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19.01.2010
Unwort des Jahres
betriebsratsverseucht
Auch mit dem "Unwort des Jahres" schafft es ein Grüppchen, zu dem überflüssigerweise auch Sprachwissenschaftler gehören, immer wieder, in die Hauptnachrichten zu kommen. So wenig wie beim Wort des Jahres werden die vielen Einsendungen berücksichtigt, die Jury entscheidet selbstherrlich, was sie bemerkenswert findet. (Das war schon beim Spitzenreiter "Rechtschreibreform" so, der dann nicht einmal in die engere Wahl kam.) Das Wort muß nicht einmal bekannt sein, ja, sie könnte es auch frei erfinden, denn es geht ja nur darum, die eigene gute Gesinnung heraushängen zu lassen. Und "gut" heißt hier: sozialdemokratisch, gewerkschaftlich. Man sehe sich die Liste der vergangenen Jahre an. In der Schweiz und in Österreich scheint mir diese Tendenz nicht so eindeutig. Der neueste Hit, "betriebsratsverseucht", kennzeichnet ja in einem Land, dessen Unternehmen zum Erstaunen der übrigen Welt so stark mitbestimmt sind, keineswegs eine verbreitete Einstellung, sondern kommt selbst vielen Leserbriefschreibern eher exotisch vor. Aber das ist ganz egal, die Jury hat es uns wieder mal so richtig hingerieben, was für böse Menschen es doch bei denen da oben gibt. Dabei hätte sie nach dem Patzer mit "Humankapital" doch mal für eine Weile still sein können.
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.01.2010 um 10.04 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1270#15605
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Die Unwortwahl wird vielerorts als Unterstützungsaktion für die anstehenden Betriebsratswahlen verstanden. Auch orthographisch bemerkenswert ist folgender Bericht:
Das Unwort des Jahres ist "betriebsratsverseucht". Zu Recht sagt Ulrich Praefke, Geschäftsführer des ver.di Bezirkes Lübeck/Ostholstein. Die Wahrnehmung eines gesetzlich geregelten Anspruchs auf eine Beschäftigtenvertretung in Form eines Betriebsrat mit einer Seuche gleichzusetzen sei verräterisch.
Wer so etwas sage sei demokratiefeindlich und decke seine Einstellung gnadenlos auf. "Ich bin froh, das [!] mit der Kür zum Unwort des Jahres, auf ein brennend heißes Thema aufmerksam gemacht wurde," so Ulrich Praefke. "Wir stehen unmittelbar vor den turnusmäßigen Betriebsratswahlen von März bis Mai diesen Jahres und ich hoffe das [!] die Wahl von 'betriebsratsverseucht' als Unwort des Jahres 2009 den Unternehmensvertretern, die zur Prägung beigetragen haben, die Schamesröte ins Gesicht treibt und vor allem, dass die Wahlvorstände die Betriebsratswahlen reibungslos durchführen können."
(http://www.hl-live.de/aktuell/textstart.php?id=58383)
Sachlich nicht ganz im Bilde ist ein SPD-Abgeordneter:
„Das von der Gesellschaft für deutsche Sprache für das Jahr 2009 als „Unwort des Jahres“ bestimmte Adjektiv „betriebsratsverseucht“ macht erschreckend deutlich welches Klima in manchen Unternehmen Deutschlands herrscht“, so SPD-MdB Franz Thönnes.
Die GfdS hat mit der Unwortwahl schon lange nichts mehr zu tun.
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Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 21.01.2010 um 12.51 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1270#15601
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Lieber Herr Frieling,
Ihr Gerechtigkeitsgefühl ehrt Sie, aber es sollte uns bei der Besprechung des Unwort-Wesens nicht darum gehen, unser gutes Menschentum zu dokumentieren; noch weniger sollten wir uns durch ethische Bedenken zu einer schiefen Argumentation verleiten lassen.
Daß bei der aktuellen Finanzmarktkrise fette Banken durch die weltweite Verflechtung und die Anhäufung von faulen Krediten in Zig-Milliarden-Höhe systemrelevant geworden waren, die Stadtsparkasse Sprockhövel jedoch nicht, ist nahezu unstrittig. Die Manipulation bestand in den Machenschaften der Erfinder und Vertreiber jener faulen Kredite, zunächst auf dem US-Immobilienmarkt. Als man das Unheil zur Kenntnis nehmen mußte, war es relativ heilsam, daß Politiker und Medien die Tatsachen wenigstens beim Namen nannten. Der Begriff systemrelevant diente dabei der Erklärung und nicht der Verschleierung. Es waren schließlich nicht nur gierige Banker, sondern Wirtschaftsexperten aller Art, die dringend davor warnten, auf die Rettung der großen Finanzinstitute zu verzichten.
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Kommentar von Thomas Frieling, verfaßt am 21.01.2010 um 11.21 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1270#15600
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Systemrelevant ist in der Tat ein treffender Begriff. Leider wurde er im Zusammenhang mit "Der Krise" in mehrerlei Hinsicht manipulativ genutzt. Und genau das macht ihn für mich zur ersten Wahl als Unwort:
Auch "Entartet" oder "Staatssicherheit" sind übrigens treffende Begriffe, oder – eine Nummer kleiner – "Verzögerungen im Betriebsablauf" und "Umweltprämie". So wie sie verwendet wurden, verschleierten sie aber die Tatsachen und verfolgten das Ziel, die Menschen für dumm zu verkaufen, ihnen ein Ei ins Nest zu legen.
Wenn die ganze Chause irgendeinen tieferen Zweck haben soll, dann doch bitte den, solche Sprachkniffe anzuprangern.
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.01.2010 um 11.07 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1270#15599
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Das Unangenehmste an der Unwortaktion ist jedenfalls für mich, daß in der Jury diese vier Sprachwissenschaftler sitzen. Dadurch muß – und das ist nun wirklich eine Parallele zur Rechtschreibreform – bei vielen Menschen der Eindruck entstehen, daß sich die Sprachwissenschaft mit solchem Unfug beschäftigt. Auch die Journalisten fragen seltsamerweise nicht, welche sprachwissenschaftliche Kompetenz man erworben haben muß, um sprachkritisch verkleidete Gesellschaftskritik dieser unbedarften Art zu treiben. Das Niveau liegt noch weit unter dem des "Wörterbuchs des Unmenschen", über das heute sämtliche Sprachwissenschaftler den Kopf schütteln, falls sie es überhaupt noch lesen.
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Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 21.01.2010 um 10.10 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1270#15598
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systemrelevant ist ein überaus sinnvoller und treffender Begriff. Man kann zum Beispiel einen Finger einbüßen, ohne daß der Organismus (das "System") daran zugrunde geht, während andere Körperteile lebensnotwendig sind. Dasselbe gilt für andere Systeme wie die Weltwirtschaft oder ein Unternehmen oder ein Ökosystem. Es mag geschmacklos sein, Island oder Griechenland als "nicht systemrelevant" zu bezeichnen, wenn man ausdrücken will, daß ein Staatsbankrott dieser Länder nicht gleich die ganze Welt in den Abgrund stürzt; richtig ist es trotzdem.
Es wäre Unsinn, etwa Affe oder Schachtel als Unwörter zu brandmarken, nur weil diese Begriffe auch zum Zweck der Beleidigung verwendet werden. Unschön sind Beleidigungen, nicht aber die Werkzeuge, die dafür eingesetzt werden.
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Kommentar von Germanist, verfaßt am 21.01.2010 um 08.53 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1270#15597
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Die Rechtschreibreform ist wohl systemrelevant. Folglich helfen gegen sie auch keine Parteien-Schmier- oder -Bestechungsgelder. Gegen staatliche Dummheit gibt es keine Abhilfe.
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Kommentar von Thomas Frieling, verfaßt am 21.01.2010 um 08.31 Uhr 
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1270#15596
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Auch die "Notleidenden Banken" im vergangenen Jahr waren eine miserable Wahl. Dieses Wort wurde niemals ernsthaft verwendet sondern nur als satirische Verzerrung des Fachbegriffs "Notleidender Kredit", üblicherweise durch notleidende Kabarettisten, denen nichts einfiel, notleidende Journalisten, die es nicht besser wußten oder notleidenden Gewerkschaftern, die schon zu oft mit Desinformation Stimmung gemacht haben.
Ein echtes Unwort des Jahres war "systemrelevant". Es kommt wohlklingend daher, diffamiert aber zugleich alle anderen – verzichtbaren – Unternehmen mit ihren Millionen verzichtbaren Mitarbeitern. Es soll zudem jeder Einwand niedergehalten werden, wieso Milliarden an öffentlichem Geld ohne Garantie an bestimmte Unternehmen ausgezahlt werden. Unwortiger geht es kaum.
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Kommentar von DLF (Burkhard Müller-Ullrich), verfaßt am 20.01.2010 um 14.18 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1270#15590
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http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1109265/
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Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 20.01.2010 um 14.17 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1270#15589
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Da bleibt nur noch, Unwort als Unwort vorzuschlagen. Ich nehme an, daß dieser Vorschlag regelmäßig bei der Jury eingeht. Schade, daß er nicht geeignet ist, die Jury zu entzücken. Dabei täte eine Runde Selbstironie dieser bierernsten Veranstaltung nicht schlecht.
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Kommentar von derwesten.de, 19. Januar 2010, verfaßt am 20.01.2010 um 14.01 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1270#15588
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Sprache
Wer ein Unwort kürt, macht weitere erst möglich
Essen. „Betriebsratsverseucht“ ist Unwort des Jahres - ein Zeitgeist-Dokument: Es zeigt, wie viel Unverschämtheit sich der Kapitalismus leistet. Doch auch die, die den Begriff ausgewählt haben, verdienen Kritik: Wer ein Unwort wählt, erzwingt die Erfindung weiterer Unwörter.
Es ist ja wahr, das Wort „betriebsratsverseucht” sagt mit einem bösen, zynischen Grinsen, wieviel Unverschämtheit sich der real existierende Kapitalismus heute leisten kann. Der Begriff lässt sich als Chiffre für die fortschreitende Entsolidarisierung lesen, als Zeitgeist-Dokument: Cool ist heute nicht mehr der Kampf für die Rechte von Arbeitnehmern, cool ist heute, sich darüber lustig zu machen. Das Wort „betriebsratsverseucht” haben sich ja nicht irgendwelche Raubtierkapitalisten am grünen Tisch ausgedacht, es kommt aus einer Baumarktkette, aus der Praxis von Abteilungsleitern, die ihre Kollegen vor gewerkschaftlich engagierten Mitarbeitern warnen wollen.
Dabei weiß jeder, dass es nur die Knappdenker unter den Kapitalisten sind, die glauben, sie würden besser fahren ohne solchen Firlefanz wie Sozialpartnerschaft. Spätestens dann, wenn Unternehmen am Abgrund stehen, erinnern sie sich ja plötzlich wieder an solche Begriffe wie „Solidargemeinschaft” oder „Gesellschaft”...
Ein Hauch von Pharisäertum
Und doch: Wir haben all das auch schon gewusst, ohne vom „Unwort des Jahres” zu wissen. Denn nicht zum ersten Mal hat die Jury um den Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser ein Wort aus den vielen Hundert Vorschlägen ausgesucht, von dessen Existenz die allermeisten Menschen überhaupt nicht wussten. So bekommt der Vorgang, ein „Unwort des Jahres” zu küren, einen Hauch von Pharisäertum - die Jury macht es bekannt, um darüber herfallen zu können.
Da war es schon sinnvoller, die „notleidenden Banken” zum Unwort des Jahres 2008 zu machen: Dieser seinerzeit oft benutzte Begriff verschleierte tatsächlich die Realität, indem er Täter wie Opfer dastehen ließ. An dieser Stelle hatte Sprachkritik noch einen echten Sinn.
Neue Unwörter - nur unauffälliger
Aber aus Wörtern wie dem monierten „betriebsratsverseucht” oder auch der zweitplatzierten „Flüchtlingsbekämpfung”, die Angela Merkel bei einer Veranstaltung der Bertelsmann-Stiftung herausgerutscht ist, spricht ja die nackte Ideologie, sie sind verräterisch auf eine völlig unverblümte Art.
Was erreicht man da, wenn man sie zu „Unwörtern des Jahres” ausruft? Diejenigen, die sie benutzen, werden sich erschrocken den Mund mit der Hand zuhalten. Und sich sofort neue Wörter ausdenken, die das, was sie meinen, etwas unauffälliger, vielleicht sogar verschleiernd umschreiben. Mit anderen Worten: Sie denken sich neue Unwörter aus.
(Link)
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Kommentar von B Janas, verfaßt am 20.01.2010 um 10.42 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1270#15586
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Daß es Sprachwissenschaftler andererseits nicht schaffen, einen publikumswirksamen und dennoch fundierten Jahresbericht zum Stand der Dinge im deutschen Sprachgebrauch zu produzieren, also etwas wie einen Umwelt-Zustandsbericht, stimmt schon mißmutig. Auch könnte ein Germanisteninstitut den Usus und die Qualität des Schreibgeschehens beobachten – und dem "Rat" mal zeigen, was in der Hinsicht eine Harke ist. Statt dessen nur so ein Unfug, und alles Wichtige überläßt man umtriebigen Flaneuren.
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Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 19.01.2010 um 16.42 Uhr
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1270#15583
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Immerhin ein lehrreiches Wort, wenn ich an den von Frau Pfeiffer-Stolz entdeckten "Maulwurf geplagten Gartenbesitzer" denke.
(http://www.sprachforschung.org/forum/show_comments.php?topic_id=105#4650)
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