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15.06.2010
Tiefenkasus
Dudengrammatik auf Abwegen
Von der Haltlosigkeit der sogenannten Kasustheorie, Tiefen-Kasuslehre, semantischen Valenz o.ä. kann man sich in der Dudengrammatik überzeugen. Gleich auf der ersten Seite des Kapitels "Der Satz" (von Peter Gallmann) liest man folgendes:
(Das Wort fragen) "verlangt drei Ergänzungen, nämlich ein Agens, einen Rezipienten und ein Patiens. Die folgenden Satzglieder erfüllen diese Anforderung:
Satzglied: [Anna] = Agens (handelnde Person)
Satzglied: [den Verkäufer] = Rezipient (Person, die die Frage entgegennimmt)
Satzglied: [nach schnelleren Geräten] = Patiens (betroffener Sachverhalt)."
Nach dieser Analyse wäre der Aufbau derselbe wie in Anna gibt dem Verkäufer ein Gerät.
Es ist nicht klar, woher das "Entgegennehmen" kommt, denn in Wirklichkeit ist das Fragen ein Auffordern zu einer Antwort.
Die schnelleren Geräte nehmen überhaupt nicht an der Handlung teil. Lediglich ihre Benennung spielt eine Rolle; die Präpositionalergänzung ist auch nur die Verkürzung eines indirekten Fragesatzes (ob es schnellere Geräte gibt o. ä.).
Das ist nur ein Beispiel für die Sintflut von munter zugeteilten Kasusrollen, die seit einigen Jahren die sprachwissenschaftlichen Arbeiten überschwemmt. Ob ich es noch erlebe, daß wir daraus wieder auftauchen?
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| Kommentare zu »Tiefenkasus« |
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.06.2010 um 10.55 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1315#16424
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Im Türkischen ist es ja ähnlich: Genitiv plus Possessivsuffix. Scheint in agglutinierenden Sprachen verbreitet zu sein.
Die Tiefenkasus-Zuweisung ist sehr stark von den jeweiligen Sprachen geleitet und eignet sich kaum für den Vergleich der Sprachen. Ich kenne keine deutsche Grammatik, die nicht durch die Einführung der "semantischen Rollen" sehr stark an Wert verloren hätte Das gilt natürlich insgesamt auch für die "Kognitionswissenschaft", d. h. den naiven Psychologismus, der alles verdirbt.
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Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 27.06.2010 um 22.17 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1315#16422
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Im Ungarischen sogar doppelt:
Ich habe ein Auto heißt dort Mir ist mein Auto.
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.06.2010 um 16.47 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1315#16421
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Hier ein weiterer Problemfall aus der Dudengrammatik:
„Einige zweiwertige transitive Verben bezeichnen statische (Zugehörigkeits-)Relationen zwischen einem Besitzer i. w. S. und einem Gegenstand, der als Besitz, Teil, Inhalt o. Ä. zu diesem gehört:
besitzen, haben (als Vollverb), behalten, umfassen, enthalten
Als agensähnlichere und folglich prominentere Rolle fällt die Besitzerrolle dabei dem Subjekt zu.
Wer von euch hat [ein Fahrrad]? Der Sack enthält [10 Liter].“
Die Verteilung der semantischen Rollen (die übrigens nicht eingeführt oder begründet werden) ist wieder ganz willkürlich. Die Subjektsgröße in den genannten Sätzen ist weder agentisch noch agensähnlich. Die haben-Beziehung wird in verschiedenen Sprachen verschieden ausgedrückt: "mein ist", „bei mir ist“, „mir ist“ usw. Es ist nicht anzunehmen, daß die Sprecher dieser Sprachen den Sachverhalt verschieden wahrnehmen. Jedenfalls ziehen sie keine unterschiedlichen praktischen Konsequenzen daraus.
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Kommentar von Süddeutscher Romantiker 2.0, verfaßt am 20.06.2010 um 17.07 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1315#16395
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Ich gebe schon zu, manchmal bin ich recht skurril, aber abwegig doch höchst selten.
Ich meinte die zwei beidseitig bedruckten Doppelkartons, die Ihrem Wörterbuch hinten zu entnehmen waren, darauf: "Regeltafeln für die dt. Rechtschreibung und Zeichensetzung" – was sich für mich überraschenderweise "mehr als ein bißl zur Grammatik gehörend" herausstellte, da ich anhand daran beim Unterrichten tatsächlich Satzbau bestens erklären, her- und überleiten konnte (weil eins letztendlich mit dem anderen zu tun hat); es ging um Kinder und Jugendliche mit LRS ohne nennenswerte Grammatik-Kenntnisse. Nehmen Sie's, sagen wir mal, als Knospen von Papierblumen an ;-)
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.06.2010 um 21.04 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1315#16392
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Danke für die Blumen, aber "Grammatiktafeln" habe ich doch gar nicht gemacht. Bloß Rechtschreibung und Zeichensetzung, mit Herrn Drägers Hilfe.
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Kommentar von Süddeutscher Romantiker 2.0, verfaßt am 18.06.2010 um 15.10 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1315#16391
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Postmoderne ohne Grazie
Auf was ich im vorausgegangenem Thema (Substantivgroßschreibung) hinauswollte, nun an dieser Stelle:
Die Duden-Grammatik der Anfangsjahre war noch handlich und lesbar – und man konnte sie gebrauchen, sprich: sie war nützlich zum Nachschlagen; ob sie nun besonders gut oder besonders fundiert war, das sei dahingestellt. Hingegen ist aktueller Band fern davon, ein Gebrauchsgegenstand zu sein; von wissenschaftlicher Seite aus kann ich das nicht beurteilen, jedenfalls kommt mir das Werk abgehoben vor, ich finde darin keine Antworten und lese mit Schmunzeln Herrn Icklers Beiträge.
(Dasselbe kann man doch auch dem Rechtschreibduden zuschreiben, anfangs handlich und überschaubar, ein echtes Taschenbuch – so in Händen, für mich kaum nachvollziehbar, daß dieses Büchlein so ein Gewicht, so eine Zäsur in der Rechtschreibung bewirkte. Das Monster heute ist da nicht mehr von dieser Welt.)
Zur Kasustheorie – "Der Kasusfilter (case filter) besagt, dass jeder Nominalphrase ein (und nicht mehr als ein) Kasus zugewiesen werden muss; ansonsten ist ein Satz, in dem eine solche Nominalphrase verwendet wird, ungrammatisch." (Wikipedia)
Aha, "ungrammatisch"! Schon wieder so ein Wort.
Wolf Schneider moserte einst ja auch über die deskriptive Herangehensweise des Dudens. Für mich eben der Inbegriff der Nachkriegsjahrzehnte, mit ihren mathematischen Modellen für alles und nichts (bis hin zum Poesieautomat Enzensbergers), sozusagen generative Grammatik oder nichts. Etwas Selbstverständliches wird nicht als Tatsache hingestellt, nein, es ist "ungrammatisch", was soviel heißt, paßt es nicht ins System, ist es nichts. So habe ich das jedenfalls verstanden. Man belehre mich, wenn ich danebenliegen sollte.
Aber was gibt es denn für Alternativen zum Duden? Helbig/Buscha, gut, oder Hentschel/Weydt, nun ja?
Vergleichend wie letzteres, aber mehr als unterhaltsamer Lesestoff gedacht, ist Genzmers Deutsche Grammatik von '95. Hier werden – für einen wie mich – Entwicklungslinien, Auffassungen und Herangehensweisen anschaulich dargeboten, einiges wird belächelt, zuweilen jemand durch den Kakao gezogen – wie eben Wolf Schneider (man verzeihe mir den Seitenhieb, ich finde nunmal keinen rechten Zugang zu Herrn Schneider), der etwa Modalpartikel nur als "Füll- und Flickwörter" verstanden wissen will. (Wobei ich Genzmers ironischen Tonfall auch nicht spaßig finde, eher säuerlich und gezwungen.)
Aber als Nachschlagewerke kann ich das alles nicht auffassen. Und die Schulgrammatiken? Zappenduster. Oder?
Mich beschleicht das Gefühl, heutzutage ist alles "Einfache" nichtig, unangemessen. Herr Ickler hat doch das Gegenteil bewiesen mit seinen "Grammatiktafeln" – es zeigt anschaulich, daß es möglich ist, klare Richtlinien herauszuschälen, ohne daß es gar dilettantisch oder lückenhaft daherkommt. Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt, daß dieses kleinlichste Überborden von Begriffen, Gesetzmäßigkeiten und Ableitungen sowie das mit einhergehende Ungefähre, diese nicht mehr faßbaren Phänomene, nun, vielleicht lösen sie sich in Luft auf.
(Phänomen [akademisch] darf man schreiben, Phantasie [Aberglauben] aber nicht mehr, nur noch Fantasie, man stelle sich vor: "Fänomenologie", so ist's Kastensystem.)
(Ich weiß, Fragen kommen hier nicht so gut an; auch habe ich stets Bücher angegeben, die mich zu den Themen bewegten oder die mir auf meine Weise in meinem Berufsleben halfen, zurechtzukommen; Bücher, die ich mag – sowas gibt es – und die ich auch selbst als Badelektüre nicht verschmähe ;-)
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