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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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01.01.2006
 

Harry Potter
Englische Zusammensetzungen

Nationalrat Christoph Stalder ist bekennender Harry-Potter-Fan.
Da haben wir noch etwas gemein. Ich bin bei der Lektüre auch immer wieder auf die bekannten englischen Zusammensetzungen vom Typ "handful" gestoßen, z. B. auf "lungfuls of fresh, salty air" oder "tablespoonfuls of" irgendetwas und dann natürlich die schmerzhafte Erfahrung des Helden "to regrow an armful of bones". Den entbeinten Arm selbst brauchte er nicht wieder nachwachsen zu lassen, also nicht einen "arm full of bones", sondern bloß die Knochen.



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Kommentare zu »Harry Potter«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.03.2018 um 16.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=344#38250

Ich hatte vor Jahren diese Website angegeben:

https://en.wikipedia.org/wiki/Religious_debates_over_the_Harry_Potter_series

Sie hat sich inzwischen zu ungeahnten Dimensionen ausgewachsen und ist recht interessant. Unsere deutsche Fanatikerin Gabriele Kuby ist nicht einmal erwähnt.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.12.2017 um 05.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=344#37260

Der literarische Charakter der Psychoanalyse geht nicht nur aus Freuds eigenen Schriften über literarische Gestalten hervor, sondern auch aus unzähligen Studien über literarische Helden, die all diese Erfindungen wie zu analysierende Personen behandeln. Ob Harry Potter einen Ödipus-Komplex hat, wird wie eine Tatsachenfrage behandelt. Die gebildete Gesellschaft ist noch nicht so weit, dies von vornherein lächerlich zu finden (wie „die Wahrheit über Rotkäppchen“).

(Der Ödipus-Komplex ist eine geniale Erfindung. Man entdeckt ihn überall, das ist logisch nicht anders möglich, wie beim Narzißmus. Das bestätigt dann wieder die Theorie, die ihn postuliert.)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.03.2017 um 19.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=344#34643

In den neulateinischen Sprachen wie Ital., Span., Portug., Franz. hat "patron" oder "patrono" eine sehr weite Bedeutung: Schirmherr, Beschützer, Gönner, Rechtsbeistand, Hauswirt, Vermieter, Arbeitgeber, Betriebsleiter, Meister. Am größten ist das Wortfeld im Französischen. "Schutzheiliger" beweist, daß im frühen Mittelalter die herrschenden römischen Familien die Herrschaft über die lateinische Kirche an sich gerissen haben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.03.2017 um 18.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=344#34642

Nachtrag: Diese Zwischenstufe der Schutzheiligen fehlt in der historischen Belehrung: https://owlcation.com/misc/expecto-patronum-meaning
Darum erscheint Rowlings Rückgriff unpassender, als er ist.
 
 

Kommentar von Theodor, verfaßt am 04.03.2017 um 17.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=344#34641

Kinder, die Harry Potter lesen, kriegen auch etwas Latein mit, wenn auch nicht durchweg richtiges. Immerhin wissen sie nun alle, was ein Patronus ist.

Althistoriker Stefan Rebenich weist darauf hin, daß die Funktion der katholischen Heiligen als Fürsprecher aus dem römischen Klientel-System (Patronat) übernommen ist. Die „Schutz“-Heiligen heißen ja auch Patronus, Patrona. Die Kirche ist auch in diesem Sinn „römisch-katholisch“. Liegt auf der Hand, war mir bisher aber nicht aufgefallen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.12.2016 um 09.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=344#34197

Nachdem "Harry Potter" etwa eine halbe Mrd. mal verkauft und sicher doppelt so oft gelesen worden ist, müßte sich die verderbliche Wirkung nachweisen lassen. Ein größeres epidemiologisches Massenexperiment läßt sich kaum vorstellen. Gabriele Kuby scheint sich aber für empirische Sozialwissenschaft nicht zu interessieren, auch nicht für ihr Geschwätz von gestern. Vom Vatikan hört man auch nichts Einschlägiges mehr.

Theologische Aspekte des Werks sind ausgiebig erörtert worden, besonnene Leser weisen gelegentlich darauf hin, daß es sich um einen Roman handelt...

Das Kuriose ist ja, daß die fundamentalistische Kritik die "Magie" völlig ernst nimmt und davor warnt, während die Romanleser das Ganze als ein harmloses Spiel erleben wie andere Märchen auch. (Meine Kinder und alle ihre Freundinnen und Freunde haben HP gelesen und gesehen und offenbar keinen Schaden genommen. Es erinnert an Manfred Spitzer und seine "digitale Demenz", die sich doch nachgerade verbreitet haben müßte – aber wo findet man sie?)

Ein Bemerkung noch dazu: In Hogwarts wird jedes Jahr ausgiebig Weihnachten gefeiert mit geschmückten Bäumen, Festessen und Geschenken, aber es fällt kein einziger Hinweis auf einen religiösen Sinn. Damit spiegelt der Roman genau wider, wie es sich weiten Teilen der Wirklichkeit verhält. Das wird auch nie kommentiert, es ist eben einfach so.

Weiter geht es hier: https://en.wikipedia.org/wiki/Religious_debates_over_the_Harry_Potter_series

(Streckenweise ziemlich lustig, etwa wenn Rowling sagt, sie stelle sich Dumbledore homosexuell vor, und die Kritiker es besser zu wissen behaupten!)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.12.2016 um 16.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=344#33987

Rowling verwendet die lateinischen Sprachbrocken so, als habe sie den Niedergang der lateinischen Sprache vor der humanistischen Wiedergeburt parodieren wollen.

Die Fans haben ja fast alles bemerkt, was es an Beziehungen zu beobachten gibt, aber vielleicht doch nicht jede Anspielung? Zum Beispiel:

'We all know Professor Moody considers the morning wasted if he hasn't discovered six plots to murder him before lunchtime,' said Karkaroff loudly. (Harry Potter and the Goblet of Fire)

Das stammt ja offensichtlich hierher:

'Why, sometimes I've believed as many as six impossible things before breakfast.' (Through the Looking Glass)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.11.2016 um 04.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=344#33875

Das nicht "geförderte" Lesen ist die Gegenwelt zum "geförderten" bzw. geforderten. In die Sonderwelt des Deutschunterrichts kann man hier einen Blick werfen:

http://wortwuchs.net/operatoren
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.11.2016 um 09.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=344#33872

Das Baker Street Wiki hat mehr als 1000 Artikel und steht auf den Schultern diverser Sherlock-Holmes-Enzyklopädien und -Handbücher.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.11.2016 um 06.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=344#33871

Die Amateure haben es, wie gesagt, weit gebracht in der Harry-Potter-Philologie, siehe z. B. hier: https://www.hp-lexicon.org/

J. K. Rowling hat nicht nur eine eingestandene Schwäche für Schokolade, mit komischen Effekten in den ersten Bänden, sondern auch eine Schwäche im Umgang mit Zahlen. Ich nehme an, daß auch dies schon bemerkt worden ist. Ein Beispiel von mehreren ist die Größe der "gigantischen" Schlange Nagini (übrigens hübsch sanskritisierender Name): zwölf Fuß! Die Verfilmung setzt sich mit Recht darüber hinweg.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.11.2016 um 08.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=344#33839

Früher haben die Menschen Bücher gelesen, wenn sie gerade nichts Besseres zu tun hatten. Heute ist das nicht mehr nötig. Warum sollte man „das Lesen fördern“?

Unser Mitstreiter und Vorkämpfer Friedrich Denk hat sich noch stärker und früher um die Förderung des Lesens verdient gemacht. Auf der Buchmesse hielt er einen Vortrag, der die Grundgedanken aus seinem Buch „Wer liest, kommt weiter“ wiederaufgreift, also eine halb ironisch gemeinte utilitaristische Begründung des Lesens: „Lies – und werde reich! Was wir von Bill Gates, Mark Zuckerberg, Warren Buffet und Steve Jobs lernen können“. Die Milliardäre Gates, Jobs, Zuckerberg mögen selbst lesen und ihren eigenen Kindern weder iPod noch Smartphone gegeben haben, aber reich geworden sind sie nicht durchs Lesen, sondern dadurch, daß sie den Kindern das Lesen erspart oder ausgetrieben haben.

Meiner Ansicht nach kann man das Lesen nicht fördern – außer durch das Schreiben von guten Büchern. J. K. Rowling hat schätzungsweise eine Milliarde Kinder zum Lesen gebracht oder darin bestärkt – oft in der Fremdsprache Englisch.

Die schon erwähnte quasi-philologische Beschäftigung mit "Harry Potter" auf besonderen Websites stellt alles in den Schatten, was die professionellen Philologen leisten könnten. Sie ist nicht nur unübertroffen gründlich, sondern auch höchst verständlich und außerdem engagiert, wie es akademische Qualifikationsarbeiten nicht sein können und auch gar nicht dürfen.

(Es gibt natürlich noch andere Beispiele, ich habe diesen Fall nur wegen meiner eigenen Beobachtungen herausgegriffen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.09.2016 um 07.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=344#33304

Natürlich haben sich die Psychoanalytiker in aller Welt gleich auf den armen "Harry Potter" und das ganze Drum und Dran gestürzt, manche auch gleich auf uns regressionsgeplagte Leser. Die bekannte Interpretationsmühle klappert wie von selbst vor sich hin; es ist nicht nötig, darüber eine Satire zu schreiben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2014 um 08.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=344#27292

Noch eine Bemerkung zur Lektüre von Kindern und Jugendlichen. Ich gehe ab und zu recht gern durch die Rezensionen bei Amazon. Manche Bücher werden oft besprochen, weil sie Schullektüre sind. Zum Beispiel Kurt Vonnegut's Slaughterhouse-Five (Bloom's Modern Critical Interpretations): 219 Rezensionen!
Die "Judenbuche" würde normalerweise keinem Jugendlichen in die Hände fallen, aber wegen der Schule wird sie nun doch einige dutzendmal ernsthaft besprochen. Mädchen lesen mehr, deshalb scheinen viel mehr Rezensionen von Mädchen geschrieben zu sein, was man allerdings wegen weitgehender Anonymisierung (woran die Kinder sich ja schon früh gewöhnen) nicht immer erkennen kann.
Der erste Band von "Harry Potter" hat bei der deutschen Amazon gut 2.500 Besprechungen, und das hat nichts mit der Schule zu tun. (Keine einzige ist so dumm wie die 10 Thesen von Gabriele Kuby...)
Wenn man selbst Kinder hat, wird man aufmerksamer auf dieses unvergleichlich intensive literarische Leben achten. Manchmal sehe ich kleine Mädchen, die noch bei Ausflügen ein Buch im Rucksack haben und jede Sekunde zum Weiterlesen nutzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.11.2014 um 12.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=344#27267

Ich bringe meine Bemerkung hier unter, weil die Überschrift nun schon mal existiert. Also noch mal zu Harry Potter. Man kann es als eine Leistung J. K. Rowlings verbuchen, daß viele tausend Menschen, darunter wirklich sehr junge, sich ohne schulischen Zwang mit diesen drei- bis viertausend Seiten beschäftigt haben. Ein erfreuliches Zeichen ist z. B. die folgende Diskussionsseite: www.goodreads.com/review/show/1530857. Meiner Ansicht nach sind die meisten Einträge gescheiter, sogar reifer als die doch recht einfältige Rezension Harold Blooms. Dann gibt es unzählige Websites, auf denen "Harry Potter" analysiert wird, oft von Schülern mit einer so eingehenden Textkenntnis, daß sie den Neid eines Philologen erregen könnte. Jedes Detail, z. B. der "Sorting Hat", wird durch das ganze Werk verfolgt und in seiner moralischen Bedeutung erörtert. Noch nie dürfte ein Lehrer erreicht haben, daß sich Kinder mit solcher Hingabe einem Text gewidmet haben. (Tolkien und einige wenige andere kommen vielleicht nahe heran.)
Ich bin auch mit den meisten jugendlichen Lesern, die Bloom eher beschimpft als liebt, der Ansicht, daß die Potter-Begeisterung niemanden davon abhält, sich auch mit anderer und ernsthafterer Literatur zu beschäftigen. Vielmehr dürfte es so sein, daß die meisten Menschen auch sonst nichts weiter lesen würden, Potter bleibt schlimmstenfalls das einzige, was sie je lesen; aber in Wirklichkeit sind die Potter-Leser wohl überhaupt Vielleser, manche erzählen ja auch, was sie vorher und nachher gelesen haben.
Bloom tadelt die schlechte Sprache, auch darin folgen ihm die meisten Leser nicht. Ich bin also insgesamt der Meinung, daß wohl niemand so viel getan hat, Kinder zum Lesen zu bringen, wie Rowling, und dabei rede ich noch gar nicht von den Kindern anderer Muttersprache, von denen viele das englische Original verschlungen haben.
 
 

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