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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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05.02.2014
 

brauchen
Ergänzende Beobachtungen zu den Gebrauchsbedingungen

Bekanntlich wird brauchen nach und nach ins Paradigma der Modalverben hineingezogen. Das ist eine Folge seiner Verwendung als Gegensatz zu müssen, sollen. Äußeres Zeichen sind der Wegfall von zu und die Angleichung der Form an die übrigen Modalverben (Präteritopräsentien):
er brauch nicht kommen (ohne t und ohne zu). (Hunderte von Belegen bei Google.) Auf die Unaufhaltsamkeit dieser Entwicklung hat vor 100 Jahren schon Paul Kretschmer hingewiesen.

So weit, so gut. Die meisten Wörterbücher geben an, daß dieses MV brauchen nur mit Negation vorkomme, etwas besser im Band 9 des Duden: negiert oder durch Wörter wie erst usw. eingeschränkt.

Hier ein Beispiel aus meiner eigenen Sammlung:

Erst das fertige Produkt hätte syllabiert zu werden brauchen. (Theo Vennemann: Neuere Entwicklungen der Phonologie. Berlin 1986:14)

Diese einschränkenden Elemente hat Wilfried Kürschner "Negativoide" genannt: nur, lediglich, kaum, selten, wenig und noch ein paar.

Aber darüber hinaus kommt es ohne Negation auch in Fragen vor:

Nein – zu was braucht er das zu wissen! (Nestroy, Lumpazivagabundus III,11)

Brauchst du das zu fragen? (Schnitzler, Reigen: Der Gatte und das süße Mädel)

Wozu das alles? Wozu brauche ich das zu wissen? Einmal muß ich ja doch sterben. Ob es wirklich einen Himmel gibt? (Robert Kraft: Eine kurze Lebensbeschreibung)

Doch was brauche ich das zu schreiben? (Karoline von Günderode, Brief an Creuzer vom 26.6.1805)

Braucht man etwa zu wissen, woher die Fee ihren Reichtum nimmt? (FAZ 8.7.2000)

Das sind rhetorische Fragen, die eine negative Antwort erwarten lassen.

Anna Wierzbicka hat in einem anderen Zusammenhang die neue Kategorie "Ignorativ" gebildet, die Negation und Frage umfaßt. Dazu muß man wohl auch das folgende rechnen:

Er hat in jenen Jahren nichts geschrieben, dessen er sich hätte später zu schämen brauchen. (FAZ 23.2.74)

Nach Paul hat nicht brauchen im 19. Jhdt. nicht dürfen ersetzt. Es ist ein Fortschritt an Deutlichkeit, erst im 18. Jahrhundert aufgekommen. (Paul: Dt. Grammatik IV:99)



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Kommentare zu »brauchen«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.11.2017 um 04.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#36873

Wir brauchen gar keine Atombombe, die Entwurzelung des Menschen ist schon da.

Wer braucht schon eine Atombombe? (Vielleicht Trump: "Wozu haben wir sie, wenn wir sie nicht nutzen?")

brauchen wird hier zum Ausdruck einer logischen Notwendigkeit benutzt.

Mir fiel der Satz aus einem SPIEGEL-Interview in die Hände, als ich vor Jahren in einem besonders arroganten Text von Botho Strauß über Oswald Spengler las:

Aus ein wenig Distanz betrachtet, stellt sich auch hier plötzlich das heideggersche Bomben-Aperçu wieder ein.

Er zitiert das "Aperçu" aber nicht, sondern tut so, als müsse jeder Leser wissen, welche Dummheit Heidegger 40 Jahre zuvor von sich gegeben habe.

Im selben Text:

Die Veröffentlichung basiert auf der maschinenschriftlichen Wiedergabe oft sehr flüchtiger Aufzeichnungen, die seine Schwester herstellte – hoffentlich gewissenhafter als jene berüchtigte andere.

Auch die berüchtigte andere Schwester wird nicht namentlich genannt, das braucht der "gebildete" Leser nicht, oder? (Es handelt sich um Elisabeth Förster, Nietzsches Schwester.) Dieser Umgang mit Bildungsgütern ahnt nicht, wie eng das Feld ist, auf dem man sich die Bälle zuspielt. Ein Provinzler, der sich für einen Weltmann hält, ist besonders lächerlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.01.2017 um 04.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#34233

Der brauchen-Test zeigt, daß auch das erwähnte selten ein "Negativoid" ist:

Beim Biberfang ist man zu drei besser daran, als in großer Anzahl. Man kann sich ruhiger halten und braucht selten zu schießen.

Die "Bollen" halten die Feuchtigkeit sehr lange und man braucht selten zu gießen.

Männer brauchen selten zu lügen.
(aus dem Internet)

Oft zusammen mit nur. Wie Herr Riemer beobachtet hat, steht brauchen hier wohl fast immer mit zu.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.05.2016 um 13.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#32632

Die Planeten müssen ihre Bahn ziehen, sie können nicht anders.

Solche Redeweisen vermenschlichen. Man unterstellt den Planeten (heutzutage spielerisch) einen Willen.

In der Natur gibt es keine Notwendigkeit, es ist alles, wie es eben ist, und geschieht, wie es eben geschieht. Mit dem müssen meint man hier, daß wir Beobachter die Gründe von etwas einsehen, hier die Keplerschen Gesetze und die Gravitation. Darum müssen WIR annehmen, daß die Planeten sich so bewegen, wie sie es tun.
Modalität, auch die "objektive", wird von uns in die Welt hineinkonstruiert. Die Modallogiker sollten das bedenken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.09.2014 um 04.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#26874

Besonders häufig: kaufen zu möchten. S. Google-Belege!
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 13.02.2014 um 19.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25133

Die Liste solcher indirektionsfähiger Verben ist immerhin recht lang (und sicher nicht über einen Kamm zu scheren): glauben, meinen, trachten, begehren, wünschen, hoffen, fürchten, erwarten, vereinbaren, gebieten, geloben, versprechen, anfangen, beginnen, versuchen, aufhören, verstehen (im Sinne von "können"), drohen, ankündigen, beantragen, ...
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.02.2014 um 16.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25132

Vielen Dank, jetzt ist bei mir endlich der Groschen gefallen. Ich habe geglaubt, Modalitätsverben seien letztlich entweder den Voll- oder den Modalverben untergeordnet. Es handelt sich aber um eine eigenständige Gruppe neben diesen beiden, und für brauchen gibt es Beispiele in allen dreien.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.02.2014 um 14.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25131

Weder noch. Darin stimmen die Grammatiken so ziemlich überein. Ob man die Klasse der Halbmodalverben und Modalitätsverben noch einmal aufteilen soll, darüber gehen dann die Meinungen auseinander. Jedenfalls gibt es eine Gruppe von Verben, die einen Infinitiv mit "zu" regieren, wobei aber im einzelnen noch Konstruktionsunterschiede auftreten: pflegen, drohen, scheinen, nicht brauchen... (Man denke z. B. an die Möglichkeit, statt des Infinitivs einen daß-Satz abhängig zu machen usw.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.02.2014 um 14.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25130

Ich würde gern in einem Punkt sicher sein, der mir aber auch trotz der lehrreichen Übersicht über die Infinitivkonstruktionen (http://www.sprachforschung.org/ickler/?show=news&id=1602) noch nicht ganz klar ist.

brauchen ist wohl unstrittig in:
- Er braucht Geld - Vollverb
- Er braucht nicht kommen - Modalverb.

Was aber ist brauchen in:
- Er braucht nicht zu kommen - Vollverb oder Modalverb?
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 12.02.2014 um 20.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25118

Fortsetzung einiger Gedanken zu Herrn Riemers Punkt (Eintrag 25068), die sich zum Rubrum dieser Spalte zurückwinden:
"Daß die meisten Modalverben Präteritopräsentien sind, ist zwar ein interessanter Punkt, aber ist das nicht eher eine zufällige Erscheinung (...)?" Im Prinzip ja, aber der Angelpunkt ist eben die Parallelisierung der beiden Kategorien. wissen – weiß behält als nunmehr übriggebliebener Sonderling sein Erbrecht, wobei es durchaus noch verträglich ist, wenn die morphologische Kategorie Pr-Pr die umfassendere ist. Umgekehrt aber: Daß ich will etc. alte Optative sind, wissen doch nur wir Sprachkundigen. Für Otto Normalverbraucher stellt sich die Sache so dar, daß hier die 1. und 3. Person ohne Endung gebildet werden und ein Ablaut (wollen – will) stattfindet – genau die Eigenschaften der Pr-Pr.

[Fußnote: sollen – ich soll – wir sollen bildet eine Ausnahme, weil der alte Ablaut skulan – ih skal – wir skulun verschwunden ist. Grund dafür ist wohl die einebnende Ausspracheungenauigkeit in schwachtoniger Stellung, d.h. im Satz, wo das Vollverb betont wird: Du sollst nicht mórden!)]

brauchen in modaler Verwendung paßt sich nun auch morphologisch diesem Muster an. Genau darum kommt diese Entwicklung auch so unaufhaltsam daher: weil sie der Sprachlogik entspricht. "Der Mensch macht die Geschichte, aber er ist nicht ihr Herr." – um bei dieser Gelegenheit mal wieder einen Klassiker zu zitieren.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 07.02.2014 um 21.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25083

Eisenberg nennt in seinem "Grundriß der deutschen Grammatik" möchten, nicht brauchen, lassen als Wörter, die als Vollverben oder Modalverben bezeichnet werden. Seine weiteren Ausführungen sind allerdings recht bizarr. Die Schwierigkeiten damit kämen u.a. daher, daß mögen und möchten etymologisch verwandt seien (Ach was!); er führt einen hundert Jahre alten, wenig bekannten Grammatiker an, um festzustellen, daß möchte Konjunktiv von mögen/mag ist (Wer hätt's gedacht?), usf.
Den Modalverben spricht er – soweit richtig – den Imperativ ab. Bei müssen, sollen, dürfen verbiete sich das "schon aus semantischen Gründen" ((Weshalb sonst?) Bei wollen sei ein Imperativ "immerhin vorstellbar". "Es macht Sinn, jemanden zum Wollen aufzufordern". (Ja, ja, mir fällt das passende Zitat [Bibel? Kant?] gerade nicht ein, kann jemand aushelfen?)

Zu Herrn Riemers Kategorienfrage: Die Liste der Präteritopräsentien (Pr-Pr) war einst länger und umfaßte außer Modalverben noch andere Wörter, die bis auf wissen – weiß alle verschwunden sind. taugen und gönnen (= gi-unnan, zu unnan, ih an, wir unnun usw.) sind in die schwache Konjugationsklasse übergetreten, manche sind nur noch in Relikten oder anderen Sprachen erkennbar:
eigen (–> eignen) – gotisch ik aih, îs aigun ("ich habe, sie haben") – englisch own, owe, ought (You ought to work = "Du hast zu arbeiten")
turren – englisch dare, durst
und einige weitere, im Gotischen zählt man insgesamt 13 Pr-Pr.
Im Englischen sind die Formen, wie nicht anders zu erwarten, stark zerrüttet. Interessanterweise rücken aber immer wieder Vergangenheitsformen ins Präsens nach: must, ought, we've got a problem. In manchen Mundarten wird daraufhin wohl eine wiederum neue – nunmehr dritte! – Vergangenheitsform musted gebildet.
Im Deutschen hingen fand eine weitgehende Parallelisierung der morphologischen Kategorie Pr-Pr mit der semantisch-syntaktischen Kategorie Modalverb statt.

Zur Frage des Wollens: Muß ich nochmal in Ruhe nachdenken, ob und wie wir auf einen Nenner kommen können. Nur auf die Schnelle. wollen beschreibt eine subjektive, innere Disposition, die anderen äußere, mehr oder weniger objektive Angelegenheiten. Ich kann nicht schwimmen ist eine objektive Aussage darüber, ob ich mit dieser Technik vertraut bin, unabhängig von irgendwelchen Wünschen oder Absichten.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 07.02.2014 um 18.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25082

Nach Verben der Wahrnehmung steht der AcI, mit Infinitiv ohne "zu".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.02.2014 um 14.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25080

Lieber Herr Strowitzki, es geht mir nicht darum, irgendein Prokrustesbett zu füllen, sondern um eine Gesamtsicht, zu der Sie vielleicht die länglichen Ausführungen unter http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587 heranziehen müssen.

Natürlich meine ich nicht, daß können usw. Varianten oder Konversen von wollen sind oder so etwas. Aber wenn Sie alles im Zusammenhang überdenken, werden Sie mir doch vielleicht zustimmen, daß alle andere Modalverben nur zu Interaktionen zwischen willensfähigen oder, na ja, "intentionalen" Wesen passen. Man könnte auch "handlungsfähig" sagen.

Ich verstehe aber Ihre spontane Skepsis und weiß, daß ich etwas weiter ausholen müßte.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 07.02.2014 um 11.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25078

Einige Autoren zählen auch lassen zu den Modalverben (#25060).

Es gibt ja auch noch die kleine Gruppe von Verben, im wesentlichen kommen, gehen, fahren, sehen, hören, die ebenfalls wie Modalverben den reinen Infinitiv (ohne zu) anschließen (sie geht spielen usw.). Die Verben dieser Gruppe scheinen etwas Ähnlichkeit mit lassen zu haben, aber als Modalverben gelten sie nicht. Ich müßte sie von meiner Äquivalenzformel (in #25068) noch ausschließen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 06.02.2014 um 20.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25070

Aber nicht doch, lieber Herr Chmela, genauso hatte ich Sie ja auch verstanden, und ich finde Ihre Beiträge zum Bairischen immer sehr interessant. Natürlich hat das bairische "brauchen" auch mit diesem Thema zu tun. Meine letzte Bemerkung war eher als Frage an Prof. Ickler gedacht, weil er Ihr Mundartbeispiel sozusagen auch fürs Hochdeutsche in Betracht zu ziehen scheint. Nach meinem Sprachgefühl ist "Der brauch[t] reden" nun wirklich sehr landschaftlich, mundartlich und im Hochdeutschen nicht üblich.
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 06.02.2014 um 20.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25069

Lieber Herr Riemer,
in voller Absicht habe ich meinen Eintrag mit Beispielen aus dem Bairischen 'Seitenblick' genannt. Nichts anderes als ein Blick zur Seite, zu jener anderen deutschen Sprache (nennen wir es einmal so) sollte das sein. Es lag und liegt mir wirklich fern, damit etwa einen Hinweis, oder gar Beweis für die Existenz solcher Sätze (mit 'brauchen ohne zu') in der deutschen Hochsprache zu liefern (wobei ich mir im übrigen gar nicht sicher bin, ob ich mit meiner Interpretation jener bairischen Sätze recht habe).
Auf keinen Fall möchte ich den Eindruck erwecken, daß ich mich in Diskussionen einmische mit Einlassungen, die nicht zum Thema gehören. Es drängen sich mir nur immer wieder Vergleiche auf, auf die ich hinweisen möchte, ohne damit in den Kern der Diskussion eingreifen zu wollen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 06.02.2014 um 16.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25068

Daß die meisten Modalverben Präteritopräsentien sind, ist zwar ein interessanter Punkt, aber ist das nicht eher eine zufällige Erscheinung, die mit dem Charakter, mit dem, was ein Modalverb eigentlich ausmacht, gar nichts zu tun hat? Weder sind alle Modalverben Präteritopräsentien (wollen), noch sind alle Präteritopräsentien Modalverben (wissen). Ich habe Modalverben immer als die Verben betrachtet, die, wie ihr Name schon sagt, im Zusammenhang mit einem Verb im Infinitiv all diese Modi ausdrücken, die Sie, lieber Prof. Ickler, hier so ausführlich zusammengestellt haben.

Wichtigstes äußeres Kennzeichen eines Modalverbs, und da sehe ich bisher auch zu Ihrer Erläuterung keinen Widerspruch, ist doch, daß sie ausnahmslos mit dem Infinitiv ohne zu stehen. Kann man es nicht auf die folgende einfache Formel bringen?
[verb] + zu + Infinitiv <-> verb ist Vollverb
[verb] + Infinitiv <-> verb ist Modalverb

Was mir immer große Verständnisschwierigkeiten bereitet, ist die Einbeziehung von nichtstandardsprachlichen Belegzitaten. Oder der Rückgriff auf Dialekte. Dialekte, gerade das Bairische, haben doch zum Teil völlig andere grammatische Erscheinungen als das Hochdeutsche. Solche Vergleiche mögen sehr interessant sein, aber sie sind doch keine Belege fürs Hochdeutsche. Mit Google kann man auch, wenn man nur lange genug sucht, ziemlich alles finden. Nur weil mal jemand in irgendeinem Internetblog "Isch geh Schulhof" schreibt, wird man das ja nicht gleich in die deutschen Grammatiken und Wörterbücher aufnehmen.

Wenn also die Wörterbücher, die Sie anfangs erwähnten, doch den Anspruch haben, ein standardgemäßes Hochdeutsch zu beschreiben, wonach sich Benutzer ja normalerweise auch erkundigen wollen, haben die Autoren dann nicht recht mit der Behauptung, brauchen als Modalverb, also ohne zu, sei zur Zeit standardsprachlich nur im Zusammenhang mit einer Negation üblich?
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 06.02.2014 um 16.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25067

Alle Modalitäten auf ein Wollen zurückzuführen (zurückführen zu wollen), scheint mir doch etwas verkrampft. Müssen, dürfen, können implizieren nicht notwendig irgendein Wollen, es geht um Befähigung, Berechtigung, Erlaubnis u.ä.
Das kann stimmen. Das mag richtig sein – Wer will hier etwas?
Ich kann nicht schwimmen – will ich es oder nicht?
Natürlich kann man alles in irgendein Prokrustesbett zwängen, aber was ist damit gewonnen?
 
 

Kommentar von Horst Ludwg, verfaßt am 06.02.2014 um 16.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25066

Zu #25056: Auch ich lasse mich gern korrigieren. "How dare you do that?" Völlig richtig. Und zu #25057: Naja, ich meine auch mehr, ich weiß nicht so recht. Und Gefühltes: "Was braucht er das wissen?" klingt auch für mich nicht so richtig, "will sagen, nicht ganz überzeugend". Aber hätte ich, der ich mit der kindlichen Ermahnung "Wer brauchen ohne zu gebraucht, braucht brauchen überhaupt nicht zu gebrauchen" und dann doch noch einigem mehr hierzu aufgewachsen bin, Einsicht in Herrn Icklers so klare "eine noch unfertige Kurzübersicht über die Modalverben" (#25060/#25062) schon vorher gehabt, hätte ich #25054 natürlich nicht eingetragen, sondern bestenfalls mir *need* und *dare* wohl erst mal eingehender angesehen (aber dieser beste Fall tritt bei mir i. R. wohl doch nicht mehr ein). Und Herrn Riemer sei auch Dank, daß er mit seiner Frage "Vielleicht ist ja dann meine Auffassung von Modalverben falsch?" (#25057) Herrn Icklers Gedankenapparat angeworfen hat. —
Daß zu "möchte" im Deutschen tatsächlich Beispiele für einen (gelegentlichen) Infinitiv "möchten" vorliegen (Anm. 1), ist mir neu. Mich hatte immer aufgeregt, daß in neueren U.S.-Deutschgrammatiken "möchten" oft so aufgelistet wurde, als sei diese Form ein Infinitiv (wenn auch die Beispiele dann zeigten, daß es sich doch um eine Konj.-II-Form handelt).
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 06.02.2014 um 12.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25063

Noch zwei Beispiele aus der "Bairischen Grammatik", in hochdeutscher Transkription: "Er braucht angeben." (Er hat es nötig anzugeben.) "Du brauchst dich aufregen." (Du hast es nötig, dich aufzuregen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2014 um 11.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25062

Das stimmt natürlich. Ich habe nicht alle Anmerkungen gebracht, die man hier machen könnte, gebe aber zu bedenken, daß uneigentliches Sprechen, also z. B. Ironie, erst einmal das eigentliche voraussetzt, um seinen Effekt zu erzielen.

So könnte man bei den Personalpronomina auch anführen, daß man sich selbst anreden kann, aber das funktioniert nur, wenn man zuvor klarstellt, wie die Pronomina primär gebraucht werden. Vielleicht ist es dann erwähnenswert, daß man sich im Selbstgespräch duzt, was aber wiederum nicht ausschließt, daß ich zu mir sage: "Aber Herr Ickler, was haben Sie denn da angestellt?" usw.

Für meine (anderswo veröffentlichte) Theorie der Modalpartikeln ist z. B. wesentlich, wie das Wissen auf Sprecher und Hörer verteilt ist (und das spielt auch in anderen Bereichen der Sprache eine Rolle, z. B. beim Artikelgebrauch). Aber es gibt natürlich Verstellung (das bedeutet ja "Ironie"), so daß ich fingieren kann, nicht zu wissen, was ich weiß usw.

Kurzum, wir kommen nicht ohne eine Schichtung der Regeln aus. Übrigens habe ich von "autoklitisch" gesprochen, ohne es zu erklären. Der Begriff geht, wie anderswo erwähnt, auf Skinner zurück und ist hier einschlägig: In Anlehnung an Freud hat Skinner eine sprachliche Primärreaktion von einer sekundären Überarbeitung zwecks Steigerung ihrer Wirkung angesetzt. In nicht ausgearbeiteten Notizen erwog er aber auch, daß es sich in Wirklichkeit um einen einzigen Vorgang handelt. Auf dieser Linie mache ich weiter. Da Skinner keine Theorie der Redeentstehung (Aktualgenese) anstrebte, brauchte er dieses Thema nicht weiter zu verfolgen.
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 06.02.2014 um 10.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25061

Zitat: "Er will Arzt sein. (Er will, daß man glaubt, daß er Arzt ist.)
Diese Verwendung beschränkt sich auf die zweite und dritte Person; in der ersten Person wäre die Distanzierung von der eigenen Meinung sinnlos."

Aber kann man es denn nicht selbstironisch verwenden? Zum Beispiel, nachdem einem ein dummer Fehler unterlaufen ist:
"Und ich will ein Fachmann sein!"
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2014 um 04.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25060

Dank an Herrn Chmela für das schöne Beispiel Der brauch reden! Das ist mir auch bekannt, ich hatte es bloß vergessen.Es ist offensichtlich eine ironische Wendung und hat negativen Sinn. Ich lasse eine noch unfertige Kurzübersicht über die Modalverben folgen:

Die Modalverben

Es gibt sechs unstrittige Modalverben, dazu einige zweifelhafte Kandidaten:

wollen
sollen
müssen
dürfen
können
mögen/möchte


sowie brauchen (in ignorativem Kontext), werden (als Ausdruck der Vermutung), nach einigen Autoren auch lassen.

Formal sind die Modalverben als Präteritopräsentien gekennzeichnet; wollen hat optativische Formen. Ein schwaches Präteritum ist hinzugebildet. Im Perfekt und Plusquamperfekt treten sie meist im Ersatzinfinitiv anstelle des Partizips II auf.

Modalverben regieren den reinen Infinitiv; wollen und mögen/möchte regieren alternativ einen daß-Satz, ihr Subjekt muß nicht mit dem Agens des Hauptverbs zusammenfallen wie bei den anderen Modalverben.
Der Komplex aus Modalverb und abhängigem Hauptverbinfinitiv hat – wie bei den Hilfsverben – die Valenz des Hauptverbs. So kann er fakultativ subjektlos sein wie das Hauptverb:

Dir muß (etwas, viel) daran liegen, daß ...
Ihm kann komisch zumute gewesen sein.


Das semantische Feld der Modalverben

Die Modalverben hängen semantisch miteinander zusammen. Man unterscheidet grundsätzlich zwei Gebrauchsweisen, die man recht ungeschickt als „deontische“ und „epistemische“ bezeichnet hat; es geht aber – außer in einzelnen Fällen – weder um Sollen noch um Wissen. Wir unterscheiden den primären und den autoklitischen Gebrauch.

Primärer Gebrauch der Modalverben

Das zentrale Modalverb ist wollen, es wird zur Definition aller anderen Modalverben benötigt.

wollen hat – wie sonst nur noch mögen/möchte – zwei Konstruktionen:
a) mit reinem Infinitiv und b) mit daß-Satz:

a) Er wollte nichts dem Zufall überlassen.
b) Gott will, dass wir uns fortpflanzen. (Welt 25.11.08)

Sogar mit zu-Infinitiv kommt es gelegentlich vor:

Viele autistische Leute würden es nicht wollen, 'geheilt' zu werden. (FAS 12.5.02)

In der Konstruktion b) ist wollen Vollverb mit der Bedeutung 'wünschen' und braucht hier nicht weiter berücksichtigt zu werden.

Die primäre Verwendung umschreibt Goethe so: „Unser Wollen ist ein Vorausverkünden dessen, was wir unter allen Umständen tun werden. Diese Umstände aber ergreifen uns auf ihre eigene Weise.“ (Goethe: DuW III, 11)

Damit ähnelt das Modalverb wollen dem Tempus-Auxiliar werden (das lange mit Modalverben als Ausdruck des Futurs konkurrierte). Der Unterschied besteht darin, daß die Ankündigung mit wollen das künftige Verhalten zur Diskussion stellt. Die Adressaten der Ankündigung können zureden oder abraten, und damit ergibt sich für den Sprecher der Vorteil, nicht alle Erfahrungen selbst machen zu müssen.
Das alles gilt zunächst nur in der ersten Person. In der zweiten und dritten Person kann zunächst nur dargestellt werden, was jemand als sein künftiges Verhalten ankündigt. Man setzt also voraus, daß es sich um ein Wesen handelt, das grundsätzlich zu solchen Ankündigungen befähigt, also ein sprachfähiges Wesen ist.
Die Ankündigung eines Verhaltens und seine Ausführung sind zwei Phasen des Gesamtverhaltens.

Personifizierung ist häufig:

Sende mir noch einige Würzburger, denn kein anderer Wein will mir schmecken. (Goethe)
Die heilsgeschichtliche Relevanz von Jesu Tod und Auferstehung will heute nicht mehr einleuchten. (Aus Pol. u. Zeitgesch. 23.9.94)

können bedeutet, daß dem Wollen kein Hindernis entgegensteht.

dürfen ist eine Spezialisierung von[i] können; es bedeutet, daß dem Wollen kein Hindernis im Wollen anderer Personen entgegensteht.

müssen bedeutet die Einschränkung des Wollens durch Zwang.

sollen ist eine Spezialisierung von müssen; es bedeutet, daß der Zwang vom Wollen anderer Personen ausgeht.

mögen ist zweideutig, es bedeutet können oder wollen.

Diese grundlegenden Bedeutungen sind aus pragmatischen oder historischen Gründen in zahlreiche Sonderverwendungen aufgespalten.

Pragmatische Varianten

Du sollst nicht töten. Du sollst deine Eltern ehren.

Dieses Verbot oder Gebot tritt als Erinnerung an eine frühere Gesetzgebung auf. Es geht um die Weitergabe einer Willensbekundung.

Mach deine Hausaufgaben! - Wie bitte? - Du sollst deine Hausaufgaben machen.

Hier wird vorausgesetzt, daß der Hörer die Aufforderung als solche wahrgenommen und lediglich den Inhalt nicht verstanden hat. Der Sprecher wiederholt den Inhalt, nicht den Sprechakt, an den er vielmehr nur erinnert. sollen ist also postlokutionär.

Ich durfte ihn noch kennenlernen = Ich lernte ihn noch kennen, und das gefiel mir. (Es war, als wenn ich es gewollt hätte.)

Ich mußte erfahren ... = Ich erfuhr ..., und das gefiel mir nicht. (Ich wollte, daß es nicht geschah.)

Periphere Fälle (brauchen, werden, lassen, bleiben)

Das Verb brauchen wird im Sinne von 'nicht müssen' verwendet, aber nur in einschränkendem („ignorativem“) Kontext, d. h. verneinend oder in Fragen (vor allem rhetorischen, die den Sinn einer Verneinung haben):

Was ich nicht weiß, braucht man auch nicht zu wissen. (SZ 22.1.96)
Die politische Führung braucht nur die vom Beamtenapparat vorbereiteten Entscheidungen abzusegnen. (SZ 11.1.96)
Brauchst du das zu fragen? (Schnitzler, Reigen)
Doch was brauche ich das zu schreiben? (Karoline von Günderode, Brief an Creuzer vom 26.6.1805)

Die Kombinierbarkeit mit brauchen kann folglich auch benutzt werden, um die Klasse der Negationsausdrücke zu bestimmen: nicht, kein, niemand, nur, erst, kaum gehören dazu, nicht aber Wörter wie ohne (als Präposition), außer, von denen man es zunächst ebenfalls annehmen könnte.

Die Annäherung von brauchen an die Modalverben zeigt sich darin, daß oft der Infinitiv ohne zu verwendet wird:

Wenn ich alles sagen würde, was ich weiß, dann kann die CDU/CSU einpacken und braucht die nächsten zehn Jahre zu keiner Wahl mehr antreten. (SZ 10.1.96)

In der gesprochenen Umgangssprache fällt regional auch oft die Endung der dritten Person weg (er brauch nicht kommen), was eine formale Angleichung an die Präteritopräsentien bedeutet.

werden kann im Unterschied zu den eigentlichen Modalverben nicht im Infinitiv mit zu gebraucht werden: *er glaubt, alles tun zu werden.

Autoklitischer Gebrauch der Modalverben

Neben dem objektiven Gebrauch der Modalverben, der einen Beitrag zum Satzinhalt leistet, gibt es den subjektiven, epistemischen oder, wie wir sagen, autoklitischen Gebrauch.

wollen deutet an, daß die genannte Person will, daß der Hörer ihre Rede für wahr hält:

Er will Arzt sein. (Er will, daß man glaubt, daß er Arzt ist.)

Diese Verwendung beschränkt sich auf die zweite und dritte Person; in der ersten Person wäre die Distanzierung von der eigenen Meinung sinnlos.

Die Personifizierung bei psychologischen Verben, deren personale Ergänzung im Dativ steht, findet sich auch autoklitisch:

Berühmten Professoren will entfallen sein, daß sie einmal Mitglieder der NSDAP waren. (FAZ 29.12.03)
(= Die Professoren wollen, daß man glaubt, es sei ihnen entfallen.)

können deutet an, daß der Annahme einer Behauptung nichts entgegensteht:

Er kann schlafen. Er kann geschlafen haben.
(= 'Man kann es annehmen, wenn man will'. Dieses können läßt sich durch vielleicht ausdrücken: Vielleicht schläft er. Vielleicht hat er geschlafen/schlief er.)

mögen deutet außerdem an, daß es dem Sprecher nicht wichtig ist, ein Zugeständnis ohne Bedeutung.

Das mag so sein.

dürfen wird im Konjunktiv II verwendet und ist ein abgeschwächtes autoklitisches können:

Er dürfte Arzt sein.

müssen deutet an, daß die Annahme einer Behauptung aufgrund von Indizien mit Notwendigkeit zu folgern ist:

Er muß Arzt sein.

Bei sollen wird die Notwendigkeit der Annahme auf den Willen anderer Personen zurückgeführt:

Er soll Arzt sein. (Jemand will, daß wir glauben, er sei Arzt.)

Viele Sätze sind zweideutig:

a) Das Kind soll schlafen. = „Jemand will, daß das Kind jetzt schläft.“
b) Das Kind soll schlafen. = „Jemand will, daß wir glauben, daß das Kind schläft.“

a) Er will Medizin studieren. = „Er hat die Absicht, Medizin zu studieren.“
b) Er will Medizin studieren. = „Er will, daß wir glauben, daß er Medizin studiert.“

a) Er muß Medizin studieren. = „Er ist gezwungen, Medizin zu studieren.“
b) Er muß Medizin studieren. = „Es gibt zwingende Gründe für die Annahme, daß er Medizin studiert.“

a) Er kann Medizin studieren. = „Es steht nichts dagegen, daß er Medizin studiert.“
b) Er kann Medizin studieren. = „Es steht nichts gegen die Annahme, daß er Medizin studiert.“

Da die autoklitische Bedeutung den Sprechakt betrifft, kann sie – abgesehen von literarisch versetzter Rede in Erzählungen – nur im Präsens der Modalverben auftreten:

Er will/soll es gesagt haben – nur autoklitisch deutbar.
Er hat es sagen wollen/sollen – nur primär deutbar.

Bei dürfen wird die autoklitische Bedeutung durch den Konjunktiv II (dürfte) ausgedrückt. mögen hat primär die Bedeutung „gern tun“ angenommen, während es autoklitisch noch das Können vermittelt: Er mag Medizin studieren = „Es steht nichts gegen die Annahme, daß er Medizin studiert.“



Anmerkungen:

1. Zu möchte wird gelegentlich ein Infinitiv gebildet:

Ohne vorgreifen zu möchten, kann ich vorab sagen, dass wir die Maschine nun seit über einem Jahr in Gebrauch haben.
Windows ist voll von Funktionen, die hellsehen, was der Nutzer zu möchten hat.

2.Die semantische Analyse schließt nicht aus, daß die Modalität auch noch in anderen lexikalischen oder grammatischen Formen zum Ausdruck kommt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 05.02.2014 um 21.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25058

Für "er braucht nur kommen" liefert Google tatsächlich 4 Fundstellen. Sie klingen jedoch für mich nicht standardsprachlich, will sagen, nicht ganz überzeugend. Aber gut, ich will das gern zugeben.
Aber ganz ohne einschränkendes Element?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 05.02.2014 um 20.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25057

Ob nun "nur mit Negation" richtig ist oder nicht, lieber Herr Ludwig, aber die Idee war ja nicht von mir. Prof. Ickler schreibt, sie steht so in verschiedenen Wörterbüchern. Ich bin wohl gerade dabei, diese Idee zu verteidigen, na ja, ich meine mehr, ich weiß nicht so recht.

Was ist denn ein Modalverb? Meines Wissens ist es doch so:
Ich brauche nicht zu fahren – brauchen ist Vollverb.
Ich brauche nicht fahren – brauchen ist Modalverb.

So wie auch in ich versuche/beginne/glaube zu verstehen die finiten Formen alles Vollverben sind. Ich meine, man kann es tatsächlich an dem Wörtchen zu festmachen. Stimmt das etwa nicht?

Nun sehe ich aber, daß einzig die bairischen Beispiele von Herrn Chmela brauchen ohne Negation oder Einschränkung durch Negativoide zeigen. Nur wenn wir ähnliche Beispiele auch im Hochdeutschen hätten, wäre doch die These "nur mit Negation" widerlegt. Ich finde aber keine, auch nicht mit Negativoiden.
Was braucht er das wissen? klingt für mich nicht richtig.

Vielleicht ist ja dann meine Auffassung von Modalverben falsch?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.02.2014 um 19.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25056

Im Deutschen eben gerade nicht nur mit Negation, und beim englischen dare doch auch nicht, oder? How dare you do that? Aber ich lasse mich gern korrigieren.

Ich sitze ja hier in der Provinz. In Erlangen gibt es gerade eine Ausstellung, die der Bayerische Rundfunk als "Radikale Schönheit" ankündigt. Das ist sehr lobenswert, denn in Wirklichkeit heißt sie "Radical Beauty". Wir sind ja in der "Metropolregion" Nürnberg/FürthErlangen.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 05.02.2014 um 18.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25054

In diesem Zusammenhang sollte man sich auch engl. *need* ansehen: He does not need to come / He need not come. Auch hier kann man sagen, *need* geht zu den Modalverben über, – und auch hier, wie Herr Riemer sehr gut (und für mich neu) sieht, "nur mit Negation". Dasselbe gilt für engl. *dare*.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.02.2014 um 17.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25052

Das sowieso. Ich brauche dich ist natürlich was anderes. Aber vielleicht meinen Sie das nicht, sondern die Verwendung mit Infinitiv, aber mit und ohne zu. Nun muß ich sagen, daß meine Beispiele nicht unter dem Gesichtspunkt der Weglassung von zu gesammelt waren und durchweg einem Niveau angehören, das eher gegen die Weglassung eingestellt ist, z. T. ja auch schon älter sind.
Man könnte sagen, brauchen gehe von den "Modalitätsverben" (pflegen, drohen, scheinen) zu den Modalverben über.
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 05.02.2014 um 17.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25051

Ich erlaube mir wieder einen meiner Seitenblicke aufs Bairische. Ich meine, daß brauchen in den folgenden Beispielen als Modalverb (ohne zu) erscheint, bin mir dessen aber keineswegs sicher. Wendungen wie die folgenden gehören zur typisch bairischen Idiomatik und werden häufig verwendet (wortgetreue Übertragung ins Schriftdeutsche):

Dieses Fleisch brauch(t) beißen (z.B. weil es zäh ist).
Mein Lieber, das brauch(t) beißen! (z.B. das Verarbeiten einer schlechten Nachricht).
Die Hose brauch(t) waschen (weil sie schmutzig ist).

Außerdem gibt es noch die immer abschätzig gemeinte Wendung:
Der brauch(t) reden! – gemeint ist: Ausgerechnet der muß sich dazu äußern!

Nebenbei: Als Vollverb hat brauchen eine gegenüber dem Schriftdeutschen erweiterte Bedeutung, nämlich die von nötig sein:
Das braucht es nicht! = Das ist nicht nötig!
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 05.02.2014 um 16.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1599#25049

Dabei fällt mir allerdings auf, daß in allen diesen Beispielen, wo brauchen ohne Negation in Fragen vorkommt, und wohl auch immer mit Negativoiden, es dann doch wieder nur mit zu steht, also wie ein Vollverb. Gibt es vielleicht zwei brauchen,eins als Vollverb und eins als nur mit Negation gebräuchliches Modalverb?
 
 

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