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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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09.08.2013
 

Der bitterböse Friederich
Sind Tiere Sachen?

Wütende Spiegel-Leser kämpfen siegreich gegen Indefinitpronomen.

Soeben berichtete SPIEGEL, in Leipzig sei eine Transportmaschine ausgebrannt. "Verletzt wurde niemand." Nur eine Menge lebende Küken sind verbrannt. Die Leserzuschriften empörten sich über dieses niemand, wenig später änderte die Redaktion den Text in "Menschen wurden nicht verletzt."

Die Leser machten geltend, daß Tiere keine Sachen seien. Allerdings sind sie auch keine Personen und daher kein "Jemand".

BGB § 90a lautet heute:
Tiere
Tiere sind keine Sachen. Sie werden durch besondere Gesetze geschützt. Auf sie sind die für Sachen geltenden Vorschriften entsprechend anzuwenden, soweit nicht etwas anderes bestimmt ist.


Das ist natürlich sehr unbefriedigend. Es geht im BGB hauptsächlich darum, daß man Tiere verkaufen kann. Man darf sie auch schlachten, bloß nicht unnötig quälen. Darf man Fliegen die Flügel ausreißen? Aber was ist das schon gegen die erlesenen Qualen, die meine Lieblingsspinne ihren Opfern zufügt?

Haben Tierschützer schon ein Pronomen gefunden, das zwischen Sachen und Personen vermittelt?



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Kommentare zu »Der bitterböse Friederich«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.02.2017 um 05.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1572#34487

Eine Veganerin stört sich an "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" – und die Stadt Limburg streicht das Lied aus dem Glockenspiel des Rathauses. (10.2.17)

Allerdings hat der Jäger, der den Fuchs mit dem Schießgewehr bedroht, nicht die Absicht, ihn zu essen. Vielmehr geht es um die Frage, wer die Gans essen darf. Füchse können mit veganer Ernährung nicht überleben. Vielleicht ist aber schon die Erwähnung eines Tieres für Veganer schwer zu ertragen. Wo Tiere erwähnt werden, sind auch Tiere drin, und das darf nicht sein. Man darf Tiere nicht in Wursthüllen und nicht in Kinderlieder stecken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.05.2016 um 14.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1572#32633

Nach einem Gerichtsurteil bleibt es dabei: 50 Millionen Küken müssen sterben, weil sie das falsche Geschlecht haben, die anderen 50 Millionen, weil sie das richtige Geschlecht haben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.04.2016 um 07.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1572#32341

Eine der seltsamsten Unterscheidungen ist durch den Begriff "Heimtier" eingeführt worden.
Der Ausdruck Heimtier bezeichnet ein Tier, das der Mensch insbesondere in seinem Haushalt zu seiner eigenen Freude und als Gefährten hält oder das für diesen Zweck bestimmt ist. (Europäisches Übereinkommen zum Schutz von Heimtieren)
Der Text dieses Übereinkommens wirkt entsprechend willkürlich und geradezu verspielt. Wir haben schon gesehen, wie die Medien und die Tierfreunde reagieren, wenn Mützen aus Hundefell verkauft werden. Das wertvolle Hundefell bleibt wegen des besagten Übereinkommens ungenutzt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.03.2016 um 04.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1572#31990

Gestern abend wollte ich eigentlich noch genau dies nachtragen, zusammen mit einer kleinen Betrachtung. Auf indischen Landstraßen begegnet man Jaina-Pilgern, die tatsächlich vor jedem Schritt mit einem Besen wirkliche oder vorgestellte Kleinlebewesen von ihrem Weg entfernen. Das ist natürlich nur ein Ritual, die wirkliche Effizienz spielt keine Rolle. Ebenso beim Mundschutz.
Das bringt mich auf eine Unterscheidung. Viele Bräuche werden von der Mehrzahl nur noch pro forma eingehalten. Zum Beispiel sind wir gerade in der Fastenzeit, aber die Leute haben seit je Wege gefunden, sich schadlos zu halten. Verzichten sie auf Fleisch, essen sie eben Fisch und trinken Starkbier dazu usw. ("Gottesbscheißerle"). Das Sabbatgebot wird hochgehalten, zugleich mannigfach umgangen. Unser indischer Lektor aß zu Hause fleischlos, seiner Frau und den Kindern zuliebe, aber auf einem Institutsausflug bestellte er sich eine Schlachtplatte.
Und dann gibt es die Orthodoxen, die nehmen alles ernst und immer ernster. Zur Zeit knebeln sie die Gesellschaft Israels. Die Vegetarier und Veganer zerfallen auch in diese beiden Gruppen. Die Orthodoxen steigern sich immer weiter hinein.
Aber wenn man übertreibt, hat man die Lächerlichkeit (Fontane). Man glaubt es ja nicht ohne weiteres, daß erwachsene Menschen im Internet ernsthaft über die Zulässigkeit von Wolle, Roßhaaren, Honig usw. diskutieren. Die PC entwickelt sich genau so, jeder versucht den anderen und sich selbst zu überbieten. Eine Zwangsneurose.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 17.03.2016 um 19.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1572#31987

Ähnliches berichtet man auch von den Jainas und wohl auch anderen indischen Sekten. Es heißt, manche fegen beim Gehen vor sich her, um nur ja kein Tier zu zertreten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.03.2016 um 19.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1572#31986

Wie ich gerade lese, schlagen Veganer keine Fliegen tot, sondern fangen sie lebend und setzen sie in Freiheit. Sie benutzen auch keine Wolle und kein Leder. Diskutiert wird seit einiger Zeit, ob sie Geige spielen dürfen, wegen der Saiten und des Bogens.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2015 um 07.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1572#29616

Nachtrag zu #23901:

Meine Beobachtungen zu Hundefängern in Delhi decken sich mit den in Kabul gefilmten: www.zeit.de/video/2014-10/3854451836001/afghanistan-tierschuetzer-entsetzt-ueber-jagd-auf-wilde-hunde-in-kabul#autoplay

Nicht schön, aber kaum vermeidbar und landesüblich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.03.2015 um 05.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1572#28482

Tatsächlich melden die Tierschützer Bedenken an, weil die Eier samt Insassen weggeworfen werden sollen. Die Zeitungen bilden "süße Küken" ab und drücken auf die Tränendrüse: Sie dürfen nicht weiterleben, "nur weil sie das falsche Geschlecht haben". Da klingt das Gender mainstreaming an, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Leider kann man die Küken nicht fragen, Vielleicht würden sie den schnellen Tod durch Schreddern einem kurzen Leben bis zur Schlachtreife vorziehen?
Übrigens: Wovon sollen 7 Mill. Hunde und 12 Mill. Katzen leben? Man arbeitet daran, sie vegan zu ernähren, aber artgerecht ist das nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.03.2015 um 06.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1572#28462

Ob es nun 20 oder 50 Mill. Küken (Zeitung gestern: "Kücker") sind, die jährlich "geschreddert" werden - man will das künftig vermeiden. Das männliche Geschlecht soll schon im Ei festgestellt und das Ei dann vernichtet werden. Das kann die Tierfreunde aber doch nicht beruhigen und die Abtreibungsgegner auch nicht.
Ein ähnliches Dilemma sehe ich beim Kastrieren von Nutz- und Haustieren. Wenn wir es beim Menschen nicht mehr dulden (früher fand man nichts dabei), wird es über kurz oder lang auch bei Tieren nicht mehr geduldet werden können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.08.2013 um 06.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1572#23904

Auf die kuriose rechtliche Stellung der Zoophilie wurde schon hingewiesen (siehe hier). Bei Wikipedia erfährt man:

"Sexuelle Kontakte zwischen Tieren und Menschen waren in Deutschland bis 1969 durch § 175b StGB verboten. Die widernatürliche Unzucht, welche von Menschen mit Tieren begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden. (§ 175b in der Fassung vom 28. Juni 1935). Die Strafbarkeit wurde 1969 durch die Große Strafrechtsreform aufgehoben. Gewisse Grenzen setzen hier weiterhin die Tierschutzgesetze und, falls es sich um fremde Tiere handelt, die strafrechtliche Bestimmung zur Sachbeschädigung (§ 303)."

Also noch ein Gesichtspunkt, der Tiere wie Sachen zu behandeln vorgibt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.08.2013 um 05.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1572#23901

Vielen Dank für diesen kleinen Essay, der mit Recht auch den sprachlichen Dimorphismus (wie man es nennen könnte), der uns hier besonders interessieren muß, in Erinnerung ruft. Allerdings würde ich gegen Schopenhauer und auch gegen Frau Walden einwenden, daß bei der Entwicklung unseres Verhältnisses zu den Tieren nicht mit Begriffen wie "Unverschämtheit" und "Niedertracht" beschrieben werden sollte. Wir stöbern in den Hinterlassenschaften unserer Vorfahren und finden auf der ganzen Welt Tierknochen darin, aber wer würde über die Schmausenden von damals ein so hartes Urteil fällen? Überhaupt scheint es bei aller Tierliebe ein wenig an Verständnis für den Menschen zu fehlen. Darüber könnte man lange diskutieren, aber dies hier ist nicht der geeignete Platz.

Nur dies noch: Im Englischen mögen vorbildliche sprachliche Ausdrücke verbreiteter sein, aber im Eßverhalten beispielsweise sind die Anglophonen auch nicht anders geworden, der Kult ums Steak ist in den USA verbreiteter als bei uns.
Die Inder mögen Delphine zu Personen erklärt haben, und die meisten Inder essen wenig oder gar kein Fleisch (es ändert sich allerdings gerade). Aber der Umgang der Inder mit Tieren würde bei uns sofort die Polizei auf den Plan rufen, das kann ich nach eigener Beobachtung (z. B. von Hundefängern) leider nicht anders sagen.
Gestern habe ich eine Mausefalle gekauft und auch sogleich eines dieser Tiere getötet, die ich sonst niedlich finde; der Schaden, den es angerichtet hatte, war nicht länger zu ertragen. Gern tue ich es nicht, aber schlecht fühle ich mich jetzt auch nicht.

Unsere Frage hier lautet übrigens nicht: Wie ist es eigentlich gelungen, diskriminierende Wörter wie „Negerkuß“, „Zigeunerwirtschaft“ und dgl. aus unserer Alltagssprache zu eliminieren? Sondern: Wie ist es eigentlich gelungen, den Leuten einzureden, Wörter wie „Neger“, „Zigeuner“ usw. seien diskriminierend?

Grundsätzlich halte ich Recht und Moral für nicht begründbar. Es handelt sich um "Gruppenleistungen vom Typ des Bestimmens" (nach Hofstätter). Deshalb lese ich auch keine philosophischen Texte, in denen Argumente für Werte irgendwelcher Art vorgetragen werden.
 
 

Kommentar von Sina Walden, verfaßt am 15.08.2013 um 22.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1572#23900

Die rechtliche Einteilung der Welt in Personen und Sachen stammt bekanntlich aus dem römischen Recht. Dieses Recht beruht auf einer erzpatriarchalischen Gesellschaftsordnung, in der überhaupt nur erwachsenen „freien“ Männern Rechte gewährt wurden – das waren die „Personen“. Zu der Kategorie „Sachen“ gehörten Frauen, Sklaven, Kinder, Tiere und leblose Dinge. Diese Grundeinteilung wurde im Kern vom deutschen Recht übernommen und „ultimativ“ im Bürgerlichen Gesetzbuch von 1900 kodifiziert. (Auch in den Zehn Geboten, die oft und oft zum ewigen Fundament aller Moral und Gesetzgebung erklärt werden, heißt es: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh und alles, was sein ist.“) Der Tatsache, daß sich die Gesellschaft in den Jahrtausenden ganz schön verändert hatte, wurde insoweit Rechnung getragen, als auch Frauen und Kinder den Personenstatus erhielten. Die Sklaverei war ohnehin schon lange abgeschafft. Die Rechte der Frauen und Kinder blieben im BGB trotz ihrer Zuordnung zu den „Personen“ erheblich eingeschränkt, erst nach und nach und Stück für Stück wurde die Gleichberechtigung der Frauen erkämpft – das dauerte über ein Jahrhundert ... (und Restbestände beschäftigen uns noch in unseren Tagen). Kinderrechte stecken in der Kinderschuhen, partizipieren jedoch weitgehend an dem Personenrecht, das sich der Mensch selbst zugesprochen hat. Den vorläufigen Gipfel brachte die Idee der universalen Menschenrechte, immerhin erst 1948 formell von den UN deklariert.

Die Tiere, und zwar alle, vom Schimpansen bis zu den Insekten, so wie dieses Wort heute noch benutzt wird, blieben rechtlos. Das Auge starr auf die längst überholten zwei Kategorien des römischen Rechts geheftet, schlug man sie einfach weiterhin den „Sachen“ zu. Die gesellschaftliche Entwicklung unter der Herrschaft der Kirche und ihres Christentums bot auch keinen Boden, der eine andere Stellung der „Tierwelt“ erfordert hätte. Im Gegenteil, die theologischen Gelehrten, die Kirchenväter und die christlich geprägten Philosophen gingen noch hinter antike Denker wie Pythagoras oder Plutarch zurück, indem sie dem Menschen die „unsterbliche Seele“ zusprachen und den Tieren selbstherrlich verweigerten. Daß deren Nähe zu Möbelstücken oder Aktien oder Bananen eine geringere war als zur Gattung Mensch, zeigte hingegen die tägliche Erfahrung und Beobachtung, mindestens bei Säugetieren, bei nistenden Vögeln, bei geliebten Heimtieren. Die führte in allen Zeiten zu einem inneren Widerspruch (und entsprechend tierfreundlichem – oft verschämtem – praktischen Verhalten und Denken) ungezählter unbekannter Einzelmenschen; auch einige professionelle Denker wagten sich hervor.

Doch auch als der religiöse Druck langsam wich und die Naturwissenschaften im 19. und mit enormen Mengen von Erkenntnissen im 20. Jahrhundert den „Abgrund“ zwischen Mensch und Tier immer kleiner werden ließen, blieb die gläserne Decke des kategorialen Unterschieds im allgemeinen Halbwissen, im Unterbewußtsein und in der juristischen, politischen, wirtschaftlichen Praxis erhalten. Leicht gemildert durch Tierschutzgedanken und -gesetze richtete man sich mit dem Status der Tiere als Objekte zum menschlichen Gebrauch, als Sachen eben, ein. Es bringt ja nur Vorteile für die eigene Spezies, für nahezu jedes Mitglied. Unbehagliche Gefühle angesichts der nach Zahl und Art ins Unermeßliche gestiegenen Leiden der leidensfähigen „Sachen“ werden mit allen Mitteln der Macht verdrängt, egal, welcher noch so törichten, falschen, unlogischen, leichtfertigen oder zynisch gemeinen Argumente man sich bedient. (Eine Fundgrube sind Leserbriefe im Internet zu einschlägigen Themen, auch in den sonst um Seriosität bemühten Medien.) Selbst „Tierfreunde“ unterwerfen sich oft dem „Klassenstandpunkt“ und betrachten ihre Tierliebe als private Angelegenheit, verhalten sich defensiv und unsicher gegen den absoluten Herrschaftsanspruch ihrer „Rasse“.

Parallel ist aber im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts eine Bewegung entstanden, die gegen die so tief verwurzelte legitimierte Verachtung der „anderen Tiere“ auftritt und die unübersehbar an Boden gewinnt. Begriffe wie Tierrechte, Tierbefreiung, Tierethik sind Teil der akademischen Philosophie geworden (besonders im angelsächsischen Raum), gehören – mehr oder weniger gut verstanden – schon zum allgemeinen Sprachgebrauch, sind Diskussionsstoff, und sie zeugen auf den verschiedensten Teilgebieten der grenzenlosen Tierausbeutung und in den verschiedensten Weltgegenden bereits mehr und mehr praktische Erfolge. – Der bescheidene etablierte klassische Tierschutz wurde binnen kurzer Zeit von den neuen Denkansätzen mitgerissen. (Heute stehen keine Mitarbeiterinnen mehr im Pelzmantel an den Ständen von bürgerlichen Tierschutzvereinen am Weihnachtsmarkt wie noch um 1980 herum.)

Ein Erbe der kategorialen moralischen und rechtlichen Differenzierung von Mensch und Tier ist freilich, daß dieser anschwellende Paradigmenwechsel gerade von den Schichten der Kulturträger und den die herrschende Meinung spiegelnden Medien weitgehend ignoriert wird – was hat Kultur mit Tieren zu tun? Die gehören in die Zoologie, die Verhaltensforschung, allenfalls in schöne Naturfilme, aber nicht in die höhere Bildung, ins Feuilleton, in die Rechtswissenschaft, in die geistige Auseinandersetzung. Für viele gebildete, ja hochgebildete Menschen ist die Tierfrage gar nicht existent. In der Regel kennen „die Intellektuellen“ und die auf allen sonstigen Gebieten aufmerksamen Lesenden und Schreibenden überhaupt nicht die Bücher und die Hunderte von Webseiten, wo Fakten registriert werden, die sonst gar nicht oder mal als Kuriosum im „Vermischten“ auftauchen, und wo die Diskussionen stattfinden. Auf der Basis völligen Unwissens läßt sich, nebenbei, am effektivsten mit sogenanntem Humor, mit Witzchen und Scherzchen, das angestrebte Niveau der Bedeutungslosigkeit der Problematik herstellen. Lachen tun die Leut immer gern. Auch über die „wildgewordene Wildsau“, die ihre Kinder verteidigt und dafür zur allseitigen Befriedigung erschossen wird.

Gewiß, solche Auswüchse wie Massentierhaltung, besonders grausame Tierversuche, brutale Transporte, Ausrottung ganzer Arten sind negativ konnotiert, aber für den Einsatz gegen diese „Mißstände“ (was für ein Wort für die gesetzlich geschützte Regelhaftigkeit – und durch das dreifache s geradezu lächerlich) fühlt man sich nicht zuständig. Die Empörung über das grundsätzliche Unrecht, die sich – glücklicherweise – auch bei den kleinsten Vorfällen von Rassismus, Sexismus, Unterdrückung, Ausbeutung und dergleichen ergießt, ist bei dem gigantischen Unrecht gegen Tiere eher lauwarm, wenn überhaupt vorhanden.

Da sollen sich „die Tierschützer“ drum kümmern, offenbar eine besondere Kaste. Zur Betonung, daß man sich nicht herabläßt, ernsthaft über Moral und Gerechtigkeit gegen so niedere Wesen wie Tiere zu reflektieren, kann man sich von den Tierschützern auch noch abgrenzen, indem man sie „Gutmenschen“, gefühlsgesteuert, radikal, militant, missionarisch oder gleich menschenfeindlich nennt. Und die gerade sollen die uralte Einteilung der Welt in Personen und Sachen (wir und die anderen) mal so eben korrigieren? Nicht Juristen, Moralphilosophen, Politiker?

Nun, was auch immer hier unter „Tierschützern“ verstanden wird, einem ungeschützten bequemen Begriff, der völlig heterogene Bestrebungen in einen Topf wirft, so gibt es sehr wohl unter diesen genügend, die sich von der formalen Ergänzung des § 90a BGB im Jahr 1990, die den Satz „Tiere sind keine Sachen“ einfügte, nicht blenden lassen (er bedeutet lediglich einige winzige Änderungen, z. B. im Pfandrecht) und einen Ausweg suchen, der in der einfachsten Form darin bestehen könnte, Tiere schlicht Tiere zu nennen, weder Personen noch Sachen. Im übrigen haben die US-Professoren der Philosophie Peter Singer, Tom Regan und viele andere schon vor Jahrzehnten groß angelegte Konzepte vorgelegt, wie der Status der Tiere neu definiert werden könnte. Manche schlagen vor, den Personenstatus über die Artengrenze zu erweitern und an objektiven Kriterien wie Empfindungsfähigkeit, (Selbst-)Bewußtsein, eigenem Willen usw. festzumachen. Für Menschenaffen ist die „Gewährung“ elementarer Lebensrechte in Neuseeland bereits Gesetz, in Spanien (wer hätte das gedacht?) wäre das fast auch gelungen, wenn nicht ein Regierungswechsel, der die Konservativen an die Macht brachte, das verhindert hätte. Manche Tierrechtler sehen in dem internationalen Great Ape Project, das weiterhin betrieben wird, eine zu starke Orientierung an menschlichen Eigenschaften und Werten, andere begreifen den Schritt über die bisherige Grenze am Beispiel dieser uns besonders nahestehenden Arten als Türöffner für weitere/andere Formen der Rechtsstellung anderer Tiere. In englischsprachigen Texten ist in diesem Zusammenhang fast durchweg nicht mehr von dem uferlosen Begriff „Tier“ die Rede, sondern von non-human animals. Gerade hat übrigens vor einigen Tagen Indien den Delphinen den Personenstatus zugebilligt.

Im Deutschen ist das Wort „Sache“ für Lebewesen so kraß daneben, daß es relativ leicht war, den schönen Satz ins BGB zu bringen. Er ist zwar nicht mit viel Inhalt gefüllt, aber auf längere Sicht zeigt so eine Sprachwende – in Verbindung mit dem mühsam ins Grundgesetz gequälten „Tierschutz als Staatsziel“, dem Leitwort „Mitgeschöpfe“ im Tierschutzgesetz und dem Schutz für „sentient beings“ in der Europäischen Verfassung doch einen Trend in die richtige Richtung.

Einfach statt Sache Person anzustreben wirkt nicht unbedingt zielführend. Hier stoßen wir nämlich auf das gleiche Problem, das die Sprache auch der feministischen Linguistik entgegenstemmt: die Sprache ist alt und hat sich am gesellschaftlichen Sein entwickelt. Wo Frauen keine Rolle außerhalb des Frauseins zugestanden wurde, waren sie eben niemand, das heißt kein Mann, wie die Sprache verrät. Da sich die Zeiten geändert haben, gehören Frauen inzwischen zu man, zu mensch (einem Wort, in dem ja auch der Mann steckt), werden mit-verstanden im grammatischen männlichen Plural. Während heute in jeder Rede peinlich darauf geachtet wird, von „Lehrern und Lehrerinnen“, „Politikern und Politikerinnen“ (oder in umgekehrter Reihenfolge) zu sprechen, widerstehen manche Wörter, die konstitutive Bestandteile der gewachsenen Sprache sind – wie etwa eben „Mensch“ oder „niemand/jemand“ oder „wer/wem“ – der Veränderung, schon aus ästhetischen Gründen. Aber das darf ja nicht dazu führen, daß ganze riesige Gruppen unterschlagen werden, als wären sie gar nicht vorhanden.

Und das geschieht in Fällen wie dem, der den Anlaß dieses Beitrags bildet. „Niemand“ umfaßt heute gewohnheitsmäßig auch Frauen, nicht aber Tiere. Bei „normalen“ Katastrophen mit vielen Opfern kommen sie meist überhaupt nicht vor, im Gegensatz zu „Frauen und Kindern“, damit die wenigstens nicht vergessen werden, wenn etwa von dreißig toten Menschen beim letzten Selbstmordattentat oder Hochwasser die Rede ist. Die Leute, die aufgeschrien haben, als von 50.000 (!) lebendig verbrannten Küken mit der Bemerkung „niemand kam zu Schaden“ berichtet wurde, haben völlig recht. Es ist ein Zeichen für das gewachsene Bewußtsein in der Bevölkerung, daß Tiere nicht „niemand“ sind, und es ist ein gutes Zeichen, daß der SPIEGEL sofort eine bessere Lösung umsetzte. Wenn wir schon nicht die alten Wörter verändern können und die mit ihnen transportierte Mißachtung von Tierleben, ist die „Lehrer und Lehrerinnen“-Variante schon mal der gerechtere Weg als das zweite Töten der Tiere durch die sprachliche Entwertung ihres Todes.

Da wir hier auf einer Seite sind, die „Schrift und Rede“ beobachtet und analysiert, sollte „man“ sich hier einmal mit der Sprache beschäftigen, durch die Tiere permanent herabgesetzt werden und so ihre Ausgrenzung aus der Moral tagtäglich perpetuiert wird. Schon Schopenhauer hat diese Tatsache scharf gesehen und scharf formuliert, u.a. hier (Parerga II): „... den so erbärmlichen, wie unverschämten ... Kunstgriff, alle natürlichen Verrichtungen, welche die Thiere mit uns gemein haben und welche die Identität unserer Natur mit der ihrigen zunächst bezeugen, wie Essen, Trinken, Schwangerschaft, Geburt, Tod, Leichnam u. a. m. an ihnen durch ganz andere Worte zu bezeichnen, als beim Menschen. Dies ist wirklich ein niederträchtiger Kniff ...“. Kein Krimi im Fernsehen, der nicht das Schwein als Schimpfwort für besondere Niedrigkeit benutzt, kaum ein Report über zusammengepferchte Flüchtlinge, in üblen Kerkern vegetierende Gefangene, willkürlich niedergeschossene Menschen, der nicht den bildhaften Vergleich „wie Tiere“ unterbringt. – Wie ist es eigentlich gelungen, diskriminierende Wörter wie „Negerkuß“, „Zigeunerwirtschaft“ und dergleichen aus unserer Alltagssprache zu eliminieren?
 
 

Kommentar von Argonaftis, verfaßt am 09.08.2013 um 12.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1572#23867

Tiere waren eben bis zur Einfügung des § 90 a BGB Sachen.
Die Formulierung im 90a wirkt gequält. Es sind keine Sachen, aber das Sachenrecht findet Anwendung.
So kann ich mir einen herrenlosen Hund als herrenlose bewegliche Sache aneignen, s. § 958.
Die wütenden Leserproteste kommen mir missionarisch vor.
 
 

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