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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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17.01.2006
 

Wh
Was ist das?

Lehrer sind gehalten, „Wiederholungsfehler“ anzustreichen.
Damit sind sie heillos überfordert, denn niemand weiß, was ein Wiederholungsfehler ist. Ich führe in Vorträgen gern vor, was meiner damals neunjährigen Tochter 1996 in der dritten Klasse widerfahren ist („es tut mir sehr leid“ wurde grün angestrichen und in „Leid“ verschlimmbessert, wie von Minister Zehetmair angeordnet). Im selben Text, dem ersten Aufsatz der Klasse überhaupt, steht aber auch mehrmals „Wh“ am Rande, und das wurde auch angerechnet. Der kleine Text handelt von einem beschädigten Buch, und es kommt tatsächlich sowohl im ersten als auch im zweiten Satz das Wort „Buch“ vor, folglich ein Wiederholungsfehler ...
Man muß sich wundern, daß das Mädchen (übermorgen wird sie volljährig) die Lust am Schreiben nicht verloren hat, denn die nächsten Jahre waren auch nicht erfreulicher, im Gegenteil, der Deutschunterricht wurde erst am Gymnasium so richtig schlimm; trotzdem ist Deutsch ihr Lieblingsfach geblieben.
Aber zurück zum Wiederholungsfehler. Sehen Sie sich mal Kafkas „Vor dem Gesetz“ an! Da braucht man bloß wenige Zeilen zu lesen, um den armen Tropf von jedem Anspruch auf Sprachkunst ein für allemal auszuschließen. Caesar stümpert im Bellum gallicum vor sich hin, daß es zum Davonlaufen ist (natürlich magnis itineribus), bloß 1.300 Wörter benutzt er für das ganze Werk.
Also was ist ein Wiederholungsfehler?



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Kommentare zu »Wh«
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Kommentar von P. Küsel, verfaßt am 16.04.2015 um 22.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#28632

(Was wäre besser gewesen? Für mein Gefühl: »Mitflüchtlinge« statt »Mitreisende«, und »andere Flüchtlinge« statt »andere Passagiere«. Ich bitte zu entschuldigen, daß ich es anläßlich einer solch furchtbaren Nachricht frage)

»Flüchtlinge werfen Mitreisende über Bord
Auf der Überfahrt von Libyen nach Italien soll eine Gruppe Flüchtlinge ein Dutzend andere Passagiere über Bord geworfen und ertrinken lassen haben.«

(http://sz.de/1.2439404)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 16.11.2012 um 17.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#21929

Auch »Drahtesel« wäre in so einer Meldung natürlich deplaziert, aber »Blechesel« ist in Wirklichkeit der Spitzname des weltersten Ganzmetallflugzeugs Junkers J 1.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.11.2012 um 16.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#21927

Der Wunsch, Wiederholungen zu vermeiden, führt bekanntlich in bescheidenen Presseorganen zu komischen und manchmal unangemessenen Ausdrucksweisen. Vor längerer Zeit stand in den Erlanger Nachrichten:

Blechesel stießen zusammen
Eine 20jährige Radlerin befuhr den Radweg an der Henkestraße in entgegengesetzter Richtung und kollidierte mit einem gleichaltrigen Pedalritter, der ordnungsgemäß unterwegs war. Die Frau stürzte und zog sich schwere Verletzungen zu. Sie mußte in die chirurgische Klinik eingeliefert werden.

 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 08.10.2011 um 17.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#19314

Die Cäsar-Diskussion wurde vor einiger Zeit hier schon einmal geführt. Das will ich nicht aufwärmen, aber doch daran erinnern, daß die Schreibabsicht bei Cäsar eine andere war als bei Cicero oder Catull. Die Verteidigungsschrift eines Eroberungskrieges (für den Cäsar wohlgemerkt kein Mandat hatte!) kommt doch mit einem anderen Wortschatz aus als juristische, rhetorische oder lyrische Texte. Woher mag deshalb diese Zahl 20.000 kommen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.10.2011 um 15.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#19311

"Jeder römisch-lateinische Klassiker, einerlei, ob Caesar, Catull, Cicero, Rufus, Ennius, Iustin, Livius, Lucrez, Nepos, Ovid, Plautus, Properz, Sallust, Seneca, Sueton, Tacitus, Terenz, Tibull und Vergil, hatte 20000 Worte drauf, die er auch pausenlos anwendete, derweilen die heilige Bibel vergleichsweise wortkarg oder wortarm dasteht, mit mickrigen 7600 Wörtern bestens auskommt (...)" (Ulrich Holbein in aviso 2/2011)

Wie gesagt, bei Cäsar stimmt das nicht, und bei den anderen wahrscheinlich auch nicht.
 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 18.01.2006 um 13.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#2257

Und nie vergesssen: Die Schule ist eine geschlossene Welt. Dort herrscht oft eine Art Wahnsystem, man nehme nur die Benotung als Beispiel. – Unterhalte dich mit einem Lehrer, dessen Profession du nicht kennst – du wirst es nach wenigen Sätzen merken. Die Befreiung von der schülerhaften Sicht auf die Welt ist fast so schwer wie die Emanzipation von den Erziehungspersonen.

"Was man nicht weiß, das eben brauchte man,
Und was man weiß, kann man nicht brauchen."
(Goethe, Faust I)
 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 18.01.2006 um 13.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#2256

Vom "Wiederholungsfehler" zum "Wiederholungstäter" ist es nur ein kleiner Schritt. Letzterer wird bekanntlich besonders hart bestraft. – In Deutschland ist eben die Assoziation "Rechtschreibung" gleich "gesetzlich vorgeschriebene Schreibung"
fast unauflösbar. Andernfalls gäbe es das ganze Theater um die sogenannte Reform nicht. Das geht ja bis in die "freie" Presse hinein. Man lese nur einmal nach, was Markwort und Konsorten anläßlich der Rückumstellung der Springer-Zeitungen von sich gegeben haben. Etwas Beschämenderes läßt sich kaum denken. Die Leute haben ihr schülerhaftes Verhältnis zur Orthographie nie ablegen können. Und die KMK freut´s...
 
 

Kommentar von Norbert Schäbler, verfaßt am 18.01.2006 um 11.40 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#2255

Zu früh?

In vorhergehenden Beiträgen habe ich zumindest angedeutet, unter welchen Umständen ich persönlich das Wh-Zeichen verwenden würde. „Wh“ sollte sich meines Erachtens nicht auf das Wiederholen von Einzelwörtern beziehen, sondern mehr das Verharren in „überkommene“ (kindliche oder künstliche) Sprachmuster andeuten. Selbstverständlich könnte man das Verfahren umdrehen. Man könnte lobend erwähnen, wenn Schüler das gewünschte Sprachmuster angewendet haben („gut, super, treffend, exzellent ...“). Das sind letztlich methodische Feinheiten.

Wichtiger scheint mir jedoch die Frage, ob „wortreiches Deutsch“ – noch als ein vordringliches Bildungsziel anzusehen ist?
Wenn ja, wie ist es zu verwirklichen? Was ist darunter zu verstehen?
Genügt es, illustre Inselstunden zum Wortfeld „gehen“ und „sagen“ zu entwerfen, möglichst viele Angehörige der Wortfamilie „krank“ zu benennen, den Trick dreier Wortzauberer („zer-“, „ab-“ und „zu-“) zu verraten? Oder gehören dazu auch die sog. Vorbildwirkung des Pädagogen sowie dessen behutsame Einwirkung auf die (wodurch auch immer begründete) Resistenz des Zöglings?

Die Frage: „Wann sollte man frühestens auf Entwicklungsstörungen eingehen?“ ist nicht leicht zu beantworten – und wenn überhaupt, dann im individuellen Zuschnitt! Hilfe bietet möglicherweise die Entwicklungspsychologie mit dem 720seitigen Wälzer von Heinz Remplein (1969) oder mit dem 428 Seiten starken Werk des Psychologenehepaares Tausch/Tausch (1963). Aber ist das die Hilfe, die der Pädagoge im täglichen „Wechselwirkungsprozeß“ Erziehung benötigt?

Bei Parolen wie „zu früh“ oder „zu spät“ fallen mir immer sämtliche Todsünden ein. Denn beide Parolen sorgen für einen hysterieähnlichen Zustand. Ich erinnere dabei sowohl an den Versuch der GEW, die Beurteilung und Notengebung aus der Grundschule zu verbannen, als auch an den KMK-Erlaß in Sachen Rechtschreibreform, der sich auf die Parole „zu spät“ stützte.

Hysterie schüttet das Kind mit dem Bade aus, und sie macht im Falle der Korrektur nicht halt vor „unschuldigen“ Korrekturzeichen. Tausendfach kann man wiederholen, daß Korrektur kein Angriff auf die Persönlichkeit ist, sondern lediglich eine Anleitung zum Besseren hin. Es nützt nichts! „Korrektur“ benötigt deshalb dringendst einen positiven Beigeschmack. Hier sehe ich Nachbesserungsbedarf!

Statt dessen vergreifen sich die Kultusminister an einem weiteren Korrekturzeichen, dem Zeichen „R“. Möglicherweise dient der Großversuch einer Art von Talentsuche und Talentförderung auf dem Gebiet der „phonetischen Kompetenz“.
Ich verstehe das aber alles nicht mehr, denn ein Leitsatz der Psychologie (siehe dazu auch Hans Aebli/1977) besagt, daß sich das unkorrigierte Falsche besonders leicht einzuprägen pflegt.

Was bitte heißt: „zu früh“; „zu spät“? Hat das etwas mit Normenkontrollinstanz zu tun?
 
 

Kommentar von David Weiers, verfaßt am 17.01.2006 um 21.12 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#2247

Wie wird eigentlich eine Fehlerwiederholung gekennzeichnet?
Ich frage deshalb danach, weil ich bei "Wiederholungsfehler" erst mal an "Fehlerwiederholung" gedacht habe; wenn z.B. ein Fehler eine Zeile später nochmals "begangen" wird. Ich dachte nämlich, daß man ebendiesen mit "Wh" oder "Wdh" kennzeichnet.
Stehe da gerade ´was auf dem Schlauch.
Ansonsten bin ich auch der Meinung, daß man in Sachen Stil erst dann loslegen sollte, wenn man sich bereits jenseits des sprachlichen Grundgerüstes befindet.

Wie auch immer.
Beim Durchlesen der Kommentare bin ich auf die Äußerung gestoßen, daß in der Schule zu stark der "Literatur-Stil" geübt werde.
Ich glaube, das ist nicht der Fall: Literatur kommt in der Schule viel zu kurz. Wenn mehr gelesen würde – zumindest in der Schule, denn zu Hause tun's die "Kiddies" (was ein gräßliches Wort... Bitte um Vergebung!) ja nicht –, dann hätten Lehrer auch nicht mehr so viel mit Stilfragen und -fehlern zu kämpfen.
Aber wie will man das machen, in einer Zeit (ich höre mich an, als wäre ich über 70, stimmt's?), in der Kultur nicht mehr Kultur sein darf, wenn sie nicht durch und durch und sowieso ausschließlich rational faß- und begründbar ist? Jeder pubertierende Internet-Klugsch..... wird einem literarisch beflissenen und begeisterten Lehrer doch lautstark Lächerlichkeit bescheinigen, wenn der mit "Literatur" und "schönen Künsten" ankommt. Und ich habe den Eindruck, daß das seitens unserer herrlichen, wertgeschätzten, abstinenten Kultusführung auch so sein soll: wenn ich da so in die aktuellen Deutschbücher blicke... sieht ja fast schon aus wie die Comicversion der Anleitung zum Sicherheitsstiftgebrauch für sehbehinderte Geisteskranke.
Widerlich. Ekelhaft.
Und noch viel schamloser sind die Lehramtsstudenten, die ein an die Wand genageltes Brett mit zwei bis sieben Büchern als "Bücherregal" bezeichnen.
Kommt dann aber wohl doch recht häufig vor.
 
 

Kommentar von borella, verfaßt am 17.01.2006 um 20.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#2246

Wenn ein treffendes Synonym existiert und dessen Anwendung daher den Sinn nicht entstellt, dann ist's eine stilistisch angestrebte Sache.
Wenn aber mangels Synonyms aus der "Sonne" die gekünstelte Umschreibung "das strahlende Zentralgestirn unseres Planetensystems" werden muß, dann wirkt das auf mich skurril künstlich, fast wie eine eingeschobene Denksportaufgabe; in den seltensten Fällen aber als eine ausdrucksmäßige Finesse.
 
 

Kommentar von Altphilologe, verfaßt am 17.01.2006 um 20.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#2245

Nach den Kriterien für den deutschen Schulaufsatz erscheint der erste Dichter des Abendlands, Homer, kindlich ungelenk, naiv, vielleicht gar primitiv: Wie Joachim Latacz in seinem Buch "Homer, der erste Dichter des Abendlands" ausführt, gehörte es zur festen handwerklichen Basis, daß man als Sänger nicht jedesmal nach neuen Wörtern suchte, wenn man von den gleichbleibenden Gegenständen, Verrichtungen, Abläufen und Konstellationen des Lebens und der Welt frei vor dem Publikum zu singen hatte. Das wäre nicht nur zu mühsam, sondern vor allem viel zu riskant gewesen: nicht immer wären einem die rhythmusgerechten Wörter und Wortverbindungen im richtigen Moment prompt in den Sinn gekommen, es hätte also auf jeden Fall den Vortragsfluß gehemmt, darüber hinaus aber - viel schlimmer - Kreativität verhindert. ... Diese Technik, die ein längerdauerndes regelrechtes Hexameter-Improvisieren erst ermöglichte, erzeugte eine Sprache, in der sich gleiche Bauteile viel häufiger wiederholten als in der normalen Alltagsrede (und in jeder Literatursprache nach Homer). So hören wir denn immer wieder von den "bauchigen Schiffen", vom "Gleißen der Sonne", vom "Hirten der Völker", vom "glänzenden Hektor", vom "großen Olympos", von "sämtlichen Tagen" usw., immer wieder werden direkte Reden mit "und sprach die geflügelten Worte" eingeleitet und Entgegnungen darauf mit "dem aber gab nun zur Antwort und sprach ..." angekündigt, wird Verwunderung mit "was für ein Wort entfloh dem Gehege deiner Zähne?" ausgedrückt und wird der Beginn eines Essens mit "und sie erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle" angezeigt. Auf den modernen Leser wirken diese Wiederholungen befremdend (zumal ihre Wiedergabe im Deutschen oft nicht ohne Komik ist). Hat nicht schon der Aufsatzunterricht der Schule die Regel eingeübt, Wortwiederholungen zu vermeiden und sich überhaupt möglichst variabel auszudrücken?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.01.2006 um 19.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#2244

Ich kann nicht feststellen, daß jemand den Stab über alle Lehrer gebrochen hätte. Was mich betrifft, so habe ich auf die Schwierigkeit hinweisen wollen, Wiederholungsfehler zu definieren. Allerdings bin ich ziemlich sicher, daß das Beanstanden solcher "Fehler" viel zu früh geschieht. Man muß bedenken, daß der Schritt zur Schriftlichkeit ein ganz enormer ist, manchen bleibt er zeitlebens nicht geheuer. Die Kinder verbringen sogar ihre Zeit damit, erfundene Erlebnisse zu erzählen; das sollte man geradezu verbieten. Im mündlichen Erzählen ist das "und dann" ganz natürlich, und es gibt ganze Literaturen, die es so ähnlich machen. Andere haben ein eigenes "Und-dann-Tempus" (Aorist im Griechischen).
Wiederholungsvermeidung durch Synonymentausch ist, wie schon bemerkt wurde, in manchen fachsprachlichen Registern geradezu verboten, z. B. bei den Juristen (vgl. Sattelmacher/Sirp), weil sie dort jede Rechtssicherheit aufheben würde.
Um noch einmal auf die Lehrer zu kommen: gut zu schreiben lernen sie doch ganz gewiß nicht in ihrem Studium. Sollten sie aber. Das wäre wichtiger als das Klassifizieren von Textsorten, die nur in der Phantasie der Didaktiker existieren. Die von Herrn Schäbler zitierten und andere Arbeiten zur Aufsatzdidaktik habe ich seinerzeit auch gelesen bzw. lesen müssen, aber sie haben mich nicht beeindruckt. In den Bildungsstandards unserer KMK lebt noch erstaunlich viel von damals fort; es ist eben eine Welt für sich.
 
 

Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 17.01.2006 um 19.20 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#2243

Nun muß man ja nicht so tun, als ob es die natürlichste und unbedenklichste Sache der Welt wäre, wenn in einem Text häufig Wiederholungen vorkommen. Dies zu vermeiden lernt man völlig zu Recht im Aufsatzunterricht, sogar im Unterricht für kaufmännischen Schriftverkehr, wo bestimmt keine literarische Qualität angestrebt wird, und in den Verlagslektoraten werden Autoren ebenfalls darauf hingewiesen, wenn Wiederholungen sich --- wiederholen. Dann wirken die entsprechenden Texte eben ziemlich schwerfällig und ungekonnt.

Sie lassen sich ja auch oft vermeiden, ohne krampfhaft nach Varianten für denselben Begriff zu suchen, durch besseres Schreiben. Oft sind sie einfach unnötig. Und manchmal unvermeidlich, dann können es aber keine »Fehler« sein.

Etwas anderes ist es wohl bei technischen Texten, und natürlich kann das Wiederholen auch ein Stilmittel sein. Die von Herrn Wrase zitierte Bibelstelle ist bestimmt weder ein Juwel der Weltliteratur noch geeignet zur Nachahmung – die ersten Schulaufsätze lesen sich nicht selten ähnlich, etwa zum Thema »Was ich des Morgens tue«: Die Mama weckt mich. Dann stehe ich auf. Dann wasche ich mich. Dann ziehe ich mich an – usw. Ganz schön fad!

Das ist doch eigentlich alles ziemlich selbstverständlich, worüber diskutieren wir hier überhaupt?

 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.01.2006 um 18.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#2242

Wer (verständliche) Bedienungsanleitungen schreiben will, muß sich die (oft krampfhafte) Suche nach Synonymen schleunigst ab- und konsequente Begriffswiederholungen angewöhnen, weil Synonyme hier für das Verständnis des Bedieners tödlich sind, erst recht, wenn solche Anleitungen in andere Sprachen übersetzt werden sollen. Man muß also eigentlich zwischen Literaturaufsätzen z.B. im Roman-Stil einerseits und Sach- und Fachaufsätzen als wissenschaftliche Arbeit andererseits streng unterscheiden. In der Schule wird zu stark der Literatur-Stil geübt, mit dem "Dichtung" produziert werden soll. Wer dann über "Dichtungen" schreiben soll, muß sich sehr umstellen.
 
 

Kommentar von nos, verfaßt am 17.01.2006 um 18.13 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#2241

Ein Änderungsvorschlag für das „Wh“

Ausgehend von der Erkenntnis, daß Korrekturzeichen möglichst kurz sein sollten, weil Kürze und Prägnanz auch den Zeitaufwand eines korrigierenden Lehrers minimieren, schlage ich vor, das Korrekturzeichen „Wh“ in „ü“ umzubenennen.

„ü“ würde bedeuten: Dieses Sprachmuster ist aufgrund des aus den vorhergehenden Lerneinheiten erwartbaren Lernzugewinns „überholt“.

Fraglich dabei, ob sich die Kultusminister ein Patent eintragen ließen für das Zeichen „Ü“, wobei ich mir ziemlich sicher bin, daß das ggf. patentierte „Ü“ demnächst frei wird, und es sich bei meinem Änderungsvorschlag ohnehin nur um ein kleines „ü“ handelt.

 
 

Kommentar von Norbert Schäbler, verfaßt am 17.01.2006 um 17.07 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#2240

„Ober“ sticht „Unter“

Unterstützende „Aufsatzarbeit“ (siehe dazu: Söhnke Zander ISBN: 3-592-71560-7/Jg.1975 oder Oswald Beck ISBN 3-87183.302-9/Jg. 1973) strebt danach, zunächst Sprachmuster zusammenzutragen, diese zu betrachten, einzuschätzen und einzuüben. Erst auf einer dritten (oftmals gar noch späteren) Stufe der Lehrsequenz sind diese Sprachmuster in einem selbstverfaßten Text einzubringen.

Unter dieser Prämisse ist es vollkommen gerechtfertigt, daß Lehrer bei der Korrektur einer Schülerarbeit sprachliche Variation oder die eingeübten Satzmuster vermissen und diesen Mangel mit dem berühmt-berüchtigten „Wh-Zeichen“ abstrafen.

Hierbei muß klargestellt werden, daß Beurteilung kein Willkürakt ist, wenn sie sich über alle Stufen der Lehrsequenz erstreckt. Ebenfalls muß klar sein, daß der höchsten Stufe der Produktivität auch das größte Gewicht innerhalb des gesamten Beurteilungsrahmens zukommt. (Es bleibt zu unterscheiden zwischen reproduktiven und kreativen, transferierenden Leistungen). Und letztlich muß geklärt werden, daß sämtliche Notationsformen, Randbemerkungen und symbolträchtigen Zeichen („I“, „R“, „G“, „Wh“) das Urteil untermauern und belegen sollen. Maßgabe bleibt das abgestufte, spiralartig sich erweiternde Modell!

Ein Wort zur Ehrenrettung der Pädagogen:
Wenn diverse Lehrer ihre alten und bewährten Bildungsgrundsätze vergessen, dann muß man sie einzeln zur Rede stellen. Wenn viele Lehrer dem verordneten Neuen huldigen, dabei das Altbewährte nicht einmal kennen, dann muß man die Kritik an den Staat und dessen Lehrerausbildung richten.

Den Stab über alle Lehrer zu brechen, nenne ich ein "pauschalierendes Urteil". Das ist nicht gerechtfertigt, denn in vielen Schulen (insbesondere in Grundschulen) läuft die Aufsatzerziehung nahezu mustergültig.

Was Gymnasien und Realschulen daraus machen, ist eine andere Sache. Schon immer stach in dem bekanntesten aller gesellschaftlich anerkannten bayerischen Kartenspiele – der Ober den Unter.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.01.2006 um 17.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#2239

Ja, unbedingt. Der Heilige Geist hatte ein Stilproblem. Immer noch aufschlußreich sind die Ausführungen dazu bei Erich Auerbach (Mimesis).
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 17.01.2006 um 16.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#2238

Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. Juda zeugte Perez und Serach mit der Tamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nachschon. Nachschon zeugte Salmon. Salmon zeugte Boas mit der Rahab. Boas zeugte Obed mit der Rut. Obed zeugte Isai. Isai zeugte den König David. David zeugte Salomo mit der Frau des Uria. Salomo zeugte Rehabeam. Rehabeam zeugte Abija. Abija zeugte Asa. Asa zeugte Joschafat. Joschafat zeugte Joram. Joram zeugte Usija. Usija zeugte Jotam. Jotam zeugte Ahas. Ahas zeugte Hiskia. Hiskia zeugte Manasse. Manasse zeugte Amon ...

(Aus: Matthäus 1)

Sind das Wiederholungsfehler?
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 17.01.2006 um 16.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#2237

"PS: „De Bello Gallico“ ist immer ein ganz schlechtes Beispiel – sowohl für geschichtliche Realität, als auch für guten Schreibstil ;-)"

Aber als Propagandainstrument ist es doch einfach großartig! Welch geringer Wortschatz! Wiederholung und nochmals Wiederholung! (Holzhammermethode! Das weiß doch jeder Wahlmanager.) Wen interessiert denn historische und philologische Wahrheit, wenn es um die Volksgunst und den Absatz eines Bestsellers geht! Alles reinste Absicht! Was wiederholen die Kultusminister und ihre Berater denn heute noch nicht alles, wobei doch gar keine Rolle spielt, ob's auch die Wahrheit wiedergäbe! Und da behaupten doch einige akademisch Versponnene, diese lieben Leutchen hätten nichts gelernt und wüßten nicht viel! "Was ist Wahrheit?" antworten die für die Kamera lächelnd und wollen es gar nicht wissen, wenn sie ihnen nicht nützt. Und sie fragen hinterher nicht mal, wo die nächste Toilette zum Händewaschen wäre.

Schade ist allerdings schon, meine ich zaghaft als Vater, wenn Schüler im Deutschunterricht nicht auf verschiedene Stile aufmerksam gemacht werden, indem ihnen nur Geregeltes vorgesetzt wird, und das auf Anordnung von Leuten, die selbst nicht vernünftig schreiben könnnen, sondern halt eben nur bezahlt Regeln dahersagen können und müssen.

Und da wir zu diesem allen über Caesar gekommen sind: Markus Antonius in Shakespeares *Julius Caesar* wiederholt sich auch viel zu oft.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.01.2006 um 15.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#2236

Bisher hat noch niemand erklären können, warum manche Wiederholungen störend wirken, andere unbemerkt bleiben und eine dritte Art gerade besonders gut wirkt. Letzteres ist vielleicht noch das einfachste. Man erkennt ohne weiteres, warum „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ wirkungsvoller ist als „Ausbeutung des Menschen durch andere“. Vielleicht um die pathetische Wirkung zu vermeiden, wo sie nicht beabsichtigt ist, verbietet man sich die Wiederholung, manchmal jedenfalls.
Das mechanische Wiederholungsverbot ist aber sinnlos. Auguste Comte soll sich zum Ziel gesetzt haben, in zwei aufeinander folgenden Sätzen nicht dasselbe Wort zu gebrauchen, aber es hat ihm nicht viel geholfen, er gilt trotzdem in Frankreich nicht als guter Autor.
Man kann aber beobachten, daß das Wiederholungsverbot zu krampfhafter Suche nach Synonymen führt, und dadurch landet man oft bei Fremdwörtern, mit denen man sich sprachlich übernimmt – und die man dann oft auch falsch schreibt. Jedenfalls ist in meinen Sammlungen der Fall am häufigsten, daß z. B. nach „Rechtfertigung“ alsbald „Justifikation“ kommt – viel eher als umgekehrt. Dadurch entsteht ein „Reichtum“ an Ausdruck, der aber bei genauerem Hinsehen gar keiner ist, sondern nur eine ungesunde Blähung. Man sieht, daß „Wh“ in der Schule geradezu Gift sein kann. Dieser Teil der Deutschlehrerausbildung findet aber praktisch gar nicht statt. Wir bringen es den Studenten nicht bei und verlangen es nicht im Examen. Aber eigentlich ist es eine der wichtigsten Aufgaben.
 
 

Kommentar von Kai Lindner, verfaßt am 17.01.2006 um 14.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=357#2234

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, so geht es um schlechten Schreibstil, weil Wörter zu oft (oder zu dicht beieinander) verwendet werden?

Damit soll wohl der Absatz von Synonymwörterbüchern erhöht werden?

Mir sowieso rätselhaft, wie man sich als Lehrer anmaßen kann/darf, etwas für guten oder für schlechten Stil zu halten. Wahrscheinlich unterscheiden sich schlechte und gute Lehrer doch nur darin, daß sie an den ihnen auferlegten Regeln kleben oder sie frei (zugunsten der Schüler) interpretieren.

PS: „De Bello Gallico“ ist immer ein ganz schlechtes Beispiel – sowohl für geschichtliche Realität, als auch für guten Schreibstil ;-)
 
 

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