zurück zur Startseite Schrift & Rede, Forschungsgruppe dt. Sprache    FDS - In eigener Sache
Diskussionsforum Archiv Bücher & Aufsätze Verschiedenes Impressum      

Theodor Icklers Sprachtagebuch

Die neuesten Kommentare


Zum vorherigen / nächsten Tagebucheintrag

Zu den Kommentaren zu diesem Tagebucheintrag | einen Kommentar dazu schreiben


08.01.2006
 

Knaben
(vorn und hinten)

Manche Bereiche des Wortschatzes werden durch Synonymenschub besonders rasch umgewälzt.
Dornseiff hat das beobachtet und interpretiert. Folgende Beobachtung geht aber nicht auf sein Konto, sondern auf meins. Junge Personen männlichen Geschlechts werden im Deutschen traditionell metonymisch nach ihrem wertvollsten Körperteil benannt. Knabe soll auch darauf zurückgehen (samt Knappe und Knecht). Deutlicher sind Bengel, Stift, Pflock, Ladenschwengel, Bolzen. Der veraltete Poussierstengel gehört wohl auch hierher, der jetzt in penetranter Deutlichkeit als "veralteter" Augstscher Poussierstängel im Wörterbuch steht.
In der Jugendbewegung mit ihrer bekannten Nähe zur Homoerotik kam der Pimpf auf, und unter der braunen Diktatur wurde er amtlich (HJ). Der Pimpf ist ein kleiner Furz, ein großer heißt Pumpf. Man kann also eine Verlagerung vom Genitalen zum Analen beobachten, was den Historiker nicht überrascht, denn es gibt schon Untersuchungen über diesen Zug des Nationalsozialismus.



Diesen Beitrag drucken.

Kommentare zu »Knaben«
Kommentar schreiben | älteste Kommentare zuoberst anzeigen | nach oben

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.07.2017 um 05.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=349#35558

Die Zeitung nennt Sebastian Kurz Jundspund, was mich veranlaßt, noch einmal auf die metonymischen Bezeichnungen für Knaben zurückzukommen: Bengel, Bolzen, Flegel, Knabe, Ladenschwengel, Pflock, Spund, Stift...

Ursprünglich bezeichnete Spund (expunctum) das Loch, später den Zapfen.

Duden online meint:

"jemand, der aufgrund seiner Jugend als unerfahren, nicht kompetent angesehen wird"
"wohl übertragen von der kleinen Form des Spundes (1)"

Das ist nicht deutlich genug und erklärt nicht, warum nur männliche Personen so genannt werden.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 02.05.2017 um 09.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=349#34993

Im Englischen ist der Knabe ja noch tiefer herabgesunken – außer im Kartenspiel.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.05.2017 um 13.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=349#34986

Rotwein ist für alte Knaben
eine von den besten Gaben.


(Wilhelm Busch, Knopp)
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 01.05.2017 um 10.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=349#34985

Eine weitere Beobachtung: Im hiesigen dialektalen bzw. umgangssprachlichen Umfeld (Mittelhessen) fungiert "Knabe" als Herabsetzung, besonders für ältere Männer, nicht zuletzt, wenn es sich um Politiker handelt.

"Dieser Knabe" bezeichnet daher einen Mann, der seiner Aufgabe nicht gewachsen ist.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 01.05.2017 um 10.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=349#34984

Beispiel: https://www.youtube.com/watch?v=2DDs6yZ4dbs
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 01.05.2017 um 10.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=349#34983

Von Herrn Ickler 2014 bereits indirekt und beiläufig erwähnt, aber nicht weiter diskutiert: die Knabenstimme bzw. der Knabenalt in der Musik: https://de.wikipedia.org/wiki/Alt_(Stimmlage)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 30.04.2017 um 12.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=349#34978

Seit der mit Volksabstimmung in den 60er Jahren eingeführten "Christlichen Gemeinschaftsschule" gibt es in Bayern keine getrennten "Katholischen Knaben- und Mädchenschulen" mehr. In manchen Orten gibt es noch "Alte Knabenschulen" als Gebäude. In Niedersachsen gab es früher getrennte "Jungen- und Mädchen-Oberrealschulen".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.04.2017 um 17.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=349#34975

Beim letzten Redigieren unserer Übersetzung koreanischer Gedichte schwanke ich, ob Knabe die richtige Wahl ist. Die Vermutung, daß es nur noch in der Schweiz normaler Sprachgebrauch ist, bestätigt sich bei Google News. Immerhin wird es auch im Bundesdeutschen noch verwendet, klingt aber schriftsprachlicher als Junge oder Bub. Aber eben dieses Nebeneinander läßt mich dann doch zu Knabe zurückkehren. Die synonymischen und wortgeographischen Verhältnisse sind jetzt ganz gut bei Wikipedia dargestellt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Junge
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.06.2015 um 09.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=349#29080

Zu den Bezeichnungen männlicher Jugendlicher (Bengel usw.): Wie wir gesehen haben (http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=519#5437), möchte der Schweizer Schülerduden die Lehrtochter in Stiftin umbenennen, was nicht ohne unfreiwillige Komik ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.03.2015 um 06.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=349#28440

Die häufigste regionale Variante des "Jungen" ist der "Bub" (während "Bube" negativ konnotiert ist: "Spitzbube, Bubenstück").

Duden online gibt neuerdings "computergenerierte" typische Verbindungen, wie sie auch die Seiten sprachwissenschaftlicher Abhandlungen füllen. Nun denn, zu "Bub" fällt dem Computer ein:

böse
klein
dreijährig
zehnjährig
elfjährig
fünfjährig
siebenjährig
alt

Was sagt uns das nun?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.02.2015 um 06.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=349#28197

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=349#27485:
Ich muß mich korrigieren. Auch Männer können knabenhaft und jungenhaft sein. Die Unterscheidung (hier: unreifer Körperbau vs. unbekümmertes Verhalten) bleibt aber bestehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2015 um 17.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=349#28175

Mir ist gerade noch aufgefallen, daß man zur Vermeidung der Homonymie auch Jungs sagt, selbst wenn man sonst den s-Plural nicht gebraucht. Ich zum Beispiel halte es so, zumal Knabe nicht zu meinem aktiven Wortschatz gehört.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.12.2014 um 06.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=349#27485

Knabe wird als veraltet bezeichnet, das Standardwort sei Junge. Knabe wird aber auch noch viel gebraucht. Die Verbindung Knabenliebe färbt allerdings in peinlicher Weise ab. Sängerknaben sind an sich neutral, aber Päderasten schleichen sich naturgemäß dort auch gern ein.
Knabenhaft und jungenhaft können nur Mädchen sein, es ist aber ein Unterschied: das erste bezieht sich eher auf den Körper (schmale Hüften), das zweite auf das Verhalten (burschikos).
Bei den Jungen stört die Homonymie, das mag zum Überleben der Knaben (z. B. in Berichten über Jugendsport) beitragen. Darauf bin ich alter Knabe in der Zeitung gestoßen.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 08.01.2006 um 10.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=349#2125

Man kann also eine Verlagerung vom Genitalen zum Analen beobachten, was den Historiker nicht überrascht, denn es gibt schon Untersuchungen über diesen Zug des Nationalsozialismus.

Braucht man noch Untersuchungen, um die Verbindung von anal und Nationalsozialismus zu ergründen? Also für mich ist das Genitale ungefähr dasselbe wie Erotik und Liebe. Das Anale ist dasselbe wie Scheiße, und genau das waren die Nazis. Ich brauche da keine Untersuchungen.
 
 

nach oben


Ihr Kommentar: Sie können diesen Beitrag kommentieren. Füllen Sie dazu die mit * versehenen Felder aus und klicken Sie auf „Kommentar eintragen“.

Sie können in Ihrem Kommentar fett und/oder kursiv schreiben: [b]Kommentar[/b] ergibt Kommentar, [i]Kommentar[/i] ergibt Kommentar. Mit der Eingabetaste („Enter“) erzwingen Sie einen Zeilenumbruch. Ein doppelter Bindestrich (- -) wird in einen Gedankenstrich (–), ein doppeltes Komma (,,) bzw. ein doppelter Akut (´´) werden in typographische Anführungszeichen („ bzw. “) umgewandelt, ferner werden >> bzw. << durch die entsprechenden französischen Anführungszeichen » bzw. « ersetzt.

Bitte beziehen Sie sich nach Möglichkeit auf die Ausgangsmeldung.
Für sonstige Diskussionen steht Ihnen unser Diskussionsforum zur Verfügung.
* Ihr Name:
E-Mail:
(Wenn Sie eine E-Mail-Adresse angeben, wird diese angezeigt, damit andere mit Ihnen Kontakt aufnehmen können.)
* Kommentar:
* Spamschutz:   Hier bitte die Zahl einhundertvierundfünfzig (in Ziffern) eintragen.
 


Zurück zur vorherigen Seite | zur Tagebuchübersicht


© 2004–2017: Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V.

Vorstand: Reinhard Markner, Walter Lachenmann, Jan-Martin Wagner
Mitglieder des Beirats: Herbert E. Brekle, Dieter Borchmeyer, Friedrich Forssman, Theodor Ickler, Michael Klett, Werner von Koppenfels, Hans Krieger, Burkhart Kroeber, Reiner Kunze, Horst H. Munske, Adolf Muschg, Sten Nadolny, Bernd Rüthers, Albert von Schirnding, Christian Stetter.

Webhosting: ALL-INKL.COM