf dem Schrangen, um ihren Unmut gegen die Bildungspolitik zum Ausdruck zu bringen. Die Lehrer bekamen dabei kräftige Unterstützung durch die Schüler.

In zwei Demonstrationszügen kamen die Schüler und Lehrer in die Innenstadt. Sie hatten den Unterricht nach der dritten Stunde beendet, obwohl die beamteten Lehrer mit entsprechenden Disziplinarmaßnahmen rechnen müssen. Das schreckte viele nicht ab: Die Polizei schätzt, dass rund 500 Demonstranten auf dem Schrangen waren. Die Überzahl bildeten allerdings die Schüler.

Die Lehrer machten deutlich, dass es ihnen nicht nur um die eine Stunde Mehrarbeit zuzüglich Vor- und Nachbereitung des Unterrichts geht. Die ständigen Reformen würden ihre Arbeit unmöglich machen. Sie nannten die Profiloberstufe, das fünfte Abiturprüfungsfach und das achtjährige Gymnasium ohne Lehrpläne als Beispiele. Die Qualität der Arbeit werde weiter leiden.

"Während die Aufgaben immer weiter anwachsen, steigen die Unterrichtsverpflichtung und die Klassengrößen. Statt der versprochenen Entlastungen packt die Landesregierung noch Stundenverpflichtungen oben drauf. Das geht nicht nur auf die Gesundheit der Lehrkräfte, sondern auf Dauer auch zu Lasten von Kindern und Jugendlichen", sagte der Lübecker GEW-Vorsitzende Wulfila Gädeke. Bei zu hoher Arbeitsbelastung und zu großen Klassen hätten die Lehrer schlichtweg viel zu wenig Zeit, sich um Kinder und Jugendliche angemessen zu kümmern.


(www.hl-live.de, incl. Leserkommentaren)

––

Lübecker Nachrichten, 4. Juni 2010

„Kiel haut die Bildung in die Tonne“

Mit Aktionen und „klugen“ Sprüchen protestierten rund 500 Lehrer, Schüler und Eltern gegen die Bildungspolitik der Landesregierung. An den gut 80 Schulen kam es deswegen jedoch kaum zu Unterrichtsausfall.

Um 12.32 Uhr stürzten auf Kommando rund 20 Schüler vor dem Lautsprecherwagen der Lehrergewerkschaft GEW auf den Asphalt und blieben reglos liegen. Keine Opfer der Mittagssonne, sondern des Bildungsabbaus. Die Aktion der Pennäler war Teil des bunten Protests auf dem Schrangen. Laut GEW protestierten gestern rund 500 Lehrer, Eltern und Schüler gegen die Sparpolitik des Kieler Bildungsministers Ekkehard Klug (FDP).

Mit dessen Namen ließen sich Plakate und Transparente mühelos füllen. „Klug macht dumm“ stand da, „Gegen Klug-Scheißer“ oder „Rüge! Ekkehard stört den Unterricht“. Vom Lautsprecherwagen schallte zwischen den Reden der umgedichtete Gassenhauer „An der Nordseeküste“ mit den Zeilen „In der Bildungswüste, im norddeutschen Land, ist Herr Klug jetzt Minister, und dem fehlt der Sachverstand.“

Lehrer des Katharineums hatten T-Shirts bedruckt, auf denen sie ihre zahlreichen Tätigkeiten aufzählten – vom Berufsberater über den Familientherapeuten bis zum Reiseveranstalter. „Es gibt Phasen, in denen wir bis zu 70 Wochenstunden arbeiten“, berichtete Michael Schrader, Lehrer am Katharineum. „Wir sind an der Grenze.“ Seit 25 Jahren ist Silke Schweitzer-Drees Lehrerin. „Die Arbeitsbelastung hat enorm zugenommen“, erklärte die 50-jährige Pädagogin an der Matthias-Leithoff-Schule. „Wir funktionieren nur noch, pädagogische Arbeit ist kaum noch möglich“, beklagte Martin Kauder. Der Berufsschullehrer hatte ein Plakat gebastelt, auf dem er gegen das Streikverbot („Auch die Sklaven durften nicht streiken“) protestierte.

Von rund 1700 Lübecker Lehrern an den 80 allgemeinbildenden Schulen war nur ein kleiner Teil erschienen. Wulfila Gädeke, Vorsitzender der GEW Lübeck, lobte ihren Mut, trotz Drohungen seitens des Ministeriums die Arbeit niederzulegen. Gädeke forderte in seiner vielbejubelten Rede auf dem Schrangen, die Wochenarbeitszeit für alle Lehrer auf 24 Wochenstunden zu begrenzen. Der Landesregierung sagte er „energischen Widerstand“ an: „Wenn Kiel nichts tut, war das heute erst der Auftakt.“

Die Protestler hatten sich bereits am Vormittag versammelt. An der Baltic-Gesamtschule machte sich gegen 10.30 Uhr eine 100-köpfige Gruppe streikender Lehrer und sympathisierender Schüler auf den Weg zur Holstentor-Gemeinschaftsschule in der Wendischen Straße. Dort organisierten sie mit den Lehrern und Schülern der benachbarten Schule die erste Aktion. „Wir legen uns auf den Boden, um ein Signal zu setzen“, erklärte Lehrer Andreas Mathes. Der 55-Jährige in signalroter Weste und mit Schlapphut verurteilte die Pläne des Ministeriums, Lehrer aus den Gemeinschaftsschulen abzuziehen. „Wir wollen vor allem die Oberstufe der Gemeinschaftsschule qualitativ erhalten“, so Mathes. Der Druck in der Öffentlichkeit müsse steigen.

„Wir haben in Zukunft weniger Zeit für Unterrichtsvorbereitung und Elterngespräche“, klagte Katja Godowski von der Grund- und Gemeinschaftsschule Moisling. „Es geht nicht darum, dass ich mehr arbeiten soll, sondern darum, dass die Oberstufe leidet“, ergänzte Birgit Schmidt von der Baltic-Gesamtschule. Mit einer Keule schlug sie auf eine Abfalltonne ein. „Kiel haut die Bildung in meinen Augen in die Tonne“, erklärte sie.

Später zogen die Demonstranten über den dicht befahrenen Lindenplatz in Richtung Schrangen. Abseits vom Streikgeschehen diskutierte am Mittag eine kleine Gruppe von Schülern vor dem Katharineum. „Es wird weniger Abiturienten geben, die ein Studium antreten“, fürchtete die 17-jährige Sarah Chylek. Vor dem Hintergrund, dass man IT-Experten aus Asien nach Deutschland holen müsse, seien die Bildungspläne widersinnig. Auch wenn die Oberstufe der Gymnasien weniger leidet als die der Gemeinschaftsschule. Gymnasiast Maxi Brandt (17) ist besorgt: „Darunter leidet das gesamte Bildungssystem.“

Von Florian Grombein und Kai Dordowsky


(www.ln-online.de)
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 04.06.2010 um 16.53 Uhr eingetragen.
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Kieler Nachrichten, 2. Juni 2010

2000 Schüler demonstrierten in Kiel

(Foto: Protestumzug mit Plakat „Wir Streicken!“ [sic!])

Rund 2000 Schüler sind am Mittwoch durch die Kieler Innenstadt gezogen, um gegen das Bildungssystem im Norden zu protestieren. „Die Schulen sind unterfinanziert und Reformen wie die Profiloberstufe und G8 erhöhen den Leistungsdruck und schränken die Wahlfreiheit ein“, erklärte das „Bildungsbündnis Kiel“, das zu der Demonstration aufgerufen hatte.

In Anspielung auf Bildungsminister Ekkehard Klug (FDP) liefen sie mit Transparenten mit der Aufschrift „Klug, aber ohne Sinn und Verstand“ durch die Straßen. Im Anschluss versammelten sich die Schüler zu einer Kundgebung vor dem Rathaus. Nach Angaben der Polizei verlief die gesamte Protestaktion friedlich.

Ursprünglich wollten Schleswig-Holsteins Schüler ihren Ärger am bundesweiten Streiktag am 9. Juni Luft machen. Da an diesem Tag aber die mündlichen Abiturprüfungen anstehen, wurde die Demonstration im Norden vorverlegt.

Bereits für diesen Donnerstag ist der nächste Bildungs-Protest geplant. Dann wollen erstmals verbeamtete Lehrer in Schleswig- Holstein in Streik treten, um gegen Stellenstreichungen und längere Arbeitszeiten zu demonstrieren.


(www.kn-online.de; Leserkommentare dazu)
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 30.05.2010 um 13.00 Uhr eingetragen.
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Der Tagesspiegel, 29. Mai 2010

Ansprache hilft
Zahlreiche Projekte und Angebote fördern Schüler beim Lesen und Schreiben

Erst steht das Lernen der Buchstaben auf dem Stundenplan, dann folgen die Laute. Schnell bilden Kinder die ersten Wörter und beginnen Schritt für Schritt zu schreiben und zu lesen. „Sie sind neugierig und versuchen, schon früh alleine zu lesen“, berichtet Grundschullehrerin Gudrun Kolmar, die an der Deutsch-Polnischen Europaschule Deutsch und Kunst unterrichtet. Nach dem Wissensstand der Schüler füllt sie Lesekisten mit Unterrichtsmaterialien. Gelernt wird mit Texten, Ratespielen und Lesekarten zum Ankreuzen. Wichtig sei, dass die Schüler viel üben und auch zu Hause lesen.

Ein altersentsprechender Wortschatz, korrekte Grammatik sowie Sprach- und Lesekompetenz sind der Schlüssel zum Wissenserwerb. Schüler mit Lese- und Schreibschwierigkeiten verstehen häufig Textaufgaben falsch und können Diktaten nur schlecht folgen. Da das Regelwerk der Deutschen Sprache für viele Schüler eine große Herausforderung ist, sind Eselsbrücken gefragt: Wörter werden in einzelne Silben zerlegt und die sogenannten „Tiger-Wörter“, deren Endung wie ein „a“ lautet, aber „er“ geschrieben wird, werden im Klassenraum an ein unübersehbares langes Band geklebt. „Wichtig sind Schreibaufgaben zu Themen, die Kinder interessieren und motivieren, mit Sprache umzugehen“, erklärt Petra Wieler, Erziehungswissenschaftlerin und Professorin an der Freien Universität. Fehler beim Schreiben seien ganz natürlich, da Kinder erst die Abstraktion von der mündlichen Sprache lernen müssen. Hörkassetten, Erzählprojekte und Bücher unterstützen ebenfalls den Erwerb der Schriftsprache.

Ergänzend zum Deutschunterricht veranstalten viele Grundschulen Projekte, nutzen die Angebote von Vereinen und greifen auf ehrenamtliche Unterstützung zurück. So organisiert die Grips-Grundschule anlässlich des Internationalen Literaturfestivals in Berlin eine Leseprojektwoche, die mit einer Lesung eines Schriftstellers und einer Ausstellung der Kinder endet. Die Nürtingen Grundschule nutzt ihre Bibliothek und veranstaltet in Kooperation mit dem Verein Lesewelt Berlin Vorlesestunden für Kinder. Auf das Internet muss bei der Leseförderung nicht verzichtet werden. So setzen Schulen das Onlineportal Antolin vom Schroedel Verlag ein, das mit interaktiven Fragen die Auseinandersetzung mit Buchinhalten fördert.

Außerhalb der Schule bietet der Verein Lesart – das Berliner Zentrum für Kinder und Jugendliteratur – ein breites Programm an. Zu entdecken sind Gedichte, Geschichten, Lieder, Theaterstücke und Zeitungen. In eigene Worte umgesetzt, stärken sie die Ausdrucksfähigkeit der Schüler. Besonders erfolgreich ist das ausgezeichnete Projekt „WortStark“, das die Stadtbibliotheken Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte 2002 starteten. Die Bibliothekare hatten erkannt, dass Vorlesestunden nicht reichen und vor allem Kindern aus Migrantenfamilien nicht gerecht werden. Laut Katrin Seewald, der Leiterin der Kreuzberger Else-Ury-Bibliothek, konnten viele Kinder den Geschichten nicht folgen, weil ihnen Wörter fehlten. Mit pädagogischer Unterstützung entwickelten sie deshalb ein neues Programm für Kinder von zwei bis zwölf Jahren.

Die Ergebnisse der Berliner Leselängsschnittstudie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung zeigen, dass der Wortschatz eines Kindes eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Lesekompetenz spielt und diese wiederum die Wortschatzentwicklung stärkt. Die 2006 abgeschlossene Studie belegt, wie auch die letzte Internationale Leseuntersuchung IGLU, dass der soziale Status der Herkunftsfamilie entscheidend für die Entwicklung des Kindes ist.

Eine Ergänzungsstudie zu IGLU 2006, in deren Rahmen die Rechtschreibleistungen von über 8000 Kindern am Ende der vierten Klasse getestet wurden, verdeutlicht, dass die Schüler überwiegend Schwierigkeiten bei der Rechtschreibung haben. Die Rechtschreibreform hat nach Peter May vom Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung keine Erleichterung für unsichere Schüler gebracht. Da die fehlenden Kompetenzen in den weiterführenden Schulen kaum aufgeholt werden könnten, empfiehlt May, Schüler individuell zu fördern. Nachhilfeunterricht oder Lerntherapien außerhalb der Schule können helfen, die Lücken zu schließen.

Auf die Lese- und Rechtschreibschwäche spezialisiert haben sich die Lehrinstitute für Orthographie und Schreibtechnik (LOS). Von insgesamt 200 Standorten sind sechs in Berlin. Um die Bedürfnisse der Kinder zu ermitteln, beginnt jede Förderung erst einmal mit einem Test. Schüler von der ersten bis zur elften Klasse können ihre Rechtschreibung auch in einem von Peter May entwickelten Test im Internet überprüfen (unter www.dideon.de). Katja Gartz


(www.tagesspiegel.de)
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Matthias Künzer
Herzogenrath

Dieser Beitrag wurde am 19.05.2010 um 13.43 Uhr eingetragen.
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#6417 "Die Anderen müssen wir nachschulen [...]." Z.B. in Groß- und Kleinschreibung.
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 19.05.2010 um 13.26 Uhr eingetragen.
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Hamburger Abendblatt, 14. Mai 2010

Was zählt, ist soziale Kompetenz
Von Elke Schneefuß

Die Suche nach geeigneten Auszubildenden gestaltet sich immer schwieriger

Lüneburg. Schulabgänger, die sich in diesem Sommer auf die Suche nach einem Ausbildungsplatz machen, sollten es eigentlich nicht so schwer haben: Die Zahl der Lehrstellenbewerber sinkt. Nach dem Doppel-Abiturjahrgang im Sommer 2011 rechnen Experten sogar mit einem dramatischen Einbruch bei den Bewerberzahlen.

Aber mit denjenigen, die sich bewerben, haben die Ausbildungsbetriebe zunehmend Probleme: "60 Prozent der Unternehmen beklagen, dass sich keine geeigneten Bewerber finden. Bemängelt werden vor allem das mündliche und schriftliche Ausdrucksvermögen, die Disziplin und elementare rechnerische Fertigkeiten", sagt Volker Linde, Leiter der Abteilung Ausbildung bei der IHK Lüneburg-Wolfsburg.

Viele Betriebe versuchen, sich selbst zu helfen. "Die Arbeitsplatzreife ist ein großes Thema", sagt Linde. "Die Unternehmen bieten Nachhilfeunterricht und andere Zusatzangebote an, um nachzuarbeiten, was gebraucht wird." Solche Anstrengungen bedeuten jedoch erheblichen Aufwand.

Vielen Jugendlichen fehlen heute Grundfertigkeiten

"Unseren Bewerbern fehlen oft die notwendigen Qualifikationen", sagt Anita Wolff, Marketingleiterin bei der Firma Deerberg in Velten (Landkreis Lüneburg). "Im ersten Ausbildungsjahr investieren wir oft viel Zeit um die neuen Auszubildenden in Grundfertigkeiten zu schulen. Es gibt große Defizite im Bereich Rechtschreibung und auch bei den Umgangsformen. Ich vermute, dass das Zusammenspiel zwischen Schule und Elternhaus in vielen Fällen nicht mehr stimmt", sagt Wolff.

"Wir haben allerdings auch nur wenige Abiturienten unter unseren Bewerbern. Die Anderen müssen wir nachschulen, damit wir sie mit dem dritten Ausbildungsjahr übernehmen können", sagt Wolff. Nachlassen will das Unternehmen, das eine eigene Firma nur mit Auszubildenden betreibt, bei seinen Ausbildungsbemühungen nicht: "Die junge Generation ist wichtig für das Gesamtgefüge im Unternehmen" sagt Wolff.

Überwiegend positive Erfahrungen gemacht hat dagegen Michael Habor von der Buchhandlung Perl in Lüneburg. Das Traditionsunternehmen bildet seit Jahrzehnten aus, außerdem ist Habor Mitglied im IHK-Prüfungsausschuss für angehende Buchhändler: "Wir haben eine hohe Abiturientenquote unter denjenigen, die sich bei uns im Betrieb um eine Ausbildungsstelle bewerben. Aber natürlich gibt es auch Bewerber, die nicht passen - beispielsweise weil sie keine Leseerfahrung haben", sagt Geschäftsinhaber Michael Habor.

Der Buchhändlernachwuchs macht seine Arbeit gut: "Vor kurzem haben zwei unserer Auszubildenden eine Übernachtungsparty zum Welttag des Buches organisiert. Das war ein großer Erfolg, es klappte alles reibungslos", sagt Habor. Sehr zufrieden mit ihrem Ausbildungsplatz ist auch die angehende Buchhändlerin Susann Aue: "Buchhändlerin ist schon mein Traumberuf", sagt sie.

Susann Aue ist von Helmstedt nach Lüneburg gezogen für die Ausbildung

Für die Ausbildung zur Buchhändlerin ist Susann Aue eigens umgezogen. Und was empfiehlt sie Schulabgängern, die diesen Job machen möchten? "Die Deutschnote ist schon wichtig. Ein Interesse für Bücher sollte auch da sein - und auf Menschen zugehen zu können, das ist wichtig", sagt die Auszubildende.

Gute Umgangsformen und keine Angst vor dem Kundenkontakt, das braucht man in dem Beruf zunehmend: "Das Berufsbild wandelt sich. Der Außenauftritt einer Buchhandlung wird wichtiger. Die Buchhandlung wird zum Treffpunkt für Bücherfreunde. Wir bieten häufiger Events an, um auch einen Austausch der Leser untereinander zu ermöglichen", sagt Habor.

Er will auch im nächsten Jahr ausbilden - insgesamt jedoch wird sich die Situation für die Betriebe in den nächsten Jahren vermutlich eher verschärfen. Die Zahl der Schulabgänger wird aus demographischen Gründen sinken. "Die Situation wird schwieriger", sagt Volker Linde von der IHK. "Bereits jetzt präsentieren sich die Unternehmen auf Messen und in Schulen, um geeignete Bewerber auf sich aufmerksam zu machen.

"Noch ist die Lage bei uns nicht wirklich dramatisch. Aber in der südlichen Metropoleregionen stehen wir in starker Konkurrenz. Die Hamburger werden zunehmend auch im Raum Lüneburg nach Auszubildenden suchen", sagt Linde.


(www.abendblatt.de)
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Manfred Riemer
Mannheim

Dieser Beitrag wurde am 04.05.2010 um 22.57 Uhr eingetragen.
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Ja, mein erster Gedanke war schon richtig. Aber je länger man auf solch einen Satz starrt – Es wird keinen Wert darauf gelegt – umso irrer wird man manchmal.
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Robert Roth
Gau-Algesheim

Dieser Beitrag wurde am 04.05.2010 um 20.53 Uhr eingetragen.
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"Es will einfach keinen Feierabend werden." (?)
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Manfred Riemer
Mannheim

Dieser Beitrag wurde am 04.05.2010 um 18.47 Uhr eingetragen.
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"Es wird einfach keinen Wert mehr auf das richtige Schreiben gelegt." (41#6349)

Zunächst schien mir nur der Nominativ richtig (Passiv), aber es geht wohl doch beides?
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 04.05.2010 um 16.46 Uhr eingetragen.
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Südkurier, 3. Mai 2010

„Sprache muss bewusster werden“
Auf einen Kaffee mit… Ruth Wenzel, Beratungslehrerin am Schulamt. Sie spricht über ihre Arbeit mit Kindern, die eine Lese- und Rechtschreibschwäche haben.

Frau Wenzel, Sie arbeiten seit vielen Jahren mit Schülern zusammen, die Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS) haben. Wie kam es dazu?

Als ich meine Ausbildung zur Beratungslehrerin gemacht habe, wurden im Anschluss mehrtägige intensive LRS-Lehrerfortbildungen angeboten, die ich besuchte. Ich habe es immer wieder mit Schülerinnen und Schüler zu tun, die gerade in diesem Bereich Lernschwierigkeiten haben. Die Zahl der Kinder, die Unsicherheiten im Rechtschreiben aufweisen, hat in den vergangenen Jahren zugenommen.

Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für diese Entwicklung?

Ich glaube, dass die Schule neben Schreiben, Lesen und Rechnen immer mehr Lernbereiche und Kompetenzen vermitteln muss, das heißt das Rechtschreiben nimmt keinen so großen zeitlichen Rahmen mehr ein wie früher. Außerdem nimmt auch die Konzentration der Kinder durch die Medienvielfalt ab.

Wann tritt die Schwäche auf?

Im Prinzip schon in der Grundschule. Aber da mogeln sich noch einige durch, weil sie die Wörter einzeln lernen und abspeichern aber die Gesetzmäßigkeiten nicht durchschauen.

Wie viele Kinder leiden unter einer Lese- und Rechtschreibschwäche?

Es kommt drauf an, wie man es sieht. Oft ist es das Problem, dass die Kinder nachlässig sind und weniger eine Schwäche auszumachen ist. Es wird einfach keinen Wert mehr auf das richtige Schreiben gelegt. Was sich in den vergangenen Jahren sehr breit gemacht hat, ist diese Nachlässigkeit gegenüber Groß- und Kleinschreibung. Ich würde sagen, ein Drittel in jeder Klasse kämpft mit der Rechtschreibung.

Haben die Kinder Probleme in der Klasse akzeptiert zu werden?

Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn man in der Klasse offen mit dem Problem umgeht und deutlich macht, dass jedes Kind eben seine speziellen Schwächen und Stärken hat, dann wird das auch von den Mitschülern akzeptiert. Glücklicherweise hat sich das gewandelt und es ist keine Blöße mehr, in einen LRS-Kurs zu gehen.

Wie hängen Rechtschreibung und Leseschwäche zusammen?

Wenn ein Kind nicht richtig schreibt, dann liest es oft über die Wörter drüber. Da muss man das Kind dazu erziehen, genau zu lesen und nicht die Wörter zu verdrehen. Es reicht ein freundliches„Stopp“ zu sagen, und „Lies genauer, wenn das Kind falsch liest ohne Vorwurf. Es geht darum, die Kleinen zu ermuntern, wirklich genau hinzuschauen und mitzusprechen und zu loben.

Beschreiben Sie doch mal Ihre Arbeit.

Wichtig bei meiner Arbeit ist, dass sich die Kinder wieder mehr der Sprache bewusst werden. Kinder, die große Problem beim Schreiben und Lesen haben, lernen, dass sie das Wort in Silben erschließen müssen. Zuerst muss die lautgetreue Umsetzung in Silben funktionieren und dann kann man den Kindern weitere Hilfen an die Hand geben

Welche Strategien gibt es noch?

Der nächste Schritt ist, dass die Kinder Strategien lernen, wenn sie merken, dass die lautliche Umsetzung nicht überall aufgeht. Das Wort „kommt“ schreibt man mit Doppel-m, obwohl man nur eins hört. Da muss ich den Kindern beibringen, woher das Wort stammt, also von „kom-men“ und daher schreibt man es mit Doppel-m. Ich versuche, Hilfestellungen zu geben.

Ist Ihre Erfolgsquote hoch?

Das ist sehr unterschiedlich. Ich hatte Schüler, die sehr schlecht waren und die durch konstantes Lernen einen Notensprung im Diktat von sechs auf drei geschafft hat. Bei manchen geht es schnell, bei den anderen nicht so. Aber Fortschritte macht eigentlich jeder, wenn er sich drauf einlässt.

Wie stark sind die Eltern gefordert, wenn ihr Kind unter LRS leidet?

Die Eltern müssen geduldig und gelassen bleiben. Man muss sich vor Augen führen, dass Kinder, besonders Grundschulkinder, hoch motiviert sind, alles richtig zu machen. Deshalb sind Elternabende oder Elterneinzelberatungen wichtig, um den Eltern Hilfestellung zu geben, wie sie sinnvoll mit den Kindern üben können. Ganz wichtig ist, dass die Kinder beim Schreiben in Silben mitsprechen, zu Haus laut, in der Schule leise oder nur mit Lippenbewegungen.

Vielen Kindern wird laut Studien nicht mehr vorgelesen und sie lernen dadurch auch nicht zu lesen.

Das ist richtig. Es gibt Studien, die sagen, dass Kinder, denen im Kindesalter vorgelesen wird, intelligenter sind. Ich rate den Eltern dann gemeinsam mit den Kindern zu lesen. Wichtig ist: Lieber irgendwas lesen, als gar nichts.

Fragen: Stefanie Nosswitz


(www.suedkurier.de)
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

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Frankfurter Rundschau, 4. Mai 2010

Rotstift in Fahrt
Von Dirk Pope

Es geht um eine Inhaltsangabe. Die Achtklässler haben sich recht kurz gehalten, zu meiner Erleichterung. Im ersten Durchgang achte ich auf Rechtschreibung und Grammatik. Verfluchte Getrennt- und Zusammenschreibung, Kann-, Muss-, Will-, Darf- und Soll-Kommasetzung, denke ich mir. Am Computer gibt es Rechtschreibprogramme und jeder Fehler wird automatisch angezeigt. Anders in den Klassenarbeitsheften. Wer schreibt heutzutage überhaupt noch analog, mit Tinte? Und wie kann ich guten Gewissens Fehler anstreichen, die ich wohl jederzeit selbst machen würde?

Doch korrigieren und zensieren gehört zum Lehrergeschäft wie das Zerlegen einer Rinderhälfte zum Handwerk des Fleischers - im Bewusstsein, nicht allen Kunden das Filetstück anbieten zu können. Und einmal angefangen, nimmt mein Rotstift schnell Fahrt auf. Ich zähle die Fehler und berechne den Fehlerquotienten: Fehleranzahl x 100, geteilt durch die Anzahl der Wörter. Dann geht es ans Inhaltliche. Nur – wie legt man Bewertungsmaßstäbe an, die für alle nachvollziehbar sind? Schließlich handelt es sich nicht um eine Mathearbeit, wo es richtig oder falsch gibt.

Ich frage mich, wie ich selbst die Inhaltsangabe geschrieben hätte, und muss mir eingestehen, dass ich so etwas schon länger nicht getan habe. Nicht in diesem Jahrtausend. Um ein Mindestmaß an Objektivität zu gewährleisten, hat mir die Deutschlehrerin einen sogenannten Erwartungshorizont mitgegeben – eine grobe Übersicht, was in den Schülertexten zu stehen hat. Ich verteile Punkte auf Einleitung, Haupt- und Schlussteil, zähle alles zusammen und ziehe Notenpunkte für den Fehlerquotienten wieder ab. Kurz nach Ostern ist der Spuk vorbei. Notendurchschnitt 3,1 – entgegen meiner ursprünglichen Absicht, allen eine 2 zu geben.

Keine Arbeit hat mich mehr als eine halbe Stunde gekostet, und dennoch habe ich am Ende das Gefühl, mehr korrigiert als bislang selbst unterrichtet zu haben. [...]

Zur Person
Dirk Pope, Jahrgang 1969, unterrichtet an der Frankfurter Musterschule. Nach zehn Jahren als Werbetexter hat er ein Referendariat für die Fächer Deutsch und Sport begonnen. Für uns berichtet er immer wieder über seine Erfahrungen.


(www.fr-online.de)
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

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Hamburger Abendblatt, 16. April 2010

Langzeitvergleich: Mädchen hängen die Jungs ab
Von Elisabeth Jessen, Hanna-Lotte Mikuteit und Friederike Ulrich

In den Sprachen lagen sie schon immer vorn, jetzt holen sie auch in Mathematik und den Naturwissenschaften auf.

(Bildunterschrift: In den Fächern, in denen sonst traditionell die Jungen stark sind, haben Mädchen mittlerweile fast gleich gezogen.)

Jule ist gut in Fußball, Basketball und Tischtennis, spielt Trompete und Gitarre - und ist gut in Mathematik. In den klassischen Jungendomänen hat sie also die Nase vorne. Damit entspricht sie genau dem Prototyp, den eine neue, bisher unveröffentlichte Schulstudie als Gewinner des Schulsystems ansieht: Während die Mädchen die Jungs in ihren Klassen in Fächern wie Deutsch und Englisch schon vor langer Zeit abgehängt haben, holen sie jetzt auch in Mathe und Naturwissenschaften auf - und liegen in den Fächern, in denen sonst traditionell die Jungen stark sind, mit ihnen praktisch gleich.

In ihrer gestrigen Ausgabe hatte die "Welt" vorab über die Studie unter der Abkürzung KESS 8 berichtet, die in der kommenden Woche im Schulausschuss vorgestellt werden soll. Dahinter verbirgt sich eine Langzeituntersuchung im Auftrag der Schulbehörde zu den "Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schüler" (KESS). Nach den Jahrgängen 4 und 7 wurden 2007 knapp 14 000 Schüler des achten Jahrgangs getestet. Das Ergebnis: Alle Schüler haben Fortschritte gemacht. Allerdings sind die der Mädchen größer. Beispiel Lesekompetenz: Dort hat sich nach den Ergebnissen der Forscher rund um den Dortmunder Bildungsexperten Wilfried Bos der Rückstand der Jungen von 17 Punkten am Ende der vierten Klasse auf 33 Punkte nach der achten Klasse nahezu verdoppelt. Auch in der Rechtschreibung konnten sie die Differenz nicht ausgleichen. Selbst in den Naturwissenschaften lassen die Jungen nach. Während die Mädchen zwischen vierter und achter Klasse 121 Punkte wettmachten, schafften sie nur einen Zuwachs von 107 Punkten. Gravierend sind die Probleme bei Jungen mit Migrationshintergrund und sozial schwachen Elternhäusern, heißt es laut "Welt" in der Studie.

"Das Thema Jungs wurde lange nicht ernst genommen", sagt Ayhan Tasdemir, Sozialpädagoge und "Jungen-Beauftragter" an der Rudolf-Roß-Gesamtschule. "Jungen-Pädagogik muss endlich ins kollektive Bewusstsein rücken." Gerade ihre sozial-emotionale Betreuung käme in den Schulen zu kurz. "Ihr Kopf ist oft mit anderen Dingen voll, da ist kein Platz mehr, um Informationen aufzunehmen." Doch sei es falsch, in diesem Fall mit Strenge zu reagieren. "Das blockiert die Lernzugänge", sagt Tasdemir. "Jungen muss man auf der Gefühlsebene ansprechen."

Dass es den Jungen - wie in der KESS-Studie beschrieben - immer schwerer fällt, mit den Mädchen mitzuziehen, begründet der Sozialpädagoge mit ihren Orientierungsschwierigkeiten. Jungs fehle es an männlichen Vorbildern - viele hätten zu Hause und in der Schule überwiegend mit Frauen zu tun. Gerade in Familien aus benachteiligten Stadtteilen hätten Jungen oft keinen Ansprechpartner für ihre Sorgen. "Gefühle zu zeigen ist für viele eine Katastrophe", so der Experte. "Weil es als Unsicherheit ausgelegt werden kann, fragen sie im Unterricht lieber nicht nach, sondern schalten ab."

An der Rudolf-Roß-Gesamtschule bestätigten sich die Ergebnisse der KESS-Studie indes nicht. Von 100 Schülern der achten Klassen besuchen 17 den leistungsstärkeren Mathe-Kursus. "Unter den 17 Schülern sind nur zwei Mädchen", so Schulleiter Jan Baier. Eine von ihnen ist Jule.

Ihr Schulkamerad Nico Gebert ist in Mathe in der zweiten Leistungsstufe. Es ist sein schwächstes Fach, "das war schon in der Grundschule so". In seiner Ziel- und Leistungsvereinbarung für das zweite Halbjahr hat er festgeschrieben, dass er sich in Mathe bis zum Sommer um eine Note verbessern will. "Das hilft mir", sagt der Jugendliche. Seiner Ansicht nach haben es Mädchen in der Schule etwas leichter: "Sie sind ordentlicher, fleißiger, und die Lehrer mögen es, dass sie ruhiger sind."

Jule ist nicht nur im Mathe-Einser-Kursus, sondern auch - als Einzige aus ihrer Klasse - im leistungsstarken Deutschkurs. Für die 15-Jährige sind "Konkurrenzkämpfe" mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder der Grund für ihre guten Leistungen. "Das hat mich gepuscht." Bei ihren Mitschülern hat Jule noch nicht beobachtet, dass die Mädchen die Jungen abhängen. "In manchen Fächern sind wir besser, in anderen die Jungs", sagt sie. Doch eins sei ihr aufgefallen: "Jungen, die viel Computer spielen, sind oft schlechter in der Schule."

Das bestätigt der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer, der in zahlreichen Studien den Einfluss von Medienkonsum auf Schullaufbahn und Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen untersucht hat. Demzufolge besitzen schon bei den Viertklässlern mehr als doppelt so viele Jungen (38 Prozent) wie Mädchen (15 Prozent) eine eigene Spielekonsole. "Je mehr Zeit sie mit dem Konsum dieser Medien verbringen und je brutaler die Inhalte sind, desto schlechter sind ihre Schulnoten", so Pfeiffer.

Klare Aussagen macht die KESS-Studie auch zur Schullaufbahnempfehlung in der vierten Klasse: Danach liegen die Grundschullehrer häufig falsch mit ihrer Prognose. Denn: 66 Prozent der Kinder ohne Gymnasialempfehlung besuchen am Ende von Klasse 8 weiter das Gymnasium. Bildungsforscher Bos folgert daraus, dass die Empfehlung für viele Kinder zu früh kommt.

Ties Rabe, schulpolitischer Sprecher der SPD, sagte dem Abendblatt: "Es ist gut, dass wir in Hamburg weiter ein Elternwahlrecht haben." Die KESS-8-Resultate seien zu erwarten gewesen. Schon seit Jahren liegt der Anteil der Mädchen an den Abiturienten deutlich höher. Rabe ärgert, dass die Studie lange unter Verschluss gehalten wurde. "Ich hoffe, dass es nicht darum ging, unliebsame Ergebnisse nachzubessern."


(www.abendblatt.de)
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

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Die Welt, 15. April 2010

Jungen sind die großen Verlierer des Schulsystems
Von Insa Gall

Studie Kess 8 zeigt enorme Leistungsunterschiede zwischen Geschlechtern. Schulempfehlungen oft falsch

Die Jungen drohen zu den Verlierern des Hamburger Bildungssystems zu werden. In vielen Fächern wie Deutsch und Englisch haben die Mädchen sie in ihren durchschnittlichen Leistungen längst abgehängt. Sogar in Mathe und Naturwissenschaften, in denen die Jungen traditionell stark sind, haben die Mädchen praktisch gleichgezogen. Dabei schließt sich die Leistungsschere im Laufe der Schulkarriere nicht etwa, sie wird sogar noch größer.

Das belegt die bisher unveröffentlichte Studie Kess 8, die der WELT exklusiv vorliegt. Nach den Jahrgängen 4 und 7 sind jetzt die "Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern" (Kess) des achten Jahrgangs in einer Längsschnittstudie vom Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos und seinem Team getestet worden. An der Studie nahmen 9628 Schüler von 170 staatlichen und 14 Privatschulen teil.

Zwar zeigt die Untersuchung insgesamt gute Lernfortschritte der Schüler vom Anfang der siebten bis zum Ende der achten Klasse. Allerdings stehen die Jungen dabei sehr viel schlechter da. Beim Leseverständnis, einer zentralen Kompetenz, sind sie von den Mädchen weiter abgehängt worden. Die Differenz hat sich von 17 Punkten am Ende der vierten Klasse auf nunmehr 33 Punkte verdoppelt, das entspricht fast einem Lernjahr. "Dies ist eine besorgniserregende Entwicklung", sagt Ulrich Vieluf, Staatsrat der Schulbehörde. In Englisch sind die Mädchen besser, in der Rechtschreibung zeigen sie deutlich höhere Lernzuwächse. "Wir haben wirklich ein Jungenthema", so Vieluf. Denn in den Naturwissenschaften, die immer als Jungendomäne galten, schlossen die Mädchen mit 123 Skalenpunkten fast zu den Jungen (126) auf. Schlechtere Leistungsstände gibt es vermehrt auch bei Kindern mit Migrationshintergrund sowie aus sozial schwachen Elternhäusern. Galten früher katholische Arbeitermädchen als bildungsmäßig benachteiligt, so Vieluf, könne dies heute für türkische Arbeiterjungen gesagt werden. "Wir müssen die Jungenpädagogik oben auf die Agenda setzen", fordert er.

Die Studie kommt zu weiteren brisanten Ergebnissen. So lässt sich wissenschaftlich für Hamburg belegen, dass die Grundschullehrer mit ihrer Empfehlung für eine weiterführende Schule oft danebenliegen. Dabei vergeben sie zu zögerlich Gymnasialempfehlungen. 95 Prozent der gymnasial empfohlenen Kinder lernen am Ende der achten Klasse noch auf dieser Schulform. Aber auch von den Kindern, die sich über eine Haupt- oder Realschulempfehlung hinweggesetzt und für ein Gymnasium entschieden haben, sind noch 66,6 Prozent am Ende der achten Klasse erfolgreich dabei. Zwar sind sie tendenziell unter den Leistungsschwächeren. Die Studie lässt auch noch keinen Schluss darüber zu, ob sie am Ende das Abitur machen.

Doch dass sich zwei von drei nicht für das Gymnasium Empfohlene dort erfolgreich behaupten können, hat auch den Staatsrat erstaunt. "Offenbar sind die Grundschullehrer zu zurückhaltend mit ihrer Empfehlung", sagt er. Das liege auch darin begründet, dass am Ende der vierten Klasse die Bewertungsgrundlage vor allem bei Schülern mit uneinheitlichen Leistungen nicht ausreicht, um zu einer treffenden Vorhersage über ihren Bildungserfolg zu kommen, da der Fächerkanon noch klein sei und nur Mathe und die Rechtschreibung als Grundlage dienten.

"Die Lehrer irren sich selten bei den Leistungsstarken, aber bei Schülern mit uneinheitlichen Leistungen reicht die Grundlage nicht aus", so Vieluf. Dies spricht aus seiner Sicht dringend für das sechsjährige gemeinsame Lernen.

Zu einer ähnlichen Bewertung kommt auch Bildungsforscher Bos. Die Analysen legten nahe, "dass die Schullaufbahnempfehlung in der Jahrgangsstufe 4 keine hinreichende Grundlage für die Vorhersage zukünftiger Schulleistungsentwicklung in der Sekundarstufe darstellt", besonders für die nicht unerhebliche Zahl von Schülern, die Mitte der vierten Klasse ein unausgeglichenes Leistungsprofil aufwiesen, schreibt er.

Die Studie belegt aber auch die Stärke der Gymnasien, die nicht nur die Schulform mit den höchsten Leistungsständen sind, sondern auch mit den größten Lernzuwächsen. Auch die Schüler, die trotz einer Gymnasialempfehlung eine Realschule besuchen, erreichen dort viel geringere Leistungen als diejenigen, die der Empfehlung folgend ein Gymnasium besuchen. Dies liegt mit an dem komprimierten Curriculums im achtjährigen Gymnasium, dessen Lernerfolge in der Studie erstmals überprüft und nach Vielufs Bewertung sehr beachtlich sind.

Aber nicht nur. Die Untersuchung bescheinigt den Schulformen unterschiedliche Förderwirksamkeit. Schulspezifische Vorteile zeigten sich dabei vor allem für Gymnasiasten und mit Abstrichen für Realschüler. Diese Vorteile ließen sich nicht nur auf die leistungsbezogene und soziale Komposition der Schülergruppen zurückführen. Stattdessen seien "sowohl Effekte der Schülergruppierung als auch institutionell erzeugte Unterschiede in den Lernbedingungen" verantwortlich.


(www.welt.de)
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

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Die Presse, 18. April 2010

Deutschdefizite: Sprachbarriere bei Bewerbung
41 Prozent der Bewerber für Wiens Polizei scheitern wegen ihrer Deutschkenntnisse. Auch in anderen Berufsgruppen gibt es sprachliche Defizite. Dabei geht es nicht nur um Menschen mit Migrationshintergrund

Die Polizei hat Pech. Sie geriet diese Woche in die Schlagzeilen und wurde belächelt, weil sie bekannt gab, dass 41 Prozent der Bewerber für die Wiener Polizei an mangelnden Deutschkenntnissen gescheitert sind, genauer gesagt an der Rechtschreibung. Dabei ist die Polizei gar kein so schlechter Spiegel unserer Gesellschaft. Denn es sind bei Weitem nicht nur die künftigen Leider-nicht-Polizisten, die sich mit der deutschen Sprache mehr als plagen.

„Eine unserer Problemgruppen sind arbeitssuchende Jugendliche ab 15 Jahren“, sagt Hans-Paul Nosko vom Wiener Arbeitsmarktservice. Und dabei geht es nicht nur um jene mit Migrationshintergrund, auch Kinder österreichischer Eltern haben zum Teil große Schwierigkeiten mit Deutsch.

Gerade bei Jugendlichen auf Lehrstellensuche wird das Problem besonders deutlich. Immer mehr Unternehmen klagen darüber, dass die Bewerber eklatante Schwächen hätten. „Wir stellen fest, dass das Niveau der Jugendlichen immer schlechter wird“, sagt Walter Granadia. Als Bereichsleiter des Ausbildungszentrums für überbetriebliche Lehrausbildung des Berufsförderungsinstituts Wien hat er es mit rund 400 Jugendlichen zu tun, die keine Lehrstelle in einem Betrieb bekommen haben. „Mängel gibt es vor allem beim sinnerfassenden Lesen“, erzählt er. Aber auch die Ausdrucksweise sei oft problematisch: „Ich würde keinen der Jugendlichen hier auf einen Kunden loslassen.“

Test als Pflicht. Rund 80 Prozent seiner Lehrlinge haben migrantischen Hintergrund, die restlichen 20 Prozent sind autochthone Österreicher. Gemeinsam haben sie, dass sie zu Beginn einen dreimonatigen Schwerpunkt Deutschunterricht absolvieren müssen. Dazu gehören auch Aufgaben wie Bewerbungstraining oder das Schreiben von Lebensläufen, zum Teil auch fachbezogener, auf den jeweiligen Lehrberuf getrimmter Sprachunterricht. Für alle, die mit Deutsch ihre Probleme haben, gilt aber auch, dass es in anderen Fächern Mängel gibt – die Grundrechnungsarten erweisen sich etwa für viele als große Schwierigkeit.

Unternehmen, die bei der Auswahl ihrer Lehrlinge auf Nummer sicher gehen wollen, verlangen daher immer häufiger Tests, die über die Schulnoten hinaus etwas über die Bewerber aussagen. Der Weg vieler Jugendlicher führt dann ins Berufsinformationszentrum der Wirtschaftskammer (Biwi). Hier werden kostenlos sogenannte Talentechecks abgehalten, bei denen die Teilnehmer ihre Talente und Fähigkeiten beweisen sollen. Eigentlich dazu gedacht, dass Jugendliche ein Bild von sich selbst bekommen, sind die Tests zunehmend zu einer Art Pflichtprogramm für Lehrstellensuchende geworden, die von den Unternehmen geschickt werden.

Nicht nur Deutsch. „Das lässt sich nicht auf einen Deutschtest reduzieren“, sagt Leiter Leo Hödl. Neben verschiedenen Aufgaben auf Papier oder am Computer gilt es auch, Übungen mit diversen Maschinen und Simulatoren zu absolvieren. Und, das würden viele Jugendliche unterschätzen, es finden sich schon in den Rahmenbedingungen viele Dinge, die den Unternehmen einiges über die Bewerber verraten: „Eigeninitiative, Interesse, Pünktlichkeit – schon allein dadurch reduziert sich die Zahl der Bewerbungen.“ Und es sind gar nicht so wenige, die vor dem Talentecheck kapitulieren und gar nicht erst hingehen. Mit dem Zertifikat des Biwi in der Hand hat man demnach bei der Suche nach einer Lehrstelle schon einmal einen Pluspunkt.

Doch wer jetzt in den Reflex verfällt, dass derartige Defizite ein Kennzeichen bildungsferner Schichten seien, liegt falsch. „Beim AMS landen zwar eher Menschen mit Qualifikationsdefiziten“, sagt AMS-Experte Nosko, „mehr als 50 Prozent der in Wien arbeitslos Gemeldeten verfügen maximal über Pflichtschulabschluss.“ Allerdings: „Das Problem trifft man auch unter höher Gebildeten an.“ Zwar nicht in der Intensität, dass überhaupt keine Kenntnisse vorhanden sind oder man erst mit der Alphabetisierung starten müsste, doch das Deutsch-Level ist zum Teil erschreckend niedrig. Sogar bei Maturanten, selbst bei Universitätsabgängern, ist das Niveau vor allem in deutscher Rechtschreibung gar nicht so selten alles andere als zufriedenstellend. Viele werden allein durch die Rechtschreibprüfung am Computer vor dem Auffliegen gerettet.

Sprachliche Feinheiten. Schwierigkeiten mit den Fällen – Dativ und Genitiv werden besonders gern falsch verwendet –, Unsicherheiten oder komplette Verwechslung von „dass“ und „das“ stehen ganz oben auf der Mängelliste. So wie auch Satzzeichen gelegentlich nur mehr willkürlich gesetzt werden. Immerhin, auf der Sozialplattform Facebook, die immer häufiger Probleme der realen Welt thematisiert, hat sich schon eine Gegeninitiative gebildet. Name der Gruppe: „Komm essen wir Opa – Satzzeichen retten Leben!“


(diepresse.com)
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 18.04.2010 um 20.14 Uhr eingetragen.
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SZ, 19. April 2010

Die Größe ist egal
Von Tanjev Schultz

Eine neue Studie zeigt: Anders als bislang angenommen ist kein Einfluss der Klassengröße auf die Leistung von Grundschülern nachweisbar.

Die Bedeutung möglichst kleiner Schulklassen wird in der Bildungspolitik womöglich überschätzt. Einer neuen Studie zufolge ist zumindest in den Grundschulen ein Einfluss der Klassengröße auf die Leistung der Schüler "nicht nachweisbar". Auch beim Stressempfinden von Lehrern zeige sich "kein Zusammenhang" zur Klassengröße. Das schreiben die Bildungsforscher Eva-Maria Lankes und Claus Carstensen in einem Bericht zur sogenannten Iglu-Grundschulstudie.

Der Bericht, der den Kultusministern jetzt vorgestellt wurde, liegt der Süddeutschen Zeitung vor. Er stützt sich auf eine Analyse von mehr als 300 Schulklassen, die 2006 untersucht wurden. Die Wissenschaftler deuten an, dass es effektiver wäre, die Unterrichtsqualität zu verbessern, statt flächendeckend die Zahl der Schüler in den Klassen zu senken.

In der internationalen Forschung finden sich kaum Belege dafür, dass kleinere Klassen unmittelbar mit besseren Leistungen einhergehen. Zwar gilt eine geringe Schülerzahl als Chance, anspruchsvollen Unterricht umzusetzen und die Schüler individuell zu fördern. Ob diese Chance genutzt werde, hänge aber vor allem von den einzelnen Lehrern ab, heißt es in der Studie.

In deutschen Grundschulen liege die Klassenstärke im Durchschnitt bei 22 Kindern. Dies entspricht dem Wert in anderen europäischen Ländern. Es gibt allerdings erhebliche Schwankungen je nach Schule und Region.

Der neue Iglu-Bericht unter Federführung des Dortmunder Schulforschers Wilfried Bos belegt außerdem erneut den Einfluss der sozialen Herkunft auf die Schulkarriere der Kinder. Arbeiterkinder haben es bei gleicher Intelligenz und gleicher Leseleistung fast dreimal so schwer, von Lehrern für ein Gymnasium empfohlen zu werden, wie Kinder aus der Oberschicht. Im Saarland und in Sachsen ist der Einfluss der sozialen Herkunft besonders groß; dort sind die Aussichten für Arbeiterkinder mehr als viermal geringer.

Auch Hessen und Bayern schneiden bei dem Wert, der sich auf Daten von 2006 bezieht, vergleichsweise schlecht ab. In Berlin, Bremen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen gibt es dagegen, wenn Intelligenz und Leseleistungen der Schüler berücksichtigt werden, keinen Effekt der sozialen Herkunft auf das Lehrerurteil.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) forderte erneut bundesweit einheitliche Schulbücher und größeren Einfluss des Bundes in der Bildungspolitik. Der Neuen Osnabrücker Zeitung sagte Schavan, die Bundesländer müssten sich mehr bewegen.


(www.sueddeutsche.de)

(Kommentar dazu vom "Lehrerfreund")
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 15.04.2010 um 14.21 Uhr eingetragen.
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Der Spiegel Nr. 9, 1. März 2010

Sehnsucht nach Ruhe
Viele Landesregierungen beugen sich mittlerweile in der Schulpolitik der Macht der Eltern - auf Kosten von Qualität und Chancengerechtigkeit.

[...]

Vergangene Woche schreckten verheerende Umfrageergebnisse die Hamburger Union auf. Sie käme derzeit nur auf 31 Prozent, über 11 Prozentpunkte weniger als bei der Bürgerschaftswahl 2008.

In der Hansestadt tobt seit Monaten ein erbitterter Krieg um das richtige Schulsystem. Mit einem ungewöhnlichen Schritt versuchte der bedrängte Senat in der vergangenen Woche in die Offensive zu kommen und die geplante Verlängerung der Grundschule von vier auf sechs Jahre gegen den Widerstand vieler Eltern zu retten. Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und seine grüne Schulsenatorin Christa Goetsch schmiedeten mit der Opposition aus SPD und Linken eine Allparteienkoalition in der Schulpolitik.

Diese Woche soll das geänderte Schulgesetz in der Bürgerschaft beschlossen werden. Doch die mächtigsten Gegner sitzen nicht im Parlament. Es sind Frauen wie Kerstin Pohl. "Wir sind nicht bereit, uns eine Reform um der Reform willen vorschreiben zu lassen", sagt die Mutter von drei Kindern. Deshalb marschierte die 49-jährige Schulsekretärin schon bei zwei Großdemonstrationen durch die Hamburger Innenstadt mit und sammelte Unterschriften gegen die Reform.

Über 180 000 Stimmen hat die Initiative zusammengetragen und damit einen Volksentscheid erwirkt, der die Reform kippen soll. Bis Mitte März muss der Entscheid beantragt werden, die Hamburger würden dann im Sommer zu den Urnen gerufen. Der Stadt stünde ein monatelanger Wahlkampf zwischen einer Allparteienkoalition und einem Elternbündnis bevor. So etwas hat es in der Geschichte der Republik noch nicht gegeben.

Das Ergebnis des Volksentscheids ist in Hamburg neuerdings für die Politik bindend. Für eine größere Mitsprache der Bürger und die entsprechende Gesetzesänderung hatten sich ausgerechnet die Grünen eingesetzt - die treibende Kraft hinter der umstrittenen Schulreform.


(www.spiegel.de/spiegel/print)
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Reinhard Markner
Berlin

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Der Landeselternausschuß hat die Berliner Grundschullehrer gestern aufgefordert, die Vergleichsarbeiten der dritten Klasse ernst zu nehmen und aus schlechten Testergebnissen auch Konsequenzen zu ziehen. (Berliner Zeitung)
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 13.04.2010 um 15.25 Uhr eingetragen.
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Der Tagesspiegel, 13. April 2010

Brandbrief an Zöllner
Vergleichstests: Grundschullehrer drohen mit Boykott
Mehr als 1000 Berliner Grundschullehrer haben wegen der schwierigen Situation an ihren Schulen einen weiteren Brandbrief verfasst. Das Schreiben an Bildungssenator Zöllner richtet sich gegen die umstrittenen Vergleichsarbeiten in den dritten Klassen.

Von Hannes Heine und Susanne Vieth-Entus

Berlin - Es beteiligten sich Lehrer von mehr als 50 Grundschulen. Das Protestschreiben der Initiative „Grundschulen im sozialen Brennpunkt“ an Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) richtet sich gegen die umstrittenen Vergleichsarbeiten in den dritten Klassen. Es sei eine „Form der Diskriminierung“, wenn Kinder aus sozialen Brennpunkten die Aufgaben lösen müssten, die für Schüler „normal geförderter Mittelstandsfamilien“ konzipiert seien. In den drei bundesweiten Vergleichstests wird seit 2007 Rechtschreibung, Mathematik und Lesen geprüft.

In dem Brief heißt es, Schüler seien oft außerstande, Fragen der Deutscharbeiten zu durchdringen, und auch die meisten Mathematikaufgaben seien „nicht lösbar“, weil die Kinder die dazugehörigen Texte nicht verstünden. Die nächsten Arbeiten sind für Ende April bis Anfang Mai geplant. Nach Tagesspiegel-Informationen wird in Kreisen der Grundschullehrer diskutiert, die Tests zu boykottieren. Unter ihren Schülern stammen 70 bis über 90 Prozent der Kinder aus Einwandererfamilien, viele der Schulen liegen in sogenannten Problemkiezen. Nachdem 2006 das Kollegium der Rütli-Schule im sozial schwachen Norden des Berliner Bezirks Neukölln in einem Schreiben an den Senat wegen der katastrophalen Zuständen in der Einrichtung die Abschaffung der Hauptschulen gefordert hatte, richteten sich auch Lehrer anderer Schulen mit Brandbriefen an die Politik.

Im aktuellen Schreiben fordern die Unterzeichner kleinere Klassen, zusätzliche Deutsch-Förderstunden, mehr Sozialarbeiter und weitere Pädagogen mit Migrationshintergrund. Solange die personelle Ausstattung an Brennpunktschulen nicht besser werde, ergäben Vergleichsarbeiten, in denen ihre Schüler schlecht abschnitten, keinen Sinn.

„Es gibt bei Lehrern und Experten seit Jahren erheblichen Unwillen gegen diese Tests“, sagte Horst Bartnitzky, Bundesvorsitzender des Grundschulverbandes, dem Tagesspiegel. Die Tests ergäben für gute Lehrer „wenig Erhellendes“, meist wüssten die Kollegen vor Ort ohnehin schon, wie ihre Schüler abschneiden. „Es wird suggeriert, man könne durch solche Einheitsarbeiten alle Schüler in allen Klassen und Bundesländern korrekt vergleichen“, sagte Bartnitzky. Dabei blende der Test erschwerte Lernbedingungen an den verschiedenen Schulen völlig aus. Außerdem hätten die Vergleichsarbeiten inzwischen dazu geführt, dass einige Lehrer ihren Schülern in Einzelfällen bei der Bewältigung der Aufgaben helfen würden, was die Aussagekraft der Ergebnisse verwässere. Alle rund 500 000 Drittklässler in Deutschland würden jedes Jahr mit den Vergleichsarbeiten getestet. Dass Einwanderer- und Arbeiterkinder schlechter abschnitten als Schüler aus der Mittelschicht sei nicht nur Folge der Testkonzeption, sondern auch der hierzulande „enormen sozialen Unterschiede und Startbedingungen“, sagte Bartnitzky. Knapp 11 000 Pädagogen gehören dem Grundschulverband an.

Ulrich Thöne, Chef der Bildungsgewerkschaft GEW, sagte dem Tagesspiegel: Die Arbeiten seien „ein vollkommen ungeeignetes Instrument, die Probleme von Schulen in sozialen Brennpunkten zu lösen“. Auch Lehrer aus Nordrhein-Westfalen, Bremen und Schleswig-Holstein kritisierten die Tests. Dort hätte man sich zwar nicht mit Brandbriefen gewehrt, hieß es, lehne sie aber ab.


(www.tagesspiegel.de)
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

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Vienna online, 12. April 2010

Bewerber für Polizei scheitern am Deutschtest
Besonders die Rechtschreibung macht den Jobanwärtern zu schaffen.

Durch die auffällige Werbekampagne der Wiener Polizei stieg die Zahl der Bewerber drastisch an. Sogar von einer Verdoppelung sei die Rede. Im Zuge dessen macht sich aber auch eine Kehrseite der Medaille bemerkbar: Die Bewerber für eine Anstellung bei der Polizei schaffen oft den Eignungstest aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse, insbesondere schlechter Rechtschreibfähigkeiten, nicht.

41 Prozent fliegt durch. Also fast jeder zweite Bewerber weist erhebliche Mängel bei der deutschen Rechtschreibung auf, obwohl es sich in diesen Fällen meist um Personen mit deutscher Muttersprache handelt. Innenministerin Maria Fekter hat klare Ziele artikuliert: 450 neue Polizeischüler soll es jährlich bis 2013 geben. Das macht in Summe 2250.

Neben dem Problembereich deutsche Rechtschreibung erweist sich auch der Sporttest als schwierige Hürde. Insgesamt schafft etwa jeder siebente Anwärter den Eignungstest. Erfreulich: 35 Prozent der Bewerber sind Frauen, 10 Prozent besitzen einen Migrationshintergrund.


(www.vienna.at)
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Jan-Martin Wagner
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Kinzigtal Nachrichten, 9. April 2010

Unternehmen sorgen sich um den Nachwuchs

REGION Deutschlandweit drohen in mittelständischen Betrieben in diesem Jahr 10 000 Lehrstellen unbesetzt zu bleiben. Dies befürchtet die CDU-Mittelstandsvereinigung MIT. Dieser Trend gilt auch zwischen Maintal und Sinntal.

„Die Zahl der Ausbildungsstellenbewerber ist durch den demografischen Wandel rückläufig, das ist kein Geheimnis“, erklärt Dr. Achim Knips von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern. Dem gegenüber steht im Bergwinkel und im restlichen Kreisgebiet aber ein gestiegenes Angebot an Ausbildungsstellen. Bei der hiesigen Agentur für Arbeit sind von Oktober vergangenen Jahres bis März dieses Jahres 1471 Stellen im Main-Kinzig-Kreis gemeldet. „Das istein Plus von 30 Prozent zum Vorjahr“, erklärt Marco Schöppner, Teamleiter der Berufsberatung und Arbeitsvermittlung für unter 25-Jährige bei der Agentur für Arbeit in Hanau. In Schlüchtern betrug der Zuwachs sogar 40 Prozent auf 209 Stellen.

Auch wenn die Zahl der Bewerber darüber liegt – 2537 im Landkreis und rund 300 im Bereich der Geschäftsstelle Schlüchtern – machen sich Unternehmen im Bergwinkel Sorgen um den qualifizierten Nachwuchs. Schöppner gibt zu bedenken, dass nicht jeder Bewerber auf jedes Stellenprofil passe oder auch kein Interesse an angebotenen Ausbildungsberufen habe. Viele Schulabgänger sind zudem nicht ausreichend informiert und kennen manche Berufe überhaupt nicht, weiß der Teamleiter: „Wir versuchen schwer zu besetzende Berufe in den Fokus zu stellen, haben verschiedene Initiativen, wie die Berufsberatung in den Klassen, die vor dem Schulabgang stehen. Je früher etwa eine Einzelberatung wahrgenommen wird, desto besser ist es für die Orientierung“, so Schöppner, der sich für mehr Praxisbezug und Handlungsorientierung in der schulischen Ausbildung ausspricht.

Orientierung nach Fulda

Gerade in diesem Bereich sieht MIT-KreisvorsitzenderVolker Rode große Defizite. In einer Pressenotiz schreibt er, dass in Deutschland 100 000 Jungen und Mädchen die Schule „nicht ausbildungsreif“ verlassen. Das gehe schon bei der Sprache los: „Oft mag man sich die Rechtschreibung gar nicht mehr anschauen und manche Abgänger können sich nicht mal richtig ausdrücken, da kriegen Sie aus den Formulierungen gar keinen Sinn raus“, bemängelt Rode, der einen Steinmetzbetrieb führt.
In Grundkenntnissen der Physik oder Mathematik sehe es nicht viel besser aus. Schon an der einfachen Berechnung von Quadratmeterzahlen hapere es, berichtet er aus Erfahrung. Manche Betriebe müssten in solchen Fällen sogar Zusatzunterricht anbieten. Einige Abgänger nutzen schon vor Ausbildungsbeginn die Einstiegsqualifizierungen der Arbeitsagentur.

So sind im Bezirk Hanau die 366 Plätze in den berufsvorbereitenden Maßnahmen vollständig belegt, sagt Schöppner, der aus Ulmbach stammt. Dass die Unternehmen händeringend Auszubildende suchen, liegt jedoch nicht allein am Mangel an ausbildungsreifen Kandidaten. Knips führt an, dass sich der Einbruch der Exportwirtschaft vergangenes Jahr nicht wie befürchtet negativ auf das Ausbildungsplatzangebot ausgewirkt habe. Das sei stabil geblieben und der Ausbildungsmarkt inzwischen vom Anbieter- zum Nachfragermarkt geworden. Deshalb sorgten sich die Firmen darum, dass es irgendwann nicht genug Fachkräfte gebe. Laut Rode mache sich das jetzt schon durch den starken Rückgang der abgelegten Meisterprüfungen bemerkbar.

Ein weiteres Problem für Schlüchtern sei die erfreuliche Entwicklung Fuldas, so dass sich viele Bewerber neben dem Rhein-Main-Gebiet auch dorthin orientierten. So erklärt IHK-Referent Knips, dass jene Betriebe, die vor einigen Jahren schwer für die Hanauer Berufsmesse zu motivieren waren, heute Schlange stehen, um sich dort zu präsentieren. Die Messe findet am 16. und 17. April im Congress Park in Hanau statt.

Von unserem Volontär
Andreas Ungermann


www.fuldaerzeitung.de
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

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Neue Westfälische, 9. April 2010

Das (Un-)Wissen der Bewerber

Firmen beklagen mangelhafte Qualifikation ihrer Azubis / IHK fordert enge Zusammenarbeit mit Schulen
VON GERALD DUNKEL

Bünde. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag schlägt Alarm: Dreiviertel der Firmen beklagen unzureichende schulische Qualifikationen und persönliche Kompetenzen bei Azubis und verschaffen ihnen sogar Nachhilfe. Es sei ein stetiger Verfall zu bemerken, so Heiko Bahls, Ausbildungsmeister in der Bünder Lehrwerkstatt der Tischler-Innung im Kreis Herford.

Die Doku-Soaps im Privatfernsehen, in denen Bewerber bei Einstellungstests und -gesprächen anonymisiert gezeigt werden, scheinen nicht allzu weit hergeholt zu sein. In einer Szene fragt der Chef einer Groß-Tischlerei einen 19-Jährigen, wie viel 21 geteilt durch 7 seien. Sekunden der Stille - dann die Antwort: "Irgendwas um die Zehn". Der nächste Bewerber kam gleich 40 Minuten zu spät mit der Ausrede, der Wecker habe nicht funktioniert - das Vorstellungsgespräch war am frühen Nachmittag.

"Das sind natürlich die schlimmeren Fälle," sagt Tischlermeister und Lehrlingswart Heiko Bahls, "allerdings sind sie auch keine Seltenheit." Grundrechenarten und die Umsetzung theoretischen Wissens in die Praxis nennt Bahls als häufigste Mängel. Heiko Bahls betreut bei der Tischler-Innung seit zehn Jahren in der Bünder Lehrwerkstatt die Auszubildenden.

"Das Niveau ging in dieser Zeit stetig zurück, sowohl bei der schulischen Qualifikation, wie auch bei den Tugenden Pünktlichkeit und soziale Kompetenz untereinander", sagt Bahls, ohne es pauschalisieren zu wollen. "Oft geht es bei den Härtefällen zu Hause drunter und drüber, so dass man ihnen noch nicht einmal einen Vorwurf machen kann. Sie haben es nicht besser gelernt." Die schulischen Defizite würden jetzt bei der Zwischenprüfung offenbar.

Als einen "schleichenden Prozess in Richtung Verfall" nimmt Andreas Esch, Ausbildungsleiter bei der Sparkasse im Kreis Herford, die Defizite von Bewerbern wahr. Allerdings in schwächerer Ausprägung, als es im Handwerk der Fall zu sein scheint. Die größten Schwächen lägen im Bereich Rechtschreibung. Kaum Probleme gebe es bei den persönlichen Kompetenzen. "Das hat aber auch damit zu tun, dass die Bewerber zu einem großen Teil nach Abitur oder Höherer Handelsschule zu uns kommen und schon aufgrund des höheren Lebensalters reifer sind als 16-Jährige nach abgeschlossener Realschule."

Von den gut 300 Bewerbungen, die Esch jedes Jahr bekommt, fallen gut die Hälfte von vornherein unten durch. "Fünf bis zehn Fehler im Anschreiben sind da einfach ein K.O.-Kriterium." Die verbleibenden etwa 150 werden zum Einstellungstest eingeladen, den wiederum etwa die Hälfte besteht. 25 Auszubildende stellt die Sparkasse davon jedes Jahr ein.

"Wir müssen es schaffen, die Schüler bis zum Abschluss reifer zu machen", sagt Swen Binner von der IHK Ostwestfalen zu Bielefeld. Der Schritt von der Schule in den Beruf sei für viele zu groß. "Ich glaube nicht, dass die Schulen in den vergangenen Jahren schlechtere Arbeit leisten oder die Schüler dümmer geworden sind", so Binner. Die Komplexität einzelner Berufsbilder sei stark gewachsen, so dass viele uninformiert über ihren Wunschberuf seien. "Von denen hört man dann ,Ich will irgendetwas mit Büro oder Verwaltung machen'."

Schule und Wirtschaft müssten enger zusammen wachsen, fordert Binner. "Den Schülern müssen früh Einblicke in die Berufswelt verschafft werden." Mit Projekten wie "Schule & Co." sei die IHK beispielsweise im Kreis Herford auf einem guten Weg.


www.nw-news.de
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Jan-Martin Wagner
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Die Welt, 9. April 2010

Bitte nachsitzen!

DIHK-Studie: Immer weniger Schulabgänger sind reif für die Ausbildung

Berlin - In Deutschland sind nach Ansicht der Unternehmen immer weniger Schulabgänger reif für die Ausbildung. Auch deshalb konnte jeder fünfte Betrieb im Krisenjahr 2009 nicht alle Ausbildungsplätze besetzen. Das geht aus einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) unter mehr als 15 000 Unternehmen hervor. Insgesamt blieben damit bei Industrie, Handel und Dienstleistern rund 50 000 Stellen frei.

Das größte Ausbildungshemmnis sehen die Betriebe in der mangelnden Qualifikation der Bewerber, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. Schulabgängern fehlten immer öfter die Grundvoraussetzungen für eine Ausbildung. Mehr als jedes zweite Unternehmen organisiere Nachhilfe und müsse zunehmend ausbügeln, was Elternhaus und Schule versäumt hätten, sagte Wansleben.

Dabei gehe es nicht nur um Rechnen, Schreiben und Lesen. Immer häufiger fehle es an Disziplin, Teamfähigkeit oder Pünktlichkeit. Hier seien vor allem die Eltern gefragt, die ihren Kindern eine bessere "Alltagskompetenz" vermitteln müssten, forderte Wansleben. Er betonte, dass die Ausbildung der Kinder nicht eine "Dienstleistung des Staates" sei. Es werde zwingend das Engagement der Eltern benötigt: "Wenn Eltern schulische Bildung nicht wertschätzen, müssen sie sich nicht wundern, wenn Kinder dies auch nicht tun".

Häufig greifen die Unternehmen dabei auch auf ergänzende Angebote der Bundesagentur für Arbeit zurück. Nach Einschätzung des DIHK sind rund 20 Prozent eines Jahrgangs nicht ausbildungsreif. Etwa die Hälfte davon habe keinen Schulabschluss, der Rest trotz Abschlusses beim Lesen und Schreiben nur das Niveau eines Viertklässlers. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle, sagte, er nehme das Ergebnis der DIHK-Umfrage sehr ernst. Er werde alles daran setzen, "dass unsere Schüler deutschlandweit auf ihrem Weg zur Ausbildungsreife weiter intensiv unterstützt werden." Schulen und Elternhaus seien hierbei gemeinsam gefordert, allen Kindern und Jugendlichen in gleicher Weise die nötigen persönlichen und sozialen Kompetenzen zu vermitteln, sagte der bayerische Kultusminister. Ziel müsse sein "allen jungen Menschen ein verlässliches Rüstzeug für einen gelungenen Berufseinstieg zu geben". Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) wies die Kritik der Wirtschaft zurück. Nach wie vor gebe es zu wenige betriebliche Ausbildungsplätze, erklärte DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf. "Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen jugendlichen Bewerbern und Ausbildungsplätzen ist nicht in Sicht." Dagegen sagte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt: "Seit PISA wissen wir, dass in Deutschland mehr als jeder fünfte Schüler nicht ausbildungsreif ist. Dabei fehlt es häufig sowohl an grundlegenden Kompetenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen als auch an sozialen Kompetenzen." Hauptgrund für die Bereitschaft zur Ausbildung ist für die meisten Betriebe laut Umfrage, sich Fachkräfte zu sichern. Rund 15 Prozent der Firmen planen in diesem Jahr mehr Lehrstellen anzubieten als im vergangenen.


www.welt.de
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

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Südwest-Presse, 9. April 2010

Bedingt ausbildungstauglich

Berlin. Die Unternehmen kämpfen mit wachsenden Problemen, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen, weil immer weniger Schulabgänger reif für eine Ausbildung sind. Jede zweite Firma organisiert schon Nachhilfe.

[...]

In diesem Jahr liegen die Ausbildungspläne der Unternehmen in allen Regionen etwa auf dem gleichen Niveau: Überall ist die Zahl der Firmen, die ihre Lehrstellen zurückfahren wollen, deutlich höher als die derjenigen, die ihr Angebot ausweiten wollen. Bundesweit wollen 15 Prozent mehr ausbilden und 60 Prozent das Niveau von 2009 halten. Jeder vierte Betrieb will weniger Lehrstellen anbieten. Damit fielen die Pläne trotz der noch nicht überwundenen Wirtschaftskrise weniger pessimistisch aus als im vergangenen Jahr, so Wansleben.

In diesem Jahr dürften nach seiner Einschätzung im Bereich der IHK 5 Prozent weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen werden als 2009. Das heißt allerdings nicht, dass mehr Jugendliche leer ausgehen, im Gegenteil: "Nicht Lehrstellen, sondern Bewerber sind knapp", lautet Wanslebens Fazit. Schon 2009 dürften in Industrie, Handel und Dienstleistungen rund 50 000 Ausbildungsplätze unbesetzt geblieben sein. Selbst in diesem Krisenjahr konnte jeder fünfte Betrieb nicht alle Lehrstellen besetzen.

Besonders groß sind die Nachwuchssorgen im Gastgewerbe. Das hat zwei Hauptgründe: Zum einen nimmt die Zahl der Jugendlichen stetig ab, während gleichzeitig immer mehr ein Studium beginnen. Zum anderen beklagen die Unternehmen massiv die mangelnde Ausbildungsreife der Schulabgänger. Jeder fünfte Jugendliche habe entweder keinen Schulabschluss oder trotz eines Abschlusszeugnisses kaum Kenntnisse, so der DIHK.

Dabei stehen Baden-Württemberg und Bayern noch relativ gut an: Hier klagten 46 Prozent der Betriebe über Ausbildungshemmnisse. Im Osten sind es 56 Prozent. Dramatisch hoch sind die Mängel der Jugendlichen beim mündlichen und schriftlichen Ausdrucksvermögen, auch wenn sich dies in den letzten Jahren verbessert hat. Jede zweite Firma stellte Mängel bei den elementaren Rechenfähigkeiten fest. Auch bei Leistungsbereitschaft, Disziplin und Belastbarkeit sieht es trübe aus.

Angesichts der Probleme helfen sich die Firmen zunehmend selbst: Jedes zweite hat ein eigenes Nachhilfe-Angebot organisiert. Im Mittelstand sind es sogar 58 Prozent. "Die Unternehmen werden in Reaktion auf die angespannte Bewerbersituation und die mangelnde Ausbildungsreife immer mehr zu Reparaturbetrieben", klagt Wansleben.

Der drohende Fachkräftemangel ist für die Betriebe der entscheidende Faktor, viele Ausbildungsplätze anzubieten: Jeder zweite bekennt derzeit, dies habe entscheidenden Einfluss. Vor einem Jahr war es nur jeder dritte. Die Geschäftserwartungen spielen eine viel geringere Rolle. Um auch künftig Lehrlinge zu finden, wollen besonders viele Firmen stärker mit Schulen kooperieren und mehr um Jugendliche werben.


www.swp.de
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

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01.03.2010
Niedersachsen: Volksbegehren vor Zulassungsantrag, ein weiteres vor dem Start?

Das im November gestartete Volksbegehren „Für gute Schulen“ hat seit vergangener Woche genügend bestätigte gültige Unterschriften, um den Zulassungsantrag stellen zu können. Wie der Landeswahlleiter mitteilte, liegen 28.055 Unterschriften von wahlberechtigten Niedersachsen vor. Die Initiative kann nun bei der Landesregierung den Antrag auf Zulassung stellen. Während der Zulässigkeitsprüfung können weiter Unterschriften gesammelt werden. Die vor dem Antrag und während der Prüfung gesammelten Unterschriften können auf die insgesamt nötigen 608.731 Unterschriften angerechnet werden.

Während die einen schon fleißig sammeln, planen die Freien Wähler in Niedersachsen den Start eines Volksbegehrens, um den geplanten Umbau des Landtagsgebäudes zu stoppen. Dies wurde in der vergangenen Woche so angekündigt. Als Begründung werden die hohen Kosten angeführt.

Bisher gab es in Niedersachsen acht Versuche, ein Volksbegehren zu starten. Viermal wurden soviel Unterschriften gesammelt, dass der Zulassungsantrag möglich war. Nur zweimal kam es bisher zur Zulassung eines Volksbegehrens. Die Volksbegehren gegen die Rechtschreibreform und gegen Kürzungen bei Kindertagesstätten.


(http://bremen-nds.mehr-demokratie.de/index.php?id=4536)
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

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Der Tagesspiegel, 15. Januar 2010

Rot-Rot beschließt die Sekundarschule

Die Koalition verabschiedet ein Bildungsreformgesetz. Ab August beginnt der Systemwechsel.

Die Berliner Schullandschaft wird sich in den nächsten beiden Jahren grundlegend ändern: Am Donnerstag hat die rot-rote Koalition im Abgeordnetenhaus die Reform des Schulsystems beschlossen. Die bisherigen Haupt-, Real- und Gesamtschulen sollen bis 2011 zu Integrierten Sekundarschulen verschmelzen. Neben den Gymnasien wird es dann nur noch eine weiterführende Schulform nach der Grundschule geben.

Mit den Stimmen von SPD und Linkspartei hat Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) damit die weitreichendste Schulreform seit der Wende auf den Weg gebracht. FDP und CDU stimmten gegen das Gesetz. Die Grünen, deren Anregungen das neue System stark geprägt haben, enthielten sich.

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) sagte, der Beschluss kennzeichne einen „historischen Tag“ für die Berliner Schule. Nun seien die Voraussetzungen geschaffen, ein zukunftsfähiges Bildungssystem zu errichten, das zu mehr Chancengleichheit beitragen werde.

Zwar hatte die Opposition bis zuletzt Änderungsanträge eingebracht. Am Ende jedoch waren nur noch CDU und FDP konsequent gegen die Reform. Bei den Grünen und den meisten Bildungsfachleuten in der Stadt wurde die Sekundarschule hingegen begrüßt. „Wir haben aus der Opposition heraus die Schulstrukturreform angestoßen“, sagte der grüne Bildungsexperte Özcan Mutlu. Man hätte dem Gesetz aber nur zugestimmt, wenn etwa das Probejahr und das Sitzenbleiben am Gymnasium abgeschafft worden wären. Diese Probleme könne man nun 2011 gemeinsam angehen, sagte er mit Blick auf SPD und Linke.

Die Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Rose-Marie Seggelke, sagte: „Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und ungleich verteilten Bildungschancen muss aufgebrochen werden.“ Die Sekundarschule könne einen wichtigen Beitrag dazu leisten. Seitens der Berliner Wirtschaft hieß es, man sehe „die richtigen bildungspolitischen Weichen gestellt“. Handwerkskammer und Industrie- und Handelskammer (IHK) sagten zu, die Schulen bei der Ausgestaltung des Dualen Lernens unterstützen zu wollen. Auch Landeselternsprecher André Schindler begrüßte die Reform, forderte aber eine konsequente Evaluation der Schulen.

Kritik kam von CDU und FDP. „Die Sekundarschulen werden bevorzugt“, sagte die bildungspolitische Sprecherin der FDP, Mieke Senftleben. Die Gymnasien seien personell und finanziell benachteiligt. Auch der CDU-Bildungspolitiker Sascha Steuer sagte, er habe bei der Reform den Eindruck „sinnentleerter Kompromisse“. Der Vorsitzende der Vereinigung der Oberstudiendirektoren Ralf Treptow sagte, die Reform gehe in die richtige Richtung. Sie sei aber nicht zu Ende gedacht, weil die Gemeinschaftsschule als „rot-rotes Prestigeobjekt“ weiter bestehen bleibe. Im Februar will die Bildungsverwaltung umfassend über die Reform informieren.
Patricia Hecht


www.tagesspiegel.de
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

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Der Tagesspiegel, 17. November 2009

Studentenproteste an den Unis
Studienreform: Niemand will’s gewesen sein

Die schlecht gemachte Studienreform ist nicht vom Himmel gefallen. Die Studierenden verbitten sich Anbiederungsversuche von denen, die für die Probleme verantwortlich sind. Heute verlagert sich der Protest aus den Hörsälen auf die Straße. Die große Demonstration steht an. Ist die Studienreform noch zu retten?

Deutschlands Hochschulen befinden sich in der Gewalt bösartiger Außerirdischer. Vor zehn Jahren landeten die kleinen grünen Männer und Frauen in ihren fliegenden Untertassen zuerst im italienischen Bologna, dann auch in Flensburg, Jena und Nürnberg. Mit vorgehaltenen Laserkanonen zwangen sie die Politiker und Professoren zur Studienreform: Fortan sollte das Gros der Erdlinge nur noch sechs Semester bis zum Bachelor studieren, dabei aber nicht unter 40 Prüfungen ablegen und möglichst keine Chance mehr zum Auslandsaufenthalt bekommen. Aus Angst vor Strafrunden in der Umlaufbahn kamen die Verantwortlichen dem Drängen der Außerirdischen beflissen nach.

So muss sich die Einführung von Bachelor und Master wohl zugetragen haben. Wie sonst ließe es sich erklären, dass die Studierenden für ihren Protest so viel Zuspruch bekommen? Die Kultusminister haben vollstes Verständnis, genau wie der Wissenschaftsrat, die Bundesbildungsministerin, Unipräsidenten und Professoren. Man beklagt „handwerkliche Fehler“ und erinnert die jeweils andere Seite an ihre Zuständigkeit. Der Eindruck entsteht, die schlecht gemachte Studienreform sei vom Himmel gefallen. Kein Wunder, dass die Studierenden sich jeden Tag gegen die Anbiederungsversuche all derjenigen verwahren, die die Probleme zu verantworten haben.

Bund und Länder haben die Reform nie durch mehr Personal unterstützt und damit eine entscheidende Chance für die Akzeptanz des Bachelors vertan. Der Wissenschaftsrat fordert (maßvoll) zusätzliche 1,1 Milliarden Euro jährlich für mehr Dozenten. Würden die Politiker die Studierenden wirklich ernst nehmen, müssten sie endlich der chronisch unterfinanzierten Lehre aufhelfen.

Auf Angst und Widerstand stoßen Bachelor und Master auch, weil die Kultusminister im Bachelor den Regelabschluss sehen, nach dem die meisten Studierenden in den Beruf wechseln sollen. In den weiterführenden Master sollen nur die Besten – das spart Geld. Damit haben die Politiker die Reform von Anfang an stark belastet. Applaus gibt es zwar auch von manchen Wissenschaftlern, die eine Elitebildung im Master wünschen. Viele Studierende aber lehnen den Bachelor nun als Sparstufe eines vollwertigen Studiums ab. In der Tat sollten die Studierenden selbst entscheiden dürfen, ob sie nach dem Bachelor weiterstudieren – und nicht die zu knappen Kapazitäten.

Das gilt zumal, da die Unis den Bachelor meist ultrakurz gestalten. Sie gewähren ihm meist nur sechs Semester, obwohl auch sieben oder acht möglich wären. Die Unis wollen aber lieber mehr Zeit für den wissenschaftlichen Nachwuchs im Master aufbewahren. Insgesamt darf das Studium zehn Semester nämlich nicht überschreiten. Die Fixierung auf sechs Semester bringt den Bachelor jedoch in Verruf. Die Politik sollte helfen, indem sie die erlaubte Studiendauer auf bis zu zwölf Semester anhebt.

„Lernbulimie“ heißt eine neue Krankheit unter Bachelor-Studierenden. Sie leiden an Prüfungsstress, vollgepackten Stundenplänen, Anwesenheitslisten und fehlender Anerkennung auswärts erbrachter Leistungen. Diese Mängel fallen in die ureigene Verantwortung der Unis und müssen auch dort behoben werden. Gute Vorbilder finden sich allenthalben. So manches Institut hat schon bewiesen, dass die Bologna-Reform gelingen kann.

Der Bachelor muss in die Freiheit entlassen werden. Politiker und Professoren sollten sich dabei nicht hintereinander verstecken.


www.tagesspiegel.de



Aus den Kommentaren:

Reform als Selbstzweck
Selbst ein rein wirtschaftlich denkender Mensch würde einen gut eingeführten und allgemein anerkannten Titel ("Marke") wie etwa das Diplom nicht einfach gegen einen neuen und inhaltsleeren austauschen. Verantwortlich sind in der Tat wieder mal so gut wie "alle", die in den 90ern was zu entscheiden hatten. Denn ernstzunehmender Widerspruch gegen den Quatsch regte sich, genau wie bei der Rechtschreibreform, erst als es zu spät war.
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

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Die Presse, 27. August 2009

Österreichische Schulbücher sind schwer verständlich
In vielen Fällen sind die Texte in Schulbüchern um zwei bis drei Schulstufen zu schwierig, besagt eine Studie. Selbst die Unterlagen für die Sonderschulen sollen zu komplex sein.

Schulbücher in Österreich sind schwer verständlich. Das zeigt eine Untersuchung von 26 Unterrichtsbehelfen aus den Fächern Biologie, Geografie, Geschichte und Sachunterricht. So würden "teilweise beachtliche Satzlängen erreicht", in vielen Fällen seien die Texte um zwei bis drei Schulstufen zu schwer, erklärte Studienautorin Judith Leitner, die die Untersuchung im Rahmen ihrer Diplomarbeit beim Wiener Erziehungswissenschafter Richard Olechowski durchgeführt hat.

Leitner hat die Schulbücher mit Hilfe sogenannter Lesbarkeitsformeln untersucht, die vor allem objektiv feststellbare Textmerkmale wie etwa Satzlängen, Zahl mehrsilbiger Wörter etc. analysieren, und die Ergebnisse auf die entsprechende Schulstufe umgerechnet. Dabei zeigte sich, dass "die Schulbuchtexte auf sprachformaler Ebene den als gesichert geltenden Erkenntnissen der Verständlichkeits-Forschung kaum entsprechen", erklärte Leitner. "Fast alle untersuchten Schulbücher werden als schwer verständlich eingestuft". Es wurden durchschnittliche Satzlängen von bis zu 17,5 Wörtern festgestellt, Sätze mit mehr als 30 Wörtern seien keine Seltenheit.

Problem seit 20 Jahren bekannt

Die derzeit am Medienhaus Wien beschäftigte Kommunikations-Wissenschafterin verweist auf ähnliche Untersuchungen österreichischer Experten, die bereits vor 20 Jahren festgestellt haben, dass Schulbuchtexte zu kompliziert gestaltet sind. "Doch diese Erkenntnisse fanden offensichtlich keinen Eingang in die Schulbuchproduktion", was Leitner als "fahrlässig" bezeichnete. Denn die Verständlichkeit in Schulbüchern beeinflusse den Lernprozess positiv. Eine zu komplexe und komplizierte Darstellung von Sachverhalten führe dagegen zu einer Überlastung der Schüler und möglicherweise sogar zu einer negativen Einstellung gegenüber Schulbüchern und dem Wissenserwerb im Allgemeinen.

Was sagen die Schüler dazu?

In einer parallel durchgeführten Umfrage unter 217 Schülern an Haupt- und Sonderschulen gaben die Kinder an, in den schwierigeren Texten doppelt so viele Wörter nicht zu verstehen als in den einfacheren Texten. Letztere wurden auch von der Mehrheit der Schüler bevorzugt, weil sie einfacher zu verstehen seien. Allerdings sprachen sich auch viele Schüler für den schwierigeren Text aus, und begründeten dies etwa mit dem Interesse, das der Text hervorrief. Jedoch sei für solche Schulbücher die Hilfe von Lehrern oder Eltern notwendig.

Bei der Schülerbefragung zeigte sich weiters, dass Schulbüchern für Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf kein gutes Zeugnis ausgestellt werden kann. "Selbst die für Sonderschulen approbierten Schulbücher sind für ihre Zielgruppe zu komplex und berücksichtigen die Bedürfnisse der Schüler kaum", so Leitner.

(APA/Red.)


diepresse.com
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

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tagesschau.de, 7. 9. 2009

Weltalphabetisierungstag
Die Angst vor dem ABC

Vier Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Um dies zu vertuschen, haben Analphabeten ein raffiniertes System entwickelt. Der Weltalphabetisierungstag soll sie dazu bewegen, ihre Scham zu überwinden und in Kursen nachzuholen, was sie in der Schule verpasst haben.

Von Jörn Unsöld für tagesschau.de

Auf dem Bildschirm in der Volkshochschule im Hamburger Stadtteil Billstedt flimmern die Wörter "Igel", "Ameise" und "Liebe". Alexander Müller* liest sich die Aufgabenstellung des Online-Lernprogramms langsam durch. Sie lautet: die Buchstaben "e" und "i" mit der Maus rot und grün markieren.

Der 31-Jährige denkt kurz nach, klickt die Buchstaben an und drückt auf den Button mit den Lösungen: Alles richtig! Sofort macht er sich an die nächste, schwerere Übung, bei der er zwischen langen und kurzen Vokalen unterscheiden soll. Über Kopfhörer hört er sich "Blume" oder "Fluss" an und schiebt die Wörter mit der Maus in die entsprechenden Boxen.

"Ich habe die Rechtschreibung wieder verlernt"

Müller ist einer von rund vier Millionen funktionalen Analphabeten, die nach Schätzungen des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland leben. Als funktionale Analphabeten gelten Menschen, deren Kenntnisse niedriger sind als die erforderlichen Kompetenzen, die in der Gesellschaft vorausgesetzt werden. Lesen und schreiben können sie höchstens auf dem Niveau von Erst- oder Zweitklässlern - und das, obwohl sie eine Schule besucht haben.

Auch Müller ging zur Hauptschule, fand danach in einer Backstube für behinderte Menschen zeitweilig einen Job. Dort sei er aber ums Schreiben stets herumgekommen, erzählt er: "Ich habe einfach die Rechtschreibung wieder verlernt."

Keine Notizen, aus Angst sich zu blamieren

So wie Müller geht es meisten Analphabeten in Deutschland: Irgendwie schlagen sie sich durch die Schulzeit und schaffen es, in die nächsten Klassenstufen versetzt zu werden. Später vermeiden sie es, auch nur kleine Notizen zu schreiben - aus Angst, sich anderen gegenüber zu blamieren.

"Schwierigkeiten mit der Schrift werden in Deutschland mit mangelnder Intelligenz in Verbindung gebracht", kritisiert Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung.

Dieses gesellschaftliche Vorurteil führe dazu, dass sich viele Analphabeten nicht trauen, Hilfsangebote wahrzunehmen.

Anmeldung zu Kursen kostet viel Überwindung

"Es ist ein großer Schritt für die Menschen, zu uns zu kommen und sich ihrem Problem zu stellen", ergänzt Heike Kölln-Prisner, Leiterin der Alphabetisierungs-Kurse an der Hamburger VHS. In der Hansestadt sind die Kurse für Hartz-IV-Empfänger kostenlos, im Gegensatz zu anderen Städten. Dort kostet eine Unterrichtsstunde rund fünf Euro und ist damit für viele Analphabeten zu teuer, weil sie oft jahrelang arbeitslos sind und aufs Geld achten müssen.

Hinzu kommen häufig familiäre, soziale und psychische Probleme. Die Weichen für funktionalen Analphabetismus werden in früher Kindheit gestellt. Jungen und Mädchen aus bildungsfernen Familien beginnen ihre Schullaufbahn mit deutlich schlechteren Chancen.

Die Folge: Sie werden von Gleichaltrigen abgehängt und verlieren dadurch bereits in den ersten Grundschuljahren das Interesse am Lesen und Schreiben. "Viele Kinder müssten schon in der ersten Klasse einzeln und gezielter gefördert werden, um zu verhindern, dass sie später funktionale Analphabeten werden", sagt Marion Döbert vom UNESCO-Institut für lebenslanges Lernen in Hamburg zu tagesschau.de.

"Wir brauchen Alphabetisierungs-Pädagogen"

Wer den Anschluss verpasst, hat auf dem Arbeitsmarkt minimale Aussichten. Denn selbst bei geringqualifizierten Tätigkeiten bestehe heutzutage Dokumentationspflicht, die Lese- und Schreibfähigkeiten voraussetzt, sagt Döbert.

Aus diesem Grund fordert sie, die betroffenen Jugendlichen aufzufangen, ehe sie in die Arbeitslosigkeit abrutschen: "Wir brauchen an Berufsschulen, Hauptschulen und Gesamtschulen dringend Alphabetisierungs- und Grundbildungspädagogen, die die jungen Menschen mit neuen Konzepten zum Lesen und Schreiben motivieren."

Mit spannenden Texten das Interesse am Lesen wecken

Berufsschullehrer seien beispielsweise nicht ausgebildet, Jugendlichen Lesen und Rechtschreiben beizubringen, obwohl in ihren Klassen viele funktionale Analphabeten sitzen, fügt Cordula Löffler, Professorin für Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik an der Pädagogischen Hochschule in Weingarten, hinzu. Deshalb hat sie in Kooperation mit anderen Hochschulen einen neuen Studiengang für Alphabetisierungs- und Grundbildungspädagogen entwickelt.

Ziel des viersemestrigen Aufbaustudiums ist es, Lehrer dafür fit zu machen, Lernblockaden bei denjenigen Schülern zu lösen, die jahrelang mit der Rechtschreibung kämpfen und die Hoffnung aufgegeben haben. In kleinen Schritten müsste den jungen Menschen Lesen und Schreiben attraktiv gemacht werden. Als Beispiel nennt sie kurze Texte über Fußball, für die sich vor allem jungen Männer interessierten.

Online-Lernprogramm mit verständlichen Infos zur Wahl

Das Interesse am Lesen zu wecken - daran knüpft auch das kostenlose Online-Lernprogramm ich-will-lernen.de des Deutschen Volkshochschulverbands an, das Alexander Müller im Lerncafé in Hamburg nutzt. Neben klassischen Übungen in Deutsch, Mathematik und Englisch gibt es leicht verständliche Informationen über aktuelle Themen wie die Bundestagswahl.

Müller interessiert sich für die Texte und löst konzentriert Aufgabe für Aufgabe, um seinem Traum ein Stück näher zu kommen: "Ich bewerbe mich um einen Job in einem Fahrradladen - eine sehr schöne Arbeit."

* Name von der Redaktion geändert



Weltalphabetisierungstag:

Weltweit können rund 860 Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben. Die meisten von ihnen leben in Entwicklungsländern, zwei Drittel sind Frauen. Daran erinnert seit 1966 jährlich am 8. September der Weltalphabetisierungstag.

Die Vereinten Nationen haben von 2003 bis 2012 das "Jahrzehnt der Alphabetisierung" ausgerufen. Die von der UNESCO koordinierte Dekade hat das internationale Entwicklungsziel "Grundbildung für alle bis 2015".

In Deutschland haben rund vier Millionen Erwachsene Probleme beim Lesen und Schreiben, von denen jährlich rund 230.000 in Volkshochschulen entsprechende Kurse besuchen.


www.tagesschau.de
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 20.08.2009 um 20.47 Uhr eingetragen.
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Rheinischer Merkur, 20. 8. 2009

SCHULE / Deutschlands Eltern kritisieren den Föderalismus. Und die SPD macht mit

Bundessache
Die Eltern sehen die nationale Aufgabe Bildung bei den Ländern in den falschen Händen.

VON HANS-JOACHIM NEUBAUER

Wer ist der Feind der Kinder? Fragt man Deutschlands Eltern, fällt die Antwort deutlich aus: Landesbildungspolitiker. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage würden neun von zehn Eltern schulpflichtiger Kinder den Bildungs-Föderalismus abschaffen zugunsten einheitlicher nationaler Standards. Können sich 91 Prozent der Eltern irren?

Die Eltern wissen, wie sehr die Schulen darunter leiden, dass sie nicht nur für die Bildung der Kinder zuständig sind, sondern auch noch für die soziale, sprachliche und kulturelle Integration ganzer Bevölkerungsgruppen. Schulen sind die Reparaturwerkstatt der Gesellschaft. In ihnen geht es um die Zukunft des ganzen Landes. Die Eltern sehen die nationale Aufgabe Schule bei den Ländern in falschen, zu schwachen Händen. Und viele von ihnen kennen das Risiko, das Familien eingehen, die von Berlin nach München oder von Stuttgart nach Hamburg ziehen. Die Unterschiede im schulischen Alltag der Bundesländer werden als Problem erlebt, nicht als Anreiz. Und wozu die Kultusministerkonferenz, das bildungsföderale Koordinierungsgremium, taugt, zeigt die Rechtschreibreform.

Bildung als Bundessache: Die SPD jedenfalls begreift die 91 Prozent als Signal. Heiko Maas (Saarland) und Christoph Matschie (Thüringen) wollen das Grundgesetz ändern und die Föderalismusreform I in diesem Punkt aufheben, die die Länderkompetenzen in der Bildung ausweitete. Maas bezeichnet es als „Bremsklotz für die Zukunft unseres Landes“, dass Bund und Länder in Bildungsfragen nicht kooperieren könnten, und Franz Müntefering lädt zu einem Bildungskongress nach Kiel ein. An dessen Ende wird die SPD ihr Wahlkampfthema haben. Die rote Schattenbildungsministerin heißt Andrea Nahles.

Auch wenn eine solche Grundgesetzänderung in weiter Ferne liegt, ist das Thema strategisch klug gewählt. Mit der Schule hadern eben alle. Ob aber auch alle für SPD-Standards wie Einheitsschule und Ganztagsschule stimmen wollen, ist eine andere Frage.


www.merkur.de
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 06.08.2009 um 17.07 Uhr eingetragen.
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Focus online, 30. Juli 2009

Lehrstellen
Immer weniger Auszubildende
Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) sinkt die Anzahl der Bewerber um eine Lehrstelle schneller als die der angebotenen Ausbildungsplätze. Nach Ansicht der BA ist dies vor allem auf die sinkende Zahl von Schulabgängern zurückzuführen.

Die Zahl der Bewerber um eine Lehrstelle sinkt schneller als die der angebotenen Ausbildungsplätze. Ende Juli registrierte die Bundesagentur für Arbeit (BA) 494.900 Bewerber – das waren 79.900 weniger als vor einem Jahr, wie die BA am Donnerstag mitteilte. Die Zahl der Ausbildungsstellen sank gleichzeitig um 31.300 auf 414.100.

Die Bewerberzahl schrumpft damit bereits das dritte Jahr in Folge. Laut BA ist dies vor allem auf die sinkende Zahl von Schulabgängern zurückzuführen. Auch halte der Trend zu höheren Schulabschlüssen an. Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen lag im Juli mit 99.000 um 13.900 unter dem Vorjahreswert.

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann, sagte, trotz Krise fehle es nicht an Lehrstellen, sondern an Bewerbern. „Wer jetzt mit einer betrieblichen Ausbildung beginnt, hat nach erfolgreichem Abschluss und Ende der Krise beste Chancen auf eine berufliche Karriere.“

IG Metall-Chef Berthold Huber griff dagegen die Firmen scharf an. „Die Unternehmen machen den gleichen fatalen Fehler wie in der letzten Krise: Sie bauen ihre Ausbildungskapazitäten ab“, kritisierte er im Online-Portal der „Frankfurter Rundschau“. Damit zerstörten sie ihre eigene Zukunftsfähigkeit. „Nur mit qualifizierten Fachkräften können wir gestärkt aus der Krise hervorgehen.“

Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) hatte im Juni ein Spitzentreffen des Ausbildungspaktes im Streit enden lassen, weil sich die Wirtschaft nicht auf seine Zielmarke von 600.000 neuen Ausbildungsverträgen festlegen wollte. 2008 waren 616.000 neue Lehrverträge abgeschlossen worden. Für dieses Jahr werden 580.000 erwartet.


www.focus.de
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 06.08.2009 um 17.03 Uhr eingetragen.
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SchulSPIEGEL, 15. Mai 2009

JOBSUCHE ALS SCHULFACH
Was soll bloß aus mir werden?
Von Christina Schmitt

Abi, aber was dann... Die große Ratlosigkeit nach der Schule will Bayern mit einem neuen Pflichtfach bekämpfen: Ab Herbst 2009 sollen die Schüler fit gemacht werden für die Berufswahl. Einige Klassen haben den Testlauf bereits hinter sich - und sind enttäuscht.

Sie muss sich endlich entscheiden, vielleicht ist es die wichtigste Entscheidung ihres Lebens. Schließlich geht um ihre Zukunft. Doch Franziska, 20, kann sich einfach nicht auf ein Studienfach festlegen.

Romanistik und Anglistik in Erfurt brach sie nach einem Semester ab, Geisteswissenschaften hatte sie sich anders vorgestellt. Nun schwankt sie zwischen Jura und Kommunikationswissenschaft. Ein Praktikum bei der Lokalzeitung soll weiterhelfen.

So viel Unentschlossenheit unter den Abiturienten möchte das Bayerische Kultusministerium eigentlich vermeiden. Deshalb wird es ab dem Schuljahr 2009/2010 ein neues Pflichtfach für die Oberstufe geben: Studien- und Berufsorientierung.

Es ist die Antwort der bayerischen Bildungsbürokratie auf Fragen, die sich jeder Schüler stellt: Wo will ich hin? Was soll aus mir werden? Ausbildung, Studium, erstmal abwarten? Fragen, auf die bundesweit jeder dritte Abiturient keine Antworten weiß.

Es soll die Anleitung werden für die eigene Lebensplanung, für den eigenen Erfolg. Bayern will den Abiturienten erklären, wie sie den richtigen für sich Job finden.

"Wir saßen den Unterricht eigentlich nur ab"

Zum Anlass, das neue Fach einzuführen, nahm das Ministerium die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre - das umstrittene Turbo-Abitur. Dafür musste ein komplett neuer Lehrplan her, und in dieser Zeit des Wandels wurde entschieden, Berufsorientierung in den Stundenplänen zu platzieren. "Projekt-Seminar" soll das neue Fach heißen. Die wöchentliche Doppelstunde soll die ersten Schüler mit verkürzter Oberstufe fit für die Zukunft machen.

Doch Franziska hat das Schulfach wenig genutzt. Sie hat es mit ihrer Klasse am Gymnasium Casimirianum in Coburg bereits getestet, in einer Art Modellversuch. Trotzdem blieb sie ratlos bei der Studienfachwahl. "Wir waren im Projekt-Seminar völlig auf uns selbst gestellt", sagt die 20-Jährige. Der Unterricht sei von einem Lehrer abgehalten worden, der auf die Aufgabe nicht vorbereitet war und die Schüler lediglich Fragebögen zu Berufswünschen ausfüllen ließ.

Viel Mühe habe er sich beim Unterricht nicht gegeben, erzählt Franziska. Berufsbilder und Anforderungen hätten die Schüler in Referaten selbst vorstellen müssen - und es sich leicht gemacht, indem sie ohnehin bekannte Berufe vorstellten. "Wir saßen den Unterricht eigentlich nur ab", so Franziska. Wie eine Bewerbung aussehen muss, habe sie nicht erfahren, geschweige denn, wie es in einem Assessment-Center zugeht.

Leonie Linder vom Gymnasium in München-Moosach hat das Fach ebenfalls mit ihrer Klasse getestet und kürzlich ein Bewerbungstraining absolviert. "Das war hilfreich, doch weiß ich jetzt immer noch nicht genau, was ich nach dem Abitur machen will", sagt die 18-Jährige, die gerade ihre Abiturprüfungen macht.

Praktika? Fehlanzeige!

Die Mädchen glauben zu wissen, warum aus der Orientierung nichts werden konnte: Es fehlte ein strukturiertes Konzept, ein vernünftiger Lehrplan. Die Stunden schwammen nur so dahin. "Vor dem Lehrer sitzen 25 Schüler, die womöglich mehr als 50 verschiedene Berufswünsche haben", sagt Franziska. Individuelle Betreuung statt Frontalunterricht würde sie sich wünschen, vielleicht eine Sprechstunde. Auf jeden Fall aber solle es ein verpflichtendes Praktikum geben.

Doch weder Praktikum noch Lehrplan wird es im kommenden Schuljahr für das Projekt-Seminar geben. "Wir hätten gerne ein verpflichtendes Praktikum eingeführt, doch haben sich die bayerischen Unternehmen geweigert. Sie sind ausgelastet mit den Haupt- und Realschülern", sagt Günter Manhardt vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München (ISB).

Manhardt hat Entwicklung und Testphase des neuen Faches begleitet. "Auf einen Lehrplan haben wir bewusst verzichtet", verteidigt er die vagen Vorgaben zum Inhalt des Fachs. Man habe den Schulen mehr Freiheiten in der Gestaltung des Unterrichts geben wollen.

Nach welchen Kriterien lässt sich die Leistung beurteilen?

Wie das Projekt-Seminars genau ablaufen soll, ist deshalb nur in groben Zügen vorgegeben: Zuerst durchlaufen die Schüler ein halbes Jahr theoretische Orientierung, zuständige Lehrer können sich dafür einen Leitfaden des Ministeriums kopieren. Im zweiten Halbjahr sollen die Schüler gemeinsam mit einem Unternehmen ein Projekt selbstständig organisieren.

An Franziskas Schule zum Beispiel wird im nächsten Jahr ein Theaterstück organisiert, externer Partner soll ein Beleuchtungstechniker sein. Doch wie viele der 20 Schüler wollen Beleuchtungstechniker werden?

Ein weiteres Problem wird die Benotung sein, die immerhin mit zwei Halbjahresleistungen im Abitur einfließt. Eine gerechte Bewertung werde schwierig, das räumt auch Günter Manhardt vom ISB ein: "Hier muss der Schulleiter zusehen, dass alle angebotenen Projekte gleich schwer zu bearbeiten sind. Schüler, die Theater spielen, sollten nicht einfacher Einsen bekommen als die, die ein Buch erstellen."

"Wir Lehrer kennen ja nur den einen Beruf"

Am Arnold-Gymnasium in Neustadt bei Coburg hat man das neue Pflichtfach anders umgesetzt, als es für das kommende Schuljahr geplant ist - und wesentlich bessere Erfahrungen mit der Berufsorientierung gemacht. "Die meisten Schüler haben das Angebot freiwillig wahrgenommen", erzählt der Projektleiter Jochen Dotterweich.

Statt wöchentlichem Unterricht gab es einzelne Projekttage, an denen die Jugendlichen Unternehmen besuchten und im Assessment-Center saßen. Jeder Schüler wählte einen Beratungslehrer, der ihm half, einen Platz für das verpflichtende Praktikum zu finden. Wenn keine Prüfungen anstehen, können sich die Schüler für einige Tage vom Unterricht für das Praktikum befreien lassen.

Carina Wittmann, 20, hat auf diese Weise zwei Praktika während der Schulzeit absolviert und ihre Interessen erkannt: Ohne das Projekt würde sie jetzt kein duales Studium in einem Wirtschaftsunternehmen machen, sondern "irgendwas Soziales", sagt sie.

Trotz seiner gelungenen Umsetzung der Testphase sieht Lehrer Dotterweich das "Projekt-Seminar" skeptisch: "Berufsorientierung muss auch außerhalb der Schule stattfinden. Wir Lehrer kennen ja nur den einen Beruf."


http://www.spiegel.de/schulspiegel/abi/0,1518,615040,00.html
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 06.08.2009 um 16.59 Uhr eingetragen.
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WELT, 10. April 2008

"Ich wüsste gern, wie es weitergeht"

[...]
Viele Jugendliche sind mit dem Entscheidungsdruck überfordert. "Etwa die Hälfte der Abiturienten weiß nicht, wie es weitergehen soll, wenn sie das Abschlusszeugnis in der Tasche haben", sagt Hans Petereit, Berufsberater für Abiturienten in der Arbeitsagentur Berlin Süd. [...] Petereit hilft Unentschlossenen auch, einen Überblick über die etwa 4000 Möglichkeiten zu bekommen, die Abiturienten bei der Berufswahl offen stehen. "Viele Studienrichtungen sind den Schülern gar nicht bekannt", sagt er. Mehr als 30 Berufe würde kaum jemand kennen.
[...]
"Die Schüler kommen mit erschreckend wenig Vorstellungen", sagt Matthias Trüper von der Agentur für Karriereberatung "Campusmondi". In Sachen Berufs- und Studienberatung würde das Bildungssystem komplett versagen. Man könne auch nicht verlangen, dass Lehrer diese Aufgaben nebenbei erledigen, sagt Trüper, der früher selbst als Lehrer gearbeitet hat. Jede Oberschule müsste einen hauptamtlichen Berufsberater erhalten, so wie es im angelsächsischen Bildungssystem üblich sei.
[...]

www.welt.de
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

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Main-Spitze, 27. Juni 2009

Leitbild Humboldts ist passé
Von Andreas Schröder

HOCHSCHULE Ex-Professor Dr. Reiser diskutiert mit Uni-Vizepräsident Oldenstein über "Krise der Universität"

Die Bologna-Reform des Hochschulwesens stößt immer wieder auf heftige Kritik von Studierenden und Lehrenden, zuletzt auch in Mainz im Rahmen des bundesweiten Bildungsstreiks. In einem "Philosophischen Café" mit Dr. Marius Reiser wurde einmal mehr deutlich, dass der Prozess nicht nur selbst Stein des Anstoßes ist, sondern als Bote all der Probleme gilt, die deutsche Universitäten seit Jahren umtreiben.

Reiser, der zum Beginn des Sommersemesters seinen Lehrstuhl für Theologie in Mainz aus Protest niedergelegt und damit bundesweit für Aufsehen gesorgt hatte, diskutierte im Antiquariat am Ballplatz mit Uni-Vizepräsident Prof. Dr. Jürgen Oldenstein über die "Krise der Universität".

Gemeint war nicht die Mainzer Uni, sondern die Universität als Lehreinrichtung im Humboldtschen Sinne, geprägt durch Freiheit von Studium und Lehre und durch die Ziele, Bildung zu vermitteln, zur Selbstständigkeit zu erziehen und nicht nur für die Wirtschaft auszubilden. All dies sieht Reiser bedroht. Der Bolognaprozess leugne den Unterschied zwischen Schule und Universität. Die Professoren würden in ihrer Freiheit beschränkt. Zu viele Studierende, die oft nur nach den Noten und nicht nach den Inhalten fragten, drückten aufs Niveau.

Immer wieder wurde deutlich, dass viele der von Reiser mit dem Bologna-Prozess in Verbindung gebrachten Probleme in Massenstudiengängen wie Jura, Wirtschaft oder Soziologie bereits heute zum Alltag gehören. Auch Oldenstein spekulierte, dass Reiser mit Bologna eine demografische und finanzielle Schieflage verbinde, die das verhältnismäßig kleine und gut besetzte theologische Institut bisher nicht erreicht hatte. Wie auch immer man den Bologna-Prozess betrachtet - als Symptom oder als Institutionalisierung bestehender Probleme, als Lösungsansatz oder als weiteren Abstieg - der Abend zeigte, dass der Prozess nicht zuletzt deshalb so schmerzhaft für seine Gegner, aber auch für seine Befürworter zu sein scheint, da er ein offenes Eingeständnis der Probleme der Universitäten ist.

Reiser selbst verliert etwas von seinem messianischen Glanz, wenn er ausruft: "Die Mainzer Universität wäre eine herrliche, wenn sie nur die Hälfte der Studierenden hätte." Natürlich forderte er nicht, die Studierendenzahl zu halbieren. Reiser stellte nur trocken fest, da dies nicht möglich sei, müsse man eben eingestehen, dass die Universität nach Humboldts Leitbild nicht zu erhalten sei. Die Hoffnung auf eine Alternative zu Bologna, die Reisers Protest in den Gegnern der Reform genährt hatte, wurde wohl - trotz der unbestrittenen Prinzipientreue des Theologen - bei manchen Zuhörern enttäuscht.


http://www.main-spitze.de/region/hochschulen/mainz/7029112.htm
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 07.07.2009 um 19.42 Uhr eingetragen.
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Der Standard, 17. Juni 2009

DERSTANDARD.AT-INTERVIEW
"Dafür kann kein gebildeter Mensch sein"
Theologe Marius Reiser erklärt, warum er wegen des Bolognasystems seine Professur an der Uni Mainz zurückgelegt hat

Vor zehn Jahren haben Bildungsminister beschlossen, die Hochschulen in Europa vergleichbar zu machen und das Bologna-System einzuführen. Marius Reiser, einst Theologie-Professor an der Universität Mainz, hat kürzlich seine Professur aus Protest gegen Bologna zurückgelegt. Im derStandard.at-Interview kritisert er seine KollegInnen an den Unis, beklagt den "Verlust der akademischen Freiheit" sowie die Selbstständigkeit, die seit Bologna unter den Studierenden verloren gegangen sei. Die Fragen stellte Katrin Burgstaller.

derStandard.at: Sie haben Ihre Professur zurückgelegt. Ist das definitiv oder haben Sie ein Rückkehrrecht?

Reiser: Ich bin aus dem Beamtenverhältnis entlassen. Der Lehrstuhl wird neu ausgeschrieben.

derStandard.at: War es leicht, diese Entscheidung zu treffen?

Reiser: Ich habe von Anfang an erklärt, dass ich Bologna nicht mittragen werde, aber doch drei Jahre mit der Entscheidung gerungen, meine Professur niederzulegen. Seit dem laufenden Sommersemester müsste ich mich auch an unserer Fakultät in einem Bologna-Studiengang beteiligen. Da wollte ich nicht mitmachen und deshalb bin ich jetzt gegangen.

derStandard.at: Bologna ist ja schon länger im Gespräch. 1999 haben die EU-Bildungsminister beschlossen, das Bologna-System einzuführen. Waren die radikalen Veränderungen für die Unis damals nicht absehbar?

Reiser: Eigentlich nicht. Bei uns in Deutschland hätte alles beim Alten bleiben können. Von Bachelor und Master war in der Bologna-Erklärung, die übrigens keinerlei völkerrechtliche Verbindlichkeit hat, keine Rede. Auch von der Modularisierung ist darin keine Rede. Man sieht ja auch, dass es in der Umsetzung europaweit Unterschiede gibt. Im übrigen habe ich mich um Universitätspolitik nie gekümmert. Ich habe mich überhaupt um Politik nicht gekümmert.

derStandard.at: Gehört es nicht zur Aufgabe eines Hochschullehrers, sich mit Universitätspolitik zu beschäftigen?

Reiser: Inzwischen habe ich begriffen, dass das absolut notwendig wäre. Die europäischen Großindustriellen haben schon 1995 die Linien für Bologna vorgegeben. Sie haben Modularisierung, ständige Kontrolle und Quantifizierung der Leistungen gefordert. Auch stärkere Kooperationen zwischen der Industrie und den Universitäten wurden gefordert. Über die Hochschulräte haben Vertreter der Industrie inzwischen einen starken Einfluss auf die Gestaltung der Universitäten.

derStandard.at: Wären die Hochschullehrer wachsamer gewesen, als Bologna eingeführt wurde, hätte man dann etwas verändern können?

Reiser: Daran besteht kein Zweifel. Das ganze System hätte nicht eingeführt werden können, wenn sich die Hochschullehrer gewehrt hätten. Meine Kollegen haben aber von Anfang an gesagt, das ist Zwang von oben, man kann nichts dagegen machen und lokaler Widerstand ist zwecklos. Tatsächlich wurde mit diktatorischen Maßnahmen in die inneren Angelegenheiten der Universitäten eingegriffen. Man hat uns die akademische Freiheit genommen, die uns sogar grundgesetzlich garantiert ist.

derStandard.at: Sie sind nicht der einzige Hochschullehrer, der am Bolognasystem grobe Mängel feststellt. Trotzdem melden sich dazu wenige zu Wort. Ist das nicht ein Armutszeugnis?

Reiser: Doch, das ist ein Armutszeugnis, das kann man wohl kaum anders nennen. Und es ist nicht nur ein Armutszeugnis, sondern auch ein Zeichen von Verantwortungslosigkeit. Die Hochschullehrer verzichten ja nicht nur auf ihre eigene Freiheit, sondern auch auf die Freiheit der Studierenden. Sie haben den Studierenden ein Joch auferlegt, indem sie das System akzeptiert haben. Gerade Intellektuelle hätten weiterdenken müssen. Ich kann es verstehen, dass sie nicht einen solchen Schritt wie ich gewählt haben. Aber sie hätten die normalen Mittel des Widerstandes wählen müssen.

derStandard.at: Die Professoren sollten die Jungen doch eigentlich zum kritischen Denken anregen und beispielhaft agieren.

Reiser: Sie denken ja kritisch. Reden können die Professoren schön. Schon in der Bibel heißt es: Haltet euch an das was sie sagen, aber nehmt euch nicht zum Vorbild, was sie tun (Matthäus 23,3).

derStandard.at: Ist es jetzt zu spät für den Protest?

Reiser: Zu spät ist gar nichts. Ab 2010 sollen die Studiengänge wieder neu akkreditiert werden. Da müsste man sich weigern. Die Akkreditierungsfirmen sind nicht demokratisch legitimiert. Außeruniversitäre Privatvereine machen uns in Deutschland Vorschriften über die inneren Strukturen des Studiums und verlangen pro Akkreditierung eines Studiengangs 10.000- 15.000 Euro. So etwas Absurdes hat es in 800 Jahren nicht gegeben. Dazu könnten wir jederzeit nein sagen.

derStandard.at: Was sind die größten Unterschiede zwischen AbsolventInnen vor und AbsolventInnen nach Bologna?

Reiser: Der entscheidende Unterschied ist die Selbstständigkeit. Im früheren System war es das Ziel, die StudentInnen zum selbstständigen Arbeiten und Denken zu erziehen. Die Voraussetzung dafür ist eine gewisse akademische Freiheit. Selbstständig werden kann man ja nur, indem man Selbstständigkeit ausübt. Genau das soll gemäß Bologna nicht vermittelt werden. Es geht weiter wie in der Schule, man soll Stoff pauken. Die Studenten können über ihre Zeit nicht mehr selbst verfügen, da in den meisten Lehrveranstaltungen Anwesenheitspflicht besteht. Und: Seminararbeiten werden jetzt in der Regel in 14 Tagen abgehandelt, weil sie noch innerhalb des Semesters abgegeben werden müssen. Eine ernsthafte Heranführung an die Wissenschaft ist so nicht möglich.

derStandard.at: Wer könnte sich dafür interessieren, weniger selbstständige AbsolventInnen hervorzubringen?

Reiser: Hauptsächlich die Industrie scheint sich für gut ausgebildete, anpassungsfähige Leute und nicht selbstständig wirkende Persönlichkeiten zu interessieren.

derStandard.at: Wie kann es sein, dass sich Hochschullehrer, die sich im alten System etabliert haben, so einfach in das Bologna-System transferieren lassen?

Reiser: Wenn der Senat und der Präsident das Bolognasystem akzeptiert haben, hat der einzelne Hochschullehrer nicht mehr die Freiheit, dagegen zu sein. Deshalb blieb auch mir nur die Möglichkeit des Ausscheidens. Was einem Hochschullehrer passiert, der einfach nicht mitmacht, das wissen wir noch nicht.

derStandard.at: Ein Argument für Bologna ist die Vergleichbarkeit der europäischen Hochschulen ...

Reiser: Die ist illusionär. Das ECTS-Punktesystem bewertet die reine Arbeitszeit. Das ist eine Abstraktion, die in sich sinnlos ist. Die ECTS-Punkte werden ausserdem ganz willkürlich verteilt. Vergleichbarkeit und Mobilität haben sich dadurch verschlechtert.

derStandard.at: Die Vergleichbarkeit will man auch in den Schulen erzielen. In Österreich werden Bildungstandards und die Zentralmatura eingeführt.

Reiser: Das ist eine üble Gleichmacherei auf niedrigem Niveau. Im Jahr 1927 hat J. K. Chesterton zur Hundertjahrfeier des University College London einen Vortrag über die kommende große Gefahr für die Kultur gehalten. Diese Gefahr sah er in der Standardisierung auf niedrigem Niveau. Genau das strebt man mit dem neuen System bewusst an. An den Schulen und Universitäten wird alles auf ein Mittelmaß hinuntergedrückt. Unterschiede in der Begabung werden kaum berücksichtigt und Begabtenförderung spielt keine große Rolle. Dafür kann kein gebildeter Mensch sein. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 17. Juni 2009)

Zur Person

Marius Reiser, Jg. 1954, studierte in Tübingen Katholische Theologie, Sinologie und Klassische Philologie. Zuletzt war er Professor an der Johannes-Gutenberg Universität in Mainz.


derstandard.at
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

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Hamburger Abendblatt, 2. Juli 2009

AUSBILDUNG: UNTERNEHMEN SCHLAGEN ALARM
Viele Stellen offen, weil Bewerber zu schlecht sind
VON BIANCA WILKENS

Firmen lassen Ausbildungsplätze unbesetzt, weil Schulabsolventen nicht gut genug ausgebildet sind. Allein die Industrie- und Handelskammer Stade meldet 140 freie Lehrstellen.

BUXTEHUDE/STADE. Die Unternehmen im Landkreis Stade schlagen Alarm: Viele Lehrstellen bleiben unbesetzt, weil die Unternehmen keine geeigneten Bewerber finden. Allein die Industrie- und Handelskammer (IHK) Stade meldet noch rund 140 freie Lehrstellen.

Eine derart hohe Zahl nicht besetzter Ausbildungsplätze habe es bislang nicht gegeben, sagt Kirsten Kronberg, Sprecherin der Industrie- und Handelskammer Stade. Ein Grund dafür sei die deutlich abnehmende Zahl der Schulabgänger, da der demografische Wandel inzwischen voll zugeschlagen habe.

Aber die Betriebe klagten auch zunehmend darüber, dass die Qualifikation und Motivation der Bewerber nicht ausreiche. "Die Unternehmen gehen verstärkt dazu über, Ausbildungsstellen lieber unbesetzt zu lassen, als sich drei Jahre lang mit nicht geeigneten Azubis zu belasten."

Viele Jugendlichen beherrschten nicht einmal die Grundrechenregeln. "Da klaffen Berufswunsch und Wirklichkeit völlig auseinander", sagt Kronberg. Doch nicht nur fachlich hätten die Jugendlichen ein Defizit. Für manche seien Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit Fremdworte. Selbst zu normalen Umgangsformen seien einige Auszubildende nicht in der Lage. Kronberg: "Guten Morgen, danke, bitte - das kennen viele einfach nicht."

Das Elbe-Klinikum Stade und Buxtehude traut manchen Jugendlichen sogar nicht einmal zu, sich um ihre Patienten zu kümmern. Schon allein, weil sie nicht mehr in der Lage sind, sich richtig auszudrücken. "Die Azubis müssen sich wenigstens mit den Patienten unterhalten können, sonst können die kranken Menschen ihnen kein Vertrauen entgegenbringen", sagt Gisela Gise-Wegert, stellvertretende leitende Lehrkraft an der Gesundheits- und Kranken/Kinderkrankenpflegeschule der Elbe-Kliniken in Stade.

Im Schriftdeutsch hapert es erst recht. Weil die Lehrlinge - meistens Realschulabsolventen - die Rechtschreibung nicht beherrschen, verkommt die Patientendokumentation zum Kauderwelsch. "Die Rechtschreibung ist grausig. Interpunktion existiert nahezu gar nicht", sagt Gise-Wegert.

Die Schule der Elbe-Kliniken unternimmt einige Klimmzüge, um den jungen Menschen die Kenntnisse noch beizubringen, muss dann aber feststellen, dass es dafür viel zu spät ist. "Die Leute sind ja schon erwachsen, wenn sie zu uns kommen."

Auch Reinhold Buntrock, Inhaber der gleichnamigen Heizungs-, Sanitär- und Elektro GmbH in Apensen, kann ein wahres Klagelied über das mangelnde Niveau der Schulabsolventen singen. "Manche Bewerber haben ein so schlechtes Niveau, dass wir kaum verantworten können, sie einzustellen", sagt Reinhold Buntrock.

"Man sieht, die jungen Leute haben sich in der Schule gehenlassen und das zieht sich dann wie ein roter Faden weiter durch die Ausbildung." Drei Ausbildungsplätze habe Buntrock deshalb nicht besetzen können. Die Anforderungen seien gestiegen, das Niveau der Bewerber aber nicht.

Denn die Jugendlichen müssten heute im Prinzip zwei Berufsbilder in einer Ausbildung lernen - den des Gaswasserinstallateurs und des Heizungsbauers. Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik heißt die korrekte Berufsbezeichnung nach der Zusammenlegung beider Berufe jetzt. "Die Jugendlichen müssen sich jetzt mit alternativen Energiequellen, mit Erd- und Solarwärme und Fotovoltaikanlagen auskennen", sagt Buntrock.

Deshalb sei ein Scheitern der Haupt- und Realschüler mit schlechten Notenschnitten schon programmiert. "Bewerbungen solcher Leute bekommen wir aber oft auf den Tisch." Buntrocks trauriges Fazit: "Wer heute nicht intelligent geboren wird, hat keine Chance in unserer Gesellschaft."

Flugzeugbauer Airbus Deutschland in Hamburg hat da hingegen eine viel größere Auswahl an Bewerbern. Zwar musste auch Christian Eggenstein, Leiter der Berufsausbildung im Werk Stade, feststellen, dass die Bewerber bei naturwissenschaftlichen Fragen in den Einstellungstest immer weniger mit Wissen glänzen können. "Aber einen guten Schulabsolventen fehlt es dann an nichts, um erfolgreich die Elektronikerausbildung abzuschließen."

Die Firma Mercedes-Benz aus Hamburg musste hingegen feststellen, dass selbst während der Ausbildung noch Probleme auftauchen. "Die Lehrlinge können den theoretischen Stoff in der Schule nicht umsetzen", sagt Bernd Löhn vom Ausbildungsmarketing bei Mercedes-Benz.

Löhn will Schüler, Eltern und Lehrer nun stärker einbinden, um aus der Qualitätsmisere zu kommen. "Wir müssen zusammenrücken und die Jugendlichen eher darauf vorbereiten, was im Beruf auf sie zukommt. Schließlich ist die Jugend unsere Zukunft."


www.abendblatt.de

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Firmenpresse.de, 30. Juni 2009

Feuer löschen dürfen nur perfekte Rechtschreiber

Der BVL, Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V., setzt sich für bessere Auswahlverfahren für Bewerber ein. Die Fachkompetenz muss eine höhere Beachtung finden als die Rechtschreibkompetenz.

(firmenpresse) - Kai ist seit 10 Jahren Mitglied in der freiwilligen Feuerwehr und hat eine Vielzahl von Probeübungen erfolgreich gemeistert. Sein Gruppenleiter hat ihm empfohlen, sich für den Beruf des Brandmeisters zu bewerben, weil er Kai für besonders geeignet hält. Bei der Aufnahmeprüfung ist Kai wegen seiner mangelhaften Rechtschreibung abgelehnt worden. Gruppenleiter Günther Schubert* sagt: „Kai hat die Fähigkeit, auch in kritischen Situationen einen klaren Kopf zu behalten und das Gelernte richtig umzusetzen. Er hat mehrfach unter Beweis gestellt, dass er eine hohe fachliche Eignung für den Beruf hat. Für mich ist es nicht nachzuvollziehen, warum er aufgrund seiner Legasthenie für den Beruf nicht geeignet sein sollte“. Der Amtsleiter vom Personal- und Organisationsamt hingegen begründet die Ablehnung mit dem Hinweis, dass die rettungsdienstliche Einsatzdokumentation für die weitere Patientenversorgung unerlässlich ist und eine Legasthenie (Lese-/Rechtschreibstörung) dabei hinderlich sei.

Frau Dr. Christiane Löwe sieht die Sachlage als Medizinerin ganz anders: „In Notfalleinsätzen war ich als Ärztin immer gefordert, schnell zu handeln und den Patienten gut zu versorgen. Meinen Bericht habe ich dann in Ruhe nach dem Einsatz geschrieben. Das wird wohl in dieser Form auch für einen Brandmeister gelten“, so Dr. Löwe vom BVL-Vorstand.

Legastheniker können ein Medizinstudium absolvieren oder jeden akademischen Beruf ausüben. Wenn Menschen mit einer Legasthenie Arzt werden können, aber die Ausbildung zum Brandmeister nicht möglich sein soll, dann müssen die Länder dringend etwas dafür tun, dass die Anforderungsprofile für die Ausbildungsberufe angemessen verändert werden. Schließlich sollte bei allen Berufen die Fachkompetenz im Vordergrund stehen. In vielen Einstellungsverfahren wird die Rechtschreibleistung geprüft. In fast allen Fällen hat diese Leistung wenig mit den beruflichen Anforderungen zu tun.

Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie fordert deshalb, dass die Rechtschreibkompetenz nur dort von ausschlaggebender Bedeutung im Bewerbungsverfahren sein darf, wo diese Leistung tatsächlich auch beruflich im Mittelpunkt steht.


http://www.firmenpresse.de/pressinfo99006.html
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 07.07.2009 um 19.04 Uhr eingetragen.
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FAZ.net, 20. Januar 2009

Warum ich meinen Lehrstuhl räume
Von Marius Reiser

Es war einmal eine Institution, die nannte man „Universität“. Da zogen viele junge Leute hin, um das zu genießen, was man die „akademische Freiheit“ nannte. Sie lasen Bücher, diskutierten und tranken Kaffee. Sie besuchten die Vorlesungen der Professoren oder auch nicht, denn es bestand keine Pflicht dazu. Es gab Übungen und Seminare, bei denen man tunlichst nicht allzu oft fehlen sollte. Man schrieb Seminararbeiten, ab und zu war eine Prüfung zu bestehen und am Ende noch eine Abschlussarbeit zu schreiben. Dann erhielt man eine Urkunde und hatte damit alle Chancen, eine gute Stelle zu erhalten. So vergingen zweihundert Jahre. Da setzte auf einmal ein Unwetter ein, und es hagelte Bestimmungen zur Umstrukturierung sämtlicher Studiengänge. Das Unwetter erhielt den Namen „Bologna“ und machte dem schönen Leben schnell ein Ende.

Eine größere Anzahl von Bildungsministern beschloss 1999 in Bologna, ein „Europa des Wissens“ und einen „europäischen Hochschulraum“ zu schaffen, der die Mobilität von Studierenden und Dozierenden erleichtern sollte. Die Voraussetzung dafür sollte eine erleichterte gegenseitige Anerkennung von Studienleistungen und akademischen Graden sein. Wäre es allein darum gegangen, hätten wir in Deutschland, von kleineren Reformen abgesehen, alles beim Alten lassen können. Denn Mobilität im europäischen Hochschulraum war kein größeres Problem, und unsere Abschlüsse und Grade waren weltweit angesehen. Kamen Studierende von anderen Universitäten, entschied der jeweilige Fachvertreter, was anerkannt wird und was nicht. Zusätzliche Leistungen konnten individuell abgesprochen werden.

Die Ordnung einer Lernfabrik

Aber in Deutschland benutzte man „Bologna“ als Vorwand, um den Universitäten endlich etwas zu geben, was erstaunlicherweise ebenfalls mit dem Namen Bolognas verbunden ist: „die straffe Ordnung einer Lernfabrik“. Das kennzeichnete nach Arno Borst die Universität Bologna im Gegensatz zu der von Paris im Mittelalter. Die neueste Version dieses Ideals schreibt zunächst ein konsekutives Studienmodell vor, bestehend aus einem sechssemestrigen Studium mit dem Abschluss Bachelor und einem viersemestrigen Studium mit dem Abschluss Master.

Theoretisch soll bereits der Bachelor-Abschluss berufsqualifizierend sein, faktisch ist er es in den meisten Fächern nicht, da deren Berufsfelder mehr als ein Mini-Studium verlangen. In Deutschland genügt der dreijährige Bachelor nicht einmal, um Grundschullehrer zu werden. Die Mehrheit der ausländischen Universitäten, wenigstens in Amerika, will diesen Bachelor übrigens nicht als Zugangsvoraussetzung für ein Masterstudium anerkennen und verlangt ein vierjähriges Studium.

Die Langeweile der Begabten

Der Kern des deutschen Modells sind die sogenannten Module. Module sind Lehreinheiten, die sich aus bestimmten Lehrveranstaltungen zusammensetzen. Sie müssen in einer festgelegten Reihenfolge angeboten und von den Studierenden absolviert werden. Für das erfolgreiche Absolvieren eines Moduls muss eine Mindestzahl von Leistungspunkten („Kreditpunkten“) erworben werden. Diese Leistungspunkte wiederum werden angesetzt entsprechend dem kalkulierten Zeitaufwand, den Studierende zur Erlernung der Lehrinhalte benötigen. Zeigt es sich, dass die Studierenden das Verlangte in der angesetzten Zeit nicht bewältigen können, sollen die Dozierenden ihren Lehrstoff reduzieren. Denn die Studierenden sollen keinesfalls mehr als 1800 Stunden pro Jahr lernen müssen, was etwa einer 32- bis 40-Stunden-Woche bei sechs Wochen Jahresurlaub entspricht.

Mit unterschiedlichen Begabungen wird offenbar nicht gerechnet. Faktisch bedeutet das, dass sich der Dozent am schwächsten Studenten zu orientieren hat. Es geht an der Universität also nicht mehr wie bisher in erster Linie um die Förderung der Begabteren, sondern um das Durchhieven auch der Schwächsten. Man fragt sich, wohin unter diesen Umständen die Begabten sollen. Sind gehobene Eliteschulen geplant? Zunächst jedenfalls wird bei den Begabten die große Langeweile, wenn nicht der große Ekel ausbrechen.

Ein großes, unflexibles Lehrbuch

Natürlich macht man das alles mit deutscher Gründlichkeit. Es soll ja ein rigides Reglement sein, in dem es kein Ausbüxen mehr gibt. Alles ist festgelegt, der Student weiß zu jeder Stunde, was er zu tun hat, er braucht nur in den Plan zu schauen. Zu allen Veranstaltungen muss er sich anmelden, jeder Einzelne wird unter strengsten Bedingungen abgeprüft. Im Bachelor-Studiengang dürfen für Seminararbeiten nur solche Themen vergeben werden, die in vierzehn Tagen (im Ausnahmefall vier Wochen) bearbeitet werden können, mit genauer Kontrolle der Frist. Bestimmte Vorlesungen muss der Dozent im Jahresrhythmus anbieten. Vorlesungen sind als harter Frontalunterricht konzipiert und Seminare als Schulstunden. Das Ganze zielt mit innerer Konsequenz auf ein großes Lehrbuch ab, das nur noch vorgelesen werden muss.

Dieses System ist naturgemäß unflexibel. Da jedes einzelne Fach einen starren Studienplan entwirft, wird es schwierig, auch nur zwei Fächer nebeneinander zu studieren. Jedenfalls wird die Zahl der kombinierbaren Fächer im Vergleich zu früher radikal reduziert sein. Genaueres ist noch nicht bekannt. Da jede Universität für sich plant, fällt die konkrete Ausgestaltung der Module überall verschieden aus, so dass ein Wechsel von einer Universität an die andere erschwert, wenn nicht ganz unmöglich gemacht wird. Das widerspricht zwar den Zielen der Bologna-Erklärung, scheint die Planer aber nicht zu beeindrucken. Jede Universität bietet künftig ihre Tretmühle an, und wer sich für eine dieser Tretmühlen entschieden hat, muss im Tritt bleiben oder er fliegt hinaus.

Als Tretmühle bezeichnete man im neunzehnten Jahrhundert gern das Gymnasium. Jetzt macht man die Universität dazu. Kann man eine Tretmühle und Lernfabrik noch mit Recht als Universität bezeichnen? Mit Recht wohl kaum. Aber wie oft sind Namen nur Schall und Rauch!

Oft ist vom Nutzen, nie vom Geist die Rede

Maßgeblich bemüht um das neue System war die Hochschulrektorenkonferenz. Liest man nun einmal den von ihr 2004 herausgegebenen „Bologna-Reader“, macht man, abgesehen von dem grauenhaften Deutsch dieser Dokumente, eine merkwürdige Beobachtung. Laut den grundlegenden Dokumenten geht es mit dem neuen System um „Marketing-Strategien“, „Wettbewerbsfähigkeit“, „Rekrutierungsverfahren“ und „europaweite Rekrutierung von Hochschullehrern“; um das „Management der Hochschulen“ und die „Schaffung eines wissensbasierten Wirtschaftsraums“; um „Qualitätssicherung“, „Effizienz“ und die „passgenaue Konzeption des Studiums“; um „Synergien“ und „das Potential für Innovation und soziale und wirtschaftliche Entwicklung“.

An keiner einzigen Stelle geht es um den Geist, der nach Bildung verlangt. Nirgends ist davon die Rede, dass Wissen und Erkenntnis und Klugkeit Werte sind, die man um ihrer selbst willen erstrebt und liebt. Das ist den Initiatoren des neuen Systems wahrscheinlich noch nie in den Sinn gekommen. Das ganze Buch durchweht der Geist eines tristen Materialismus und Utilitarismus. Studium ist Berufsausbildung, gelernt wird für einen bestimmten Zweck, Wissen muss sich auszahlen, alles andere ist schöngeistiger Humbug: Das ist die Philosophie, wir könnten auch sagen: die Dogmatik, die jetzt die Universitäten reguliert.

Darum soll der gesamte Lehrstoff in kleinteilige Lehr- und Prüfungseinheiten zerlegt und streng kontrolliert verabreicht werden. Denn im Europa des Wissens glaubt man zwar nicht an den unabhängigen Geist, wohl aber an den Nürnberger Trichter. Und bald wird die Universität nur noch Friedrich Schillers „Brotgelehrte“ kennen, „der nur darum die Kräfte seines Geistes in Bewegung setzt, um dadurch seinen sinnlichen Zustand zu verbessern und eine kleinliche Ruhmsucht zu befriedigen“. Genaueres kann man nachlesen in Schillers akademischer Antrittsrede.

Eine Gefahr wird Programm

Diese Entwicklung hat Karl Jaspers schon 1930 beschrieben in dem berühmten Göschen-Bändchen Nr. 1000 „Die geistige Situation der Zeit“. Da lesen wir, als ginge es bereits um den Bologna-Prozess: „Das Massendasein an Hochschulen hat die Tendenz, Wissenschaft als Wissenschaft zu vernichten. Diese soll sich der Menge anpassen, welche nur ihr praktisches Ziel will, ein Examen und die damit verknüpfte Berechtigung; Forschung soll nur so weit gefördert werden, als sie praktisch auswertbare Resultate verspricht. Dann reduziert Wissenschaft sich auf die verstandesmäßige Objektivität des Lernbaren.

Statt der Hochschule, wie sie in ihrer geistigen Unruhe des ,sapere aude' (wage es, dich deines Verstandes zu bedienen) lebt, entsteht bloße Schule. Dem Einzelnen wird die Gefahr seines selbst zu suchenden Weges abgenommen durch einen zwangsläufigen Studienplan.“ Was Karl Jaspers als Gefahr beschrieben hat, ist mit dem neuen Studiensystem zum Programm erhoben.

Unterschiede kennt man nicht

„Der Staat muss seine Universitäten weder als Gymnasien noch als Specialschulen behandeln.“ Wilhelm von Humboldt, der dieses Modell vor ziemlich genau zweihundert Jahren vertreten hat, muss ein einfältiger Tropf gewesen sein, wenn das neue System, das in allem die gegenteilige Auffassung vertritt, besser sein soll. Schon die Idee, es müsse ein wesentlicher Unterschied bestehen zwischen Schule und Hochschule, dürfte den Vertretern des neuen Systems grotesk vorkommen. Sie machen ja nicht einmal einen Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, die alle über denselben Leisten der Modularisierung geschlagen werden. Den Grundsatz, dass die Methode einer Wissenschaft von ihrem Gegenstand abhängt, braucht man ihnen gar nicht erst zu erklären versuchen.

Derselben Auffassung wie Humboldt war auch John Henry Newman, der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts eine katholische Universität in Dublin gründete und seine Konzeption in einem Buch zusammenfasste: „The Idea of a University“. Die Universität darf demnach kein Basar sein, wo alles „showy“ ist und auf äußeren Glanz zielt. Sie ist auch „keine Fabrik, keine Werkstatt und keine Tretmühle“. Denn Bildung ist zunächst einmal ein Selbstzweck; sie trägt ihren Lohn in sich. Die Aufgabe der Universität darf man nicht in bloßer Wissensvermittlung sehen. Denn diese führt zu einer Oberflächlichkeit, die ihre eigene Oberflächlichkeit nicht mehr erkennt. Wissenschaft ist nach Newman mehr als eine Ansammlung von Wissen, und genaugenommen sei nicht Wissen Macht, wie das Sprichwort behauptet, sondern Wissenschaft.

Feuer ist gut gegen Mäuse

Auch die Theologie hört auf, Wissenschaft zu sein, wenn sie nur noch als Mittel zum Zweck des Religionsunterrichts und der Predigt gelehrt wird. Und Newman ist der Überzeugung: „Ohne Selbstbestimmung und Unabhängigkeit kann kein großes oder lebendiges Werk gelingen.“ Deshalb sollten an seiner Universität sowohl der Intellekt wie die Religion größtmögliche Freiheit genießen.

Humboldt und Newman waren sich in den Grundsätzen einig. Jetzt haben sich in Deutschland Kirche und Welt zusammengetan, um in allem das Gegenteil dieser Prinzipien zur Herrschaft zu bringen. Ziel der Universitätsausbildung auch in den geisteswissenschaftlichen Fächern soll nicht mehr vorrangig die Ausbildung der geistigen und intellektuellen Fähigkeiten sein, sondern Indoktrination und das Eintrichtern von Wissen. Das geht natürlich nur bei gleichzeitiger Abschaffung der akademischen Freiheit. Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland steht zwar etwas von Freiheit der Lehre (von Forschung wollen wir hier gar nicht reden), aber Juristen werden uns zweifellos beweisen, dass damit nicht das gemeint sein könne, was wir bisher hatten, und dass mit dem Restchen Freiheit, das den Professoren gelassen wird, dem Buchstaben des Gesetzes vollkommen Genüge getan sei.

Ein Motiv bei vielen Befürwortern der strikten Modularisierung des Studiums ist zweifellos der Missmut über das, was in unserem einleitenden Märchen mit leichter Ironie „das schöne Leben“ unter den alten Verhältnissen genannt wurde. Es ist bekannt, dass akademische Freiheit auch missbraucht wurde als Deckmantel für Schlendrian, Bequemlichkeit und dolce far niente. In einer menschlichen Herde gibt es immer ein paar schwarze Schafe. Aber: abusus non tollit usum. Der Missbrauch einer Sache ist kein Einwand gegen sie selbst. Oder geht es hier nach dem Prinzip jenes Bauern, der sagte: „Das ist gut gegen Mäuse“ und seine Scheune anzündete?

Machtlos gegen das System?

Die Ungeheuerlichkeit der staatlichen Zumutungen an die Studierenden und Professoren wird nur noch übertroffen von der Bereitwilligkeit, mit der sich die Betroffenen alles gefallen lassen. Ohne diese Bereitwilligkeit der Betroffenen wäre die Umwandlung der Universität in eine Tretmühle und Lernfabrik gar nicht möglich. Widerstand? Demonstrationen? Boykott? Der berühmte „Aufschrei“? Nichts oder fast nichts von alledem. Man versichert mir von verschiedener Seite, gegen das Hochschulestablishment und die Bildungsbürokratie seien die Hochschullehrer praktisch machtlos. Leben wir denn in einer Diktatur?

Nun können Hochschullehrer als Beamte nicht streiken. Und ihre persönliche Unabhängigkeit und Freiheit wird schon seit Jahren immer mehr beschnitten durch Drittmittelabhängigkeit, leistungsorientierte Besoldung und fragwürdige Evaluationen. Aber nicht einmal die immer noch gegebenen Möglichkeiten des Widerstands sind wirklich ausgeschöpft worden. Auf der hochschulpolitischen Ebene hat nur der Deutsche Hochschulverband eine entschieden kritische Haltung eingenommen. Ist die Mehrheit der Professoren feige oder nur müde? Oder sind sie gar alle oder fast alle für das neue System? Finden sie es etwa besser?

Senkung des Niveaus

Ich persönlich habe noch keinen Kollegen getroffen, der nicht das alte System für weit besser gehalten hätte als das neue. Das mag natürlich von Fach zu Fach etwas verschieden sein. Und natürlich hätte man an dem alten System das eine oder andere reformieren müssen. Aber das neue für insgesamt besser erklären? Unmöglich. Die meisten Kollegen sind sich einig, dass hier mit einem bedeutenden Mehraufwand an Lehre, Prüfungen und Verwaltungstätigkeit eine empfindliche Senkung des Niveaus erreicht wird und erreicht werden soll, faktisch eine Nivellierung von Universität und Fachhochschule. Und dennoch machen alle mit, nur die Juristen und Mediziner halten sich heraus und leisten zumindest hinhaltenden Widerstand.

Der Juristische Fakultätentag scheint sogar der schärfste Kritiker des neuen Systems zu sein. Im Übrigen aber sind alle Fächer dabei, mit etwas Murren, sonst aber klaglos modularisierte Studienpläne zu entwerfen, die auch den bisherigen Diplomstudiengang ersetzen sollen. Man unterwirft sich sogar der Kontrolle von „Akkreditierungsagenturen“, die die Rechtsform gemeinnütziger Vereine haben. Wie konnte es dazu kommen?

In Gesprächen erklären alle Kollegen unisono, man dürfe die neuen Vorschriften nicht so ernst nehmen, man müsse sie hinbiegen, durchlöchern, unterlaufen, Etikettenschwindel betreiben und so „das Beste daraus machen“. Bekämpft man denn ein Monster mit Nadelstichen? Entkommt man dem Moloch mit passivem Widerstand? Oder hat sich die deutsche Intelligenz einfach dem Fatalismus ergeben? Fatalismus trifft man in der Tat allenthalben an. Ältere Kollegen erklären ohne jede Ironie: „Nach mir die Sintflut!“

Berufen heißt nicht rekrutiert

Irgendwie erinnern die Vorgänge an unseren Universitäten an das, was im 23. Kapitel des Matthäusevangeliums den Pharisäern zum Vorwurf gemacht wird: Sie sieben Mücken aus und verschlucken Kamele; sie reden nur, tun aber selbst nicht, was sie sagen; sie schnüren schwere Lasten zusammen und erlegen sie den Studierenden auf, um dann zu versichern, dass sie aus Liebe zu ebendiesen Studierenden das schwere Joch des neuen Systems tragen wollen. Nur diese Haltung macht es möglich, dass die Universität sang- und klanglos ihrer Selbstauflösung entgegenarbeitet. In meiner Schulzeit haben Kirche und Welt einstimmig verkündet, Freiheit sei ein hohes Gut, für das man, wo es gefährdet ist, kämpfen müsse und Opfer bringen.

Da niemand mit mir kämpfen will, bleibt mir nur das Opfer. Ich bin nicht „rekrutiert“, sondern berufen worden. Die wichtigste Voraussetzung für meine Berufung aber ist mit dem neuen System in meinen Augen nicht mehr gegeben. Deshalb habe ich die Entlassung aus dem Dienst beantragt.



Ein Fanal

Marius Reiser ist seit 1991 Professor für Neues Testament am Fachbereich Katholische Theologie der Universität Mainz. Zum Ende des laufenden Wintersemesters legt er diese Professur aus Widerstand gegen die unter dem Titel „Bologna-Prozess“ betriebene und ihm als unerträglich erscheinende Hochschulreform nieder. Wir drucken seine Begründung für diesen ungewöhnlichen Schritt. Hilfreich dabei zu wissen: Reiser ist Jahrgang 1954, steht also keineswegs kurz vor seiner Emeritierung. Hier nimmt also ein Universitätslehrer die Kosten seiner inneren Überzeugung ganz auf sich. Von seiner Universität und dem rheinland-pfälzischen Wissenschaftsministerium hat Reiser auf sein Demissionsschreiben bislang keine Antwort erhalten.

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Horst Ludwig
St. Peter, MN, USA

Dieser Beitrag wurde am 15.01.2009 um 06.29 Uhr eingetragen.
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Dieser Aufsatz ist lesens- und bedenkenswert:
Marius Reiser, "Warum ich meinen Lehrstuhl räume"
(Link)
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 30.11.2008 um 22.32 Uhr eingetragen.
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Freies Wort, 4. September 2008

Bildung
Eine Erziehung ohne Super-Nanny
Der Präsident des Lehrerverbandes empfiehlt Eltern „Mut zur Autorität”

Erfurt – Einen Kalauer lässt auch ein Oberlehrer nicht gerne liegen. So verlangt Josef Kraus, in den Schulen einen Wissens-Kanon zu lehren. Um fortzufahren: „Viele aber haben ein Wissen unter aller Kanone.” Und auch die Regel, keinen Schabernack mit Namen zu treiben, setzt er für sich außer Kraft. Über die bekannte Fernsehmoderatorin und ihre „Quatschbude” kalauert er: „Anne Will – aber kann nicht”. Lachen im Publikum. Darauf der Zusatz, er wisse, wovon er rede. Auch er habe die Dame schon über sich ergehen lassen.

Die Bezeichnung „Oberlehrer” gefällt Josef Kraus womöglich nicht, aber sie liegt beim Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes zu nahe, um sie nicht aufzuheben. Zumal der 59-Jährige selbst gerne kraftvoll formuliert. Zur Freude seines Publikums, wie am Dienstagabend bei seinem Vortrag in Erfurt zu beobachten war. Die CDU-Fraktion hatte ihn im Rahmen ihrer Reihe „Was heißt heute konservativ?” eingeladen. Kraus hat sich als Kritiker der Rechtschreibreform hervorgetan und den so genannten Pisa-Schock verarbeitet, indem er ein Buch über den „Pisa-Schwindel” schrieb. Seit 1987 ist der Bayer, der an einem Gymnasium bei Landshut als Oberstudiendirektor arbeitet, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. 1995 war er im hessischen Wahlkampf der Kandidat der CDU für das Amt des Kultusministers.

Ein Konservativer also und dazu einer, der das lustvoll kund tut. Nicht nur bei Anne Will und sonstigen Fernsehsendungen, die ihm zugleich zuwider sind, sondern auch bei seinem Auftritt in Erfurt. Sein Thema lautet „Mut zur Erziehung”. Es gerät bei ihm zu einer Abrechnung mit den antiautoritären „68ern”, der „Spaßgesellschaft”, mit denen, die bei Erziehung auf den Staat fixiert sind und mit den Medien, vor allem dem Privatfernsehen.

Den Dauerseufzer über die vermeintlich von allen guten Geistern verlassene Jugend macht Kraus jedoch nicht mit. Die von ihm kritisierte Medienwelt mit ihren „Unterschichten-Talkshows” und „Hackfleisch-Videos” produziere schließlich „Schrott der Erwachsenenwelt”. Die Jugend sei immer das Spiegelbild: „Sie kann nicht besser sein als die Alten.”

Die Erziehung verlagert Kraus vom Staat ins Private. Erziehung ist für ihn in erster Linie Sache der Eltern. Nach dem Grundgesetz sei sie ausdrücklich deren Recht und Pflicht. Sein eigentliches Erziehungsprogramm dürfte dann allerdings so nahe an der Lebenswirklichkeit der meisten Eltern sein, dass für die „Super-Nanny” im Fernsehen eigentlich nicht mehr viel zu tun bleibt.

So sei jede extreme Erziehung zu vermeiden, also Gewalt und Angst, aber auch übertriebene Nachgiebigkeit und Behütung. Die Prinzipien „Arbeit und Leistung” müssten wiederbelebt werden. Eltern sollten „Mut zur Autorität, zum Vorbild” haben, Respekt vor der Schule vermitteln und sich Zeit für ihre Kinder nehmen. „Wer erziehen will, muss kein Studium haben”, sagt Kraus. Das Ergebnis ist nach seinem Befund schon jetzt besser als Dauer-Pessimisten (und zuletzt auch ein hessischer Ministerpräsident) glauben machen wollen: „Die verkorkste Jugend gibt es nicht.”


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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 22.11.2008 um 21.23 Uhr eingetragen.
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Pressemitteilung 31/ 2008
Düsseldorf, 12.11.2008

Bundesmittel für Kinderbetreuung eins zu eins an Kommunen weitergeben
Gemeinsame Pressemitteilung von Städte- und Gemeindebund NRW, Städtetag NRW, und Landkreistag NRW

Die kommunalen Spitzenverbände begrüßen, dass die NRW-Landesregierung und die Regierungsfraktionen angekündigt haben, die zusätzlichen 11.000 Betreuungsplätze für unter Dreijährige im Haushaltsjahr 2009 entgegen der ursprünglichen Planung doch nicht auf eine 25-Stunden-Betreuungszeit zu begrenzen. „Die ersten Erfahrungen mit dem Kinderbildungsgesetz haben gezeigt, dass viele Eltern, die berufstätig sind, nach Geburt des Kindes wieder frühzeitig in den Beruf zurück wollen. Ein Betreuungsplatz mit 25 Wochenstunden würde diesem Bedürfnis nicht gerecht. Deshalb ist es gut, dass die Landesregierung statt einer festen Zeitvorgabe nun die örtliche Jugendhilfeplanung und den dabei festgestellten Betreuungsbedarf der Eltern zum Maßstab machen will. Wer einen 25-Stunden-Platz braucht, muss ihn bekommen. Wer mit 25 Stunden nicht auskommt, muss auch mehr Betreuungszeit buchen können,“ erklärten heute der Vorsitzende des Städtetages Nordrhein-Westfalen, Oberbürgermeister Norbert Bude aus Mönchengladbach, der Präsident des Landkreistages Nordrhein-Westfalen, Landrat Thomas Kubendorff aus dem Kreis Steinfurt, sowie der Präsident des Städte- und Gemeindebundes Nordrhein-Westfalen, Bürgermeister Roland Schäfer aus Bergkamen.

Deutliche Kritik übten die kommunalen Spitzenverbände dagegen am Umgang des Landes mit den Bundesmitteln für den U 3-Ausbau. Nachdem der Bundesrat einen deutlichen Ausbau der Kinderbetreuung für unter Dreijährige bis hin zum Rechtsanspruch beschlossen hat, forderten sie die Landesregierung auf, die Betriebskostenbeteiligung des Bundes für neue Kinderbetreuungsplätze in voller Höhe an die Kommunen weiterzugeben und nicht alleine zugunsten des Landes im Landeshaushalt versickern zu lassen. Darüber hinaus appellierten die kommunalen Spitzenverbände an das Land, sich noch stärker als bisher an den Investitionskosten für den Ausbau der Kinderbetreuung zu beteiligen.

„Mit seinem Kinderbildungsgesetz hat das Land einen Anfang für eine aktive Förderung des Ausbaus der Kinderbetreuung gemacht. Dieser Weg muss jetzt konsequent fortgesetzt werden. Denn die Länder und damit auch NRW stehen nach dem Inkrafttreten des Kinderförderungsgesetzes des Bundes in der Pflicht, die zusätzlichen finanziellen Belastungen ihrer Kommunen auszugleichen“, unterstrichen die Vorsitzenden beziehungsweise Präsidenten der kommunalen Spitzenverbände. „Nur mit erheblich höheren Mitteln des Landes ist das ehrgeizige Ziel des Bundesgesetzes zu erreichen, bis zum Jahr 2013 die fehlenden Plätze für einen Rechtsanspruch auf Betreuung ab dem ersten Lebensjahr zur Verfügung zu stellen.“

Zudem müssten die 22 Millionen Euro, mit denen sich der Bund für das Jahr 2009 an den Betriebskosten der U 3-Betreuung beteiligt, vollständig an die Kommunen fließen. So war es auf dem Krippengipfel 2007 zwischen Bund und Ländern vereinbart worden. Wenn das Land wie geplant das Geld nur über das Gemeindefinanzierungsgesetz (GFG) zur Verfügung stelle, kämen nur fünf Millionen Euro davon bei den Kommunen an – und das frühestens 2010. Das Geld fehle dann für den Betrieb der Kindergärten und in der Tagespflege.

Nachbesserungsbedarf sehen die Kommunen auch bei der Investitionsförderung. Hier erhalte das Land NRW aus dem Investitionsprogramm der Bundesregierung knapp 83 Millionen Euro, die an die Kommunen für neue Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren weitergeleitet werden. Das Land will sich für 2009 nur mit fünf Millionen an den Investitionen beteiligen. „Die Kommunen setzen viel Geld ein, um neue Betreuungsplätze zu schaffen und bauen das Angebot kontinuierlich aus. Wenn die Landesregierung es ernst meint und zum familienfreundlichsten Bundesland werden will, dann muss das Land seine Investitionen aufstocken. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass es für 2009 mehr Zuschussanträge gibt, als Geld zur Verfügung steht“, erklärten Bude, Kubendorff und Schäfer.


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Christoph Schatte
Poznan

Dieser Beitrag wurde am 10.09.2008 um 21.04 Uhr eingetragen.
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Allein das Wort "Bildung" ist in gewissen deutschen Kreisen verpönt, weil diese der Bildungsnivellierung bis zur Schmerzgrenze huldigen. Diese Coleur wagt sich (noch) nicht zu deklarieren, daß ihr die Proletarisierung längs, quer und schräg durch – behufs der Schaffung von Eliteuniversitäten – i.S.v. von gazprom-Schröder – am roten Herzen liegt. Der Dummschrieb ist eins der Instrumente dieser Bildungsdampfwalzen, das bereits Schülern jegliche Differenzierungen wirkungsvoll und dauerhaft abhold macht bzw. dieselben Unschuldigen endgültig desensibilisiert.

Apropos "Elite": ein in Deutschland in aller political correctness (in der DDR: die Parteilinie) unerträglicher Name. Also bis zum Studium und im Studium absolute Gleichmacherei (wehe, wer da zuviel weiß oder wissen will) und dann die staatsgekürten Elite-Unis. Es ist ein Witz, wenn auch ein schlechter.

Soweit meine kleinen Gedanken zum Beitrag von Frau Rominte van Thiel.
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Rominte van Thiel
Röttenbach

Dieser Beitrag wurde am 10.09.2008 um 11.52 Uhr eingetragen.
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Das Bundesland Bayern, in dem ich lebe, befindet sich in diesem Monat im Landtagswahlkampf. Auf den Plakaten aller Parteien ist das Wort BILDUNG zu finden, einmal wohl fordernd und auf der anderen Seite die Bildung für sich reklamierend. Jedesmal, wenn ich all diese Plakate sehe, komme ich ins Grübeln, was es mit Bildung zu tun hat, wenn zumindest in der Rechtschreibung etwas Falsches gelehrt wird und damit den Kindern das Sprachgefühl abhanden kommt. Wäre so etwas in einem anderen Fach möglich? Unexakte, schwammige Mathematik, naturwissenschaflichen Gesetzen widersprechende Biologie, Propagierung von mißtönender Musik als einzig richtiger?
Besonders schlimm finde ich, daß Kindern, die vielleicht aus gebildetem, belesenem Haushalt stammen und intuitiv richtig schreiben, das Richtige als falsch angestrichen wird - insofern hat Th. Icklers Buch "Falsch ist richtig" den passenden Titel.
Es wäre ja schon viel gewonnen, wenn neben dem haarsträubenden Unsinn das Richtige wenigstens ebenfalls als "richtig" gälte. (An anderer Stelle hat Herr Ickler schon einmal diesen Vorschlag gemacht.) Wenn die Politik wenigstens zu dieser Vernunfthandlung fähig wäre!
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Reinhard Markner
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 05.09.2008 um 17.25 Uhr eingetragen.
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Nicht zu vergessen der internationale Aspekt: Regierungshandeln wird unumstößlich, indem man es durch »zwischenstaatliche Kommissionen« vorbereitet und durch ebensolche Vereinbarungen absichert.
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David Konietzko
Bad Homburg vor der Höhe

Dieser Beitrag wurde am 05.09.2008 um 16.52 Uhr eingetragen.
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Lesenswert ist der heutige Spiegel-online-Artikel Professoren-Lobby springt auf die Bremse, in dem es um den Bologna-Prozeß geht, der der RSR allzu ähnlich sieht.

Nach der Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse ist genau das Gegenteil des damit Beabsichtigten eingetreten:
»Sie [die Bologna-Reform] sollte vor allem die Studenten mobiler machen und die Abbrecherzahlen senken. [...] Im Gegenteil lassen mehr Studenten als zuvor den Abschluss sausen. Das Hochschul-Informations-System (HIS) ermittelte vor einigen Monaten eine Bachelor-Abbrecherquote von 25 Prozent – fünf Prozentpunkte mehr als beim Durchschnitt aller Studiengänge zusammen. [...] Demnach [nach den Untersuchungen des HIS] gehen Diplomanden öfter über die Grenzen als die Studenten der neuen Abschlüsse – weil Auslandssemester nicht recht in die engen Studienpläne passen wollen. [...] ‚Bei der Mobilität haben wir kein Plus, sondern ein Minus‘, sagt DHV-Präsident Kempen.«
Natürlich gibt es keinerlei Beweis, daß das mit dem Bologna-Prozeß zusammenhängt. Als Ursache kommen z.B. auch die Georgien-Krise oder die Olympischen Spiele in Peking in Frage.

Kritik kommt grundsätzlich immer zu spät oder zu früh:
»Das sind massive Forderungen, und sie kommen reichlich spät – der Bologna-Prozess wurde vor neun Jahren beschlossen, vor gut fünf Jahren begann die Umstellung.«
Verschlechterungen, die sich unmittelbar nach Inkrafttreten einer Reform einstellen, sind als bloße Umstellungsschwierigkeiten abzutun; erweisen sie sich wider Erwarten nach einiger Zeit als dauerhaft, so ist der Hinweis auf sie verspätet.

Einmal getroffene Fehlentscheidungen können nicht mehr rückgängig gemacht werden (›Staatsräson‹):
»Und die Bildungspolitiker in Deutschland wie anderen Staaten haben keinen Zweifel daran gelassen, dass die Umstellung auf Bachelor und Master unumkehrbar ist.«
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Christoph Schatte
Poznan

Dieser Beitrag wurde am 21.08.2008 um 00.01 Uhr eingetragen.
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Diesem von Renate Köcher indizierten "Trend" ist die FAZ entweder konsequent gefolgt oder hat ihn mit der absturzartigen Senkung ihres Niveaus mitinduziert.

Es nimmt wunder, daß "diese Zeitung" meint, die zitierte weitgehend nach Generationen geschichtete Kulturdiagnose veröffentlichen zu können, ohne sich selbst an den Pranger zu stellen.

Wie lange wohl wird es dauern, bis man "Bild" und "FAZ" weder nach Bild noch nach Text auseinanderhalten kann?
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 20.08.2008 um 23.43 Uhr eingetragen.
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Faz.net, 20 August 2008

Allensbach-Analyse
Der schleichende Abschied vom klassischen Bildungskanon
Von Professor Renate Köcher

Es gibt gesellschaftliche Veränderungen von großer Tragweite, die anfangs kaum bemerkt werden, da sie sich aus einzelnen Bevölkerungsgruppen heraus entwickeln. Seit einigen Jahren verändert sich das Interessenspektrum der jungen Generation langsam, aber ständig. Sie zieht sich immer mehr von Themen und Diskussionen zurück, die sich mit der Gesellschaft, den politischen Möglichkeiten, der Wirtschaft, den sozialen Fragen oder kulturellen Themen beschäftigen.

Während das Interessenspektrum in der Altersgruppe über 30 Jahre noch keine auffälligen Veränderungen zeigt, ist das Interesse der Altersgruppe unter 30 Jahren an Politik in den letzten acht Jahren um 8 Prozentpunkte zurückgegangen, genauso das Interesse an Wirtschaftsthemen. Ende der neunziger Jahre interessierten sich 53 Prozent der Bevölkerung zumindest begrenzt für wirtschaftliche Themen, heute sind es 52 Prozent. In der jungen Generation dagegen schrumpfte der Kreis der zumindest begrenzt an Wirtschaftsthemen Interessierten im selben Zeitraum von 44 auf 36 Prozent, der Kreis politisch Interessierter von 56 auf 48 Prozent. Tiefer gehendes Interesse an Politik bekunden heute nur noch 9 Prozent der Jugendlichen bis 30 Jahre, ein ebensolches Interesse an wirtschaftlichen Entwicklungen 8 Prozent.

Interesse an Umweltfragen sinkt

Auch die Befassung mit Umweltfragen ist gesunken, gegenläufig zur Stärke der öffentlichen Diskussion. Seit dem Ende der neunziger Jahre ist der Kreis, der seine Aufmerksamkeit zumindest begrenzt dem Umwelt- und Naturschutz widmet, in der Altersklasse bis 30 von 83 auf 68 Prozent geschrumpft, der engagierte Kern dieser Gruppe von 27 auf 16 Prozent. Gemessen am gesamten Interessenspektrum dieser Altersklasse am Ende der neunziger Jahre, haben Umweltthemen besonders an Zuwendung verloren - neben Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur. Das Interesse an Wissenschaft und Forschung liegt heute um rund ein Fünftel unter dem Stand, der vor etwa einem Jahrzehnt zu beobachten war, das Interesse an Kunst und Kultur um rund ein Drittel.

Rückläufig war auf dem Feld der Kultur besonders das Interesse an Literatur und klassischer Musik. Der Anteil derer, die gerne (auch) klassische Musik hören, ist innerhalb dieses Jahrzehnts in der Altersklasse unter 30 Jahren von 26 auf 15 Prozent gesunken. Der Musikgeschmack der Jüngeren sowie ihre Lektürepräferenz sind heute wesentlich fokussierter als vor einem Jahrzehnt und richten sich vor allem auf moderne Unterhaltungsmusik, englischen wie deutschsprachigen Rock und Pop.

Fasst man Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Umwelt, lokale Ereignisse, Kunst und Kultur zusammen, so liegt der Interessenpegel der gesamten Bevölkerung heute nur knapp unter dem Niveau am Ende der neunziger Jahre, derjenige der jungen Generation dagegen erheblich darunter.

Kommunikationstechnologie und Konsum

Zugleich gibt es durchaus Themen, welche die Jugendlichen bis zur Altersgrenze von 30 Jahren stärker interessieren als früher. Das gilt insbesondere für alle Felder der Kommunikationstechnologie, von Computer und Internet über Handy, digitales Fernsehen bis hin zu digitaler Fotografie und Videotechnik; das gilt jedoch auch für andere Konsumfelder wie Kosmetik und Mode. Die Neugier auf psychologische Themen und auf Gesundheitsinformationen ist zumindest tendenziell angestiegen, das Interesse an beruflicher Weiterbildung ist stabil.

Diese Veränderungen ergeben ein Muster: Fast alle Themen, die zum einen mit dem klassischen Bildungskanon und zum anderen mit der gesellschaftlichen Entwicklung verbunden sind, finden heute weniger Aufmerksamkeit, während Informationen, die unmittelbar auf den eigenen Alltag übertragen werden können und zur Optimierung von Beruf, Kaufentscheidungen und Privatleben dienlich sind, stabiles oder sogar größeres Interesse finden.

Soziale Gerechtigkeit sinkt in der Bedeutung

Parallel wandeln sich die Rangordnungen und Werte. Erfolg im Beruf, ein hohes Einkommen, ein gepflegtes Aussehen, aber auch eine eigene Familie, Kinder zu haben, sind den jungen Menschen bis 30 Jahre heute wichtiger als vor einem Jahrzehnt, gesellschaftliche Ziele dagegen weniger wichtig. Das gilt sogar für die soziale Gerechtigkeit, ein Thema, das in letzter Zeit in der öffentlichen Diskussion eine regelrechte Renaissance erlebt hat. Der Anteil derer, die in dieser Altersklasse der sozialen Gerechtigkeit besonders große Bedeutung beimessen, hat sich binnen zehn Jahren von 60 auf 53 Prozent vermindert.

Der Kreis, der politischem Engagement große Bedeutung beimisst, wird geradezu marginalisiert. Vor einem Jahrzehnt hielten es noch 9 Prozent der Jugendlichen bis 30 Jahre für wichtig, politisch aktiv zu sein, heute noch 6 Prozent. Der Rückgang des politischen Engagements der jungen Generation verändert auch die Ausgangslage für die Parteien. Das gilt insbesondere für die CDU/CSU, die von 40 Prozent der politisch Interessierten dieser Altersklasse bevorzugt wird, aber nur von 24 Prozent der gleichaltrigen Desinteressierten. Alle anderen Parteien erzielen bei den politisch Desinteressierten bis zu 30 Jahren bessere Ergebnisse als bei politisch Interessierten.

Insgesamt wird die Neigung der jungen Leute schwächer, sich kontinuierlich zu informieren. Der Anteil derer, die über das aktuelle Geschehen auf dem Laufenden sein wollen, sank allein in den letzten fünf Jahren von 45 auf 37 Prozent.

Das Informationsbedürfnis sinkt

Die Begründung scheint auf den ersten Blick eindeutig zu sein: Das Informationsbedürfnis sinkt, weil das Interesse an politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen zurückgeht. Sicher wäre in der öffentlichen Diskussion rasch Übereinstimmung gefunden, dass das rückläufige Interesse auf Politikverdrossenheit, die Komplexität der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen und den daraus folgenden Fatalismus der Bürger zurückzuführen ist. Dies erklärt jedoch kaum, warum auch Kunst und Kultur, Forschung und Wissenschaft oder Umweltthemen heute weniger Jugendliche interessieren als noch vor zehn Jahren.

Die Suche, was diese Veränderungen des Interesses bewirkt, führt zum tiefgreifenden Umbruch in der Mediennutzung. Die junge Generation läuft hier der Gesamtbevölkerung weit voraus. In den nur zwei Jahren zwischen 2000 und 2002 wurde das Internet in der jungen Altersklasse vom Minderheiten- zum Massenmedium. Damals nutzten bereits 59 Prozent dieser Altersklasse, jedoch nur ein Drittel der Gesamtbevölkerung das Internet; heute sind bereits 86 Prozent der jungen Generation online, 60 Prozent der Bevölkerung.

Gegenläufig ist die Lektüre von Tageszeitungen bei den Jugendlichen bis 30 Jahre erdrutschartig gefallen. Dies setzte nicht erst Ende der neunziger Jahre mit dem Siegeszug des Internets ein, sondern bereits beschleunigt nach 1990. Damals lasen noch 66 Prozent dieser Altersklasse regelmäßig eine Tageszeitung, 2000 53 Prozent, heute 41 Prozent. In der gesamten Bevölkerung ist die Reichweite von Tageszeitungen zwar ebenfalls gesunken, liegt jedoch auch heute noch bei rund 70 Prozent. Untersuchungen nach Altersklassen zeigen jedoch, dass kaum zu erwarten ist, dass der Einstieg in die Zeitungslektüre nur zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt. Wer sich vor seinem 30. Geburtstag weitgehend dem Zeitungslesen verweigert, gewöhnt sich die Lektüre im Allgemeinen auch später nicht an.

Internet dient nicht als Informationsquelle

Fernsehen und Internet sind bei den Jüngeren keine Substitution einer Tageszeitung, sondern eine ganz andere Nutzungsgewohnheit und damit ein Paradigmenwechsel im Umgang mit Information. Fernsehen und Internet werden in der Altersklasse bis 30 Jahre keineswegs der Tageszeitung vergleichbar für die kontinuierliche tägliche Information genutzt. Trotz einer Reichweite von 86 Prozent spielt das Internet als Informationsquelle über das aktuelle Geschehen in der jungen Generation nur eine geringe Rolle. Stichtagsbefragungen belegen, dass im Durchschnitt nur 15 Prozent dieser Altersklasse sich mit Hilfe des Internets über das aktuelle Geschehen informieren.

Das Internet wird stattdessen in hohem Maße für Kommunikation und für die gezielte Information bei Bedarf genutzt: Man informiert sich dann, wenn man etwas Bestimmtes wissen will. Der auf Knopfdruck jederzeit verfügbare, schier unerschöpfliche Informationsbestand des Internets lässt die kontinuierliche Information überflüssig erscheinen; denn die Information steht stets dann, wenn man sie braucht, zur Verfügung. Damit gewöhnt sich jedoch ein großer Anteil der Jüngeren, die bereits mit diesem neuen Medienangebot aufgewachsen sind, die kontinuierliche Information nicht mehr an, sondern ersetzt die regelmäßige Information durch eine bedarfsgesteuerte, die wesentlich ereignisgetriebener erfolgt und enger auf Themen fokussiert ist, für die von vornherein großes Interesse besteht.

Das Fernsehen kompensiert diese Entwicklung nicht, da ein wachsender Anteil der jungen Leute informierenden Inhalten ausweicht und das Fernsehen vor allem zur Unterhaltung nutzt. Wie die Tageszeitungen sind auch die informationshaltigen Fernsehprogramme zunehmend an ein Alter jenseits der dreißig Jahre gebunden.

Dies führt zunehmend zu einer Spaltung der Gesellschaft in die, die sich sowohl durch Zeitungen wie über Fernsehen, Rundfunk und Internet informieren, und jene, die das Informationsangebot zunehmend selektiv in Anspruch nehmen.

Dies verändert auch die Voraussetzungen für den gesellschaftlichen und besonders den politischen Diskurs. Eine Gesellschaft, die teilweise auf kontinuierliche Information und Urteilsbildung verzichtet, wird spontaner, in der Urteilsbildung beweglicher, sogar sprunghafter und anfälliger für Manipulation.


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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 18.07.2008 um 17.58 Uhr eingetragen.
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Magdeburger Volksstimme, 16. Juli 2008

Studienprinzip wird mit der Reform vom Kopf auf die Füße gestellt
Bachelor und Master: Das Erreichte entspricht nicht ursprünglichen Zielen
Von Philipp Hoffmann

Die Umstellung der Hochschulabschlüsse in 46 europäischen Ländern auf Bachelor und Master – nichts als ein großer Flop ? Vieles deutet darauf hin. Ein gemeinsamer Hochschulraum mit vergleichbaren Abschlüssen ? Ziel verfehlt : Jedes Land macht, was es will. Eine kürzere Studiendauer ? Ziel verfehlt : Mehr Studenten als erwartet wollen in Deutschland nach dem Bachelor auch einen Master machen, weshalb das Studium genau so lange dauert wie bisher. Weniger Studienabbrecher ? Ziel verfehlt : Die Quote ist teilweise sogar noch gestiegen. Mehr Mobilität ? Ziel verfehlt : Die Hemmnisse für einen Wechsel des Studienortes sind nicht gesunken.

Gemessen an diesen Zielen lässt also nichts darauf schließen, dass der sogenannte Bologna-Prozess in den beiden verbleibenden Jahren noch zu einem großen Erfolg wird. Dennoch muss man die größte Reform der deutschen Hochschulgeschichte nicht gänzlich verteufeln. Immerhin wird das Studienprinzip vom Kopf auf die Füße gestellt : Es geht nicht mehr vorrangig darum, was man hineingibt, sondern was herauskommt. Oder neudeutsch : Es vollzieht sich ein Wandel von der Input- zur Outcome-Orientierung.

Der Lernende steht künftig im Mittelpunkt

Noch vor wenigen Jahrzehnten wechselten Studenten die Universität, um die besten Professoren auf dem jeweiligen Gebiet zu hören. Allein die Formulierung des Hörens zeigt, dass es um bloße Wissensweitergabe an die Studenten ging. Was diese berufl ich daraus machten, war ihre Sache.

Ganz anders jetzt im Bologna-Prozess : Alle neuen Studiengänge sollen daran ausgerichtet sein, welche Kompetenzen ein Student für den jeweils angestrebten Beruf braucht. Das entspricht einer Revolution im Hochschulwesen, die ohne den Bologna-Prozess kaum vonstatten gegangen wäre : Nicht mehr der Lehrende steht im Mittelpunkt, sondern der Lernende.

Nun gehen allerdings nicht alle Hochschulmitarbeiter mit dem gleichen Elan die Neukonzipierung der Lehrinhalte an. Ähnlich wie bei der Rechtschreibreform wollen sich viele nicht auf einen von oben verordneten Prozess einlassen. Denn die entscheidenden Beschlüsse wurden von der Kultusministerkonferenz getroffen, ohne dass die 350 Hochschulen ein Mitspracherecht gehabt hätten.

Deutschland macht es sich zudem – wie im Bildungswesen gewohnt – durch seine föderale Struktur besonders schwer. Da nicht ein zentrales Ministerium zuständig ist, sondern 16 Länder, kann von bundesweiter Einheitlichkeit keine Rede sein. Bei der Lehrerausbildung beispielsweise macht es fast jedes Bundesland anders : Das eine führt Bachelor und Master ein, das andere bleibt beim Staatsexamen, das dritte favorisiert eine Mischung aus beidem.

Doch damit nicht genug der Unterschiede. Mit Medizin und Jura weigern sich ganze Fachrichtungen, das Studium in Bachelor und Master aufzuteilen. Ihr fadenscheiniges Argument : Nach drei Jahren Studium könne noch niemand Arzt oder Rechtsanwalt werden. Und schließlich solle der Bachelor ja berufsqualifi zierend sein. Ganz bewusst ausgeklammert wird dabei, dass auch jetzt schon viele Mediziner und Juristen lieber in die Industrie als in Krankenhäuser und Kanzleien gehen.

Und warum sollte ein Medizin-Student nicht nach drei Jahren für die Arbeit in einem Pharma-Unternehmen qualifiziert sein ? Ähnliches gilt für Lehramtsstudenten, die nach sechs Semestern zwar nicht in Schulen, aber in der Erwachsenenbildung arbeiten könnten.

Auch in den Ingenieurwissenschaften wird teilweise starr am " guten alten Diplom " festgehalten. Das aber widerspricht dem europäischen Gedanken. Man kann nicht einerseits eine größere Einheit Europas anstreben wie in der EU und sich andererseits in Teilbereichen diesen Bemühungen verweigern.

Das gestufte Studium bietet nunmal einen wichtigen Vorteil : Studenten können bereits nach drei Jahren fi t für den Arbeitsmarkt sein. Und sie werden auch gebraucht : Nach Erkenntnissen der Hochschulrektorenkonferenz ( HRK ) gibt es in der Wirtschaft einen dringenden Bedarf an Bachelor-Absolventen – und zwar gerade in den Ingenieurwissenschaften.

Universitäten tun sich mit Umstellung schwer

Die Wirtschaft kann im Übrigen ihren Teil dazu beisteuern, dass der Bachelor wirklich berufsqualifi zierend ist. Viele Hochschulen sind offen dafür, dass Unternehmen an der Neukonzipierung von Studiengängen mitarbeiten.

Gerade Universitäten tun sich aber oftmals schwer, die Berufsqualifizierung in den Mittelpunkt zu stellen. Schließlich war die Anwendungsorientierung bislang den Fachhochschulen vorbehalten. Aufgabe der Unis, so argumentieren Bologna-Gegner, sei nicht die berufspraktische Ausbildung, sondern die Vermittlung übergeordneter Kenntnisse aus der Grundlagenforschung. Befürworter von Bachelor und Master halten dem entgegen, dass Unis nun eben ihre Rolle neu defi nieren müssten.

Dieses Argument lässt sich nicht von der Hand weisen, rücken Universitäten und Fachhochschulen doch mit der Reform einander näher. Beispielsweise kennzeichnete bisher beim Diplom ein Zusatz, ob es an Fachhochschulen oder Unis erworben wurde. Beim Bachelor und Master gibt es diese Unterscheidung nicht mehr.

Böse Zungen behaupten ohnehin, dass sich Uni-Professoren vor allem deshalb mit dem Bologna-Prozess schwer tun, weil die Lehre für sie ein Schmuddelkind ist – sie forschen lieber. Nicht von ungefähr nimmt in jüngster Zeit die Kritik von Studenten an den mangelnden pädagogischen Fähigkeiten von Professoren zu.

Apropos Lehre : Auch das Ziel, sie zu verbessern, wird weitgehend verfehlt. In diesem Fall trifft die Hochschulen aber keine Schuld. Es war absurd von den Kultusministern, solche Ziele zu proklamieren, ohne den Hochschulen auch nur einen zusätzlichen Cent für die Umstellung der Studienabschlüsse zu gewähren.

Eine Revolution bleibt Bologna trotzdem. Und vor allem ein unumkehrbarer Prozess.


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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 13.07.2008 um 16.42 Uhr eingetragen.
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Lehrlingsmangel
Inder aus Osteuropa
Die traurige Lage auf dem Ausbildungsmarkt ließ sich in den vergangenen Jahren meist mit nur einem einzigen, hässlichen Wort beschreiben: Lehrstellenlücke.

Doch die Zeit, in der es mehr Bewerber als Angebote gab, ist vorbei. Nicht nur in unpopulären Berufen wie Bäcker oder Metzger fehlt geeigneter Nachwuchs, sondern bereits in ganzen Regionen. Übrig bleiben die, die mit Kopfrechnen und Rechtschreibung auf Kriegsfuß stehen – und keinen Abschluss haben. Zwar versuchen viele Betriebe bereits, mit Zusatzunterricht das auszugleichen, was die staatliche Schule nicht geschafft hat. Doch die Lust der Firmen darauf ist überschaubar. Dass die Unternehmen nun nach einer Alternative suchen und sogar Jugendliche aus Osteuropa anwerben wollen, ist daher verständlich. Fraglich ist zwar, ob dies die Probleme der Wirtschaft lösen wird – es geht immerhin um mehrere Tausend Bewerber, die schon bald im deutschen System fehlen werden. Die Regierung sollte die fixe Idee der Wirtschaft aber nicht belächeln, sondern sie als Weckruf verstehen: Die Schulen müssen bessere Schüler hervorbringen. Sonst wird aus dem Lehrstellenmangel von gestern der Wachstumsmangel von morgen. brö


(Der Tagesspiegel, 9. 7. 2008)
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 13.07.2008 um 01.30 Uhr eingetragen.
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Aufwerten oder begraben
Rektor Klaus-Dieter Wagner fordert [...] Reformen für die Haupt- und Realschule

Kalefeld. Ein ungewöhnliches Plädoyer für eine neue Haupt- und Realschule hielt Klaus-Dieter Wagner, Rektor der Auetalschule Altes Amt, bei der Verabschiedung der Absolventen. Kernpunkt: Es fehlt im Unterricht am Wirklichkeitsbezug.

Wir dokumentieren die wichtigsten Auszüge aus der Rede: "Heute stellt sich nun auch die Frage, ob diese unsere Haupt- und Realschule euch auch richtig auf das Leben vorbereitet hat, auf den Einstieg in die Arbeits- und Wirtschaftswelt. Wenn ich mir die Lehrpläne ansehe, finde ich keine Garantie für eine grundsolide Ausbildungsbasis und das, obwohl 90 Prozent der Handwerkslehrlinge von diesen beiden Schulformen kommen.

Leider ist allzuoft das Weiterführende dieser Schulformen herausgestellt worden, um die Gleichrangigkeit mit der dritten weiterführenden Schulform aufzuzeigen. Und was finden wir vor - ein abgemagertes Gymnasialcurriculum.

Kaum Anmeldungen

Wer weiß, wie lange es noch die Hauptschule gibt. Die Anmeldezahlen von acht für Klasse fünf sprechen Bände. An manchen Schulstandorten gibt es sogar keine Anmeldungen. (...)

Es wird einfach zu viel mit dem Kopf statt mit den Händen geübt. Das gilt auch für die Realschule. Statt in Deutsch handfest die Rechtschreibung zu üben, wird trotz Rechtschreibreform eine immer noch übertrieben abstrakte Grammatik geprobt.

In Erdkunde bereist man die ganze Welt, steckt seine Nase in die Infrastruktur Nigerias, ehe man überhaupt die 16 Bundesländer oder die wichtigsten deutschen Flüsse benennen und auf der Karte zeigen kann. Es fehlt überall am Wirklichkeitsbezug zur Welt des Schülers.

Ein besonderes Dilemma offenbart sich beim Englischunterricht. Spätestens nach dem sechsten Jahrgang, dem zweiten Englischjahr dieser Schulform, fallen jene Schüler raus, die aufgrund ihres fehlenden Sprachgefühls und Sprachwissens in ihrer Muttersprache keinen Schritt mehr in der Fremdsprache vorankommen. Diese Schüler müssen sich bis zum Ende ihrer Schulpflicht mit Englisch herumplagen, weil die Hauptschule das Mäntelchen der weiterführenden Schule anhaben soll.

Ich wünsche mir eine Aufwertung gerade dieser Schulform mit einem eigenen Profil, mit inhaltlichen und organisatorischen Reformen oder man sollte offen und ehrlich sagen, dass man diese Schulform begraben möchte.

Kleine Klassen sind wichtig

Ich wünsche mir kleine Klassen für die Haupt- wie auch für die Realschule, damit Schüler genug Bildung mitgenommen und nicht in der Masse untergehen. Ich bin gegen das Sitzenbleiben, aber für mehr Förderunterricht sowie Forderunterricht für Stärkere.

Es muss gelingen, dass sich die Einstellung der Gesellschaft gegenüber Haupt- und Realschule verändert, damit sich niemand mehr schämt zu sagen: Ich bin zur Real- oder Hauptschule gegangen. Hoffentlich siegt die Einsicht, dass der Weg zu beruflichem Erfolg und späterer Zufriedenheit nicht nur über das Gymnasium führt." (bsc)


(Hessische/Niedersächsische Allgemeine online, 13. 7. 2008)
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 20.06.2008 um 15.16 Uhr eingetragen.
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St. Galler Tagblatt, 20. Juni 2008:

Vorsichtiger Optimismus

Zurückhaltender Zwischenbericht zum Schulversuch Basisstufe. Benachteiligte Kinder profitieren wenig, und Lernvorteile der Basisstufenkinder werden später von traditionell beschulten Kindern wettgemacht. Nun wird der Schlussbericht abgewartet.

Die Idee der Basisstufe ist prägnant: Kinder sollen nicht dann mit dem schulisch-institutionellen Lernen der Kulturtechniken beginnen, wenn sie das dafür behördlich festgelegte Alter erreicht haben, sondern dann, wenn ihre innere Bereitschaft und Neugier dafür da sind. Die Vorstellung: die sensiblen Phasen der neugierigen kleinen Kinder besser erkennen und ausnutzen.

In altersdurchmischten Gruppen – die Basisstufe umfasst zwei Jahre Kindergarten und erste und zweite Klasse – sollen die Kinder den Kulturtechniken Lesen und Schreiben und Mathematik spielerisch begegnen können.

Wenig Unterschiede

Der erste Zwischenbericht des Instituts für Bildungsevaluation der Universität Zürich zum Schulversuch Basisstufe/Grundstufe zeigt nun aber, dass sich diese Hoffnungen zumindest vorerst nicht wirklich bestätigen lassen.

Kinder aus sozioökonomisch benachteiligter Herkunft können ihre Defizite auch in dieser Schulform nicht ausgleichen. So verfügen Kinder, deren erste Sprache nicht Deutsch ist, bereits beim Eintritt in den Kindergarten beziehungsweise in die Basisstufe über deutlich tiefere sprachliche und mathematische Fähigkeiten, die sie während der ersten beiden Jahre nicht kompensieren können. «Eltern spielen eine eminent wichtige Rolle bei der kognitiven Entwicklung ihrer Kinder», sagt Urs Moser, Leiter des Instituts für Bildungsevaluation, «der Beitrag der Eltern hängt aber nicht mit der Schulform zusammen.» Beispielsweise entwickelt sich der Wortschatz der Kinder in allen Schulformen ähnlich. «Was als Hinweis auf die grosse Bedeutung der sozialen Herkunft der Kinder und auf die vergleichsweise geringe Bedeutung der Schule für die Sprache interpretiert werden kann», erklärt Moser im Zwischenbericht, der eine nachhaltige Behebung von Entwicklungsdefiziten bei Migrantenkindern durch die Basisstufe für «illusorisch» hält.

Schneller, aber nicht nachhaltig

Fest steht aber, dass Basisstufenkinder die Kulturtechniken Lesen und Schreiben und teils auch Mathematik früher lernen als ihre Kameraden im traditionellen Kindergarten. Im Lesen und Schreiben kann die Untersuchung einen statistisch signifikanten und praktisch bedeutsam grösseren Lernfortschritt aufweisen. «Dieser Rückstand wird von den Kindergartenkindern bis zum Ende der ersten Klasse aber weitgehend aufgeholt», heisst es. Und auch wenn sich die Unterschiede bei der Mathematik nicht auflösen, es keine «Aufholjagd» der traditionell beschulten Kinder gibt, bleibt Urs Moser vorsichtig. Die Datenbasis ist schmal. «Drei Jahre Untersuchungszeit ist sehr wenig.»

Positives präsentiert man im Zwischenbericht der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. Sie untersuchte die Elternzufriedenheit und befragte die Lehrpersonen. Aus Sicht der Eltern werde der Eintritt in die Basisstufe von den Kindern nicht als grössere Belastung gesehen als der Eintritt in den Kindergarten. «Der teilweise befürchtete frühe schulische Leistungsdruck entsteht nicht», liest man im Bericht. Die Basisstufe erfreue sich bei Eltern wie Lehrpersonen einer hohen Akzeptanz, heisst es aus der PH St. Gallen.

Auch dem immer wieder vorgebrachten Vorwurf der Verschulung – also Lerndruck statt Spielwiese – stellt dieser Bericht entgegen: «Die Kinder können sich Buchstaben und Zahlen zuwenden, ohne das Spiel aufgeben zu müssen.»

Ermutigt, aber nicht übermütig

Trotz dieser durchzogenen Zwischenbilanz ist man bei der Erziehungsdirektorenkonferenz-Ost optimistisch. Brigitte Wiederkehr Steiger, Projektleiterin bei der EDK-Ost «4bis8» aus Schaffhausen: «Ich bin ermutigt, und wir sehen Entwicklungspotenzial. Lehrkräfte können die Kinder noch aktiver in die Kulturtechniken einführen, die tatsächliche Altersdurchmischung durchaus erhöhen und benachteiligte Kinder gezielter fördern.»

Auch Urs Moser, der zum jetzigen Zeitpunkt auf eine Empfehlung verzichten will, sieht in dieser Strukturreform Potenzial. «Dass der grössere Lernfortschritt von den Kindergartenkindern nahezu aufgeholt wird, kann nicht einfach auf die mangelnde Effektivität der Basisstufe zurückgeführt werden», sagt er. Vielmehr stehe die Frage im Raum, ob dies nicht auch eine Folge des Lehrplans und unpassender Lehrmittel sei. Dem Übertritt in die «normale» Schule sei besonderes Augenmerk zu schenken.

Schlussbericht abwarten

Seit 2004 erproben rund 160 Klassen in den zehn Deutschschweizer Kantonen Aargau, Bern, Glarus, Freiburg, Nidwalden, Luzern, Thurgau, Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen und Zürich diese Neugestaltung der Einschulung. In der Ostschweiz lancierte die Erziehungsdirektorenkonferenz der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtensteins dieses Projekt bereits 2002.

Nun will man abwarten, wie sich die Kinder in den verbleibenden zwei Jahren des Schulversuchs weiter entwickeln. Erst wenn der Schlussbericht vorliegt, will man definitiv Bilanz ziehen und eine Empfehlung abgeben. Der Entscheid, ob das Modell Basisstufe oder das Modell Kindergarten weitergeführt wird, entscheidet jeder Kanton für sich. Weil in den meisten Kantonen schon heute ein Besuchsobligatorium des Kindergartens besteht, steht eine mögliche Einführung der Basisstufe nicht in Zusammenhang mit HarmoS.

Karin Fagetti


Zu viel Form, zu wenig Inhalt

Der St. Galler Bildungsexperte Rolf Dubs über die «Reformitis» an den Schweizer Schulen.

Wir haben eine Vielzahl an Versuchen, die Schule zu verändern. Viele sprechen von Reformdruck. Passierte zu lange zu wenig und jetzt zu schnell zu viel?

Rolf Dubs: Die Schule braucht Reformen, aber nicht nur punktuell. Wenn irgendwoher irgendeine neue Idee kommt, die vielleicht politisch noch verfängt, will man sofort etwas Neues beginnen. Besser wäre, sich darauf zu besinnen, wo im bestehenden System, das nicht schlecht ist, auch Mängel existieren. Und dann sollte man im Rahmen eines Gesamtkonzepts einzelne Mängel überwinden.

Aber woher kommt dieser Druck, hektisch «herumzuschrauben»?

Dubs: Es gibt viele Ursachen. Erstens gibt es immer wieder neue wissenschaftliche Ergebnisse, die aber häufig überinterpretiert werden. Zweitens beginnen gewisse Politikerinnen und Politiker zu erkennen, dass man sich auch über Bildungsfragen politisch profilieren kann, und die geben dann dem Trend der Zeit nach. Und schliesslich kommen auch in der Wissenschaft Elemente der Profilierung hinzu. Irgendein wissenschaftliches Institut hat wieder etwas Neues und will dies sofort einführen. Das ergibt dieses Durcheinander. Dabei liegen die Kernprobleme woanders.

Wo liegen die Kernprobleme?

Dubs: Man unterscheidet zu wenig zwischen innerer und äusserer Schulreform. Wir wissen seit langem, dass die organisatorischen Schulreformen nicht jene Wirkungen haben, die man erwartet. Deshalb sollte man die Kräfte auf die innere Reform richten, inhaltliche Anpassung des Stoffs an die heutige Zeit und – das allerwichtigste – eine gute Ausbildung für und Anerkennung der Lehrkräfte. Gute Lehrkräfte ersetzen jede Schulreform.

Hat dieser Reformdruck nicht auch damit zu tun, dass es von überall her heisst: früher, schneller, besser? Und Menschen den Anspruch haben, wegen dieser Forderung bei der Ausbildung ihrer Kinder verstärkt mitreden zu können?

Dubs: Im weitesten Sinn ja. Alle Eltern möchten, dass es ihre Kinder weit bringen. Viele schliessen daraus, man müsse möglichst früh Druck aufsetzen, und übersehen, dass wir nicht alles über Reformen so organisieren können, dass alle beliebig aufsteigen können innerhalb des Systems. Differenzen wird es immer geben.

Was braucht eine gute Ausbildung?

Dubs: Die Forschung zeigt immer mehr, dass die Qualität der Bildung letztlich von der Qualität der Lehrkräfte und ihrer Identifikation mit der Schule abhängt. Das Gescheiteste wäre, wenn wir das Ansehen des Lehrerstands heben, seine sozialen Bedingungen verbessern, aber auch die Kraft haben, wenn jene Minderheit von Lehrkräften, die ihren Auftrag nicht besonders ernst nehmen, entweder besser zu kontrollieren oder zu entlassen.

Die Basisstufe fordert die Lehrkräfte noch mehr. Teamteaching, Unterricht von Kindern unterschiedlicher Stufen. Ist das ein Schritt zu viel? Auch Lehrer klagen laut über Reformdruck.

Dubs: Man soll Versuche mit der Basisstufe machen. Ob sie wirklich die Lage verbessert, ist für mich völlig offen. Wenn Lehrkräfte nicht gut in den Basisstufenunterricht eingeführt werden, wird das nur eine weitere neue Hülle mit altem Inhalt sein.

Woher kommt diese oft zu beobachtende Dynamik, dass aus einer Idee mit Inhalt eine reine Formsache wird?

Dubs: Weil man mit seriöser inhaltlicher Lehr- und Lerntätigkeit kurzfristig nicht zeigen kann, was man macht. Hingegen sind neue organisatorische Pläne gut sichtbar. Später zeigt sich oft, dass organisatorische Reformen bei weitem nicht das bringen, was man inhaltlich erhoffte.

Wenn Sie an HarmoS denken, an Basisstufe, Frühförderkonzepte, freie Schulwahl – wie wird sich die Schule entwickeln?

Dubs: Wir werden zunehmend mehr Unruhe bekommen. Wir werden vielleicht noch vermehrt gute Lehrkräfte verlieren, welche in der Seriosität ihrer Arbeit ob der Überfülle von Neuem Schwierigkeiten bekommen. Man müsste ein längerfristig gültiges Gesamtkonzept haben. In dem Sinne bin ich für HarmoS. Aber es sind grundlegende Fragen noch nicht einmal wissenschaftlich geklärt, beispielsweise die Fragen zu den Bildungsstandards.

Woher kommt die Schwierigkeit, Bildung in Standards zu fassen?

Dubs: Weil man zu früh sich auf Lerntechniken fixiert und sich nicht grundsätzlich vor jeder Schulreform die bildungsphilosophische Frage stellt: Was wollen wir mit unserer Schule? Welche Schule wollen wir für unsere Kinder? Je weniger wir uns mit diesen Fragen auseinandersetzen, desto mehr verfangen wir uns in Techniken. Die mögen teilweise gut sein; aber alles bleibt Stückwerk.

Interview: Karin Fagetti

Rolf Dubs ist emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik der Universität St. Gallen.


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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

Dieser Beitrag wurde am 10.06.2008 um 15.32 Uhr eingetragen.
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"Ihr Unterricht ist ein Hammer"
Was ist das für eine Frau, die Schüler für eine der besten Lehrerinnen in Deutschland halten? Ein Portrait
Von Kirsten Niemann

Schon als Siebenjährige hat sie gerne Schule gespielt, natürlich war sie immer die Lehrerin. So hat sie ihrer kleineren Schwester das Lesen und Schreiben beigebracht. "Ich kann gar nichts anderes", sagt Sabine Schirm, "wenn ich mal von meinem Beruf die Nase voll hätte, wüsste ich gar nicht, was ich tun sollte."

Doch davon, dass sie ihren Job nicht mehr gerne machen wollte, kann keine Rede sein. Heute wie damals geht sie gerne zur Schule. Erst im vergangenen Jahr hat die 41-Jährige Studienrätin für Deutsch und Englisch als eine von fünf Berliner Lehrkräften den bundesweit ausgeschriebenen Ersten Deutschen Lehrerpreis "Pisagoras" gewonnen. Initiiert wurde diese Auszeichnung unter der Schirmherrschaft der Bundesministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan (CDU).

Vorgeschlagen und gewählt wurde die Frau Schirm von ihren Schülern, die ihren Unterricht "stark" und "einen Hammer" finden. Die Lehrerin winkt ab, der Rummel um den Preis ist ihr fast peinlich. "Ich mache halt meine Arbeit, wie so viele Lehrerkollegen, die sich hier jeden Tag anstrengen", sagt sie. "Andererseits finde ich es natürlich gut, wenn aus der Schule mal positive Geschichten kommen."

Sabine Schirm ist souverän, unprätentiös und auf eine angenehme Art uneitel. Sie ist gut drauf. Verwaschene Jeans, eine dunkelblaue Windjacke lässig übers beigefarbene Jackett geworfen - so steht sie vor der Tafel in diesem altehrwürdigen Schulgebäude aus dem Jahr 1908. Ein dunkelblonder Pagenkopf, aus dem lustige, braune Augen schauen. Und wenn sie über englische Literatur spricht, über die Geschichten von Jane Austen, Mark Haddon oder Meg Rosoff, dann redet sie immer schneller, beginnt zu berlinern und ihre Augen strahlen.

Wer selbst Spaß und Interesse am Unterrichtsstoff hat, der kann ihn auch gut vermitteln. Derzeit verfolgt sie mit ihren Schülern die aktuellen Meldungen um die amerikanischen Wahlen. Dass die Amerikaner nun die Wahl zwischen einer weißen Frau, einem Schwarzen und einem Mann im besten Pensionsalter als Präsidentschaftskandidaten haben, das amüsiert die Lehrerin.

"Sprache ist nicht nur Vokabellernen und Grammatik, sie ist eine Kultur", sagt die Lehrerin dann immer gerne. Wer sie verstehen will, der muss sich mit Land und Leuten auseinander setzen.

Genau das war für sie damals, als sie ihre ersten Worte auf Englisch lernte, nicht so leicht wie für die Schüler heute. Schüleraustausch, Sprachlabor, Filme im Original mit englischen Untertiteln - all das gab es für Sabine Schirm nicht, die in Berlin Köpenick die Oberschule besuchte. Ihre erste Fremdsprache war, wie üblich, Russisch. Doch als sie später ein Foto der Tower Bridge in London sah, wusste sie, dass sie als zweite Fremdsprache Englisch wählen würde. "Wer so schöne Brücken baut, der spricht sicher auch eine schöne Sprache", vermutete sie damals.

Erst viel später besuchte sie das Grab von Karl Marx auf dem Highgate Cemetary in London. Den Unterricht zu DDR-Zeiten sieht sie heute als solide, auch wenn sie die Themen schon damals "ein wenig eigenartig" fand: "Preparing for Demonstration" - hieß ein Kapitel, in dem die Schüler damals auch Banner beschreiben mussten.

Sabine Schirm ist keineswegs deswegen bei den Schülern beliebt, weil sie keine Ansprüche stellen würde. Sie selbst empfindet sich sogar eher als streng: "Die Schüler müssen merken, wo ihre Pflichten sind." "Vergessene" Hausaufgaben dürfen noch am Nachmittag per E-Mail geschickt werden. Doch für Schüler, die ohne Ambition durchs Leben schlurfen, hat sie kein Verständnis. "Ein Gymnasium ist kein Hort der Heiligen", sagt sie. "Furchtlosigkeit" zählt sie zu den Eigenschaften, die ein Lehrer unbedingt mitbringen sollte. Bei Streit auf dem Schulhof greift sie schon mal ein.

Die Frau hat Humor, das schätzen auch die Kids in ihren Kursen. Manchmal, wenn sie einen Schüler korrigiert, dann zeigt sie nur drei Finger. Der ahnt es schon: He, she, it - das "s" muss mit. Aber nobody is perfect: Mit der Bestimmung vom Versmaß stehe sie selbst nicht auf vertrautem Fuß, sagt sie. Und als ihr damals die Änderungen der neuen deutschen Rechtschreibung nicht so recht einleuchten wollten, hat sie das Problem mit den Schülern gemeinsam bewältigt. "Ein Lehrer muss authentisch bleiben. Und dazu gehört auch, zu seinen Defiziten zu stehen und damit umgehen zu können." Und wenn sie manchmal Klausuren korrigiert und immer wieder dieselben Fehler findet, oder lahm geschriebene Geschichten lesen muss, dann hält sie es wie dieses Volk auf der Insel, das sie so mag: Sie atmet tief durch, regt sich nicht auf - sondern kocht erst einmal eine Tasse Tee.

Sabine Schirm schätzt die größere Vielfalt die Lehramtstudenten heutzutage mitbekommen, den aktuellen didaktischen Hintergrund, den sie während ihrer Ausbildung zur DDR-Zeit nicht hatte. "Ich lerne immer etwas von meinen Referendaren", weiß sie. Und doch hat die Englischlehrerin des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums vielen westdeutschen Kollegen ihrer Generation einen entscheidenden Schritt voraus: Nach nur zwölf Schuljahren und einem zügig durchgezogenen Studium an der Berliner Humboldt-Universität kam die Berufspraxis sehr schnell. Bereits mit 23 Jahren stand Sabine Schirm vor ihrer eigenen Klasse. Heute sind die Referendare, die an ihren Leistungskursen das Unterrichten üben, oft schon Ende zwanzig bis Anfang dreißig. "Wer Lehrer werden will, der muss schnell in die Praxis", sagt Schirm. Alleine schon um festzustellen, ob man es überhaupt kann. "Ob man nach zwei Jahren das Studium aufgibt, oder erst nach fünf - das ist wertvolle Lebenszeit."


(Die Welt, 7. Juni 2008)
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Jan-Martin Wagner
Halle (Saale)

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Hessen schafft Studiengebühren wieder ab
Frage, ob Gebühren mit Landesverfasung vereinbar sind, wird noch entschieden

WIESBADEN. Die linke Mehrheit im Hessischen Landtag hat die erst vor eineinhalb Jahren eingeführten Studiengebühren von 500 Euro pro Semester wieder abgeschafft. SPD, Grüne und Linke verabschiedeten am Dienstagabend in Wiesbaden einen entsprechenden Gesetzentwurf von SPD und Grünen.

CDU und FDP machten sich auch in der letzten Lesung vergebens für die Gebühren stark, die von der früheren CDU-Regierung gegen heftige Proteste vor allem der Studenten durchgesetzt worden waren.

Im gleichen Zuge wurde auch der Wegfall der Gebühren für Langzeitstudenten beschlossen, die bei einer deutlichen Überschreitung der Regelstudienzeit fällig wurden. Die drei linken Fraktionen setzten mit ihrem ersten großen gemeinsamen Gesetzgebungsprojekt ein zentrales Wahlkampfversprechen um. Hessen ist das erste Bundesland, das die Studiengebühren wieder abschafft.

Die Zeit sei reif, einen Irrweg zu beenden, sagte der Darmstädter SPD-Abgeordnete Michael Siebel. Studiengebühren schreckten vor allem junge Menschen aus sozial schwachen Familien vom Studium ab. Das Ende der Gebühren stelle die Chancengleichheit beim Hochschulbesuch wieder her.

Seine Fraktionschefin Andrea Ypsilanti betonte, die Hochschulen müssten auf kein Geld verzichten. Das Gesetz legt fest, dass sie die mit dem Wegfall der Gebühren verbundenen Einnahmeausfälle von rund 92 Millionen Euro im Jahr aus dem Landeshaushalt ersetzt bekommen.

Grünen-Fraktionschef Tarek Al-Wazir wertetet das Gesetz als Beleg dafür, dass sich im Landtag ohne Regierungsmehrheit und mit einer geschäftsführenden CDU-Regierung durchaus fortschrittliche Politik gestalten ließe – „wenn auch unter erschwerten Bedingungen“.

Janine Wissler von der Linken betonte, den Studenten werde ein „zentrales bildungspolitisches Grundrecht zurückgegeben“, nämlich das Recht auf ein kostenfreies Studium. Ein Gesetzentwurf der FDP, der den Hochschulen die Entscheidung über Gebühren freistellen wollte, fand nur die Zustimmung von CDU und FDP.

Redner von SPD, Grünen und der Linken bedankten sich bei der Landesregierung für die gute Zusammenarbeit beim Erarbeiten des Gesetzestextes. Wissenschaftsministerin Silke Lautenschläger (CDU) betonte, dennoch gebe es in der Sache keine Annäherung. „Wir teilen nach wie vor nicht die Meinung der Mehrheit des Landtages“, betonte sie.

Lautenschläger sowie Abgeordnete von CDU und FDP warnten vor negativen Folgen für die Hochschulen. Ohne Studiengebühren würden sie von Studierenden aus anderen Bundesländern „überflutet“, hieß es.

Über die Grundsatzfrage, ob Studiengebühren mit der Landesverfassung vereinbar sind, wird der Staatsgerichtshof am 11. Juni entscheiden – unabhängig von der politischen Entscheidung im Landtag. SPD, Grüne sowie ein Bündnis aus Gewerkschaften und sozialen Initiativen hatten vor dem Gericht geklagt, weil sie die Gebühren für verfassungswidrig halten.


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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 25.04.2008 um 10.34 Uhr eingetragen.
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Pressemitteilung 13/ 2008
Düsseldorf, 22.04.2008

Ganztags-Offensive der Landesregierung sinnvoll
Städte- und Gemeindebund NRW unterstützt Investitionsprogramm zur Schaffung von Verpflegungsräumen an Schulen

„Das Vorhaben der NRW-Landesregierung, die Anzahl der Ganztagsrealschulen und Ganztagsgymnasien zu erhöhen, bedeutet eine Verbesserung des Schulsystems“, kommentierte Ernst Giesen, Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes NRW, heute in Düsseldorf die Ganztags-Offensive des Landes. Im Hinblick auf die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur und der zunehmenden Bedeutung des Ganztags seien dies richtige Ansätze.

Zu begrüßen sei insbesondere die Absicht der Landesregierung, ein umfangreiches Investitionsprogramm („1000-Schulen-Programm“) aufzulegen, mit dem Verpflegungsräume und Mensen in den Schulen der Sekundarstufe I geschaffen werden können. „Damit entspricht die Landesregierung einer zentralen Forderung des Städte- und Gemeindebundes NRW“, so der Geschäftsführer des kommunalen Spitzenverbandes. Die meisten Städte und Gemeinden seien aus eigener Kraft nicht in der Lage, diese Investitionen aufzubringen.

„Für uns“ - so Giesen - „ist es allerdings besonders wichtig, dass alle Kommunen in NRW, also auch die Städte und Gemeinden in der Haushaltssicherung oder mit vorläufiger Haushaltsführung, an der Ganztags-Offensive teilnehmen können.“ Nur so lasse sich das Ziel der Landesregierung verwirklichen, den „Ganztag in die Fläche zu bringen“. Bei der Umsetzung des Landesprogramms müsse vor allem darauf geachtet werden, den Verwaltungsaufwand für die Schulen und die Schulträger möglichst gering zu halten.

Der Städte- und Gemeindebund NRW spreche sich für einen flexiblen Ausbau von Ganztagsschulen gerade in kreisangehörigen Kommunen aus. „Wenn mehrere Städte oder Gemeinden in einem Kreis Interesse am Ganztag haben, muss auch über die Beschränkung ‚zwei Schulen pro Kreis und Jahr’ hinaus ein zeitnaher bedarfsgerechter Ausbau möglich sein“, forderte Giesen.


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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 16.04.2008 um 11.48 Uhr eingetragen.
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Kann es sein, daß statt "SGB II-Empfänger" eigentlich "ALG II-Empfänger" gemeint sind – oder worauf bezieht sich hier "SGB II"? Oder ist es letztlich das gleiche?

(Nachtrag: Meine Vermutung, daß es letztlich das gleiche ist, trifft zu; siehe dazu z. B. hier.)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 16.04.2008 um 11.42 Uhr eingetragen.
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Pressemitteilung 10/ 2008
Düsseldorf, 10.04.2008

Eigenanteil der Eltern für Schulbücher beibehalten

Ziel: Kostenlose Lernmittel für Kinder von SGB II-Empfängern - gemeinsame Pressemitteilung von StGB NRW, DST NRW und LKT NRW

Nach Auffassung der kommunalen Spitzenverbände in Nordrhein-Westfalen soll die derzeitige Eigenanteilsregelung für Schulbücher verlängert werden, um dadurch alle SGB II-Empfänger von Zuzahlungen für Lernmittel zu befreien. „Durch kostenlose Schulbücher für bedürftige Kinder könnte ein wirksamer Beitrag zu mehr Chancengleichheit in der Bildung geleistet werden“, sagten der Geschäftsführer des Städtetages, Dr. Stephan Articus, und die Hauptgeschäftsführer von Landkreistag und Städte- und Gemeindebund, Dr. Martin Klein und Dr. Bernd Jürgen Schneider.

Um diese Maßnahme finanziell zu ermöglichen, sollte die derzeitige Eigenanteilsregelung für Schulbücher verlängert werden. Die Verbände appellieren an das Land, diesen Vorschlag aufzugreifen und baldmöglichst eine entsprechende Gesetzesinitiative auf den Weg zu bringen. Die Eigenanteilsregelung, nach der Eltern seit fünf Jahren 49 Prozent der Schulbuchkosten tragen, läuft Ende des Schuljahres aus. Ab dem nächsten Schuljahr würde der Eigenanteil auf 33 Prozent sinken.

Die Beibehaltung der Eigenanteilsregelung hätte für die Eltern gegenüber dem derzeitigen Status quo keine zusätzlichen Kosten zur Folge. Vielmehr würde auf eine Entlastung von 6 bis 12 Euro pro Schuljahr in allgemeinbildenden Schulen verzichtet. „Wir halten den Verzicht auf die ohnehin geringe Entlastung finanziell besser gestellter Eltern zugunsten der Freistellung Bedürftiger von den Schulbuchkosten für angemessen und sozial vertretbar“, sagten die Geschäftsführer.

Nach derzeitigem Recht erhalten nur die Sozialhilfeempfänger nach dem SGB XII die Schulbücher kostenlos. SGB II-Empfänger müssen wie alle anderen den Eigenanteil für Schulbücher grundsätzlich selbst zahlen. Aus Gründen der Gleichbehandlung plädieren die kommunalen Spitzenverbände für eine Einbeziehung aller Kinder von SGB II-Empfängern sowie Asylbewerbern in die Befreiungsregelung. „Die Freistellung des genannten Personenkreises steht allerdings unter der Bedingung, dass der Eigenanteil der Eltern von derzeit 49 Prozent nicht automatisch abgesenkt wird“, stellten Articus, Klein und Schneider klar.


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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 02.04.2008 um 15.23 Uhr eingetragen.
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KMK-Pressemitteilung
Bonn, 16.01.2008

Annegret Kramp-Karrenbauer neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz - Frühkindliche und berufliche Bildung Schwerpunktthemen der kommenden drei Präsidentschaftsjahre

Am heutigen Mittwoch übernahm bei einer Festveranstaltung im Bundesrat in Berlin Annegret Kramp-Karrenbauer die Präsidentschaft der Kultusministerkonferenz 2008. Die saarländische Ministerin für Bildung, Familie, Frauen und Kultur folgt auf den Berliner Bildungssenator Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner. „Ich danke dem Kollegen Zöllner ganz herzlich für seine Arbeit im vergangenen Jahr an der Spitze der Kultusministerkonferenz“, erklärte Kramp-Karrenbauer. Sie werde den eingeschlagenen Reformkurs zur Qualitätsentwicklung im Bildungsbereich nachhaltig unterstützen und die Diskussionen um die Themen wie PISA, IGLU oder die zentralen Bildungsstandards konsequent weiterführen.

Als Schwerpunkte ihrer Präsidentschaft nannte Kramp-Karrenbauer die frühkindliche und berufliche Bildung. „Hier wird das Saarland in enger Abstimmung mit den beiden folgenden Kultusministerkonferenz-Vorsitzländern Mecklenburg-Vorpommern und Bayern von 2008-2010 mit einer gemeinsamen Strategie langfristige und nachhaltige Akzente anstoßen. Denn gute Bildungspolitik erfordert einen langen Atem und Konzepte über jährliche Präsidentschaften hinaus“, so die Präsidentin. Die Föderalismusreform habe die Verantwortlichkeiten im Bildungsbereich klar definiert, die Kultusministerkonferenz müsse in ihren Entscheidungen die erforderliche Balance zwischen den wettbewerblich bestimmten eigenen Lösungen der Länder und ihrer gesamtstaatlichen Verantwortung übernehmen. „Alle Bildungsbereiche stehen unter dem Anspruch der Qualitätsentwicklung und sind durchdrungen vom gemeinsamen Bemühen um mehr Bildungsgerechtigkeit, Durchlässigkeit und Integration in Schule und Hochschule“, sagte Kramp-Karrenbauer.

Für den Bereich der frühkindlichen Bildung kündigte die Präsidentin eine enge Zusammenarbeit mit den anderen betroffenen Fachkonferenzen an. „Ich werde mich dafür einsetzen, die Zusammenarbeit zwischen der Familien-, Jugend- und Bildungspolitik weiter zu intensivieren“, erklärte Kramp-Karrenbauer. Gerade unter dem Gesichtspunkt der Bildungsgerechtigkeit soll jedes Kind in Kindertagesstätten und Schule optimal gefördert werden. „Das Beherrschen der deutschen Sprache, die Lernmotivation und die Konzentrationsfähigkeit sind dabei von zentraler Bedeutung“, betonte die Präsidentin. „Eine moderne Bildungsgesellschaft kann es nicht akzeptieren, dass soziale Benachteiligung von Generation zu Generation übernommen wird. Dort, wo Eltern die notwendige Unterstützung und Förderung ihrer Kinder nicht leisten können, müssen wir deshalb ganz gezielt dafür sorgen, dass auch diese Schülerinnen und Schüler die Schule erfolgreich abschließen“, forderte Kramp-Karrenbauer. Eine verstärkte Kooperation zwischen Kindergarten/ Kindertagesstätte mit der Grundschule, ein zumindest letztes beitragsfreies Kindergartenjahr, vermehrte Ganztagsangebote und individuelle Förderangebote bezeichnete die Präsidentin als einige der geeigneten Instrumente auf diesem Weg.

Als ein zweites Schwerpunktthema nannte die Präsidentin die berufliche Bildung. „Wir haben in den Vollzeitberufsschulen mittlerweile so umfassende Möglichkeiten, allgemeine Schulabschlüsse zu erreichen, dass das gemeinsam mit der Frage der Durchlässigkeit ein ganz wichtiger Punkt bei der Bildungsgerechtigkeit ist“, so Kramp-Karrenbauer. „Das Schulsystem muss den Wechsel von einem Bildungsweg zum anderen erlauben, eine Berufsausbildung darf nicht zu einer Sackgasse werden. Im Rahmen einer Berufsausbildung muss vielmehr auch die Möglichkeit gegeben sein, einen allgemeinen Abschluss erreichen zu können, der den Weg in ein Studium öffnet. Diese Möglichkeiten müssen wir noch deutlicher im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankern“, so die Präsidentin.

Gelegenheit dazu wird der zweite Nationale Bildungsbericht geben, der im Sommer 2008 vorgestellt wird, und sich mit den Übergängen von der Schule in die Berufsbildung, die Hochschulbildung und den Arbeitsmarkt befassen wird.

Präsident 2007 zieht Bilanz

Der Berliner Bildungssenator Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner zog eine insgesamt positive Bilanz des Präsidentschaftsjahres 2007. Zufrieden zeigte sich Senator Zöllner auch darüber, dass die von ihm angestoßenen Themen, wie „Integration als Chance“ und „Qualitätsoffensive exzellente Lehre“, aufgegriffen wurden. So hat die Kultusministerkonferenz mit den großen Migrantenverbänden eine gemeinsame Erklärung zur Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund insbesondere durch eine Intensivierung der Elternarbeit beschlossen. „Mehr Chancengerechtigkeit zu erreichen, ist und bleibt die große Herausforderung für unser Bildungssystem. Wir dürfen keine Begabungspotenziale verschenken. Die Förderung und Unterstützung der Schülerinnen und Schüler durch ihre Eltern spielt dabei eine zentrale Rolle. Die gemeinsame Erklärung von Kultusministerkonferenz und Migrantenverbänden ist eine ausgezeichnete Grundlage, die Eltern mit Migrationshintergrund noch stärker in den Bildungsprozess ihrer Kinder einzubinden.“

Gemeinsam mit dem Stifterverband für die deutsche Wissenschaft bereitet die Kultusministerkonferenz derzeit das Konzept für eine „Qualitätsoffensive exzellente Lehre“ vor. „Wir wollen damit den Stellenwert der Lehre hervorheben und zugleich die Attraktivität deutscher Hochschulen auch im internationalen Wettbewerb stärken“, so Senator Zöllner. Die gemeinsame Initiative soll im ersten Halbjahr 2008 präsentiert werden.

Im Schulbereich wurde die Einführung von Bildungsstandards für die Allgemeine Hochschulreife beschlossen. Bildungsstandards sind zunächst in den Fächern Deutsch, Mathematik und erste Fremdsprache (Englisch/Französisch) geplant, ferner für die naturwissenschaftlichen Fächer (Biologie, Chemie, Physik). Sie sollen bereits für die Schülerinnen und Schüler eingeführt werden, die zum Schuljahr 2010/2011 in die Qualifikationsphase eintreten. Zudem hat sich die Kultusministerkonferenz auf einen Handlungsrahmen zur Verringerung, möglichst Halbierung der Zahl der Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss verständigt. Der Handlungsrahmen enthält konkrete Maßnahmen, wie dieses Ziel erreicht werden soll.

In der Hochschulpolitik wurde mit der Einführung der Systemakkreditierung das bewährte Verfahren der Qualitätsüberprüfung einzelner Bachelor- und Masterstudiengänge ergänzt. Mit der Systemakkreditierung können Hochschulen ab diesem Jahr das Qualitätssicherungssystem von Studium und Lehre der gesamten Hochschule überprüfen lassen und damit den Verfahrensaufwand erheblich reduzieren.

Zudem wurde die Umstellung der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen in eine Serviceeinrichtung beschlossen. In der Reform der Lehrerausbildung haben sich die Länder auf die gegenseitige Anerkennung der Bachelor- und Masterabschlüsse verständigen können.
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Oliver Höher
Braunschweig

Dieser Beitrag wurde am 01.04.2008 um 18.26 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#3099


Zu 41#3095:

Lieber Herr Wagner,

allzu hart bin ich mit Herrn Kraus nicht ins Gericht gegangen. Im Gegenteil, seine wahre Aussage habe ich sogar an den Anfang gestellt. Auch ist mir sein Name durchaus vertraut (besonders sympathisch ist er mir hier).

Aber wie Frau Pfeiffer-Stolz und Herr Eversberg schon mehrfach erwähnten, nur im beständigen Erinnern und Mahnen liegt die Chance für einen möglichen Erfolg in der Zukunft. Sonst verkümmern gute Absichten schnell zum kleinen Fäustchen. In diesem Zusammenhang steht auch mein Hinweis auf Cato, womit ich natürlich (Vorsicht ist bei mir momentan die Mutter der Porzellankiste) die Zerstörung Karthagos nicht rechtfertigen will.

Noch etwas zu 41#3096:

Abgesehen davon, daß Frau Pfeiffer-Stolz (vgl. hier) wohl wieder mal recht hat, fallen mir orthographische Diskrepanzen wie "demographisch" neben "voran zu kommen" und "sicher zu stellen" auf. Außerdem weist die Abkürzung "sog." ja wohl auf "sogenannt" und nicht "so genannt" hin. Da hat man bei der Reform anscheinend etwas übersehen (das wurde hier aber schon mal diskutiert).

Besonders faszinierend finde ich freilich diesen Abschnitt:

– Ausbau von Instrumenten der Sprachstandsfeststellung und der vorschulischen Sprachförderung mit dem Ziel, ausreichende Sprachkenntnisse bei jedem Kind vor Schulbeginn sicher zu stellen

Wie soll das wohl gehen? Kommt dann statt der Avonberaterin demnächst ein Herr oder eine Dame vom Kultusministerium zu allen Eltern von drei- bis vierjährigen Kindern, um "ausreichende Sprachkenntnisse bei jedem Kind [...] sich zu stellen"? Und was genau sind "Instrumente der Sprachstandsfeststellung und der vorschulischen Sprachförderung"? Klingt fast wie der Text von Frau Güthert. Scheinbar sind diese mir unbekannten Instrumente ja auch schon vorhanden, denn sie müssen nur ausgebaut werden. Früher gehörte es zu den Aufgaben der Schule, den Kindern auch das Lesen beizubringen. Freilich konnten viele Kinder auch schon vorher lesen. Jetzt ist es das Ziel, "ausreichende Sprachkenntnisse bei jedem Kind vor Schulbeginn sicher zu stellen". Lesen gehört doch zu den Sprachkenntnissen. Soll das jetzt aus der Schule ausgelagert werden? "Outsourcing" ist der schicke Fachausdruck dafür. Dann muß von den Kultusministerien nur noch sichergestellt werden, daß die ausreichenden Sparchkenntnisse bei jedem Kind nur auf der Basis von Reformschrieb erreicht wurden. Kommen also nach den Säuberungen der Schulbüchereien bald die Säuberungen der elterlichen Buchbestände?
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 01.04.2008 um 17.29 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#3096


KMK-Pressemitteilung
Bonn, 06.03.2008

Gemeinsame Presseerklärung von BMBF und KMK
„Qualifizierungsinitiative für Deutschland“

(Berlin, 06.03.2008) Die Kultusministerkonferenz und das Bundesministerium für Bildung und Forschung haben am 6. März 2008 in Berlin für die „Qualifizierungsinitiative für Deutschland“ Schwerpunkte gemeinsamer Verantwortung festgelegt. Die Qualifizierungsinitiative hatten die Regierungschefs von Bund und Ländern im Dezember 2007 auf den Weg gebracht. Die Einzelheiten des Papiers stellten die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Annette Schavan, und die saarländische Ministerin für Bildung, Familie, Frauen und Kultur, Annegret Kramp-Karrenbauer, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, heute vor:

Aufstieg durch Bildung - Qualifizierungsinitiative für Deutschland

Die Qualität von Bildung und Ausbildung ist die Basis der persönlichen Lebenschancen jedes Einzelnen, der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit unseres Landes und des sozialen Zusammenhaltes der Gesellschaft. Die jüngsten internationalen Vergleichsstudien belegen die Qualität unseres Bildungssystems ebenso wie die Leistungen, die unser Land beim Einstieg junger Menschen in ein eigenverantwortliches Leben, beim Qualifikationsniveau der Arbeitnehmer oder bei wissenschaftlichen und technischen Innovationen verzeichnet.

Bund und Länder werden deshalb in ihren jeweiligen Verantwortungsbereichen den eingeschlagenen Weg zum Ausbau von frühkindlicher Betreuung und Bildung, gemeinsamen Bildungsstandards und vergleichbaren Abschlüssen, zu nationalen und internationalen Leistungsvergleichen, zu mehr individueller Förderung, besserer Unterrichtsqualität und mehr Eigenverantwortung der Bildungseinrichtungen sowie der strukturellen Weiterentwicklung der beruflichen Bildung fortsetzen. Die Umsetzung dieser Bildungsreformen muss daran orientiert sein, den Lehrenden und Lernenden bestmögliche Bedingungen zu geben.

Die Bildungsvergleiche zeigen gleichzeitig, dass in Deutschland erhebliche zusätzliche Anstrengungen erforderlich sind, um alle Begabungen zur Entfaltung zu bringen und Aufstiegschancen für jeden zu eröffnen. Die Zeit drängt. Die demographische Entwicklung, der wachsende Fachkräftebedarf und die Notwendigkeit von mehr Integration und Durchlässigkeit erfordern rasche Weichenstellungen. Bund und Länder haben dafür unterschiedliche Zuständigkeiten, aber eine gemeinsame Verantwortung. Das gilt insbesondere für die Übergänge innerhalb des Bildungssystems und zum Arbeitsmarkt.

Die gewachsene Aufmerksamkeit für die Bildungspolitik ist Aufforderung und Chance zugleich, in diesen Bereichen jetzt einen großen Schritt voran zu kommen.

Deshalb haben die Bundeskanzlerin und die Regierungschefs der Länder die für Bildung und Wissenschaft zuständigen Fachministerinnen und –minister des Bundes und der Länder beauftragt, in Abstimmung mit den jeweiligen betroffenen Fachressorts bis zum Herbst diesen Jahres die Initiativen von Bund und Ländern zur Sicherung des Fachkräftenachwuchses in einer „Qualifizierungsinitiative für Deutschland“ zu bündeln. Das Ergebnis soll Gegenstand eines Treffens der Regierungschefs im Herbst werden.

Die Kultusminister der Länder und die Bundesbildungsministerin beauftragen eine Arbeitsgruppe auf Amtschefsebene, in folgenden Schwerpunkten konkrete Vereinbarungen zwischen den Ländern bzw. zwischen Bund und Ländern vorzubereiten:

1. Ein guter Schulstart für jedes Kind

– Ausbau von Instrumenten der Sprachstandsfeststellung und der vorschulischen Sprachförderung mit dem Ziel, ausreichende Sprachkenntnisse bei jedem Kind vor Schulbeginn sicher zu stellen
– Unterstützung von Modellen für eine bessere Verknüpfung von frühkindlicher Bildung und Betreuung
– Initiative zur intensiveren, bundesweiten/flächendeckenden Fortbildung und Qualifizierung von Erzieherinnen, Erziehern und Tageseltern
– Aus- und Weiterbildung im Bereich Krippenpädagogik sowie Multiplikatorenausbildung zur nachhaltigen Verankerung von Bildungsplänen in Kindergärten
– Verbesserung des Übergangs vom Kindergarten in die Grundschule

2. Abschluss und Anschluss für jeden jungen Menschen

– Deutliche Reduzierung der Zahl der Schulabbrecher, u.a. durch die stärkere Verknüpfung von Schule und Praxis, wenn möglich durch Halbierung der Schulabbrecherzahlen
– Gezielter Ausbau des Förderunterrichts für junge Menschen, die in ihren schulischen Leistungen den Anschluss an das erforderliche Kompetenzniveau nicht finden
– Verbesserung des Übergangs in die Berufsausbildung (z.B. durch den Einsatz von Ausbildungsmentoren, durch zusätzliche Ausbildungsplätze für förderungsbedürftige Bewerber und durch bessere Anbindung berufsvorbereitender Maßnahmen an Ausbildungsinhalte)

3. Mehr Aufstiegschancen und Durchlässigkeit

– Förderung von Migrantinnen und Migranten zur Verbesserung ihrer Ausbildungschancen und Studierfähigkeit
– Stärkere inhaltliche Verzahnung von Berufsvorbereitung, Berufsausbildung und beruflicher Nachqualifizierung (Sicherung der Konsistenz in der Berufsbildung) durch Einsatz standardisierter und verbindlicher Qualifizierungsbausteine
– Stärkung der Anschlussmöglichkeiten im Bereich des beruflichen Bildungssystems durch eine Verbreiterung der Angebote zum Erwerb von Studienberechtigungen und Sicherung der Gleichwertigkeit von Abschlüssen der beruflichen Bildung im internationalen Bereich.
– Fortentwicklung des sog. Meister-BaföG, u.a. durch Einbeziehung von Berufsgruppen wie den Pflegeberufen
– Verbesserung des Hochschulzugangs für beruflich Qualifizierte durch konkrete länderübergreifende Verabredungen
– Ausbau des Stipendiensystems, z.B. durch die Einrichtung von Aufstiegsstipendien für Studienbewerber mit beruflicher Hochschulzulassung

4. Sicherung des Fachkräftenachwuchses

– Maßnahmen zur Stärkung des Interesses an MINT im frühkindlichen Bereich, im Schulunterricht und in der Berufsorientierung
– Steigerung der MINT-Kompetenz in der beruflichen Erstausbildung zur Verbesserung der Übergänge in die Weiterqualifizierung an Fachschulen und Hochschulen; entsprechende Fortentwicklung des Fachschulangebotes
– Steigerung der Studienanfänger- und der Absolventenzahlen, insbesondere in den mathematischen, natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern (MINT) und an Fachhochschulen (Hochschulpakt II/Bologna-Reformen)
– Vereinbarung zur Umgestaltung der bisherigen ZVS zu einer Serviceagentur für Hochschulzulassung
– Bund-Länder-Initiative für den Ausbau von Weiterbildungsangeboten an Hochschulen, u.a. einer gezielten Weiterbildungsinitiative für arbeitslose Ingenieure.


http://www.kmk.org/aktuell/pm080306.htm
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 01.04.2008 um 17.14 Uhr eingetragen.
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Josef Kraus hat (soweit ich weiß), soweit er konnte, sehr viel getan (auch seine direkten Einflußmöglichkeiten sind begrenzt); schauen Sie doch mal, was Sie auf diesen (und anderen Seiten) von ihm zum Thema Rs.-Ref. finden!
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Oliver Höher
Braunschweig

Dieser Beitrag wurde am 01.04.2008 um 17.04 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#3094


Zum Beispiel die Rechtschreibreform. Sie wurde konstruiert nach dem Kriterium : Wie fällt es den Kindern leicht? Sie wurde nicht an sprachwissenschaftlichen Kriterien orientiert und auch nicht an Lesbarkeit. Was kommt dann heraus? Etwas, das die Systematik von Sprache kaputtmacht, die Semantik einschränkt. Bei den Kindern entsteht dadurch die Vorstellung, Rechtschreibung sei etwas Beliebiges.

Wie wahr, wie wahr. Aber warum unternimmt der gute Mann nichts dagegen? Gerade er ist doch in einer Position, in der er leicht Untersuchungen zu diesem Thema anstellen könnte. Damit lassen sich Kultusbehörden in ihrer Ignoranz zwar nicht beeinflussen, aber sie müssen zumindest erkennen, daß die Lemminge, die ihnen folgen (müssen), nicht blind sind.

Vielleicht ist das nun ein etwas abgedroschener Vergleich: Auch Cato der Ältere soll jede seiner öffentlichen Reden mit dem – in der Forschung freilich umstrittenen – Diktum ceterum censeo Carthaginem esse delendam beschlossen haben. Auch nervtötende Wiederholungen prägen sich bekanntlich ein, schließlich wurde Karthago dann ja 146 v.u.Z. zerstört. Analog ist doch ein als Beamter muß ich der Rechtschreibreform folgen, auch wenn ich sie ablehne denkbar. Wie schnell würde das den Kultuspriestern wohl auf die Nerven fallen? Aber so bleibt es nur wieder mal beim geballten "Fäustchen in der Tasche".
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 01.04.2008 um 14.58 Uhr eingetragen.
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Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes im Volksstimme-Interview:
"Wir müssen den Schülern vermitteln, dass es des Fleißes und Schweißes bedarf"

Zwischen Spaßpädagogik und PISA-Wahn – so sieht der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, derzeit die Bildung in Deutschland. Auf Einladung der Kommunalpolitischen Vereinigung der CDU Sachsen-Anhalt referierte Kraus vergangenen Donnerstag in Magdeburg. Philipp Hoffmann sprach mit ihm.

Volksstimme: Herr Kraus, was verstehen Sie unter Spaßpädagogik?

Josef Kraus: Ich verstehe darunter eine Pädagogik, die meint, lernen und Schule gehe ohne Anstrengung. Die meint, man müsse den Kindern immer alles ganz ganz leicht machen, ihnen vorgaukeln, dass lernen immer locker von der Hand geht. Ich bin der Überzeugung, dass wir unseren Schülern in altersgerechter Ausprägung vermitteln müssen, dass es des Fleißes und des Schweißes bedarf, wenn man vorankommen will.

Volksstimme: Meinen Sie mit Spaßpädagogik auch reformpädagogische Ansätze?

Kraus: Nicht unbedingt. Es gibt schon eine anspruchsvolle Reformpädagogik, die auf Leistung setzt. Aber es gibt auch die, die meint, man brauche keine Noten, keine Lehrpläne, kein Auswendiglernen. Ich will aber Reformpädagogik nicht grundsätzlich verteufeln. Sie hat sicherlich manch gute Impulse auch für das öffentliche Schulsystem abgegeben.

Demgegenüber hat das, was ich Erleichterungspädagogik nenne, so manchen Irrweg hervorgebracht. Zum Beispiel die Rechtschreibreform. Sie wurde konstruiert nach dem Kriterium : Wie fällt es den Kindern leicht? Sie wurde nicht an sprachwissenschaftlichen Kriterien orientiert und auch nicht an Lesbarkeit. Was kommt dann heraus? Etwas, das die Systematik von Sprache kaputtmacht, die Semantik einschränkt. Bei den Kindern entsteht dadurch die Vorstellung, Rechtschreibung sei etwas Beliebiges.

Volksstimme: Sie grenzen sich von Spaßpädagogik ab, sagen aber zugleich, Kommandopädagogik – der Schulleiter gibt etwas vor und alle befolgen es – funktioniere heute auch nicht mehr.

Kraus: Die Kommandopädagogik ist ja nicht der Gegensatz zur Spaßpädagogik. Der Gegensatz ist eine Pädagogik, die altersgemäß das Leistungs- und Anstrengungsprinzip vermittelt. Kinder wollen sich bewähren, sich anstrengen, sich messen. Ich denke, die Mehrzahl der Schüler will keine Abschaffung von Noten und Zeugnissen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, und in der muss man natürlich auch den Kindern dieses Prinzip vermitteln. Wenn wir sie zu sehr in Watte packen, fallen sie mit 18 Jahren ins kalte Wasser.

Aber über Kommandopädagogik sind wir Gott sei Dank lange hinweg. Das war die Schule in Preußen, vielleicht auch noch ein bisschen die in der Nachkriegszeit, vielleicht auch ein bisschen die in der DDR.

Volksstimme: Müsste nicht auch das über 100 Jahre alte dreigliedrige Schulsystem einfach einmal überdacht werden? Ist zum Beispiel der Hauptschulzweig noch zeitgemäß?

Kraus: Ich betrachte diese Diskussion mit großer Sorge, weil sie hunderttausende Schüler, die ihren Weg über Hauptschule und Berufsausbildung gehen, diskriminiert. Wir dürfen nicht übersehen, dass die Bundesländer mit den besten Testund Wirtschaftsergebnissen die mit einem hohen Anteil von Hauptschülern sind, nämlich die beiden süddeutschen Länder.

Es gibt eine Schülerklientel von 15 bis 30 Prozent, der wir nicht gerecht werden, wenn wir sie in eine Realschule oder eine Gesamtschule stecken. Ich bin für eine moderne Hauptschule, die auch in punkto Ausstattung gegenüber allen anderen Schulformen bevorzugt behandelt wird. Sie hat schließlich die schwierigste Klientel: Kinder aus Migrantenfamilien und sozial schwachen Elternhäusern.

Volksstimme: Also im Schulsystem alles weiter wie bisher?

Kraus: Nein. Aber die Alternative zum gegliederten Schulwesen heißt für mich nicht Einheitsschule, sondern verbessertes gegliedertes Schulwesen. Die entscheidende Frage ist, wie man mehr Individualisierung hinbekommt. Gesamtoder Einheitsschule bedeutet weniger Individualisierung, weil Kinder vom schwachen Hauptschüler bis zum Spitzengymnasiasten im Grunde gleich behandelt werden.

Volksstimme: Wie stellen Sie sich eine höhere Individualisierung vor?

Kraus: Ich möchte zusätzliche Förderkurse sowohl für Schwächere als auch für Spitzenschüler. Mein Vorschlag ist, dass jede Schule einen Fördertopf von fünf Prozent der Lehrerstunden bekommt. Fünf Prozent, das ist gar nicht so teuer. Wir geben ja in Deutschland im internationalen Vergleich nicht viel Geld für Bildung aus.

Volksstimme: Wenn Sie für mehr Individualisierung eintreten, müssten Sie doch Verfechter der Ganztagsschule sein, die durch zeitliche Verteilung des Lernens Freiräume schafft.

Kraus: Sagen wir mal so: Ich sehe die Ganztagsschule mit einem skeptischen Realismus. Skeptisch deshalb, weil sie noch mehr Verstaatlichung von Erziehung bedeutet : Eltern können noch mehr eigene Erziehungsverantwortung wegschieben. Der realistische Blick ist aber, dass es vor allem in Ballungsgebieten mit schwierigen Familiensituationen eine Schülerpopulation gibt, die in der Ganztagsschule besser aufgehoben ist als in irgendeiner Jugend- und Streetgang.

Richtig ist auch, dass man mit der Ganztagsschule die Möglichkeit schafft, individuelle Förderung zu betreiben. Ein Schüler hat im Durchschnitt 30 bis 32 Stunden pro Woche. Die füllen den Vormittag komplett aus. Wenn ich Förderangebote machen will, dann muss ich sie auf den Nachmittag legen.

Volksstimme: Die durchschnittliche Wochenstundenzahl steigt durch die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre an. Sind 35 Stunden für einen Zwölfjährigen zumutbar?

Kraus: Wenn ich sehe, dass Zwölfjährige auf dem fl achen Land um 7 Uhr morgens aus dem Haus gehen und um 17 Uhr zurückkommen und dann vielleicht noch etwas arbeiten müssen, wenn sie also eine 50-Stunden-Woche haben – und damit mehr als ihre Eltern –, dann tut mir das schon weh. Dann ist eine Überforderung da. Kinder müssen auch ausspannen können, müssen auch Zeit haben für Sport und Musik und so weiter. Da bleibt ein bisschen was auf der Strecke.
 
Zu Recht denkt deshalb die Kultusministerkonferenz darüber nach, wie man durch Verkürzungen in den Stundentafeln für Entspannung sorgen kann. Wovon ich nichts halte, ist aber die derzeitige Debatte um Entrümpelung der Lehrpläne. Wir haben zum Teil bereits eine unglaubliche Verschlankung in den Lehrplänen gehabt. Es gibt Bundesländer, da pausieren in manchen Schuljahren ganze Fächer. Erst gibt es kein Geschichte, dann keine Biologie und im dritten Jahr keine Geografie. Da sage ich: Das ist doch kein Gerümpel! Wenn unsere Schüler kein geschichtliches oder geografisches Wissen haben, dann sind sie auch keine mündigen Bürger.

Volksstimme: Sie sind ein Kritiker der PISA-Studien und sprechen von einem PISA-Schwindel. Warum?

Kraus: Schwindel hat ja eine doppelte Bedeutung. Zum einen Flunkern, zum anderen benebelt sein. Beides trifft aus meiner Sicht auf PISA zu. Einerseits wird es maßlos missbraucht. Zum Beispiel wird immer behauptet, die Skandinavier hätten gut abgeschnitten. Das stimmt nicht. Die Finnen haben gut abgeschnitten, aber die Schweden, Dänen und Norweger liegen hinter uns.

Andererseits wird PISA in keinem anderen Land der Welt so hysterisch diskutiert wie bei uns. Das ist ein bisschen typisch deutsch. Man hat bis Mitte der 90er Jahre jede schulstatistische Leistungsuntersuchung bewusst verhindert, weil man die Wahrheit nicht wissen wollte. Jetzt schlägt es ins Gegenteil um, eine Testeritis ohnegleichen.

Was mich an PISA auch stört, ist, dass es nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Bildungsgeschehen misst, nämlich die Rechen-, Lese- und Naturwissenschaftskompetenz. Fremdsprachen sowie geografisches und geschichtliches Wissen bleiben außen vor. Deshalb trete ich im Moment mit dem Motto an: Macht endlich Bildung statt PISA!


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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 15.03.2008 um 19.35 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#3029


www.regioweb.de, 10.03.2008

„Woche des Lesens“ startet an Thüringer Schulen

Heute startet die sechste landesweite „Woche des Lesens“ an den Thüringer Schulen. Sie soll die Auseinandersetzung mit der Kulturtechnik „Lesen“ intensivieren und anregen. Alle Thüringer Schulen sind dabei aufgefordert, vom 10. bis 16. März 2008 eine spezielle „Woche des Lesens“ auch an ihrer Schule durchzuführen. Sie soll als Initialzündung für weitere und nachhaltige Aktivitäten zur Förderung der Lesekompetenz dienen.

Thüringens Kultusminister Prof. Dr. Jens Goebel (CDU) erklärt dazu: „Im Rahmen der Leseinitiative des Kultusministeriums ist die ‚Woche des Lesens‘ zu einer guten Tradition geworden. Vielfältige Veranstaltungen wie Lesewettbewerbe, Autorenlesungen oder Theateraufführungen sollen die Schülerinnen und Schüler an Literatur heranführen. Lesen bildet nicht nur, sondern es ist eine Kulturtechnik, deren Beherrschung entscheidend für das weitere Fortkommen in Schule und Beruf ist. Die ‚Woche des Lesens‘ soll daher die Lesebegeisterung richtig anfachen. Dass die Initiative erfolgreich ist, zeigen auch die hohen Anmeldezahlen der Gutscheinaktion zum Welttag des Buches. Bisher haben über 780 4. und 5. Klassen im Freistaat insgesamt 19.000 Büchergutscheine bestellt. Im Vergleich zum Vorjahr haben sich in der Klassenstufe 5 die Bestellungen verdoppelt.“

Der Zeitraum der ‚Woche des Lesens‘ sei auch in diesem Jahr bewusst so gewählt, um die vielfältigen Angebote der Leipziger Buchmesse (13. bis 16. März 2008) zu nutzen, so Minister Goebel weiter. Einerseits werde durch die Berichterstattung über die Buchmesse die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Buch und das Lesen gelenkt. Andererseits bestehe für Schulklassen die Möglichkeit, Themen der Messe im Unterricht zu behandeln oder im Rahmen einer Exkursion nach Leipzig an einigen der vielfältigen Veranstaltungen teilzunehmen.

Weitere Höhepunkte des Lesejahres 2008 sind die Erfurter Kinder-Universität „Rund um das Buch“ vom 8. bis 18. März 2008, der Welttag des Buches am 23. April 2008, die 11. Thüringer Literatur- und Autorentage vom 19. bis 22. Juni 2008 auf Burg Ranis, die Mitteldeutsche Lyriknacht im Herbst 2008 in Weimar, der bundesweite Vorlesetag am 23. November 2008 sowie das Thüringer Märchen- und Sagenfest im Herbst 2008. Zudem veranstaltet das Thüringer Kultusministerium in Kooperation mit der Stiftung Lesen zum Welttag des Buches am 23. April 2008 erneut die Schulaktion „Ich schenk dir eine Geschichte“. Darüber hinaus werden bewährte Lese- und Schreibwettbewerbe wie der Thüringer Buchlöwen, der Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb oder das Junge Literaturforum Hessen/Thüringen fortgeführt. Weitere Informationen sind im Internet unter www.thueringen.de/de/tkm/schule/informationen/aktuell/leseini/content.html zu finden.


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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 29.02.2008 um 22.26 Uhr eingetragen.
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Magdeburger Volksstimme, 29. Februar 2008

Schüler stellten bei der ersten Deutsch-Olympiade vor allem Fantasie unter Beweis
Wenn die Hechte plötzlich fechten
Von Philipp Hoffmann

Sekundarschüler aus Wittenberg und Gymnasiasten aus Halle sind gestern Sieger der ersten Deutsch-Olympiade in Sachsen-Anhalt geworden. Neuntklässler aus sechs Schulen hatten zuvor im Magdeburger Opernhaus ihre Fähigkeiten im Reimen, Umschreiben, Erklären, Erzählen und Darstellen unter Beweis gestellt.

Magdeburg. Anders als im Deutschunterricht zählten bei der Olympiade der Berliner Initiative Deutsche Sprache nicht Rechtschreibung, Lesefähigkeiten und Literaturkenntnisse, sondern vor allem Improvisationsgabe, Spontaneität und Kooperationsfähigkeit. Die vierköpfigen Teams mussten alle Aufgaben binnen zwei Minuten erfüllen. Dazu kam jeweils eine ebenso lange Vorbereitungszeit.

Die wohl schwierigste Kategorie war das Reimen. Hier musste jeder Schüler einen Reim auf den Vers seines Vorgängers finden und einen neuen Vers beginnen, den der Nachfolgende aufgriff. Das zog ebenso originelle wie amüsante Gedichte nach sich. So wurde der Anfangssatz " Gestern träumte ich von Hechten " weitergeführt mit " Die fingen plötzlich an zu fechten ".

Vergleichsweise einfach war das Umschreiben von zu erratenden Begriffen. Fantasie war wiederum beim Erklären gefragt. Den Schülern wurden ausgedachte Wörter wie " Knotenläufer " oder " Knallbrücke " vorgegeben, zu denen sie Erklärungen inklusive Wortgeschichte liefern sollten. So ist eine " Tränendichtung " nach Darstellung des Teams von der Latina Halle eine Kontaktlinse, die Friedrich der Große gegen Pollenflug entwickeln ließ.

Nicht minder fantasievoll waren die Schüler im Erzählen. Vorgegeben waren ein Anfangs- und ein Schlusssatz, die es zu einer schlüssigen Geschichte zu verbinden galt. Die Wolmirstedter Gutenberg-Schüler etwa sponnen um " Er hatte drei Nächte nicht geschlafen " und " Doch sie hatte den Hörer bereits aufgelegt " eine tragische Liebesgeschichte.

In der Kategorie Darstellen schließlich zählten Schauspielkünste. Hier galt es, zu Begriffen wie " erraten " und Personen wie " Hausmeister " und " Wahrsager " Szenen aufzuführen.

In der Jury saßen Volksstimme-Kulturredakteur F .-René Braune, Friedlinde Hasenkrug vom Kultusministerium, Germanistin Kornelia Pollmann von der Universität Magdeburg, Gisela Zander vom Magdeburger Literaturhaus und Swen-Lasse Awe, Landessieger des Wettbewerbs " Jugend debattiert ". Sie lobten die Schüler ausnahmslos für Originalität und Fantasie.

Die Olympiade lief erstmals bundesweit. Sachsen-Anhalts Siegerteams haben nun die Chance, sich in einem Regionalausscheid für das Bundesfinale Ende April zu qualifizieren.


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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 27.02.2008 um 17.43 Uhr eingetragen.
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Pressemitteilung 8/ 2008
Düsseldorf, 27.02.2008

Bildungspartnerschaft zwischen Schulen und Volkshochschulen in NRW

Gemeinsame Pressemitteilung von Städte- und Gemeindebund NRW, Städtetag NRW, Landkreistag NRW sowie Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW

Das Ministerium für Schule und Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen und die kommunalen Spitzenverbände (Städtetag NRW, Landkreistag NRW und Städte- und Gemeindebund NRW) haben die Förderung der Kooperation von Schulen und Volkshochschulen vereinbart. Unterstützt wird die Zusammenarbeit im Rahmen der Initiative Bildungspartner NRW vom Landesverband der Volkshochschulen von Nordrhein-Westfalen und der Medienberatung NRW.

Damit die Jugendlichen in NRW fit für Europa werden, arbeiten nunmehr Schulen und Volkshochschulen bei der Vermittlung des europäischen Zertifikats zur Berufsqualifikation (euZBQ) zusammen. Nordrhein-westfälische Schülerinnen und Schüler können nun leichter zusätzliche Kompetenzen erwerben und diese mit international anerkannten Zertifikaten nachweisen. Das Zertifikatssystem „Xpert“ ist speziell auf die Berufsvorbereitung von Schülerinnen und Schülern zugeschnitten worden und umfasst Einzelnachweise zu IT-Kenntnissen und zur Sozial- und Wirtschaftskompetenz. Auch der Erwerb von international anerkannten Fremdsprachenzertifikaten ist möglich.

Die Förderung der Europafähigkeit der Schulen, die der Landtag NRW in einem einmütigen Beschluss im März 2007 gefordert hat, sieht ausdrücklich den Erwerb solcher Zusatzqualifikationen für Schülerinnen und Schüler vor.

Barbara Sommer, Ministerin für Schule und Weiterbildung: „Mit dieser Bildungspartnerschaft wollen wir eine systematische und nachhaltige Kooperation zwischen Schulen und Volkshochschulen in Gang setzen, bei der die Schulen vom Know-how der Volkshochschulen profitieren und die Schülerinnen und Schüler zusätzliche persönliche Kompetenzen und berufliche Qualifikationen erwerben können.“

Die Verbandschefs der kommunalen Spitzenverbände, Dr. Stephan Articus, Dr. Martin Klein und Dr. Bernd Jürgen Schneider betonen: „Unsere 135 Volkshochschulen in NRW sind kommunal verankert, verfügen über langjährige Kooperationserfahrungen mit unterschiedlichen Partnern und sind Profis bei der Durchführung von Zertifikatskursen und -prüfungen. Sie sind damit für eine Bildungspartnerschaft mit den Schulen – übrigens auch im Bereich der Lehrerfortbildung – geradezu prädestiniert.“

Wolfgang Vaupel, Geschäftsführer der Medienberatung NRW, und Reiner Hammelrath, Direktor des Landesverbandes der Volkshochschulen von Nordrhein-Westfalen, wollen bei der Umsetzung der Bildungspartnerschaft besonders darauf hinwirken, dass auch Hauptschülerinnnen und Hauptschülern und anderen Jugendlichen aus bildungsfernen Milieus der Erwerb von zusätzlichen Qualifikationen und entsprechenden Zertifikaten ermöglicht wird.

Die Initiative Bildungspartner NRW unterstützt die systematische Zusammenarbeit von Schulen mit kommunalen Bildungs- und Kultureinrichtungen. Das Konzept wird bereits seit 2005 erfolgreich mit Bibliotheken und Schulen umgesetzt. Ein Drittel aller Bibliothekskommunen in NRW verstehen sich inzwischen als Bildungspartner NRW.
Weitere Informationen sind abrufbar unter www.vhs.schulministerium.nrw.de.


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David Konietzko
Bad Homburg vor der Höhe

Dieser Beitrag wurde am 12.11.2007 um 22.10 Uhr eingetragen.
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"Kinder und Eltern verstehen sich so gut wie nie" – das habe ich zunächst als "Kinder und Eltern verstehen sich fast nie" gedeutet. Ein guter Jounalist müßte so etwas besser formulieren können (z.B. "Noch nie verstanden sich Kinder und Eltern so gut wie heute").
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 12.11.2007 um 14.37 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#2527


Von Heimo Schwilk
Neue Studie
Schule macht Deutschlands Kinder unglücklich
Kinder und Eltern verstehen sich so gut wie nie, heißt es in einer neuen Studie - mit der Schule dagegen haben Jungen und Mädchen zunehmend Probleme. Die wird in der Studie, die WELT ONLINE in wesentlichen Teilen vorliegt, als „Glückskiller Nummer eins" eingestuft.

Die Kinder in Deutschland empfinden in ihren Familien im hohen Maß Geborgenheit und Glück – und zwar quer durch die sozialen Schichten. Die Schule erscheint ihnen dagegen mit zunehmendem Alter als düstere Gegenwelt, als „Glückskiller Nummer eins". Dies ist das überraschend zwiespältige Ergebnis der ersten Studie, die das Glücksempfinden der vier- bis zwölfjährigen Kinder untersucht. Danach bezeichnen 40 Prozent ihre Kindheit als „total glücklich“, 44 Prozent als „glücklich“ und 14 Prozent als „weder noch“, was tendenziell als „traurig“ zu werten sei.

Seit 1989 gibt es weltweit ein Kinderrecht auf Glück. Damals forderten die Vereinten Nationen: „Zur vollen Entfaltung seiner Persönlichkeit soll das Kind umgeben von Glück, Liebe und Verständnis aufwachsen.“ Doch erst 18 Jahre später wurde wissenschaftlich untersucht, wie Kinder selbst ihr Glück empfinden. Erarbeitet wurde die Studie, deren wichtigsten Ergebnisse WELT ONLINE vorliegen, für die ZDF-Medienforschung unter der Leitung des Salzburger Glücksforschers Anton Bucher.

Die Forscher befragten 1239 Kinder aus allen sozialen Schichten. Zum zehnjährigen Jubiläum der Kindersendung „Tabaluga tivi“ sollen die Ergebnisse am Donnerstag bei einem Fachkongress in Mainz vorgestellt werden. Die Studie könnte auch Einfluss auf die aktuelle Debatte über die Bedeutung der Betreuung in der Familie für das Kindeswohl haben.

Nie verstanden sich Kinder so gut mit ihren Eltern

Die Studie stellt im Vergleich zu früheren Jugendstudien einen Wandel im Verhältnis der Generationen fest: Nie haben sich Kinder mit ihren Eltern und Großeltern so gut verstanden. Die Beziehungen sind meist konfliktfrei und partnerschaftlich.

Das Glück der Kinder steht und fällt mit dem Wohlbefinden und den Aktivitäten in der Familie. Ein durch Liebe, Anerkennung und Unterstützung geprägtes familiäres Klima sowie gemeinsame Unternehmungen förderten das Glück. Wobei dieser Effekt mit dem Alter abnimmt. Dann wird den Heranwachsenden vor allem eines wichtig: das Gefühl, von den Eltern ernst genommen zu werden.

Kinder von Alleinerziehenden sind glücklich

Aufgeräumt wird in der Studie mit dem Vorurteil, Kinder Alleinerziehender seien unglücklicher. Mehr als die Hälfte der betroffenen Kinder bezeichneten sich vielmehr als „glücklich“, so Professor Bucher.

Heute genießen Kinder in der Familie viel mehr Rechte und Mitsprache als früher, sagt der Münchner Familienforscher Christian Alt. Kinder entwickelten ein hohes Maß an sozialer Kommunikation, seien jedoch auch sehr stark an Freiräumen in der Familie interessiert.

Schule ist entscheidend für das Kinderglück

Als entscheidend für das Kinderglück nennt die Studie die Situation in der Schule. Das Zeugnis für die deutschen Schulen fällt dabei insgesamt nicht gut aus. Glücklicher sind Kindern, die leicht lernen, aktiv am Unterricht teilnehmen und die Schule als spannend empfinden. Schüler, die nie lange an Hausaufgaben sitzen müssen, sind zu 66 Prozent „total glücklich“, jene, die sich quälen und Stunden benötigen, zu 39 Prozent.

Je älter die Schüler werden, desto kritischer sehen sie die Schule. 50 Prozent der Sechsjährigen gehen noch „sehr gerne“ in die Schule, 13-Jährige tun dies nur noch zu 16 Prozent. Gymnasiasten äußern sich eher zufrieden mit der Schule, Hauptschüler deutlich weniger.

Die Schule könne das Wohlbefinden der Kinder steigern, in Deutschland sei aber das Gegenteil der Fall, sagte Susanne Kayser von der ZDF-Medienforschung. Ältere Schüler empfänden den Unterricht oft als wenig „spannend“, ihre Lehrer nicht immer als „nett“. Die Verantwortlichen der Studie verstehen ihre Analysen auch als Appell, das deutsche Bildungssystem zu erneuern, um Kinder künftig gezielter zu fördern.


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Rominte van Thiel
Röttenbach

Dieser Beitrag wurde am 23.10.2007 um 18.42 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#2423


Die zitierten Schulrektoren scheinen den heutigen Kindern überhaupt keinen Grips mehr zuzutrauen. Denn vermutlich finden Bücher, die nicht der aller-aller-allerneuesten Rechtschreibversion entsprechen, durchaus Gnade vor den Augen dieser entsetzlich beflissenen Personen, nur ein ß an der "falschen" Stelle dürfen die Bücher auf gar keinen Fall enthalten.
Wahrscheinlich wird auch ein Erich Kästner bedenkenlos auf den Müll geworfen. Was für eine Kultur"förderung".
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 23.10.2007 um 16.33 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#2420


Südwest-Presse, 20. Oktober 2007

MIGRATION / Ausländerrätinnen übergeben Kinderbücher an die Schüler zweier Schulen
Im Lesekoffer warten Prinzessinnen, Piraten und Dinos

Als Kind hat Nesrin Gelberi die Hoffmann-Schule besucht: "Ich habe die deutsche Sprache vom ersten Tag an lieben gelernt", erzählt die Ausländerrätin. Um auch anderen Migrantenkindern die Sprache näher zu bringen, hat der Ausländerrat die Aktion "Lesekoffer" gestartet.

CORDULA EVE WALLEIT

BETZINGEN Die Mädels und Jungs der Klasse 1a der Hoffmann-Schule können es kaum erwarten, endlich die beiden Koffer aufzumachen, die eigentlich eher zwei kleinen Schatzkisten ähneln. Am Ende bleibt aber nur ein Koffer in Betzingen - der zweite ist für die Schüler der Hermann-Kurz-Schule bestimmt. Und diese beiden Schulen sollen nicht die letzten bleiben, die in den Genuss so eines Lesekoffers kommen: "Wir möchten die Aktion gerne wiederholen, damit alle Brennpunkt-Schulen bedacht werden können", wünscht sich Ausländerrätin Frédérique Mayer.

Auf den Koffer gekommen sind die Rätinnen nach einem Gespräch mit Ruth Schiffner. Die Lehrerin an der Hoffmann-Schule bedauerte bei dieser Unterhaltung, dass viele Kinder zu Hause überhaupt keine eigenen Bücher hätten. "Weil wir Spendenmittel vom Europa-Institut zur Verfügung hatten, haben wir spontan beschlossen, einen Teil des Geldes dafür zu verwenden", so Frédérique Mayer. Mit je 300 Euro pro Lesekiste sind die beiden Ausländerrätinnen auf Einkaufstour gegangen: "Das hat richtig Spaß gemacht." Klar, dass sie dabei vor allem Romane ausgesucht haben, deren Lektüre den Kindern so richtig Spaß macht. Prinzessinnen, Piraten oder Dinos warten nun in den Koffern darauf, von den Kurzen entdeckt zu werden. Obendrein haben sich die Frauen aber auch an Verlage und Buchhandlungen gewandt - und konnten auch prompt noch ein paar Wälzer zu ihrer eigenen Ausbeute dazu packen.

Der Bedarf ist da: Sowohl in der Hoffmann- als auch in der Hermann-Kurz-Schule sei zwar eine eigene kleine Bibliothek vorhanden: Aber die sind ausnahmslos mit Lesestoff bestückt, der noch in der alten Rechtschreibung verfasst ist, ärgern sich Eva Maria Malzon, Rektorin der Hermann-Kurz-Schule, und ihr Kollege Michael Buck von der Hoffmann-Schule. Zum andern aber auch, weil gerade die Eltern von Migrantenkindern ein "Handwerkszeug" haben sollten, um den Nachwuchs zu unterstützen, betont Sultan Braun, Leiterin des städtischen Referats für Migrationsfragen: "Lediglich vier Prozent der Schüler an den Reutlinger Gymnasien haben einen Migrationshintergrund."

Das, findet die Referatsleiterin, muss sich ändern. Zumal ihren Beobachtungen zufolge derzeit viele Lehrer vor dem Übergang von der Grund- in die weiterführende Schule schneller mit der Hauptschulempfehlung bei der Hand sind, wenn es sich um ein Migrantenkind handelt. "Vielleicht trauen sie den Eltern nicht zu, dass sie den Kindern helfen könnten", vermutet Sultan Braun. Ein weiteres Problem sei, dass die Verantwortung fürs Weiterkommen des Kindes oft wie ein Ball zwischen Schule und Elternhaus hin und her geworfen werde.

Umso mehr freue sie sich über die Lesekoffer: "Die Eltern können so beispielsweise lernen, was ein gutes Buch für einen Erstklässer ist." Damit möglichst viele Mädels und Jungs von den gedruckten Schätzen profitieren, verwandeln sich die Koffer in eine Mini-Leihbibliothek. Und die steht natürlich nicht nur Migrantenkindern offen: "Die meisten Kinder lesen heute zu wenig", weiß Eva Maria Malzon.


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Christoph Schatte
Poznan

Dieser Beitrag wurde am 20.10.2007 um 17.05 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#2414


Die G-G-Schreibung von allem und jedem
ist im bildungsministerialen Umfeld leider noch nicht bis zur Schmerzgrenze durchgesetzt. Es gibt in der rundumschlagenden Groß- und Getrenntschreibung neben "allgemein bildenden Schulen" (vom Rest schweigt man) in offiziösen Verlautbarungen der Kultoberen ganz gegen den staatsministeriell verordneten "Trend" bezaubernde Adjektivschöpfungen wie:
"Die ländergemeinsamen inhaltlichen Anforderungen ..."
Pädagogen haben halt ihre (ganz) eigene Sprache.
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 19.10.2007 um 17.41 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#2411


KMK-Pressemitteilung
Bonn, 18.10.2007

Ergebnisse der 319. Plenarsitzung der Kultusministerkonferenz

Die Kultusministerkonferenz hat sich auf ihrer 319. Plenarsitzung am 17. und 18. Oktober 2007 in Bonn unter dem Vorsitz ihres Präsidenten, Senator Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner, insbesondere mit folgenden Themen befasst:

Standards für die Abiturprüfung
Reduzierung der Zahl der Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss
Lehrerbildung
Wahl einer 1. Vizepräsidentin

Entwicklung von Standards für die Abiturprüfung

Bei der Gestaltung des Abiturs ist für die Kultusministerkonferenz die Qualitätssicherung und –weiterentwicklung zentrale Leitlinie. Die Kultusministerkonferenz hat innerhalb des grundlegenden Reformprozesses seit PISA 2000 Beschlüsse zur Erarbeitung, Umsetzung und länderübergreifenden Überprüfung von Bildungsstandards gefasst; dabei hat sie sich vorerst auf die Primarstufe und die Sekundarstufe I (Hauptschulabschluss, mittlerer Abschluss) konzentriert. Die Kultusministerkonferenz beschließt nun die Weiterentwicklung der Einheitlichen Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung zu Bildungsstandards für die Allgemeine Hochschulreife. Grundlegende Ziele sind, die Vergleich-barkeit der Schulabschlüsse und die Durchlässigkeit des Bildungswesens in der Bun-des-republik Deutschland zu sichern sowie einen Beitrag zur Unterrichtsentwicklung zu leisten.

Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner, sprach von einem „guten Ergebnis, mit dem die Steuerung unseres Schulsystems konsequent auf Qualität, Vergleichbarkeit und Mobilität ausgerichtet wird“.

1. Die Kultusministerkonferenz beschließt die Weiterentwicklung der Einheitlichen Prüfungsanforderungen für die Abiturprüfung (EPA) zu bundesweiten Bildungsstandards für die Abiturprüfung zunächst in den Fächern Deutsch, Mathematik und erste Fremdsprache (Englisch/Französisch), ferner für die naturwissenschaftlichen Fächer (Biologie, Chemie, Physik).
2. Die Kultusministerkonferenz beauftragt das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Zusammenarbeit mit der Amtschefskommission „Qualitätssicherung in Schulen“ die Erarbeitung der Bildungsstandards zu organisieren, ein Kompetenzstufenmodell für die gymnasiale Oberstufe zu entwickeln und dabei folgende Eckpunkte zu berücksichtigen:
- Nutzung der bisherigen Leistungen der EPA, des Austauschs der Abituraufgaben und der gegenseitigen Hospitationen bei mündlichen Prüfungen sowie Berücksichtigung der grundsätzlichen Konzeption der bisher von der Kultusministerkonferenz vorgelegten Bildungsstandards,
- Einführung der Bildungsstandards nach Möglichkeit bereits beginnend für die Schülerinnen und Schüler, die zum Schuljahr 2010/2011 in die Qualifikationsphase eintreten.
3. Das IQB wird beauftragt, ein Konzept einschließlich eines Kostenplans und einen möglichen Zeitplan für die Implementierung von länderübergreifenden Vergleichsarbeiten im ersten Jahr der Qualifikationsphase der gymnasialen Oberstufe zu erstellen.
4. Die Amtschefskommission „Qualitätssicherung in Schulen“ wird gebeten, parallel zur Entwicklung von Bildungsstandards gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ein Konzept zu entwickeln, wie die Bildungsstandards analog zur Sekundarstufe I über die Festlegung von Leistungsanforderungen hinaus auch für die Unterrichtsentwicklung möglichst schnell und umfassend nutzbar gemacht werden können.
5. Die Amtschefskommission „Qualitätssicherung in Schulen“ wird darüber hinaus um die Vorbereitung einer Vereinbarung mit dem Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) gebeten, nach der dieses beauftragt wird, parallel zur Erarbeitung der Standards mit der Entwicklung eines Pools von Aufgaben für den Einsatz in der gymnasialen Oberstufe zu beginnen.
6. Die gemeinsame Steuerungsgruppe von Bund und Ländern nach Art. 91b Abs. 2, die u.a. die Bildungsforschung koordiniert, wird gebeten zu prüfen, wie dieses Konzept wissenschaftlich begleitet werden kann.

Zahl der Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss soll weiter verringert, wenn möglich halbiert werden – Kultusministerkonferenz beschließt Handlungsrahmen

Die Länder wollen die Zahl der Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss in allen Bildungsbereichen weiter verringern, wenn möglich halbieren, die Anschlussfähigkeit sichern und die Zahl der Ausbildungsabbrecher reduzieren. Dazu verabschiedete die Kultusministerkonferenz in Bonn einen Handlungsrahmen, der konkrete Maßnahmen umfasst, wie diese Ziele erreicht werden sollen.

Im vergangenen Jahr verließen 7,9 Prozent der Schülerinnen und Schüler gemessen an der gleichaltrigen Bevölkerung die allgemein bildenden Schulen ohne Abschluss. Der weitaus größere Teil der Jugendlichen ohne Schulabschluss bricht die Schullaufbahn vor Erreichen des Abschlussjahres ab. Der Anteil der männlichen Jugendlichen liegt deutlich über dem der weiblichen Jugendlichen. Besonders betroffen sind Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Prof. Dr. Jürgen Zöllner, erklärte: „Die Länder unternehmen konkrete Anstrengungen, um die Zahl der Jugendlichen ohne Abschluss weiter zügig und wirksam zu verringern. In einer offenen Gesellschaft, in der die Bedeutung von Bildung ständig wächst, muss jeder die Chance auf eine berufliche Ausbildung bekommen. Wir legen großen Wert auf die Zusammenarbeit mit der beruflichen Praxis, auf die Weiterentwicklung pädagogischer Konzepte zur Verbesserung der Ausbildungsreife und den Übergang von allgemein bildenden Schulen in die Berufswelt. Dabei werden wir die bewährten Partnerschaften mit der Wirtschaft, der Bundesagentur für Arbeit und den Trägern der Jugendhilfe weiter stärken und ausbauen.“

Der Handlungsrahmen sieht Maßnahmen u.a. zur individuellen Förderung insbesondere von benachteiligten Kindern und Jugendlichen und von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund vor. Der Ausbau der Ganztagsangebote wird speziell für besonders förderungsbedürftige Schülerinnen und Schüler verstärkt fortgesetzt. In der Sekundarstufe I werden die Begegnungen mit der Arbeitswelt intensiviert. Netzwerke von schulischen und außerschulischen Partnern sollen die Förderarbeit unterstützen. Die Aus- und Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern soll in lerntheoretischer und lernpsychologischer Hinsicht verbessert werden. Schülerinnen und Schülern, deren Abschluss gefährdet ist, sollen spezielle Hilfsangebote zum Erreichen des Hauptschulabschlusses gemacht werden. Die Berufsorientierung wird vertieft.

Lehrerbildung – Anhörung zu inhaltlichen Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken im ersten Halbjahr 2008 geplant

„Die länderübergreifende Reform der Lehrerausbildung ist auf gutem Wege. Damit sind wir einen entscheidenden Schritt bei der Harmonisierung und Qualitätsentwicklung der Lehrerausbildung voran gekommen“, erklärte der Präsident der Kultusministerkonferenz, Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner.

Die Kultusministerkonferenz hat sich über den Stand der Arbeiten an den ländergemeinsamen inhaltlichen Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken informieren lassen. Mit diesen Arbeiten für die einzelnen Fächer wurde im März 2006 als zweiter Säule und zur Ergänzung der auf die Bildungswissenschaften bezogenen Standards begonnen. Die bereits für die Fächer Deutsch und Physik erarbeiteten Entwürfe dienten dabei als Muster für weitere Fächer.

Die seit März 2006 erarbeiteten Fachprofile beziehen sich auf die Kompetenzen und somit auf Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Einstellungen, über die eine Lehrkraft zur Bewältigung ihrer Aufgaben im Hinblick auf das jeweilige Lehramt verfügen muss. Es wird deshalb zwischen Anforderungen für Lehrämter der Sekundarstufe I und Anforderungen für Lehrämter der Sekundarstufe II unterschieden. Für die Grundschulbildung werden die Anforderungen unter einem integrativen Fachkonzept „Grundschulbildung“, für die Förderschule/Sonderschule unter dem Fachkonzept „Pädagogik der Förderschule/Sonderschule“ jeweils zusammenfassend beschrieben.

Die ländergemeinsamen inhaltlichen Anforderungen ergänzen die im Dezember 2004 verabschiedeten „Standards für die Lehrerbildung: Bildungswissenschaften“, die als überfachliche Kompetenzen seit dem Ausbildungsjahr 2005/2006 Grundlage der Lehrerbildung sind.

Die Kultusministerkonferenz wird im ersten Halbjahr 2008 zu einer Expertenanhörung über die künftigen ländergemeinsamen inhaltlichen Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken einladen. „Ich gehe davon aus, dass wir das Gesamtpaket für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken Ende 2008 bzw. Anfang 2009 vorlegen können“, erläuterte Prof. Zöllner.

Saarländische Bildungsministerin Kramp-Karrenbauer zur 1. Vizepräsidentin gewählt

Die Kultusministerkonferenz hat die Ministerin für Bildung, Familie, Frauen und Kultur des Saarlandes, Frau Annegret Kramp-Karrenbauer, zu ihrer 1. Vizepräsidentin gewählt. Frau Kramp-Karrenbauer ist Nachfolgerin des früheren saarländischen Bildungsministers Jürgen Schreier, der zum Vorsitzenden der CDU-Fraktion im Saarländischen Landtag gewählt worden ist.


http://www.kmk.org/aktuell/pm071018.htm
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Jan-Martin Wagner
Jena

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Interview
Ist das moderne Verlierertum männlich?
Während die Leistungen der Mädchen immer besser werden, stecken die Jungen in der Krise. Warum steht niemand auf und protestiert? Die systematische Benachteiligung von Jungen müsste uns doch erschüttern, meint der Entwicklungspsychologe Wassilios Fthenakis.

Während die Leistungen von Mädchen immer besser werden, stecken die Jungen in der Krise; sie bevölkern Haupt- und Sonderschulen, sehen Gewaltvideos, brechen die Schule ab. Warum?

In den siebziger Jahren galt dem „katholischen Mädchen vom Land“ die Sorge des Bildungssystems, heute sind es die Jungen, vor allem jene aus Migrantenfamilien und sozial schwachen Schichten. Eine Erklärung findet die Forschung in der Art der Sozialisation der Jungen. Mädchen entwickeln früh die Neigung, Einfluss auf andere zu nehmen, wodurch sie differenzierte Interaktionstechniken entwickeln. Diesen Sozialisationsweg tragen die Jungen meist nicht mit, was ihnen Nachteile in unserer postmodernen Gesellschaft bringt. Dass Jungen wenig verbalisieren, schlägt sich in einer reduzierten Lese- und Sprachkompetenz nieder.

Was löst das geschlechtstypische Verhalten aus, die Umwelt, die Gene?

Es ist biologisch bestimmt. Aber wir wissen, dass in hohem Maße ein sozialer Einfluss wirkt. Deshalb muss unser Bildungssystem die soziale Konstruktion der Geschlechter zurückfahren. Ich kenne kein Gebiet, wo mehr Kreativität verlorengeht als bei der sozialen Ordnung der Geschlechter. Die Botschaften, die wir Kindern über Filme, Geschichten, Materialien vermitteln, sind verheerend. „Dornröschen“ ist dafür ein Beispiel: Die Prinzessin bleibt passiv, allein dem Prinzen kommt die Rolle der Bewältigung zu.

Aber das Gegenteil ist doch heute der Fall. Es gibt es zahllose Förderprogramme für Mädchen – „Girls Days“ an Schulen, „Mädchenfreiräume“ auf Spielplätzen, „Mädchen-Ermutigungs-Kurse“ in Jugendzentren. Anders als Socken strickende Jungs werden Mädchen ermuntert, Computer zu programmieren.

Es ist das Verdienst der Frauen des zwanzigsten Jahrhunderts, dass hier überhaupt ein Wandel eingetreten ist. Dabei haben wir es aber versäumt, die Männer mit einzubeziehen. Dass etwa Männer ebenso Probleme haben mit der Nichtvereinbarkeit von Familie und Beruf wie Frauen, thematisieren wir nicht. Auch nimmt die Gesellschaft den Wandel, den Männer als Väter in den vergangenen dreißig Jahren vollzogen haben, nicht wahr.

Welchen Anteil an den Problemen der Jungen hat die Verweiblichung der Schulen? Mehr als achtzig Prozent der Grundschullehrer sind Frauen, in Kindergärten gibt es kaum männliche Erzieher.

Das Problem fehlender Modelle von Männlichkeit haben wir nicht nur in Bildungseinrichtungen. Auch nachmittags begegnen Kinder mit ihren Müttern in Krabbelgruppen oder an der Supermarktkasse wieder nur Frauen. Die skandinavischen Länder haben deshalb viel getan, um mehr Männer in den Bildungsbereich zu integrieren, mit Erfolg: In Dänemark sind zwanzig Prozent der Erzieher männlich. Unser Problem ist hier ein doppeltes: Das Niveau der Ausbildung ist zu niedrig und deshalb die Bezahlung schlecht. Und die Anerkennung von Berufen, in denen viele Frauen arbeiten, ist gering.

Es gibt Untersuchungen, wonach Jungen bei gleicher Leistung von Lehrern schlechter benotet werden als Mädchen.

Genauso wie Männer in der Vergangenheit in Netzwerken ihren Machtstatus untermauert haben, bevorzugen heute Frauen jene, die mehr dem eigenen Ansatz entsprechen: die Mädchen. Deshalb sind Jungen heute die gefährdete und benachteiligte Gruppe. Es müsste eine Gesellschaft erschüttern, wenn ein Geschlecht, egal welches, diese systematische Benachteiligung erfährt. Aber niemand steht auf und protestiert. Es herrscht statt dessen ein merkwürdiges Schweigen.

Hat sich die Beurteilung verändert, zum Nachteil der Jungen? Wer früher auf dem Schulhof raufte, galt als „Lausbub“, während dies heute von Pädagogen als „sozial defizitär“ gesehen wird.

Die diagnostische Kompetenz der Lehrer ist schlecht, und die Folgen sind verheerend. Dass unser Bildungssystem enorme Ungerechtigkeiten für Jungen produziert, ist empirisch längst nachgewiesen. Weil wir zu lange am Modell der Industriegesellschaft und ihrer Fixierung der Rollen festgehalten haben. Heute sind nur noch fünfzehn Prozent der Europäer in der klassischen Industrie tätig. Der Rest ist Teil der Informationsgesellschaft, die eine andere Logik verfolgt, andere Zeitakte und Flexibilitäten erfordert.

Mädchen haben es leichter, weil sie es andern leichter machen: Weil sie lesbare Handschriften haben, die Tafel putzen, das Klassenfest organisieren. Aber Mädchen haben auch Probleme, vor allem in der Pubertät. Wieso wirkt sich das weniger auf die Leistungen aus?

Bei Mädchen, die komplexe Interaktionen entwickeln, sind auch die Kosten ungleich höher als bei Jungen, denen diese Fähigkeiten fehlen. Das ist die Kehrseite der Medaille. Neurotisch sind nur Menschen, die auch differenziert sind.

Beachtet die Pädagogik womöglich die Entwicklungsunterschiede von Jungen und Mädchen zu wenig?

Es gibt seit zwanzig Jahren eine geschlechtersensible Pädagogik. Aber sie ist bei der Dichotomie geblieben. Ich bin heute so weit, zu sagen, dass das Geschlecht eine irrelevante Größe ist. Es ist nur relevant für die Reproduktion. Für das soziale Zusammenleben ist es unerheblich. Es kommt viel mehr darauf an, wie man seine Entwicklung entwirft. Deshalb haben die Menschen auch kein Problem, gleichgeschlechtliche Partner zu finden. Das Geschlecht, dem wir solche Bedeutung beimessen, hat das nicht verdient.

Ein irritierender Gedanke . . .

. . . wir haben keine Alternative. Wir haben bisher das Geschlecht kontrolliert, indem wir ihm eine Rolle zugewiesen haben. Heute sind die Menschen nicht mehr bereit, die geschlechtliche Zuordnung politischen und wirtschaftlichen Instanzen zu überlassen.

Jungen und Mädchen wieder getrennt zu unterrichten wäre demnach verfehlt?

Modelle, die mit Strukturen arbeiten, sind generell zum Scheitern verurteilt.

Erwachsene mit einem Baby auf dem Arm sind vorsichtiger, wenn sie glauben, es sei ein Mädchen. Auch überwiegt, zumindest in der westlichen Welt, heute der Wunsch nach einer Tochter.

Der beste Beweis für den anhaltenden Prozess der sozialen Konstruktion. Denn das ist nicht individuell erzeugt, sondern sozial produziert. In Gesellschaften, in denen Jungen eine ökonomische Rolle für die Eltern spielen, sind sie das erwünschte Geschlecht. Bei uns, wo weibliche Kompetenzen wie Interaktion, Kommunikation und Emotionalität gefragt sind, werden Mädchen bevorzugt.

„Wenn wir wollen, dass es unsere Töchter einmal leichter haben, müssen wir es unseren Söhnen schwerer machen“ – das stand vor zwanzig Jahren in der „Emma“.

Das ist die Philosophie des Geschlechterkampfs, die völlig anachronistisch ist und nichts gebracht hat. Es geht nicht darum, ein Geschlecht gegen das andere auszuspielen. In beiden stecken enorme Potentiale, Kompetenzen, und eine hohe Diversität. Die Diversität innerhalb eines Geschlechts ist mindestens so groß wie zwischen den Geschlechtern, diese Vielfalt sollte man nutzen.

Hormonforscher verdächtigen das Sexualhormon Testosteron, das bei männlichen Föten gebildet wird, die Weichen geradezu schicksalhaft zu bestimmen.

Es gibt Gesellschaften, in denen Männer die Erziehung der Kinder übernehmen; das wäre nach dieser Theorie nicht möglich.

Nicht nur Jungen stecken in der Krise, auch Männer sind öfter gewalttätig, sterben früher, bringen sich öfter um. Ist das moderne Verlierertum männlich?

Die moderne Männerbiographie birgt eine Menge Risiken, und die Kosten für Männer sind ungleich höher als für Frauen. Früher waren Frauen gefährdeter, medizinisch ohnehin, weil viele bei der Geburt eines Kindes starben. Dank der modernen Medizin sind Frauen heute das robustere Geschlecht. Und die Männer sehen sich neben ihrer biologischen Schwäche nun auch noch einem höherem sozialen Risiko ausgesetzt: Ob das der Stress ist oder die fehlende soziale Einbettung, die bei Männern nachweislich geringer ist als bei Frauen: Viele Männer sterben nach der Pensionierung, weil sie sich primär über den Erwerb definieren. Sie sind nicht gut darin, Übergänge zu bewältigen. Die Immunschwäche bei Männern infolge von Konflikten wie Scheidung oder Kündigung ist enorm.

Was sind die Folgen, wenn wir die Probleme nicht in den Griff bekommen?

Die Zunahme von ehelicher Instabilität und Krankheiten, was hohe Kosten im Versicherungswesen und in der wirtschaftlichen Produktion verursacht. Kaum ein Bereich der Gesellschaft bleibt unberührt von der misslungenen Sozialisation der Männer in einer Gesellschaft, die andere Anforderungen an sie stellt als das Modell, dem sie folgen.

Das Gespräch führte Sandra Kegel.


(FAZ.net, 12. Oktober 2007)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 31.08.2007 um 19.42 Uhr eingetragen.
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Pädagogik
"Jungen sind eher konkurrenzorientiert"
Weil ihr evolutionäres Erbe Jungs heute Probleme bereitet, fordert die Psychologin Doris Bischof-Köhler in SZ Wissen eine jungengerechte Schule.
Interview: Simone Kosog

Doris Bischof-Köhler ist Professorin für Psychologie an der Universität München. Ihr Fachgebiet ist die Entwicklungspsychologie. Die Frage, wie sich mentale Fähigkeiten und Verhaltensweisen bei Kindern entwickeln, hat die 1936 geborene Forscherin um den Aspekt der biologisch bedingten Geschlechtsunterschiede erweitert. Im Jahr 2003 erhielten sie und ihr Ehemann, der Psychologe Norbert Bischof, den Deutschen Psychologiepreis.

SZ Wissen: Frau Bischof-Köhler, was ist mit den Jungen los? Werden aus geborenen Siegern plötzlich Verlierer?

Bischof-Köhler Zunächst einmal weiß ich gar nicht, ob sich die Jungen selbst in der Krise sehen. Zwar schneiden sie in verschiedenen Leistungstests schlechter ab als die Mädchen, aber wenn man davon ausgeht, dass Jungen per Geschlecht dazu neigen, sich selbst zu überschätzen und ein dickeres Fell gegenüber Misserfolgen zu haben, dann fragt man sich, ob sie sich nicht vor solchen unerquicklichen Einsichten einfach abschirmen.

SZ Wissen: Es gibt immer noch Menschen, die abstreiten, dass Jungen und Mädchen von Natur aus unterschiedliche Eigenschaften haben.

Bischof-Köhler Und zwar eisern! Dabei sprechen die Fakten eindeutig dafür.

SZ Wissen: Warum ist die Debatte so emotional?

Bischof-Köhler Viele Menschen ziehen den falschen Schluss, dass unterschiedliche Anlagen eine Determinierung bedeuten: Wenn Männer und Frauen von Natur aus anders seien, dann bedeute dies, dass ihr Verhalten vorbestimmt sei. Auf diese Weise kann man natürlich ganz wunderbar die Diskriminierung der Frau rechtfertigen, aber deshalb die ganze Biologie abzulehnen, ist nicht die Lösung.

SZ Wissen: Auch viele Männer und Jungen kommen mit stereotypen Rollenbildern nicht zurecht und wollen davon nichts wissen.

Bischof-Köhler Nein, weil sie auch nicht auf jedes Individuum gleichermaßen zutreffen. Bei den typischen Veranlagungen handelt es sich um einen Mittelwert, dem nicht jeder Vertreter eines Geschlechts im gleichen Ausmaß entsprechen muss. Problematisch wird es, wenn diese Dispositionen verallgemeinert werden, wie dies in den Stereotypien geschieht, aber diese gehen von der Gesellschaft aus. Der Druck zur Konformität entsteht also durch die Gesellschaft und nicht durch die Biologie.

SZ Wissen: Wie sind die unterschiedlichen Anlagen also zu verstehen?

Bischof-Köhler Als unterschiedliche Interessen, Neigungen und Fähigkeiten: Mädchen sind im Mittel fürsorglicher, sozial sensibler, Jungen dagegen eher konkurrenzorientiert, risikobereiter, explorativer, sie neigen zu Selbstüberschätzung und Imponiergehabe. Dennoch kann jeder Mensch auch Dinge erlernen, die ihm nicht so leicht fallen, wenn man das entsprechend fördert und hervorlockt.

SZ Wissen: Was sind die Ursachen für die unterschiedlichen Eigenschaften?

Bischof-Köhler Evolutionstheoretisch gesehen haben sie damit zu tun, dass bei Säugetieren, zu denen ja auch wir Menschen gehören, die Frauen wesentlich weniger Kinder haben können als die Männer. Daraus entsteht die größere Fürsorglichkeit der Frauen: Wenn man nur eine begrenzte Zahl von Kindern in die Welt setzen kann, dann verstärkt sich die Disposition, besonders gut für sie zu sorgen.

Die Männer dagegen können potenziell sehr viel mehr Nachkommen zeugen. Allerdings stellt sich ihnen das Problem, eine empfängnisbereite Partnerin zu finden, die nicht gerade schwanger oder mit der Erziehung ihres Nachwuchses beschäftigt ist, und damit stehen die Männer in Konkurrenz zu ihren Geschlechtsgenossen.

Die daraus resultierende Notwendigkeit zu rivalisieren gab evolutionär den Anlass, die typisch männlichen Eigenschaften auszubilden.

SZ Wissen: Und die bereiten ihnen heute Schwierigkeiten: Jungen werden dafür gemaßregelt, dass sie sich prügeln und im Unterricht stören, und sie bekommen im Durchschnitt schlechtere Noten als die Mädchen.

Bischof-Köhler Die Umstände in den Schulen sind oft wenig jungenfreundlich, das ist vielleicht das eigentliche Problem. Selbst auf dem Pausenhof haben Jungen kaum noch die Möglichkeit sich auszutoben, und Raufereien sind kulturell nicht angesehen.

SZ Wissen: Kein Wunder, auch im vergangenen Jahr ist die Jugendkriminalität wieder angestiegen.

Bischof-Köhler Das sind Extreme, bei denen bereits etwas schiefgelaufen ist. Die Raufereien, die ich meine, haben einen spielerischen Charakter und sind nicht aggressiv motiviert – und sie treten übrigens kulturübergreifend fast ausschließlich bei Jungen auf.

SZ Wissen: Das könnte doch auch damit zusammenhängen, dass Jungen genau dieses Verhalten vorgelebt bekommen und von Geburt an unterschiedlich behandelt werden.

Bischof-Köhler Natürlich spielt die Sozialisation eine große Rolle, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Bereits in den ersten Tagen nach der Geburt sind geschlechtsspezifische Verhaltensunterschiede feststellbar. Man weiß inzwischen, dass das Männlichkeitshormon Testosteron schon während der Fötalentwicklung eine große Rolle spielt. Diese unterschiedlichen Angebote der Jungen und Mädchen rufen wiederum in den Eltern andere Reaktionen hervor. Sozialisation ist keine einseitige Einflussnahme, sondern ein interaktiver Prozess.

SZ Wissen: Viele Eltern wollen ihre Jungen und Mädchen trotzdem möglichst gleich erziehen und schwören darauf, das zu tun.

Bischof-Köhler Das kann sich ausgesprochen kontraproduktiv auswirken: Im Zuge der 68er-Bewegung zum Beispiel wollte an die Jungen und Mädchen geschlechtsneutral erziehen, auch mit dem Ziel, die Kinder zu befähigen, Konflikte gewaltfrei zu lösen. In einer Untersuchung wurde nun das Verhalten von 400 Kindern aus traditionellen Kindergärten und aus antiautoritär geführten Kinderläden verglichen. Ergebnis: Die drei- und vierjährigen Jungen in den Kinderläden lösten ihre Konflikte häufiger aggressiv als diejenigen in den Kindergärten – und vor allem auch aggressiver als die Mädchen in den Kinderläden.

SZ Wissen: Dann sollten sich die kleinen Jungen also prügeln dürfen?

Bischof-Köhler Sofern der spielerische Charakter nicht verloren geht und es nicht in Destruktion ausartet.

SZ Wissen: Sie sagen aber doch selbst, dass jungentypische Eigenschaften nur Neigungen sind, und dass man sie beeinflussen kann.

Bischof-Köhler Aber dann muss ich geeignete Anreize dafür schaffen, und die Frage ist auch, um welchen Preis ich die Veränderung will. Wenn ich beschließe zu fasten, dann ist das machbar, aber ziemlich anstrengend. Heute wird beispielsweise vermehrt gefordert, dass sich Väter mehr um die Kinderbetreuung kümmern sollten, was ich auch unterstützen würde.

SZ Wissen: Sie selbst haben allerdings Ihre wissenschaftliche Karriere unterbrochen, um Ihre drei Töchter großzuziehen.

Bischof-Köhler Ich würde den Frauen heute wünschen, dass sie nicht so eine lange Pause einlegen müssen. Und viele Männer haben inzwischen erkannt, dass die Zeit mit den Kindern für sie einen großen emotionalen Gewinn bedeutet. Aber es gibt auch Männer, denen das partout nicht liegt, und die sollte man dann nicht dazu nötigen, wie man ja auch nicht von jeder Frau erwarten kann, dass ihr ein Konkurrenzkampf Spaß macht.

SZ Wissen: Inzwischen gehen einige Schulen auf diese Unterschiede ein und bieten im Bereich Sprachen oder Naturwissenschaften wieder getrennten Unterricht an.

Bischof-Köhler Ein richtiger Schritt! Für einen Lehrer ist die Koedukation ja gar nicht so leicht: Die Mädchen sind fleißig, ordentlich und führen ihre Hefte sauber, und die Jungen quatschen ständig dazwischen und unternehmen alles, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – ich übertreibe jetzt mal. Nun hat unser Lehrer vielleicht gelernt, dass er die Mädchen fördern soll. Wenn die Jungen sich dabei übergangen fühlen, dann drehen die erst mal so richtig auf. Oder der Lehrer fördert die Jungen und die Mädchen bleiben auf der Strecke.

SZ Wissen: Ohne sich in den Vordergrund zu spielen?

Bischof-Köhler Ja, ein schönes Beispiel: Im angelsächsischen Sprachraum treten Kinder häufig in Buchstabierwettbewerben gegeneinander an. Dabei hat man beobachtet, dass sich Jungen immer sofort meldeten, wenn ein Wort genannt wurde, egal ob sie es buchstabieren konnten oder nicht, während die Mädchen sich nur dann meldeten, wenn sie wussten, dass ihre Kontrahentin nicht besser war. Traten Mädchen gegen Jungen an, meldeten sich die Jungen auf Grund ihrer höheren Selbsteinschätzung ebenfalls immer zuerst – auch wenn sie schlechter waren.

SZ Wissen: Was schlagen Sie also vor?

Bischof-Köhler Ich kann nur den Rat geben, die Geschlechtsunterschiede ernst zu nehmen und beim Unterricht zu berücksichtigen. Dabei ist wichtig, dass das Verhalten beider Geschlechter nicht unterschiedlich bewertet wird. Wie das im Einzelnen konkret umzusetzen ist, fällt in die Kompetenz der Pädagogen.

Von Natur aus anders. Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede, von Doris Bischof-Köhler, Kohlhammer, 3. Auflage, 2006

(SZ Wissen 17/2007)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 31.08.2007 um 19.31 Uhr eingetragen.
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sueddeutsche.de, 7. August 2007


Studie zu Schulleistungen
"Männliche Bildungsverlierer"
Jungen sind laut einer Studie im Durchschnitt eine Schulnote schlechter als Mädchen.
Von Birgit Taffertshofer

Jungen schneiden im deutschen Bildungssystem weiterhin deutlich schlechter als Mädchen ab. Zu diesem Schluss kommt eine Vergleichsstudie, die der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) veröffentlicht hat. Zwar hätten die Jungen in den vergangenen zwei Jahren etwa bei den Schulabschlüssen leicht aufgeholt, aber „Anlass zur Entwarnung geben die neuen Zahlen nicht“, warnt Berit Heintz, Leiterin des Referates Bildungspolitik und Schule: „Männliche Schüler brauchen mehr Unterstützung aus der Gesellschaft, denn sie sind nach wie vor die Bildungsverlierer.“

Heintz fordert deshalb neben der Förderung, die Mädchen in der Schule genießen, auch eine Jungenförderung beispielsweise beim Lesen. Es müssten didaktische Konzepte entwickelt werden, die speziell die Jungen ansprechen.

An den Hauptschulen sind es in der Mehrzahl männliche Jugendliche, die ohne Abschluss bleiben. Entsprechend sind sie auch bei den mittleren und höheren Schulabschlüssen weniger stark vertreten als die Mädchen eines Jahrgangs. Der DIHK stützt sich auf Daten des Statistischen Bundesamtes. So hätten im Schuljahr 2005/2006 mehr als zehn Prozent der männlichen Schüler die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen.

Bei den Mädchen lag dieser Anteil bei nur sechs Prozent. Zugleich schlossen 21,7 Prozent der Jungen die Schule mit der Fachhochschul- oder der Hochschulreife ab. Bei den Mädchen waren es dagegen 29,3 Prozent. Damit hätten sich die Werte im Vergleich zum Schuljahr 2001/2002 zwar marginal zugunsten der Jungen verschoben, analysiert Heintz, aber die Situation sei weiterhin alarmierend. Denn seit 1992 habe sich die Zahl der männlichen Schulabbrecher deutlich erhöht und verharre nun auf hohem Niveau.

Jungen sind nach Angaben des DIHK im Durchschnitt sogar eine ganze Schulnote schlechter als Mädchen. Bei den Sitzenbleibern habe sich der männliche Anteil kaum reduziert. Nach wie vor wiederholten deutlich mehr Jungen als Mädchen eine Klasse. Zwar habe sich die Situation bei der Jugendarbeitslosigkeit für die Jungen gegenüber 2004 offenbar durch die anziehende Konjunktur etwas entspannt, doch 2006 seien immer noch fast 57 Prozent der Arbeitslosen unter 25 Jahren männlich gewesen.

Ohne Schulabschluss und mit schlechten Noten sei der Weg in qualifizierte Berufe für einen Großteil der männlichen Schulabgänger verbaut, warnt der DIHK. Dies habe nicht nur negative Konsequenzen für die beruflichen Perspektiven dieser Jugendlichen, sondern wirke sich auch auf die gesellschaftlichen Kosten aus, etwa die Sozialausgaben.

Berufe in der technischen Produktion und im Handwerk würden immer anspruchsvoller, gleichzeitig nehme die Bedeutung von Berufen im Dienstleistungssektor zu. Ihr Anteil an der Gesamtheit der Lehrverträge steige seit Jahren, darauf müssten die Jungen in der Schule vorbereitet werden, fordert Heintz. Sie müssten mehr für die modernen Dienstleistungsberufe interessiert werden, und Anforderungen müssten frühzeitig deutlich gemacht werden.


(SZ vom 08.08.2007)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 11.08.2007 um 18.23 Uhr eingetragen.
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Pressemeldung
Deutscher Philologenverband (DPhV)

Philologenverband für bessere Vergleichbarkeit der Abituranforderungen in den Ländern
Berlin, 08.08.2007

Im Grundsatz stimmt der Deutsche Philologenverband der Forderung des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Oettinger zu, die Abituranforderungen zwischen den einzelnen Bundesländern stärker zu vereinheitlichen.

"Trotz der Einführung von zentralen Abiturprüfungen in fast allen deutschen Bundesländern ist es ein offenes Geheimnis, dass das Abitur in einzelnen Bundesländern einfacher zu haben ist als in anderen. Gerade Bundesländer, die ihre Abiturientenquoten in den letzten Jahrzehnten stark gesteigert haben, konnten das Qualitätsniveau nicht halten, wie verschiedene Untersuchungen gezeigt haben", betonte Heinz-Peter Meidinger, DPhV-Vorsitzender.

Statt ein bundeseinheitliches Zentralabitur einzuführen, hielt der DPhV-Chef präzise definierte Bildungsstandards mit dazu gehörigen Aufgabenpools für wichtiger. Die bisherigen "Einheitlichen Prüfungsanforderungen für das Abitur" (EPA) sind seiner Ansicht nach viel zu "schwammig". "Es gibt auch bei der Hauptschule und beim Mittleren Bildungsabschluss keine bundeseinheitlichen Prüfungen, allerdings aber präzise formulierte Bildungsstandards. Die brauchen wir auch für das Abitur. Darüber hinaus sollten die Länder in ihren Abituraufgaben auch weiterhin die Möglichkeit haben, länderspezifische Schwerpunkte zu setzen, etwa was Landesgeschichte und Literatur angeht", so Meidinger.


(bildungsklick.de)
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Jan-Martin Wagner
Jena

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Stuttgarter Nachrichten online, 26. Juni 2007


Junglehrer
Rettungsplan für Hauptschulen

Hilfskräfte sollen Lehrer unterstützen – Kabinett berät Programm

Stuttgart - Zur Rettung der Hauptschule will die Landesregierung unter anderem arbeitslose Junglehrer und Erzieher als pädagogische Assistenten einstellen.

Die pädagogischen Assistenten sollen die Lehrer im Unterricht unterstützen, heißt es in dem Kabinettsentwurf, der unserer Redaktion vorliegt. Am heutigen Dienstag berät das Kabinett über das geplante Programm zur Verbesserung der Hauptschulen. Die Assistenten sollen beispielsweise in großen Klassen mitunterrichten, Förderunterricht in Deutsch oder Mathematik geben und in der Lese-Rechtschreib-Förderung oder Sprachförderung eingesetzt werden.

Als Personal seien nicht eingestellte Lehramtsbewerber, Lehrkräfte in Elternzeit oder im Ruhestand, Ausbilder, Sozialpädagogen und Erzieher möglich, heißt es in dem Entwurf. Ihre Bezahlung liegt deutlich unter der von Lehrern. Insgesamt sind für die rund 1200 Hauptschulen rund 300 Assistentenstellen vorgesehen.

In den vergangenen Tagen haben SPD und Grüne im Landtag die Lehrereinstellung für das kommende Schuljahr heftig kritisiert. Von den über 8000 Bewerbern können nach vorläufigen Angaben des Kultusministeriums nach den Sommerferien nur 3240 mit einer Stelle rechnen. Besonders schwer betroffen sind die Bewerber für Grund- und Hauptschulen. Nur 400 der rund 2600 Bewerber kommen dem Ministerium zufolge als Lehrer in den Schuldienst, davon sind 115 Neustellen. Bis September 2009 sollen insgesamt 305 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen werden. Die Hauptschüler sollen dann in der fünften und sechsten Klasse mehr Unterricht in Deutsch und Mathematik erhalten, zudem werden die Stunden für die Berufsorientierung in den Klassen acht und neun aufgestockt.

Finanzminister Gerhard Stratthaus hat Kultusminister Helmut Rau (beide CDU) signalisiert, dass er mit zusätzlichem Geld für das Förderprogramm rechnen kann. "Klar ist, es wird in den Hauptschulen etwas geschehen", sagte er am Montag.

Maria Wetzel, StN


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Jan-Martin Wagner
Jena

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faz.net, 7. März 2007

Leitartikel
Großbaustelle Hessen
Von Bernd Heptner

Schulpolitik ist für Koch Chefsache, für die SPD eine Frage des Rechtbehaltens.

Die Schulpolitik hat in Hessen stets Wahlen mitentschieden. Nicht immer war es so dramatisch wie in den siebziger Jahren, als der Streit um die "Rahmenrichtlinien" für die Lehrpläne zum Kulturkampf geriet. Damals ging es um die Frage, ob die Schulen zu Agenturen der Gesellschaftsveränderung gemacht werden sollen; ob Hochdeutsch und Rechtschreibung als Unterdrückungsinstrument der herrschenden Klasse zu sehen und ihre Teilabschaffung als emanzipatorische Tat zu werten sei. In ihrem Widerstand gegen den Zugriff einer weit nach links gedrifteten SPD auf die Schulen erstarkte die hessische CDU damals von einem 26,4-Prozent-Honoratiorenverein zur stärksten Partei des Landes.

Die SPD fing sich erst wieder, als Ministerpräsident Börner im schulpolitischen Streit über Lehrpläne und Gesamtschulen "das Ende der Fahnenstange" ausrief. Doch die SPD konnte wenigstens eine gesetzliche Verpflichtung zur Einführung der obligatorischen Förderstufe retten. Der bürgerliche Widerstand hiergegen trug 1987 mit dazu bei, dass in Hessen erstmals ein CDU-Politiker Ministerpräsident werden konnte. Die Regierung Wallmann stellte als Erstes die "Schulwahlfreiheit" wieder her. SPD und Grüne suchten dies dadurch zu verhindern, dass sie aus dem Landtag auszogen und diesen so beschlussunfähig machten. Mühevoll setzte sich die Regierungskoalition von CDU und FDP dennoch durch.

Die hessische Schulpolitik geriet immer wieder zur großen Oper. Sei es, dass die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Missachtung der Geschichte des Nationalsozialismus zu einer "Belagerung des Landtages" aufrief, um so den Abgeordneten eine Arbeitszeitverkürzung abzutrotzen. Sei es, dass die Regierung Eichel die Bildungseinrichtungen des Landes finanziell und personell dermaßen kurzhielt, dass sich sein Kultusminister Holzapfel fast nur noch unter Polizeischutz in die Schulen begeben konnte. Der stete Unterrichtsausfall, von der Opposition im Wahlkampf als großes Trauerspiel vorgeführt, trug dann 1999 dazu bei, dass CDU und FDP zum zweiten Mal die Regierung übernehmen konnten.

Seit acht Jahren versuchen nun Ministerpräsident Koch und Kultusministerin Wolff die Leistungsfähigkeit und das Ansehen der rund 1800 hessischen Schulen zu verbessern. Tausende von Lehrer- und Referendarstellen wurden neu geschaffen. Für den verbleibenden, teils kurzfristigen Stundenausfall wurden viele Millionen Euro zur Verfügung gestellt, damit die Schulen Vertretungsreserven aus früheren Lehrern, Lehrfach-Studenten und anderen bilden können - eine werbend "Unterricht Plus" genannte, weitgehend erfolgreiche, vereinzelt jedoch gescholtene Einrichtung, die die SPD-Spitzenkandidatin Ypsilanti im Falle ihres Wahlsiegs bei der Landtagswahl 2008 sofort abschaffen will.

Somit hat die Kultusministerin eine Fülle von Baustellen eröffnet - zu viele nach Ansicht des Philologenverbandes, der, anders als die linke GEW, der Regierung Koch nicht gerade feindlich gesinnt ist. Als erstes Bundesland hat Hessen freiwillige Deutsch-Vorlaufkurse vor der Grundschule eingerichtet, die inzwischen von 96 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund besucht werden. Denn Ministerin Wolff mahnte: "Mir kommt kein Kind in die Grundschule, das nicht Deutsch kann." Wer erst als Jugendlicher in Hessen zuzieht und mit Deutsch Schwierigkeiten hat, für den gibt es überall schulische Sprachkurse, in denen auch schon Fachliches vermittelt wird.

Die seit vier Jahren allein regierende CDU ist überzeugt, dass den unterschiedlichen Begabungen und Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen am besten ein unterschiedliches Bildungsangebot entspricht. Die jeweilige Qualität der Bildungsgänge wurde durch neue Lehrpläne, durch Ausweitung der Fächer Deutsch, Mathematik und Naturwissenschaften, durch Vergleichsarbeiten innerhalb einer Schule, durch landesweite Abschlussprüfungen in allen Schulformen sichergestellt. Das Landesabitur startet erstmals in den nächsten Tagen.

Hinzu kamen ein neues Institut für Qualitätsentwicklung ("IQ") sowie auswärtige Schulinspektoren ("Schul-TÜV"). Mancher Reformschritt vollzog sich knirschend, die Lehrer waren nicht immer willig (jeder dritte ist bei der GEW organisiert, die unverändert für die Gesamtschule wirbt), und die Zumutungen hörten nicht auf. Denn es gab noch mehr Baustellen im Schulwesen: Die Verkürzung der gymnasialen Ausbildung von neun auf acht Jahre hat überall begonnen, der Nachmittagsunterricht ist die Folge. Die Ganztagsangebote wurden verstärkt und liegen bald bei dreißig Prozent. Nun kommt auch noch die von Koch angekündigte Reform der Hauptschule als Verbindung von Schule und Betrieb hinzu - ein großes Unterfangen, weil dabei auch die Mitarbeit der Wirtschaft erforderlich ist.

Nimmt man alle Baustellen zusammen, wird man der Regierung kaum den bei Linken beliebten Vorwurf machen können, ihr lägen nur die Gymnasien am Herzen. Die Landesregierung hat ein Gesamtkonzept und bemüht sich um Verbesserungen auf breiter Front. Schule ist für Koch, Vater zweier Schulkinder, insgesamt "Chefsache" geworden. Angesichts dessen klingt die Kritik der SPD-Kandidatin Ypsilanti, die CDU halte an der Auslese fest und versperre den Kindern aus bildungsfernen Familien den Zugang zu höheren Bildungsabschlüssen, etwas dünn, zumal sie als Königsweg nur "das gemeinsame Lernen aller Schüler bis Klasse 10" anbieten kann. Als wenn eine einfache Ganztags-Gesamtschule für alle "die" Lösung wäre. Es wäre mehr als ein Rückschritt in die siebziger Jahre - und der Beginn eines neuen Kulturkampfes.


Text: F.A.Z., 08.03.2007, Nr. 57 / Seite 1
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 11.03.2007 um 22.41 Uhr eingetragen.
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sueddeutsche.de, 7. März 2007

Gutachten von Erziehungswissenschaftlern
Experten fordern radikale Bildungsreform
Die Vorschläge der Bildungsforscher sind revolutionär: Kita-Pflicht für Vierjährige und befristete Stellen für Lehrer. Nach SZ-Informationen soll für die Uni kein Abitur mehr nötig sein.
Von Tanjev Schultz

Führende deutsche Bildungsforscher verlangen einen revolutionären Umbau des Bildungssystems. Schulen sollten zwar staatlich finanziert, aber von privaten Trägern geleitet werden. Lehrer müssten regelmäßig ihre „Lizenz“ durch die Teilnahme an Fortbildungen erneuern.

In einem Gutachten empfiehlt der „Aktionsrat Bildung“, dem sieben namhafte Professoren angehören, eine deutlich größere Autonomie der Schulen. Sie sollen selbst verantwortlich sein für Auswahl und Einsatz der Pädagogen, aber auch für ihre leistungsbezogene Bezahlung. Zudem sollen Lehrer grundsätzlich befristet beschäftigt werden.

"Masterplan" für Reformen

Ihre Arbeitsverträge sollen nur nach Teilnahme an Fortbildungen verlängert werden. Lehrpläne und Budgetrahmen müssten jedoch weiter vom Staat vorgegeben werden. Um Migranten und Kinder aus armen Familien besser zu fördern, soll der Staat Zielvereinbarungen mit einzelnen Schulen schließen und erfolgreiche Einrichtungen belohnen.

Mit ihrer Expertise, die an diesem Donnerstag öffentlich vorgestellt werden soll, wollen die Experten die Politik zum Handeln zwingen. Es handle sich um einen „Master-Plan“ für Reformen, sagte der Vorsitzende des Aktionsrats, der Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen, der Süddeutschen Zeitung.

Die anderen Mitglieder des Rats sind führende Bildungsforscher, unter ihnen der Chef des deutschen Pisa-Teams, Manfred Prenzel, der Münchner Bildungsökonom Ludger Wößmann und der Direktor des Dortmunder Instituts für Schulentwicklung, Wilfried Bos. Der Aktionsrat wurde vor eineinhalb Jahren auf Initiative der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft hin gegründet. Während sich Studien wie Pisa oder der nationale Bildungsbericht, die von den Kultusministern in Auftrag gegeben werden, auf Diagnosen konzentrieren, gibt der Aktionsrat auch politische Empfehlungen.

Die Forderung, das Schulsystem zu entstaatlichen und Pädagogen nur noch befristet einzustellen, wird wohl auf massiven Widerstand der Lehrerverbände stoßen. Diese klagen seit Jahren über Verschlechterungen für ihren Berufsstand und warnen zudem vor einer „Testiritis“ durch immer mehr Leistungskontrollen. Sie wehren sich auch gegen ein öffentliches Schulranking, das der Aktionsrat nun befürwortet. Lenzen forderte ein „transparentes Informationssystem“, das Eltern einen Überblick über die Leistungen einzelner Schulen gebe.

In seinem gut 160 Seiten umfassenden Gutachten befassen sich die Wissenschaftler auch mit anderen Feldern der Bildungspolitik. Im Streit über das gegliederte Schulsystem plädieren die Experten für eine bundesweite Umstellung auf eine zweigliedrige Struktur aus Sekundarschulen und Gymnasien. Dies würde bedeuten, die Hauptschulen abzuschaffen, und entspräche dem Kurs, den derzeit die CDU in Hamburg einschlägt.

Kindergartenpflicht ab vier Jahren

Um Bildungschancen gerechter zu verteilen, muss nach Ansicht der Forscher zudem eine Kindergartenpflicht vom vollendeten vierten Lebensjahr an eingeführt werden. Kindergärten sollen ganztägig und beitragsfrei angeboten werden; damit stützt das Gutachten die Pläne der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU). Die Ausbildung der Erzieher wollen die Experten durch akademische Abschlüsse aufwerten und mit dem Lehrerstudium verknüpfen.

Auch für die Hochschulen gibt es radikale Reformvorschläge. In Zukunft soll bei der Zulassung zum Studium weniger auf „formale Rechtstitel“ wie das Abitur oder eine abgeschlossene Ausbildung geachtet werden, sondern allein die „Studierfähigkeit“ entscheiden. Dies würde eine weitgehende Öffnung der Universitäten bedeuten; neben dem Abitur bekämen fächerspezifische Tests, die Hochschulen oder spezielle Test-Firmen anbieten, größeres Gewicht. In der Vergangenheit hat der Philologenverband immer wieder davor gewarnt, das Abitur zu entwerten.


(SZ vom 08.03.2007)


(Ein ausführlicher Kommentar dazu siehe hier.)
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David Weiers
Königswinter

Dieser Beitrag wurde am 11.03.2007 um 12.21 Uhr eingetragen.
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Es sei durchaus verfassungskonform, den Staat in eine Aufsichtsfunktion zurückzudrängen und eine echte Schulautonomie zu realisieren.

Das ist doch schon mal ein brauchbarer Gedanke! Hat ja lange gedauert, bis sich da mal wieder einer an Humboldt erinnert ...
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 11.03.2007 um 00.16 Uhr eingetragen.
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Focus online, 8. März 2007

Radikale Bildungsreform
Wirtschaftsunternehmen Schule
Weg vom Beamtenstatus: Leistungsbezogene Gehälter, befristete Verträge, verpflichtende Weiterbildungen – so sollen künftig die Arbeitsbedingungen von Lehrern im „Wirtschaftsunternehmen Schule“ aussehen.

Staatsbetriebe als erfolgsorientierte Einrichtungen – das ist die Quintessenz des 160 Seiten starken Jahresgutachtens 2007, das führende deutsche Bildungsforscher heute vorstellen. Schulen sollen in Zukunft staatlich finanziert, aber von privaten Trägern geleitet werden. Der Staat liefert die Lehrpläne und den Budgetrahmen und schließt Zielvereinbarungen mit den Schulen. Dabei soll die Förderung von Migranten und Kindern aus armen Familien im Mittelpunkt stehen. Einrichtungen, die diese Aufgabe erfolgreich meistern, werden belohnt.

Der „Aktionsrat Bildung“, dem sieben namhafte Professoren angehören, will dem Reformprozess im Bildungsbereich auf die Sprünge helfen. Die neue Studie „Bildung neu denken. Das juristische Konzept“ der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), deren Ergebnisse heute in Berlin ebenfalls vorgestellt werden, räumt juristische Bedenken gegen eine grundlegende Bildungsreform aus dem Weg. Es sei durchaus verfassungskonform, den Staat in eine Aufsichtsfunktion zurückzudrängen und eine echte Schulautonomie zu realisieren.

Auch die Gründung der bundesweiten bildungspolitischen Initiative „Aktionsrat Bildung“ vor eineinhalb Jahren ging auf die Initiative der Wirtschaft zurück. „Wir benötigen bürgerschaftliches Engagement der Kontrolle, weil wir uns auf die Versprechungen der Politik nicht mehr verlassen wollen“, betont Professor Dr. Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin und Vorsitzender des Aktionsrats.

Im kommenden Jahr widmet sich der Rat dem Thema Bildungsgerechtigkeit.

ah/sz/bildungsklick

http://www.focus.de/schule/schule/bildungspolitik/bildungsreform_nid_46000.html
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Gerber Tanja
Olten

Dieser Beitrag wurde am 17.02.2007 um 06.16 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#1476


Sehr geehrte Frau van Thiel

Sie haben mich nicht mißverstanden. Es war nicht verletzende Absicht, Sie zu kritisieren. Da mir Sarkasmus offenbar abgeht, werde ich künftig um Mäßigung bemüht sein und bitte um Entschuldigung.

Tanja Gerber
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Wolfgang Scheuermann
Dilsberg

Dieser Beitrag wurde am 09.02.2007 um 12.05 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#1433


Software auf zentralen Servern

Ich bin selbst seit längerer Zeit Opfer einer solchen zentralen Server-Lösung: Während ich früher Software auf meinem Büro-PC gespeichert hatte (und damit sogenannte Updates sehr, sehr lange hinauszögern konnte – das hatte den Vorteil, daß ich diese Programmversionen dann viel genauer kannte und auch besser nutzen konnte), hänge ich jetzt an einem zentralen Server und bekomme Updates kostengünstig zentral verpaßt – ob ich das will oder nicht.
(Jetzt lohnt es sich für mich nicht mehr, ein Computerprogramm genau kennenzulernen, weil ich ja gar nicht weiß, wie lange ich es noch nutzen kann.)

Eine besonders mißliebige Konsequenz dieser Zentralisierung ist, daß ich die Rechtschreibprüfung bei jedem einzelnen Dokument umschalten muß (da zentral jetzt "die" neue Rechtschreibung voreingestellt ist), schlimmer noch: selbst, wenn ich ein in herkömmlicher Rechtschreibung von mir verfaßtes Dokument ein zweites Mal aufrufe, wird jedes "daß" unterkringelt und z.T. wird richtiges Deutsch "autokorrigiert" (auch das läßt sich offenkundig nicht mehr auf Dauer ausschalten). Das ist reiner Orwell.

Alte PCs an bayerischen Schulen würden einwandfrei funktionieren, wenn man entsprechend alte Software-Versionen nutzen würde. (Aber dann könnte man solche schönen Spielchen nicht treiben.)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 08.02.2007 um 18.10 Uhr eingetragen.
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Uni Passau macht lahme Schul-Computer wieder fit

Projekt rüstet alte Rechner auf - Schulen sparen dadurch Geld

Von Susanne Wax
Passau/Alkofen. Ob Rechtschreibung, Rechnen oder Ratespiele: An fast allen bayerischen Schulen wird das inzwischen auch am Computer geübt. Eine ausreichende Ausstattung mit Geräten und Software geht vor allem für die Grund- und Hauptschulen ganz schön ins Geld. Das könnte sich ändern: Der Passauer Wirtschaftsinformatiker Dr. Christian Stingl hat für seine Dissertation ein System ausgetüftelt, das einwandfreies Arbeiten mit alten Rechnern möglich macht.
An der Grundschule Alkofen (Lkr. Passau) haben er und Dr. Peter Kleinschmidt von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Passau ein Jahr lang ein Pilotprojekt durchgeführt. 120 Buben und Mädchen drücken hier die Schulbank, ihnen und den Lehrern stehen 31 PCs zur Verfügung. Die meist veralteten Geräte hat Christian Stingl an einen zentralen Server in Passau angeschlossen, der alle Lernprogramme, Benutzer- und Anwendungsdaten in einer aktuellen Version überträgt. „Der Server leistet die gesamte Rechenpower für die Geräte“, erklärt er. Wird eine Aktualisierung der Programme fällig, reicht es, sie auf diesem Server zu installieren.
Etwa alle sieben Jahre muss seine Schule mit neuen Computergeräten ausgestattet werden, sagt Schulleiter Max Lackner. „Vom Schulträger bekomme ich im Jahr 72,10 Euro pro Schüler. Für die PCs bleibt da nicht viel übrig.“ Die letzten Geräte hat der Elternbeirat gespendet. Die Administration übernimmt Lackner größtenteils selbst, Geräte-Ausfälle fürchtet er: „Eine Handwerkerstunde kostet mich 80 Euro.“ Mit der serverbasierten Lösung kann Christian Stingl bei technischen Problemen von Passau aus eingreifen.
Die Finanzen hat er für einen Zeitraum von fünf Jahren berechnet: 15 000 Euro würden in dieser Zeit für Hard- und Software, Support, Schulung und Vernetzung fällig. Die Alternative, sämtliche Geräte regelmäßig auszutauschen, käme auf knapp das Doppelte. „Billiger und trotzdem besser“ nennt Peter Kleinschmidt die serverbasierte Lösung. Um ihre Idee bayernweit anbieten zu können, wollen Stingl und Kleinschmidt beim Kultusministerium einen Antrag auf Förderung stellen. MdL Dr. Gerhard Waschler (CSU) sieht gute Chancen: „Das Projekt passt in die aktuellen Überlegungen in der bayerischen Schulpolitik.“ Neben der Aufbesserung des Images der Hauptschulen sei auch die Stärkung der Grundschulen ein großes Thema.


(Passauer Neue Presse, 8. Februar 2007)
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Rominte van Thiel
Röttenbach

Dieser Beitrag wurde am 08.02.2007 um 16.13 Uhr eingetragen.
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Liebe Frau Gerber, war ich denn noch nicht sarkastisch genug? Ich wollte doch nur Prof. Icklers Tagebucheintrag "Zum Heulen" unterstreichen. Ich meine gerade, daß dieses zitierte Kind von der Verbohrtheit der Reformliebhaber erfaßt ist, so als ob man durch Lektüre in herkömmlicher Rechtschreibung von einem gefährlichen Virus befallen werden könnte. – Schweizer Kinder (obwohl ich keine kenne) mußten nach meiner Vorstellung immer zwischen verschiedenen Systemen hin- und herspringen, so wie ja auch Schweizer Verlage in "deutscher" Rechtschreibung veröffentlichen. Eine solche Flexibilität täte auch diesem besagten Kind gut. – Und gerade unsere FAZ meint, daß man den armen Kindern so etwas nicht zumuten könne.

Oder habe ich jetzt Sie mißverstanden?
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Gerber Tanja
Olten

Dieser Beitrag wurde am 08.02.2007 um 09.49 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#1425


Raub der deutschen Sprache

Rominte van Thiel kann mir sicher erklären, warum Schweizer Kinder ihren Schulabschluss nicht geschafft haben sollen, obwohl diese mit Büchern jahrzehntelang mit ss-Schreibung in deutscher Manier konfrontiert wurden und werden. Die Empfehlungen der Lehrer, einmal eine NZZ zu lesen, hat doch gute Gründe und, soweit mir bekannt, noch keinem Kind geschadet.

Die Deutschen waren doch einmal so stolz auf ihren Schatz, die deutsche Sprache! Warum nur verharren sie in ihrer Frustration, statt zu handeln?
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 10.01.2007 um 00.03 Uhr eingetragen.
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Sprachschwierigkeiten
Bildungsministerin Schavan will die Zahl der Analphabeten im Land bis 2012 auf zwei Millionen halbieren. Praktiker nennen das illusorisch. 80 000 Schulabgänger pro Jahr können kaum lesen und schreiben.
Susanne Rost

BERLIN. Lange hat niemand etwas gemerkt. Sybille hat sich immer verdrückt, wenn in ihrem Altenheim jemand gesucht wurde, der Geschichten vorlas. Aber irgendwann hat ihre Chefin die 43-jährige Pflegerin doch erwischt: Als sie ein Patientenformular ausfüllen sollte. Und die Vorgesetzte nicht von ihrer Seite wich. Sybille konnte sich nicht mehr mit "Brille vergessen" rausreden, nicht mehr schnell eine Kollegin um Hilfe bitten oder sich rasch die rechte Hand verbinden. Es war zu spät für die üblichen Tricks, mit denen sie sich sonst durchs Leben schummelte. Die Altenpflegerin musste einräumen, dass sie nicht richtig schreiben und lesen kann. "War das peinlich", erinnert sie sich. Noch heute schämt sie sich für ihr Unvermögen - so sehr, dass sie ihren richtigen Namen nicht nennen mag.

Sybille ist kein Einzelfall: Etwa vier Millionen Menschen bundesweit sind Analphabeten, schätzen Experten. "Die meisten haben aus der Schulzeit rudimentäre Kenntnisse und können zumindest ihren Namen zu Papier bringen", sagt Ute Jaehn-Niesert. Sie leitet die Einrichtung, die sich am längsten in Deutschland um Analphabeten kümmert: den "Arbeitskreis Orientierungs- und Bildungshilfe" (AOB) im Mehringhof in Berlin-Kreuzberg. "Als sich der Verein 1977 gründete, gingen wir davon aus, dass wir uns mit der Zeit überflüssig machen", sagt Ute Jaehn-Niesert. "Aber denkste: Es kamen immer mehr Leute zu uns." Suchten in den 80er-Jahre Jahren pro Jahr etwa 100 Menschen Hilfe bei dem Verein, sind es in diesem Jahr rund 180. Die meisten Kursteilnehmer sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. "Etwa ein Viertel aller Jugendlichen, die die Hauptschule absolviert haben, können kaum lesen und schreiben", sagt Ute Jaehn-Niesert. Der Bundesverband Alphabetisierung geht davon aus, dass 80 000 Schulabgänger pro Jahr nur über so mangelhafte Kenntnisse verfügen, dass sie über kurz oder lang zu so genannten funktionalen Analphabeten werden. Ihnen stehen jährlich 30 000 Menschen gegenüber, die bei Vereinen wie dem AOB oder in Volkshochschulkursen das Lesen und Schreiben üben.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat das Ziel ausgegeben, in den nächsten fünf Jahren die Zahl der Analphabeten zu halbieren. "Das ist realitätsfern", sagt dazu Ute Jaehn-Niesert. Um das Problem ernsthaft anzugehen, bedürfe es grundlegender Veränderungen im Bildungssystem - beginnend in Kindergärten und Schulen. Doch dafür sind die Länder zuständig, nicht der Bund. Gleiches gilt für Bildungseinrichtungen, die Kurse für Analphabeten anbieten, sie sind von Landeszuschüssen abhängig. "Von den 30 Millionen Euro, die Frau Schavan bereitstellt, wird die Basis nicht profitieren", prophezeit AOB-Leiterin Jaehn-Niesert.

Wenn zärtlich von zäh kommt

Zwei Türen weiter knobelt eine Fortgeschrittenen-Klasse an einem Dutzend Wörtern. Den Begriffen an der Tafel fehlt ein Buchstabe: e oder ä - das ist hier die Frage. Sybille, die Altenpflegerin, überträgt langsam Buchstabe für Buchstabe in ihren Block. "Verlasst euch nicht darauf, wie es besser klingt", sagt Margret Müller, die Lehrerin. "Sucht, ob es ein Stammwort mit ,a' gibt." Ahmed sorgt für Belustigung: Statt meckern schreibt er "mäckern" an die Tafel. Weil das Wort von Macker komme. Zärtlich buchstabiert er richtig. Aber er leitet es von zäh ab.

Solche Fehler sind hier, im kleinen Kreis der Leidensgenossen, kein Problem. Im Alltag dagegen schon. Viele Betroffene lassen sich viel einfallen, damit ihre Schwäche nicht publik wird. Beispielsweise Ludwig, der den gleichen Kurs wie Sybille und Ahmed besucht. Jahrelang hat er abgelehnt, die Weiterbildung zu machen, die ihm sein Arbeitgeber anbot. "Das Risiko, dabei als Analphabet entdeckt zu werden und deshalb den Job zu verlieren, war mir zu groß", sagt der 42-jährige Dreher. Die Kollegen, die die Weiterbildung absolvierten, machten Karriere, erzählt Ludwig. Sein eigener Job wurde wegrationalisiert. Analphabeten sind häufiger arbeitslos als andere, vier von zehn haben keinen Job. Sybille ist noch im Altenheim tätig, die Kollegen verschonen sie jetzt mit Schreibaufgaben. "Ich freu' mich schon auf das erste Patientenformular, das ich selbst ausfülle", sagt sie. "Aber das dauert noch."


(Berliner Zeitung, 8. 1. 2007)


(Die Unterschrift der begleitenden Illustration ein Fauxpas sonder gleichen: „Bundesverband Analphabetisierung“)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 07.01.2007 um 23.08 Uhr eingetragen.
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Büchergeld landet nicht in schwarzen Kassen

Riedenburg/Kelheim (DK) Um das Büchergeld tobt ein handfester politischer Streit. ÖDP und SPD werfen den Kommunen vor, heimlich vier Millionen Euro zu horten, statt sie für Lernmittel auszugeben. Der DONAUKURIER fragte im Landkreis nach.

Riedenburgs Stadtkämmerer Alfred Schels versichert auf Nachfrage: "Wir verdienen am Büchergeld nichts." Die Einnahmen seien in etwa genauso hoch wie die Ausgaben. Er belegt dies mit Zahlen aus dem Schuljahr 2005/2006. Danach kassierte die Stadt Riedenburg 7900 Euro aus dem Büchergeld. Der Aufwand für neue Bücher lag im gleichen Zeitraum bei 7200 Euro. Mit dem Differenzbetrag von 700 Euro würden Rückstände beim Einkauf von Lernmitteln ausgeglichen, die aus der durch die Rechtschreib-Reform entfachten Unsicherheit resultierten.
"Das Büchergeld ist uns vom Gesetzgeber aufgezwungen worden", bedauert Schels. Andererseits bringe es eine spürbare Entlastung für die Gemeinden. In Riedenburg stünden Ausgaben von 228 000 Euro für den Bildungsbereich so gut wie keine Einnahmen gegenüber.

Zahlen aus Dietfurt

Auch in Dietfurt existieren keine mit Büchergeld gefüllten schwarzen Kassen. Stadtkämmerin Gabi Dumann bekräftigt dies mit Zahlen: Im Kalenderjahr 2005 standen 9285 Euro Einnahmen Ausgaben in Höhe von 6838 Euro gegenüber. Im Kalenderjahr 2006 dann das umgekehrte Bild: Die Gemeinde nahm per Büchergeld 9480 Euro ein, investierte aber 11 791 Euro in Lernmittel. "Das Büchergeld kommt ausschließlich den Schülern zu Gute", betont Dumann. Eine Fremdverwendung, beispielsweise zum Ausgleich der gestiegenen Energiekosten, schließt sie kategorisch aus.

Das bestätigt auch Georg Moro, der Leiter des staatlichen Schulamtes im Landkreis Kelheim: "Wir haben im Landkreis präzise die Summe ausgegeben, die wir eingenommen haben." Moro hat im Oktober 2006 eigens eine Umfrage bei sämtlichen Grund- und Hauptschulen im Landkreis organisiert, die seine Aussage untermauert. Insgesamt wurden demnach im K reis im Schuljahr 2006/07 genau 181 000 Euro für Bücher ausgegeben.

Dennoch hat sich das Büchergeld auch im Landkreis Kelheim zum Politikum entwickelt. Die Neustädter SPD-Landtagsabgeordnete Johanna Werner-Muggendorfer ist deswegen bei Bildungsminister Siegfried Schneider (CSU) vorstellig geworden. In dessen Antwortschreiben, das dem DONAUKURIER vorliegt, weist der Landesminister darauf hin, dass "faktisch kein Zwang besteht, die Büchergeld-Mittel im laufenden Jahr auszugeben". Gerade bei Umstellungen des Lehrplanes könnten Schulbuch-Anschaffungen erforderlich werden, die aus dem Etat des laufenden Jahres nicht zu bestreiten sind.

Schneider verteidigt die Einführung des Büchergeldes mit dem Hinweis, dass die Schulbücher oft veraltet und bis zu 20 Jahre benutzt worden sind. Wäre das frühere Finanzierungs-System beibehalten worden, dann hätte sich der Bestand an Lernmitteln weiter verschlechtert, befürchtet Minister Schneider.

Doch unabhängig von der Schwierigkeit der prompten Verwendung trifft das Büchergeld wieder Bürger, die ohnehin durch die Erziehung von Kindern zusätzliche finanzielle Bürden schultern. Für jeden Grundschüler werden 20 Euro fällig, für jeden Hauptschüler sogar 40 Euro.

Brief an den Landrat

Deshalb beklagt der Abensberger SPD-Kreisrat Helmut Schug in einem offenen Brief an Landrat Hubert Faltermeier und den Abensberger Bürgermeister Uwe Brandl die "große Belastung für viele Familien mit niedrigem Einkommen". Aus diesem Grund lehne die bayerische SPD das Büchergeld strikt ab. Bildung dürfe nicht vom Geldbeutel abhängig sein.


(Donaukurier, 7. Januar 2007)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 06.01.2007 um 19.27 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#1297


Hightech-Helfer soll Vokabel-Büffeln erleichtern

Schweriner Elektronikexperte bringt Trainingsgerät auf Markt / Sechs Jahre Entwicklungsarbeit

Schwerin (Von Grit Büttner) • „Cram“ ist englisch und heißt „vollstopfen“. „Crammy“ ist die Bezeichnung eines neuen elektronischen Vokabeltrainers, den ein gleichnamiges Start-up-Unternehmen aus Pinnow bei Schwerin jetzt auf den Markt bringt. Das Gerät im Handy-Format kann zunächst mit englisch-deutscher Software bestellt werden. Programme für Französisch, Spanisch, Italienisch sowie das Training ganzer Sätze sollen bald folgen, wie Erfinder Roland Stankewitz sagt.

Der Clou: Sämtliche Begriffe sind vertont und werden, von Muttersprachlern gesprochen, über Ohrhörer ausgegeben.

Die Idee zu dem handlichen Lerngerät kam dem studierten Elektronik-Ingenieur nach eigenen „leidvollen“ Erfahrungen. „Ich bin selbst ein gebranntes Kind“, gesteht der Mecklenburger Schwierigkeiten mit dem Vokabelpauken ein. Etliche Jahre lang arbeitete der heute 49-Jährige als Berater im Schienenfahrzeugbereich und Projektleiter im Anlagenbau weltweit und suchte nach einer Methode, sich schnell viele englische Begriffe anzueignen. Er fand einen Weg, auf dem er nun auch andere Sprachschüler mitnehmen will. „Das System funktioniert wie das herkömmliche Selbstabfragen mit Karteikarten, nur viel komfortabler.“ Als Ingenieur sei er einfach bestrebt, Prozesse – und das gelte auch für das Lernen – zu automatisieren.

„Crammy“ ist laut Stankewitz in der Lage, das stupide Auswendiglernen erheblich zu vereinfachen. Dazu ließen sich selbst Schulbus- oder Bahnfahrten sinnvoll nutzen. Auch könne der mobile Vokabeltrainer mit Sprachausgabe und Wörterbuch dem Schüler abends vor dem Einschlafen die letzte Lektion noch mal vorlesen.

Wiederholung sei alles, weiß der Jungunternehmer und baute in den Trainer entsprechende Funktionen wie auch ein Alarmsignal ein, das in regelmäßigen Abständen ans Lernen erinnert.

Praktische Anwendung ist das A und O beim Sprachenlernen, wie der Rostocker Lerntherapeut und Deutsch/Englisch-Lehrer Georg Drischler bestätigt. „Eine Fremdsprache sollte nicht nur in der Schule, sondern auch in der Freizeit – etwa beim Briefe schreiben oder der Computerarbeit – genutzt und so möglichst in den Alltag integriert werden“, sagt er. Ein elektronischer Helfer, der die Vokabeln auch akustisch ausgebe, könne vor allem Kinder mit Lernproblemen oder Lese-Rechtschreib-Schwäche wirkungsvoll unterstützen.

Entwicklung verschlang eine halbe Million Euro

Seit 1999 tüftelte Stankewitz mit vier weiteren Ingenieurbüros an dem Sprachtrainer, dessen Entwicklung mehr als eine halbe Million Euro kostete. Auf Grundfunktionen sind Patente erteilt. Ergonomisch geformt wurde „Crammy“ vom Stardesigner Luigi Colani. Inhaltlich bietet das Gerät pro Sprache 8000 Begriffe und damit das Gros des Wortschatzes.

Der Lernerfolg wird an Hand richtig gewusster Begriffe gespeichert. „Crammy“ bietet dann automatisch Wiederholungen an - „so lange, bis die Wörter sitzen“, wie der Erfinder sagt.
www.crammy.de

(Schweriner Volkszeitung, 3. Januar 2007)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 02.01.2007 um 19.21 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#1254


Vorhaben von Bildungsministerin Schavan
Fünfjahresplan für weniger Schulabbrecher
Bundesbildungsministerin Annette Schavan hat eine gemeinsame Initiative mit den Ländern angekündigt, um die Zahl der Jugendliche ohne Schulabsschluss bis 2012 zu halbieren. Gegenüber der Tagesschau sagte die Ministerin, sie wolle 2007 eine "Offensive für den Bildungsaufstieg" ins Leben rufen.
(tagesschau.de, 2. Januar 2007; Video der 17-Uhr-Sendung)


Interview mit Annette Schavan
Regierung plant Offensive gegen Schulabbrecher
Düsseldorf (RP). Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) über Innovation, Hochschulpolitik und die neue Initiative der Bundesregierung, die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss bis 2012 zu halbieren.
(RP online, 2. Januar 2007)


Regierung will Abbrecherquote halbieren - Lehrergewerkschaft und Wirtschaft skeptisch
Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) will sich im neuen Jahr stärker um Schulabbrecher kümmern. Die Abbrecherquote solle bis 2012 mit einer Bund-Länder-Offensive um die Hälfte verringert werden, sagte Schavan. Während das CDU-regierte Thüringen als erstes Bundesland seine Unterstützung für die Initiative zusagte, stieß Schavans Vorschlag bei Liberalen und Linken auf Kritik.
(ddp-Artikel, 2. Januar 2007)


Dazu:

Initiative überfällig und nicht ausreichend / GEW zur Bund-Länder-Initiative der Bundesbildungsministerin: Halbierung der Schulabgänger ohne Abschluss in den nächsten fünf Jahren
(Verbände-Forum, 2. Januar 2007)

Wer weniger Schulabbrecher will, darf sich einer grundlegenden Schulreform nicht verschließen / Pressemeldung von: Die Linke. im Bundestag
(Businessportal24.com, 2. Januar 2007)

Pressemitteilung des bildungspolitischen Sprechers der FDP-Bundestagsfraktion zur Bundes-Initiative gegen Schulabbrecher
(fdp-fraktion.de, 2. Januar 2007)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 02.01.2007 um 15.48 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#1249


Ein eigenes Labor für fixe Denker
Das bundesweit erste Schülerlabor für Geisteswissenschaften gibt es in Berlin. Hamburger Forscher wollen das Experiment kopieren. Was passiert dort?

Von Angela Grosse

Die Schüler staunten, dass sich Wissenschaftler ihr ganzes Forscherleben lang mit den Werken eines einzigen Autors befassen können", schmunzelt Dr. Yvonne Pauly, Initiatorin des bundesweit ersten "Schülerlabors Geisteswissenschaften". Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) hatte zu diesem Experiment eingeladen, die Nachfrage war groß - und der Erfolg steckt offenbar an. "Wir wollen im Jahr der Geisteswissenschaften auch ein Schülerlabor anbieten", kündigt Professor Heimo Reinitzer, Präsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, im Gespräch mit dem Abendblatt an. Denn dieses Schülerlabor eröffnet Schülern die Möglichkeit, Arbeitsformen der Geisteswissenschaftler kennenzulernen und zu erproben. Doch was geschieht da?

In den Naturwissenschaften werden Schülerlabore seit Jahren angeboten. Bundesweit gibt es mehr als 170. Auch das Berliner Programm, das die fünf bis zwanzig Schüler binnen eines halben Tages im Gebäude der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften absolvieren, setzt auf experimentelles Arbeiten - wie in jedem anderen Labor auch. "Alle Aufgaben, die wir stellten, stellen sich auch im Berufsalltag von Sprachwissenschaftlern", betont Pauly. Dabei sollten die Schüler möglichst eigenständig herausfinden, wie Geisteswissenschaftler arbeiten. Gegenstand der Experimente vergangenes Jahr waren das Leben und Werk von Karl Philipp Moritz. "Ich wollte den Schülern den Autor nahebringen, den Johann Wolfgang von Goethe liebevoll als seinen ,kleinen Bruder' bezeichnete, der die erste psychologische Zeitschrift in Deutschland begründete, als Lehrer in Berlin wirkte und Mitglied der Akademie war", so Pauly, die an der kritischen Gesamtausgabe seines Werkes arbeitet. Eine ideale Gelegenheit für die Schüler, aus erster Hand auch mehr über den Berufsalltag einer Sprachwissenschaftlerin zu erfahren.

Zum Aufwärmen mussten die Schüler die Eckdaten des Lebenslaufs von Moritz notieren; zuvor hatte Pauly eine Einführung in sein Leben vorgelesen. Damit erarbeiteten sich die Oberstufenschüler die Basis, um zu verstehen, warum Moritz' Romane, wie beispielsweise "Anton Reiser", Leser bis heute faszinieren.

Das nächste Experiment: Die Schüler sollten einen Originaltext aus dem 18. Jahrhundert entziffern - der auch in der damals üblichen Rechtschreibung verfasst war - und in eine moderne Version übertragen. Es war ein Text, den auch Pauly noch nicht abschließend bearbeitet hatte. "Vor allem die dritte Aufgabe, einen textkritischen Kommentar zu verfassen, war eine Herausforderung", erinnert sich Pauly. Einige der Schüler hätten nach dem Vormittag eingeräumt, dass ihnen der Deutschunterricht an der Schule schon Spaß mache, aber dass sie sich nicht vorstellen könnten, als Sprachwissenschaftler zu arbeiten. "Vielleicht konnte ich ihnen den Schock ersparen, den ich erlitt, als ich an die Universität kam. So wissenschaftlich hatte ich mir mein Studium nicht vorgestellt", erinnert sich Pauly.

Die Berliner wollen ihr Projekt, das der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft mit 30 000 Euro fördert, auch dieses Jahr fortsetzen. Außerdem wollen sie das Themenspektrum erweitern. Geplant sind Schülerlabore zur Arbeit am Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, am Digitalen Wörterbuch oder am Goethe-Wörterbuch - alles Forschungsvorhaben der BBAW. So werden die Schüler nebenbei auch mehr über die Arbeit dieser ehrwürdigen Akademie erfahren.


Die Akademie im Internet: www.bbaw.de

(Hamburger Abendblatt, 2. Januar 2007)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 02.01.2007 um 15.41 Uhr eingetragen.
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Wenn Nachhilfe nicht weiterhilft
In einer Lerntherapie finden Schüler heraus, wie sie besser lernen – und trainieren Konzentration

Von Katja Gartz

Anton lässt sich im Unterricht gerne von seinen Klassenkameraden ablenken. Textaufgaben liest er ungenau, versteht sie falsch und kann sie deshalb nicht richtig beantworten. Um seine Leistungen in Mathematik zu verbessern, nahm er ein Jahr lang Nachhilfeunterricht. Jedoch ohne Erfolg. Seit Beginn des Schuljahres macht Anton eine Lerntherapie.

Im Gegensatz zum Nachhilfeunterricht hat die Lerntherapie nicht das Ziel, Wissenslücken zu schließen und Fachwissen nachzuholen, sondern die Ursachen der Lernschwierigkeiten zu beheben. Dabei lernen Schüler, einzelne Lernschritte bewusst wahrzunehmen, Aufgaben selbstständig zu bearbeiten und eigene Lösungswege zu finden. Zu Beginn versuchen die Therapeuten in Gesprächen und mit Tests herauszufinden, wo die Stärken und Schwächen liegen.

Durch die sogenannte Eingangsdiagnostik erfuhr Anton, dass sein Problem nicht mangelndes Verständnis, fehlende Auffassungsgabe oder gar Intelligenz ist, sondern dass er sich nicht konzentrieren kann und Schwierigkeiten hat, strukturiert zu arbeiten. Gemeinsam mit der Schülerin Allison und der Lerntherapeutin Jessica Albrecht vom Memory Institut für prozessorientierte Lerntherapie übt er einmal pro Woche 90 Minuten lang Lernfertigkeiten, Motorik und „Braingym“ mit Rätseln. Die Lerntherapeutin begleitet die beiden Schüler bei ihren Aufgaben, die das sprachliche und mathematische Verständnis sowie die räumliche Vorstellungskraft trainieren. Wenn sie nicht weiterwissen, bringt sie die beiden mit Fragen dazu, die Lösung selbst zu finden.

Allison bearbeitet einen Übungsbogen, auf dem in jeder Spalte zwei Buchstaben stehen. Was sie mit den Buchstaben machen soll, muss sie selbst herausfinden. Sie beginnt, Wörter zu bilden. Aus einem kleinen m wird mein, aus dem großen Maus. Ist die Aufgabe erledigt, steht die Selbstkorrektur an. Die Lerntherapeutin will wissen, ob Allison mit ihren Ergebnissen zufrieden ist. Sie überprüft ihre Wörter ein zweites Mal und findet einen Fehler. „Mit eigener Kontrolle, gewinnen sie die Sicherheit, dass sie es richtig gemacht haben, sie erfahren Bestätigung und lernen, sich selbst zu helfen“, sagt Jessica Albrecht.

Anton versucht, Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Dingen zu benennen. Bei dem Begriffspaar Eis und Käse tut er sich schwer. „Beides hat Geschmack, ist unterschiedlich geformt, das eine ausgefüllt, das andere löchrig“, sagt Anton. Er merkt, dass seine Adjektive nicht passen, sucht nach Wörtern und präziseren Ausdrücken. Gleichzeitig übt er, wie man sich auf eine Aufgabe konzentriert und lernt, in Worte zu fassen, was er tut.

Um Anton zu zeigen, dass er es sich mit seinem Chaos in der Schultasche unnötig schwer macht, brachte die Lerntherapeutin in seinem Zimmer seine ordentlich sortierten Sachen für den Hamster durcheinander. „Ich war wenig begeistert, weil ich nichts mehr gefunden habe“, sagt der Zwölfjährige. Es ist ihm gelungen, diese Erfahrung auf die Schule zu übertragen. Arbeitsbögen heftet er jetzt sofort ab, trägt sie ins Inhaltsverzeichnis ein, so dass er sie schnell wieder findet. „Diese bewusste Transferleistung ist ein entscheidender Prozess bei der Lerntherapie“, sagt Therapeut Matthias Raudat vom Memory Institut. Kinder würden sich in ihrer Freizeit häufig anders verhalten, diese Verhaltensweisen könnten sie auch im Unterricht nutzen.

Auch Schulen entdecken zunehmend, dass es nicht reicht, wenn Schüler Wissen anhäufen, dieses aber nicht anwenden können. So bietet die Moses-Mendelssohn-Schule in Moabit pro Tag eine Förderstunde mit integrierter Lerntherapie an. Schüler, die Textaufgaben lesen ohne den Sinn zu verstehen, haben dann die Möglichkeit, im Stoff zurückzugehen, und mit der fremden Hilfe nochmal neu zu lesen. Mit Bildern und visualisierten Buchstaben können versäumte Lernschritte nachgeholt werden. Gute Erfahrungen macht auch die Seeschule Rangsdorf, indem sie bei der Rechtschreibung und beim Rechnen Unterrichtsmaterial aus der Lerntherapie benutzen. Zum Einsatz kommen diese vor allem bei den Siebtklässlern, weil diese sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen.

„In Schulen wird zu wenig berücksichtigt, wie Kinder lernen“, sagt Psychologe Jens Lauer, der Lehrer in Sachen Lerntherapie fortbildet. Solange es Kinder gebe, die lernen, aber nicht weiterkommen, werde sich an den Ergebnissen der Pisa-Studie nichts ändern.

Die elfjährige Allison hatte in der Schule Angst, Aufgaben falsch zu verstehen und Fehler zu machen. In einem Jahr Lerntherapie hat sie gelernt, sich zu konzentrieren – und dass es erlaubt ist, Fehler zu machen. „Ich fühle mich heute sicherer“, sagt die Schülerin. Ihre Mutter Alexandra Musch kann das bestätigen. „Sie traut sich mehr zu, ist ausgeglichener und selbstständiger.“


(Der Tagesspiegel, 2. Januar 2007)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 31.12.2006 um 14.51 Uhr eingetragen.
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Nicht nur Rütli und Emsdetten

Das PISA-Land Deutschland im Jahr 2006
Von Katrin Sanders


12,45 Millionen Schülerinnen und Schüler besuchten in diesem Jahr Schulen in ganz Deutschland. Die Bildungsausgaben lagen pro Kopf bei 5000 Euro. 250.000 Ehrenrunden wurden gedreht. Ein Jahresrückblick.

(Deutschlandfunk, 27. Dezember 2006)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 31.12.2006 um 14.24 Uhr eingetragen.
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2b or nt 2b - SMS Slang in der Schule

In Neuseeland scheinen Schularbeiten für viele Schülerinnen und Schüler etwas alltagsbezogener zu werden. Denn laut Medienberichten wird SMS-Sprache dort nicht mehr als Fehler gewertet. So darf beispielsweise das berühmte Shakespearzitat "to be or not to be" - "Sein oder nicht sein" - bei einer Schularbeit durchaus als "2b or nt 2b" geschrieben werden.

Neue Sprachentwicklung

Natürlich werden korrekt geschriebene Texte weiterhin bevorzugt, doch sollten derartige Abkürzungen akzeptiert werden, "wenn das nötige Verständnis eindeutig demonstriert ist", zitierte die Zeitung "The Press" aus Christchurch die Behörde. Der aus der Handy-Verbreitung entstandenen Sprachentwicklung möchte sie sich nicht versperren. Vor allem unter jungen Leuten haben sich in allen Sprachen gängige Abkürzungen entwickelt, die das Schreiben von Textnachrichten auf einer Handy-Tastatur erleichtern und beschleunigen.

Neuseeländische Lehrerinnen und Lehrer sind skeptisch, was diese Entscheidung anbelangt und viele fürchten um die englische Sprache.
Lehrer Denis Pyatt aus Christchurch meinte, er lehre seine Schülerinnen und Schüler korrektes Schreiben. "Aber die SMS-Sprache ist seit langem eine der aufregendsten Sprachentwicklungen."

In Österreich noch falsch

Österreichische Schüler werden in der Schule mit der "SMS-Sprache" nicht davon kommen. Solange Ausdrücke wie "CU" (Wir sehen uns) oder "4E" (Forever) nicht in renommierten Wörterbüchern wie dem Duden oder dem Österreichischen Wörterbuch (ÖWB) zu finden sind, werden sie weiterhin als Fehler gewertet. Erst wenn derartige Kürzel vermerkt sind, könnten die Schüler sie auch verwenden, betonte der ehemalige Leiter der Zwischenstaatlichen Kommission für die deutsche Rechtschreibung und Wiener Landesschulinspektor Karl Blüml gegenüber der APA.

Das könnte aber schneller geschehen als man denkt. "O.K." oder "SMSen" haben es ja bereits ins ÖWB geschafft - diese Ausdrücke können zumindest unter Anführungszeichen in Schularbeiten verwendet werden, so Blüml.

Die Art des verfassten Textes ist natürlich auch nicht zu ignorieren: In einem Problemaufsatz über die Ethik des Arztberufs werde SMS-Sprache nichts zu suchen haben, bei der Darstellung eines Dialogs zwischen Jugendlichen könne er sich dies aber recht bald vorstellen, meinte Blüml.


(Österreichisches Schulportal, 21. Dezember 2006)
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Tanja Gerber
Olten

Dieser Beitrag wurde am 29.11.2006 um 06.57 Uhr eingetragen.
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Geist des Rittertums

Beziehen sich die Reformer beim Wort "gefechtet" auf die Fechtkunst (Sportart)? Wenn man sich heute schon nicht mehr auf Duden verlassen kann, wie erklären Sie einem Kind oder Jugendlichen, warum "gefechtet" künftig erlaubt sein sollte, obwohl auf der Fechtbahn gefochten wird?

(Sehen Sie auch: Rechtschreibung bleibt Glücksache von Herrn Stefan Stirnemann)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 24.11.2006 um 22.02 Uhr eingetragen.
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Pressemeldung
Niedersächsisches Kultusministerium

Rechtschreibung wichtiger Bestandteil des Deutschunterrichts
Busemann: „Ganzheitlicher didaktischer Ansatz“

Hannover, 21.11.2006

„Selbstverständlich ist die Rechtschreibung nach wie vor ein wichtiger Bestandteil des Deutschunterrichts und geht in die Leistungsbewertung ein. Mit der neuen Regelung zur Notengebung im Fach Deutsch ist sie jetzt versetzungsrelevant. Damit wird die Rechtschreibleistung aufgewertet und hat einen angemessenen Stellenwert erhalten“, hat der Niedersächsische Kultusminister Bernd Busemann heute (21.11.2006) die Vorgaben des Kultusministeriums für die Benotung im Fach Deutsch auf den Zeugnissen der Grundschulen erläutert.

„Rechtschreibkompetenz umfasst sehr viel mehr als das traditionelle Diktat den Schülerinnen und Schülern abverlangt. Sie umfasst die Fähigkeit, verständlich zu schreiben, Wörter nachschlagen zu können, mit Regelungen umzugehen oder auch Texte kontrollieren und korrigieren zu können“, machte Busemann deutlich. Eine Aufteilung der Deutschnote in Teilnoten lasse sich auf Grund des ganzheitlichen didaktischen Ansatzes nicht mehr rechtfertigen. In Realschulen und Gymnasien habe es noch nie eine gesonderte Rechtschreibnote gegeben. „Auch im Fach Mathematik gab und gibt es keine besonderen Teilnoten zum Beispiel für Rechenoperationen oder die Geometrie, weil alle Teilbereiche sich in einander fügen“, sagte Busemann.

Die Kultusministerkonferenz hatte bereits am 15.10.2004 die nationalen Bildungsstandards im Fach Deutsch für den Primarbereich als Grundlage der fachspezifischen Anforderungen für den Unterricht verabschiedet. Mit Beginn des Schuljahres 2005/2006 sind sie in Kraft getreten. Die Länder sind gehalten, die Bildungsstandards durch entsprechende Lehrpläne zu konkretisieren.

„In Niedersachsen haben wir das mit den neuen Kerncurricula, die zum 1.8.2006 für alle Fächer der Grundschule, also auch für das Fach Deutsch, in Kraft getreten sind, unmittelbar umgesetzt“, betonte Busemann. Das Fach Deutsch sei danach in vier Kompetenzbereiche gegliedert: Sprechen und Zuhören, Schreiben, Lesen – mit Texten und Medien umgehen, Sprache und Sprachgebrauch untersuchen. „Alle Kompetenzbereiche und deren Teilbereiche sind eng aufeinander bezogen und können nicht isoliert behandelt werden“, stellte Busemann fest.

„Leserliches und richtiges Schreiben sind grundsätzlich Unterrichtsprinzipien, die in allen Fächern berücksichtigt werden sollen. Über die Gewichtung bei der Leistungsbewertung treffen die Fachkonferenzen der einzelnen Schule entsprechende Absprachen“, so Busemann abschließend.

Pressekontakt zu dieser Meldung
Pressesprecher Georg Weßling
Tel.: 0511 / 120 7145
Fax: 0511 / 120 7451
E-Mail: georg.wessling@mk.niedersachsen.de


(Links: Kultusministerium, Bildungsklick, TeachersNews)
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Walter Lachenmann
Waakirchen

Dieser Beitrag wurde am 22.11.2006 um 23.12 Uhr eingetragen.
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Verdientes Lob

In der Gaststätte Jennerwein in Gmund wurde ich soeben Ohrenzeuge eines bemerkenswerten Berichts. Am Nebentisch hatten sich fünf junge Frauen zum gemütlichen Plausch und guten Abendessen zusammengefunden. Natürlich gingen die Gespräche hauptsächlich um die Kinder und deren Schulprobleme.

In der Klasse eines der Sprößlinge hatten zwei Drittel aller Schüler in einer Schularbeit eine Sechs geschrieben. Und die Lehrerin hat ihre Kinder sehr gelobt.

Weil sie nämlich nicht geweint haben. Anders als in der verweichlichten Parallelklasse, wo das Ergebnis genauso miserabel war und das Wehklagen kein Ende nehmen wollte.
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 22.11.2006 um 18.42 Uhr eingetragen.
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„Wildwuchs“ bei Therapieangeboten
Stadtelternbeirat: Lebhafte Diskussion über neue Verordnung zur Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwäche

Das Thema Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwäche (LRR) stand im Mittelpunkt der Sitzung des Stadtelternbeirats in der Edith-Stein-Schule. Wie Schüler mit besonderen Schwierigkeiten gefördert werden sollen, regelt seit diesem Mai eine neue Verordnung zum Hessischen Schulgesetz. Über die Änderungen, die die Verordnung mit sich bringt, informierte Andreas Bäcker vom Staatlichen Schulamt Darmstadt/Darmstadt-Dieburg.

Andauernde Probleme eines Kindes im Lesen, Schreiben und Rechnen festzustellen, gehöre zu den Aufgaben der Schulen, heißt es im neuen Verordnungstext, der die Richtlinien aus dem Jahr 1995 ablöst. Lehrer müssten dazu den sprachlichen, kognitiven, sozio-emotionalen und (fein)motorischen Entwicklungsstand ihrer Schüler, ihre Lernmotivation, ihr Lernverhalten, -tempo und ihre optischen und akustischen Wahrnehmungsfähigkeiten beobachten, erläuterte Bäcker. Zur Beratung könnten „im Einzelfall“ auch Beratungslehrer, Schulpsychologen oder Schul- und Fachärzte hinzugezogen werden. Individuelle Förderpläne für Schüler im Rahmen eines schulbezogenen Förderkonzeptes zu erörtern, sei Aufgabe der Klassenkonferenz. Schulen müssten außerdem einen fachlich qualifizierten Lehrer als Ansprechpartner benennen, berichtete der Psychologe.

Der Besuch von schulischen Förderkursen, die das Selbstbewusstsein der Kinder stärken, Blockaden abbauen helfen sowie Techniken und Strategien vermitteln, ist verbindlich. Geregelt wird in der Verordnung, die für alle Schulformen gilt, auch der von Eltern zu beantragende „Nachteilsausgleich“. Er sieht unter anderem vor, Kindern, die von „LRR“ betroffen sind, längere Bearbeitungszeiten zuzugestehen, Hilfsmittel wie ein Wörterbuch zuzulassen oder statt schriftlich nur mündlich zu prüfen. Dies müsse „einvernehmlich“ mit dem Lehrer abgesprochen werden.

Auch beim „Notenschutz“ seien individuelle Regelungen unter Ausnutzung des „pädagogischen Ermessensspielraums“ möglich, sagte Bäcker. Beispielsweise könnten mündliche Leistungen stärker als schriftliche gewichtet oder auf die Bewertung bei Klassenarbeiten zeitweise verzichtet werden. Dazu müsse die Teilnahme an Förderkursen nachgewiesen werden. Hochgradige Schwierigkeiten beim Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen ließen sich unter Umständen als Behinderung anerkennen.

In einer lebhaften Diskussion äußerten Eltern Zweifel an der Verbindlichkeit und Umsetzbarkeit der Verordnung für die Schulen. Angesichts fehlender Ressourcen sei das Angebot an schulischen Förderkursen zu gering, bemängelte die Mutter einer an Lese- und Rechtschreibschwäche leidenden Tochter. „Wir haben alles privat finanziert.“ Eine weitere Teilnehmerin berichtete, die Schwierigkeiten ihres Kindes seien trotz ständiger Fünfen und Sechsen im Diktat von schulischer Seite nicht erkannt worden.

Schulen könnten die Inhalte der Verordnung „nicht von heute auf morgen leisten“, sagte Gerd Zboril, Leitender Schulamtsdirektor des Staatlichen Schulamts. Die Verordnung sei „ein Schritt in ein Mehr“.

„Wer schult die Eltern?“, wollte ein Vater wissen. Schließlich müssten Eltern mit ihren von Lese-, Rechtschreib- oder Rechenschwäche betroffenen Kindern üben und Hausaufgaben erledigen. „Nicht zu viel zuhause lernen“, riet Andreas Bäcker. „Stundenlanges, zähes Ringen vergiftet den Familienfrieden und ist kontraproduktiv“, mahnte er und beklagte „den blühenden Markt bei Lerntherapien“. Manche Kinder seien von „einem Wildwuchs therapeutischer Maßnahmen“ überfordert.

Als Stellvertreter der Vorsitzenden des Stadtelternbeirates, Christiane Prusseit, wurde auf der Sitzung Martin Fahrnländer (Stadtelternbeirat für die Förderschulen) gewählt. Zweiter Stellvertreter ist Erik Seiler, der Integrierte Gesamtschulen vertritt.

„Was Eltern zur neuen Verordnung der LRR wissen müssen“ ist Thema einer Veranstaltung des Stadtelternbeirates mit Rechtsanwältin Heike Bickel am Mittwoch, 24. Januar 2007; Ort und Zeit werden noch bekannt gegeben. Weitere Informationen zum Programm des Beirates gibt es unter www.local-pages.de/steb-da.
sil


(Echo online, 20. November 2006)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 20.11.2006 um 21.59 Uhr eingetragen.
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Schreiben als Kinderspiel

Lübeck – In den ersten Grundschuljahren, so erzählt die Lübeckerin, wurde ihre Tochter "ganz traditionell" unterrichtet. "Da ist sie schon nicht mitgekommen." Die Mutter sah schwarz und war umso erstaunter, als ihr Kind in der dritten Klasse richtig gut in Rechtschreibung wurde und sichtbar Spaß am Schreiben hatte.

Was war passiert? Die Antwort kann jeder morgen in Kronshagen sehen – in einem Film über individuelle Lernwege, den die Lehrerin dieses Mädchens in Klassen in Schleswig-Holstein und Hamburg gedreht hat. Beate Leßmann hat bei mehreren Schülergenerationen miterlebt, wie quälend und frustrierend Rechtschreibung für viele Kinder ist. Zunächst als Grundschullehrerin in Nordrhein-Westfalen, dann bei einem einjährigen Aufenthalt in Nashville/USA und natürlich auch als Mutter von drei Söhnen. Akzeptieren wollte dies die Pädagogin aber nicht, war sie doch überzeugt, dass gerade das Schreiben Kinder stark und sicher machen kann. Es kam nur darauf an, für jedes Kind den passenden Schlüssel zu finden, mit dem es sich das Reich der Buchstaben erschließen kann. Beate Leßmann bot ihren Schülern solche Schlüssel an. Etwa ein Tagebuch, in welches das Kind schreiben kann, was es mag – Hauptsache, es schreibt. Oder eine eigene "Wörterklinik", in der alle Wörter behandelt werden, die bei einem Kind wie verhext immer wieder falsch auf dem Papier landen. Solche individuellen Lernwege brachten die Kinder so weit nach vorn in der Rechtschreibung, dass Beate Leßmann diese Methode mitnahm, als sie mit ihrer Familie vor ein paar Jahren nach Schleswig-Holstein zog.

Im keineswegs privilegierten Stadtteil Lübeck-Kücknitz übernahm sie eine 3. Grundschulklasse, in der viele Kinder das Erlernen der Rechtschreibung bereits als vergeblichen Kampf abgehakt hatten. Dass sich dies innerhalb eines Jahres messbar änderte, brachte die heute 41-Jährige auf die Idee mit dem Film: Jeder sollte nachvollziehen können, wie der Alltag in einer Klasse aussieht, wenn jedes Kind auf seine Art die Rechtschreibung lernt. Also ließ sie den Filmemacher Lothar Sack ihren Unterricht in Kücknitz filmen, ließ Kinder zu Wort kommen und auch Eltern: "Das ganze Verhalten der Kinder, auch untereinander, ist viel besser geworden. Es ist in der Klasse immer ruhiger geworden", berichtet eine Elternvertreterin.

Weil natürlich auch andere Pädagogen solche Wege im Unterricht gehen, dokumentierte Leßmann zudem Klassen in Stockelsdorf und in Hamburg. Tatsächlich ist es verblüffend zu sehen, wie gut die ABC-Schützen in der Grundschule Stockelsdorf schon nach vier Monaten schreiben können. Und das Erstaunen wächst noch bei den Hamburger Beispielen – einer integrative Klasse mit etlichen lernbehinderten Kindern und einer Klasse, in der Kinder aus 14 Nationen sitzen. "Ich könnte in dieser Klasse gar nicht anders arbeiten. Die Kinder entwickeln sich viel besser", sagt die Lehrerin der integrativen Klasse in dem Film.

"Ich hoffe, die Beispiele machen Mut – den Eltern, aber auch Lehrerkollegen. Denn dafür braucht ein Lehrer keine Genehmigung, kein Extra-Projekt, kein zusätzliches Geld", sagt Beate Leßmann. Vor allem transportiert der Film "Jedes Kind wertschätzen!" den Stolz der Kinder auf die eigene Leistung. Wie jene Zweitklässlerin, die gerade eifrig ihr Tagebuch erweitert hat: "Ich habe über zwei Rosen geschrieben. Die haben sich verliebt, und dann haben sie geheiratet..."


Info: Der 95-minütige Film "Jedes Kind wertschätzen" wird am morgigen Dienstag, 21. November, um 15.30 Uhr im Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen (IQSH) in Kronshagen, Schreberweg 5, öffentlich gezeigt.

Von Heike Stüben


(Kieler Nachrichten, 20. November 2006)
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Kratzbaum
*

Dieser Beitrag wurde am 20.11.2006 um 18.27 Uhr eingetragen.
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Ganz gewiß feiern die Eidgenossen am 1. August nicht ihre nationale Einigung. Vom Rütlischwur bis zur heutigen Gestalt war es doch noch ein ganz hübsches Stück weit. Dem steht nicht entgegen, daß, wie Herr Markner richtig bemerkt, jeder Nationalfeiertag der Selbstvergewisserung eines Volkes dient. Ich würde auch den Freiheitsgedanken, der in der Gründung der Urschweiz enthalten ist, in den Vordergrund stellen. So hätten wir wieder ein aufmunterndes Beispiel in Sachen Rechtschreibreform. (Gegen fremde Vögte!)
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Reinhard Markner
Berlin

Dieser Beitrag wurde am 20.11.2006 um 18.12 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#1106


Jeder Nationalfeiertag dient der Beschwörung der nationalen Einheit, auch der schweizerische. Daß und was genau die Schweizer am 1. August feiern, ist den meisten Deutschen zweifellos unbekannt.
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Tanja Gerber
Olten

Dieser Beitrag wurde am 20.11.2006 um 14.41 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#1105


Ein sonderbarer August!

Wird deutschen Schülern eigentlich beigebracht, den Unterschied zwischen Nationalfeiertag und Tag der nationalen Einheit zu kennen? Herrn Wrases Äusserung zufolge feiern die Schweizer ja sowieso am 1. August die nationale Einheit. Ein solcher Festakt wäre mir in jedem Fall neu.
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Christoph Schatte
Poznan

Dieser Beitrag wurde am 22.10.2006 um 14.00 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#1016


Die Kultusministerin Karin Wolff muß einer abstrusen Dialektik aufgesessen sein, wenn sie wirklich meinte, daß die Eltern sich nicht entsprechend dem Angebot entscheiden. Kaufen Frau Minister also nicht das, was ihr vorschwebt, sondern das, was angeboten wird. Vielleicht sollten sogar Kultusminister wissen, wie das mit Angebot, Nachfrage und so ist (Stichwort: Markt).
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 11.10.2006 um 19.30 Uhr eingetragen.
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Bücher zu alt, Klassen zu groß

Einbeziehung der Eltern gefordert/Ministerin und Elternvertreter in Sachen Unterrichtsqualität einig

Vom 11.10.2006

Von

Wilhelm Schlieker

WIESBADEN "Lehrer deckeln, die viel fordern - das kann ich nicht hinnehmen. Gute Leistungen von Schülern und von Lehrern gehören gewürdigt", Kultusministerin Karin Wolff gab vor den Elternbeiräten aus den hessischen Städten und Kreisen eine klare Marschrichtung in Sachen Qualität des Unterrichts aus. Berichte über Schulleitungen, die Lehrer gemaßregelt haben sollen, wenn sie bei Orientierungsarbeiten überdurchschnittlich gut abschnitten, erregten sichtlich den Unwillen der Ministerin.

Hatte es beim Thema "Unterrichtsgarantie plus" im Diskurs zwischen der Ministerin und den Elternbeiräten in der Elly-Heuss-Schule auch kritische Anmerkungen gegeben, so sahen sich Eltern und Ministerin beim Thema Qualität des Unterrichts ohne Zweifel auf der gleichen Seite. Kritik der Eltern machte sich eher daran fest, dass es nicht in allen Bereichen schnell genug gehe. Einer dieser Bereiche: Die Schulbücher. Mit Schrecken habe sie feststellen müssen, dass im Biologiebuch ihrer Tochter der Gendefekt Trisomie 21 noch als "Mongoloismus" beschrieben werde, ein Begriff, der seit 1965 verpönt sei. Ein Vater sah die EU im Schulbuch seines Kindes auf zwölf Staaten verkleinert. Und dass die Bücher allesamt in alter Rechtschreibung verfasst seien, fördere kaum das Erlernen der neuen Regeln.

Die Schulbücher alle fünf Jahre erneuern, forderten die Eltern, auch die Umstellung auf das Abitur in acht Jahren (G8) erfordere neue Bücher. Ebenfalls ein Hemmschuh auf dem Weg zu mehr Qualität an Schulen waren aus Elternsicht die Klassengrößen - da sei oft jede Schmerzgrenze überschritten.

Dass Lehrerkollegien an Schulen immer älter würden, dass eine gewisse Beamtenbequemlichkeit zu beobachten sei, die sich durch geringe Bereitschaft zur Fortbildung dokumentiere, dass viele Lehrer jeden Vergleich - und damit die Orientierungsarbeiten - scheuten, monierten Eltern im Gespräch mit Karin Wolff. Das "Gejammer der Lehrer" sei nicht mehr zu ertragen, platzte einem Elternvertreter der Kragen, in der Wirtschaft könne man seinen Frust auch nicht an anderen auslassen. Eltern, so die Klage, würden an manchen Schulen immer weniger informiert oder einbezogen.

Die gewünschte, größere Eigenverantwortlichkeit der einzelnen Schulen dürfe nicht dazu führen, dass Eltern ausgegrenzt werden, betonte Kultusministerin Karin Wolff. Und die neuerdings in festen Punkten messbare Fortbildungspflicht der Lehrer gelte für alle Altersklassen. Die Schulleitungen seien gefordert, eine Bestandsaufnahme zu leisten, welcher Lehrer welchen Fortbildungsbedarf habe. Es gehe ihr darum, so die Ministerin, Konzepte zu entwickeln, mit denen es innerhalb des Beamtentums Leistungsanreize gebe. Die interne Verbindlichkeit sei bereits größer geworden.

Mehr Geld für neue Bücher - da machte die Kultusministerin den Elternvertretern wenig Hoffnung. Die Schulen müssten im Rahmen der dafür ausgewiesenen Budgets entscheiden, wo Neuanschaffungen nötig seien. Im Zuge von G8 seien immerhin 2,5 Millionen Euro bereitgestellt worden. Erkennbar gestiegene Klassengrößen machte die Ministerin nur bei den Gymnasien aus. Da entspreche das Wahlverhalten der Eltern in Bezug auf die weiterführende Schulform nach der Grundschule nicht mehr dem Angebot.


(Main-Spitze, 11. Oktober 2006; zuvor auch Wiesbadener Tagblatt und Main-Rheiner, 10. Oktober 2006)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 22.06.2006 um 15.56 Uhr eingetragen.
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Pressedienst der Stadt Gütersloh

21.06.2006
Erfolgreiche Kooperation zur Schreibförderung

Gütersloh (gpr). Was hat Bewegung mit Rechtschreibung zu tun? Eine ganze Menge. Dass eine Verknüpfung von Schritten und Schwingen mit den Silben der Wörter sinnvoll und erfolgreich beim Erlernen der Rechtschreibung sein kann, belegt jetzt die Auswertung zum Projekt „Rechtschreiben erforschen – Lesen verstehen“, kurz ReLv genannt.

„Das ReLv-Konzept schneidet in fast allen Bereichen am besten ab“, ist das Fazit von Dr. Hildegard Liermann und Beate Morwinski, die in ihrem Projektbericht die Erfahrungen mit den Gütersloher Pilotklassen präsentierten. Der Erfolg lässt sich anhand von Rechtschreib- und Lesetests belegen. Verglichen wurden die Ergebnisse sowohl mit einem alternativen, in Marburg in ersten und zweiten Klassen durchgeführten Modellprojekt für den Schriftsprachenerwerb als auch mit Testnormwerten für die Klassen eins bis vier, die auf der Basis einer Stichprobe von mehr als 2300 Schülerinnen und Schülern aus allen Bundesländern ermittelt wurden.

Die Gütersloher Schülerinnen und Schüler der zehn Pilotschulen, die nach den Methoden des ReLv-Projektes unterrichtet wurden, schnitten im Durchschnitt in der Rechtschreibung um acht Prozent besser ab als die Schüler, die nach dem erfolgreichsten Konzept der Vergleichsstudie gearbeitet haben. Beim Lesen schnitten die Gütersloher ReLv-Schüler um vier Prozent besser ab als dieses Konzept. Die Ergebnisse der dritten und vierten Klassen lagen größtenteils auch über denjenigen der Testnormwerte.

Ein Erfolg, der motiviert. Darin sind sich die Kooperationspartner, die Stadtbibliothek Gütersloh, die Stadt Stiftung Gütersloh, die Bildungs- und Schulberatung des Kreises und der Fachbereich Jugend einig. Seit Februar 2004 läuft das Projekt ReLv. Mit dem Projektbericht liege jetzt die Bestätigung vor, dass Gütersloh mit dieser Initiative auf dem richtigen Weg sei, so Heinz Haddenhorst, Leiter des Fachbereichs Jugend der Stadt Gütersloh.

Beate Morwinski, die als Beratungsfachkraft im Rahmen des ReLv-Projekts in der Stadtbibliothek als Ansprechpartner für Kinder und Eltern mit Lese- und Rechtschreibproblemen fungiert, weiß aus der Unterrichtspraxis, dass man den Schülern die Rechtschreibung nicht einfach eintrichtern kann. Mit den Methoden von ReLv bestünde die Möglichkeit, dass die Kinder Rechtschreibstrategien erlernen mit dem Ziel, selbstständig die Rechtschreibung zu erforschen. Hildegard Liermann hat herausgefunden, dass diese neue Methode nicht nur den Kindern mit Rechtschreibschwäche, sondern auch den leistungsstärkeren Schülern zu Gute kommt und vor allem den Kindern mit einem Migrationshintergrund.

Die im Projekt entwickelten Förderprogramme sollen jetzt auch für andere Schulen genutzt werden. Mit dem Projekt habe sich die Stadt dafür eingesetzt, die Schulen zu befähigen, die Rechtschreib- und Leseprobleme zu lösen. Die Kooperationspartner seien seinerzeit angetreten, um die „Gütersloher Antwort auf Pisa“ zu finden, so Michael Jacobi, Geschäftsführer der Stadt Stiftung Gütersloh. Inzwischen hätten sich Synergieeffekte ergeben, von denen weitere Schulen profitieren könnten.

Die Kosten für die zweijährige Pilotphase lagen bei rund 130 000 Euro. Den größten Anteil davon, nämlich 80 000 Euro trug das Land. 26 250 Euro stellte die Stadt Stiftung aus dem Tombola-Erlös zur Verfügung. Die restlichen Kosten wurden von der Stadt Gütersloh und der Stadtbibliothek getragen.


http://www.presse-service.de/static/63/638921.html
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Norbert Schäbler
Hösbach

Dieser Beitrag wurde am 08.06.2006 um 13.42 Uhr eingetragen.
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"Wankelmut tut selten gut"

Ob die synthetische oder die analytische Methode im Lese- und Schreiblernprozeß das angemessene Mittel ist, vermag ich nicht zu entscheiden. Das steht mir auch nicht zu.
Ich stelle jedoch fest, daß die Kultusbehörde – genau wie bei der Rechtschreibreform – eine von zwei Methoden favorisiert. Sie bevorzugt das analytische Verfahren. Davon zeugen Lehrmittel, auf die Herr Wagner im vorhergehenden Beitrag hingewiesen hat.
Herr Wagner findet die angepriesenen Lehrmittel nicht zeitgemäß und weist darauf hin, daß sich die analytische Methode in einem besonderen Fall als Verzögerung des Leselernprozesses erwiesen hat. Zumindest in diesem einen Fall hätte sich die spezielle Ausrichtung auf die Analysis also zum Nachteil für den Zögling entwickelt. Jedoch dürfte es nicht allzu schwer fallen, weitere Versuchskaninchen zu finden, die auf die analytische Methode nur unzureichend reagieren.
Vielleicht wäre ein Sowohl-Als-Auch empfehlenswert! Das entspräche viel eher der Individualisierung und Differenzierung des Lernprozesses. (Derartig begriffliches Kauderwelsch entspricht der Norm kultusministerieller Äußerungen!)

Was mir neuerdings ein wenig Sorge bereitet, ist die prinzipielle Ausrichtung der Kultusminister auf die sog. „vereinfachte Ausgangsschrift“. Mir ist der Weg zur Einsicht in jene kultusministerielle Maßnahme allerdings versperrt, weil ich den Widersinn nicht entwirren kann. Offensichtlich handelt es sich doch um die Reinform der synthetischen Methode. Worte werden aus Einzelbuchstaben aufgebaut.
Wie aber paßt das zum übrigen methodischen Schema? Und was genau ist das Ziel?
Sollen künftighin vielleicht die Ausprägungen der individuellen Erwachsenenschriften entschärft werden, die doch ein solch üppiges Material für charakterliche Analysen feilboten?
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 08.06.2006 um 00.51 Uhr eingetragen.
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Daß so etwas immer noch angepriesen wird: ABC der Tiere - Lesen in Silben („Kindgemäß lesen lernen von Anfang an!“)

Wenn ich mich recht entsinne, wurde diese Methode in der Klasse der Tochter unserer Sekretärin angewandt – mit dem Erfolg, daß alle Kinder deutlich später auf dem Stand ihrer gleichaltrigen Mitschüler waren, bei denen buchstabenweise vorgegangen wurde.
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Norbert Schäbler
Hösbach

Dieser Beitrag wurde am 03.06.2006 um 16.37 Uhr eingetragen.
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Spieglein, Spieglein ...
"Schwach in der Rechtschreibung, schlecht im Kopfrechnen“. Mit dieser Bilanz über die Absolventen verschiedener Bildungsanstalten gehen selbsternannte Sprecher des dualen Systems (Abteilung: Berufsausbildung) hausieren. Sie beißen sich an einem augenfälligen Niveauverlust der Schulausbildung (vor allem in den Fächern Deutsch und Mathematik) fest; gestehen auf Nachfrage einige weitere Defizite im Bildungsbereich ein; rühmen sich andererseits ihrer eigenen Anstrengungen auf dem Weg des übernommenen Zöglings in Richtung Gesellenprüfung und schieben es wiederum auf die Schule, wenn die Prüfungsanforderungen nicht bewältigt werden oder gar die Lehrzeit abgebrochen werden muß.
Man müßte einmal untersuchen, mit welcher Häufigkeit auch das Ziel der Berufsausbildung verfehlt wird; wie viele Absolventen aus eigenen Stücken oder wegen fehlender Fähigkeit aufgeben. Dann käme man der Wahrheit ein Stückchen näher. Die Defizite liegen nämlich wesentlich häufiger im charakterlichen und mentalen Bereich. „Fehlendes Anspruchsniveau, geringe Motivation und Toleranz, zu wenig Verantwortungsgefühl und Durchhaltevermögen“; das sind nämlich einige Persönlichkeitsmerkmale, die schon in der ersten Ausbildungsphase (Schule) erkennbar werden und vermutlich auch im zweiten Bildungsabschnitt auftreten. Tugenden sind nämlich nicht nachlernbar, vor allem wenn sich die langjährig praktizierte und verfestigte Untugend dagegen sperrt. Bildungsinhalte hingegen kann man büffeln.

An anderer Stelle habe ich formuliert: „Die Dummheit des Souveräns sorgt für die Souveränität der Dummheit!“ Zur Erläuterung hier nur fünf (von unzähligen) Dummheiten, die sich die Kultusminister in den zurückliegenden Jahren geleistet haben. Allesamt haben sie charakterliche und mentale Defizite ausgelöst.
Einführung der Mengenlehre (70er Jahre): Das verschob die zur Verfügung stehende Unterrichtszeit weg von der gezielten Übung des Kopfrechnens hin zur konkreten und semikonkreten Veranschaulichungshysterie.
Einführung des Taschenrechners (80er Jahre): Damit wurde die Übungsphase des Unterrichts erneut beschnitten; das gezielte, fortlaufende Training der Grundrechenarten wurde zur Nebensache erklärt; die Lösung des Problems wurde fast ausschließlich einer Maschine überantwortet.
Neuausrichtung der Sprach- und Lesebücher (80er Jahre): Die Übungsaufgaben in Sprachbüchern wurden erheblich reduziert; in Lesebüchern tauchten neue Literaturgattungen (z.B. Comic, Gebrauchstexte/Zeitung, Briefe, Plakate, Bastelanleitungen ...) auf. Weniger der Gehalt als vielmehr der Inhalt wurde wichtig. Nicht die Übung, sondern die Motivation wurde wesentlich. Fröhliche Beschäftigung mit welcher Intensität auch immer wurde zum Leitziel der einsetzenden Spaßschule.
Einführung der Rechtschreibreform (90er Jahre): Die rund einhundert Jahre lang funktionierende einheitliche Rechtschreibung wurde durch staatliche Vorgaben ersetzt. Dabei wurde (vergleichbar mit der Einführung der Mengenlehre) ein Keil zwischen die Generationen getrieben, und zusätzlich wurde die Motivation zum Rechtschreiben-Lernen ausgehöhlt. Dem heutigen Schüler ist letztlich nicht mehr klarzumachen, warum er sich anstrengen soll, um sich Bildungsinhalte anzueignen, mit denen er in einigen Jahren genauso ohnmächtig und hilflos dastehen könnte, wie seine Eltern, deren Wissen seit 1998 nichts mehr wert ist. Ohne Ziel und Perspektive zu lernen, ist aber ein sinnloses Unterfangen.
Erlaß zur Lese- und Rechtschreibschwäche (s.u. Beitrag zum Thema "Notenausgleich"):
„Lernanreize schaffen und überwindbare (möglichst gleichbleibende) Hürden formulieren, bzw. fördern und fordern!“ Diese Bildungsmaßnahmen sind das A und O einer Leistungsgesellschaft. Offensichtlich tappen die Kultusminister im Dunkeln und wissen gar nicht, in welcher Art von Gesellschaft wir leben. An ihren Leistungen kann man das erkennen.
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(Red.)


Dieser Beitrag wurde am 02.06.2006 um 20.58 Uhr eingetragen.
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Siehe auch hier: „Besser als ihr Ruf – Azubis von heute sind teamfähiger als ihre Vorgänger - an den Umgangsformen hapert es aber “, Frankfurter Rundschau vom 27. Mai 2006.
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rr bth
Bayreuth

Dieser Beitrag wurde am 02.06.2006 um 15.27 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#711


Interessant dazu ist eine Einlassung der KMK-Präsidentin Erdsiek-Rave (SPIEGEL 22/2006, S. 36):
«Erdsiek-Rave: Viele Kinder haben Sprachprobleme [...]. Man könnte dies in Zukunft etwa bei der Notengebung berücksichtigen.
SPIEGEL: Sie wollen Zensuren schönen statt Defizite ausgleichen?
Erdsiek-Rave: Nein, das nicht. [...]
»
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Norbert Schäbler
Hösbach

Dieser Beitrag wurde am 02.06.2006 um 11.04 Uhr eingetragen.
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Notenausgleich: wann, wie, warum, wer?

1. Wann?: Sinnvoll ist ein Notenausgleich eigentlich nur dann, wenn im Sinne des Übertrittsverfahrens (z.B. an weiterführende Schulen bzw. beim Übertritt in die nächsthöhere Jahrgangsstufe) die Noten deshalb aufgewertet werden müssen, weil ansonsten die Zulassungsbedingungen nicht erfüllt sind. Auch beim Schulabschluß (dieses Zeugnis begleitet ja lebenslang) ist ein Notenausgleich erstrebenswert.
Anmerkung: Da der Notenausgleich verbal zu begründen ist (z.B. durch die Bemerkung: „Die Deutschnote beinhaltet nicht die Leistungen im Lesen und Rechtschreiben.“), wird die offenkundige Schwäche indirekt beim Namen genannt. Dies könnte sich z.B. beim Übertritt in das Berufsleben nachteilig auswirken.
2. Wie?: Prinzipiell gelten als übertrittsrelevante Fächer die Fachbereiche Deutsch, Mathematik und HSK (Heimat- und Sachkunde). Die Gesamtnoten dieser Bereiche werden vor dem Erstellen des Zeugnisses addiert und durch drei geteilt, wobei für den Übertritt an eine weiterführende Schule der Wert der Division nicht höher als 2,66 sein darf. Falls nun ein Schüler an einer durch einen Gutachter anerkannten LRS oder Legasthenie leidet, werden aus der Gesamtnote im Fachbereich Deutsch sämtliche notenrelevanten Bestandteile (Rechtschreiben, Lesen) ausgeklammert. Diese Ausklammerung gilt auch bei der Bewertung von Aufsätzen. Hinzukommt, daß die sprachliche Schwäche ja auch beim Lösen von Textaufgaben im Fachbereich Mathematik zum Tragen kommt, so daß für den Schüler bei Lernzielkontrollen im „Rechnen“ differenzierende Aufgaben ausgearbeitet werden müssen. Dabei werden dann nicht mehr die sogenannten Fertigkeiten (Anwendung auf übertragbare Rechen- und Alltagssituationen) geprüft, sondern meist nur noch rechnerische Fähigkeiten abverlangt.
Anmerkung: Die Vergleichbarkeit der Arbeitsergebnisse ist nicht mehr gewährleistet.
3. Warum:? Es ist eine meßbare Tatsache, daß – herbeigeführt durch genetische Anlagen sowie durch Erziehungsfaktoren – immer mehr Schüler Krankheitsbilder entwickeln, die es früher so nicht gab, und die früher durch anderweitige Steuerung gelindert, bzw. denen mit anderen Mitteln Abhilfe geschaffen wurde. Messungen fußen auf der Tatsache, daß sich Soziologie und Psychologie dem Individuum verschrieben haben und dabei sowohl Mängel im Gesellschaftswesen als auch in der menschlichen Persönlichkeit ausgemacht haben. Einzelmensch und Gesellschaft werden hierbei oft als Widersacher ausgemacht.
Anmerkung: Tatsache ist, daß es krankmachende Faktoren innerhalb der Gesellschaft sowie krankheitsstabilisierende Energien im Menschen selbst gibt. Diese Krankheiten sind tatsächlich vorhanden. Sie sind benannt, haben sich je nach Wirkfaktor manifestiert und können mit Hilfe gezielter eigenverantwortlicher pädagogischer Maßnahmen abgeschwächt und therapiert werden.
4. Wer?: Bereits in den ersten Unterrichtswochen, ja teilweise schon im Schuleignungstest fallen jedem Lehrer Schüler auf, die in Bezug auf ihre Reife von der Norm abweichen. Buchstaben- und Zahlenverdreher sind z.B. erste Hinweise auf eine mögliche Lese- und Rechtschreibschwäche. Frühestmöglich werden derartige fachspezifischen Mängel (Deutsch, Mathematik) mit ausgearbeiteten Tests überprüft, und im Falle der Verifizierung wird der Schüler an einen Gutachter (Psychologen, Facharzt) vermittelt.
Anmerkung: Es ist niemals auszuschließen, daß die Testbedingungen unterlaufen werden bzw. daß ein Facharzt für seinen Patienten eine Diagnose erstellt, die ggf. zu Vergünstigungen im Wettbewerb führt. Das ärztliche Urteil allerdings ist bindend und verlangt vom Lehrer sowohl eine stärkere Innendifferenzierung (auf die Person zugeschnittene Aufgabenstellung) als auch ein Absenken des Anforderungsniveaus nebst dem Erstellen eines anderen Notenschlüssels. Ob dieser Doppelbonus das Problem behebt, oder ob der staatliche Minderheitenschutz gar das Problem verschärft und eine große Anzahl weiterer Hilfsbedürftiger auf den Plan ruft, wird die Zukunft zeigen.

Abschließender Kommentar: Dem Kultusministerium muß klar sein, daß es auf dem Verordnungsweg Reservate schafft, in die sich auch Lern- und Leistungsunwillige flüchten können. Ebenso muß klar sein, daß diese Verordnungspraxis einen Eingriff in die Autonomie und Selbstverantwortung der Lehrer und Pädagogen darstellt. Das Prinzip der Auslese, d.h. die Möglichkeit der Auszeichnung und Belobigung für individuell erbrachte Leistungen muß erhalten bleiben. In Erinnerung zu rufen ist folgendes: Es gehört eindeutig zum Berufsethos eines jeden Pädagogen, daß er individuell zugeschnittene Lernanreize tätigt, um dem Zögling den Weg in die Mündigkeit zu ebnen. Dazu gehört aber keinesfalls das Beseitigen jener Hürden, die der Zögling selbst überwinden kann. Mündigkeit heißt nämlich auch: Ablegen der eigenen Fesseln!
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 01.06.2006 um 14.36 Uhr eingetragen.
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Was, bitte, bedeuten „Notenausgleich“ und „Notenschutz“, wie sie in dem folgenden Artikel beschrieben werden: „Hessen fördert lese-, rechtschreib- und rechenschwache Kinder und Jugendliche“? Was schreibt sich Frau Wolff hier auf ihre Fahnen?
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 30.05.2006 um 20.38 Uhr eingetragen.
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GREFRATH / NETTETAL
Iglu-Studie: Aufregung beim Lese-Test

Eine ungewöhnliche Stille herrschte gestern Morgen in der vierten Klasse der Gemeinschaftsgrundschule. "Ich bin richtig aufgeregt", berichtet die neunjährige Lena. Und auch ihren Mitschülern war die Anspannung anzusehen. Denn so richtig wussten sie nicht, was sie erwartete. Da half auch die Aufmunterung des Schulleiters Jörg Mackenbach wenig: "Dafür gibt es ja keine Noten." Die Schüler sind durch Zufall ausgewählt worden an der Iglu, der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung, teilzunehmen. Heute wird auch eine dritte Klasse getestet.

Kaldenkirchen. Jörg Overrath ist Mitarbeiter des Iglu-Projektes und war nach Kaldenkirchen gekommen, um Aufgaben an die Kinder zu verteilen und die Prüfung zu beaufsichtigen. Bei einem Test wird geprüft, ob die Kinder Texte, die sie lesen, auch verstehen können. Zu diesem Zweck bekommen sie Bilderrätsel und Fragen zu Geschichten gestellt. Auch die Rechtschreibung wird in einem kurzen Diktat getestet. Anschließend beantworten die Kinder Fragen zu ihren Lesegewohnheiten und ihrem sozialen Umfeld.

Die Iglu-Studie will das Leseverständnis testen, um einen internationalen Vergleich herstellen zu können. Dazu werden Schüler in 16 Ländern geprüft. In Deutschland beteiligen sich 410 Grundschulen mit 10 000 Schülern an der Studie.

Die Kaldenkirchener Grundschule wurde per Zufall ausgewählt. Konrektorin Annemarie Küppers betreut das Projekt und macht sich keine Sorgen über den dessen Verlauf: "Uns liegt die Leseförderung von Anfang an am Herzen." Aber wie die Kinder abgeschnitten haben, werden sie nicht erfahren, denn die Tests sind anonym. "Die Ergebnisse der Studie werden erst Ende 2008 erwartet", erklärt Mackenbach. "Wie aussagekräftig die in zwei Jahren sind, kann man sich ja vorstellen."


(Westdeutsche Zeitung online, 30. Mai 2006)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 28.05.2006 um 12.17 Uhr eingetragen.
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Handwerk behält goldenen Boden

Jede Menge Tipps von Praktikern gab es bei den berufskundlichen Gesprächen von Rotariern und Lions-Club. Qualifizierung der Bewerber nimmt immer mehr ab.

Von Angela Stadthaus

Krefeld. Rat suchende Jugendliche kurz vor der Fachoberschulreife treffen auf Profis aus Wirtschaft und Verbänden, um ihnen Fragen zu ihren Wunschberufen zu stellen. Im "Et Bröckske" lebte die gute alte Tradition der berufskundlichen Gespräche, die von Rotariern und vom Lions Club organisiert werden, wieder auf. Dabei spielten die brandneuen Ausbildungsberufe, die ab August 2006 in Kraft treten, noch keine Rolle.

In ihrer diesjährigen Ausbildungsoffensive habe die IHK jedoch das Ziel, Betriebe zu gewinnen, die Fachkräfte für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice, Servicefachkräfte oder Kaufleute für Dialogmarketing ausbilden, so Ausbildungsberater Joachim Nowack. In den Gesprächen waren deshalb die Klassiker der Renner.

Achim Rietzler, Leiter der Krankenpflegeschule des Klinikums, warb für den Beruf: "Das ist eine Tätigkeit, die man nicht wegrationalisieren kann." Zukunftsperspektiven sieht er unter anderem im Altenpflegebereich und in den ambulanten Diensten.

Auch das Handwerk scheint goldenen Boden zu haben, wie der Andrang von Jugendlichen und Eltern beweist. "Eine Ausbildung ist die beste Voraussetzung für ein Studium", findet Diplom-Ingenieur Jan Michael Krebbers von der gleichnamigen Firma. Die praktische Erfahrung erleichtere den Start ins Berufsleben nach der Hochschule.

"Sozialversicherungsfachangestellter ist ein Beruf mit Zukunft. Die soziale Absicherung wird immer ein Thema sein", so Reinhard Bahr, Regionalgeschäftsführer der Barmer Ersatzkasse. Trotz des wachsenden Anteils von Serviceleistungen über das Internet mache die persönliche Beratung der Kunden noch immer 50 Prozent der Tätigkeit des so genannten "Sofas" aus.

Bezirksbeauftragter Oliver Krölls von der Debeka vertritt den privatwirtschaftlichen Part der Versicherungsbranche. Auch er sieht Zukunftsaufgaben etwa in der Altersvorsorge. Trotz der hohen Übernahmegarantie schreckten viele Bewerber vor dem Außendienst zurück.

Die 15-jährige Chantal Lathmackers ist ganz angetan von der Arbeit der Justizbeamtin im Vollstreckungsdienst, weil sie gerne mit Menschen zu tun haben möchte. Ihre Vorliebe gilt der Krankenpflegeausbildung. Bei Oberstaatsanwalt Alexander Stahl erfährt sie, dass sie eine solche Ausbildung auch im Vollzug verwenden kann. Da sie die Pflegeausbildung erst mit 18 Jahren beginnen kann, erwägt sie, so lange das Fachabitur zu bauen.

Pisa ist für viele Betriebe immer wieder ein Thema. "Wer Bürokauffrau werden möchte, sollte ein fehlerfreies Anschreiben verfassen können", so Nowack. Gerade bei der deutschen Sprache und Rechtschreibung hapere es oft. Reinhard Bahr hat in den Einstellungstests eine nachlassende Allgemeinbildung selbst bei Abiturienten festgestellt.

Eine seit kurzem um sich greifende Unsitte sei es, nicht zu Vorstellungsgesprächen zu erscheinen, ohne sich vorher abgemeldet zu haben. Das verärgere die Arbeitgeber.


(Westdeutsche Zeitung online, 25. Mai 2006)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 19.05.2006 um 21.15 Uhr eingetragen.
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Zum Thema Dyslexie siehe außerdem hier.
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 19.05.2006 um 21.13 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#682


412 Fehlervarianten für "Benzintanks"
S. Osnabrück.
Kinder sind fantasievoll: Für das Wort "Diskette" gibt es bundesweit 249 Fehlervarianten, bei "Benzintanks" sind es gar 412. Mit dem Testprogramm "Gutschrift-Diagnose" kann die Rechtschreibkompetenz von Schülern bis ins Detail überprüft werden.

Dr. Helmut Wojtun, Leiter des Osnabrücker Zentrums für Legasthenie und Schriftkompetenz, bietet dieses computergestützte Verfahren im Raum Osnabrück an. Es wurde von den Autorinnen des Rechtschreibtests der IGLU-Studie (Internationale Grundschul-Leseuntersuchung) entwickelt.

Lehrer können sich aus dem Internet Rechtschreibtests für verschiedene Klassenstufen und Schulformen herunterladen. Anschließend geben sie die getesteten Worte in eine Maske ein. Auf der Basis von 120000 analysierten Einzelfehlern der IGLU-Schüler biete die Auswertung verschiedene Daten gleichzeitig, erläutert der Diplompädagoge Wojtun, der zugleich Kinder- und Jugendpsychotherapeut ist.

Gezeigt werde einerseits, welche Schüler sich im Bereich der normalen Lernentwicklung der deutschen Schüler befinden und welche nicht. Wer etwa "Diskätte" statt "Diskette" schreibt, hat eine größere Schreibkompetenz als der Schüler, der im Diktat "Diesgäte" schreibt. Anhand der Fehlerdichte pro Wort bietet die "Gutschrift-Diagnose" den Lehrern einen Förderplan mit konkreten Angaben, bei welchen Schülern in welchen Bereichen der Rechtschreibung ein individueller Nachholbedarf besteht.

Nach Wojtuns Angaben nutzen bundesweit derzeit 370 Schulen dieses Verfahren, in der Region Osnabrück bisher 20. Die Kosten betragen 80 Euro und werden von der Schule oder dem Förderverein übernommen, manchmal auch auf die Eltern umgelegt.

17 Jahre ist der Diplompädagoge in der Lese- und Rechtschreibvermittlung aktiv. Nach seinen Beobachtungen sind die Kinder in dieser Zeit schlechter geworden. Dafür gibt es seiner Meinung nach verschiedene Gründe. So sei etwa die Vermittlung der Rechtschreibkompetenz in der Lehrerausbildung allenfalls ein Randthema, obwohl die Art und Weise des Unterrichts immer wichtiger werde.

Das liege auch daran, dass Lesen und Schreiben bei den Heranwachsenden heute einen "zwiespältigen Ruf" genössen und außerhalb der Schule keine wichtige Rolle mehr spielten. Wer aber nicht lerne, richtig zu lesen und zu schreiben, werde später ausgesondert: vom Besuch weiterführender Schulen, von der Ausbildung und letztlich von der Arbeit.

"Ich muss nicht lesen und schreiben lernen, weil ich Manager werde und dann eine Sekretärin habe", hat Wojtun schon öfter gehört. Doch diese Vorstellung bleibt ein Kindertraum.


(Neue Osnabrücker Zeitung, 18. Mai 2006)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 19.05.2006 um 19.06 Uhr eingetragen.
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18.05.2006
Doris Ahnen - Becks jüngste Ministerin ist für Bildung zuständig

Die 41 Jahre alte Doris Ahnen (SPD) ist zwar das jüngste Mitglied im Kabinett Beck, kann aber bereits auf eine mehrjährige Erfahrung und manchen bundespolitischen Schlagabtausch zurückblicken. Die Politikwissenschaftlerin aus Trier ist seit Mai 2001 Bildungsministerin in Rheinland-Pfalz und war in dieser Eigenschaft 2004 auch Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK).

In diese Zeit fielen unter anderem die Kritik des Landes Niedersachsen an den Kosten der KMK und der Streit um die Rechtschreibreform. Während Ahnens KMK-Präsidentschaft beschlossen die Bundesländer auch eine Reform der ältesten deutschen Fachministerkonferenz (gegründet 1949).

Die Karriere der verheirateten Politikerin ist eng mit dem Weg von Wissenschaftsminister Jürgen Zöllner (SPD) verknüpft. Als persönliche Referentin von Professor Zöllner - damals Präsident der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität - war sie diesem 1991 nach seiner Berufung in das Ministerium für Wissenschaft und Weiterbildung gefolgt und hatte die Leitung des Ministerbüros übernommen. 1996 wurde sie im selben Ministerium mit 31 Jahren jüngste deutsche Staatssekretärin. 2001 übernahm die damals 36-Jährige die Leitung des neu zugeschnittenen Ministeriums für Bildung, Frauen und Jugend. Seitdem hat sie im Bildungswesen des Landes zahlreiche neue Akzente gesetzt, etwa beim Ausbau der Ganztagsschulen. Von 1988 bis 1990 war Ahnen stellvertretende Juso-Bundeschefin.

(www.rlp.de)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 27.04.2006 um 15.08 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#639


"Witsich" ist das nicht!

Nachhilfe boomt ja generell, aber jetzt stürmen nicht nur die "Oberstufler" die Nachhilfelehrer – auch bei den Volksschülern ist die Tendenz stark steigend.
Von der immer größer werdenden Zahl an Nachhilfeschülern aus den Volksschulen kann auch die "Schülerhilfe Wieser" – unter der Leitung von Klaus Wieser – ein Lied singen. "Wir haben im Schnitt 140 bis 150 Schüler – bereits zehn Prozent davon gehen noch in die Volksschule!", weiß Helga Fürntratt, die Leiterin des "Schülerhilfe"-Standorts in Andritz.
Die Gründe? "Im Großen und Ganzen liegt das am Schulsystem und daran, dass heutzutage meist beide Elternteile berufstätig sind und nicht mehr so viel Zeit für ihre Kinder haben. Das wirkt sich dann natürlich auch auf die Schule aus.", erklärt Fürntratt.
Die meisten Probleme haben die Kids mit Deutsch und Mathematik, wobei ziemlich kuriose Rechtschreibfehler durch das Schreiben von Wörtern in Mundart entstehen. So werden zum Beispiel aus DVDs "Defaudes", aus witzig "witsich" oder aus naja "neio".
"Ein großes Problem ist auch, dass Kinder heutzutage kaum mehr lesen, sondern lieber vor dem Fernseher sitzen", klagt Fürntratt. Dadurch geht der Wortschatz verloren!
Aber es hapert auch gewaltig an der Allgemeinbildung: So gab es eine Schülerin aus einer 4. Klasse Volksschule, die keine Ahnung hatte, was eine Hauptstadt ist. Und das, obwohl den Kids normalerweise im Sachkundeunterricht genau das beigebracht wird.
Bei einem weiteren Kind aus der Volksschule hat es Monate gedauert, bis es gelernt hat, überhaupt die Uhr zu lesen.
"Der Bruder einer unserer Schülerinnen musste sogar die 2. Klasse Volksschule wiederholen!", berichtet Fürntratt. Und: "Das passiert, wenn Eltern zu spät reagieren – leider können selbst wir dann keine Wunder mehr bewirken …"

Kontakt zum Autor: sawo@grazer.at


(der neue Grazer, 20. 4. 2006)
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 26.04.2006 um 19.37 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#632


Zur Steigerung der Lesekompetenz

Veranstaltung mit Professor Dr. Kurt Meiers im LOS Rotenburg

Rotenburg. Internationale Vergleichsstudien brachten es an den Tag: Zumindest die Kinder und Jugendlichen der untersuchten Altersstufen in Deutschland lesen im Vergleich zu Gleichaltrigen anderer Nationen schlecht. Sie verstehen Texte nicht oder nicht ausreichend und können oft naheliegende Schlussfolgerungen nicht ziehen. Doch woran liegt das? Welches sind die wesentlichen Techniken und Strategien, die zum richtigen Umgang mit Texten beherrscht werden müssen? Professor Dr. Kurt Meiers, Experte auf dem Gebiet des Schriftspracherwerbs und des Leseunterrichts, wird diese Fragen während des Symposiums im LOS Rotenburg (Große Straße 4) am Dienstag, 2. Mai, ab 15 Uhr, beantworten und dem Publikum Wege zur Steigerung der Lesekompetenz von Kindern und Jugendlichen aufzeigen.

Lesestrategien sind für die Bildung des Menschen wichtiger als Rechtschreibregeln, so die These von Professor Meiers. Er betont jedoch, dass er damit die Bedeutung der Rechtschreibung keinesfalls mindern wolle. Vielmehr sei die Bedeutung des richtigen Lesenkönnens noch nicht ausreichend im Bewusstsein der Öffentlichkeit angelangt. „Kinder vollbringen beim Erwerb der Schriftsprache eine großartige Leistung. Wenn es ihnen mit unserer Hilfe gelingt, kompetente Leser zu werden, sind sie zum selbstständigen und kontinuierlichen Lernen fähig. Dieser Lernerfolg ist damit eine wesentliche Grundlage ihres Lebenserfolges“, so Claudia Henschel, pädagogische Leiterin des LOS Rotenburg.

Meiers, Mitherausgeber der Grundschulzeitschrift „Sache-Wort-Zahl“, ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Schriftspracherwerb und zum Lesen. 2005 veröffentlichte er das Buch „Wege zur Lesekompetenz – Operationen zum Verstehen von Texten“. Meiers ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der LOS. Die Lehrinstitute für Orthographie und Schreibtechnik verfügen über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der pädagogischen Therapie der Lese-/Rechtschreibschwäche (LRS). An mehr als 200 Standorten in Deutschland, Luxemburg und Österreich werden insgesamt rund 20.000 Mädchen und Jungen pro Jahr gefördert, seit August 2003 auch in Rotenburg. Seit 1995 wird die Förderarbeit von einem wissenschaftlichen Beirat, bestehend aus Experten aus Wissenschaft und Praxis, begleitet. Der Beirat hat in einem Positionspapier die Prinzipien einer pädagogischen LRS-Therapie und ihre Unverzichtbarkeit bei der Förderung von Kindern mit LRS festgelegt. Ein Sonderdruck ist im LOS erhältlich.

Eltern, deren Nachwuchs Probleme im Deutschunterricht hat, haben vom 8. bis 12. Mai die Chance, die Lese-/Rechtschreibleistung ihres Kindes kostenlos testen zu lassen. Interessierte Mütter und Väter können unter Telefon 04261/846362 einen Platz reservieren.

Bei Interesse an der Teilnahme am Symposium wird ebenfalls um telefonische Anmeldung unter oben angegebener Rufnummer gebeten.


(Rotenburger Rundschau, 26. 4. 2006)
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Sigmar Salzburg
Dänischenhagen

Dieser Beitrag wurde am 22.03.2006 um 09.37 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#568


Initiative für alte Rechtschreibung

Reform habe „völlige Ratlosigkeit geschaffen“ – Aufruf an alle Länder

Kiel – In einem gemeinsamen Aufruf fordern 22 Bürgerinitiativen die Wiederzulassung der „klassischen“ Rechtschreibung. „Wer sie an den Schulen unterdrückt, vergeht sich an der deutschen Sprache und Kultur“, heißt es in dem Aufruf an die Ministerpräsidenten und Kultusminister der Länder. Ein „Rechtschreibfriede“ werde erst dann einkehren, wenn die traditionelle Rechtschreibung auch an den Schulen und Hochschulen wieder geachtet und gelehrt werde. Die Reform habe das Gegenteil ihres ursprüngliche Ziels erreicht, meinte der Koordinator der Aktion und Sprecher der Initiative „WIR gegen die Rechtschreibreform in Schleswig-Holstein“, Sigmar Salzburg, gestern in Kiel. Statt des leichteren Lernens habe man „völlige Ratlosigkeit“ geschaffen. Prof. Hubertus Menke sprach von einem „Reformtorso“ und einem „Chaos“. Es gebe einen „buntscheckigen Teppich verschiedener Schreibweisen“. In einem Brief an alle Landtagsabgeordneten fordert die Initiative außerdem „die ausdrückliche Rücknahme des Gesetzes, mit dem der erfolgreiche Volksentscheid gegen die Rechtschreibreform von 1998 vom Landtag annulliert wurde“. chr

[Bericht der „Kieler Nachrichten“ v. 22.3.06 S.18]
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 12.02.2006 um 18.50 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#513


H.-P. Meidinger: »Dabei müsse man damit leben, dass auch das geänderte Regelwerk nicht widerspruchsfrei sei.«

Wenn man etwas länger über diese Aussage nachdenkt, wird klar, wie skandalös sie ist: Herr Meidinger sieht Widerspruchsfreiheit nicht als einen Wert bzw. ein Grundprinzip an, dem menschengemachte Regeln zu folgen haben, die man Schülern beibringt. Was ist von einem Philologenverbandsvorsitzenden zu halten, der so denkt?

Nota bene: Es geht nicht um Widersprüchliches bzw. widersprüchlich Erscheinendes in einer vorgefundenen Sache an sich (so etwas kann es geben und muß entsprechend benannt werden), sondern in der Ebene der Lehraussagen über diese Sache. So etwas darf es aber nicht geben: In jeder wissenschaftlichen Disziplin muß die wissenschaftliche Behandlung des entsprechenden Untersuchungsgegenstands logisch gültig und inhaltlich zutreffend sein – unabhängig davon, inwiefern er durch ein logisch-strukturelles Modell darstellbar ist. Alles andere ist wertlos bzw. unwissenschaftlich.

Wenn man sagt, Sprache sei nicht logisch, kann das keine Rechtfertigung dafür sein, daß die Rechtschreibregeln widersprüchlich sind. Außerdem waren, soweit ich weiß, die vorreformatorischen Regeln widerspruchsfrei. Gibt es irgendein anderes Schulfach, in dem den Schülern widersprüchliche Regeln beigebracht werden? Herr Meidinger sollte seine Aussage widerrufen – oder zurücktreten.
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 02.02.2006 um 20.52 Uhr eingetragen.
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Hamburger Abendblatt, 2. 2. 2006

Lehrlinge schreiben und rechnen immer schlechter

Umfrage: Firmen beklagen. Nur 19 Prozent der Firmen sind mit dem Bildungsniveau zufrieden. Appell an die Eltern: Laßt eure Kinder mehr lesen.

Von Jens Peter Meier

Reinbek - Rechtschreibung mangelhaft: So urteilt mehr als die Hälfte der Betriebe in der Region über die Lehrlinge. Auch die mathematischen Kenntnisse des Nachwuchses sind lückenhaft. Das hat eine repräsentative Umfrage des Verbands der südholsteinischen Wirtschaft (VSW) unter seinen Mitgliedern ergeben.

Nur 19,7 Prozent der Firmen sind mit dem Bildungsniveau ihrer Lehrlinge zufrieden, aber 72,1 Prozent halten es für ungenügend. Im Vergleich zum Vorjahr sei das Niveau noch gesunken, geben mehr als 60 Prozent der Betriebe an. Diese Bewertung gilt für die Absolventen aller Schularten, vom Hauptschüler bis zum Gymnasiasten.

"Den Azubis fehlt es nicht an Ausbildungsmotivation, aber es mangelt ihnen an elementaren Grundkenntnissen", sagt der VSW-Vorsitzende Michael Voigt (51). Fast die Hälfte der Betriebe gibt an, daß die Lehrlinge Defizite in den Grundrechenarten und der Prozentrechnung aufweisen. Beim technischen Rechnen schnitten die jungen Frauen und Männer deutlich besser ab: Nur jeder vierte Betrieb sieht Defizite in diesem Bereich.

Michael Voigt betont, daß sich die Ergebnisse nur auf die Jugendlichen beziehen, die auch tatsächlich einen Ausbildungsplatz erhalten haben. "Bei den abgelehnten Bewerbern sieht es noch schlimmer aus", sagt er. Die Mehrzahl der Unternehmen hat deshalb eigene Einstellungstests entwickelt, so Voigt, der Geschäftsführer der Ahrensburger Ewert Holding ist.

"In meinem Betrieb gibt es einen Deutschtest, und es werden Rechenaufgaben gestellt", sagt er. Beispielsweise erhalten die Kandidaten Texte, die auf Rechtschreibung und Kommasetzung zu prüfen sind. Schreibweisen wie "Hightek", "Fordermann", "Milimeter", "Schiksal" oder "specktakulär" sollten hier tunlichst korrigiert werden.

Stephan Rieken (48), Geschäftsführer einer Groß- und Außenhandelsfirma in Glinde, setzt dagegen auf Gespräche mit den Bewerbern. Dabei stelle sich schnell heraus, ob die jungen Leute bereit seien, ihre eventuell vorhandenen Defizite auszugleichen. "Ich höre zum Beispiel immer wieder, daß die Hauptstadt von China Tokio heißt", sagt der Leiter eines Unternehmens, das im Handel mit Ostasien stark engagiert ist. Wer eine Ausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann anstrebe, sollte schon besser Bescheid wissen. Gert Suffrian, Personalleiter des Geesthachter Johanniter-Krankenhauses, zieht nur Bewerbungen in die engere Wahl, die mehr als vier vollständige Sätze enthalten. "Das sind weniger als die Hälfte der Briefe", sagt er.

Schuldzuweisungen lehnt der VSW-Vorsitzende Michael Voigt ab. "Wir wollen nicht auf die Bildungspolitik oder die Schulen eindreschen", sagt der Manager, "viele Lehrer machen einen guten Job." Er setzt auf den verstärkten Dialog mit den Schulen. Schon in den unteren Klassen müßten Rechtschreibung und Kopfrechnen einen größeren Stellenwert erhalten und die Leistungen auch bewertet werden.

Außerdem seien die Eltern in der Pflicht, die beruflichen Chancen ihres Nachwuchses zu verbessern. Der Umgang mit elektronischen Medien fördere weder Lesen noch Schreiben. Statt die Kinder dem Fernseher oder Computer zu überlassen, sollten Eltern ihren Nachwuchs stärker zum Lesen anhalten. "Dann gibt es bei der Rechtschreibung weniger Probleme", meint Voigt.

Er schlägt auch ein Praktikum zwei Jahre vor dem Schulabschluß vor: "An dessen Ende könnten die Praktikanten einen Einstellungstest machen und dann zusammen mit dem Lehrer ihre Defizite durchgehen und aufarbeiten." Als rohstoffarmes Land könne Deutschland im internationalen Wettbewerb nur mit dem "Pfund Bildung" wuchern, so Michael Voigt. "Unser Arbeitskreis Schule und Wirtschaft wird bis zum Sommer ein Konzept ausarbeiten, wie das Niveau verbessert werden kann", sagt der VSW-Vorsitzende.
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 08.12.2005 um 14.23 Uhr eingetragen.
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Innovationsreport, 6. 12. 2005

Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

Nicht ausbildungsreif? Vor allem die Eltern sind in der Pflicht!

Berufsbildungsexperten/innen in Deutschland sehen vor allem die Eltern in der Pflicht, wenn es darum geht, die Ausbildungsreife ihrer Kinder sicherzustellen. Weil der Zusammenhalt in der Familie in den letzten 15 Jahren deutlich nachgelassen habe, würden im Elternhaus gerade solche Tugenden nur unzureichend eingeübt, die nach Meinung der Experten/innen zu den wichtigsten Aspekten der Ausbildungsreife zählen - Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Durchhaltevermögen sowie Lern- und Leistungsbereitschaft.

Das gleiche gelte für die oft beklagten schlechten Leistungen bei den Grundrechenarten, der Dreisatzrechnung und den Grundregeln der Rechtschreibung. Auch hier sehen die Fachleute einen Zusammenhang mit den veränderten familiären Rahmenbedingungen. Zwar müssten die Schulen ebenfalls mehr dafür tun, dass die Jugendlichen wieder bessere Leistungen zeigten. Doch seien die Eltern mitverantwortlich und könnten ihre Pflichten nicht einfach nur an die Schule abschieben.

Dies sind Ergebnisse einer Befragung, die das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) im Herbst 2005 bei knapp 500 Berufsbildungsexperten durchführte. Die Befragten stammen aus Betrieben und Berufsschulen, Kammern, Wirtschafts- und Berufsverbänden, Gewerkschaften, der staatlichen Bildungsverwaltung und aus Forschungseinrichtungen.

Bei der Befragung kam erstmals das neue Online-Befragungssystem "Expertenmonitor Berufliche Bildung" zum Einsatz. (Der Expertenmonitor ist Teil des durch das Bundesmnisterium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Kommunikations- und Informationssystems Berufliche Bildung (KIBB) und wird in Zusammenarbeit mit dem BIBB-Arbeitsbereich "Qualifizierungsbedarf, Bildungsangebot und -nachfrage" aufgebaut)

Ziel des Expertenmonitors ist es, systematisch das fachliche Urteil von Experten und Expertinnen zu aktuellen Fragestellungen und Problemen der Berufsbildung zu erheben und in die bildungspolitische Diskussion einzubringen. Die Fachleute wurden zum einen danach gefragt, was sie unter Ausbildungsreife verstehen. Zum anderen sollten sie einschätzen, wie sich die Ausbildungsreife der Jugendlichen in den letzten Jahren entwickelt hat, welche Ursachen sie dafür sehen und wie die Ausbildungsreife verbessert werden könnte.

Was sich bei den Bewerberqualifikation in den letzten 15 Jahren verändert hat:

Insgesamt blicken die Fachleute eher skeptisch auf die Entwicklung der Bewerberqualifikation in den vergangenen 15 Jahren. Fast alle sind davon überzeugt, dass die Beherrschung der deutschen Rechtschreibung, die schriftliche Ausdrucksfähigkeit, die Fähigkeit zu einfachem Kopfrechnen und Kenntnisse der Prozent- und Dreisatzrechnung nachgelassen haben. Negative Veränderungen beobachten die Befragten auch jenseits des Schulwissens - bei der Konzentrationsfähigkeit, dem Durchhaltevermögen, der Sorgfalt und der Höflichkeit. Und sie stellen fest, dass das Wissen um die Bedeutung von Arbeitstugenden wie z.B. Pünktlichkeit bei den Jugendlich deutlich geringer ausgeprägt ist als bei früheren Bewerbergenerationen. Positiv entwickelt haben sich nach Meinung der Befragten dagegen die IT- und Englischkenntnisse der Jugendlichen. Außerdem seien sie selbstsicherer als noch vor 15 Jahren; ein Teil der Experten und Expertinnen hat zudem den Eindruck, dass sich die Kommunikations- und Teamfähigkeit der Jugendlichen verbessert habe. Mehrheitlich bescheinigen die Fachleute den jungen Leuten außerdem, dass sie sich bei der Lehrstellensuche mehr anstrengen würden als die Bewerbergeneration vor 15 Jahren.

Was getan werden sollte:

Die Verantwortung für die gesunkene Bewerberqualifikation tragen nach Meinung der Experten/innen letztlich alle Beteiligten - und alle müssten etwas ändern: Eltern müssten ihren Kindern stärker als bisher grundlegende Werte vermitteln und die Auseinandersetzung mit der Berufswahl fördern. Die Schule müsste verstärkt in die Förderung der Jugendlichen eingebunden werden: Sie sollte Schlüsselqualifikationen fördern und ihren Lernaufgaben einen stärkeren Praxisbezug geben. Die Unternehmen sollten bei der Bewerberauswahl stärker als bisher das Entwicklungspotenzial der Jugendlichen berücksichtigen und mehr schwächere Jugendliche ausbilden - ohne allerdings die Ausbildungsan-forderungen zu senken. Die Jugendlichen sollten stärker als bisher Verantwortung für das eigene Leben übernehmen und lernen, die eigenen Kompetenzen richtig einzuschätzen.

Worin sich die Fachleute einig sind - und worin nicht:

Die befragten Berufsbildungsexperten/innen sind sich einig: Weil die Komplexität der Arbeitswelt in den letzten Jahren massiv gestiegen ist, haben die Anforderungen der Betriebe an das Leistungsniveau der Bewerber zugenommen. Weitgehend Konsens besteht in der Einschätzung, dass vorhandene Ausbildungsreife heute nicht in jedem Fall einen Ausbildungsplatz garantiert und auch, dass jemand mit schlechten Noten durchaus ausbildungsreif sein kann. Uneinig sind sich die Fachleute bei den Fragen, ob das Problem der mangelnden Ausbildungsreife übertrieben dargestellt wird und die Klagen darüber von der schwierigen Ausbildungsstellenmarktsituation ablenken soll. Während Gewerkschaftsvertreter/innen dieser Einschätzung nahezu uneingeschränkt zustimmen, weisen Wirtschaftsvertreter/innen diese Thesen mit gleicher Intensität zurück. Die übrigen Experten/innen tendieren unterschiedlich zu einer der beiden Positionen und beziehen dazu eher eine mittlere Positionen.

Die ausführlichen Ergebnisse der Befragung sind abrufbar auf
der BIBB-Homepage unter www.bibb.de/de/21840.htm
den Internetseiten des Expertenmonitors unter www.expertenmonitor.de

Informationen über das Projekt "Expertenmonitor" finden Sie unter
http://www.kibb.de/rd/wlk7987.htm

Auskunft zur Befragung "Ausbildungsreife" und zum Expertenmonitor erteilt im BIBB Bettina Ehrenthal (Tel.: 0228/107-1126; E-Mail: ehrenthal@bibb.de)

Weitere Informationen:
http://www.bibb.de/de/21840.htm
http://www.expertenmonitor.de
http://www.kibb.de/rd/wlk7987.htm
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Sigmar Salzburg
Dänischenhagen

Dieser Beitrag wurde am 04.10.2005 um 09.12 Uhr eingetragen.
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4.10.2005 Sender Phoenix 0:15 Uhr, „Unter den Linden“;
Diskussion Hans Dietrich Genscher und Klaus von Dohnanyi;
Moderation Hartmann von der Tann

Der ehemalige Außenminister stellte fest, viele drängende Bildungsprobleme seien nicht angefaßt worden. Dagegen sei es keine Aufgabe einer Kultusministerkonferenz, eine Rechtschreibreform durchzuführen. Die Rechtschreibreform sei „eine Qual für das deutsche Volk“.

Später, auf den Einwurf von Dohnanyi, vor ’69 habe die FDP auf Zentralismus gesetzt, „aber wir haben keine Rechtschreibreform vorgeschlagen.“
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Jan-Martin Wagner
Jena

Dieser Beitrag wurde am 15.08.2005 um 19.23 Uhr eingetragen.
Adresse: http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=41#234


Berner Zeitung, 12.08.2005

BILDUNGSSTRESS

Die neue Schule neben der Schule

Immer mehr Schüler gehen auch in der Freizeit zur Schule – um die Defizite des Normalunterrichts auszugleichen. Der Markt für private Nachhilfelektionen wächst, Bildung wird zur Frage des Geldes und die Schule zum Wettlauf um einen guten Startplatz im Erwerbsleben.

«Interlink hat bei den Prüfungen 2005 sehr erfolgreich gearbeitet. 75 Prozent der Fünftklässler und 100 Prozent der Sechstklässler schafften die Prüfung ins Untergymnasium.» Der Hompage-Eintrag der «interdisziplinären Schulberatung Interlink», einer privaten Lernhilfe-Unternehmung in Solothurn und Bern, verspricht Bildungserfolg. «Wir entsprechen einer wachsenden Nachfrage», bestätigt Heinrich Flury, Inhaber und Leiter von Interlink Solothurn. Die Schülerzahl wachse kontinuierlich.

Ähnlich urteilt Emil Küffer, Schulleiter bei Feusi, wo auch Lerntrainings und Ferienschulkurse angeboten werden: «Das Bedürfnis nach privaten Nachhilfe- und Förderlektionen, ob am Samstag oder in den Ferien, ist gross.» Das Kick-Lernstudio, in Bern, Langenthal und Thun aktiv, spricht von einem «wachsenden Markt». Allerdings sind die Schülerzahlen bei «Kick» im ersten Semester 2005 gesunken – «weil sich die Konkurrenz verschärfte».

Immer mehr Einzelanbieter, aber auch etablierte Privatschulen versuchen im expandierenden Nachhilfemarkt Fuss zu fassen. «Stimmt», bestätigt Gabriela Küffer, die in Riggisberg eine Internet-Plattform für die Vermittlung von Nachhilfe-Lehrern betreibt: «Die Nachfrage wächst.»

«Unterschätzt»

Wie stark sie wirklich zunimmt, liegt indessen im Dunkeln. Erhebungen zum Ausmass des parallelen Bildungsmarkts existieren nicht. Eine vielsagende Lücke: Die Bildungsforscherin Margrit Stamm, Professorin für Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der Universität Fribourg, hat in einer eigenen Befragung bei 400 Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I 27 bis 30 Prozent ausgemacht, die Nachhilfeunterricht besuchen.

Studien in Deutschland zeigen, dass mindestens jeder fünfte Schüler neben dem Normalunterricht private Stützlektionen besucht. Den wachsenden Andrang zum privaten Nachhilfe-Markt hält Stamm für eine «unterschätzte, ja vernachlässigte Problematik» mit erheblicher politischer Brisanz.

Auf der Hand liegt, dass die Chancengleichheit auf der Strecke bleibt. Wer zahlt, erhält Bildung – und Bildungserfolg. 65 Franken pro Einzellektion ist der Basistarif des Lernstudios Kick, der sich für Zweier- oder Dreiergruppen erheblich senkt. 500 Franken kostet ein wöchiger Ferienkurs für ein Fach bei Feusi.

Die Zahlen belegen die soziale Sprengkraft. «Die Pisa-Studie hat gezeigt, dass in der Schweiz die soziale Herkunft stark über den Bildungserfolg entscheidet», sagt Margrit Stamm. Die zunehmende Bedeutung der privaten Nachhilfe verstärke diesen Mechanismus – «ohne dass sich jemand ernsthaft darum kümmert», wie Stamm kritisiert.

Die Zeiten, als nur ehrgeizige Eltern ihre Kinder in den Nachhilfedrill schickten, sind vorbei. Der Erfolgsdruck drängt vom ersten Schuljahr an in die Klassenzimmer. Wer nicht mindestens einen Sekundarschulabschluss erreicht, hats auf dem Arbeitsmarkt extrem schwer. Selbst für Lehrstellen, für die ein Realabschluss genügen würde, wird bereits im Stelleninserat Sekundarschule verlangt. «Zu uns kommen nicht nur Reiche», sagt «Interlink»-Inhaber Flury, «Familien verzichten zugunsten des Bildungserfolgs ihrer Kinder schon mal auf Ferien.»

Gefragte Autorität

Klar ist für alle Anbieter im Nachhilfemarkt, dass ihr Geschäft auf den Versäumnissen der öffentlichen Schule blüht. «Die Schüler kommen gern zu uns. Wir gehen zwar individuell auf sie ein, aber wir sind auch streng und fordern», hält Heinrich Flury fest. Viele öffentliche Schulen sind meilenweit davon entfernt. In grossen Klassen mit teilweise riesigen Fähigkeitsunterschieden bleibt die Individualität oft auf der Strecke. Für das drillmässige Einüben des heute meist exemplarisch vermittelten Stoffes fehlt Zeit und Energie – die Rechtschreibung etwa läuft unter ferner liefen. Und in der tendenziell antiautoritär geprägten Schulatmosphäre ist die Angst, Kinder zu überfordern, meist grösser als der Wille, sie mit der Realität der Leistungsgesellschaft zu konfrontieren.

Diese Konstellation führt zu grotesken Situationen, die sich bis in den Nachhilfemarkt auswirken: Weil Aussagekraft und Vergleichbarkeit der Schulzeugnisse angezweifelt werden, greifen viele Firmen, die Lehrlinge einstellen, auf spezielle Eignungstests zurück. Die Firma Multicheck in Konolfingen bei Bern hat genau das zu ihrem Business gemacht: Sie vertreibt ihren Eignungs- und Potenzialtest heute fast landesweit. Weil in der obligatorischen Schule Prüfungssituationen kaum geübt werden, besuchen immer mehr Schulabgänger, die auf Lehrstellensuche sind, private Nachhilfestunden – um sich auf den Multicheck vorzubereiten. Unangenehm: Der Nachhilfe-Boom hält der öffentlichen Schule den Spiegel vor. Sie vermittelt zu wenig Nützliches.

Obschon es unter Lehrerinnen und Lehrern bisher nicht als Problem wahrgenommen wurden, erstaunt Irene Hänsenberger, Geschäftsführerin der Berner Lehrergewerkschaft Lebe und SP-Grossrätin, die Entwicklung bei der privaten Schul-Nachhilfe nicht: «Der Arbeitsmarkt verlangt höhere Bildungsabschlüsse, die Politik spart bei der Schule. Diese Rechnung kann nicht aufgehen.» Die Lehrer erhalten höhere Pensen aufgebrummt, unterrichten vor zum Teil sehr grossen Klassen und sind mit immer komplexeren erzieherischen Problemen konfrontiert. Dass immer mehr Eltern sich genötigt fühlen, auf private Schulergänzung auszuweichen, hält Hänsenberger für ein «alarmierendes Zeichen».

Kein Thema?

Max Suter, Vorsteher des Amts für Kindergarten, Volksschule und Beratung an der kantonalen Erziehungsdirektion, gerät darob nicht aus dem Häuschen. Er anerkennt, dass private Förderkurse gerade im 5./6. Schuljahr vor dem Übertritt in das Sekundarschulnivau «einem Bedürfnis» entsprechen – «in der Regel allerdings der Eltern». Privater Stütz- und Förderunterricht, so Suter, «ist für uns grundsätzlich kein Thema». Nicht selten wollten Eltern auch für weniger fähige Schüler höhere Bildungsgänge erzwingen: «Wir sind klar der Meinung, dass für Schülerinnen und Schüler, die das Potenzial für das Bewältigen höherer Bildungsgänge haben, das staatliche Volksschulangebot genügt.»

Die Nachfragesteigerung auf dem Nachhilfemarkt spricht aber eine andere Sprache. Das Volk vertraut im verschärften Bildungswettlauf nicht mehr nur der Volksschule. Verstärkt wird dieser Prozess durch den gesellschaftlichen Wandel. Immer häufiger sind beide Eltern berufstätig: Die Erziehung der Kinder wird outgesourct, Hausaufgabenbetreuung ist schon zeitlich unmöglich, und mitunter bleiben auch Übersicht und Autorität auf der Strecke. Der Nachhilfelehrer ist der ideale Ersatzspieler. «Wir sind unseren Schülern nicht nur Lehrer», bestätigt «Interlink»-Mann Flury, «sondern auch Autoritätspersonen und Förderer».

Diese Zusammenhänge, fordert die Wissenschafterin Margrit Stamm, müssten Bildungspolitiker zu Kenntnis nehmen. Der Nachhilfeboom sei eine Aufforderung zu einer Strukturreform im Bildungsland Schweiz, die beispielsweise zu mehr Tagesschulen führen könnte.

Der Autor: Jürg Steiner (juerg.steiner@bernerzeitung.ch) ist «Zeitpunkt»-Redaktor.
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