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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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08.03.2013
 

Nichts lernen aus Metaphern
Kritik der kognitiven Linguistik I

Die kognitivistischen Metapherntheorien erfüllen bei weitem nicht die hohen Erwartungen, die sie – besonders im Gefolge von George Lakoff – geweckt haben.

Ich habe hier einmal meine verstreuten Bemerkungen zur Metaphorik zusammengefaßt und stelle sie zur Diskussion.


Vorbemerkung
Die Theorie der Metapher gilt als tragende Säule der sogenannten Kognitiven Linguistik. Damit bleibt sie weitgehend innerhalb des mentalistischen Paradigmas. Sie spricht vom „Denken“, von „Konzepten“, „mentalen Repräsentationen“ und anderen Objekten aus dem Inventar einer Psychologie, die ihre Herkunft aus der traditionellen bildungssprachlichen Folk psychology nicht verleugnet. B. F. Skinner hat die Lage schon vor längerer Zeit beschrieben:
„The battle cry of the cognitive revolution is 'Mind is back!' A 'great new science of mind' is born. Behaviorism nearly destroyed our concern for it, but behaviorism has been overthrown, and we can take up again where the philosophers and early psychologists left off.” (Burrhus F. Skinner: Recent Issues in the Analysis of Behavior. Columbus 1989:22)
Wie genau Skinner die Kognitionsforschung getroffen hat, zeigt etwa folgendes Zitat eines führenden Vertreters:
„The central mission of cognitive science is to reveal the real nature of the mind.“ (Alvin I. Goldman: Readings in Philosophy and Cognitive Science. Cambridge, Mass. 1993:347)
So würde man sich nicht ausdrücken, wenn man den „Geist“ nur für ein Konstrukt hielte. Konstrukte erforscht oder „enthüllt“ man nicht, sondern man stellt sie her und baut sie bestenfalls weiter aus, um ihre Erklärungskraft zu steigern. Der Konstruktcharakter des Mentalen und die semiotische Problematik des Sprechens darüber werden aber selten diskutiert; allenfalls kommt es zu Hinweisen auf den metaphorischen Charakter der Erklärungsbegriffe selbst (mapping, source, target, frame, blending usw.). Da ich die Begeisterung über den wiedergeborenen Psychologismus nicht teile, werde ich versuchen, die Metapherntheorie von einem empiristischen Standpunkt aus zu kommentieren.

Erster Teil: Definitionen
In Skinners „Verbal Behavior“ wird die Metapher zunächst im Kapitel über die „Takts“ behandelt. Tact (am besten als das Takt zu übersetzen) ist ein halbkünstliches Wort, mit dem Skinner ungefähr das bezeichnet, was in der Alltagssprache Name oder Benennung heißt. „Ein Takt kann definiert werden als ein sprachlicher Operant, bei dem eine Reaktion von bestimmter Form durch ein besonderes Objekt oder Ereignis oder durch eine besondere Eigenschaft eines Objekts oder Ereignisses hervorgerufen oder zumindest verstärkt wird.“ (VB 82) (Weitere Sprachfunktionen sind Mands, Echo-, Text-, innersprachliche und autoklitische Reaktionen.)
Der unendlichen Vielfalt der Gegenstände, Vorgänge und Zustände in der Welt steht eine begrenzte Anzahl von sprachlichen Reaktionen gegenüber. Gänzlich neue Wörter werden nur selten erfunden, viele Sprachen kennen aber Verfahren der Wortbildung, mit denen sich der Wortbestand vermehren läßt. Außerdem bleibt stets die Möglichkeit der Paraphrase durch mehrere Wörter. Unauffälliger sind rein semantische Verfahren der Wortschatzvermehrung. Die wichtigsten sind die generische, die metaphorische, die synekdochische und die metonymische Erweiterung.
Bevor wir diese Verfahren genauer betrachten, ist an eine Erscheinung zu erinnern, die erst bei der Untersuchung wirklicher Kommunikation anstelle bloßer Wörterbucheinträge beobachtet werden kann. Beim Erlernen einer Vokabel ist zunächst nicht klar, welche formalen oder funktionalen Merkmale des Objekts (des Reizes) für die Zuordnung relevant sind. Kinder und Ausländer verwenden manche Wörter daher mit einer zu engen oder zu weiten Ausdehnung oder verfehlen auf andere Weise die von der Gemeinschaft anerkannten Gebrauchsbedingungen. Solche Irrtümer bleiben oft unbemerkt, weil die „Sachsteuerung“ (Bühler) über ungenaue Bezeichnungen hinweghilft und weil Bedeutungsunterschiede in bestimmten Kontexten neutralisiert werden. Dieser Mechanismus wird trotz seiner Alltäglichkeit selten beachtet. Die üblichen allgemeinen Wörterbücher sind Definitionswörterbücher, d. h. darauf angelegt, die Bedeutungsunterschiede zwischen Wörtern herauszuarbeiten (definieren heißt ‚abgrenzen‘); dabei fällt die Neutralisierbarkeit unter den Tisch. Ein Beispiel: tun und machen sind gewiß nicht dasselbe. Lesen wir aber einen Satz wie diesen:
Die spanische Konkurrenz macht das, was auch deutsche Firmen tun. (SZ 5.1.11)
so gibt die ganze Konstruktion (einschließlich der Betonung) zu verstehen, daß die beiden Verben hier genau dasselbe bedeuten sollen, sonst gäbe die Aussage keinen Sinn. Ebenso:
Etwas habe ich übersetzt, aber die schönsten Stellen kann man ja nicht übertragen. (Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke. Reinbek 1985, Bd. 1:302)
Wir verstehen, daß der Ausdruckswechsel nur einen stilistischen Grund hat: die Wiederholungsvermeidung. Wenn man diesen Mechanismus nicht beachtet, ist man ständig in Gefahr, den Sprechern Unterscheidungen zu unterstellen, die sie in Wirklichkeit nicht machen.

Generische Erweiterung
Die sprachliche Reaktion Maus wird von der Sprachgemeinschaft bekräftigt, wenn diejenigen Merkmale vorliegen, die üblicherweise als wesentlich betrachtet werden. Das sind bei Lebewesen heute überwiegend die biologischen. Eine Maus ist also primär ein Tier usw.; mit dieser Kategorisierung würde die Definition beginnen: Eine Maus ist ein Tier, das ... Wer eine neue Art von Tieren kennenlernt, wird sie als Mäuse bezeichnen, wenn sie in den wesentlichen Merkmalen mit den bekannten Mäusen übereinstimmen. Dabei bleibt es, wenn die Sprachgemeinschaft diese Reaktion bekräftigt. Dann ist die generische Erweiterung als neue konventionelle Bezeichnung in den Bestand der Sprache eingegangen.
Auch einzelne Merkmale können unter die generische Erweiterung geraten. Kinder lernen die Reaktion rot an bestimmten roten Gegenständen und wenden sie auf andere Gegenstände an, die nicht unbedingt denselben roten Farbton haben. Wie weit die generische Erweiterung dieser Reaktion durch verschiedene Farben reicht, wird durch das Bekräftigungsverhalten der Sprachgemeinschaft festgelegt.
Gerade am Beispiel der Farbwörter zeigt Skinner, welche Bedeutung die Sprache für den Menschen hat: Es gibt keine nichtsprachliche Reaktion auf die Farbe Rot, sondern nur das Farbwort selbst. So ist es dem Menschen möglich, beliebige Merkmale oder Gegenstandsklassen aus der Umwelt herauszugreifen, indem er eine bestimmte sprachliche Reaktion unter deren Steuerung bringt. Das ist der Kern der „Abstraktion“.

Metaphorische Erweiterung
Konventionell wird ein Teil der menschlichen Hand als Maus bezeichnet. Die Übertragung beruht auf der kleinen, rundlichen Form dieses Muskels (lat. musculus = 'Mäuschen'). Die primäre Kategorie wäre: ein Körperteil ...
Die herkömmliche Computermaus teilt neben der Form (oft auch der grauen Farbe) und der leisen Fortbewegung auch noch den langen dünnen Schwanz, also das Verbindungskabel. Eine solche Maus ist also primär: ein Gerät ...
Wer einen Menschen erstmals als Maus bezeichnet, hat eine metaphorische Erweiterung vorgenommen, weil es in der Sprachgemeinschaft nicht üblich ist, die Reaktion Maus allein unter der Steuerung der Eigenschaften Kleinheit, Ängstlichkeit, leise Fortbewegung usw. zu bekräftigen; es muß sich zunächst einmal um ein Tier handeln.
Welche Merkmale als wesentlich, welche als unwesentlich und daher für die metaphorische Erweiterung geeignet angesehen werden, ist nicht ein für allemal festgelegt. Der Aspekt, unter dem primär klassifiziert wird, kann wechseln. Wenn man sieht, wie Kartoffeln unter dem Einfluß von Licht grün werden, könnte man auf den Gedanken kommen: „Kartoffeln sind gewissermaßen Stengel.“ Eine gewagte Metapher, die viel Phantasie verlangt. Nun belehrt uns aber die botanische Morphologie, daß Kartoffeln tatsächlich die zu Stärkespeichern umgebildeten Stengel der Pflanze sind und nicht etwa Wurzeln. Diese Einsicht hebt die Metaphorik mitsamt ihrer vermeintlichen Kühnheit auf.
Flügel und Hals bezeichnen primär Körperteile. Die metaphorische Erweiterung setzt an unwesentlichen Merkmalen an:
„Nachdem wir die Reaktion Flügel von Körperteilen der Vögel und Insekten auf Bühnenbilder, Flugzeuge, Gebäude und Heere ausgedehnt haben, wird die Reaktion durch eine subtile geometrische Eigenschaft gesteuert, die allen diesen Gegenständen gemein ist.“ (VB 96)
(Dasselbe Beispiel bespricht schon Fritz Mauthner: Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Bd. 2, 2. Aufl. Stuttgart, Berlin 1912:489)
Asteroid 2012 DA14 rauscht an der Erde vorbei (Spiegel online 15.2.13)
Das Verb rauschen bezeichnet gewöhnlich einen Gehörseindruck, der oft durch schnell bewegte größere Gegenstände erzeugt wird. Dieses Nebenmerkmal der Geschwindigkeit (und Wucht) des rauschenden Objekts wird zum Kriterium der Übertragung auf einen Gegenstand, der kein Geräusch erzeugt.

Die Identifikation einer Metapher und ihre Abgrenzung von der generischen Erweiterung ist nicht möglich, solange der Aspekt nicht feststeht, unter dem die Klassifizierung stehen soll. Der Unterschied zwischen Walen und Fischen ist zoologisch klar genug, aber es gibt andere Aspekte, unter denen es sinnvoll ist, sie unter einer Kategorie zusammenzufassen. Der Walfang zum Beispiel wird von den Fischereiministerien und -kommissionen geregelt.
US-Präsident Obama sagte nach seinem Wahlsieg im November 2008:
If there is anyone out there who still doubts that America is a place where all things are possible; who still wonders if the dream of our founders is alive in our time; who still questions the power of our democracy, tonight is your answer.
Der Metaphernforscher Gerard Steen deutet dream als Metapher für Hoffnung (hope). Aber ist Traum hier überhaupt eine Metapher? Steen stützt sich auf Wörterbuchdefinitionen, die den Traum während des Schlafs als Normalfall definieren.
The word dream is metaphorically used because its meaning in this particular utterance (its ‚contextual meaning‘) is ‚something good that you hope you will have or achieve in the future‘ (sense description 2 in the Macmillan English Dictionary for Advanced Learners, Rundell, 2002). This contextual meaning is distinct from the more basic meaning of the word dream, which can be defined as ‚something that you experience in your mind while you are sleeping‘ (Macmillan, sense 1): something that happens during your sleep is decidedly distinct from something you hope for. If the contextual meaning of a word is distinct from its basic meaning, but can be understood by comparison with it, the word is metaphorically used (...). Since one function of dreams is to show you situations that you might hope for, the ‚hope‘ sense can be argued to be distinct from but comparable to the ‚sleep‘ sense of dream. (Gerard Steen: „When is metaphor deliberate?“ In: Nils-Lennart Johannesson et al., Hg.: Selected Papers from the 2008 Metaphor Festival. Stockholm 2011:43-63, S. 44, zit. nach Internet-Preprint)
Der amerikanische Traum kann aber u. a. auch als Vision aufgefaßt werden, als utopisches Modell oder als Tagtraum, bei dem man die bessere Zukunft schon vor sich sieht. So wäre denn auch die Übersetzung in den Begriff der „Hoffnung“ schon nicht ganz richtig. Der amerikanische Traum umfaßt nicht nur Hoffnung, sondern auch Zuversicht, nämlich die Gewißheit, daß man das Ziel durch eigene Anstregung erreichen kann. Auch das Große Wörterbuch von DUDEN definiert unzureichend: der amerikanische Traum: (das Ideal von einer wohlhabenden demokratischen Gesellschaft in Amerika als dem Land der unbegenzten Möglichkeiten). Steen erwähnt, daß Obama sicher auch an Martin Luther Kings berühmte Rede erinnern wollte. Sorglosigkeit im Detail ist in metapherntheoretischen Arbeiten nicht selten. Das trifft die Metapherntheorie in ihrem Kern, denn Metaphern sind immer mehrdeutig und unausschöpfbar.

Synekdochische Erweiterung
Synekdoche und Metonyme werden meist zusammen behandelt und in uneinheitlicher Weise voneinander abgegrenzt. Es ist zweckmäßig, die Synekdoche auf die begriffliche Beziehung von Gattung und Art bzw. Art und Individuum zu begrenzen.
Beispiele (jeweils im passenden Kontext):
unser täglich Brot (= Nahrung)
acht Mann (= Personen)
Vierbeiner (oft = Hund)
eine Cola (= koffeinhaltige Limonade)
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr (= Kind und Erwachsener)

Metonymische Erweiterung
Um den Unterschied zur nächsten Gruppe zu erfassen, muß man einen Blick auf die grundlegende Unterscheidung zwischen Begriffs- und Bestandssystemen werfen. Fritz C. Werner unterscheidet (ähnlich wie DIN 2330) „reale Bestandssysteme“ und „begriffliche Systeme“, die Wiener Schule der Terminologie fügt noch „thematische Systeme“ hinzu.
In einem realen Bestandssystem bezeichnen die Termini Gegenstände oder Vorgänge, die als Teile eines Ganzen zusammenhängen oder zusammenwirken. So verhält es sich z. B. mit den Körperteilen. Nach einer anderen, in der Sprachwissenschaft besonders geläufigen Redeweise stehen die bezeichneten Gegenstände untereinander in der Beziehung der „Kontiguität“, also der Berührung, und ein solches Merkmal schreibt man auch dem ganzen Feld der Begriffe zu, die sich darauf beziehen. In der linguistischen Semantik bezeichnet man die Sinnrelation, in der die Begriffe zu dem des geteilten Ganzen stehen, als „Partonymie“ oder „Meronymie“. Wie verschiedenartig reale Bestandssysteme sein können, zeigen einige Beispiele:
Eine Nervenzelle besteht aus Zellkern, Axon und Dendriten.
Die Verbrennung im Ottomotor zerfällt in folgende Vorgänge: 1. Ansaugen, 2. Verdichten, 3. Verbrennen, 4. Ausstoßen.
Die Anfertigung eines glatten Bolzens erfordert sieben Teilschritte: 1. Einspannen des Rohrstücks, 2. Plandrehen der Stirnfläche, 3. Schruppen, 4. Schlichten und Entgraten, 5. Abstechen, 6. Plandrehen der zweiten Stirnfläche, 7. Entgraten.
Begriffliche Systeme können wiederum „künstlich“ oder „natürlich“ sein. Die Klassifikation der Pflanzen und Tiere nach Linné wäre in diesem Sinne künstlich, da sie willkürlich ausgewählte Merkmale als Einteilungskriterien zugrundelegt. Ein natürliches System berücksichtigt nicht nur die Ähnlichkeit, sondern auch deren phylogenetische Ursachen, also die Abstammung (wodurch denn doch wieder die Kontiguität eine Rolle spielt.).
Ein Beispiel für begriffliche Systeme im Bereich der Verfahrenstechnik: Das Formen von Werkstücken läßt sich in spanendes und nichtspanendes Formen einteilen, wobei das spanende Formen wiederum zerfällt in Bohren, Drehen, Feilen, Fräsen, Gewindeschneiden, Hobeln, Honen, Läppen, Meißeln, Reiben, Sägen, Schaben, Schleifen, Senken, das nichtspanende in Biegen, Spannen, Ausbeulen, Gießen, Richten, Schmieden, Schneiden, Walzen.
Thematische Systeme folgen keiner so strengen Ordnung, sondern umfassen beliebige in einem Text vorkommende „Themen“, zwischen denen eine nicht vorhersehbare Menge von Beziehungen bestehen kann. Oft handelt es sich um eine Mischung von begrifflichen und realen Zusammenhängen.
Die zusammenfassende Behandlung dieser Arten von „Systemen“ sollte nicht dazu verleiten, die grundsätzlichen Unterschiede zu übersehen. Daß ein Begriff in Unterbegriffe zerfällt, ist nicht vergleichbar mit der Zerlegbarkeit eines Gegenstandes oder Vorgangs in seine Teile. Diese Unvergleichbarkeit erstreckt sich auch auf die Umkehrung der Analyse: Das Finden eines Oberbegriffs (etwa Elektrische Maschine als Oberbegriff zu Motor und Generator) und der Zusammenbau eines Gerätes (etwa von Nabe, Felge und Speichen zu einem Rad) sind völlig verschiedene Dinge.
Bei der Metonymie wird die Bezeichnung aus einem realen Bestandssystem gezogen:
Dennoch bleibt „Der Führer schützt das Recht“ einer der beschämendsten Texte, die je ein bedeutender Kopf geschrieben hat. (SPIEGEL 16.7.01)
Das Buch wurde von Carl Schmitt geschrieben, nicht von seinem Kopf. Neben dieser Technik, den Teil für das Ganze (oder auch umgekehrt) eintreten zu lassen, werden verschiedene Kontiguitätsbeziehungen genutzt, also das räumliche oder zeitliche Zusammenvorkommen, kausale Beziehungen, rechtliche Folgen usw.:
Berlin (= Deutsche Bundesregierung)
Er kennt seinen Horaz (= Werke des Horaz)
ein Glas (= ein Glas Wein usw.; dies kann auch elliptisch verstanden werden)


Konventionalisierung

„Wenn eine Metapher erfolgreich ist und regelmäßig bekräftigt wird, hört sie auf, primär eine Metapher zu sein.“ (VB 93)
Die Etymologie zeigt, daß die meisten Wörter irgendwann übertragen, meistens metaphorisch erweitert wurden. Für den nichtlinguistischen Sprecher ist diese Herkunft und damit die frühere „wörtliche“ Deutung nicht mehr erkennbar, oder er denkt gewöhnlich nicht daran. Man spricht daher von konventionalisierten oder – metaphorisch – von toten Metaphern.
Tote Metaphern können wiederbelebt werden, ein beliebtes literarisches Verfahren:
Der Griechen Stämme sind zerspalten. (Kleist)
Oft dient das Wörtlichnehmen einem komischen oder spielerischen Effekt:
Wollte Ryle diese Suche ernsthaft aufnehmen, so säße er mit den Logischen Empiristen in einem Boot, und bekanntlich war dort die Stimmung an Bord damals schon nicht mehr die beste. (Geert Keil: Kritik des Naturalismus. Berlin, New York 1993:183)
Im übrigen ist die Theoriebildung (...) im Fluß. Er hat sich allerdings verlangsamt ...(Manfred Frank [Hg.]: Analytische Theorien des Selbstbewußtseins. Frankfurt 1994:9)
Besonders beliebt ist dieses geistreich wirkende Verfahren bei Wirtschaftsjournalisten:
Ernüchterung in der Spirituosen-Industrie
Nach dem beschwingten Jahr 1993, das ihr dank eines hochprozentigen Exportbooms schönes Wachstum brachte, macht sich in der deutschen Spirituosenindustrie Ernüchterung breit. Die enorme Nachfrage aus Osteuropa, vor allem nach Wodka und Likören, ist verrauscht.
(SZ 22.8.94)

Metapher und Vergleich
Aristoteles verstand unter Metapher noch verschiedene „übertragene“ Ausdrucksweisen. Spätere Autoren schränkten den Begriff auf solche Figuren ein, denen eine Ähnlichkeit zugrunde liegt. Die Metapher kommt aus dieser Sicht einem Vergleich nahe, nur daß jeder formale Vergleichsausdruck fehlt; sie wurde daher als „verkürzter Vergleich“ bezeichnet. Achill ist ein Löwe anstelle von Achill ist wie ein Löwe. Wörtlich verstanden wird der Vergleich dadurch zu einer falschen Aussage bzw. Benennung. Dasselbe geschieht, wenn die Aussage suspendiert ist und nur noch als Benennung auftritt, z. B. appositionell oder als Anrede: Achill, der Löwe; du Esel.
Ähnlichkeit besteht immer nur in einer gewissen Hinsicht. Ist das Tertium nicht genannt, bleibt auch offen, welche Merkmale in die Gleichsetzung einbezogen werden sollen. Achill ist mutig wie ein Löwe oder auch Achill ist ein Löwe an Mut wäre eindeutig, aber Achill ist (wie) ein Löwe läßt im Ungewissen, ob Mut, Stärke, Wildheit, Grausamkeit oder noch etwas anderes beiden zukommt. Es versteht sich, daß nicht die biologischen Eigenschaften des Löwen, sondern die stereotypen wirksam werden. Nennt man einen Menschen grün, ist herkömmlicherweise auf seine Jugend und daher Unerfahrenheit angespielt. Das sind kulturell anerkannte stereotype Zusammenhänge. Die dumme Gans würde erhalten bleiben, auch wenn sich herausstellen sollte, daß Gänse außergewöhnlich intelligent sind. Die Vandalen waren besser als ihr Ruf, bleiben aber Namensgeber für sinnlose Zerstörungswut. Gewisse schädliche Computerprogramme werden eigentlich zu Unrecht Trojaner genannt, denn es waren die Griechen, die mit Hilfe ihres „Trojanischen Pferdes“ in die belagerte Stadt Troja gelangten und sie zerstörten. Die Bezeichnung funktioniert trotzdem.
Leonhard Lipka hat die Unbestimmtheit der motivierenden Merkmale hervorgehoben. Man habe es bei der Metapher nicht mit nur einem einzigen Tertium comparationis zu tun hat, „sondern mit einer 'komplexen Pluralität', denn: 'eine Metapher enthält oft eine ganze Situation'.“ („Der Risalit und seine Folgen“. In: Udo Fries/Martin Heusser [Hg.]: Meaning and Beyond. Ernst Leisi zum 70. Geburtstag. Stuttgart 1989:225-236, S. 232) Als Beispiel führt Lipka u. a. die Übertragung von crane „Kranich“ auf die Maschine „Kran“ an: Zunächst spiele wie so oft die Form eine Rolle (schlanker Hals, langer Schnabel, durch eine Art Gelenk verbunden), hinzu komme aber auch eine typische Tätigkeit (geschäftiges Hin- und Hergehen, Auflesen vom Boden).
Beim Wort genommen, ist eine vergleichende Prädikation immer wahr, denn: „Everything is like everything, and in endless ways“. (Donald Davidson: Inquiry into truth and interpretation. Oxford 2001:254; vgl. schon Cicero de oratore 3, 40, 161: Nihil est enim in rerum natura, cuius nos non in aliis rebus possimus uti vocabulo et nomine. Bekanntlich gibt es unendlich viele Lösungen für Lewis Carrolls Rätsel „Why is a raven like a writing desk?“) Dagegen ist eine metaphorische immer falsch. Der logische Unterschied könnte also größer nicht sein. In der Sprachwirklichkeit laufen beide aber meist auf dasselbe hinaus, sind daher in Texten ohne weiteres austauschbar:
Gutes Geld ist eine Sprache ohne Mißverständnis (Überschrift) - Geld ist wie Sprache. (...) Geld ist wie Sprache ein Kommunikationsmittel. (FAZ 13.1.96)
Manchmal erinnern Opernhäuser an Pizzerien. Das Warenangebot ist in beiden Fällen so überschaubar wie erwartbar. (SZ 13.9.11)
Hier hätte ebenso gut stehen können: Opernhäuser sind Pizzerien. Das Warenangebot ist so überschaubar wie erwartbar.
Sobald eine metaphorische Prädikation verstanden ist und über den Vergleichspunkt Einvernehmen besteht, kann sie durchaus einen Wahrheitswert haben; das meinen auch die Sprecher selbst:
„So zutreffend die Metapher vom Export der Marktwirtschaft ist, so falsch und leichtfertig wäre es aber anzunehmen, mit der Versendung eines Pakets von Rechtsvorschriften und Ratschlägen für die öffentliche Verwaltung sei es getan.“ (FAZ 2.1.93)
„Schlechtunterrichtete haben ihn (Windthorst) den Fuchs genannt. Dieses Bild ist krumm, schief, ganz verzerrt. Er war durchaus nicht besonders listig; im Gegenteil er dachte und redete und handelte gradlinig.“ (Eduard Engel: Menschen und Dinge. Leipzig 1929:204)
„Königin und Arbeiterin sind nach herkömmlicher Auffassung die beiden Kasten in Hautflüglerstaaten. Fälschlich werden manchmal auch die Männchen oder Drohnen als Kasten bezeichnet.“ (Naturwissenschaftliche Rundschau 3, 1992:85)
Erkennt man an, daß Vergleich und Metapher in der Praxis kaum unterschieden werden, kann man folgende, weniger logische als sprachliche Unterscheidung treffen: Als kontrafaktische Prädikation ist die Metapher einfach ein übertriebener, „hyperbolischer“ Vergleich. Wird dieser Vergleich über eine einzelne Prädikation hinaus erweitert, kommt es zu einem Gleichnis:
Gedichte sind gemalte Fensterscheiben.
Goethe erklärt anschließend, in welcher Hinsicht Gedichte gemalten Fensterscheiben gleichen. Man würde aber nicht sagen, daß jemand sich mit gemalten Fensterscheiben beschäftigt, wenn er Gedichte liest.
Die metaphorische Prädikation ersetzt nicht den Subjektsausdruck durch einen metaphorischen, sondern ein nicht genanntes „eigentliches“ Prädikat. Bei Achill ist ein Löwe tritt Löwe an die Stelle von mutiger Kämpfer (usw.). Die Prädikation signalisiert nur den Anwendungsfall, außerhalb dessen der Prädikatsausdruck nicht als Metapher gelten würde.
Cicero empfiehlt, gewagte Metaphern mit Unschärfesignalen wie ut ita dicam ‚sozusagen‘ usw. zu versehen (De oratore 3, 40, 163) – wie oben in unserem Beispiel Kartoffeln sind gewissermaßen Stengel. Nach Boguslawski eignen sich solche „Hedges“ geradezu als Test zur Identifizierung von Metaphern:
Der Befund ist seit dem Sommer nahezu gleich: die Wirtschaft dümpelt sozusagen vor sich hin. (SZ 14.11.81)
Kopf und Gesicht sind sozusagen die Bremsklötze des Fahrradfahrers. (Erlanger Nachrichten 5.6.91)
Allerdings wirken nicht alle klassischen Hedges so. Mit Ausdrücken wie eine Art von usw. werden eher untypische Fälle oder generische Erweiterungen gekennzeichnet:
Gefährliche Hunde werden nicht selten als eine Art von Waffe gebraucht.
Die bekannte Forderung, für Kampfhunde einen Waffenschein zu verlangen, ist nicht abwegiger als die Subsumtion von Walfang unter die Fischerei.
Deutlicher wirken Schärfesignale, die gerade durch ihr Insistieren das Hyperbolische hervorheben:
Zins und Tilgung saugen den betroffenen Nationen buchstäblich das Mark aus. (Nürnberger Nachrichten 3.2.92)
Als an den Grenzen der DDR buchstäblich die Dämme brachen, wurden viele der Voraussetzungen ungültig, auf denen seit Einbindung der Bundesrepublik in die westliche Gemeinschaft Frankreichs Konzept beruhte. (SZ 26.1.90)
Der Engländer hatte sein Herz regelrecht überdreht. (EN 28.9.88, über einen Doping-Fall)
Wendet man diesen Maßstab auf jene Rede Martin Luther Kings an, fällt der Test eher negativ aus: *Ich habe sozusagen einen Traum. Das ist kaum möglich und zeigt noch einmal, wie konventionell der Ausdruck Traum auch auf Vorgänge oder Einstellungen angewandt wird, die wenig mit Schlaf zu tun haben. (Schlaf und Traum gehören zu den Erscheinungen, die ethnopsychologisch sehr verschieden aufgefaßt und in das Alltagsleben eingefügt werden.)
Oft wird behauptet, die Metapher sei nicht der „uneigentliche“ Ausdruck, weil es den „eigentlichen“ gar nicht gebe. Insofern sei die Metapher auch nicht auf einen nichtmetaphorischen Ausdruck zurückführbar oder in ihn übersetzbar. „So gibt es z.B. für die verblassten Metaphern Stuhlbein, Buchrücken oder Handschuh keine adäquate ‚eigentliche‘ Bezeichnung.“ Das ist richtig, aber unspezifisch, denn auch für Hand oder Finger gibt es keine ungekünstelte Ersatzbezeichnung. Der weniger banale Sinn der These könnte darin bestehen, daß Metaphern im allgemeinen „offen“ sind, weil man nicht weiß, wie weit die Analogie gehen soll. Das gilt aber auch schon für Vergleiche ohne ausdrücklich angegebenes Tertium.


Genitiv- und Kompositionsmetaphern
Ein Ausdruck ist niemals an sich metaphorisch, auch nicht aufgrund seiner Bildeweise. Erst die Anwendung auf einen Gegenstand, der nicht die Merkmale der primären Steuerung zeigt, macht ihn zur Metapher. Metaphern sind also eine Erscheinung des Sprachgebrauchs, nicht des sprachlichen Inventars.
Wenn Harald Weinrich die üblichen Bildfelder aufzählt, verwendet er sogenannte Kompositionsmetaphern: Welttheater, Lebenssaft, Liebesjagd, Tierreich, Verstandeslicht, Luftschiff, Liebeslandschaft, Ehegespann, Sündenschuld, Textgewebe, Existenzspiel, Wortbaustein, Sprachpflanze, Himmelreich, Lebensreise, Charaktermetall, Geistesacker, Staatsschiff, Liebeskrieg.
Jedes dieser Wörter könnte im buchstäblichen Sinn gebraucht werden. Ein Salonlöwe könnte ein Löwe sein, der im Salon gehalten wird usw. Erst die Anwendung auf einen Menschen macht daraus eine Metapher, aber dann ist die Zusammensetzung unwesentlich, Löwe allein wäre auch schon eine Metapher. Ebenso Fleischwolf (das Küchengerät), Windrose (Abbildung der Himmelsrichtungen), Blumenteppich usw. Für die metaphorische Anwendung auf Gegenstände, die nicht Theater, Saft, Jagd usw. sind, spielt die Zusammensetzung also keine Rolle.
Ist das Grundwort wörtlich zu verstehen und nur das Bestimmungsglied übertragen, so kann wegen der grundsätzlichen Unbestimmtheit des Verhältnisses zwischen den Kompositionsgliedern ein schlichter Vergleich vorliegen: Leuchtturmeffekt (eines Pulsars: Astronomie), Tunneleffekt (Elementarteilchenphysik), Schwesterkonstituente (Grammatik), Mutter-/Tochtergesellschaft Wirtschaft), Familienähnlichkeit (von Begriffen) usw.
Tunneleffekt bezieht sich wie einige andere Fachausdrücke (Glockenkurve, Quintenzirkel) auf die graphische Darstellung bestimmter wissenschaftlicher Erkenntnisse und damit auf Modelle:
„Trägt man die potentielle Energie zwischen α-Teilchen und Kern als Funktion des Abstands der beiden auf, so hat diese Potentialkurve die Form eines Kraters. (...) Vor dem Zerfall befindet sich das α-Teilchen im Inneren des Kraters, nach dem Zerfall außerhalb. Die Höhe der Kraterwände (in Energieeinheiten) ist höher als die Energie des heraustretenden α-Teilchens. Nach den Gesetzen der klassischen Mechanik könnte das α-Teilchen deshalb diesen Potentialwall nicht überschreiten, nach denen der Quantenmechanik jedoch besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, daß sich das α-Teilchen auch jenseits der Kraterwände aufhält, diese gewissermaßen durchtunneln kann. (...) Die Wahrscheinlichkeit, den Potentialberg zu durchtunneln (...)“ (Horst Wohlfahrt [Hg.]: 40 Jahre Kernspaltung. Darmstadt 1979:10f.)
Hier wird die Entstehung des bildhaften Ausdrucks so deutlich wie seine praktische Folgenlosigkeit. Dasselbe hätte auch unbildlich ausgedrückt werden können.
Wenn man Mutter- und Tochtergesellschaft zu Mutter und Tochter verkürzt, wird aus dem Vergleich eine Metapher. Der zum Wolf verkürzte Fleischwolf war dagegen von Anfang an eine metaphorische Bezeichnung des Küchengerätes.
Stundenholz bei Celan (der Tisch, aus Stundenholz) scheint sich wirklich auf das Material zu beziehen, aus dem ein Tisch gemacht ist. Holz läßt sich sehr verschieden klassifizieren, der Zusatz ist zwar rätselhaft, aber gerade deshalb muß nicht von einer Metapher gesprochen werden, denn eine wörtliche Bedeutung bleibt möglich.
Dasselbe gilt für die sogenannte Genitivmetapher: Busen der Natur, Flügel der Abendluft, das süße Gift der Kameradschaft (Sebastian Haffner), der Zahn der Zeit – warum soll es das nicht buchstäblich geben können, auch wenn es noch so seltsam klingt? Im Duden-Universalwörterbuch wird das Gold ihrer Haare als Beispiel einer Metapher angeführt. Ohne Kontext läßt sich nicht feststellen, ob überhaupt eine Metapher vorliegt. Es könnte ein goldener Haarschmuck gemeint sein und manches andere, auch die bloße Farbe wie in schwarzrotgold.
Weder das Genitivattribut noch die Zusammensetzung zu einem Determinativkompositum machen einen Ausdruck metaphorisch. In beiden Fällen ist das semantische Verhältnis der Bestandteile zu unbestimmt, um die kontrafaktische Aussage herzugeben, die für die Feststellung der Metaphorizität wesentlich ist.

Ähnlichkeit schaffen?
In der Metapherntheorie wird auch behauptet, manchen Metaphern erzeugten erst die Ähnlichkeit, die sie nach der traditionellen Theorie voraussetzen und ausnutzen. Gerhard Strauß behauptet freilich paradoxerweise, Metaphern könnten auch „verborgene Korrespondenzen erst schaffen“ („Metaphern - Vorüberlegungen zu ihrer lexikographischen Darstellung“. In: Gisela Harras/Ulrike Haß/Gerhard Strauß: Wortbedeutungen und ihre Darstellung im Wörterbuch. Berlin 1991:153). Wenn die Korrespondenzen verborgen sind, werden sie nur aufgedeckt, nicht geschaffen.
Die These von der „kreativen Metapher“ wird oft vertreten. Zuerst hat wohl Max Black behauptet:
„Es wäre in einigen dieser Fälle aufschlußreicher zu sagen, die Metapher schafft Ähnlichkeit (similarity), statt zu sagen, sie formuliert eine bereits vorher existierende Ähnlichkeit.“ („Die Metapher.“ In: Anselm Haverkamp, Hg.: Theorie der Metapher. 2. Aufl. Darmstadt 1996:31-79. S. 68)
Eine Variante dieser Theorie vertritt Helge Skirl als „Emergenztheorie“ der Metapher. (Emergenz als Phänomen der Semantik am Beispiel des Metaphernverstehens. Tübingen 2009; kurz auch in „Kompositummetaphern – semantische Innovation und textpragmatische Funktion“. metaphorik.de 19/2010, 23-45, S. 24)
Sein Beispielsatz ist:
Der Hockeyspieler ist ein Bulldozer.
Skirl behauptet nun, die Merkmale, um deren Anwendung es hier gehe, seien „z. B.“ (?) WAGEMUTIG und DURCHSETZUNGSSTARK. Da sie nicht zum Begriff des Bulldozers gehörten, müßten sie im Verstehen der Metapher erst konstruiert werden. (Sie gehören auch nicht zum Begriff des Hockeyspielers – wohl aber, was Skirl übersieht, zur Ausstattung des bestimmten Sportlers, den man metaphorisch als Bulldozer kennzeichnet. Der Ausgangssatz behauptet ja nicht allgemein, Hockeyspieler seien Bulldozer.) Der Bulldozer werde zunächst anthropomorphisch gedeutet, bevor ihm jene Merkmale zugesprochen werden können. Allerdings ist die Auswahl der Merkmale wieder einmal willkürlich und unplausibel. Ein Bulldozer ist kraftvoll und überfährt kleinere Hindernisse; er ist nicht für feinere Verrichtungen geeignet, sondern erledigt grobe Arbeiten mit großer Kraft. Also kommt es auf GROB und STARK (und vielleicht noch weitere Eigenschaften) an. Sie lassen sich Bulldozern und Sportlern in gleicher Weise zuschreiben, es emergiert nichts, und es wird nicht personifiziert.
Skirl erreicht sein Ziel auch nur dadurch, daß er zwischen der sprachlichen Bedeutung und dem „konzeptuellen“ Weltwissen unterscheidet. Aus letzterem schöpft der Metapherninterpret die Komponenten, die in der sprachlichen Bedeutung nicht enthalten sind, erzeugt sie also keineswegs, sondern entdeckt sie, wie in der traditionellen Lehre vorgesehen und hier nur durch die psychologisierende Redeweise verhüllt.
Ein Maler schafft Ähnlichkeit, indem er Merkmale seines Modells auf das Gemälde überträgt. Ohne in dieser Weise Hand anzulegen, kann man Ähnlichkeiten nicht schaffen, sondern nur schon vorhandene Ähnlichkeiten entdecken.


Die „absolute Metapher“

Die nicht auflösbare, absolute Metapher, die vor allem in moderner Dichtung vorkommt, wird besser als Metaphernkandidat bezeichnet, denn solange sie nicht aufgelöst werden kann, läßt sich auch nicht behaupten, daß es sich um eine Metapher handelt. Man kann sie mit den Zeichenkandidaten vergleichen: Es gibt z. B. steinzeitliche Ritzungen, die nach menschlichem Ermessen nicht durch Wind und Wetter entstanden sein können, wohl auch nicht als gedankenlose menschliche Kritzelei zu erklären und daher möglicherweise Zeichen sind. Ohne eine solche Vermutung würde niemand sich an der Entzifferung versuchen. So ziehen auch manche poetischen Ausdrücke wegen ihrer Ähnlichkeit mit bereits bekannten Metaphern den Verdacht auf sich, daß es sich um Metaphern handeln könnte, auch wenn man sie noch nicht deuten kann. Es sind Verrätselungen. Paul Celans Werke sind voll davon, entsprechend intensiv wird an ihrer Deutung gearbeitet: schwarze Milch der Frühe usw. Manche Interpreten nehmen an, daß die Bedeutung grade in der Undeutbarkeit liege. Ein solche Bedeutungsbegriff liegt außerhalb unseres Themas.
Wie wir sehen werden, ließe sich allenfalls bei den sogenannten transgressiven Übertragungen von „absoluten Metaphern“ sprechen, da sie tatsächlich nicht auflösbar sind.

Metaphern als Spiel
Die behavioristische Untersuchung der Metapher kennt nur das Sprechen und anderes Verhalten, sie spricht nicht vom „Denken“ oder von „Konzepten“. Solche Redeweisen sind ihrerseits ein erklärungsbedürftiges Verhalten. Die Frage, ob Metaphern zuerst im Denken oder in der Vorstellung und dann erst in der Sprache stattfinden oder umgekehrt, ist aus dieser Sicht gegenstandslos und geradezu unverständlich.
Als Verhaltenstyp betrachtet, ist die Metapher ein Fall von Verstellungsspiel (pretence play). Der Sprecher verweigert auf eine für den Hörer durchschaubare Weise die Kooperation, die jeder Kommunikation zugrunde liegt. Ohne die Voraussetzung, daß der Sprecher normalerweise die Wahrheit sagt und die Zeichen in ihrer üblichen Bedeutung verwendet, ist sprachliche Verständigung nicht möglich. Indem der Sprecher eine offensichtlich falsche Prädikation äußert oder voraussetzt, gibt er dem Hörer zu verstehen, daß die Wörter anders gemeint sind als im Normalfall. Er verrätselt seine Redeweise. Das Rätsel als Textsorte macht von derselben Technik Gebrauch. Wie jedes Spiel befestigt auch die gespielte Nichtkooperativität die Grenze, indem sie sie in durchschaubarer Weise überschreitet. Wer im Scherz „lügt“, bestätigt die grundlegende Bedeutung der Wahrhaftigkeit. Am nächsten kommt der Metapher wohl die Ironie.
(Verstellungsspiel wird noch in anderer Weise funktionalisiert: Es liegt zum Beispiel dem Vormachen und dem Üben zugrunde und ist damit die Voraussetzung der Weitergabe und des Ausbaus von Kulturtechniken.)
Die Auffassung der Metapher als Verrätselung wird im Grunde auch von Heinz Werner vertreten, der den Ursprung der Metapher im Tabu sieht und ausdrücklich feststellt:
„Fast überall, wo die Metapher verwendet wird, soll sie charakteristischerweise den Gegenstand nicht deutlicher machen, ihn nicht begrifflich erläutern und klären, sondern im Gegenteil ihn verdunkeln und verhüllen.“ (Die Ursprünge der Metapher. Leipzig 1919:7)


Zweiter Teil: Kritik der kognitivistischen Metapherntheorie

Metapher und Erkenntis
1980 veröffentlichten George Lakoff und Mark Johnson ihr Buch „Metaphors we live by“, das einen außerordentlichen Erfolg haben sollte. Es gilt als Hauptwerk der sogenannten kognitiven Linguistik, als deren „Dreh- und Angelpunkt“ (Jäkel 2003:16) – oder eben als „tragende Säule“, wie ich es im ersten Satz dieser Abhandlung genannt habe, mit der Lakoffschen Rahmenmetapher „Theorien sind Gebäude“. Wer sich kritisch mit der kognitivistischen Metapherntheorie beschäftigt, stellt zugleich die kognitive Linguistik auf den Prüfstand.
Lakoff vertrat die These, die Metapher sei nicht nur eine rhetorische Figur, sondern ein Erkenntnismodell und Denkmittel und damit von grundlegender Bedeutung für den Menschen. Er glaubte sich damals von einer traditionellen Metaphernlehre absetzen zu müssen, der er in wechselnden Formulierungen „traditional false assumptions“ wie die folgenden zuschrieb:
All everyday conventional language is literal, and none is metaphorical.
All subject matter can be comprehended literally, without metaphor.
Only literal language can be contingently true or false.
All definitions given in the lexicon of a language are literal, not metaphorical.
The concepts used in the grammar of a language are all literal; none are metaphorical.
(In Andrew Ortony (ed.): Metaphor and Thought. 2. Aufl. Cambridge 1993)
Es dürfte schwer sein, Autoren zu finden, die ein derart beschränktes Bild von der Metapher vertreten hätten; auch wurde der Neuigkeitswert der Lakoffschen Thesen von Sachkundigen bei weitem nicht so hoch eingeschätzt wie von Lakoff selbst, der seine eigene Theorie durchgehend als „the contemporary theory of metaphor“ bezeichnet und dem Rest der Welt gegenüberstellt:
In classical theories of language, metaphor was seen as a matter of language not thought. Metaphorical expressions were assumed to be mutually exclusive with the realm of ordinary everyday language: everyday language had no metaphor, and metaphor used mechanisms outside the realm of everyday conventional language. (Lakoff a. a. O.)
Dagegen sei nur Hermann Paul zitiert, der einfach die „klassische Theorie“ darstellt:
„Die Metapher ist eines der wichtigsten Mittel zur Schöpfung von Benennungen für Vorstellungskomplexe, für die noch keine adäquaten Bezeichnungen existieren. Ihre Anwendung beschränkt sich aber nicht auf die Fälle, in denen eine solche äussere Nötigung vorliegt. Auch da, wo eine schon bestehende Benennung zur Verfügung steht, treibt oft ein innerer Drang zur Bevorzugung eines metaphorischen Ausdrucks. Die Metapher ist eben etwas, was mit Notwendigkeit aus der menschlichen Natur fliesst und sich geltend macht nicht bloss in der Dichtersprache, sondern vor allem auch in der volkstümlichen Umgangssprache, die immer zu Anschaulichkeit und drastischer Charakterisierung neigt.“ (Prinzipien der Sprachgeschichte 94)
Vgl. noch George Lakoff: „Conceptual metaphor. The contemporary theory of metaphor“. In: Dirk Geeraerts (Hg.): Cognitive Linguistics. Basic Readings. Berlin 2006:185-238. - Über sein eigenes Buch von 1980 sagt Lakoff: „The first book outlining the contemporary theory of metaphor.“ Daher auch: „Most of the papers in this edition also appeared in the first edition of 1979 and thus predate the contemporary theory of metaphor.“ (In: Ortony, 2. Aufl. 1993) Kritisch dazu Geoffrey Nunberg: „Frame Game“. The New Republic 4.11.06. - „The most irritating feature of the book is the authors' repeated claims of novelty, either for themselves or for their colleagues.“ (John F. Sowa: Rezension von Lakoff/Johnson: „Philosophy in the Flesh“. In: Computational Linguistics 25/4, 1999, zit. nach einer Internetfassung) - Lakoffs Interviewer Matt Bai schreibt: „Humility is not his most obvious virtue.“ (NYT 17.7.05) Thomas Eder spricht von „Pappkameraden“, die Lakoff umzustoßen unternimmt. - Lakoff hat seine Metapherntheorie auch dazu genutzt, seine politischen Ansichten zu verbreiten, und sagt dazu selbst: „Lakoff's essay ‚Metaphor and War‘, distributed to many millions over the Internet on the eve of the Gulf War, remains one of the most important analyses not only of the use of metaphor by the U.S. government to persuade the populace but also of the role of conceptual metaphors in planning foreign policy.“ (Lakoff/Johnson, Afterword 2003)
Auch der Hauptpunkt der kognitivistischen Theorie, eben die psychologische Deutung der Metapher, ist nicht neu. Zum Beispiel schrieb I. M. Richards schon 1936: „Die Metapher erschien [in der traditionellen Theorie] als eine auf Verschiebung und Verdrängung von Wörtern beschränkte Angelegenheit, wogegen sie doch in allererster Linie Austausch und Verkehr von Gedanken, eine Transaktion zwischen Kontexten ist. Denken ist metaphorisch und verfährt vergleichend; daraus leiten sich die Metaphern der Sprache her.“ (In: Haverkamp 35) Aber auch Aristoteles, Cicero und viele andere Autoren haben im Grunde dasselbe gesagt. Es geht einfach um einen Teil des analogischen „Denkens“. Wenn Lakoff und seine Nachfolger behaupten, die Metapher sei nicht bloß eine sprachliche Figur, sondern eine Art zu denken, befinden sie sich zwar nicht in dem vermeinten Gegensatz zu ihren Vorgängern, aber zugleich verschieben sie die Metapherndiskussion terminologisch in einer Weise, die der Diskussion den Boden entzieht. Sie nennen etwas „Metapher“, was herkömmlicherweise „analogisches Denken“ oder „Modelldenken“ heißt. Niemand hat je bezweifelt, daß analogisches Denken, was immer es sein mag, neue Erkenntnisse zutage fördern kann. Wenn dasselbe nun metaphorisches Denken heißen soll, ist in der Sache nichts gewonnen. Anders sieht es aus, wenn die hohen Ansprüche auf die rhetorische Figur, die man bisher „Metapher“ genannt hat, übertragen werden. Das ist heute weitgehend der Fall:
„Die Metapher soll, sehr vorläufig gesagt, meist schockartig neue Einsichten in unsere Welt eröffnen – und sie soll dies in einer solch spezifischen und singulären Weise tun, daß kein anderes sprachliches Verfahren hinsichtlich dieser Leistung mit ihr vergleichbar ist. Dieser 'Gemeinplatz' bezüglich der Metapher wird mittlerweile kaum noch in Frage gestellt.“ (Christian Strub: Kalkulierte Absurditäten. Freiburg 1991:20)
Besonders vorbehaltlos formuliert Rudi Keller:
„Jede Metapher ist ein kleines Erkenntnismodell.“ (Zeichentheorie. Tübingen, Basel 1995:224)
Ebenso umfassend Olaf Jäkel:
„In general, metaphors have an explanatory function.“ („Hypotheses Revisited: The Cognitive Theory of Metaphor Applied to Religious Texts“. http://www.metaphorik.de/02/jaekel.htm)
Solche Ansprüche, die zugleich den überraschend enthusiastischen Ton vieler Metapherntheorien kennzeichnen, verdienen wohl eine Nachprüfung.
Zunächst ein banaler, dennoch schlagender Einwand: Zu den Lehrstücken der Metapherntheorie gehört die „Ubiquität der Metapher“:
„Metaphorische Konzepte sind nicht stilistische Beigabe, sondern obligatorische und ubiquitäre Denkmodelle in der Alltagssprache und in allen Fachsprachen.“ (Karlheinz Jakob: „Metaphorische Konzepte und Sprachgeschichte“. Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 4/2001:540-554, S. 543)
Bereits Aristoteles stellte beiläufig fest, daß wir auch im Alltag ständig Metaphern benutzen (Rhet. 1404b).
Wären die Metaphern erkenntnisfördernd oder gar selbst Erkenntnisse, müßte es überall von Wissenszuwachs wimmeln. Besonders würde das von journalistischen Texten gelten, etwa aus dem Bereich der Wirtschaft. Gerade dort ist jedoch der spielerische Charakter unverkennbar:
An den europäischen Aktienmärkten sind die Kurse zeitweise in den freien Fall übergegangen. (FAZ 25.7.02)
Es wäre sinnlos, die Fallgesetze auf die Börse anzuwenden.
Die Aktienbörse ist kein Nullsummenspiel. Es ist nicht so, daß der eine gewinnt, was der andere verliert. Vielmehr steigt in der Hausse das Buchvermögen der Gesamtwirtschaft, während es sich in der Baisse buchstäblich in Luft auflöst. Mit derselben Geschwindigkeit, in der in der vorangegangenen Jahrhunderthausse die Kurse in aberwitzige Höhen geschnellt sind, entweicht jetzt die Luft aus der Spekulationsblase. (FAZ 25.7.02)
Die Bilder wechseln in Sekunden und haben gar keine Zeit, sich als Erkenntnismodelle zu entwickeln:
2008 fiel die Investmentbank Lehman Brothers vom Karussell. Die Blase war geplatzt. (SZ 23.2.13)
Gern läßt man sich, wie bereits gezeigt, die Metapher auch vom diskutierten Sachbereich selbst vorgeben, wodurch es zu reizvollen Doppeldeutigkeiten kommt: Lufthansa fliegt in die roten Zahlen.
Schmutzige Geschäfte mit heißer Luft (SZ 21.1.11).
Es geht um den Emissionshandel, beide Ausdrücke haben zugleich metaphorische Bedeutung.
Im Spiel um die Macht gab es bei Thyssen-Krupp Könige und Bauernopfer. (Wirtschaftswoche 15.1.13)
Die ausgefallene Metaphorik der Sportreporter ist sprichwörtlich. Der Fußballer nagelt das Spielgerät in die Wolken, holt die Murmel raus usw.
Eine Fundgrube (!) verspielter Metaphern dieser Art ist die Wissenschaftsseite der Tageszeitung:
Feldwespen sind die Schlagzeuger unter den Insekten. Die Tiere trommeln bei der Brutpflege rhythmisch mit ihren Antennen gegen die Brutkammern des Nestes. (SZ 26.1.11)
Kuschelhormon Oxytocin. (...) Doch das Hormon mit der glänzenden Fassade hat auch einen schmuddeligen Hinterhof. (SZ 13.1.11)
Photonen sind als sogenannte Bosonen gesellig genug, ihre Individualität aufzugeben. (SZ 25.11.10)
Methanhydrat ist einer der großen Unbekannten im Klimapuzzle. (...) Die Untersuchungen zeigen, dass der Meeresboden tatsächlich größere Methanrülpser ausstoßen kann. (SZ 29.12.10)
Diese ungeheure Masse von spielerischen Alltagsmetaphern wäre von vornherein auszuklammern, weil niemand auf den Gedanken kommt, ihnen einen Erkenntniswert zuzuschreiben. Man könnte sie als „Metaphern aus Übermut“ von den „Metaphern aus Mangel“ (Inopia) unterscheiden.
Die zentrale These der kognitivistischen Metapherntheorie bezieht sich einerseits auf schwer nachprüfbare „mentale“ Vorgänge, wird andererseits selbst wieder in metaphorischen Begriffen ausgedrückt, die schwer zu verstehen und kaum operationalisierbar sind:
„Metaphor is the concept of understanding one thing in terms of another.“ - So beginnt der Wikipedia-Eintrag über die Metapher. Erst danach ist überhaupt von Sprachlichem die Rede, in genauer Umkehr der herkömmlichen, von der Rhetorik ausgehenden Auffassung.
Es wird nie recht klar, was unter diesem unermüdlich wiederholten in terms of überhaupt zu verstehen ist, wenn die Sprachlichkeit der Metapher als rhetorischer Figur völlig aufgegeben ist. Ebenso unerklärt bleiben Metaphern wie „etwas im Lichte von etwas anderem verstehen“, „unter neuer Perspektive, unter neuem Aspekt verstehen“ usw.
„Metaphern und explanativen Theorien ist gemeinsam, daß Begriffe aus einem (...) primären System im Lichte von Begriffen eines sekundären Systems betrachtet werden.“ (Rudi Keller: Zeichentheorie. Tübingen, Basel 1995:225)
Die zentrale These kann bis zur Selbstparodie gesteigert werden:
„Wer jemanden ein Rindvieh nennt, fordert ihn auf, sich selbst im Lichte der Rindviehhaftigkeit zu sehen.“ (Rudi Keller/Ilja Kirschbaum: Bedeutungswandel. Eine Einführung. Berlin 2003:58)
Was heißt das, und wie macht man es? Was ist das für ein seltsames „Licht“, unmetaphorisch gesprochen? Statt eines Beweises aus dem sonstigen Verhalten werden immer nur weitere sprachliche Erscheinungen als Indizien des „Verstehens“ angegeben.
Lakoff führt die untereinander verwandten Metaphern auf eine begrenzte Zahl von Grundsätzen (Dachmetaphern, Metametaphern) zurück, die er in Versalien druckt und für grundlegende Denkmuster hält: ARGUMENT IS WAR, LOVE IS A JOURNEY usw. Bei einem großen Teil der tatsächlich benutzten Metaphern ist die nahegelegte Verallgemeinerung offensichtlich sinnlos:
Tatsächlich ticken die amerikanischen Wähler jedoch mehrheitlich konservativ. (Schweizer Monatshefte Nov. 2010)
Wähler sind Uhren?
frischgebackener Führer der freien Welt (Schweizer Monatshefte Nov. 2010)
Politiker sind Brote?
Auf den Bestsellerlisten tauchen regelmäßig Biographien historischer Figuren auf. (SZ 3.1.11)
Bestsellerlisten sind Gewässer?
Die Wirtschaft kommt, verunsichert durch den neuen Washingtoner Aktivismus, nicht in Trott. (Schweizer Monatshefte Nov. 2010)
Wirtschaften sind Pferde? Der Leser denkt nicht daran, sondern läßt es bei der lokal begrenzten Bildlichkeit bewenden. Es kommt aber noch besser:
Die Spieler müssen sich im Zaum halten (Augsburger Allgemeine 29.12.12)
Der Mensch muß sich zügeln. (ZEIT 13.10.89)
Menschen sind Reiter und zugleich ihre eigenen Pferde?
Absteiger Hertha BSC kassiert bei 1860 München die vierte Niederlage im fünften Spiel. (Nachrichten 5.12.10)
Niederlagen sind Geld?
Dann müssen Europa und Amerika die Weltwirtschaft umkrempeln (Internet 7.12.10)
Die Weltwirtschaft ist ein Ärmel oder ein Hosenbein?
die AKP, die jeden Quadratmeter Istanbul umkrempeln will (SZ 7.12.10)
Besteht auch Istanbul aus Ärmeln, Hosenbeinen?
wo die Designerbuden sich schon den Hang hinabfressen (SZ 7.12.10)
Ladengeschäfte sind Tiere?
Betrachten wir auch noch einmal die oben angeführten, durch Hedges ausgezeichneten Beispiele:
Der Befund ist seit dem Sommer nahezu gleich: die Wirtschaft dümpelt sozusagen vor sich hin. (SZ 14.11.81)
Die Wirtschaft ist ein Schiff?
Zins und Tilgung saugen den betroffenen Nationen buchstäblich das Mark aus. (Nürnberger Nachrichten 3.2.92)
Nationen sind Wirbeltiere?

Ein deutscher Metapherntheoretiker, der Anglist Hans-Jörg Schmid, erörtert ein Beispiel, das wohl nicht zufällig immer noch das alte aus Lakoff/Johnson 1980 ist:
„SZ: Eine Metapher ist also mehr als der Ersatz eines Wortes durch ein anderes?
Schmid: Nehmen Sie den Satz „Dieser Chirurg ist ein Metzger.“ Die Aussagekraft des Bildes ist nur damit zu erklären, dass man zusätzliche Wissensbestände in die Wörter hineinprojiziert. Der Metzger arbeitet ja durchaus auch akkurat und versteht sein Handwerk; die Unterstellung, dass der Metzger unfähig sei, ergibt sich nur aus der Kombination der beiden Bereiche „Chirurg“ und „Metzger“. Dies ist jedenfalls keine einfache „Übertragung“ dessen, was der Metzger tut, auf das, was der Chirurg tut. Man betrachte die Umkehrung: „Dieser Metzger ist ein Chirurg.“ Da ist dann der Metzger gar nicht mehr negativ konnotiert, obwohl der Chirurg ja auch ein durchaus blutiges Handwerk hat.“ (Süddeutsche Zeitung 21.3.09)
Es ist als Stereotyp bekannt, daß ein Metzger grob arbeitet, insofern er nicht an den physiologisch relevanten Teilen orientiert ist, sondern mit Säge und Hackebeil an den Tierkörper herangeht. (Daher auch Fleischhauer.) Dies wird auf den Chirurgen übertragen. Mensch und Tier spielen eine Rolle, auch wenn es Tierärzte gibt. Der Metzger zerfleischt und zerlegt tote Tiere, der Chirurg heilt lebende Menschen. Auch die Instrumente sind charakteristisch verschieden. Metzger machen auch Hackfleisch und verwursten das Fleisch (jedenfalls auf dem Schlachthof, weil die Wurst aus schlachtwarmem Fleisch hergestellt werden muß). Metzger zerlegen bloß, Chirurgen stellen wieder her, nähen und heilen. Wenn Chirurgen so operieren, wie Metzger Fleisch zerlegen, sind sie schlechte Chirurgen. Metzger, die den Tierkörper chirurgisch behandeln, sind schlechte Metzger.

Lakoffs Beispiele werden von ihm selbst und von seinen Anhängern unermüdlich wiederholt, meist mit denselben Nachlässigkeiten in der Deutung. Ein weiteres Beispiel:

„Betrachten wir einige Sätze aus der Alltagssprache: ‚Ihre Behauptungen sind unhaltbar‘; ‚Er griff jeden Schwachpunkt in meiner Argumentation an‘; ‚Seine Kritik traf ins Schwarze‘; ‚Ich schmetterte sein Argument ab‘; ‚Ich habe noch nie eine Auseinandersetzung mit ihm gewonnen‘; ‚Wenn du nach dieser Strategie vorgehst, dann wird er dich vernichten‘; ‚Er machte alle meine Argumente nieder‘. Alle diese Äußerungen betreffen das Argumentieren, das von uns automatisch als geradezu kriegerischer Akt beschrieben wird, der darauf abzielt, den andersdenkenden Gegner zu ,vernichten'. Den Sätzen liegt also ein gemeinsames Konzept zu Grunde, das kurz als ARGUMENTIEREN IST KRIEG charakterisiert werden kann.“ (Dietmar Till: „Aktualität der Metapher, Wiederkehr der Rhetorik. Zum ‚rhetorical turn‘ in den Humanwissenschaften“. literaturkritik.de Nr. 3, März 2008)
Das stimmt offensichtlich nicht. Die Metaphern stammen aus verschiedenen Bereichen, einige werden auch in kriegerischen Zusammenhängen verwendet, nur wenige haben (hyperbolisch, nicht metaphorisch) mit „Vernichtung“ zu tun. Die kriegsbezogenen Ausdrücke unserer Sprache sind ihrerseits meist Metaphern aus einer nichtkriegerischen Sprache, aber das wird von den Metapherntheoretikern fast nie erwähnt.
ARGUMENT IS WAR – das ist überhaupt das bekannteste Beispiel Lakoffs geworden. Es ist sachlich angreifbar. Man kann beobachten, daß Diskussionen einen gewissen agonalen Charakter haben, aber schon der Übergang zu „Krieg“ ist übertrieben und willkürlich, da es nur um den Wunsch geht, recht zu behalten. Das Muster solcher Diskussionen ist der Dialog, aus dessen näherer Untersuchung Platon und vor allem Aristoteles die Logik entwickelt haben. Dieser Dialog, der nicht die Autorität des Sprechers, sondern den Zwang des Arguments zur entscheidenden Instanz macht, findet typischerweise vor Gericht statt und mag auch durch die griechische Tragödie geprägt sein; er setzt jedenfalls bestimmte „demokratische“ Verhältnisse voraus. Darum ist es auch problematisch, die Größe ARGUMENT als universell konstant anzunehmen und Kulturen daraufhin zu vergleichen, wie sie „Diskussion“ konzeptualisieren. So scheint es in Japan eine Auffassung von Dialogen zu geben, die eher die gemeinsame Arbeit an einem Werkstück als Modell nimmt (aizuchi = wechselseitige Hammerschläge). Durch häufige Rückmeldung wird das gegenseitige Verständnis bekräftigt. Diskussion im abendländischen Sinn ist ein agonaler Dialog und sollte eher mit Spielen und Wettkampf als mit Krieg in Verbindung gebracht werden. Protagoras verfaßte ein Werk „Kataballontes“ („Niederwerfende [Argumente]“ - offenbar dem Ringkampf entlehnt, einer klassischen olympischen Disziplin; übrigens ruhten während der Olympischen Wettkämpfe alle Kriegshandlungen!).
„Wird eine Diskussion im Wesentlichen als ‚Krieg‘ wahrgenommen, geraten die kooperativen Momente, die für eine gelingende Diskussion notwendig sind, aus dem Blick – die Metapher verbirgt diesen Aspekt des Phänomens.“ (Rudolf Schmitt: „Diskussion ist Krieg, Liebe ist eine Reise, und die qualitative Forschung braucht eine Brille“. Forum Qualitative Sozialforschung 2004 (http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-04/2-04review-schmitt-d.htm))
Aber wird eine Diskussion, nur weil gelegentlich eine kriegerische Metapher zu ihrer Bezeichnung verwendet wird, tatsächlich als Krieg wahrgenommen? Und woher stammt der normative Begriff einer „gelingenden“ Diskussion? Könnten bestimmte Dialog nicht gerade dann gelingen, wenn einer der Teilnehmer siegt und der andere gleichsam auf dem Rücken liegt wie beim Ringkampf? Die Widerlegung ist – vor allem in der Wissenschaft – durchaus eine Form des Gelingens. Schon die klassische Gerichtsrhetorik hat das Ziel der „Niederwerfung“ des Gegners. Auch „kooperativ“ ist ein normativer Begriff. Moralische Bewertung wird unterderhand beigemischt, ohne jede Begründung.
Es ist ein alter Philologenfehler, konventionelle Ausdrucksweisen sozusagen beim Wort zu nehmen und daraus weitreichende Folgerungen für die „Weltansicht“ der Sprecher abzuleiten. Aber etymology is not epistemology, wie McGlone sagt (Matthew S. McGlone: „What is the explanatory value of a conceptual metaphor?“ Language & Communication 27, 2007:109–126, S. 123). Schon Humboldt erlag dieser Versuchung. Wie Lakoff durch bloßes Räsonieren über den vermeintlich wörtlichen Sinn sprachlicher Ausdrücke zur Annahme entsprechender „kognitiver“ Modelle gelangt, läßt sich an einem Beispiel deutlich erkennen:
I have a headache. [The headache is a possession.]
I got a headache. [Change is acquisition -- motion to]
My headache went away. [Change is loss -- motion from]
The noise gave me a headache. [Causation is giving -- motion to]
The aspirin took away my headache. [Causation is taking -- motion from]

Lakoff verfügt nicht über einen unabhängigen Beweis dafür, daß der Sprecher Kopfschmerzen tatsächlich als Besitz ansieht. Manches spricht eher dagegen: Man kann Kopfschmerzen weder erhalten noch verlieren. Und sollte zwischen Ich habe Kopfschmerzen und Mir tut der Kopf weh wirklich ein konzeptueller Unterschied bestehen? Lakoff sammelt passende Redensarten aus dem Wortschatz, aber nicht aus Texten, sonst hätte er bemerkt, daß die Sprecher, wörtlich verstanden, nicht konsistent sprechen. Damit fällt die kognitivistische Deutung in sich zusammen.



Metapher und Modell
Ein Teil der Metaphernliteratur setzt Metapher und Modell gleich und hat es dann auf den ersten Blick leicht, die Metapher für ein bewährtes Hilfsmittel der Wissenschaft zu erklären.
Modelle können als wirkliche Gegenstände auftreten oder „in Gedanken“ gebildet werden, wozu mit sprachlichen Mitteln aufgefordert wird.
„In der Physik hat eine Metapher, das Atommodell, die verschiedensten Wandlungen durch- und überlebt, bei denen jeweils weiterführende Teilerkenntnisse gewonnen wurden, obwohl vieles andere zwischenzeitlich verworfen wurde.“ (Peter Finke: „Misteln, Wälder und Frösche: Über Metaphern in der Wissenschaft“. metaphorik.de 04/2003)
Das mit Recht so genannte Atommodell ist in Wirklichkeit keine Metapher. Bezeichnenderweise wird das Modell mit den unterschiedlichsten Ausdrücken dargestellt und näher erörtert. Es kann auch tatsächlich als Gegenstand konstruiert werden, wie man es aus Unterrichtsräumen kennt, oder als Abbildung wie in Lehrbüchern. Diese Unabhängigkeit von bestimmten sprachlichen Formen ist ein hinreichender Grund, nicht von „Metaphern“ zu sprechen. Mit einer bloßen Ersetzung von Modell durch Metapher ist nichts gewonnen. (Nach Boyd ist das Bohrsche Atommodell nur eine Illustration, weil die Eigenschaften, um deren Veranschaulichung es ging, vollständig bekannt waren. Vgl. Boyd in Ortony 1979:359. Das mögen Physiker beurteilen. Mir scheint, daß aus den Atommodellen von Rutherford und Bohr jeweils widerlegbare Hypothesen abgeleitet werden konnten, wie es eben bei Metaphern und überhaupt bei rhetorischen Figuren nicht möglich ist.)
Saussures Vergleich der Sprache mit einem Schachspiel, den Finke ebenfalls anführt, ist keine Metapher, sondern zunächst eben ein Vergleich und möglicherweise ein Modell.
Mendelejews und Meyers Periodensystem der Elemente war insofern ein Modell, als die bloße Anordnung der Elemente Voraussagen über die Eigenschaften bekannter und noch unbekannter Elemente ermöglichte. Es ist keine Metapher und nicht einmal auf Sprache angewiesen.
Der Quintenzirkel ist ebenfalls eine „aufschlußreiche“ räumliche Anordnung der Tonarten, der Farbkörper eine solche der Farben. Die Bevölkerungspyramide veranschaulicht die Altersstatistik, das Lohngefälle die Einkommensstatistik. Die Bezeichnungen sind nicht zufällig, aber auch nicht notwendig. Soweit sie metaphorisch sind, ist das Metaphorische unwesentlich.
Die Doppelhelix der DNS, ursprünglich als verdrehte Strickleiter (mit den Wasserstoffbrücken als Sprossen) gezeichnet, wurde später meist durch das bekannte Kalottenmodell ersetzt und gibt eine wirkliche räumliche Struktur wieder, wenn auch stark vereinfacht und idealisiert. Das Modell ist nichtsprachlich, die Benennung als „Helix“ spielt keine Rolle.
Sinuskurven sind keine Metaphern, sondern Konstruktionen, die durch den Eintrag von Daten in ein Koordinatensystem entstehen. Sie erlauben die Anwendung der analytischen Geometrie auf Naturerscheinungen und führen zu neuen Hypothesen und Erkenntnissen.
In der Physik der Elementarteilchen arbeitet man bekanntlich mit Wellen- und Teilchenmodellen gleichzeitig, um jeweils bestimmte Phänomene zu erklären. Der Begriff der Wellenlänge z. B. ist aber nicht mehr auf die bildliche Vorstellung einer Welle angewiesen, sondern dient lediglich dazu, meßbare Größen mit einer Benennung zu versehen.
Platon führt die Gedächtnismodelle tatsächlich als Modelle und nicht als Metaphern ein, diskutiert die Folgen, die sich daraus ergeben, und verwirft sie dann.
Freuds Triebtheorie war ein Modell und keine Metapher. Unter verschiedenen sprachlichen Einkleidungen wurde immer wieder dieses Modell ausgeführt: Die ökonomische Betrachtung nimmt an, dass die psychischen Vertretungen der Triebe mit bestimmten Quantitäten Energie besetzt sind (...). (Freud [1926] 1960, Bd. 14:302) – In diesem Fall gehörte die weitere Ausführung, vor allem die Lehre von der Erhaltung der Energie, zu den fragwürdigen Anwendungen des Modells.
Modelle machen von Idealisierungen Gebrauch. Schon die Mechanik der einfachen Maschinen arbeitet mit Idealisierungen. Bei den Hebelgesetzen legt man einen vollkommen starren Körper zugrunde, den es in der Natur nicht gibt. Die Idealisierung läßt einige Züge weg, wobei die Gefahr besteht, daß es wesentliche Züge sind. So hat man gern den idealen Sprecher einer Sprache konstruiert, der z. B. keinerlei Gedächtnisbeschränkungen oder Aufmerksamkeitsstörungen kennt. Es ist aber fraglich, ob ein Lebewesen ohne solche Beschränkungen überhaupt eine Sprache entwickeln würde, wie wir sie kennen. Das sind Gefahren jeder Modellbildung.
McGlone zeigt, daß Metaphern über den ursprünglich motivierenden Vergleichspunkt hinaus gewöhnlich keine weiteren Schlüsse zulassen. The lecture was a three-course meal charakterisiert die Reichhaltigkeit oder Qualität des Vortrages, ohne weitere Züge von Mahlzeiten zu übernehmen, wie Lakoff mit seiner „konzeptuellen“ Deutung IDEAS ARE FOOD behauptete. Galilei hat vom Buch der Natur gesprochen, das in mathematischen Zeichen geschrieben sei, aber die Mathematisierung der Naturwissenschaften hat in Wirklichkeit nichts mit dieser Metapher zu tun und ist nicht von ihr angeregt, wie die Rede von der „Lesbarkeit der Welt“ (Blumenberg) nahelegt. Die Metapher erlaubte Galilei den rhetorischen Anschluß an die Offenbarungsreligion mit ihren heiligen Schriften, während die Wissenschaften tatsächlich andere Wege gehen als den des „Lesens“. Galilei hat auch weder die mathematischen Zeichen noch irgendwelche anderen aus der Natur „abgelesen“, sondern bekanntlich etwas ganz anderes getan. Zählen und Messen sind geradezu das Gegenteil von zeichenhafter Kommunikation.
„Der Wissenschaftshistoriker Kuhn (1962) schildert, wie um 1740 die neue metaphorische Konzeptualisierung von ELEKTRIZITÄT als FLÜSSIGKEIT eine Gruppe von Forschern auf die Idee brachte, diese ‚Flüssigkeit‘ auf Flaschen zu ziehen. Dies führte zur Erfindung der sogenannten ‚Leidener Flaschen‘, einer Vorform des elektrischen Kondensators. Deren wissenschaftliche Untersuchung durch Benjamin Franklin wiederum führte zum ersten vollgültigen Paradigma für Elektrizität.“ (Olaf Jäkel: Wie Metaphern Wissen schaffen. Hamburg 2003:36)
Es handelte sich aber – und handelt sich bis heute – bei der Vorstellung von Elektrizität als „Strom“ eher um ein Modell als um eine Metapher, und in den Dokumenten zur Erfindung der Leidener Flasche durch Kleist und andere spielt die Vorstellung einer Flüssigkeit nur eine sehr indirekte Rolle:
„Bei seinem Versuch, das vermutete elektrische Fluidum in eine Flasche zu füllen, erfindet Ewald Jürgen von Kleist (1715-1759) 1745 ganz unverhofft die Leydener Flasche. Die Zufälligkeit seiner schmerzhaften Entdeckung erschwert zunächst die Wiederholung des Experiments, die Pieter van Musschenbroek (1692-1761) in Leyden durchzuführen versucht. Da Kleist nicht weiß, dass die gesteigerte Kondensatorenleistung der Flasche auf der enorm hohen Spannung zwischen ihrer Außen- und Innenwand beruht, weist er in seiner Beschreibung des Experiments nicht darauf hin, dass er selber mit der zweiten Hand die Flasche berührt und die Flaschenaußenseite somit geerdet hat. Musschenbroek muss die Leydener Flasche 1746 daher gleichsam noch einmal erfinden.“ (Christa Möhring: Eine Geschichte des Blitzableiters. Diss. Weimar 2005:29)
Nach der Schilderung Ewald von Kleists ist nicht eigentlich von einer Flüssigkeit die Rede. Außerdem berichtet er von einem „Schlag“, den er bekommen habe, sowie von Experimenten mit Entzündung einer Spiritusflamme usw. - lauter Phänomene, die nicht zur Flüssigkeitsmetapher passen. Die Glasflaschen und -trommeln waren aus anderen Gründen bereits in Gebrauch und wurden von außen elektrisiert. Die Transportierbarkeit der elektrischen Ladung war ganz unabhängig von Flüssigkeitsmodellen schon lange bekannt und ausgenutzt worden. Irreführend ist auch der Ausdruck Flasche, der das Auf-Flaschen-Ziehen nahelegt, aber das war gar nicht Kleists Gedanke. Die Glaszylinder hatten sich anderweitig als brauchbar erwiesen. Die „elektrische Verstärkungsflasche“ wirkte gerade nicht als Gefäß. (Vgl. Franz M. Feldhaus: Die Erfindung der Elektrischen Verstärkungsflasche durch Ewald Jürgen von Kleist. Heidelberg 1903).
Zur Stützung der Theorie von der erkenntnisfördernden Wirkung der Metapher hat man auch August Kekulés „Ouroboros-Traum“ herangezogen, der zur Entdeckung des Benzolrings führte:
There may also be a significant role played by metaphors in the process of scientific discovery. A well-known instance is the story of Kekulé, whose image of a snake grasping its tail provided him with a metaphor which helped him to elucidate the structure of benzene. (William Grey) (http://www.minerva.mic.ul.ie//vol4/metaphor.html)
„Eine als Geburtshelferin einer wissenschaftlichen Theorie berühmt gewordene Metapher ist der Tagtraum August Kekulés von der Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. Dieses Bild führte ihn zur bekannten Darstellung des Benzolrings.“ (Heinz L. Kretzenbacher: „Wie durchsichtig ist die Sprache der Wissenschaften?“ In ders./Harald Weinrich, Hg.: Linguistik der Wissenschaftssprache. Berlin, New York 1995:15-39, S. 29; ähnlich in weiteren Veröffentlichungen.)
Gerald Hubmann sieht in Kekulés Traum ebenfalls einen Beleg für die Nützlichkeit von Metaphern:
„Kekulé berichtete, er habe 1865 die Ringstruktur des Benzols entdeckt, nachdem er nachts von einer Schlange geträumt hatte, die sich in den eigenen Schwanz beißt. Hier trifft zu, was Wittgenstein ein halbes Jahrhundert später in die Formulierung fasste: 'Ein gutes Gleichnis erfrischt den Verstand.'“
(Gerald Hubmann: „Von der Notwendigkeit der Metapher“. Gegenworte 7/2001:58-59, S. 59) (http://edoc.bbaw.de/volltexte/2010/1267/pdf/14_hubmann.pdf)
Gleichnis, Traum, Metapher, Bild – das scheint hier alles dasselbe zu sein. Kekulé hatte schon mehrere Jahre zuvor zutreffende Vorstellungen von der Wertigkeit des Kohlenstoffes und von Kettenmolekülen. Den Traum berichtete er fast 30 Jahre nach dem Ereignis. Es gibt eine ausgedehnte Diskussion zu der Frage, ob es sich um einen Tatsachenbericht oder – wenigstens teilweise – um eine literarische Fiktion handelt. Fast sicher ist außerdem, daß Kekulé sich inzwischen zu Loschmidts vier Jahre älterem, von ihm zunächst abgelehntem Vorschlag einer Ringstruktur bekehrt hatte. Da es sich aber nach Kekulés eigenem Bericht eben um eine Art Tagtraum handelte und nicht um eine Metapher, könnte man das Beispiel hier unerwähnt lassen. Seine ständige Wiederkehr in der Metapherndiskussion ist nicht gerechtfertigt.
Es dürfte schwer sein, überhaupt eine Metapher aufzuspüren, die „schockartig neue Erkenntnisse“ eröffnet. Wie sollte auch eine rhetorische „Sprungfigur“ (Lausberg) zu neuen Erkenntnissen anregen? Und wen überhaupt – den Sprecher oder den Hörer? Gerade der Sprung in eine andere Kategorie (z. B. vom technischen Gerät ins Tierreich wie bei der Maus) macht den Erkenntniszuwachs unwahrscheinlich.
Ein weiterer naheliegender Einwand: Wenn Metaphern Erkenntnismodelle sind – warum verblassen sie dann so oft? Man würde damit ja auf ein wertvolles Instrument verzichten.
Auch die Bildmischungen („mixed metaphors“) zeigen, daß es mit Erkenntnisförderung nicht weit her sein kann:
Deutschland hat sich zur Konjunktur-Lokomotive gemausert. (SZ 22.5.07)
Wer jetzt an dieser Steuerschraube dreht, zerschlägt in der Tat den Sparkurs. (FAZ 18.3.96)
Hinzu kommt der rasche Wechsel der Bilder:
„Wir müssen die Belegschaftsgröße herunterfahren“, sagte der Firmensprecher. Die schlechte Geschäftslage „ist jetzt ein ganz hartes Brot“, zumal sich in der Branche niemand traue vorauszusagen, wann sich das Blatt wieder zum Guten wenden wird. (NN 24.7.02)
Die ZEIT fragte den Politiker Peer Steinbrück: „Was haben Sie in Ihrer Zeit als Kanzlerkandidat gelernt?“ Steinbrück antwortete:
Dass Äußerungen von mir auf einer anderen Folie abgebildet werden – die Folie heißt Kanzlerkandidatur. Aussagen, die ich früher schon getroffen habe und nun wiederhole, wie etwa zum Kanzlergehalt, haben eine ganz andere Wasserverdrängung. (ZEIT 6.2.13)
Es gibt zwar einen verständliche Neigung, Metaphern lokal auszubauen, d. h. im selben Bild zu bleiben, aber das hindert den Sprecher nicht daran, das Bild auch schnell wieder aufzugeben. So wird von Immobilienblasen in der Wirtschaft zwar gern noch gesagt, daß sie platzen; aber weiter reicht das Bild meist nicht.
In den Naturwissenschaften, vor allem in der populärwissenschaftlichen Vermittlung, sind Metaphern sehr beliebt:
Rätselhafte Eisenfabrik im Universum (Max Planck Forschung 3/2002:9)
Das Quasarlicht stammt also aus der Kinderstube des Kosmos. (ebd. 10)
Irgendwelche Folgerungen (höhere Löhne für die Arbeiter in der Eisenfabrik, Früherziehung in der Kinderstube des Kosmos) werden aus solchen Ausdrucksweisen selbstverständlich nicht abgeleitet. Das Tertium ist leicht aufzufinden: Das Eisen entsteht, Himmelskörper entstehen und vergehen wie Lebewesen usw. - Wolfgang Stegmüller hat die Tatsachen so dargestellt:
„Mit der Wahl der Überschrift zu diesem Abschnitt (sc. Geburt, Leben und Ende von Sternen und Galaxien) scheinen wir uns bereits auf eine Art von Deutung festgelegt zu haben, die E. Topitsch mit den Worten 'Biomorphes Modell' umschreiben würde. Und da die Verwendung solcher Modelle für das mythische, vorwissenschaftliche Denken charakteristisch ist, scheint die Gefahr zu bestehen, daß wir uns auf ein solches Denken zurückbewegen. Doch hier würde der Schein trügen. Es ist zwar richtig, daß heutige Astronomen und Astrophysiker gelegentlich von Sterngeburten, vom Leben und vom Sterben eines Sternes sprechen. Doch sie sind sich völlig dessen bewußt, daß sie sich dabei nur einer metaphorischen Redeweise bedienen, die durch gewisse formale Analogien zu Vorgängen im Bereich des Lebendigen nahegelegt wird, daß jedoch die fraglichen Phänomene selbst erst einer Klärung und Erklärung bedürfen und zwar einer rein physikalischen, weshalb man nicht auf biologische Prozesse als Basis eines angeblichen 'Analogieschlusses' zurückzugreifen befugt ist.“ (Wolfgang Stegmüller: Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie, Bd. 3, 8. Aufl. Stuttgart 1987:33)
Sowohl im unendlich Kleinen als auch im unfaßbar Großen herrschen Verhältnisse, die sich zwar in der Sprache der Mathematik und Physik berechnen, in der üblichen Bildungssprache aber nicht bezeichnen lassen, ohne daß man zu übertragenen Verwendungen bekannter Wörter greift. Schwarze Löcher haben nur eine entfernte Ähnlichkeit mit etwas, was man auf der Erde so bezeichnen würde: andere Himmelskörper „verschwinden“ in diesen Massekonzentrationen, und es dringt keine Strahlung nach außen, daher sind sie gewissermaßen „schwarz“. Weiter darf man die Analogie nicht treiben. Der Urknall ist in aller Munde:
„Die Urexplosion ist kein zur Raumzeitmannigfaltigkeit des Weltmodells gehörendes Punktereignis, sondern man bezeichnet den Vorgang der sehr schnellen Dichteabnahme von beliebig großen Werten aus, mangels eines treffenderen Wortes als Urexplosion, damit dem Wort Explosion eine neue Bedeutung gebend, die sich mit der üblichen nur teilweise deckt, was leider oft zu Mißverständnissen führt.“ (Venanz Schubert [Hg.]: Der Raum. St. Ottilien 1987:168)
„Schon vor längerer Zeit hatte A. Unsöld vermutet, daß die Nova-Ausbrüche 'bloße Hautkrankheiten' von Sternen sind.“ (Wolfgang Stegmüller: Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie, Bd. 3, 8. Aufl. Stuttgart 1987:73)
Meteorologische Ausdrücke werden gern zur Bezeichnung der ganz andersartigen astrophysikalischen Erscheinungen herangezogen: Sonnenwind, Andromedanebel, Oortsche Wolke usw.
Ähnlich im subatomaren Bereich: Die Quantenchromodynamik schreibt den Quarks „Farben“ zu, daher der Name dieses Spezialgebiets. Die „Farben“ der Quarks haben mit dem Sehen nichts zu tun, sie sind „frei gewählt“ (Stegmüller), erlauben es aber, das Quark-Modell anschaulich darzustellen. Worauf es ankommt, sind die verschiedenen „Ladungen“ (auch dies ist eine wissenschaftlich gleichgültig gewordene Metapher) und die rein mathematischen Berechnungen, die sich darauf beziehen. Den Quarks werden noch andere Eigenschaften metaphorisch zugeschrieben, flavor, strangeness usw., ohne daß diese Metaphern irgendeine Bedeutung über die spielerische Benennung hinaus hätten.
Eine andere Metapher ist die Elektronenwolke. Sie bildet den Wahrscheinlichkeitszustand des Elektrons ab. Die Dichte der Wolke entspricht der Wahrscheinlichkeit, mit der sich das Elektron an einem bestimmten Ort befindet. Mit jedem durch eine Kombination von Quantenzahlen bestimmten Zustand ist eine bestimmte Größe, Form und Dichte der Wolke verbunden. Die Wolkenmetapher dient lediglich der Veranschaulichung, theoretisch ist sie entbehrlich.
In der Biologie ist es üblich, die Angepaßtheit der Lebewesen an ihre Umwelt abkürzend mit teleologischen Metaphern zu bezeichnen, während man sehr wohl weiß, daß Absichten keine Rolle spielen. Hierzu gehören Finalsätze, also grammatische Metaphern:
Um eine Kolonie lose miteinander assoziierter Einzelzellen in einen integrierten Organismus zu verwandeln, bedurfte es zunächst eines neuen Selektionskriteriums. (Wolfgang Wieser [Hg.]: Evolution der Evolution. Heidelberg 1994:37f.)
Moskitoweibchen trinken Blut, um Proteine zur Produktion von Eiern zur Verfügung zu haben. (SZ 4.1.08)
Populärwissenschaftliche Texte können dem Leser die fachlichen Details, insbesondere die mathematischen, nicht zumuten. Um ihm trotzdem eine gewisse Orientierung zu ermöglichen, benutzen sie Metaphern; man spricht auch von „didaktischen Metaphern“. Schon Aristoteles erkannte diese Funktion an. Die meisten Leser dürften wissen, daß solche Orientierung nur vorläufig ist und das eigentliche Studium nicht ersetzen kann.
Armin Burkhardt erklärt die Metapher für „die einzige Möglichkeit, die Grenzen des durch die historisch tradierte Sprache bereitgestellten Zeicheninventars und Regelsystems zu überschreiten“ (Conceptus 52, 1987:41), und er präzisiert kurz darauf, ihr Prinzip sei „die bewußte Regelverletzung als der alleinige Weg, die Grenzen des Sagbaren zu transzendieren“. Die oben genannten Beispiele sprechen dagegen. E = mc2 enthält eine unerhörte neue Erkenntnis, aber keine Metapher und keinen Regelverstoß.
Wenig überzeugend sind Beispiele, die Finke in der genannten Arbeit anführt:
„Gute Metaphern sind solche, die unsere Kenntnisse gegenüber dem status quo erweitern oder verbessern, schlechte sind solche, die das nicht tun oder sogar das Gegenteil bewirken. Ein Beispiel für ersteres ist die Waage mit mehreren Waagschalen, die uns eine spezielle biologische, ökonomische, technische oder auch abstrakte Systemdynamik gut veranschaulichen kann, die der Homöostase (Fließgleichgewichte). Ein überlaufendes Fass kann als Metapher für die sonst schwer fassbaren Emergenzprozesse dienen.“ (Peter Finke: „Misteln, Wälder und Frösche: Über Metaphern in der Wissenschaft“. metaphorik.de 04/2003)
In beiden Fällen wird die Metapher nicht benötigt; undurchschaute griechische oder lateinische Ausdrücke reichen, wie ja Finkes Formulierung zeigt, vollkommen aus.
„Die erwähnte Wachstumsmetapher in der herkömmlichen Ökonomik ist eine solche, deren katastrophale Auswirkungen heute erkennbar sind, aber dennoch von vielen Ökonomen offenbar in ihrer vollen Brisanz noch immer nicht erkannt werden. (Peter Finke: „Misteln, Wälder und Frösche: Über Metaphern in der Wissenschaft“. metaphorik.de 04/2003)
Wozu braucht man noch Wirtschaftswissenschaftler, wenn ihnen der Sprachwissenschaftler die Ursachen von Wirtschaftskrisen erklären kann? Es ist eine abenteuerliche Vorstellung, daß die jüngste Krise durch eine Metapher und nicht durch leichtfertige Kredite und andere handgreifliche Versäumnisse verursacht sein soll.
Der Toxikologe Hermann H. Dieter hat in einem Vortrag vor der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft die These von der erkenntnisfördernden Kraft der Metapher wiederholt:
„Die erklärende, ja schöpferische Kraft jeder Fachsprache und ihr gesellschaftliches Verständigungspotential hängen davon ab, wie tief sie in einen muttersprachlichen Vorrat an präzisen Wendungen, Sprachbildern/Metaphern und Assoziationsmöglichkeiten eingebettet bleibt. (...) Metaphern sind Sprachbilder, die uns helfen, per Analogieschluss von etwas Bekanntem auf die Eigenschaften eines Unbekannten zu schließen. Der Bereich zwischen bekanntem Herkunfts- und unbekanntem Zielbereich heißt Bildfeld. Es wird mit den Lexemmetaphern bildlich belebt bzw.sprachlich aktiviert.“ („Sprachenvielfalt in der Wissenschaft: Erkennen von Werten statt wertfreier Erkenntnis“. http://www.adawis.de/admin/upload/navigation/data/Erkennen%20von%20Werten.pdf)
Aber welche großen Entdeckungen oder Erfindungen sind durch die Mehrsprachigkeit der Urheber ausgelöst oder gefördert worden? Dieter bezeichnet die Doppelhelix als Metapher, obwohl sie ein Modell ist. Aus einem „muttersprachlichen Vorrat“ ist das Doppelhelixmodell schon gar nicht gewachsen. Dieter schreibt in einem anderen Text:
„An Beispielen wie dem der 'Seele' der Psychologie (ist sie ein Uhrwerk, ein Dampfkessel oder ein genau kalkulierender Rechner?), der 'Kernspaltung', von 'Welle', 'schwarzes Loch', 'Quantensprung' und 'Teilchen' der Physik oder den thumbnails/Daumennägeln fortschrittlicher Bildschirmgraphiker oder gar den Chaperones (engl. Anstandsdamen = Hilfsproteinen) der Molekularbiologie wird klar, dass auch Naturwissenschaftler/innen ihre Definitionen oder Verfahren im Stadium der Kreativität 'nicht anders als figürlich-bildlich zur Sprache und damit zur Welt zu bringen vermögen' (Uslucan 2005).“ („Man sieht, was man (er)kennt – Sprachenvielfalt als Zukunftsversprechen“. Jahrbuch Ökologie 2007:11-18, S. 18)
Das ausgeführte Beispiel der Chaperones widerlegt sich selbst, denn Dieter gibt ja die nichtmetaphorische Bedeutung „Hilfsprotein“ an. Man wird kaum glauben, daß die Chemiker das neue Phänomen zuerst nur im Bild der „Anstandsdamen“ zu fassen wußten, bevor sie erkannten, daß es sich um Hilfsproteine handelt.
Die psychologisierende Deutung der Metapher und ihrer Wirkungsweise ist weitgehend spekulativ. Rudolf Schmitt faßt die kognitivistische Theorie treffend zusammen:
„Wenn gesagt wird: ‚Die Inflation frisst die Gewinne auf‘, oder: ‚Seine Religion verbietet ihm, Wein zu trinken‘, dann werden Inflation wie Religion als essende oder verbietende Personen konstruiert. Diese anthropomorphisierenden Fiktionen legen nahe, dass diese virtuellen Personen Motive, Ziele, Handlungsweisen und Eigenschaften besitzen: Die Inflation ist ein gieriger Mensch, die Religion eine elterliche Figur.“ (Schmitt a. a. O.)
Aber solche Behauptungen müssen bewiesen werden. Durch welches außersprachliche Verhalten werden sie bestätigt? Wie richten wir uns auf die Inflation ein? Viele Menschen kaufen Immobilien, Gold oder Kunstwerke; deren Preise steigen. Was hat das mit dem Essen oder Fressen zu tun? Die Augenblicksmetapher kann konventionell werden, aber an keiner Stelle hat sie sich zu einer „anthropomorphisierenden Fiktion“ ausgeweitet. Auch die wirtschaftswissenschaftlichen Modelle der Geldwertentwicklung machen keinen Gebrauch vom Bild des fressenden Tieres. Nur Karikaturisten zeichen gern angeknabberte Münzen. Damit veranschaulichen sie in witziger Weise den Wertverfall, aber erkenntnisfördernd ist das nicht und will es nicht sein.
„In many respects, Lakoff's attempt to characterize the structure of abstract concepts solely on the basis of linguistic data bears unfortunate similarities zu Whorf's endeavour.“ (Sam Glucksberg/Matthew S McGlone: „When love is not a journey: What metaphors mean“, Journal of Pragmatics 31/12, 1999:1541-1558, S. 1557)
Könnten Metaphern die Erkenntnis behindern, wenn sie sie schon nicht fördern?
Das war die Meinung der bekanntesten Metaphernkritiker, Hobbes, Christian Wolff u. a. Aus einer ganz anderen Richtung als die Philosophie kam, wie oben zitiert, der Entwicklungspsychologe Heinz Werner zu der Einsicht, daß Metaphern im allgemeinen der Verdunkelung dienen. Die „Allgemeine Semantik“ (General Semantics) glaubte die „ptolemäischen Redensarten“ bekämpfen zu müssen, weil sie ein überholtes Weltbild konservieren: die Sonne geht auf usw. - Die Sorge scheint unbegründet. Wissenschaftler benutzen diese Ausdrücke weiter, ohne sich dadurch irreführen zu lassen. Man spricht von lang- und kurzlebigen Isotopen, von Strahlenquellen, von niedrigeren und höheren Elementen usw. – ohne jede Folge der Bildlichkeit. (Alle Beispiele von Otto Hahn) - Die Alltagssprache ist voller „falscher“ Bezeichnungen: Erdbeeren sind keine Beeren, sondern Nüsse, Erdnüsse hingegen keine Nüsse, sondern Hülsenfrüchte usw. Diese Ausdrücke spiegeln frühere, entweder generische oder metaphorische Erweiterungen wider und brauchen nicht unter dem Eindruck fachlicher Klassifikationen revidiert zu werden. Es ist auch kein außersprachliches Verhalten bekannt, zu dem die „falschen“ Bezeichnungen den Sprecher oder Hörer verführen.
Nach Friedrich Kainz hätten sich die Junggrammatiker durch die Metapher Lautgesetz zu falschen Folgerungen verführen lassen (Über die Sprachverführung des Denkens. Berlin 1972). Von ihrem Wortführer Hermann Paul kann man das nicht sagen; er wußte jederzeit, worum es beim Lautwandel in Wirklichkeit geht.
Peter von Polenz kritisiert die Aussage, daß „die Kultur unter den Hoheitsanspruch der Länder fällt“, mit folgendem Argument:
„Hier wird sprachlich verundeutlicht, daß die 'Kulturhoheit' nicht einfach wie ein Naturereignis irgendwohin 'fällt', sondern von bestimmten Verfassungsgebern, dahinterstehenden Interessengruppen und Machthabern auf die Bundesländer beschränkt worden ist.“ (Deutsche Satzsemantik. Berlin 1985:191)
Zunächst ist nicht bewiesen, daß die sprachliche Formulierung das Gemeinte „wie ein Naturereignis“ darstellt. Wenig wahrscheinlich ist auch, daß „viele Leser gar nicht mehr auf den Gedanken kommen, daß Politik auch die Möglichkeit enthält, solche historischen Systeme wie Verfassungen und Gesetze bei mehrheitlichem Bedarf auf legalem Wege infragezustellen und gegebenenfalls zu ändern.“ Sollte es wirklich Bürger geben, die Verfassung und Gesetze für naturgegeben und unveränderlich halten – wo doch in den Zeitungen tagtäglich von Gesetzes- und Verfassungsänderungen die Rede ist? – Andererseits scheint es sachlich unangemessen, den in Verfassung und Gesetz ausgedrückten Willen jederzeit auf seinen konkreten Urheber zurückzuführen. Denn erstens will man ja im Rechtsstaat durch die Kodifizierung gerade eine gewisse verläßliche Dauer und Unabhängigkeit der Normen vom schwankenden Willen täglich wechselnder Mehrheiten erreichen; zweitens hat das Gesetz durchaus eine gewisse Eigenständigkeit sogar gegenüber dem Willen seiner Urheber. Denn der ursprüngliche Wille bei seiner Kodifizierung ist nur eine der relevanten Quellen für die gegenwärtige Auslegung.
Durch Verbindung mit der traditionellen Inhaltsanalyse wird die Lakoffsche Metapherntheorie neuerdings auch dazu genutzt, politische Gesinnungen aufzudecken. Dies ging als „Metapher Program“ der Intelligence Advanced Research Projects Activity (IARPA) durch die Presse. Die Leiterin des Projekts, Heather McCallum-Bayliss, übernimmt Lakoffs Annahmen ohne jeden Vorbehalt:
Over the last 30 years, metaphors have been shown to be pervasive in everyday language and reveal how people in a culture define and understand the world around them.
Metaphors shape how people think about complex topics and can influence beliefs.
Metaphors can reduce the complexity of meaning associated with a topic by capturing or expressing patterns.
Metaphors are associated with affect; affect influences behavior.
Research on metaphors has uncovered inferred meanings and worldviews of particular groups or individuals: Characterization of disparities in social issues and contrasting political goals; exposure of inclusion and exclusion of social and political groups; understanding of psychological problems and conflicts.
Das Verfahren der Metaphernanalyse soll weitgehend automatisiert erfolgen (die Leiterin war früher bei Lockheed und IBM beschäftigt). Statt darauf zu achten, was die Leute sagen, klopft man die Sprachen auf verborgene Signale ab, mit denen sie unbewußt ihre Weltansicht und ihre Gesinnung verraten. Das Programm ist zum Scheitern verurteilt, u. a. deshalb, weil die Metaphern nicht automatisch danach sortiert werden können, wie tot oder lebendig sie sind; weil die Metaphern nicht konsistent sind; weil einheimische und entlehnte Metaphern nicht unterschieden werden; weil zwischen Metaphern aus Benennungsnot und Metaphern aus Übermut nicht automatisch unterschieden werden kann. Einige Einwände hat auch Steven Pinker gegen Lakoff vorgebracht.
Aber auch die empirischen Grundlagen sind fragwürdig. Als Beweis werden Experimente von Thibodeau und anderen angeführt. Sie sollen ergeben haben, daß Probanden einen Text über Verbrechensstatistik verschieden deuten, je nachdem, ob darin das Verbrechen metaphorisch als wildes Tier oder als ansteckende Krankheit bezeichnet ist. Die künstlich aufbereiteten Texte zeigen aber gerade nicht die Flüchtigkeit und den schnellen Wechsel der Bilder und damit das Spielerische der Metapher. Die Bestätigung der Lakoffschen Auffassung ist gewissermaßen schon in das Experiment hineinkonstruiert. So wird bestenfalls nur die schlichte Erkenntnis bestätigt, daß tendenziöse Texte den Leser beeinflussen; mit Metaphern hat das nur indirekt zu tun. Kritiker haben bereits darauf hingewiesen, daß das Metaphernprogramm leicht dazu mißbraucht werden kann, ganze Sprachgemeinschaften zu denunzieren.
Den rationalen Kern einer solchen Metaphernanalyse hat Skinner herausgearbeitet:
„Die metaphorischen Ausdrücke eines bestimmten Sprechers oder Schreibers spiegeln wider, welche Art von Reizen sein Verhalten am meisten steuert. Diese Tatsache pflegt man zu Schlüssen auf das Leben eines Autors zu benutzen, sei es, weil darüber sonst nicht viel bekannt ist, sei es zur Sicherung der Autorschaft. Bei Caroline Spurgeons „Bildern“ [Skinner bezieht sich auf das Werk „Shakespeare's imagery and what it tells us“, New York 1935] handelt es sich um Metaphern im Sinne unserer Definition. Man kann den Grundgedanken auch folgendermaßen ausdrücken: Wenn die Situation einfach unerweiterte Takts hervorruft, dann teilt uns die Reaktion zwar etwas über die Situation mit, aber so gut wie nichts über den Sprecher; metaphorische Reaktionen jedoch sind unter anderen Umständen erworben worden, und darum erlauben sie gewisse Schlußfolgerungen. Derselbe Gedanke kann auf das metaphorische Verhalten einer Sprachgemeinschaft angewandt werden.“ (VB 95)
Die „Entlarvung“ politischer Gesinnungen durch Metaphernanalyse ist auch in Deutschland sehr beliebt. Man vermißt aber durchweg ein Bewußtsein von der Beweisbedürftigkeit der Thesen.
Wie Uwe Pörksen zeigt, unterliegen Unwissende der Verführung durch Metaphern („Die Umdeutung von Geschichte in Natur“. Gegenworte 9, 2002). Darwin hat den Begriff der Selektion beibehalten, der aus der menschlichen Tätigkeit der Tier- und Pflanzenzucht stammt, und man konnte daraus falsche Schlüsse ziehen (obgleich der Sozialdarwinismus wohl auch ohne solche Anregungen aufgekommen wäre). Der Kundige weiß, daß die Hand des Züchters in der Evolutionslehre durch einen unpersönlichen Mechanismus ersetzt worden ist. Die Selektionsmetaphorik hat keinen metaphysischen Hintergrund.
Laien nehmen oft an, daß in einem „Tiefdruckgebiet“ die Luft besonders schwer auf den Menschen lastet. Dieser Irrtum würde bei einer anderen Ausdrucksweise wohl nicht auftreten. Praktische Folgen hat er aber nicht.
Der amerikanische Linguist John R. Ross ist als Erfinder zahlreicher Metaphern bekannt: anaphorische Insel, Rattenfängerkonstruktion usw. Andere haben das gern aufgegriffen, keiner hat aber aus den Bildern weitergehende Hypothesen abgeleitet oder Schlüsse gezogen.
Über die Hintergründe des Verteidigerwechsels verlor niemand ein Wort. (SZ 2.12.10, Gerichtsreportage)
Daraus würde folgen: Verteidigerwechsel ist ein Gemälde, Wörter sind Besitzgegenstände usw.
Gemeint ist: „Niemand sprach darüber, warum der Verteidiger gewechselt wurde.“ So wird es auch verstanden, ungeachtet der Metaphorik.

Metapher und Transgression
Ein Gebiet gibt es jedoch, auf dem Metaphern eine erkenntnistheoretisch bedeutsame Rolle zu spielen scheinen. Ich meine die sprachliche Erfassung dessen, was wir unser „Inneres“ nennen, auch „Geist“, „Psyche“ oder distanzierter das „Mentale“. Man spricht auch von den „Metaphern der Innenschau“ und betont, daß sich dieses Innere, der privateste Bereich eines jeden, gar nicht anders als in Metaphern ausdrücken lasse. Damit wird es allerdings fragwürdig, ob Metapher der richtige Name für eine solche Verständigungstechnik ist. Heinz Kronasser hat vorgeschlagen, von transgressiver Übertragung oder Transgression zu sprechen (Handbuch der Semasiologie. Heidelberg 1969:57, 106).
Am ehesten versteht man diese inneren Welten als Konstrukte, die von den einzelnen Sprach- und Kulturgemeinschaften, wenn überhaupt, in verschiedener Weise ausgebildet worden sind, ohne aber je die Konsistenz einer wissenschaftlichen Theorie zu erreichen. Dies ist einer der Gründe, warum die „folk psychology“ zwar in vielen psychologischen Theorien eingebaut ist, aber niemals ganz verwissenschaftlicht werden kann.
„Wir alle sprechen zwei Vokabulare, das physikalische Vokabular, mit dem wir die physische Welt beschreiben, und das alltagspsychologische, mit dem wir unser eigenes Innenleben und das unserer Mitmenschen beschreiben.“ (Holm Tetens: Geist, Gehirn, Maschine. Stuttgart 1994:125. - In Wirklichkeit beschreiben wir die physische Welt großenteils nicht mit „physikalischer“ Sprache, aber darauf kommt es hier nicht an.) Innenleben gehört allerdings bereits zu den kulturspezifischen Ausdrucksweisen.
Im Kernwortschatz der bekannteren Sprachen kommen wenigstens Entsprechungen zu denken, glauben und wissen einerseits, wollen andererseits vor, so daß man diese intuitive Psychologie auch als „Belief-and-desire-Psychologie“ bezeichnet hat; dazu wohl auch fühlen und sich etwas vorstellen sowie die Ausdrücke der Sinneswahrnehmung wie sehen und hören usw., über deren Zugehörigkeit zur psychologischen Sprache man verschiedener Meinung sein kann.
„The Chewong of Malaysia are reported to have only five terms for mental processes, translated as want, want very much, know, forget, and miss or remember.“ (Angeline Lillard/Lori Skibbe: „Theory of Mind: Conscious Attribution and Spontaneous Trait Inferences“. In: R. Hassin, J. Uleman, J. Bargh: The New Unconscious. Cambridge 2005) „In every known culture, people explain behavior in mentalistic terms, i.e., by ascribing mental states such as beliefs and desires.“ (Daniel M.T. Fessler/Edouard Machery: „Culture and Cognition“. In: E. Margolis, R. Samuels , S. Stich [Hg.]: Oxford Handbook of Philosophy and Cognitive Science. Oxford 2010:503-527; im Anschluß an Anna Wierzbicka)
Ein solcher Vorbehalt gilt bei vielen Ausdrücken. Die Abgrenzung des Psychischen ist offenbar schwierig. Für Peter Bieri (1993:5) z. B. sind Ekel und Angst etwas Mentales, Ewald Lang (1983:316) hält Müdigkeit für zwar intern, aber nicht psychisch. Während für Bieri auch Schmerz mental ist, fragt Colin McGinn, warum wir „in der Alltagssprache von Schmerz eher als von einem körperlichen denn als einem mentalen Zustand sprechen“ („Bewußtsein und Raum“. In: Thomas Metzinger [Hg.]: Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie. 2. Aufl. Paderborn 1996: 183-200. S. 187). In der Alltagssprache beruht die Unsicherheit darauf, daß sich die Menschen normalerweise keine Gedanken über solche Abgrenzungen machen. Sprachlich wird die Seele bzw. der Geist wie ein Körperteil behandelt.
Die umfangreichen psychologischen Wortschätze, die man in den heutigen Kultursprachen findet, sind erst in neuerer Zeit entstanden. Sie bilden insgesamt etwas, was man „folk psychology“, also naive Psychologie, Laien- oder Alltagspsychologie nennt. (Der Name „Laienpsychologie“ sollte wohl besser den dilettantischen Spielarten der wissenschaftlichen Psychologie vorbehalten bleiben, während „Alltagspsychologie“ das konventionelle Verständigungsmittel von jedermann ist und damit der „Folk psychology“ am besten entspricht.) Sie sind unterschiedlicher Herkunft.
1. Die Modellierung eines „Inneren“ überhaupt mag in Vorstellungen von einer stofflichen Seele ihren Ursprung haben. Sie entweicht nach verbreiteter Auffassung beim Tode eines Menschen. Die Etymologie mancher Seelen-Begriffe deutet auf einen solchen belebenden Hauch oder Atem hin.
2. Eine andere Quelle der naiven Psychologie ist die Erfahrung der inneren Rede, des stummen Gesprächs, das wir mit uns selbst und anderen führen und manchmal auch mehr oder weniger laut artikulieren. Damit wird auch das Handlungsmodell von Planen, Ausführen und Rechtfertigen verinnerlicht.
3. Ein Teil der heute üblichen alltagspsychologischen Begriffe und Anschauungen stammt aus der akademischen Psychologie, weshalb man auch von „abgesunkenem Kulturgut“ gesprochen hat.(Norbert Groeben u. a.: Forschungsprogramm Subjektive Theorien. Eine Einführung in die Psychologie des reflexiven Subjekts. Tübingen 1988:54.) Die charakterologischen Begriffe der Allgemeinsprache lassen sich teilweise auf Typenlehren antiker Autoren wie Theophrast zurückverfolgen, es sind „terminologische Rückstände verschiedenster Geistesströmungen mit verschiedenen Menschenbildern“. (Günther Kandler in Lothar Schmidt [Hg.]: Wortfeldforschung. Darmstadt 1973:362). Skinner spricht gelegentlich vom „patchwork“ der naiven Alltagstheorien (Catania/Harnad [Hg.] 1988:87; ähnlich Austin 1985:40f.) Wir nennen jemanden cholerisch, hysterisch, schizophren. In Redensarten leben alte Organ- und Säftelehren fort: sich etwas zu Herzen nehmen, die Galle läuft über. Im zwanzigsten Jahrhundert hat besonders die Psychoanalyse ihre Spuren hinterlassen (Verdrängung, Trauma, Narzißmus).
Am Ausbau psychologischer Begriffssysteme hatten Schriftsteller, religiöse Denker, Juristen und Rhetoriker Anteil. Die Bestandteile stammen aus verschiedenen Zeiten und sind, wenn man sie buchstäblich zu verstehen sucht, nicht immer miteinander kompatibel. Es gab nie einen Grund, all diese Sprachmittel zu einem geschlossenen System zu machen. Wir nehmen keinen Anstoß an der Paradoxie, daß jemand entseelt zu Boden sinkt, nachdem er sich entleibt hat. Die Begriffe und Bilder der Alltagspsychologie dienen der lokalen Lösung von Verständigungsproblemen und funktionieren in ihren begrenzten Bereichen ganz zufriedenstellend.
Auch etymologisch lassen die psychologischen Ausdrücke erkennen, daß sie aus nicht-psychologischen entwickelt wurden: sich etwas vorstellen, erschrecken (eigentlich 'emporspringen') usw. Die technische Entwicklung liefert weitere zeitgemäße Metaphern; sie stammen aus der Feinmechanik, Hydraulik, Elektrotechnik, Elektronik usw.: Triebfeder, umschalten, speichern.
Mit diesen Versatzstücken geht der heutige Gebildete ganz unbefangen um:
Jedem Selbstmord geht ein langer Prozess von Frustrationen voraus, die das Opfer nicht mehr in den Griff bekommt. Aggressionen können nicht mehr nach außen abgelassen werden – und dann richtet der oder die Lebensmüde diese Aggressionen schließlich gegen sich selbst. (Spiegel 9.7.01 zum Tod Hannelore Kohls)
Die Rede von Frustration und Aggression verarbeitet Reste der psychoanalytischen Trieblehre. Auch die Verhaltensforschung der Lorenz-Schule hat ihre Spuren hinterlassen:
Der bayerische Verfassungsschutz beobachtet ein Ansteigen linksextremistischer Gewalttaten.
Verantwortlich dafür machte Herrmann ein 'Absinken der Hemmschwelle für Gewaltanwendung'. (SZ 31.3.09)
Journalisten, die keine Psychologen sind, trauen Schriftstellern, die ebenfalls keine sind, ohne weiteres psychologische Diagnosen zu und glauben sie auch beurteilen zu können:
Mit Renée gelingt Franzen das überzeugende Porträt einer von Selbsthaß zerriebenen, sexuell frustrierten Karrierefrau. (FAZ 6.8.05)
Ein sehr beliebtes Stück aus dem Inventar der Psychoanalyse ist der „Narzißmus“. Der norwegische Massenmörder Breivik hat eine „narzisstische Störung“, das wußten damals alle Zeitungsleser. Auch der Politiker von Boetticher, der über die Beziehung zu einer 16jährigen stürzte, ist „narzisstisch“ veranlagt (SZ 17.8.11). Ebenso der Wiki-Leaks-Erfinder Julian Assange und der libysche Herrscher: Gaddafi ist ein Narzisst (SZ 24.8.11).
Sein stets prekärer und doch offenbar unentbehrlicher Ehestand findet seine Entsprechung im Abschied vom Lyrik-Genre; die prosaische Existenzform des Bürgers und eine poetische Produktion scheinen sich auszuschließen. Dennoch setzt die Reibungshitze zugleich produktive Energien frei. (FAZ 21.4.01)
Mangels Urteilskraft war der Kaiser nicht fähig, eine Situation richtig einzuschätzen. (SZ 27.1.09)
Die psychologischen Aussagen und Diagnosen dieser Art setzen kein Studium voraus, weil sie längst in die Bildungssprache eingegangen sind, deren Triftigkeit sich von selbst versteht. So ist auch die Gegebenheit der inneren, introspizierbaren Welt für viele zu einer unbezweifelbaren Gewißheit geworden: Wilhelm Wundt bezeichnet als wahre Aufgabe der Psychologie die „Analyse der inneren Erfahrung“ (Logik 1, 4. Aufl. 1919:7). Für Hubert Rohracher gilt: „Es gibt in der ganzen Natur nichts, an dessen Existenz wir weniger zweifeln könnten als an dem, was sich in uns selbst an seelisch-geistigen Vorgängen abspielt. Wer daran zweifeln wollte, ist durch seinen eigenen Zweifel widerlegt, denn auch dieser ist ein bewußtes Erleben.“ (Hubert Rohracher: Einführung in die Psychologie. 10. Aufl. 1971:3) „Daß im Willenserlebnis eine dynamische Komponente enthalten ist - das klare Erleben einer psychischen Kraft -, ist durch Selbstbeobachtung in so hohem Grade gesichert, daß keine weiteren Beweise nötig sind.“ ( ebd. 512) Ähnlich drückte sich schon William James aus (Principles of Psychology 1890:185). Wilhelm Dilthey bekennt: „Ausschließlich in der inneren Erfahrung, in den Tatsachen des Bewußtseins, fand ich einen festen Ankergrund für mein Denken.“ (Einleitung in die Geisteswissenschaften, Leipzig/Berlin 1923:XVII) Heute wird diese Gewißheit meist in eine auf Thomas Nagel zurückgehende Fassung gekleidet: „Eine Entität hat 'Bewußtsein', wenn es für diese Entität irgendwie ist, diese Entität in dieser oder jener Weise zu sein.“ (Martin Kurthen in Sybille Krämer, Hg.: Bewußtsein. Philosophische Beiträge. Frankfurt 1996:17) „Es besteht kein Zweifel, daß wir uns selbst einer Außenwelt gegenüberstehend erleben.“ (Johannes Engelkamp/Thomas Pechmann: „Kritische Anmerkungen zum Begriff der mentalen Repräsentation“. Sprache & Kognition 7, 1988:2-11, S. 3) „Wenn sich ein Mensch durch eine verächtliche Bemerkung 'beleidigt fühlt', wenn er in Zorn gerät, wenn er nach Gerechtigkeit verlangt, wenn er sich 'für ein Ideal begeistert', wenn er nach Wissen strebt und ihm Erkenntnis wird, wenn er den 'Biß des Gewissens' oder den 'Schmerz der Reue' durchmacht, wenn er Neid und Eifersucht erlebt, wenn er nach Erfolg und Macht strebt, - in allen diesen Fällen, die mitten aus unserer Lebenserfahrung gegriffen sind und als Erlebnistatsachen so gesichert dastehen, wie nur irgendeine physikalische Tatsache gesichert sein kann, in allen diesen Fällen wäre ein Zweifel, ob es sich dabei nicht dennoch um rein körperliche und nicht um psychische Tatsachen handelt, schlechthin undurchführbar: so klar tritt hier das psychische Bewußtseinsgeschehen in seiner Eigenart gegenüber dem physikalischen Geschehen hervor. Unbezweifelbare Tatsache ist, daß es ein psychisches Sein und Geschehen gibt und daß eine Welt des Lebens und Erlebens 'neben' der wahrgenommenen Welt 'physikalischen Geschehens' besteht.“ (Theodor Erismann: Allgemeine Psychologie I, Berlin 1965:7) „Ich kann klar feststellen, daß ich jetzt diese Empfindung, diese Wahrnehmung, diesen Gedanken habe. Mir sind diese Zustände so gegeben, daß es absurd erscheint, an ihrem Vorhandensein zu zweifeln. Dies heißt aber nichts anderes, als daß sie erfahren werden und daß man diese Erfahrung als Grund dafür anerkennt, sie als vorhanden anzunehmen.“ (Volker Gadenne/Margit E. Oswald: Kognition und Bewußtsein. Berlin u. a. 1991:23)
Die Zitate, die man leicht vervielfachen könnte, zeigen schon, daß man auf zwei Wegen zu dieser Gewißheit einer „inneren“, in radikalem Sinn „privaten“ Welt gelangen kann: entweder durch ein Schlußfolgern wie Descartes oder phänomenologisch durch eine vermeintlich untrügliche Schau. In beiden Fällen handelt es sich meiner Ansicht nach um die gegenständliche Deutung einer sprachlichen Verständigungstechnik, eben der transgressiven Redeweise.
Diese Gewißheit ist so fest, daß man sie auf Säuglinge und Tiere auszudehnen bereit ist:
„Auch wenn ein Säugling seine mentalen Zustände noch nicht bewusst reflektiert, so ist doch sicher, dass er mentale Zustände hat und von Geburt an in soziale Interaktionen eingebunden ist.“ (Julia Kern: Zur Entwicklung des Verstehens von Wünschen und Überzeugungen: Elemente der kindlichen Theory of Mind. Diss. Freiburg 2005:14)
„Es wäre absurd anzunehmen, daß es für einen Hund nicht irgendwie ist, an seinem Lieblingsknochen zu nagen.“ (Michael Tye in Metzinger 1996:108)
In der Tat ist schwer zu erkennen, wie eine Widerlegung solcher Behauptungen aussehen könnte. Der Grund ist aber nicht, daß sie wahr sind, sondern daß man dazu gewissermaßen die Geschäftsordnung der Sprache verlassen müßte. Wer die transgressive Sprache der folk psychology nicht zu verstehen vorgibt, beherrscht die deutsche Sprache nicht vollständig. Beharrt er auf seiner Leugnung, wird er geradezu als verrückt angesehen:
„Anyone who is honest and not anaesthesized knows perfectly well that he/she experiences and can introspect actual inner mental episodes or occurences, that are neither actually accompanied by characteristic behavior nor are merely static hypothetical facts of how he/she would behave if subjected to such-and-such a stimulation.“ (William Lycan in ders. [Hg.]: Mind and Cognition. Cambridge, Mass. 1990:5)
Die Sprachlichkeit der folk psychology zeigt sich auch daran, daß man die Verständigungstechniken verschiedener Sprachgemeinschaften nicht ineinander übersetzen kann. So schreibt Emil Abegg:
„Der Versuchung, indische Psychologie im Hinblick auf westliche Parallelen und verwandte Weiterentwicklungen zu betrachten, mußte durchaus widerstanden werden, und so wurde es auch gänzlich vermieden, ihre Lehren ins Gewand abendländischer Terminologie zu kleiden. Ein wirkliches Verständnis indischer Seelenlehre wie indischer Philosophie kann nur auf Grund der Originalausdrücke gewonnen werden, die größtenteils unübersetzbar bleiben, weil ihnen im griechisch-abendländischen Denken nichts genau entspricht, so daß ihre Wiedergabe durch die unseren notwendig zu einer Verfälschung des indischen Gedankens führt.“ (Einführung in die indische Psychologie. Zürich 1945:9)
Bruno Snell hat uns die altgriechische Psychologie nahezubringen versucht, für die ähnliches gilt. Die indische und die griechische Psychologie, beide so buntscheckig wie die heutigen, erfüllten offenbar ihren Zweck ebenso gut wie diese, obwohl sie alle nicht miteinander kompatibel sind. Sie verhalten sich zueinander wie andere Kulturtechniken, etwa Mythen, die auch nicht in einander übersetzbar sind. Als „metaphorisch“ sind die transgressiven Ausdrucksweisen also unzureichend beschrieben. Es geht ihnen nicht um die immer genauere Erforschung eines vorgegebenen Gegenstandsbereichs, sondern um die Kultivierung von Techniken der Verhaltensabstimmung.


Zusammenfassung

Das Programm der kognitivistischen Metapherntheorie besteht darin, die Metapher nicht mehr primär als sprachliche Erscheinung, als rhetorische Figur aufzufassen, sondern als Konstrukt in einem Bereich des „Mentalen“. Sie deckt sich weitgehend mit dem sogenannten analogischen oder Modelldenken.
Soweit die sprachlichen Formen der Metapher noch berücksichtigt werden, wird ihnen ein bestimmender Einfluß auf das Denken zugeschrieben; schlüssige Beweise dieser an das linguistische Relativitätsprinzip anknüpfenden These stehen aus.
Die transgressiven Verständigungstechniken der verschiedenen „Folk psychologies“ sind vom metaphorischen Sprachverhalten abzugrenzen. Ihr Ausbau dient nicht der Erkenntnis, sondern der verfeinerten Verhaltensabstimmung.



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Kommentare zu »Nichts lernen aus Metaphern«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.04.2018 um 06.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#38482

Those who produce texts with a psychological content have to take most of their terms from the ordinary discourse that goes on around them. Were they not to do so, they would have nothing meaningful to communicate to those to whom their texts are addressed. Whatever the gloss put on a term within a certain literary tradition, there is a fund of commonly accepted meaning on which it must rely in order to be comprehensible. Ordinary languages may therefore embody different psychologies as much as written texts.
This insight has informed studies in a field known as „ethnopsychology“. (Danziger)

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Das ist schon ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings kann man die Deutung der alltagspsychologischen Redeweisen als vorwissenschaftliche Psychologie auch noch in Frage stellen. Mit ich glaube, ich meine, ich stelle mir vor sind nicht unbedingt Protokollausagen über ein privates Inneres verbunden, sondern man kann diese Redemittel als Steuerung der Kommunikation verstehen, "autoklitische" Mittel der Verhaltensabstimmung. Sie werden ja auch viel früher gelernt als jede auch nur ansatzweise theoretisch deutbare psychologische Ansicht. Die "folk psychology" wäre dann ein Kunstprodukt der naiven wissenschaftlichen Psychologie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.04.2018 um 17.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#38463

Die naive Psychologie ist so tief mit den jeweiligen Kultursprachen verbunden, daß die daraus entwickelten "wissenschaftlichen" Psychologien untereinander inkommensurabel sind und nur vom Standpunkt einer übergreifenden Ethnopsychologie miteinander verglichen werden können. Vgl. meinen Hinweis auf Emil Abegg im Haupteintrag. Anschauliche Darstellung bei Kurt Danziger: http://kurtdanziger.com/Naming%20the%20Mind.pdf (Einleitung)

Nur die behavioristische Psychologie ist frei davon, versteht sich demnach auch als Verhaltensforschung und nicht als Psychologie im herkömmlichen Sinne.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.11.2017 um 07.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#36988

zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#35766

Auf der Teilchenebene, so haben die Physiker Einstein, Podolski und Rosen herausgefunden, besteht eine Verbindung (Verschränkung) zwischen beliebig weit voneinander entfernten Teilchen, die gleichsam über den ganzen Kosmos verteilt, doch voneinander wissen und sich in Überlichtgeschwindigkeit aufeinander abstimmen können. Das Phänomen ist auch als EPR-Effekt bekannt. (https://www.rosenkreuz.de/artikel/quantenphysik-und-spiritualitaet?pk_campaign=paid-AdWordsSearch&pk_kwd=quantenphysik%20was%20ist%20das&gclid=EAIaIQobChMIsvnS9aW41wIVDCjTCh2egAAGEAMYASAAEgL9y_D_BwE)

Die Esoteriker nehmen das „Wissen“ wörtlich und glauben daher, die neueste Naturwissenschaft auf ihrer Seite zu haben. Das findet man auch bei den Nahtod-Spiritisten und anderswo.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.10.2017 um 05.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#36705

Der Bumerang interessiert mich also aus denselben Gründen, die ich hier genannt habe: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#24397

Paradox ist auch die Kapillarwirkung. Ich brühe mir also einen Becher Tee auf, die Lasche des Teefilters hängt über den Becherrand hinaus, und unversehens ist ein Teil des Aufgusses darin hoch- und außerhalb der Tasse wieder heruntergewandert. Das ist uns vertraut, aber die Physik dahinter ist ziemlich kompliziert. (Wikipedia gibt einen guten Überblick, auch über die Anwendungen bis hin zur Papierchromatographie.) Der gewissermaßen "passive" Transport gegen die Schwerkraft stößt uns vor den Kopf. In Bäumen wird das Wasser bis zu 130 m hoch transportiert, das ist die berechenbare Grenze. (Dabei wird durchaus Energie umgesetzt.)

Die erwähnten Zeichnungen von Escher sind auf den ersten Blick sinnvoll, auf den zweiten paradox, und auf den dritten sehen wir, wie es gemacht ist, und der erste und zweite haben sich erledigt.

Ich wünsche mir, daß wir Sätze und Texte ebenso betrachten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.10.2017 um 06.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#36631

Um noch einmal auf den Bumerang zurückzukommen: Auf den ersten Blick hat die Flugbahn etwas buchstäblich Paradoxes. Unsere intuitive Physik sagt uns, daß ein geworfener Gegenstand in der ursprünglichen Richtung weiterfliegt, bis er eben runterfällt. Wie könnte er denn zurückkommen? Das ist sozusagen "evident", eben "Doxa". Der Hintergrund ist natürlich eine Fehleinschätzung der Luft. Zwar kennen die Menschen seit je den Wind und spüren den Luftwiderstand, aber trotzdem haben sie eine Weile gebraucht, um die Luft als einen vergleichsweise soliden Gegenstand anzuerkennen, der auch ein Gewicht hat. Wo Luft ist, da ist es für den Alltagsverstand einfach "leer".

So sind gar manche Sachen. Vgl. die schön aufbereiteten physikalischen Phänomen hier:
https://www.youtube.com/watch?v=QFeG9CeeH88
https://www.youtube.com/watch?v=wGkvyN6s9cY

usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.10.2017 um 18.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#36625

Der Bumerang liefert die Metapher vom Bumerangeffekt. Wie ich hier am Beispiel der Schnecke schon gezeigt habe, knüpft die Metapherbildung meist an ein prototypisches Merkmal an ("Schneckengewinde" oder eben "Schneckenpost").
Beim Bumerang ist es das spezifische Merkmal des Rückkehr-Bumerangs, also eines Spielzeugs, während die Urform einfach ein Wurfholz für die Jagd war und als solches immer noch gebraucht wird. Es kehrt natürlich nicht zurück.
Zugleich kann man hier ein Ergebnis kultureller Evolution besichtigen. Wahrscheinlich hat man an einigen krummen Wurfhölzern diese merkwürdigen Flugeigenschaften zufällig entdeckt, aber es könnte Jahrtausende gedauert haben, bis man wirklich rückkehrfähige Bumerangs entwickelte; zusammen mit der Wurftechnik natürlich, die bei einem Zweiflügler nicht so einfach ist.
Die Aerodynamik des Bumerangs ist recht kompliziert. Darauf konnte kein Mensch durch Planung und Berechnung kommen.
(Ich schreibe dies mit Muskelkater, denn gestern haben wir nach längerer Zeit wieder mal die abgemähten Wiesen unsicher gemacht. Übrigens Grummet = "Gruonmahd", weil die letzte Heuernte dem nicht mehr blühenden, nur noch grünen Kraut gilt.)

Nachtrag: "Ich habe mir das Produkt definitiv anders vorgestellt! Er ist total leicht und nur auf einer Seite konvex, die untere Seite ist einfach gerade abgeschnitten." (amazon-Rezensent über einen Bumerang)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.10.2017 um 06.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#36612

Im Haupteintrag ist schon erwähnt im Zaum halten. Diese und andere Wendungen stammen aus der Zeit, als das Pferd noch allgegenwärtiges Transportmittel war.

Zaum ist alte Instrumentbildung zu ziehen. Engl. team ist eigentlich ein (Ochsen-)Gespann.

Es ist immer wieder interessant, wie die Geschichte in die Gegenwartssprache hereinragt. Natürlich wird der Wortschatz durch solche erratischen Blöcke umfangreicher und undurchsichtiger.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.10.2017 um 10.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#36530

Schnittmenge oder gemeinsamer Nenner sind ja noch akzeptabel, aber im Zusammenhang mit der aktuellen Einigung der Unionsparteien kam auch schon wieder der "kleinste gemeinsame Nenner" ins Spiel, und dieses Bild ist halt völlig schief, da die Beteiligten ja nicht so wenig wie möglich an Gemeinsamkeiten suchen, sondern so viel wie möglich, möglichst von allem Gemeinsamen ausgehen wollen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.10.2017 um 06.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#36529

Schnittmenge als Metapher (für "Übereinstimmung") ist in Zeiten von Koalitionsverhandlungen natürlich besonders häufig. Das Wort begann seinen Aufstieg Ende der 60er Jahre, wohl mit der Einführung der Mengenlehre in den Schulunterricht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.10.2017 um 09.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#36445

Eine sog. indirekte Metapher liegt vor in:

Da muß man hineingetreten sein. (Tucholsky)

hineintreten ist so fest mit einem bestimmten Zielobjekt verbunden, daß man dieses gar nicht erwähnen muß.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.09.2017 um 04.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#36141

Schulz findet nicht statt, Gabriel schon (FAZ 7.9.17)

Der offensichtliche Kategorienfehler führt niemanden irre, weil er leicht als Metonymie aufgelöst werden kann. Während die Metapher irrigerweise als erkenntnisfördernd gefeiert wird, hat das von der Metonymie noch keiner gesagt. Dabei sind beide spielerischer Redeschmuck von genau gleichem Kaliber.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.08.2017 um 04.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#35899

„Jede Metapher ist ein kleines Erkenntnismodell.“

Das ist so offensichtlich falsch, daß man sich wundert, wie gedankenlos es in der einen oder anderen Form wiederholt wird. Man muß das wohl als weiteren Versuch sehen, die Rhetorik aufzuwerten. Es paßt ins postmoderne Zeitalter: Es gibt nur Metaphernsysteme, auch die Wissenschaft ist nur eines unter vielen, und für welches man sich entscheidet, ist eine Machtfrage.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.07.2017 um 18.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#35766

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#24159

Alan Sokal und andere Physiker (besonders John Huth in Noretta Koertge: A House Built on Sand) haben gezeigt, wie Bruno Latour die Spezielle Relativitätstheorie mißverstanden hat, die er der Mode folgend als soziales Konstrukt erweisen möchte. Man sollte es nicht für möglich halten, aber Latour hält den "Beobachter", der in einer sehr bekannten populärwissenschaftlichen Darstellung von Einstein selbst vorkommt (mit einer Uhr in der Hand im Schnellzug sitzend usw.), also eine didaktische Hilfsvorstellung, für einen Bestandteil der Theorie selbst, und dann ist kein Halten mehr.

Es erinnert an Robert Spaemann mit seinem Gottesbeweis.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.07.2017 um 05.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#35747

Die Erste Hilfe muß nicht die erste Hilfe sein. Als Nominationsstereotyp rückt der Ausdruck mehr oder weniger deutlich vom deskriptiven Sinn ab. Als einfache Probe habe ich die Frage vorgeschlagen, ob etwas so ist, wie der Ausdruck sagt, oder nur so heißt. Daher ist auch ein sogenannt möglich.

Ich erwähne das noch einmal, weil es eine entsprechende Erscheinung auch bei Eigennamen gibt. Zum Beispiel haben wir hier in Franken die Fränkische Schweiz, und laut Wikipedia hat die NZZ 233 Landschaftsbezeichnungen mit Schweiz gezählt. Das sind alles sogenannte Schweizen, bis auf die eine, von der man gerade nicht sagen kann, sie sei die sogenannte. (*Bei Basel kommt man in die sogenannte Schweiz.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.05.2017 um 06.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#35147

„Die Annahme, ein Hopi, der nur die Hopisprache und die kulturellen Vorstellungen seiner eigenen Gesellschaft kennt, habe die gleichen – angeblich intuitiven und universellen – Begriffe der Zeit und des Raumes wie wir, scheint mir höchst willkürlich. Der Hopi hat insbesondere keinen allgemeinen Begriff oder keine allgemeine Anschauung der ZEIT als eines gleichmäßig fließenden Kontinuums, in dem alle Teile des Universums mit gleicher Geschwindigkeit aus einer Zukunft durch eine Gegenwart in die Vergangenheit wandern oder in dem – um das Bild umzukehren – der Beobachter mit dem Strom kontinuierlich von der Vergangenheit fort in die Zukunft getragen wird.“
(Whorf)

Solche Ideen mögen einige Philosophen entwickelt haben, es entspricht aber nicht dem Zeitbegriff, den unser Sprachgebrauch erkennen läßt. Zeit ist nach einigen Zählungen das häufigste Substantiv, jedenfalls sehr häufig. Man sagt Ich habe keine Zeit usw., das verträgt sich nicht mit den schönen philosophischen Spekulationen. Anderswo habe ich schon philologische Untersuchungen erwähnt, die für die Antike keineswegs die oft behaupteten "zyklischen" Zeitvorstellungen bestätigen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.03.2017 um 04.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#34652

Prototypensemantik:

Obwohl es zoologisch unbegründet ist, werden an Schnecken zwei Eigenschaften als typisch wahrgenommen: das spiralige Haus und die Langsamkeit. Das beweist die Wortbildung (Schneckengewinde, schneckenförmig; Schneckenpost).

Beim Werkstoff Glas ist die Durchsichtigkeit am wichtigsten, daher gläsern und sogar Kunststoffglas.

In eng verwandten Sprachen wie Deutsch und Englisch ist dasselbe Wort oft diesen und jenen Weg gegangen, und die beiden Hälften haben sich immer weiter voneinander entfernt ("falsche Freunde").

Nachtrag zu Glas: Eine unserer Töchter gesteht, daß sie viele Jahre lang Klarsichtfolie als Glassichtfolie gehört habe. (Wir leben allerdings in Middelfranggen...)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.02.2017 um 05.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#34438

Unter den vielen tausend hochtechnischen Ausdrücken, oft Abkürzungen, die mit der Digitalisierung aufgekommen sind, fallen einige idyllische Metaphern auf. Wir haben ja schon lange den Maschinenpark usw., jetzt auch den Serverpark, der aber nicht dasselbe ist wie eine Serverfarm.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.12.2016 um 05.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#34178

Nach dem Berliner Massenmord:

Innenminister Bouillon: "Wir sind im Kriegszustand"

Was ist damit gewonnen? Nichtmetaphorisch würde es bedeuten, daß nun das Militär am Zuge ist und Kriegsrecht gilt. Die US-Regierungen haben oft den "Krieg gegen x" erklärt, mit sehr unmetaphorischen Folgen. Man lernt eben nichts aus Metaphern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.11.2016 um 08.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#33906

Die vielen NichtsnutzInnen, die sich großen Unternehmen als Motivationstrainer andienen, bauen natürlich auch die "Neuro-Ökonomie" in ihre kostspieligen Kurse ein. Führungstechniken müssen gehirngerecht sein. Das "Kuschelhormon" Oxytocin soll in Angestelltenhirnen ausgeschüttet werden und für "Vertrauen" sorgen. Dopamin ist auch gut.
Eins von zahllosen Beispielen:

https://www.taw.de/cms_taw/file.phtml?Slfdnr=3141&disp=dl

(Man sehe sich auch den Bildungsgang der Damen an!)

Ich finde all das in den Kursunterlagen zur Fortbildung der Fortbilder wieder. Kleine Handwerksbetriebe können sich solche Kurse nicht leisten, darum funktionieren sie auch besser. (Man kann ja mal versuchen, dem Elektrikermeister etwas von Kuschelhormonen zu erzählen.)

Rhetorisch interessant ist, daß die unendlichen Ketten von Banalitäten gerade deshalb Zustimmung finden, weil jeder hört, was er sich immer schon gedacht hat.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.11.2016 um 02.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#33903

Nicht gerade nach einer journalistischen Meisterleistung sieht aber auch dieser letztgenannte FAZ-Artikel aus. Ich frage mich, woher der Autor z. B. die folgende Weisheit hat:

Von einem Supermond spricht man nur dann, wenn der Mond höchstens noch einmal 1000 Kilometer weiter von der Erde entfernt ist.
(FAZ, 17.11.16, S. 9)

Wer ist "man"? Zuvor ist darin die Rede vom aktuellen Supermond in 356500km und dem in 4 Jahren in 356900km, der 400km weiter entfernt sei. Was heißt dann noch einmal 1000? Das kann man wohl nur so deuten, daß ein Supermond maximal 357900km entfernt sein dürfe. Egal, was wirklich gemeint ist, solche Definitionen sind immer völlig willkürlich und nicht einheitlich. Schon Wikipedia nennt mehrere Definitionen, alle anders als diese.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.11.2016 um 06.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#33868

Unter der Überschrift Der Supermond war gar nicht so super rechnet die FAZ vor, warum der Unterschied zu einem normalen Vollmond praktisch nicht sichtbar war. Damit ist dieses wenig ruhmreiche Kapitelchen journalistischer Unfähigkeit abgeschlossen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.11.2016 um 10.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#33852

Der Apogäumsvollmond ist ja auch das genaue Gegenteil eines "Supervollmondes", da ist der Unterschied natürlich merklich.

Die Frage, um die es bei der Sensationsmache eigentlich geht, um wieviel unterscheiden sich die einzelnen Supervollmonde (also die jeweils größten in einem Zyklus von 13 – 14 aufeinanderfolgenden Vollmonden) voneinander, bzw. was ist der maximale Größenunterschied zweier beliebiger Supervollmonde, wird leider auch in dem Artikel "Supervollmond" bei Wikipedia nicht behandelt. (Ich war für den theoretisch maximal möglichen Unterschied auf ca. 1/20 Monddurchmesser gekommen.)

So wurde z. B. gestern in den Nachrichten u. a. gesagt, daß es erst in 4 Jahren wieder einen ähnlich großen Mond wie gestern gäbe. Nein, schon den nächsten Supervollmond am 2.1.2018 wird man mit bloßem Auge nicht vom gestrigen unterscheiden können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2016 um 06.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#33847

In den einschlägigen Artikeln wird mit Recht darauf hingewiesen, daß andere Faktoren den Eindruck viel stärker bestimmen. Ohne entsprechende Erwartung hätte ich den Mond letzte Nacht nicht als etwas Besonderes wahrgenommen. Der Himmel hat sich dann auch bald eingetrübt.
Eigentlich wollte ich nur auf die Sensationsmache unwissender Journalisten hinweisen. Dabei gäbe es wirklich Erstaunliches genug.
 
 

Kommentar von A.B., verfaßt am 15.11.2016 um 06.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#33846

Der aktuelle "Supervollmond" hatte eine scheinbare Größe von 33,52' (Bogenminuten); der nächste Apogäumsmond zum Vergleich: 29,39'. Der Unterschied ist, wie bei Wikipedia genannt, ca. 14%. So wenig ist das gar nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2016 um 05.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#33845

Der Eintrag "Supervollmond" bei Wikipedia gibt erschöpfende Auskunft. Mit dem Eintrag "Mond" kann man sich tagelang beschäftigen. In Astronomie finde ich Wikipedia wirklich gut, auch die Animationen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.11.2016 um 20.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#33844

Jeder 14. Vollmond (manchmal schon der 13.), also nach gut einem Jahr, befindet sich wieder in der Nähe des erdnächsten Bahnpunktes, ist also wieder so ein "Supermond". Diese Supermonde unterscheiden sich meist nur um einen hundertstel Monddurchmesser voneinander. Der maximale Unterschied, den zwei Supermonde haben können, beträgt nach meiner groben Überschlagsrechnung etwa 1/20 Monddurchmesser. Genaue Berechnungen sind schwierig, und ich habe auch im Netz nichts Konkretes dazu finden können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.11.2016 um 16.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#33843

Der Mond kommt der Erde so nahe wie selten – ausgerechnet bei Vollmond. Er wirkt größer als sonst. Doch der Effekt ist kaum zu erkennen. (Spiegel online 14.11.16)

Die maßvollen Töne sind angebracht. Es ist halt bei klarem Himmel ein schöner heller Vollmond, aber ohne Vergleichsgegenstand läßt sich die besondere Größe nicht feststellen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 07.11.2016 um 01.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#33783

Jedes Jahr hat 12 oder 13 Vollmonde, einer davon ist immer der größte und einer der kleinste des Jahres.

Man hat ja mit bloßem Auge nicht den direkten Vergleich, und wenn schon, dann ist der Unterschied so gering, daß selbst der größte hoch am Himmel kleiner als der kleinste knapp überm Horizont erscheint. Aber immerhin, mit einfachen Hilfsmitteln oder gutem Gedächtnis bei gleichbleibend gutem Wetter kann man wohl den Unterschied des Durchmessers von bis zu 14% oder den Helligkeitsunterschied von bis zu ca. 30% zwischen kleinstem und größtem Vollmond bemerken.

Gänzlich unmöglich ist es aber, die minimalen Schwankungen des jeweils größten Vollmondes über mehrere Jahre mit bloßem Auge zu erkennen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2016 um 07.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#33777

In den Medien wird für nächste Woche ein „gigantischer Super-Supermond“ angekündigt, zusammen mit Fotos, die ihn schon mal so groß wie ein Haus zwischen Häusern erscheinen lassen. Später werden sich dann die Leute beschweren, daß es so toll auch wieder nicht war, wie neulich beim „Blutmond“.

Ein Leser schreibt: „Hallo kommt der große Mond am 14. November vor oder hinter den Wolken?? Man kann ja mal fragen um zu wissen wo er kommt!!!“
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.08.2016 um 09.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#32974

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#32852

Auf dem Flug nach Polen äußerte er sich auch zu den jüngsten islamistischen Terroranschlägen: "Haben wir keine Angst, die Wahrheit zu sagen: Die Welt ist im Krieg, weil sie den Frieden verloren hat." Es sei jedoch kein Krieg der Religionen, sondern ein "Krieg der Interessen, des Geldes und der Ressourcen", betonte Franziskus. "Religionen befinden sich nie im Krieg, sie wollen immer den Frieden", so der Papst.

Wir befinden uns nicht im Krieg, wie der französische Staatspräsident Francois Hollande sagt – und nach den Morden in München wiederholt hat –, sondern wir bekämpfen Kriminelle. (Gerhart Baum im Gespräch, FAS 31.7.16)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.07.2016 um 11.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#32862

Ich bin nicht sicher, daß Biser, dessen Gast ich mehrmals war, das alles wirklich so gesagt hat. Wir haben es erst einmal mit Wolffsohn zu tun, der seine Theorie der "Menschenbomben" sicher noch rechtfertigen muß.
Ich habe außer dem Thema der Metaphern auch ein wenig das "Fundamentale" hervorgehoben, das mir immer Unbehagen bereitet. Wie unterscheidet sich denn die Ethik von der Fundamentalethik? "Fundamentaltheologisches" braucht man erst gar nicht zu beachten. Wo es nichts zu wissen gibt, fehlt eben auch das Fundament.
 
 

Kommentar von Georg Hilscher, verfaßt am 19.07.2016 um 10.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#32860

Danke, Herr Ickler! Bisers Gedanke, ein Mensch könnte sein Menschsein aufgeben (so daß wir anderen ihn dann auch nicht mehr als Menschen behandeln sollten), hat mich beim Lesen ziemlich erschreckt.
Und dann diese Argumentation:
Eine Bombe ist ein Ding, ein Mensch ist kein Ding, ein Selbstmordattentäter ist eine Bombe; also ist er kein Mensch mehr.
Auch wer nie in einem Logikseminar war, sollte doch merken, daß da etwas nicht stimmt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.07.2016 um 14.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#32854

Wie man durch die eigenen Metaphern verführt werden kann:

Auf einer ganzen Seite der FAZ (18.7.16: „Kann eine Bombe Mensch sein?“) legt Michael Wolffsohn dar, wie es sich mit muslimischen Selbstmordattentätern verhält. Auf den Titel von Märtyrern im jüdischen und christlichen Sinn könnten sie keinen Anspruch erheben. (Das wird ihnen nicht viel ausmachen, denn im Paradies, wo sie mit 72 irgendwas beschäftigt sind, hat man für Wortklaubereien keine Zeit.) Außerdem argumentiert er: Religion ist gut; wer in ihrem Namen Schadtaten begeht, ist eo ipso ein Ketzer – die traditionelle Apologetik, mit der man schon immer die Religionskritik erstickt hat.

Der Hauptgedanke, von seinem Freund Eugen Biser „fundamentaltheologisch“ und „fundamentalethisch“ (ist das eigentlich dasselbe?) formuliert: „Indem sich ein Mensch freiwillig in eine Bombe verwandelt, entziehe er sich dem Menschsein und entäußere sich der Menschenrechte. Er sei deshalb fundamentalethisch als Materie und nicht als Mensch zu behandeln.“
Wolffsohn scheint nicht zu bemerken, daß die Prämisse nur eine Metapher ist. Die Folgerung entspricht auch nicht unserem Rechtsverständnis. Die Menschenwürde kann man nicht ablegen, sie wird auch dem Verbrecher nicht abgesprochen. Ein Stück Materie ist ja auch nicht schuldfähig. Angenommen, eine solche "Menschenbombe" (Wolffsohn) überlebt ihren Anschlag – sollte man sie nicht vor Gericht bringen, sondern fundamentalethisch beseitigen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.07.2016 um 11.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#32852

Der Anschlag von Nizza verschärft den Wahlkampf in den USA. Donald Trump und Hillary Clinton reagierten schnell. Beide sprachen von Krieg gegen den Islamischen Staat.

Kriegsmetaphern können unmetaphorische Folgen haben, wie man weiß.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.06.2016 um 16.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#32753

Die drei Stufen des Metaphorischen kann man auch grammatisch nachweisen:

1. Er ist eine Flasche. *Sie ärgert mich schon lange.

Tote Metaphern können nicht pronominal wiederaufgenommen werden.

2. Er ist eine Leuchte. Sie zeigt uns den Weg.

Bei lebendigen Metaphern ist es möglich.

3. Er ist uns eine Stütze. Aber wie lange wird sie noch halten?

Scheintote Metaphern können wiederbelebt werden.

(Es gibt bessere Beispiele, zugegeben.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.05.2016 um 19.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#32608

In einem kindgerechten Pfingstartikel erklärt die FAZ,warum es verschiedene Sprachen gibt. Darin steht auch:

Und wozu ist Sprache noch da? Um Dinge zu benennen! Wir legen zum Beispiel fest, dass ein Tisch „Tisch“ heißt und ein Eichhörnchen „Eichhörnchen“. Dadurch sortieren wir alles, was um uns herum ist, und so entsteht durch Wörter eine Ordnung, in der wir uns zurechtfinden können. Ohne Sprache wäre man den Sachen ausgeliefert und würde im Chaos versinken, denn wie soll man beispielsweise einen Stuhl von einem Bett unterscheiden, wenn man gar keine Bezeichnung dafür hat? (FAZ 13.5.16)

Kein gutes Beispiel (klingt Peter Bichsel nach?). Einen Stuhl und ein Bett könnte man auch ohne Sprache unterscheiden, wie ein Huhn und einen Wolf. Aber alles Rote von allem Grünen (s. Haupteintrag über Skinner)!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.05.2016 um 04.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#32594

Eine Woche vor ihrer Reise in die Türkei gerät Kanzlerin Angela Merkel zunehmend unter Druck, bei der Regierung in Ankara die Einhaltung der Menschenrechte durchzusetzen. (FR 16.5.16)

Mir geht es hier nur um die Metapher. Man liest seit einiger Zeit jeden Tag mehrmals, ein Politiker gerate unter Druck. Irgend jemand "fordert" etwas, schon entsteht dieser "Druck". Man kann auch selbst fordern und dann zufrieden feststellen, man habe Druck erzeugt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.03.2016 um 12.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#31857

Man versucht manchmal, das Verhalten von Menschen und auch von höheren Tieren durch ein "inneres" oder "mentales" Probehandeln zu erklären.

„By exploiting its inner environment, the animal can simulate a number of different actions in order to “see” their consequences and evaluate them. After these simulations, it can choose the most appropriate action to perform in the outer environment.“

Merkt man denn nicht, daß dieses simulate, „see“, evaluate, choose erstens lauter Pseudoverhalten ist und zweitens ebenfalls erklärt werden müßte? Dabei ist "äußeres" Verhalten (also das einzig wirkliche Verhalten) immerhin beobachtbar und teilweise auch durch ebenfalls beobachtbare Konditionierung erklärbar. Die Erklärung durch unbeobachtbare hypothetische Vorgänge ist also ein "ignotum per ignotius".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.02.2016 um 16.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#31645

Die Sprache der Sterne titelt der SPIEGEL und nennt die Gravitationswellen „Signale“. Das sind sie aber nur im technischen Sinne, nicht im semiotischen. Wirkliche Zeichen entstehen unter dem "Druck" ihrer Semantisierung durch einen Empfänger. Kosmische Wellen sind so wenig Zeichen wie Jahresringe.

Diese abgenutzten Metaphern waren schon immer nutzlos.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.02.2016 um 05.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#31614

Unter "Mathematik" zitiert Wikipedia Galilei:

Mathematik ist das Alphabet, mit dessen Hilfe Gott das Universum beschrieben hat.

Unter "Galilei" steht aber:

«La filosofia è scritta in questo grandissimo libro che continuamente ci sta aperto innanzi a gli occhi (io dico l’universo), ma non si può intendere se prima non s’impara a intender la lingua, e conoscer i caratteri, ne’ quali è scritto. Egli è scritto in lingua matematica, e i caratteri son triangoli, cerchi, ed altre figure geometriche, senza i quali mezi è impossibile a intenderne umanamente parola; senza questi è un aggirarsi vanamente per un oscuro laberinto.»
„Die Philosophie steht in diesem großen Buch geschrieben, dem Universum, das unserem Blick ständig offen liegt. Aber das Buch ist nicht zu verstehen, wenn man nicht zuvor die Sprache erlernt und sich mit den Buchstaben vertraut gemacht hat, in denen es geschrieben ist. Es ist in der Sprache der Mathematik geschrieben, und deren Buchstaben sind Kreise, Dreiecke und andere geometrische Figuren, ohne die es dem Menschen unmöglich ist, ein einziges Wort davon zu verstehen; ohne diese irrt man in einem dunklen Labyrinth herum.“


Das ist ja wohl ein großer Unterschied. Vielleicht gibt es von Galilei noch andere Formulierungen, aber das Originalzitat gibt seine Ansicht bestimmt treffender wieder. Es bleibt natürlich dabei, daß die Metapher selbst keine zusätzliche Einsicht bringt. Das "Buch der Natur" ist nur hilfreich als Anpassung an die Sprache der herrschenden Buchreligion.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.01.2016 um 05.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#31435

Wie die transgressiven Konstrukte funktionieren, kann man sich an den religiösen Fiktionen klarmachen. Am besten zieht man fremde Glaubenslehren heran, die keiner von uns teilt. Wir sind sicher, daß die Götter der Hindus oder der Azteken nicht existieren. Auch das Qi der chinesischen Medizin und andere Lebenskräfte sind Fiktionen. Sie haben einen festen Platz im Sprechen und sonstigen Verhalten von Millionen Menschen, man verständigt sich mit anderen und orientiert sich selbst durch ihren Gebrauch.
(Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1554#24135 und http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#28232)
So auch die Metaphern der inneren Welt, des Geistes, des Bewußtseins, der Introspektion usw.
„‚Ich habe Bewußtsein‘ ist nach Wittgenstein ein Satz ohne jeglichen Sinn.“ (Wolfgang Stegmüller: Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie I, 7. Aufl. Stuttgart 1989:95) Ich weiß nicht, ob das Wittgensteins letztes Wort war. Jedenfalls ist der zitierte Satz zwar sinnlos, hat aber doch einen Platz in der Sprache. Es ist ein Teil der Exemplifizierung unserer „Grammatik“ sensu Wittgenstein oder der "Bedeutung" nach Schlick in seiner Nachfolge („Gibt es ein materiales Apriori?“) oder, in meiner Terminologie, der „Geschäftsordnung“ der Sprache. Wenn ich nicht bestreiten kann, daß ich Bewußtsein habe, kann ich es auch nicht behaupten; es ist weder wahr noch falsch, sondern die vorführende Bekräftigung, daß ich die deutsche Sprache samt ihren folkpsychologischen Konstrukten teile.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.11.2015 um 22.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#30595

Der Wikipedia-Artikel über Feldlinien beschreibt nicht die elektromagnetischen Felder und Wellen der Hochfrequenztechnik und ihre mathematische Beschreibung durch die Maxwellschen Gleichungen. Diese Felder lösen sich von Antennen ab und wandern als Wellen mit einer vom Dielektrikum abhängigen Geschwindigkeit durch den Raum.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.11.2015 um 05.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#30586

Feldlinien sind gedachte oder gezeichnete Linien (i. A. gekrümmt), die die von einem Feld auf einen Probekörper ausgeübte Kraft veranschaulichen. Die an eine Feldlinie gelegte Tangente gibt die Kraftrichtung im jeweiligen Berührungspunkt an; die Dichte der Feldlinien gibt die Stärke des Feldes an. (Wikipedia)

Feldlinien sind keine "hypothetischen Einheiten", sonst könnte man sie mit verbesserten Beobachtungsmethoden entdecken; das ist aber a priori ausgeschlossen. Der Text spricht mit Recht von "gedachten" Objekten, es sind also Erfindungen. Aber nicht bloße Illustrationen, sondern eher Konstrukte oder Modelle, in die man erfahrene Tatsachen hineingepackt hat und aus denen man günstigenfalls neue erschließen kann. Denken wir an die bekanntesten Felder, die magnetischen, die im Unterricht mit den Eisenfeilspänen vorgeführt werden. Dieses Experiment hat vielleicht sogar die Linien-Redeweise angeregt. Die Eisenfeilspäne verklumpen, das geht über die Wirklichkeit hinaus, macht aber das schöne Bild andererseits erst möglich. Die Linien überschneiden sich nicht – ist das etwas Neues, Unerwartetes? Der Text verwendet den Begriff der "Kraft", der aus der Allgemeinsprache stammt und wissenschaftlich zurechtdefiniert worden ist; aber er ist letzten Endes auch entbehrlich, wenn ich es recht verstanden habe, und kann in einer allgemeiner gefaßten Geometrie aufgehen.

Mich interessiert die Entsprechung zum psychologischen Vokabular, dem erfundenen, aber vielleicht nützlichen Inventar des "Geistes".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.11.2015 um 09.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#30573

Freuds „psychischer Apparat“ als typisches Konstrukt.

3 Provinzen: Ich, Es, Überich (nach Skinner drei Personen unter der Haut)
2 Triebe: Sexualtrieb, Todestrieb
3 psychische Qualitäten: Bewußtes, Unbewußtes, Vorbewußtes
4 Entwicklungsstadien

Felix Annerl dazu: „Ergänzt wird das Ganze im Gesamtwerk durch ein umfangreiches Set von Zusatzbegriffen wie Tabu, Trauma, Fixierung, Verdrängung, Verdichtung, Verschiebung, Regression, Sublimierung, Übertragung etc. sowie durch eine Reihe von funktionalistischen Fachtermini aus der Medizin, besonders der Neurologie und Psychiatrie. Auf der Basis dieser prägnanten, aber umstrittenen Begriffe entwickelte Freud seine komplexen Theorien des Traums, der Neurose, der Sexualität oder der Kultur.“

Kompliziert, aber noch überschaubar und literarisch ansprechend, daher sehr beliebt bei gebildeten Laien.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.11.2015 um 03.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#30543

Bald jeder zweite Nürnberger mit Migrationshintergrund
„Alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten“ zählen laut Definition des Statistischen Bundesamts zu dem Kreis der Menschen mit Migrationshintergrund. (...) Dazu gehören auch „alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“. Zu den Migranten werden auch Kinder von Aussiedlern, Spätaussiedlern oder Eingebürgerten gezählt. Personen, die während oder unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlinge oder Vertriebene nach Deutschland gekommen sind, gelten dagegen nicht als Menschen mit Migrationshintergrund.
(nordbayern.de 10.11.15)

Ich kenne zahlreiche Rumäniendeutsche und deren hier geborene und aufgewachsene Kinder. Alle mit "Migrationshintergrund" – was soll das? Irgendwann artet es in Ahnenforschung aus. Manche sind zugewandert und von Anfang an vollkommen "deutsch", andere sind es in der dritten Generation noch nicht geworden. Das geht alles unter im Begriff des "Migrationshintergrundes".

Hier werden Sachverhalte durch die Sprache erst geschaffen, wie bei der "Armutsgefährdung".
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 12.11.2015 um 21.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#30542

Nach meiner Empfindung ist das physikalische Ersatzschaltbild für die Flüchtlinge ein Fluß mit einer sehr starken Quelle, den man nur weiterleiten oder verteilen, aber nicht unterbrechen oder aufstauen kann. Die einzig wirksame Abhilfe wäre ein Verstopfen der Quelle.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.11.2015 um 19.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#30541

Komisch, wie sich alle echauffieren über Schäubles "Lawine", nachdem die "Flut", die "Welle", der "Strom" von Flüchtlingen unbeanstandet durchgegangen sind. Viel tückischer sind wohl die Bilder in den Medien, die an Wanderratten auf dem Zug durch unsere blühenden Landschaften erinnern. In vielen Texten heißt es denn auch: "Wer im Fernsehen die Bilder gesehen hat..." usw. – ja, wer die Bilder gesehen hat, glaubt Bescheid zu wissen. Das ist noch viel besser als die Wirklichkeit.

Noch ein paar Beobachtungen zum Bescheidwissen:
In einem gehässigen Leserbrief an die FAZ (10.11.15) schreibt eine promovierte Heidelbergerin u. a.:
„Gerne trete ich auch Wohnung und Kita-Plätze an SomalierInnen, EritreerInnen, NigerianerInnen und AfghanInnen ab.“
Bisher hat die Dame keine Einquartierung dulden müssen, und daß Kindergartenplätze für ihre Kinder, falls sie welche hat, ihr wegen der Ausländerkinder weggenommen wurden, dürfte sie auch nicht erlebt haben. Es ist eben alles bloß ironische Hetze. (Mit der Schreibweise will sie auch gleich den Feministinnen und anderen Gutmenschen eins auswischen.)
Am nächsten Tag schreibt ein Professor Robert Linde: „Die jetzige chaotische Situation zu Lasten Deutschlands verdanken wir entscheidend dem ‚Kommet alle her zu mir!‘ von Frau Merkel.“
Auch hier täuscht der höhnische Ton über die sachliche Unrichtigkeit – nicht nur des vermeintlichen Zitats – hinweg: Der Zustrom der Flüchtlinge hatte lange vorher eingesetzt, wie die Statistik zeigt: die Parabel verläuft ziemlich glatt vom August über die Folgemonate. Was immer die Regierung dazu beigetragen hat, Merkels Satz war es jedenfalls nicht.
Die hessische Justizministerin (CDU) packt in einem Gastbeitrag ebd. „unsere Grundwerte“ aus, von denen viele Zuwanderer „nichts oder wenig wissen“. Auch das ist stark übertrieben, abgesehen von der Untauglichkeit des Werte-Begriffs, der dann doch bloß Marginalien wie die „Stellung der Frau“ betrifft.
(„Werte“ sind geduldig; man erinnere sich an jenen Aufruf, mit dem Christa Wolf und andere DDR-Bürger nach dem Fall der Mauer vor einem „Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte“ warnten. Die Suche nach diesen Werten war nicht sehr erfolgreich.)
Es gibt aber auch vernünftige Leute wie z. B. den Nürnberger Oberbürgermeister: http://www.welt.de/politik/deutschland/article148726595/Ohne-Familiennachzug-wird-Integration-schwierig.html
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.10.2015 um 04.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#30390

Aus der Sprache ein konsistentes Welt- und Menschenbild ihrer Sprecher zu rekonstruieren ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Daran scheitert z. B. Bruno Snell, was die alten Griechen betrifft. Ich habe als Beispiel unser Deutsch zitiert, wonach man entseelt zu Boden sinkt, nachdem man sich entleibt hat. Ähnlich ja der Anfang der Ilias, wo die Seelen der Helden in den Hades geschickt, die Helden selbst aber von den Hunden gefressen werden. So hat man sich eben ausgedrückt, aber pressen darf man es nicht.

Trotzdem gehen die Philologen aus methodischen Gründen immer von der Annahme aus, daß die Texte konsistent und die augenscheinlichen Widersprüche nur scheinbare sind. Das bringt die Interpretationsbemühungen erst in Gang.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2015 um 17.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#30253

Sie haben es wieder getan!

So die Boulevardpresse über unsere Nachbarn, die Dänen, die man vielleicht mit Natodraht vom lieben Vaterland abschirmen sollte. Sie haben also ein totes "Löwenbaby" in didaktischer Absicht öffentlich seziert. Das scheint weniger ehrenhaft zu sein, als einen Ochsen öffentlich am Spieß zu braten. (vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#25104)

Gehört zur Rubrik "Kulleraugen", die bei uns in der Flüchtlingsdebatte eine sprichwörtliche Rolle spielt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.10.2015 um 08.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#30239

"Generische Erweiterungen sind in der wissenschaftlichen Praxis zulässig, metaphorische, metonymische und solözistische Erweiterungen hingegen werden im allgemeinen gelöscht oder bestraft. Metaphorische Erweiterung kommt zwar vor, aber entweder wird das steuernde Merkmal sogleich durch zusätzliche Kontingenzen hervorgehoben, die aus der Metapher eine Abstraktion machen, oder die Metapher wird durch das Eintreten einer zusätzlichen Reizsteuerung ihres metaphorischen Charakters entkleidet. So mag die molekulare Gastheorie als Metapher begonnen haben: Der Druck auf die Wand eines Behälters wurde in Ausdrücken beschrieben, die auf das Bewerfen einer Mauer mit Steinchen paßten. Dieser metaphorische Charakter der verwendeten Begriffe verlor sich aber schließlich oder verblaßte erheblich, als weitere Befunde hinzukamen." (Skinner VB 419f.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 04.10.2015 um 20.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#30195

Die heutige Sonntagsausgabe des MM zeigt ein Foto auf Seite 1, überschrieben mit "Goldener Oktober". Vergleicht man den kräftigen Orangeton des Himmels rund um die weiße Sonnenscheibe mit den Fotos vom sog. Blutmond, dann wäre der Titel Blutoktober mehr als berechtigt. Na, vielleicht kommt das nächstes Jahr.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.09.2015 um 12.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#30125

Ich habe mir zu heute morgen den Wecker gestellt und mit einem Fernglas die Mondfinsternis angesehen. Keine Spur von Blutfarben, das hatte ich aber natürlich auch nicht erwartet. Mit Fotos, Überbelichtung und ein bißchen Elektronik kriegt man im Netz natürlich alles hin, auch ein kräftiges Rot.

Besonders unsinnig die Abbildungen auf spiegel.de, da wird der dunkle, rotbraune Mond, der ja schon im Kernschatten liegt, noch extra von einem ganz schwarzen Schatten verdeckt. Was das sein soll, ist wohl ein internes Geheimnis des SPIEGEL.

Angeblich fallen mehrere astronomische Ereignisse zusammen, wenn es zu einem Blutmond kommt. Was da in Wirklichkeit zusammenfällt, sind aber Mystik, Dummheit und Sensationsgier der Medien.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.09.2015 um 07.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#30119

Nachtrag:
Most of us in astronomy had not heard the term Blood Moon to describe a lunar tetrad until a few years ago, but now the term has gained widespread use in the media. The origin of the term is religious, at least according to Christian pastor John Hagee, who wrote a 2013 book about Blood Moons. (http://earthsky.org/space/what-is-a-blood-moon-lunar-eclipses-2014-2015)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.09.2015 um 06.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#30118

Viele Medien haben sich der "Blutmond"-Ankündigung angeschlossen. Interessant ist für uns Sprach- und Mondbeobachter, wie sich eine sprachliche Marotte ausbreitet. Kein einziger der Abschreiber und Nachplapperer hat sich vermutlich früh genug aus dem Bett gewälzt, und so wird es wohl beim "Blutmond" bleiben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.09.2015 um 10.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#30105

Marie: Was der Mond rot aufgeht! - Woyzeck: Wie ein blutig Eisen.

Wir wissen, wie die Geschichte ausgeht. Aber nun schreibt der Tagesspiegel:

Morgen steht der Blutmond am Himmel über Deutschland

Am frühen Montagmorgen ist, wenn das Wetter mitspielt, am Himmel über Deutschland ein seltenes Phänomen zu erleben: der Blutmond.
usw.

Nicht doch! Wer sich an die letzte "Mofi" noch erinnern kann, wird auch wissen, daß kupferrot der richtige Vergleich war. Das ist immer noch sehenswert genug.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.09.2015 um 05.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#30061

Noch jemand, der tickt:

So tickt der neue VW-Chef.

Technische Metaphern repräsentieren oft nicht den neuesten Stand, man denke an die Metaphern aus der Dampfmaschinenzeit. Unsere Kinder vestehen schon nicht mehr, daß mal etwas getickt hat.

Zugleich ein Beispiel für die saloppe Sprache auch seriöser Medien. In den 50er Jahren hätte kaum ein Blatt gefragt, wie Bundeskanzler Adenauer tickt.

Wie lässt Frau Merkel Dampf ab? ... wie der Mensch Merkel tickt (Handelsblatt 10.8.12)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.09.2015 um 05.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#29876

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#24020

Inzwischen hat sich die AfD tatsächlich gespalten...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.08.2015 um 14.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#29727

Noch einmal zum hyperbolischen Sprachgebrauch:

"Ich habe mich so geschämt, dass so etwas mitten in Europa vorkommt.“ (Claudia Roth nach ihrem Besuch auf Kos.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.07.2015 um 16.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#29584

Wie irreführend Metaphern sein können, sieht man an einer Germanistin, die sich lange mit dem Verbalaspekt beschäftigt hat.

Der Aspekt soll darüber bestimmen, ob ein Geschehen von innen oder von außen gesehen werde. Daher sei Räumlichkeit primär. „Das Konzept der Abgeschlossenheit ist primär ein räumliches Konzept, das erst sekundär als temporale Abgeschlossenheit interpretierbar ist. (...) Bei der Opposition von Außen- und Innenperspektive sind nur räumliche Konzepte beteiligt. Auch die von dieser Opposition ableitbaren Merkmale der Abgeschlossenheit/Nichtabgeschlossenheit sind primär räumlicher Natur. Die temporale Lesart dieser Opposition ist das Ergebnis einer Übertragung der räumlichen Konzepte in eine zeitliche Dimension. Daß Zeitvorstellungen von räumlichen Vorstellungen abgeleitet sind (man denke an den Begriff Zeitraum), macht auch die Definition der Tempus-Kategorie deutlich. Die Tempuskategorie wird allgemein als deiktische Kategorie definiert, weil mit ihr Handlungen als vergangen, gegenwärtig oder zukünftig lokalisiert werden.“
Durch das futurische Präsens werde das Ereignis an einem anderen Ort "lokalisiert" als der Sprecher/Betrachter. „Wird die Differenz der räumlichen Lokalisation sekundär zum Ausdruck temporaler Relationen genutzt, so wird zwischen Sprechzeit und Aktzeit unterschieden.“ „Es ist die Gleichheit von Betrachter- und Ereignislokalisation, die als Gleichzeitigkeit gedeutet wird.“ und: „Versetze dich an den Ort des Ereignisses“ usw. (zum Präteritum). Ebenso zum Präsens: „Sprecher und Betrachter sind in demselben Raum“ (= Zeitraum) „lokalisiert. Der Zeitraum ist die Umwelt des Sprechenden.“

Wie man sieht, wird die Verfasserin ein Opfer der selbstgewählten Metaphorik. (Zum Raum wird hier die Zeit…)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 27.07.2015 um 10.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#29555

Adverb und Adjektiv werden unterschiedlich verwendet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.07.2015 um 09.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#29554

Das ist in der Tat ein anderes "schier". Zu unserem "schier" hier vermerkt Paul, daß es auch "vollends" bedeutet, und verweist auf "bald", das ebenso wie "fast" dieselbe Entwicklung genommen hat, die sich bei "schier" anbahnt.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 27.07.2015 um 08.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#29553

"Aber es handelt sich um den bekannten hyperbolischen Gebrauch, der pragmatisch als Abschwächung verstanden wird". Wirklich? "Schieres Fleisch" bedeutet "reines, pures" Fleisch (ohne Fett, Knochen oder Sehnen). Mit schieres Gold ist auch nicht fast ganz reines Gold gemeint, sondern eben 100%iges Gold. In "Das war schiere Bosheit!" wird auch nichts zurückgenommen oder abgeschwächt. Verstehe ich an dem Beitrag #29552 was falsch?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.07.2015 um 06.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#29552

Als Bedeutung von schier gibt Duden online an:

"geradezu, nahezu, fast
Beispiele
eine schier unübersehbare Menschenmenge
das ist schier unmöglich"

Aber es handelt sich um den bekannten hyperbolischen Gebrauch, der pragmatisch als Abschwächung verstanden wird, so wie ja auch gewiß, sicher usw. tatsächlich auf "ungewiß, unsicher" hinauslaufen, ohne daß sich aber die Wortbedeutung ändert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.06.2015 um 18.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#29213

Der Erlanger Physiker Klaus Mecke schreibt:

„Physiker benutzen Metaphern auch als Forschungsmittel. Für ein Phänomen, das man nicht versteht, werden zunächst anschauliche und vertraute Bilder zurechtgelegt. Man arbeitet z.B. mit bildhaften Analogien, 'das ist, wie...': Atome sind 'wie Kügelchen' und Moleküle werden durch Kalottenmodelle dargestellt - aneinandergepappte Halbkugeln. Die elektrische Anziehung zweier entgegengesetzt geladenenen Körpern ist 'wie durch Gummibänder' verursacht, dargestellt durch Faraday's Eisenspäne. Elektrische 'Ströme' werden vielleicht nicht mehr durch kleine grüne Männchen, die in Drähten laufen, versinnbildlicht, wohl aber durch einen Abhang herunterfließendes Wasser. Solche Vergleiche erscheinen zunächst nur als saloppe Abkürzungen für längere Erklärungen.“

Wenn man Modelle, Bilder und Vergleiche ausdrücklich als "Metaphern" bezeichnet, ist natürlich alles möglich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.05.2015 um 11.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#28865

Es ist zwar immer dasselbe, aber sei's drum:

Die US-Soldaten stürmten das Haus, in dem sich bin Laden zu diesem Zeitpunkt mit seiner Familie befand und erschossen ihn. Er sei regelrecht hingerichtet worden. (Focus 11.5.15)

Wirkliche Hinrichtungen (nach einem Strafprozeß) würde man niemals mit dem scheinbaren Schärfesignal regelrecht verzieren.

Im gleichen Text wieder: zur Strecke gebracht - was der Sache zweifellos näher kommt.

 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 28.04.2015 um 15.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#28721

In einem Interview mit Katrin Göring-Eckardt in der ARD-Reportage »Trauma Einbruch – Hilflos gegen Diebesbanden?« stellt Reinhold Beckmann die Frage, ob die Straftaten osteuropäischer Banden in Deutschland und anderswo der »Kollateralschaden für das freie Europa« seien. So etwas passiert, wenn man unbedingt ein Modewort anbringen will und dabei übersieht, daß es nicht so recht zu dem schlichten Gedanken paßt, den man eigentlich kundtun möchte. Diese Bandenkriminalität mag eine negative Begleiterscheinung oder Folge oder meinethalben auch ein »Kollateralschaden« der Freizügigkeit in der EU sein, aber hinter jenem »für« steckt hier noch etwas anderes, ich vermute: der Preis für das freie Europa.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.04.2015 um 09.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#28719

Das Tischtuch mit Winterkorn ist schon lange zerschnitten. (FAZ 28.4.15 über Piëch)

Natürlich hat Piëch kein Tischtuch "mit" Winterkorn, sondern er hat oder hatte Gemeinsamkeiten mit ihm. Von dieser Wendung ist die Präposition in die Metapher herübergenommen worden, wo sie dann nicht mehr so recht paßt. Man erwartet "zwischen" und die Erwähnung beider Personen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.04.2015 um 16.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#28596

„Das metaphorische Denken ist für die Wissenschaft unentbehrlich, aber es lassen sich damit keine sachlichen Zusammenhänge begründen. Es ist, wie Bennett und Hacker (2003) sagten, völlig in Ordnung, vom „Fuß“ eines Berges zu sprechen, solange man nicht nach dessen Schuh sucht.“ (Memorandum „Reflexive Neurowissenschaft“)

Warum ist dann das metaphorische Denken (und nicht nur – vielleicht – das metaphorische Reden) unentbehrlich? Es ist Mode geworden, solche Sätze hinzuschreiben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.04.2015 um 07.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#28533

Nichts ist abgedroschener als unerhört, aber Rilke gibt ihm den ursprünglichen Sinn zurück:

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften


und dem entspricht am Schluß die Botschaft, die der Torso verkündet, obwohl das Haupt samt Mund fehlt. Dagegen ist bei Augenäpfel die verfremdende Wortbildung mit dem Fugenelement dafür verantwortlich, daß wir die Metapher wieder als solche wahrnehmen.

Rilke schrammt oft am Kitsch vorbei, aber rein technisch ist z. B. dieses Gedicht umwerfend gut gemacht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.12.2014 um 19.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#27616

Die Besonderheit der "transgressiven Metaphern" für "Seelisches" wird auch bei einem bekannten englischen Philosophen angedeutet:

Consider the way in which we use terms which also describe physical affairs to describe psychological affairs. We talk of matches in boxes, and thoughts in the head; of being pulled by ropes, or being pulled by desires; of jumping to attention, or jumping to a conclusion. Metaphorical, of course. Or ist it? We most probably cannot cash the metaphors, either by giving a single literal way of saying something which they yield or even by indicating a range of comparisons which they suggest. (Robin Blackburn: Spreading the word. Oxford 1984:177f.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.12.2014 um 03.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#27581

Etwas ausführlicher zur "mentalen Rotation"
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#27560:

In neueren Lehrbüchern der Psychologie fehlt kaum je ein Hinweis auf die Untersuchungen von Shepard u. a. zur „mentalen Rotation“. Sie sind auch das Kernstück der „Imagery“-Diskussion über „Bilder im Geist“ bzw. „Bilder im Gehirn“, im weiteren Sinn über „Repräsentation“ im Geist bzw. im Gehirn.
Shepard und Metzler boten ihren Versuchspersonen Abbildungen zwei- und dreidimensionaler Gegenstände, die danach zu beurteilen waren, ob sie sich zur Deckung bringen ließen oder nicht. Sie hatten also eine intrinsische Händigkeit und bildeten kongruente oder inkongruente Gegenstücke im Sinne Kants. Je „verdrehter“ die Vergleichsgegenstände gegeneinander erschienen, desto länger brauchten die Betrachter, um zu einem Urteil zu kommen. Zwischen dem „Rotationswinkel“ und der Beurteilungsdauer bestand eine lineare Beziehung. Wie der Titel der Abhandlung zeigt, wurde der Vorgang als ein „Drehen im Geiste“ gedeutet.
Inzwischen sind viele zustimmende und einige kritische Arbeiten erschienen. Der metaphorische Charakter der Darstellung als „Rotation“ ist oft vergessen worden, Kritiker wie Hacker, Dennett, Kubovy und andere haben daran erinnert. Die Darstellung bei Wikipedia (abgerufen Dez. 2014) nimmt bereits die Deutung des Phänomens vorweg:

„Mentale Rotation ist eine Komponente der Raumkognition und wird in der Regel in der rechten Gehirnhälfte lokalisiert. Typische Tests bestehen aus einer Referenzfigur und einer entweder gleichen oder ungleichen Vergleichsfigur, die unterschiedlich weit in den Raumebenen verdreht sein kann. Die Aufgabe der Probanden besteht dann in der Regel darin, die Vergleichsfigur durch mentales Drehen in die Referenzfigur zu überführen, um eine Entscheidung bezüglich der Gleichheit zu fällen. (...)
Roger Shepard und Jacqueline Metzler (1971) entdeckten das Phänomen als erste. Sie konnten zeigen, dass die Dauer, die es braucht, um eine Würfelfigur mental zu drehen, einer echten Rotation entspricht: Je weiter zwei Figuren gegeneinander verdreht sind, desto länger braucht es auch, eine Entscheidung über gleich bzw. ungleich zu fällen. Damit trugen sie einen wichtigen Beitrag zur sogenannten Imagery-Debatte bei: Die mentale Rotation, sprich die reine Vorstellung einer Drehung, entspricht exakt einer wirklich physikalisch durchgeführten Drehung. Dies ist ein Hinweis darauf, dass die Vorstellung und Wahrnehmung in ihren Grundzügen gleich sind.“
Ebenso: „Mentale Rotation bezeichnet die Fähigkeit, räumliche Information mental zu repräsentieren und diese Repräsentation durch eine Drehung zu transformieren.“ (Gunnar Wiedenbauer: Manuelles Training mentaler Rotation. Diss. Düsseldorf 2006:9)
Die Definition ist kaum mehr als eine Worterklärung. Die hypothetische (metaphorische) Erklärung des fraglichen Verhaltens ist bereits vorausgesetzt. (Außerdem handelt es sich nicht um eine „Fähigkeit“.)
Schon die Frage, wer da eigentlich was dreht, deckt auf, daß es eigentlich auf ein Homunkulusmodell hinausläuft. Das Mentale wird als eine Art Bühne vorgestellt, auf der ein nichtidentifizierbarer Agent die Figuren tanzen läßt. Das Verhalten dieses Agenten wäre ebenfalls noch zu erklären usw. Das kann nicht das letzte Wort der Psychologie sein.
Es ist wenig untersucht worden, wie Kinder die Fähigkeiten entwickeln, die bei der vermeintlichen mentalen Rotation vorauszusetzen sind. Es gibt Spielzeug, bei dem das Kind Figuren in vorgestanzte Löcher stecken kann, aber nur in einer bestimmten Orientierung. Mit etwa 18 Monaten versuchen die Kinder noch, den Gegenstand so, wie sie ihn zufällig halten, in das Loch zu drücken. Vohergehendes Drehen, das überlegt wirkt, tritt erst gegen Ende des zweiten Lebensjahres auf.
Theo Herrmann und einige seiner Schüler haben die Daten um einen ganzen Bereich erweitert. Sie fügten der Objektrotation die Eigenrotation hinzu. Es zeigt sich z.B., daß angesichts von Personen, die in einem Winkel von 90° zum Sprecher sitzen, die Identifizierung der rechten bzw. linken Hand kaum schwerer ist als bei einer mit dem Sprecher gleichsinnigen Orientierung (0°), daß jedoch bei gegenübersitzenden Personen (180°) ganz erhebliche Probleme auftreten. Etwas ähnliches zeigt sich, wenn Probanden beurteilen sollen, ob auf einem runden gedeckten Tisch Messer und Gabel auf der richtigen Seite des Tellers liegen. Eine ausdrücklich als spekulativ dargestellte Interpretation dieses Befundes mit Hilfe des sprechereigenen „Manipulationsbereichs“ dürfte in der Tat das Richtige treffen. Herrmann bleibt allerdings bei der metaphorischen Redeweise, indem er ein mentales „Sichhineinversetzen“ annimmt und die Eigenrotation im Geiste stattfinden läßt. Eine naturalistische Untersuchung der Lernvorgänge kommt ohne solche Metaphern aus.
Es ist anzunehmen, daß Kinder in unzähligen Alltagssituationen allmählich lernen, die nicht-kanonischen (nicht-sagittalen) Orientierungen von Gegenständen manipulierend zu beherrschen (Schuhe, Bauklötze, Memory-Karten usw.). Mit diesen Fertigkeiten treten sie dann auch an die Shepardschen und Herrmannschen Versuchsanordnungen heran. Die begrifflich problematischen Annahmen mentaler Operationen tragen nichts zur Erklärung bei.

Literatur:
Daniel Dennett: „On the absence of phenomenology“. (In: Donald F. Gustafson [Hg.]: Philosophical psychology. Garden City, N.Y. 1964:93-113)
M. R. Bennett/P. M. S. Hacker: History of cognitive neuroscience. Chichester 2013.
Theo Herrmann/Ralf Graf: „Ein dualer Rechts-Links-Effekt“. Zeitschrift für Psychologie 1991:137-147.
Michael Kubovy/William Epstein: „Internalization: A metaphor we can live without“. Behavioral and Brain Sciences 24, 2001:618-625.
Roger Shepard/Jacqueline Metzler: „Mental rotation of three-dimensional objects“. Science 171, 1971:701-703.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.12.2014 um 05.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#27560

Zu Gefahr der Verführung durch Metaphern gibt es eine sehr gute und folgenreiche Abhandlung: Michael Kubovy/William Epstein: „Internalization: A metaphor we can live without“ (Behavioral and Brain Sciences 24/2001:618-625)
(Der Text ist auch von einer chinesischen Website herunterzuladen, wahrscheinlich nicht ganz legal:
http://wenku.baidu.com/view/8d72ce19a8114431b90dd887.html?re=view)

Hier der letzte Absatz:

Although the notion of internalization is an appealing metaphor, it does not add to the power of Shepard’s theory according to which certain important aspects of perception are captured by kinematic geometry. This and other episodes in the history of our field lead us to recommend that we strip our scientific writing of metaphors we can live without, and until theoretical and empirical progress suggest and support metaphorical terms, that we formulate our theories in as neutral a language as we can.

Der Aufsatz ist nicht ganz leicht zu lesen, geht aber in interessanter Weise auch auf Chomskys und Pinkers Thesen zu angeborener Grammatik usw. ein, vermutlich Vorbild für Shepards irreführende Begrifflichkeit. Übersehen wird, daß die zitierten Autoren Lakoff und Johnson nicht wissen, was Metaphern sind. Aber das sollte nur dazu anregen, das Wesen transgressiver Konstrukte, wie hier dargestellt, näher zu erforschen. Dann können wir weiterreden über "Bilder im Geiste" usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.12.2014 um 04.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#27533

Das entspricht auch meinem Sprachgefühl. Die Mediziner sind ja fein raus, weil sie in solchen Fällen lege artis (l. a.) sagen können.
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 10.12.2014 um 21.32 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#27532

Nach meinem "Sprachgefühl" (was immer das sein mag) würde in Prof. Icklers letztem Beispielsatz das Wort regelgerecht besser passen. Wahrscheinlich rührt dieses Sprachempfinden aber daher, daß regelrecht schon längst den Charakter eines bloßen "Schärfesignals" hat.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 10.12.2014 um 18.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#27531

Muß man jetzt "regelgerecht" sagen und schreiben, wenn man die wörtliche Bedeutung meint, weil "regelrecht" seine wörtliche Bedeutung verloren hat?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2014 um 15.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#27529

Zu den "Schärfesignalen" (s. Haupteintrag):

Gauger macht im Forum Sprachkritik der Deutschen Akademie seinem Ärger darüber Luft, daß Terroristen ein Opfer "hinrichten" bzw. "regelrecht hinrichten", wie in den Medien so oft zu lesen und zu hören ist. Ich will zum Euphemismus nichts sagen, nur zu dem Schärfesignal "regelrecht", das Gauger meiner Ansicht nach nicht genug beachtet oder falsch einordnet. Wörter wie "regelrecht" oder "buchstäblich" insistieren nämlich, wie gezeigt, nur scheinbar auf der Angemessenheit des folgenden Ausdrucks. Ganz überwiegend haben sie dieselbe Wirkung wie ein einschränkendes "sozusagen", nur auf einem anderen Weg. Gerade durch das Schärfesignal wird das Hyperbolische hervorgehoben und damit das Metaphorische.
Die Kleie wirkt als regelreche Darmbürste (Aus einer Reformkost-Zeitung)
Von einer wirklichen Bürste kann man kaum sagen, sie sei eine regelrechte Bürste.
In den Sternwinden entwickelter Sterne bilden sich durch Kondensation Staubkörner. Von dem Stern R Coronae Borealis gehen regelrecht Rußschwaden weg, die sein Licht verdunkeln. (Rudolf Kippenhahn: 100 Milliarden Sonnen. München 1984:140)
Der bekannte Astronom braucht nicht zu fürchten, daß man ihm elementare Unkenntnis der Sternphysik vorwerfen könnte.
Zins und Tilgung saugen den betroffenen Nationen buchstäblich das Mark aus. (Nürnberger Nachrichten 3.2.92)
Der Engländer hatte sein Herz regelrecht überdreht. (über einen Dopingfall)

Daneben gibt es freilich noch den eigentlichen Gebrauch:
Daß die Patienten von uns regelrecht behandelt wurden, ist selbstverständlich. (Prokop/Wimmer: Der moderne Okkultismus. Stuttgart 1976:86)

= lege artis

Das wird auch anders betont.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 22.11.2014 um 00.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#27411

Nein, das ist schon ganz in Ordnung so. Durch das gleich wird die Kühnheit der Metapher abgemildert. In einem Gedicht könnte das etwas lasch wirken, aber hier handelt es sich ja bloß um Prosa, in die eine poetische Zugabe gerührt wird.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.11.2014 um 22.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#27410

Eine Metapher aus dem aktuellen SPIEGEL (Nr. 47/17.11.2014, S. 110):

Falken der Meere gleich stürzen sie sich abwärts, ...

Das spielt sich tief unter der Meeresoberfläche ab. Hier wird kein Bild eingesetzt, sondern es wird etwas mit einem Bild verglichen. Wozu das? Es gibt keine Falken der Meere, deshalb kann auch niemand wissen, was ihnen gleicht. Es gibt aber Falken und mit ihnen das schöne Bild der Falken der Meere. Daher hätte ich geschrieben:

Wie Falken stürzen sie sich ... oder
Falken gleich stürzen sie sich ... oder
Die Falken der Meere stürzen sich ...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.11.2014 um 15.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#27407

Ein Physiker, der den Literaturwissenschaftlern etwas Nettes sagen möchte (an der Erlanger Uni machen sie sogar ein gemeinsames Projekt), braucht nicht genau zu wissen, was Metaphern sind. Trotzdem ist es erstaunlich, wie umstandslos wieder mal Kekulés (unsicher überlieferter) „Traum“ als Beispiel einer Metapher gedeutet wird:

„Dass Metaphern nicht nur eine literarische Ausdrucksform sind, sondern auch eine erkenntnisleitende Funktion haben, ist heute bereits so etwas wie Common Sense. Ein bekanntes Beispiel dafür ist, wie der große Chemiker August Kekulé Erzählungen zufolge einmal von einer Schlange träumte, die sich in den Schwanz beißt – und so auf die Idee kam, wie die atomare Struktur des Benzols aussehen könnte, für deren Entdeckung Kekulé berühmt geworden ist.“ (https://www.fau.de/files/2014/07/friedrich-114.pdf)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.09.2014 um 16.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#26795

Zum Abschnitt "Metapher und Transgression" oben:

Das Entdecken des Geistes ist ein anderes, als wenn wir sagen, Kolumbus habe Amerika „entdeckt": Amerika existierte auch vor der Entdeckung, der europäische Geist aber ist erst geworden, indem er entdeckt wurde; er existiert im Bewußtsein des Menschen von sich selbst. Trotzdem gebrauchen wir das Wort „entdecken" hier zu Recht. Der Geist wird nicht nur „erfunden", wie der Mensch sich ein Werkzeug zur Verbesserung seiner körperlichen Organe oder eine Methode erfindet, um bestimmten Problemen beizukommen. Er ist nichts, das willkürlich ausgedacht wäre oder das man ausgestalten könnte, wie man Erfindungen ihrem Zweck besser anpaßt, ist überhaupt nicht wie eine Erfindung auf Zwecke ausgerichtet, ja, „war" sogar in bestimmtem Sinn, bevor er entdeckt wurde: nur in anderer Form, nicht „als" Geist.
Zwei terminologische Schwierigkeiten tun sich hier auf. Die eine geht auf ein philosophisches Problem: Wenn wir davon sprechen, daß die Griechen den Geist entdecken, und doch meinen, daß der Geist dadurch erst wird (grammatisch gesprochen: daß „Geist" nicht nur affiziertes, sondern auch effiziertes Objekt ist), so zeigt sich, daß es nur eine Metapher ist, die wir gebrauchen — aber es ist eine notwendige Metapher und der richtige sprachliche Ausdruck für das, was wir meinen; anders als metaphorisch können wir vom Geist nicht reden.
(Bruno Snell: Die Entdeckung des Geistes. 9. Aufl. Göttingen 2011:7f.)

Snell hat allerdings keinen Standpunkt außerhalb dieser Tradition, von dem aus er ihre Entstehung objektiv darstellen könnte. Man sieht dann, wie er mit der Erfassung solcher folkpsychologischen Konstrukte ringt.
Wenn man etwas entdeckt und dadurch zugleich erst schafft, dann wäre es einfacher, von "erfinden" zu reden. Ein Konstrukt ist eine (im besten Fall nützliche) Erfindung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.06.2014 um 07.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#26167

Bei der Lektüre von "Instrumentum Laboris" ist mir erst aufgefallen, daß dort wie auch in anderen Texten der katholischen Kirche zwar von den Bischöfen bzw. Priestern als "Hirten" die Rede ist, nicht aber vom logisch notwendigen Gegenstück, den "Schafen" oder der "Herde". Trotzdem ist die Metapher natürlich nicht gänzlich tot, sondern spiegelt nach wie vor die katholische Auffassung von Geweihten und Laien wider. Die unermeßliche Kluft zwischen beiden ermöglicht überhaupt erst solche Texte und deren eigenartigen Tonfall, der ja irgendwie nicht von dieser Welt ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.05.2014 um 16.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#25930

Eigentlich hätte mich die Metaphorologie Blumenbergs interessieren müssen, aber ich habe weder dort noch in anderen Schriften, die ich zu lesen versuchte, irgend etwas Faßbares gefunden, stattdessen nur Metaphern, wie sie auch in einem bemerkenswerten Abschnitt des Wikipedia-Eintrags über ihn zitiert werden:

Angeregt durch seinen Schüler Uwe Wolff behandelte Blumenberg in seinen späten Lebensjahren die klassisch katholischen Themen der Angelologie und Dämonologie. In seiner „Trilogie von Engeln“ definiert er die Rolle der Engel im theologischen Lehrgebäude: „Der Engel steht am Anfang der Erdenepisode, wie er an deren Ende als Buchführer des Gerichtes stehen wird. Die Angelologie sorgt für die zuverlässige Einhaltung von Raum, Zeit und Handlung auf dem Welttheater.“ In seiner Verteidigung der Existenz des Teufels schreibt er provozierend: „Es geniert die Theologen, dass sie den Teufel nicht loswerden können. Zu deutlich steht er in der Bibel, und dazu noch in zwei eng verwandten Zusammenhängen, auf die nicht einmal der ungläubigste Bibelleser verzichten möchte: im herrlich-abscheulichen Buch Hiob und in der unerfindbaren Versuchungsperikope Jesu.“

Was ist mit der Übertragung der drei (pseudo-)aristotelischen Einheiten auf das "Welttheater" gewonnen? Blumenberg würde vielleicht sagen, es sei unangemessen, eine nichtmetaphorische Erklärung zu verlangen usw.
Geschenkt! (Die "Versuchungsperikope Jesu" ist die Perikope der Versuchung Jesu.) Die DASD hat ihm den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa verliehen, was darauf schließen läßt, daß solche Rede hierzulande als mustergültige wissenschaftliche Prosa angesehen wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.05.2014 um 04.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#25875

Giraffenbulle heißt es üblicherweise, aber es gibt Abweichungen wie diese:

Giraffe Kiano ist am Mittwochabend nach einem folgenschweren Unfall im Augsburger Zoo gestorben. Der junge Giraffenhengst erlag nach Angaben der Zooleitung einem Schädelbruch. (Augsburger Allgemeine 22.5.14)

Aber darunter sind nur wenige seriös.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.02.2014 um 10.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#25129

Nachtrag: Alan Posener schreibt in der "Welt", die Giraffe sei den Löwen "zum Fraß vorgeworfen" worden. Klingt wie bei Homer und sehr schlimm. Dabei haben Giraffen die Aufgabe, von Löwen gefressen zu werden, sozusagen. Posener will Zoos ausdrücklich nur als Variante der süßen Tierfilme nach Disney gelten lassen. Fuhr hat seinem Kollegen angemessen geantwortet:
http://www.welt.de/124743606
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.02.2014 um 16.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#25104

Nachdem der Zoo in Kopenhagen eine überzählige Giraffe getötet und artgerecht an die Löwen verfüttert hat, regen sich deutsche Tierfreunde auf, das Tier sei durch einen Bolzenschuß "regelrecht hingerichtet" worden. Man sieht hier wieder, daß gerade ein übertragener Gebrauch durch das scheinbare "Schärfesignal" mit demselben Markierung versehen wird, die als "Hedge" den nicht-zutreffenden Gebrauch einleitet.

(Interessieren könnten auch die verzwickten Argumente, die in der Schlachtung einer Giraffe etwas ganz anderes sehen wollen als in der Schlachtung von 600 Mill. anderen Tieren jährlich allein in Deutschland. Die Presse legt den Empörten einen Teppich aus mit der ständigen Wiederholung von "erst zwei Jahre alt", "gesund" und "verfüttert".)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.01.2014 um 05.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#24910

Einstein goes Metaphern - Tagungsbericht
Petra Gehring
"Im übertragenen Sinne? Metaphern (in) der Philosophie", unter diesem Titel fand am 13. Juli 2007 im Potsdamer Einstein Forum eine eintägige Gesprächsveranstaltung statt. Mit insgesamt sieben pointierten Beiträgen und ebenso viel Zeitstunden Diskussion erlebten die Beteiligten einen dichten Tag.
(...)
Im Ganzen wurde das offene Projekt einer Metapherngeschichte weder blumenbergianisiert noch lakoffjohnsonianisiert – oder gar taureckisiert, also dem gefälligen Sammeln anheim gegeben. Stattdessen zeigte sich, dass die seit Jahren zu beobachtende interdisziplinäre Aufbruchsstimmung rund um den Forschungsgegenstand der Metapher in der Philosophie und in den Wissenschaften inzwischen auf ihren eigenen Theoriebedarf zu reagieren beginnt.

(http://www.metaphorik.de/sites/www.metaphorik.de/files/journal-pdf/13_2007_berichtgehring.pdf)

-

Warum kommt mir der Titel Einstein goes Metaphern so besonders unangenehm vor? Die sprachliche Verrohung setzt sich dann noch fort. Immerhin gibt der Bericht eine hinreichende Ahnung, was dort gesagt worden ist, und man ist froh, nicht dabeigewesen zu sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.10.2013 um 08.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#24159

Willkommene Unterstützung gegen die wohlfeile Rede von der Unentbehrlichkeit der Metapher in den Wissenschaften finde ich in dem bekannten Werk "Higher Superstition" von Gross/Levitt (an das sich dann der Sokal-Hoax anschloß). Die Verfasser zitieren die Behauptung: "Metaphor plays a central role in the construction of mathematics." Dann fahren sie fort: „No! It does not. (...) One of us, speaking as a mathematician who has seen an awful lot of mathematics 'constructed' and has constructed some himself, can testify to the uselessness of metaphor in mathematical invention, although analogy – a rather different notion – can be of some help. Mathematical intuition is something much more mysterious than metaphor." (116)
 
 

Kommentar von Argonaftis, verfaßt am 14.09.2013 um 07.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#24022

Die Dame hat hier wohl die Aussage von Peter Gauweiler, der schon lange gegen den Euro als dem "Spaltpilz" für Europa klagt, abgekupfert und auf die AfD angewandt.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.09.2013 um 06.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#24020

"Die AfD trägt den Spaltpilz nach Europa" (Ursula von der Leyen)

An welche Pilzarten Frau von der Leyen denkt, ist nicht ganz klar. Vielleicht an Bierhefe, aber das wäre ja was Schönes. Den Spaltpilz muß man wohl unter die Rubrik Quantensprung stellen.
 
 

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