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Neues aus dem Rat - von Theodor Ickler

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13.01.2010
Stämme und Wörter

Zur Unterscheidung zwischen Konstrukten und Ereignissen in der Wortbildung

Herr Riemer fragt im Diskussionsforum nach meiner Unterscheidung zwischen Stämmen und Wörtern. Das ist ein großes Thema für die ganze Sprachwissenschaft. Ich will es kurz aus meiner Sicht darstellen.

Stamm, Wurzel, Morphem, Phonem usw. sind theoretische Konstrukte, die man durch bestimmte Verfahren herstellt, es sind keine wirklichen Verhaltensabschnitte wie die Wörter oder Sätze. Schon Sütterlin scheint etwas ähnliches gemeint zu haben:
"Stämme sind sozusagen die Träger der Grundbedeutung, die einer Gruppe bedeutungsverwandter Einzelwörter gemeinsam ist. An sich sind sie in der Sprache nicht vorhanden, sondern sie werden aus der Form der von ihnen ausgegangenen Bildungen erschlossen, und zwar dadurch, daß man den einer Bedeutungsgruppe gemeinsamen Lautkörper aus der Hülle der ihn vorn und hinten umgebenden Zusätze herausschält." (Die deutsche Sprache der Gegenwart 1910:114)

Moderner drückt sich Ernst Pulgram zum Phonem aus:
"Phoneme is a class name, hence a phoneme cannot occur." (Ernst Pulgram: "Phoneme and grapheme: a parallel". Word, Bd. 7, 1951)

Man hat sich darauf geeinigt, diesen eigentlich nicht aussprechbaren Konstrukten eine sprechbare Form zuzuordnen, damit man sich überhaupt darauf beziehen kann. Aber dadurch werden sie nicht etwa homonym mit den wirklichen Formen. Eine Familie von Allophonen(= ein Phonem) kann man ja nicht eigentlich aussprechen, das ist klar.

Zur Erläuterung sei an die semitischen Wurzeln erinnert. Man hat sich darauf geeinigt, z. B. bei den Verben die 3. Pers. sg. perf. akt. zu sprechen: kataba (statt ktb). Wie heißt die Wurzel von deutsch "binden"? bind-, band, bund, bänd, bünd-?

In Haustür ist der erste Teil nicht das Wort Haus, sondern es ist ein Abschnitt, der systematisch auf den Stamm "Haus" bezogen ist, ohne bestimmte Wortart, Genus usw.

Ich weiß, daß diese Theorie die ganze Wortbildungslehre anders aussehen läßt, als sie in den stumpfsinnigen Lehrbüchern von Fleischer/Barz, Donalies usw. aussieht.

Verlegt man die Stämme (Morpheme) und die Wortformen auf dieselbe Ebene, gerät man in Schwierigkeiten.

Bei Verben wie kommen gibt es nach den üblichen Lehren eine mit dem Stamm „homonyme“ (bzw. sogar mit ihr als „unflektierte Stammform“ identische) Wortform komm! (Imperativ), der Stamm wäre also ein „freies“ Morphem. Bei lesen ist das aus historischen Gründen nicht der Fall: lies! (Barz, Donalies) Eine solche Ungleichbehandlung der Verbstämme nur wegen der historischen Zufälligkeiten des Flexionsparadigmas ist nicht wünschenswert.
Lühr kommt auf derselben begrifflichen Grundlage zu einem anderen Ergebnis:
„Ein Problem ist, ob z. B. {komm} in kommt ein freies Morphem ist, weil es dem Imp. komm! entspricht. Da es aber auch Imperative mit dem Allomorph -e wie arbeit-e gibt und in diesem Fall {arbeit}, wie eben bemerkt, ein gebundenes Morphem ist, betrachtet man der Einheitlichkeit wegen auch {komm} als gebundenes Morphem.“ (Rosemarie Lühr: Neuhochdeutsch. München 1986:143)
Im Widerspruch zu diesen Ausführungen erkennt Lühr in schiffbar das freie Morphem schiff und identifiziert es ausdrücklich mit dem Substantiv Schiff, obwohl -bar heute nur mit Verbstämmen zusammentritt (ebd. 144, 170). schiffbar ist laut DWb seit dem 17. Jahrhundert belegt und sicher vom Verbstamm abgeleitet, nicht mehr, wie es davor üblich war, vom Substantivstamm.
Bei Busch/Stenschke 2007 ist spül- in Spülmaschine eine „freies Morphem“, weil es den Imperativ spül! gibt.

Man kann, kurz gesagt, die Analyse eines Wortes nicht davon abhängig machen, was im Flexionsparadigma oder gar in den unendlichen Weiten des Wortschatzes sonst noch für Formen vorhanden sein mögen.



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Kommentare zu »Stämme und Wörter«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.03.2010 um 16.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15882

Die abendländische Sprachwissenschaft ist schriftgeleitet. Das erkennt man schon äußerlich an der Etymologie des Wortes "Grammatik". Die stoischen Grammatiker hangeln sich bei der Beschreibung der Laute an den Buchstaben entlang. Die antike Phonetik ist entsprechend kläglich. Eine knappe Darstellung findet man z. B. in Berthold Delbrücks "Einleitung in das Studium der indogermanischen Sprachen".

Die altindische Grammatik ist vollkommen frei von Rücksichten auf die Schrift. Die Phonetik war dort sehr früh entwickelt und hat ein hohes Niveau. Als die alten Inder dann das Alphabet kennenlernten, lösten sie sich – als einzige auf der Welt – von der abstrusen, bei uns immer noch erhaltenen Anordnung und gaben ihm jene logische Ordnung, die heute noch die indischen Wörterbücher bestimmt: Kurzvokale, Langvokale, Kurzdiphthonge, Langdiphthonge, Verschlußlaute nach der Artikulationsstelle geordnet, jeweils ohne und mit Aspiration usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2010 um 05.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15659

Ein Germanist schreibt:

„In oralen Gesellschaften spricht man nicht über Sprache. Wie es scheint, verfügen viele schriftlose Sprachen nicht über ein Wort für das Diskursobjekt Wort (Goody 1987). (...) Orale Gesellschaften kennen keine Geschichte, keine Schulen, keine Philosophie und keine Linguistik (Ong 2002, Luria 1976).“ (Wolfgang Teubert: Korpuslinguistik, Hermeneutik und die soziale Konstruktion der Wirklichkeit. Linguistik online 28/3, 2006)

Die indische Kultur ist im wesentlichen oral, obwohl die Schrift dort lange bekannt ist. Die indische Sprachwissenschaft, bis vor kurzem die höchstentwickelte der Welt, war zweifellos rein mündlich entwickelt, sie wurde und wird bis in die Gegenwart mündlich weitergegeben. Ich habe selbst Leute kennengelernt, die nicht nur Panini, sondern auch die Kommentare bis hin zum Lehrgedicht des Bhartrhari auswendig konnten. Ja, in Paninis Werk findet man sich erst zurecht, wenn es auswendig im Kopf hat. Von anderen mündlichen Traditionen will ich hier gar nicht reden. Die indische Philosophie genießt ja auch einen legendären Ruf (s. Wiki-Artikel, die Beiträge von Kuno Lorenz und der abrufbare Text von Lutz Geldsetzer seien zur Einführung empfohlen).

An der völligen Unkenntnis oraler Hochkulturen leidet die europäische und besonders deutsche Diskussion über Mündlichkeit und Schriftlichkeit unsäglich. Koch und Oesterreicher haben ihr bekanntes, auf Ludwig Söll zurückgehendes Modell durch nachträgliche Modifikationen zu retten versucht, aber es ist der Wurm drin, von Anfang an, eben aus besagter Unkenntnis. Sie führte dazu, mündlich fixierte kanonische Texte als "konzeptuell schriftlich" zu bezeichnen, und das stellt die Wirklichkeit auf den Kopf. Da gibt es nichts mehr zu retten.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 27.01.2010 um 15.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15654

Die erste große Lateinisierung griechischer Wörter war die der biblischen griechischen Namen durch die lateinische Kirche. Griechisch war zur Zeit Jesu die Weltsprache und lingua franca der östlichen Mittelmeerhälfte und Latein nur die Amtssprache der ungeliebten römischen Besatzer, aber die Päpste konnten kein Griechisch (die meisten waren Juristen) und waren auch nicht willig oder fähig, es zu lernen.
 
 

Kommentar von Robert Roth, verfaßt am 27.01.2010 um 13.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15653

"Der altgriechische Genitiv hat etliche Funktionen des lateinischen Ablativs."

Griechenland
Des Ägäischen Meeres

so lautet ein Faltblatt der Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr vom September 1973, das ich, als ich obigen Satz las, hervorgekramt habe. Es gab eine Menge davon mit dem Genitiv.
Zu Beginn des einsetzenden Fremdenverkehrs und ungeübt im Deutschen hat man wörtlich aus dem Griechischen übersetzt.
An den Ortsbezeichnungen ist der "Ablativ", der ein Genitiv ist, schön sehen: Pirgos/HLIAS, die Stadt Pirgos in Ilia.
 
 

Kommentar von Robert Roth, verfaßt am 27.01.2010 um 11.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15652

"Aber paradigma ist doch lateinisch!" (Konietzko).
... durch Lateinisierung aus dem Griechischen.
(Vgl. Germanist gestern 19:05)
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 27.01.2010 um 10.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15651

Lieber Herr Konietzko,
es freut mich, Sie nach langer Abwesenheit wieder in diesem Forum zu treffen. Aber wenn paradigma lateinisch und nicht griechisch ist, dann ist Paradigma deutsch und weder lateinisch noch griechisch. Wollen Sie das wirklich sagen?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 27.01.2010 um 10.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15650

Der altgriechische Genitiv hat etliche Funktionen des lateinischen Ablativs; die Griechen brauchten ihn wirklich. Einiges hat sich im Altkirchenslawischen erhalten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.01.2010 um 07.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15649

Germanist hat recht. Das Griechische ist größtenteils lateinisch vermittelt in unsere Sprachen gekommen, man denke auch an die Eigennamen (Apollonius Dyscolus, Plato usw.). Die grammatische Terminologie ist früh ins Lateinische übersetzt worden (wobei ich ja mit Ernst Kapp schon mal dafür plädiert habe, daß "casus accusativus" keineswegs eine Fehlübersetzung war!); nur vor dem "Aorist" mußten die Römer natürlich kapitulieren – dafür konnten sie mit dem "Ablativ" punkten, den die Griechen nicht kannten ...
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 26.01.2010 um 19.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15648

Dank an Herrn Konietzko! Jetzt kann ich es analysieren: Altgr. "para" neben; "deigma" Probe, Beweis; "parádeigma" Beispiel, Muster, Vorbild, Modell.

Wort-Bastarde aus Giechisch und Latein gibt es massenhaft. Die klassischen Latein-Grammatiker wollten griechische Wörter aussperren, aber nach der Wiederentdeckung des Griechischen in der Renaissance wurden sie massenhaft ins Mittellatein aufgenommen und lateinisiert, hier als "paradigma". Beide Wörter, "Flexion" und "Paradigma", haben schon lange nebeneinander existiert. "Flexionsparadigma" heißt folglich wörtlich übersetzt "Beugungsmuster".
 
 

Kommentar von David Konietzko, verfaßt am 26.01.2010 um 18.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15647

J. Hohenembs nimmt Anstoß an dem Wort Flexionsparadigma, weil hier Lateinisches mit Griechischem vermischt werde. Aber paradigma ist doch lateinisch! Das griechische Original heißt parádeigma.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.01.2010 um 17.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15646

Ich hatte ja bloß florafoxens Transkription verteidigen wollen ...
 
 

Kommentar von Vardapet, verfaßt am 26.01.2010 um 16.41 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15645

Lieber Herr Ickler,

natürlich wollte ich Ihnen nicht zu nahe treten. Mich hatte nur das -ng- etwas gestört, zumal es eine solche Ligatur im Sanskrit ja durchaus gibt. In einem normalen Textprogramm (z. B. WORD) hätte man ja das n der Velarreihe auch korrekt wiedergeben können ... Wenn keine Sonderzeichen zur Verfügung stehen, lasse ich sie eben weg ...

Panini (langes a, Punkt unter dem ersten n) ist selbstverständlich seit Bekanntwerden seiner Grammatik (Colebrooke, 1910) aus der westlichen Sprachwissenschaft nicht mehr wegzudenken. Doch zeichnet für die grammatische Terminologie z. B. der griechischen und lateinischen Schulgrammatik Dionysios Thrax verantwortlich.

Aber wie Sie schon sagten – genug davon.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.01.2010 um 15.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15643

Die Transkription war ein Versuch, hier ohne Sonderzeichen auszukommen, nicht wahr? Und eine "westliche" Sprachwissenschaft ohne Panini (den ich auch lax genug transkribiere ...) gibt es nicht. Von ihm haben die Europäer gelernt, Wörter fachgerecht zu zerlegen, den Ablaut zu verstehen und manches andere.
Aber wie gesagt, wir können es nun mit ihm genug sein lassen.
 
 

Kommentar von Vardapet, verfaßt am 26.01.2010 um 14.39 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15642

Ich weiß nicht, warum immer wieder auf Panini rekurriert wird, wenn es um die grammatische *westliche* Terminologie geht, und nicht auf Dionysios Thrax ...

Im übrigen verstehe ich auch *suptingantam* nicht. Vielleicht ist ja *suptinanantam* (sup-tin-antam) gemeint (Panini 1,4,14).

*Flexionsparadigma* ist seit langem gebräuchlich, und ich wüßte nicht, was daran auszusetzen sein sollte, außer daß es sich um eine "Bastardbildung" handelt ...

Geht es um Ästhetik oder um den treffenden Ausdruck? Für mich geht es um Präzision im sprachlichen Ausdruck, welche die neue Rechtschreibung nicht gewährleisten kann. Womit wir endlich wieder beim Thema wären ...
 
 

Kommentar von J.Hohenembs, verfaßt am 26.01.2010 um 10.40 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15641

Tatsächlich muß ich meinen Stil verbessern, um nicht dermaßen mißverstanden zu werden.
Wahrscheinlich liegt die geringe Verständlichkeit in einer mangelhaften schulischen Ausbildung begründet, wie hier vermutet.
Dennoch sei ein zweiter, erklärender Versuch dargebracht, womit zu sagen bleibt, daß eine Sprachwissenschaft auf Wörter wie "Flexionsparadigma" verzichten solle und nicht generell [!] auf internationales [!] Vokabular [!].
Die von Germanist erwähnte Bezeichnung "Beugungsmuster" täte dem fraglichen Wort zu viel der Ehre an. Flexionsparadigma ist hingegen mindestens so hässlich wie "Abwandlungs pattern". Im übrigen sollte man die Paradigmen den Soziologen und Ökonomen zwecks Wechsel derselben überlassen, einem gewichtigen Teil deren Arbeit.
Gehörten die Ansprüche an den Wortschatz einer Sprachwissenschaft nicht höher gesetzt als an andere Gegenstände?
Dem Chirurgen genüge es, keine besonderen Wünsche an seine Fachwörter aus einem griechisch-lateinischen Kauderwelsch zu richten, dafür aber sein Skalpell sauber zu halten. Der Linguist möge doch auch sein Werkzeug – selbst in bloß theoretischen Ergüssen – möglichst frei von septischer Kontamination halten.
Möglicherweise sind aber meine Vorstellungen zu kindlich, entsprechend der unterklassigen Reife.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.01.2010 um 16.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15629

Ich hatte den Gebrauch der Fachterminologie – falls das unklar sein sollte – gegen den Einwand von Herrn Hohenembs verteidigen wollen.

Was florafox zur Induktion usw. sagt, verstehe ich leider wieder nicht.
Meine Frage nach dem "Ablaut" ist nicht beantwortet. Nicht jeder Vokalwechsel ist schließlich Ablaut.
Zu "suptingantam padam" gehört ergänzend, daß die Indeklinabilia als Nomina zu betrachten sind, die ihr Suffix einbüßen ("luk").
Aber ich nehme die Mahnung ernst, dem Kreis der Diskutanten nicht noch mehr zuzumuten, und nehmen von weiteren Bemerkungen zu Panini Abstand. Höchstens daß ich noch einmal auf ihn zurückkomme, weil er ein Beispiel für strikte Mündlichkeit von hochrangiger Wissenschaft ist, was viele im Westen nicht für möglich halten.
 
 

Kommentar von florafox, verfaßt am 20.01.2010 um 21.32 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15594

Schön, dass mir bei Gebrauch deutscher Fachwörter postwendend ein gelungener Grundschulabschluss unterstellt wird, mein Motiv war jedoch maximale Allgemeinverständlichkeit, womit ich dem Trend im Forum klar zuwiderlaufe. Ich hätte auch das passende Panini-Sutra nennen können, was zur Schrumpfung des Kreises der Disputanten geführt hätte.
Zum Thema: Imperative im Singular sind zuweilen mit dem Stamm gleich, zuweilen nicht. Der strukturell geschulte Analytiker wird durch Sonderbildungen nicht verwirrt, wenn er im Überblick der indogermanischen Sprachfamilie durch Abstrahieren, Gewichten und Prüfen mit Hilfe des tertium comparationis mit folgender Induktion Gleichheiten erkennt, wo Oberstudienräte im Duden-Schmollwinkel sitzend längst einen Sonderstatus reklamieren, um sich damit interessant zu machen. Verschiedene Sprachen ähneln sich in ihren Unterschieden mehr als in ihren Gleichheiten, könnte man hier in Abwandlung eines weniger bekannten Aperçus von Lévi-Strauss behaupten. Natürlich ist der Ablaut kein Klang im Sinne einer konkreten Obertonkombination, sondern ein Wechselsystem von Vokalen. Panini hat die Basis dazu glasklar wie immer dargelegt.
A propos – an anderer Stelle im Forum wurde die Frage erörtert "Was ist ein Wort?" "suptingantam padam" lautet die knappe Antwort des altindischen Meisters, also "das was eine nominale oder verbale Endung hat."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2010 um 09.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15580

Es gibt bekanntlich Flexions-, Derivations- und Kompositionsstämme. Eine übersichtliche Darstellung z. B. bei Eisenberg und in der Dudengrammatik. Aber hier ist auch Kritik angebracht. Dudengrammatik 660f.: Man steht vor der Tatsache, daß die Derivationsstammform bei umlautfähigen Stämmen in zweierlei Gestalt auftritt: umgelautet und nichtumgelautet (rot-, röt-; krank-, kränk-). Bei Eisenberg: klag-, kläg-. Aber das ist eine Folge der Suffixe, die teils umlauten, teils nicht. Kompositumszweitglieder lauten natürlich nicht um, das ist ein wichtiges Kriterium. Das müßte aber an geeigneten Zweitgliedern gezeigt werden, nicht wie in der Dudengrammatik an Dorfstraße und rotbraun, sondern an Dorfrichter und Rotlicht mit i-haltigen Zweitgliedern. Die unpassenden Beispiele zeigen, daß der Zusammenhang mit umlautbewirkenden Folgeelementen nicht verstanden ist.
Die umgelauteten Derivationsstämme sind in Wirklichkeit Sandhi-Erscheinungen, mechanische Folgen der umlautenden Suffixe, und können nicht einfach nebeneinandergestellt werden. Erfände man ein neues Wort wie das Wuhm, so wüßte der deutsche Sprecher, daß das Diminutiv vermutlich Wühmchen lauten würde.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.01.2010 um 17.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15577

Die Sprachwissenschaft wird sich, wie jede andere, ihre weitgehend internationale Terminologie nicht nehmen lassen. Mit einer rein deutschen ist schon Glinz auf die Nase gefallen. Besser war das von mir gern zitierte und hoch geschätzte Werk von Sütterlin, das der damaligen Schulpraxis entsprach. Inzwischen wird jenseits der Grundschule keine deutschsprachige Terminologie mehr verwendet. Es gibt übrigens seit Jahrzehnten ein Verzeichnis grundlegender grammatischer Fachausdrücke für den mittleren (!) Schulabschluß von der KMK; dies sollte man dann wohl voraussetzen können.

Was bedeutet "Tiefstufung des Wurzelvokals e zum i". Der Umlaut kann nicht mit dem idg. Ablaut gleichgesetzt werden. Der Imperativ der ai. fünften Klasse ist natürlich hübsch ausgewählt, aber ich will hier nicht auch noch auf das indische Verbsystem eingehen, das würde wirklich zu weit führen und gehört nicht zu meinem Argument.

Ich behaupte natürlich nicht, es sei Zufall, wie der Imperativ lautet. Aber daß er im Deutschen mal mit der Stammform gleichlautet (scheinbar, s. meinen Haupteintrag: in Wirklichkeit mit der sprechbaren Zitierform, die wir dem abstrakten Stamm zugeordnet haben), mal nicht, das ist ein historischer Zufall. Und Zufall ist auch, wie die Nationalgrammatiken verfahren.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 18.01.2010 um 16.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15576

Zum Imperativ 2.Sg. findet man in Schmitt-Brand, Einführung in die Indogermanistik: "Wie in vielen Sprachen der Erde können wir auch für das Gemein-Indogermanische annehmen, daß der Imperativ im Singular aus dem reinen Verbalstamm bestand, an den gelegentlich verstärkende Partikeln antraten, ..."
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 18.01.2010 um 13.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15573

Man könnte ja auch "Beugungsmuster" (österreichisch "Biegungsmuster") sagen, aber ohne Fremdwörter ist es wohl nicht richtig wissenschaftlich.
 
 

Kommentar von J.Hohenembs, verfaßt am 18.01.2010 um 08.51 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15571

Eine Wissenschaft, die Wörter wie "Flexionsparadigma" gebiert, und vorgibt, mit Sprache zu tun zu haben, verbietet sich von selbst. Es existieren nur unaussprechliche Ausdrücke, um so etwas zu kommentieren, damit sei's getan. Gehn Sie in sich! Bitte!
 
 

Kommentar von florafox, verfaßt am 18.01.2010 um 01.32 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15568

Bezugspunkt sind die angeblichen "historischen Zufälligkeiten des Flexionsparadigmas".
Die Identität der 2. Person Sg. Imperativ mit dem Stamm im Beispiel "komm" ist zutiefst strukturell innerhalb unserer Sprachfamilie angelegt. In der 1. Präsensklasse des Sanskrit finden wir das systematische Vorbild z.B. "bhava", "sei!".
Im Beispiel "Lies!" finden wir eine weitere Parallele, nämlich die Tiefstufung des Wurzelvokals e zum i (hier gedehnt), die für die 2. Pers. Sg. Imperativ so auch im Sanskrit in der 5. Präsensklasse vorgeschrieben ist: "sunu", "presse" ist auch Stamm. Dasselbe gilt für den Imperativ "iß", wo der Wurzelvokal zurückgestuft wird. Zu beachten ist, dass der Inder einen Vokal zweimal steigert (u-o-au ), statt von Schwund- und Dehnstufe zu reden. Des weiteren: sprechen – "sprich!" etc.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.01.2010 um 16.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15550

Hier ist noch etwas Diskussionsstoff zur Wortbildung:
Die Zweitglieder -werk und -wesen sind bei Fleischer/Barz und Barz (Dudengrammatik) die einzigen beiden mit Wörtern homonymen "Suffixe", und zwar wegen der abweichenden Bedeutung. Formal kann ja von einer solchen Grammatikaliserung keine Rede sein.

Aber ist das schlüssig? Bei anderen Autoren liest man:

„Laubwerk bezeichnet keine Art von Werk, sondern Laub.“
„So ist das Laubwerk nichts anders als Laub...“

Das ist offenbar nicht richtig. Laub, das auf dem Boden liegt, ist kein Laubwerk. -werk bezeichnet immer eine geordnete oder organisierte Ganzheit: Buschwerk, Wasserwerk, Beiwerk, Fachwerk, Fahrwerk, Flechtwerk, Flickwerk, Studentenwerk, Netzwerk, Schuhwerk usw. Die Bedeutung des Bestandteils ist also durchaus spezifischer, als es bei Annahme einer Grammatikalisierung naheläge.

Besonders das Wasserwerk und das Elektrizitätswerk (Monopoly!) sind zwar keine "Werke" im üblichen Sinne, aber Suffixe zur bloßen Kollektivbildung sind es auch nicht.
Natürlich hat dieses Problem zu "Affixoiden" geführt. Man sollte sparsam damit umgehen, denn ein semantisches Abdriften von Kompositumsgliedern ist ungemein häufig und kann sehr weit gehen. Ich plädiere also dafür, den Begriff des Kompositums nicht allzu eng zu interpretieren. Auch Wörter mit -zeug und -szene sind für mich Komposita.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.01.2010 um 15.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15549

Das ist natürlich eine Frage der Wortwahl und der Definition. Ich habe ja selbst auch oft vereinfachend von Stämmen gesprochen wie Herr Wrase. Man könnte auch "Morphem" für das Konstrukt reservieren und den tatsächlich sich ereignenden Wortrest "Stamm" nennen. Ich bin mir selbst noch nicht über die endgültige Terminologie im klaren. Hinzu kommt ja noch mein persönliches Problem: Da ich eine strikt verhaltensbegriffliche Darstellung für wünschenswert halte, "gibt es" für mich letztlich auch die Abstraktionen oder Konstrukte nicht, sondern diese sind weiteres Sprachverhalten, das mit dem zu erklärenden in einer bestimmten Beziehung steht ... (So wie Skinner nicht davor zurückschrak, sein behavioristisches Reden vom Verhalten seinerseits als Verhalten eigener Art zu verstehen ...)
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 15.01.2010 um 12.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15548

Grundsätzlich einverstanden; aber mir stellt sich die Frage, ob Wortstämme sehr wohl im realen Sprechverhalten vorkommen und somit zu diesem gehören. Ich bin kein Grammatiker, aber ich hätte bisher gesagt, daß der erste Bestandteil des Wortes Schwimmbad der Stamm des Verbs schwimmen (mit dessen verschiedenen Erscheinungsformen) ist. Wenn das Wort Schwimmbad der Realität angehört ("wirklicher Verhaltensabschnitt", also kein Konstrukt), dann ist auch die erste Hälfte ein "wirklicher Verhaltensabschnitt", jedenfalls ein Bestandteil davon. Wie sollten wir dieses schwimm bezeichnen, wenn nicht als Wortstamm?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 13.01.2010 um 19.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15547

Manche Erstglieder von zusammengesetzten Substantiven erinnern an Genitive (Sg oder Pl) dieser Bestimmungs-"Wörter".
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.01.2010 um 18.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1266#15546

Vielen Dank, lieber Professor Ickler. Das ist alles sehr interessant und wird mich sicher, bis ich's einigermaßen verstanden habe, noch eine Weile beschäftigen.
 
 

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