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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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26.02.2009
 

Kenntlichkeit
Deutsch ins Grundgesetz (nach Seehofer)

In seiner Aschermittwochsrede hat Seehofer verlangt, die zugewanderten Ausländer sollten "gefälligst" Deutsch lernen. Also nicht weil es ihnen nutzt, sondern "gefälligst".
Großer Beifall, naturgemäß, denn der Fremdenhaß ist, wie schon der große Franz Dornseiff vor einem halben Jahrhundert feststellte, "allmählich zur seelischen Ruhelage des homo sapiens" geworden.

Mit diesem einen Wörtchen hat Seehofer verraten, welche Gesinnung er entweder selbst hegt oder bei seinen Landsleuten als selbstverständliche Grundlage des Beifalls voraussetzt. Genau wie seinerzeit Stoiber mit seiner unbedachten, aber dankenswert deutlichen Warnung von der "durchraßten Gesellschaft". Einmal die Sau rausgelassen und für immer kenntlich. Das alljährliche Passauer Geschrei ist der richtige Ort.



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Kommentare zu »Kenntlichkeit«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.04.2016 um 06.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#32223

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#14007

Wer nicht einmal Deutsch lernt, sollte wieder nach Hause gehen, sobald das zumutbar ist. (Jasper von Altenbockum FAZ 8.4.16)

Man wird, wie gesagt, mit zweierlei Maß messen müssen, denn Mitarbeiter von Siemans z. B. wird man kaum wegschicken wollen und können.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.09.2015 um 16.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#29987

Wetten, daß auch Rafik Y. Drogen genommen hat? Und das junge Mädchen, das in Dänemark seine Mutter »regelrecht hingerichtet« hat? Interessiert aber keinen. Legalize it, yeah!
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 18.09.2015 um 13.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#29986

Heute meldet Spiegel Online: In den letzten Wochen vor dem Absturz der Germanwings-Maschine dürfte Lubitz insgesamt vier Psychopharmaka konsumiert haben.

www.spiegel.de/panorama/germanwings-absturz-andreas-lubitz-fuehrte-glueckstagebuch-a-1053594.html
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 04.04.2015 um 03.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28548

Ach so, natürlich: Immer der Begriff in der ersten Spalte der Tabelle ist mit dem ausführlichen Bericht und Quellenangabe verlinkt. Ich war vermutlich durch Mißbrauch der Droge Wikipedia desorientiert; ich hatte bei einem schnellen Blick auf die Tabelle das Fehlen von Fußnoten als Belegmangel interpretiert.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 04.04.2015 um 00.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28547

An Quellenangaben besteht auf der genannten Website doch wahrlich kein Mangel?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 04.04.2015 um 00.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28546

Es sei noch einmal daran erinnert, daß sog. Amokläufe in der westlichen Welt unbekannt waren, bevor bewußtseinsverändernde Drogen wie LSD aufkamen. Aber Herr Achenbach nimmt in seiner Argumentation das vorhersehbare Untersuchungsergebnis vorweg: Lubitz war einfach nicht richtig eingestellt. Schuld sind, um einmal zum Sprachlichen zurückzukommen, nie die Drogen selbst, sondern immer nur der Mißbrauch.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 03.04.2015 um 20.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28545

Zitat Herr Achenbach: "Wenn in den Medien von einem Drogenhintergrund die Rede war, heißt das nicht, daß es einen gab." Mit Drogen sind hier Psychopharmaka gemeint.

Beim Kopiloten Lubitz war in den Medien von einem Drogenhintergrund die Rede, nämlich daß man eine Menge verschiedener Psychopharmaka in seiner Wohnung gefunden hat. Position Herr Achenbach: "Wir wissen nicht, ob es bei Lubitz einen Drogenhintergrund gab."

Die Anwendung auf den Fall Lubitz sollte nur der Veranschaulichung dienen: Ihre Position ist Unsinn, Herr Achenbach. So etwas gehört richtiggestellt, und Ihre Verteidigung nach dem Motto "Habe ich doch gar nicht gesagt" ist fehl am Platz.

Theoretisch besteht auch die Möglichkeit, daß Lubitz die Medikamente nur gekauft und die Verpackungen geöffnet hat, aber dann die Pillen nicht eingeommen, sondern weggeworfen hat. Folglich stand auch bisher nicht in den Medien, er habe Psychopharmaka konsumiert, obwohl das sehr wahrscheinlich ist. Es wird eben nur der Ermittlungsstand berichtet, wie es sich gehört. Ihre Medienschelte ist an dieser Stelle unter aller Würde, Herr Achenbach.

Die Website macht auch auf mich nicht den seriösesten Eindruck. Beispielsweise wäre sie glaubwürdiger, wenn die Details mit Quellenangaben ausgestattet wären. Ich bleibe aber bei meiner Einschätzung, daß die Betreiber sich hüten werden, Details zu Medikamenten in ihrem Sinne zu erfinden. Ich denke, sie hätten sehr schnell einen gewaltigen Ärger am Hals, wenn sie falsche Angaben in ihre Liste von Schulmassakern einarbeiten würden.

Bei Germanwings gilt es jetzt abzuwarten, ob die Experten die Gewebeproben pharmakologisch auswerten können und wie dann über das Thema berichtet wird. Außerdem wird abzuwarten sein, was die Ermittler über die zahlreichen Arztbesuche von Lubitz herausfinden und wie wir darüber informiert werden. Das ist ja im Moment alles im Gang.

Ein kausaler Zusammenhang ergibt sich bei einer stark überproportioalen Korrelation nicht unmittelbar, er wird aber nahelegt. Das hatten wir schon mehrmals festgestellt. Ihr jüngster Hinweis in dieser Richtung ist also wiederum unnötig, weil er hinter den Diskussionsstand zurückführt. Ihre Behauptung "Allenfalls könnte man daraus entnehmen, daß die eingenommenen Psychopharmaka leider nicht wirkungsvoll genug waren, um die Amokläufe zu verhindern" ist logisch falsch. Das führt noch weiter hinter den Diskussionsstand zurück.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 03.04.2015 um 16.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28541

Lieber Herrr Wrase,

warum schon wieder so persönlich?
Was sollen die Ausführungen zum Kopiloten? Sie wissen doch genau, daß ich mich dazu mit keinem Wort geäußert habe.

Zur Sache:

Ich empfehle die Lektüre des Aufsatzes „Spirituality und Sorcery“ von der schon erwähnten Frau Ann Blake-Tracy (http://www.drugawareness.org/spirituality-and-sorcery/). Das ist ein typisches Beispiel für Verschwörungstheorien zur bösen Pharmaindustrie usw.

Ich erwähne diese Dinge, auch die ätherischen Öle, nur um meinen Eindruck zu belegen, daß die fragliche web site sehr dubios ist und die Informationen, die dort zu finden sind, daher nur mit sehr spitzen Fingern angefaßt werden sollten.

Nun zur Liste über Amokläufe: Ich kann nicht erkennen, wie diese Liste zustande gekommen ist. Aber selbst wenn diese Liste vollkommen objektiv und sachlich zutreffend wäre, was könnte man denn daraus schließen? Zum einen, daß viele Amokläufe an Schulen von Personen mit psychischen Störungen unternommen wurden. Zum anderen, daß Personen mit psychischen Störungen häufig Psychopharmaka nehmen. Sehr überraschend kommen mir diese Erkenntnisse nicht vor. Allenfalls könnte man daraus entnehmen, daß die eingenommenen Psychopharmaka leider nicht wirkungsvoll genug waren, um die Amokläufe zu verhindern.

Jedenfalls kann man aus dieser Liste nicht auf einen kausalen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Psychopharmaka und Amokläufen schließen.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 02.04.2015 um 05.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28517

Ihre Bemerkungen sind abwegig, Herr Achenbach. Bei einer Reihe Ihrer Beiträge hatte ich zuletzt den Eindruck, daß Sie nur aus Prinzip widersprechen. Die Betreiber der Website werden einen Teufel tun und irgendwelche Schulmassaker, Opferzahlen oder Tatumstände erfinden, nur um mehr Absatz für ätherische Öle zu generieren. Und wenn Sie beispielsweise behaupten wollen, die Staatsanwaltschaft hätte die Öffentlichkeit über die bei Lubitz aufgefundenen Medikamente möglicherweise belogen oder sie könnte ein bloßes Gerücht in die Welt gesetzt haben, ist das Unsinn. In den seriösen Medien steht dasselbe, also das, was die Ermittler herausgefunden haben.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 01.04.2015 um 19.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28512

Wenn in den Medien von einem Drogenhintergrund die Rede war, heißt das nicht, daß es einen gab.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 01.04.2015 um 15.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28510

Lieber Herr Wrase,

um sich ein Urteil zu bilden, kann es nie schaden, sich etwas im Umfeld umzuschauen.

Die hier in Rede stehende Liste von Amokläufen in Schulen ist ja nur eine web page der web site www.ssristories.net. Dies wiederum ist ein Ableger der web site http://www.drugawareness.org. Es ist hier, daß sich unter dem Link „Alternatives“ die schon erwähnten ätherischen Öle und Kräutermischungen finden lassen. Hier findet man auch einen „Store“, in dem einschlägige Bücher und sonstige Medien erworben werden können.

Diese web site wird anscheinend von einer „International Coalition for Drug Awareness“ betrieben. „Executive Director” dieser Organisation ist Ann Blake-Tracy, die überhaupt die treibende Kraft zu sein scheint. Es ist auch diese Dame, die „Telefonkonsultationen“ für 50$/30 min anbietet.

Das ist ja alles legitim und für vermeintlich durch Psychopharmazeutika Geschädigte vielleicht nützlich. Ob die hier zu findenden Informationen aber obkjektiv und verläßlich sind, ist eine andere Frage.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 01.04.2015 um 14.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28508

Die zitierte Aufstellung beruht im wesentlichen auf Medienberichten. Wenn in den Medien nicht von einem Drogenhintergrund die Rede war, heißt das nicht, daß es keinen gab.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 01.04.2015 um 14.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28507

Aus einer (redaktionell überarbeiteten) Reuters-Meldung zum Thema (Titel: "Lufthansa wusste nichts von Erkrankung"):
Gleiches gelte in bezug auf Augenprobleme, über die mehrere Zeitungen berichteten. Grundsätzlich werde die Seefähigkeit beim jährlichen Medizintest der Piloten geprüft.

 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 31.03.2015 um 22.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28501

Überhaupt nicht. Auf der Seite www.ssristories.net/school-shootings gibt es viel Information und so gut wie keine Werbung.

Methodisch sehr mangelhaft ist allerdings, daß eine Gegenüberstellung fehlt, wie viele Schulmassaker ohne diesen medikamentösen Hintergrund stattfanden, und die statistische Auswertung eines solchen Vergleichs. Siehe zum Beispiel "List of attacks related to secondary schools" in der englischen Wikipedia mit noch viel mehr Einträgen, dazu Verweise auf weitere Listen (zu anderen Arten von Schulen).

Wie viele Millionen Depressive nehmen Psychopharmaka ein? Wie viele werden möglicherweise durch sie von Gewalttaten abgehalten? Wie viele werden möglicherweise durch sie erst zu Gewalttätern? War der Konsum im Einzelfall wie vorgesehen oder mißbräuchlich? Das ist alles bei weitem nicht so einfach, wie es die Website darstellt. Das Thema wurde offenbar beforscht, bisher ohne klares Ergebnis (Eindruck nach einigem Surfen).
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 31.03.2015 um 16.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28495

Auf der genannten Internet-Seite werden neben Büchern und telefonischer Rechtsberatung auch ätherische Öle und Kräutermischungen als Alternativen zu Psychopharmaka angeboten.

Da gehe ich bei meinem nächsten Wahnsinnsanfall doch lieber zum Homöopathen.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 31.03.2015 um 01.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28481

Starkes Argument. – Ich halte es für gut möglich, daß man in Gewebeproben auch diesmal Rückstände findet, die auf den (möglicherweise exzessiven oder nicht verschreibungsgemäßen) Konsum von Psychopharmaka schließen lassen. Das Ergebnis der Untersuchung wird die Staatsanwaltschaft der Öffentlichkeit sicherlich mitteilen. Dann müßte eigentlich eine Diskussion über die Gefährlichkeit solcher Medikamente in Gang kommen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 31.03.2015 um 00.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28479

http://www.ssristories.net/school-shootings/
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 30.03.2015 um 23.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28477

Bleibt die Frage, ob es eine solche Nebenwirkung gibt.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 30.03.2015 um 21.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28476

Natürlich handelt es sich sozusagen um eine seltene Nebenwirkung. Nur daß in diesem Fall die Gesellschaft insgesamt betroffen ist, nicht nur der Patient selbst.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 30.03.2015 um 18.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28475

Der treffendere Einwand gegen den behaupteten Zusammenhang ist: Von den Menschen, die Psychopharmaka einnehmen, läuft nahezu keiner Amok. Wenn, dann käme wohl nur die Frage in Betracht, ob Psychopharmaka die Selbstkontrolle in einer Weise senken, daß ein Mensch, der bereits mit dem Gedanken an eine Wahnsinnstat schwanger geht, sie mit einer höheren Wahrscheinlichkeit tatsächlich verübt.

Einen solchen Zusammenhang halte ich für plausibel. Es dürfte jedoch unmöglich sein, ihn nachzuweisen, weil man nur Taten erkennen kann, nicht aber Gedanken (es sei denn, sie werden deutlich mitgeteilt). Es käme wohl eher ein indirekter Rückschluß in Frage, nach dem Prinzip: Wenn bei Menschen, die unter dem Einfluß von solchen Drogen stehen, ein Kontrollverlust ingesamt häufiger zu beobachten ist als bei Menschen, die solche Drogen nicht konsumieren, dann wird dieser Unterschied sich auch in einer höheren Anfälligkeit für extreme Verhaltensweisen auswirken.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 30.03.2015 um 14.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28473

Ein großer Teil der medizinischen Forschung beruht auf »Post hoc ergo propter hoc«-Mutmaßungen. Man verabreicht etwas und stellt an Versuchspersonen Wirkungen fest. Das heißt dann noch lange nicht, daß man die Wirkungsweise im einzelnen durchschaut.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 30.03.2015 um 14.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28472

"Der Zusammenhang wird mit jedem dieser Fälle offensichtlicher."

Post hoc ergo propter hoc?

Menschen, die nicht an Depressionen leiden, nehmen in der Regel auch keine Antidepressiva ein.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 30.03.2015 um 12.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28470

"Drogen": Mir ist das schon klar, aber gerade im Zitat kommt es ja so herüber, als ob Psychopharmaka keine Drogen seien (im Sinne von Wirkstoffen, die den Verstand und die Selbstkontrolle beeinträchtigen können).

Wenn man keine Rückstände von diesen Medikamenten findet, kann man nur für einen kürzeren Zeitraum folgern, daß Lubitz keine konsumiert hat. Wenn man Rückstände findet, kann man erkennen, welche Substanzen er zuletzt zu sich genommen hat und in welcher Menge; daraus kann man aber wiederum nicht folgern, die Wirkstoffe hätten ihn beeinträchtigt. Es wird dann nur der Verdacht eines Zusammenhangs nahegelegt.

Genauere Aufschlüsse könnten Berichte von Personen bringen, die ihn in den letzten Jahren privat erlebt haben: sein Verhalten, seine Äußerungen, vor allem wenn sich beides deutlich zum Krankhaften hin verändert haben sollte. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß er nie etwas von sich preisgegeben hat. Aus meiner Sicht könnten die Frauen, mit denen er zusammen war, am meisten zur Klärung der Frage beitragen, welche Gedanken ihn beschäftigt haben.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 30.03.2015 um 11.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28469

Mit »Drogen« werden hier illegale Substanzen gemeint sein. Psychopharmaka sind auch »Drogen«, nur eben andere.

Im übrigen mag Lubitz zum Tatzeitpunkt nüchtern gewesen sein; das heißt aber nicht, daß er ein intaktes Gehirn hatte.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 30.03.2015 um 04.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28460

Also gut, Medikamente (Drogen) können eine Rolle gespielt haben. Um diesen Verdacht zu klären, wären auswertbare Gewebeproben nötig. Sprachlich interessant ist in diesem Zusammenhang folgendes Zitat:

Die Fahnder stellten eine „Vielzahl von Medikamenten zur Behandlung der psychischen Erkrankung“ sicher. [...] Hinweise auf Drogen und Alkohol gibt es nicht.

www.bild.de/news/ausland/flug-4u9525/wie-wurde-andreas-lubitz-zum-amok-piloten-40347978.bild.html
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 30.03.2015 um 01.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28458

Es geht doch überhaupt nicht darum, daß die Therapie nicht erfolgreich war. Vielmehr haben wahrscheinlich die therapeutischen Methoden aus Lubitz überhaupt erst einen Massenmörder gemacht. Denn wenn er, wie zu hören ist, wegen Depressionen behandelt wurde, wird man ihm wohl, wie das heutzutage üblich ist, Antidepressiva verabreicht haben. Mit diesen gefährlichen Drogen wurden auch schon andere »Amokläufer« versorgt, z. B. Adam Lanza (2013). Der Zusammenhang wird mit jedem dieser Fälle offensichtlicher.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 29.03.2015 um 17.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28455

"Vielleicht glauben die Leute ganz aufrichtig, daß sich Psychotherapeuten und wer weiß wer noch ernsthaft um den Co-Piloten gekümmert haben, ihm die bestmögliche Therapie haben zukommen lassen, aber deshalb erfolglos waren, weil sich die Krankheit als therapieresistent erwiesen hat." Ja genau, das glauben sie wohl. Oder mit anderen Worten: Sie sind "völlig unkritisch" (R. M.). Das sind andere Formulierungen für den genannten Tatbestand. Eine Antwort auf die Frage, warum die Menschen bei diesem Thema auf einem Auge blind sind, ist damit noch nicht gegeben.

Eine Gegenthese: "Psychotherapie, die den Namen verdient, müßte wenigstens mit kurzer Wirkung über die Zeit der Therapie hinaus verhindern können, daß sich eine Person umbringt. Jedenfalls wenn das suizidale Motiv ein einigermaßen banales Minderwertigkeitsgefühl ist, auf das man therapeutisch im Prinzip vielfältig einwirken kann." Warum geht man nicht von dieser naheliegenden Sichtweise aus? Im selben Moment ergäbe sich unmittelbar, daß die Therapie nicht in Ordnung war. Und dann müßte man eigentlich den Therapeuten beschuldigen – außer wenn es grundsätzlich "verboten" ist.

Wer sagt denn, daß der Kopilot schon vor seinen häufigen Kontakten mit Ärzten unheilbar auf seinen Plan festgelegt war? Alle scheinen das zu denken. Aber auch diese Einschätzung ergibt sich erst auf der Grundlage der Annahme, daß der Therapeut keine Schuld haben kann.

Ich vermute mehrere Gründe, kann aber nur einen deutlich sehen. Ich stelle mir vor, daß ein Journalist in einem renommierten Medium (z. B. FAZ oder Spiegel) den Vorwurf gegen die behandelnden Ärzte ausformuliert. Was würde passieren? Sicherlich würde die Ärzteschaft mit einem Sturm der Entrüstung antworten, der von der bekannnten üblichen Sichtweise ausgeht. Man würde fordern, der Journalist müsse den Mangel der Behandlung und seine Ursächlichkeit für die Tat nachweisen; er schade ohne Nachweis der Berechtigung dem Ansehen der Ärzte, er zerstöre das dringend nötige Vertrauen der Patienten in ihren Behandler usw. Dieser absehbaren Reaktion beugt man vor und bringt deshalb keinen Vorwurf zu Papier.

Wie gesagt, aus nüchterner Sicht ist vor allem die Ungleichbehandlung der potentiell Verantwortlichen völlig unrealistisch und verwunderlich. Auf den Arbeitgeber wird eingedroschen. Die Ärzte werden dagegen überhaupt nicht beschuldigt, obwohl sie tausendmal mehr Möglichkeiten hatten, die Notlage zu erkennen und auf sie einzuwirken. Der Arbeitgeber hat, wenn überhaupt, versagt, als er die von einem psychisch instabilen Piloten ausgehende Gefahr unterschätzt hat – damals, in dessen Ausbildungszeit. Aber die Einschätzung der Tauglichkeit in psychischer Hinsicht fällt abermals in das Aufgabengebiet der Ärzte bzw. Psychologen. Somit wäre sogar ausschließlich dieser Berufsstand anzuklagen und nicht die Lufthansa in ihrer Eigenschaft als Arbeitgeber.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 29.03.2015 um 16.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28454

Die meisten Journalisten sind unkritisch, wenn es um Psychotherapie jedweder Art geht, das ist völlig richtig. Sie sind außerdem unkritisch, wenn es um Drogen geht, weil sie selber welche nehmen. Das ergänzt sich.

Zum Amokläufer wird man nicht, weil man diffus unglücklich ist und der Therapeut nicht gut genug war. Dazu bedarf es stärkerer Eingriffe in die Funktionsweise des Gehirns.

Übrigens: Die Anhänger des Islamischen Staats trinken nicht, konsumieren dafür aber bestimmt andere Sachen. Auch darüber liest man nicht viel, oder täuscht der Eindruck?
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 29.03.2015 um 12.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28452

Liegt das wirklich an einem Denkverbot? Vielleicht glauben Journalisten und Leserbriefschreiber schlichtweg nicht, daß eine Psychotherapie zwingend zum Erfolg führt, sosehr sie handwerklich auch gelungen sein mag.
Vielleicht glauben die Leute ganz aufrichtig, daß sich Psychotherapeuten und wer weiß wer noch ernsthaft um den Co-Piloten gekümmert haben, ihm die bestmögliche Therapie haben zukommen lassen, aber deshalb erfolglos waren, weil sich die Krankheit als therapieresistent erwiesen hat.

Ich habe keine Ahnung, wie es wirklich war, und will auch nicht spekulieren.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 29.03.2015 um 11.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28451

Fast immer bewundere ich die Fähigkeit von R. M., ein Thema bündig auf den Punkt zu bringen. In diesem Fall bin ich nicht einverstanden. Es sind ja nicht die Vertreter der Pharmaindustrie, sondern Journalisten, die Bericht erstatten und Kommentare schreiben.

Ich sehe hier ein allgemeines Tabu am Werk: Psychotherapeuten, bei denen Selbstmörder vor ihrer Tat in Behandlung waren, dürfen nicht als Versager kritisiert werden. Warum ist das so? Warum hat man vor diesem Gedankengang Angst? Gehorsam gegenüber den Bedürfnissen der Pharmaindustrie kann ich nicht als Grund erkennen. Dieses Denkverbot scheint auch bei den Lesern zu herrschen, die erst recht nicht als Lobbyisten der Pharmaindustrie gelten können.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 29.03.2015 um 10.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28449

Aller Wahrscheinlichkeit nach geht es auch in diesem Fall nicht um eine fehlgeschlagene Gesprächstherapie, sondern um die Verabreichung von Antidepressiva. Aber was sind 150 Todesopfer gegen ein Milliardengeschäft?
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 29.03.2015 um 09.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#28448

Wir hatten weiter unten ausführlich über Amokläufe diskutiert. Nun gab es ja diesen Selbstmord-Massenmord des Kopiloten Andreas L. Er hat das Flugzeug mit sich und weiteren 149 Insassen zum Absturz gebracht. Mutmaßliches Motiv: Er wollte den ganz großen Abgang. Die ganze Welt sollte ihn kennen. Seine Tat ähnelt einem Amoklauf.

Was mir an der Darstellung in den Medien auffällt, ist folgendes. Mit einer ungeheuren Gewalt wird nach der Verantwortung des Unternehmens Lufthansa gefragt, und das wird auch so weitergehen. Das Unternehmen wird große Summen an Entschädigung leisten. Niemand aber fragt nach der Verantwortung des oder der involvierten Psychotherapeuten. Andreas L. war ja wegen Depressionen "anderthalb Jahre in psychiatrischer Behandlung", und zwar "bei mehreren Medizinern" und "am Uniklinikum Düsseldorf" (inoffizielle Informationen laut FAZ). Über viele, viele Stunden hatten sie Gelegenheit, mit ihm über sein Innenleben und seinen Beruf zu sprechen und ihn auf bessere Gedanken zu bringen. Warum haben sie versagt? Warum zieht man sie nicht zur Rechenschaft?

Der Psychiater Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig, sagt: "Etwa 90 Prozent aller Selbsttötungen geschähen vor dem Hintergrund einer nicht optimal behandelten seelischen Störung" (Spiegel Online). Ein interessanter Kommentar vor dem Hintergrund, daß durchaus behandelt wurde. Nur leider "nicht optimal".

Es gibt sehr viele Selbstmörder, die zuvor in psychotherapeutischer Behandlung waren. Der Zusammenhang wird dann regelmäßig so dargestellt und/oder rezipiert: "Der Betreffende brachte sich um, obwohl er in Behandlung war." Mindestens genauso gut wären andere Interpretationen möglich: "Er brachte sich um, weil die Behandlung falsch war." Oder: "... weil die Behandlung sein Selbstwertgefühl vollends zerstört hat." Das sagt aber nie jemand – als seien Psychotherapeuten für den Ausgang ihrer Behandlungen grundsätzlich nicht verantwortlich. Oder als sei es grundsätzlich undenkbar, daß sie ihr Handwerk nicht beherrschen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2014 um 04.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#27521

Ob man schon erforscht hat, wann und unter welchen Bedingungen ausgewanderte Familien ihre Muttersprache auch zu Hause untereinander aufgeben? Daß die radebrechenden Erwachsenen ihren Kindern und Enkeln die Landessprache beibringen, ist ja wohl unwahrscheinlich. Eher umgekehrt. Pioniere dürften die Kinder sein, die die Sprache ihrer Eltern nicht mehr vollständig beherrschen, vor allem die Bildungsinhalte der Schule nicht mehr in der Muttersprache ausdrücken können.
Meine Frau hat als kleines Mädchen (etwa von 4 bis 12) in Irland gelebt, sprach zu Hause deutsch, in der Schule und mit den Spielkameraden, der Einfachheit halber auch mit ihrer wenig jüngeren Schwester englisch (besser als die Eltern). Als sie nach Deutschland kam, war sie im Deutschen unbeholfener als im Englischen und hatte in der Schule einige Schwierigkeiten, weil sie viele deutsche Wörter nicht kannte (abgesehen vom Problem mit dem Baierischen). Der Fall ist natürlich nicht repräsentativ für Einwanderung, außer in diesem einen Punkt: die Kinder gehen voran, werden in gewisser Weise auch den Eltern entfremdet, was allerdings auch sonst eintritt, wenn die Kinder eine höhere Bildung genießen als die Eltern.
Bei gemischtsprachigen Ehen wird meistens intuitiv und aus praktischen Gründen die "Formule Grammont" angewendet: Une personne - une langue. Das haben wir hier in unserer Umgebung oft erlebt, wegen Siemens vor allem. Die Schule homogenisiert dann in Richtung Deutsch.
Wie die Familien es zu Hause halten, geht den Staat nichts an. Er könnte auch nichts vorschreiben, ohne die Einhaltung zu überwachen, und dann gute Nacht!
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 08.12.2014 um 23.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#27519

Es wirkt lustig, wenn nach USA oder Kanada ausgewanderte erwachsene Deutsche bei Besuchen in Deutschland Deutsch mit starkem amerikanischen Akzent sprechen, wie es sich für gute Amerikaner und Kanadier gehört.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 08.12.2014 um 18.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#27518

Wenn man anregt, daß Einwandererfamilien zu Hause Deutsch sprechen, hält man sie für integrationswillig, lernbereit und kulturinteressiert. Spanier, Italiener, Polen, Russen und wer weiß wer noch machen das seit Jahrzehnten so, Deutsche in den USA und sonstwo sprechen Englisch.
Insofern trägt man bei anderen Einwanderergruppen Eulen nach Athen, wenn man das fordert, schließlich geht man selbstverständlich davon aus, daß die Einwander sich in die deutsche Gesellschaft integrieren wollen.
Wer daran zweifelt, muß wohl in Neukölln, Wilhelmsburg oder Bockenheim leben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.12.2014 um 17.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#27517

Die CSU ist ja inzwischen zurückgerudert, es sei nicht so gemeint gewesen usw., insofern hat sich das Thema erledigt.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 08.12.2014 um 16.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#27516

Da das politische Ziel der Union der mittelfristige Austausch der autochthonen Bevölkerung durch Einwanderer ist, kann bei dieser Gelegenheit auch gleich das Englische eingeführt werden, how already Oettinger has said.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 08.12.2014 um 15.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#27515

Das Problem, das die CSU wieder mal ausgesprochen tapsig und von der falschen Seite angeht, hat ein anderer schon viel deutlicher angesprochen: "Deutschland schafft sich ab." Wenn in Deutschlands Haushalten Deutsch bald nur noch die dritt- oder vierthäufigste Sprache ist und in Bayern nicht mehr die CSU, sondern die ISU regiert, dann wird diese schon einiges besser machen.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 08.12.2014 um 12.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#27513

Wenn mir mein eifriges bißchen Neugriechisch in der Volkshochschule durcheinandergerät, pflegt die Lehrerin lächelnd zu sagen: „Man versteht, was du sagen willst.“ Tatsächlich kann ich mich verständlich machen. Das ist doch besser als nichts! Als meine Kinder in der Schule Englisch bekamen, habe ich angefangen, häufig englisch mit ihnen zu sprechen. Das stieß nicht immer auf Begeisterung, aber sie verloren rasch die Scheu davor, frei zu reden, fanden es bald selbstverständlich und waren stolz darauf. Kürzlich habe ich an der Supermarktkasse hinter einer Muslimin gestanden, die mit ihrem Kleinkind abwechselnd türkisch und deutsch sprach. Warum sollte sie als Migrantin der zweiten Generation nicht dazu in der Lage sein? Ihr Deutsch war nicht perfekt, aber ihr Kind wird in der Schule von Anfang an mitreden können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.12.2014 um 10.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#27512

Das könnte ich mir höchstens so vorstellen, daß Schulkinder ihren Eltern das eine oder andere beibringen, was sie in der Schule schon gelernt haben. Andernfalls würde unvermeidlich etwas Falsches eingeübt werden; es fehlt ja das korrekte Vorbild. Im übrigen ist für Familien wohl am wichtigsten, daß man einander gut versteht. Man wird sich davon nicht um des edlen Zieles willen abbringen lassen, fließend bayerisch sprechen zu lernen.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 08.12.2014 um 08.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#27510

Gewiß ist die Forderung populistisch motiviert; ungeschickt ist sie obendrein, zumal der CSU die Nachteile fürs Deutschlernen beim Einsatz für die „Herdprämie“ schnurz waren. Die öffentliche Häme ist aber nicht minder populistisch. An der Anregung, eine Fremdsprache in der Familie praktisch zu üben, ist schließlich nichts auszusetzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.12.2014 um 07.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#27509

Die CSU holt immer mal wieder ihre Forderung hervor, Ausländer sollten hierzulande auch in den eigenen vier Wänden deutsch sprechen. Das ist natürlich reine Taktik, um das Wählerpotential auszuschöpfen. Man hat, auch wenn es dann wieder halb zurückgenommen wird, immerhin schon mal angedeutet, was man von diesen Ausländern hält; bei der nächsten Wahl wird mancher sich daran erinnern. Rechts überholen geht gar nicht.

Es wird ja angenommen, mit jeder neuen Sprache eröffne sich eine ganz neue Welt, eine andere Kultur. Warum sollte das für das Gastarbeiter-Kauderwelsch nicht auch gelten?

Ein Problem ist die Überwachung des häuslichen Sprachgebrauchs, aber mit moderner Elektronik sollte das lösbar sein.

Nicht so nett finde ich den Spott der Nordlichter (einschließlich FAZ) über das Bayerische, das hierzulande sogar auf Behörden usw. gesprochen wird.

Übrigens, in gleicher Logik: Wie sollen Schulkinder die reformierte Rechtschreibung erlernen, wenn in den Familien die "alte" benutzt wird?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.03.2013 um 07.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22863

Im Niedersachsen-Werbemagazin „plietsch“ bekommt auch der Kriminologe Christian Pfeiffer eine Doppelseite. Er ist zwar Jurist, weiß aber auch Antworten auf pädagogische Fragen:

„Von den 15-jährigen Jungen sind 16 Prozent viereinhalb Stunden und mehr pro Tag mit Computerspielen beschäftigt – Fernsehen und Internet kommen noch obendrauf. Bei den Mädchen sind es nur vier Prozent. Logisch, dass die jungen bei den schulischen Leistungen einbrechen.“

Daß es kinderleicht ist, Kausalbeziehungen zu erkennen, wissen die Psychologen schon lange.

„plietsch“ beherrscht auch die reformierte Rechtschreibung, wie man es in Wernstedt-Land erwartet:

„Die Schulen müssen Lust auf Leben wecken, durch Sport, aktives musizieren, Theater spielen, soziales lernen.“
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 20.02.2013 um 14.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22681

"Unter dem Strich fährt eine Gesellschaft besser, wenn sie anstrebt, das Tragen von Schußwaffen Vertretern der staatlichen Ordnung zu überlassen." Das hatte ich weiter unten geschrieben und war auf Widerspruch gestoßen.

Der aktuelle Fall Oscar Pistorius scheint das jetzt sehr deutlich zu belegen.

Ich gehe davon aus, daß es sich bestätigen wird, daß Pistorius lügt, was jetzt schon anhand von Zeugenaussagen deutlich wird. Weiterhin meine ich, daß seine Version sowieso höchst unglaubwürdig ist. Außderdem setze ich voraus, daß es sehr viel leichter ist, eine verhaßte Person mit einer Pistole umzubringen (also auf Distanz und mit einem Fingerkrümmen) als beispielsweise mit einem Messer, einem Seil oder den bloßen Händen. Erstens ist die Hemmschwelle stärker wirksam, wenn man selber Hand anlegen muß. Zweitens ist der Täter dann fast schon überführt, weil es unmöglich ist, bei einem Nahkampf Spuren zu vermeiden.

Pistorius behauptet, er habe seine Freundin schlafend neben sich vermutet, als er sein Bett verließ, und durch die geschlossene Toilettentür geballert, weil er dahinter "einen Einbrecher" vermutet habe. Auf so einen perfiden Plan mitsamt einer solchen Ausrede kann ein Täter auch nur dank der Distanz kommen, die die Schußwaffe ihm verschafft. Mit seinem Anschlag durch die geschlossene Tür hat er diesen Vorteil ausbeuten wollen: Er meinte, anschließend alles mögliche behaupten zu können, weil es ja nicht einmal Sichtkontakt gab.

Wenn er also keine Waffe besessen hätte, dann hätte seine Freundin bessere Chancen gehabt, seinen Haß zu überleben. Das kann man auf eine Gesellschaft hochrechnen. Die Erleichterung des Tötens bedeutet unter dem Strich mehr Tötungen – der Zusammenhang ist meines Erachtens evident.

PS: Falls die Ermittlungen wider Erwarten einen anderen Hergang ergeben sollten, entschuldige ich mich schon im voraus für diese Darstellung.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 21.12.2012 um 14.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22173

Ja, sollen sie. Und sie sollen dann eine wohlorganisierte Miliz bilden und keine bewaffneten Hühnerhaufen. Es ist alles nicht so furchtbar schwer zu verstehen, aber auch nicht mehr wirklich zeitgemäß und gefällt überdies nicht jedem, und so gibt es dann, wie bei allen heiligen, unveränderlichen Texten, einen geschäftigen Betrieb der Um- und Neudeutung (Stichwort living constitution).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.12.2012 um 13.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22171

Eigentlich wollte ich es damit bewenden lassen, weil es mir genügt, daß ich – wie immer – recht habe. Aber im Ernst: Mir ging es nicht um den Begriff "Militia", der mag ja klar genug sein, sondern um die Logik dieser vorangestellten Klausel in bezug auf den gesamten Zusatz. (Sollten die Bürger Waffen tragen dürfen, damit man jederzeit eine "well regulated Militia" aus ihnen rekrutieren könnte?)

Die Zeichensetzung in alten Texten ist ein Kapitel für sich. Die kann man nicht immer nach heutigen Maßstäben auslegen.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 21.12.2012 um 08.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22169

Die Sache mit dem Komma sollte man nicht ohne weiteres abtun, weil sich auch die Juristen damit herumschlagen. Vgl. beispielsweise die Beispiele in Ben Yagodas Artikel in der New York Times (http://opinionator.blogs.nytimes.com/2012/04/09/fanfare-for-the-comma-man/).

In anderen und weniger bedeutsamen Fällen konnte und kann ein Komma den Unterschied zwischen Rufmord und Information ausmachen (vgl. z.B. den Fall der Kolportageromane Karl Mays: hier und hier) – womit dem Thema wegen der Bedeutung der sinnvollen Kommasetzung auch noch ein orthographischer Aspekt abgewonnen wäre.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 21.12.2012 um 00.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22167

»Das hat mit dem Gewaltmonopol des Staates nichts zu tun.« So? »Denn wenn der Staat in einer Gefahrensituation nicht anwesend ist, kann er auch kein Monopol beanspruchen.« Das wäre aber eine ziemlich erhebliche Einschränkung, nicht wahr? Im übrigen müssen sich Leibwächter oder andere private Ordnungskräfte ja nicht flach auf den Boden legen, sobald ein Polizist in Sichtweite kommt.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 20.12.2012 um 22.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22166

Es sei doch daran erinnert, daß die Selbstverteidigung mit der Schußwaffe auch in Deutschland erlaubt ist. Der Unterschied zu den USA ist nur, daß in Deutschland der Waffenbesitz stärker reguliert und nicht grundgesetzlich garantiert ist.

Allerdings ist der Einsatz der Schußwaffe auch in Notwehr riskant. Denn es wird anschließend geprüft, ob der Waffeneinsatz zum Schutz von Leib und Leben wirklich notwendig war. Das gilt für Polizisten genauso wie für normale Bürger.

Es kann nun sein, daß der Einsatz der Schußwaffe sich nachträglich als an sich unnötig erweist (der Angreifer hatte nur eine Spielzeugpistole), was aber für den Angegriffenen nicht erkennbar war. Dann handelt es sich um „putative Notwehr“. Auch das gilt für Polizisten genauso wie für jeden anderen.

Das hat mit dem Gewaltmonopol des Staates nichts zu tun. Denn wenn der Staat in einer Gefahrensituation nicht anwesend ist, kann er auch kein Monopol beanspruchen.

Ebenso kann ich einen ertappten Dieb solange festhalten, bis die Polizei erscheint, ohne deshalb wegen Freiheitsberaubung belangt zu werden.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 20.12.2012 um 19.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22165

In Deutschland kann man von jedem Polizisten in "Putativnotwehr" (eingebildeder Notwehr) erschossen werden, in den USA von jedem Bürger, der sich eine Bedrohung einbildet. Folglich muß dringend eine Reisewarnung für die USA ausgesprochen werden. Wenn es nicht die USA wären, würde man Land und Leute als unterentwickelt bezeichnen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 20.12.2012 um 14.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22164

Ein Auslegungsproblem besteht sicherlich darin, daß arms nicht definiert ist und jeder Versuch der (restriktiven) Definition als infringement verstanden werden kann. Aber die Bedeutung von Militia ist nicht unklar. Natürlich haben die Autoren des Zusatzes nicht daran denken können, daß spätere Zeiten einmal schießwütige Hausfrauen mit automatischen Waffen hervorbringen würden. (Die amerikanischen Verfassungsrichter sind übrigens immer vom Präsidenten und vom Senat »handverlesen«.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.12.2012 um 12.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22162

Ich finde, daß der Wiki-Artikel eine umsichtige Diskussion aller Gesichtspunkte enthält. Daraus geht hervor, daß es nicht so einfach ist.

Warum sollte von "well regulated militia" gesprochen werden, wenn damit tatsächlich nur die wehrfähigen (nicht auch ausgebildeten?) Männer gemeint sind? Und wie könnte das Waffenrecht für jedermann (das Volk, also auch die Mutter des Amokläufers) mit der Notwendigkeit einer wohlgeordneten Miliz für die Sicherheit eines freien Staates zusammenhängen? Aber wir werden das Problem hier nicht lösen, wenn die Amerikaner selbst es schon nicht lösen können.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 20.12.2012 um 11.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22161

Das Volk (also die Männer im wehrfähigen Alter) ist selbst (bei Bedarf) die Miliz, genau wie in der Schweiz. Was soll daran eigentümlich ausgelegt sein? Es handelt sich um den republikanischen Gegenentwurf zu den Söldnerheeren, gegen die man sich im Unabhängigkeitskrieg durchgesetzt hatte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.12.2012 um 07.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22159

In der Süddeutschen Zeitung diskutiert Andreas Zielcke das amerikanische Waffenrecht. Er weist darauf hin, daß erst ein von Reagan und den Bushs handverlesenes Oberstes Gericht den Zweiten Verfassungszusatz im Sinne des individuellen Rechts auf Waffen festgelegt hat, unter eigentümlicher Auslegung des Satzes: “A well regulated Militia being necessary to the security of a free State, the right of the people to keep and bear Arms shall not be infringed.”

(Zielcke macht es sich selbst unnötig schwer, indem er nach Militia ein Komma setzt und den Satz dann nach heutigen Maßstäben grammatisch verunglückt findet. Selbst wenn der Originaltext dort ein Komma hätte, wäre es heute nicht mehr zu setzen.)

Mir kommt es mit Zielcke so vor, als wenn es um die Bewaffnung einer Miliz gehe, die "das Volk" sich halten dürfe.

Weitere Diskussion bei Wiki zum Zweiten Zusatz.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 19.12.2012 um 20.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22155

Wie gesagt gab es in den fünfziger Jahren keinen einzigen »Amoklauf« dieser Art, und doch gab es in den USA schon damals Schußwaffen sonder Zahl und Millionen von demobilisierten Soldaten, die mit diesen Waffen umzugehen wußten und ihre Kenntnisse an ihre Söhne weitergaben. England hatte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr laxe Waffengesetze, aber zu »Amokläufen« an Schulen kam es nicht, obwohl das Leben an englischen Schulen in vielen Erinnerungen und Romanen als wahrhaft grausig beschrieben worden ist – etc. pp., aber jeder hat eben sein eigenes Verständnis von Kausalitätsbeziehungen.
 
 

Kommentar von Andreas Blombach, verfaßt am 19.12.2012 um 16.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22154

R. M. schrieb:
"Selbst in dem Film Bowling for Columbine, der bekanntlich nicht der Werbung für die National Rifle Association diente, überquert Michael Moore die amerikanisch-kanadische Grenze und stellt fest, daß im nördlichen Nachbarland Schußwaffen ebenfalls weit verbreitet sind, die Kriminalitätsrate aber seit jeher weitaus niedriger ist. Die Gründe dafür sind eben anderswo zu suchen."

Derartige Behauptungen lese ich immer wieder in Diskussionen zu dieser Thematik (eine Google-Suche nach "Kanada "Waffen pro Kopf"" liefert erst einmal sehr sonderbare Ergebnisse aus Diskussionsforen), aber sie scheinen nicht wirklich begründet zu sein. Schusswaffen sind zwar auch in Kanada verbreitet, aber pro Kopf gibt es in den USA deutlich mehr Waffen (en.wikipedia.org [basierend auf www.smallarmssurvey.org, dort deutlich ausführlicher], www.guardian.co.uk).
Natürlich müsste man eigentlich genauer vergleichen, also insbesondere die Art der Waffen einbeziehen (eine Flinte ist schlechter zum Morden geeignet als eine Handfeuerwaffe), aber die Datenlage ist auch so schon nicht allzu gut.

R. M. schrieb:
"»Amokläufe« sind ein neueres Phänomen, auch in Deutschland und Europa. Aber weder in den USA noch hierzulande oder gar in Norwegen ist der Zugang zu Schußwaffen in den letzten Jahren oder Jahrzehnten leichter gemacht worden."
Nun ja, in den USA ist der Federal Assault Weapons Ban (en.wikipedia.org) z.B. 2004 ausgelaufen.

Auf die weitere Diskussion zu Amokläufen möchte ich eigentlich gar nicht näher eingehen, aber unabhängig von den sozialen Faktoren und der Rolle der Massenmedien lässt sich doch festhalten, dass ein Amoklauf mit einem Küchenmesser erheblich schwieriger sein dürfte als mit einem Sturmgewehr.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.12.2012 um 12.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22153

Was noch einmal bestätigt, daß Amokläufe (die sich wie Magersucht und Burnout epidemisch ausbreiten) nichts mit dem Gewaltniveau einer Gesellschaft zu tun haben. Pfeiffer weiß das wahrscheinlich ganz genau, aber wenn man ihn nach seiner Meinung fragt, läßt er sich nicht lange bitten.

(In der Literatur, die ich in den letzten Tagen angeführt habe, gibt es einige interessante Tatsachen zur Kulturbedingtheit solcher Erscheinungen, etwa bei Ethan Watters:The Americanization of Mental Illness und dann Greg Downey mit weiterer Diskussion. Das hängt dann auch mit unserem engeren Interessensgebiet zusammen: wie die Leute über solche Dinge reden, wirkt sich auf ihr tatsächliches Verhalten aus. Man denke an die sprachliche Seite früherer Hysterie-Epidemien. Downey und andere haben geltend gemacht, daß man die von der Pharmaindustrie und anderen Erwerbszweigen lancierte Krankheitspropaganda nicht vernachlässigen darf. Die Patienten tragen nicht nur ihre Krankheiten, sondern auch ihr Geld zu Markte – angefangen mit dem Naturkostladen ...)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 19.12.2012 um 10.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22152

In den fünziger Jahren wurde noch viel mehr geprügelt als heute. »Amokläufe« von Schülern gab es keine. Case closed.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.12.2012 um 09.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22150

Ich habe noch einmal nachgelesen: Pfeiffer erwähnt die 21 Bundesstaaten, in deren Schulen die Prügelstrafe erlaubt ist, er erwähnt aber nicht, daß Connecticut nicht dazu gehört. Von häuslicher Gewalt im Hause des Amoktäters ist bisher auch nichts bekannt. Der geschiedene Vater überwies jährlich rund 300.000 Dollar, die Hälfte seines Einkommens. Wohlhabende Leute auch für amerikanische Verhältnisse.
Pfeiffer benutzt jede Gelegenheit, seine sattsam bekannten Ansichten vorzutragen, wobei ihn die Medien bereitwillig unterstützen. (Ich kenne das inzwischen aus eigener Erfahrung: Die Journalisten haben einen Pool von möglichen Interviewpartnern für jedes Thema. Verbrechen bedeutet: Pfeiffer anrufen!)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.12.2012 um 05.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22147

Über den Zusammenhang von Erziehungskultur und Häufigkeit von Amoktaten darf sich Herr Pfeiffer heute (19.12.12) nochmals in der Süddeutschen Zeitung verbreiten. Das war ja mein Ausgangspunkt gewesen, und so wollte ich es nicht machen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.12.2012 um 23.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22146

Das ist ja wohl allzu bescheiden. Im allgemeinen dreht sich die Debatte verständlicherweise um die Frage, warum sich solche »Amokläufe« häufen und nicht darum, warum neuerdings bei solchen Fällen vielleicht noch mehr Opfer zu beklagen sind als vor ein paar Jahren (aber schon 1966 gab es einen vereinzelten Fall mit 13 Toten). Das eigentliche Problem liegt eben nicht darin, daß die Jungs früher Schrotflinten nahmen und heute Glocks, sondern daß sie überhaupt mit grausiger Regelmäßigkeit solche Taten verüben. Das war nicht immer so, auch nicht in den USA.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.12.2012 um 21.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22144

"Nur"? Aber gerade davon rede ich doch, nicht von der Häufigkeit solcher Taten, die ich als ziemlich gering betrachte. Ich nehme also an (mehr kann ich nicht beanspruchen), daß die meisten Amoktaten, die in den letzten Jahren bekannt wurden, nicht so schlimme Folgen gehabt hätten, wenn die meist jugendlichen Täter nicht so leicht an diese modernen Waffen herangekommen wären. Die größere Gewalttätigkeit in den USA (viermal so hoch wie im kulturell ähnlichen Kanada, habe ich irgendwo gelesen) ist ein anderes Thema, zu dem ich nichts gesagt habe. Das betrifft auch die Ursache des Amoklaufens in den verschiedenen Ländern. Meinetwegen kann eine Bevölkerung von Waffen starren und trotzdem keine Amokläufer hervorbringen, das betrifft mein bescheidenes Argument gar nicht.
Bekannte berichteten von ihrem Leben in einer gated community im Norden der USA. Das kam mir doch recht gespenstisch vor, und ich sehe mit Sorge, daß es bei uns auch schon aufkommt.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.12.2012 um 17.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22143

Die Zweifel sollten sich heben lassen, denn das Vergleichsmaterial liegt auf der Straße, es ist z. B. von Thomas Sowell gesammelt worden. Selbst in dem Film Bowling for Columbine, der bekanntlich nicht der Werbung für die National Rifle Association diente, überquert Michael Moore die amerikanisch-kanadische Grenze und stellt fest, daß im nördlichen Nachbarland Schußwaffen ebenfalls weit verbreitet sind, die Kriminalitätsrate aber seit jeher weitaus niedriger ist. Die Gründe dafür sind eben anderswo zu suchen. – »Amokläufe« sind ein neueres Phänomen, auch in Deutschland und Europa. Aber weder in den USA noch hierzulande oder gar in Norwegen ist der Zugang zu Schußwaffen in den letzten Jahren oder Jahrzehnten leichter gemacht worden. Allenfalls sind die Waffen besser, also tödlicher geworden, aber das hat nur Auswirkungen auf die Zahl der Opfer solcher Taten, nicht auf die Häufung der Taten selbst.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.12.2012 um 16.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22140

Das bezweifele ich zwar, aber ich habe absichtlich nicht die Gewalttätigkeit der Gesellschaften vergleichen, sondern die Amokläufe aus diesem Zusammenhang herausnehmen wollen. Man bedenke auch den Ursprung des Wortes "Amok". Das hatte ursprünglich weder mit Verbrechen noch mit Waffen etwas zu tun. Was ich salopp und volkstümlich, aber wohl nicht falsch "Durchdrehen" genannt habe, wird erst durch die leichte Verfügbarkeit solcher Waffen richtig gefährlich.
Bisher hat man noch keinem Amoktäter im voraus angesehen, daß er Amok laufen könnte. Wunderliche oder auffällig-unauffällige Typen gibt es überall, auch in jeder Klasse. Deshalb sind auch die massenhaften Therapievoschläge ganz sinnlos. Und die andere Seite ("Wir brauchen Waffen, um unserer Kinder zu schützen") hätte ja nur recht, wenn man in jeder Schulklasse und drum herum freiwillige Eltern mit geladener Pistole postieren könnte ...
Mit der Selbstverteidigung scheint es mir bei uns nicht weit her zu sein. Man liest von Omas, die einem Straßenräuber die Handtasche um die Ohren geschlagen haben, aber bei den Raub- und Banküberfällen größeren Kalibers wird im allgemeinen die Polizei gerufen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.12.2012 um 14.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22139

Was für eine Rechnung soll das sein, unter deren Strich dieses Ergebnis herauskommt? In Wirklichkeit gibt es – wie sich statistisch leicht nachweisen läßt – keine Korrelation zwischen der Zahl an Schußwaffen in privatem Besitz und der Gewalttätigkeit einer Gesellschaft.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 18.12.2012 um 12.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22137

Beim Gewaltmonopol des Staates gibt es schmerzhafte Lücken zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit. Ebenso gibt es diese Lücken zwischen einem Ideal der angemessenen Selbstverteidigung und der unter diesem Etikett verübten privaten Willkür. Unter dem Strich fährt eine Gesellschaft besser, wenn sie anstrebt, das Tragen von Schußwaffen Vertretern der staatlichen Ordnung zu überlassen.

In der Vereinigten Staaten ist das vor allem deshalb schwerer einzusehen als in Deutschland, weil dort mittlerweile viel zu viele dieser Waffen in privaten Händen sind. Wenn die Nachbarn und alle möglichen Irren über solche Waffen verfügen, fühle ich mich auch irgendwann wohler, wenn ich das Recht wahrnehmen kann, bei Bedarf zurückzuschießen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.12.2012 um 10.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22136

Das »Gewaltmonopol des Staates« ist eine leere Phrase. Wer angegriffen wird, darf sich in angemessener Weise, also auch unter Gewaltanwendung, verteidigen. Das sieht jede Rechtsordnung der Welt vor, ob man das nun naturrechtlich nennt oder nicht.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 18.12.2012 um 09.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22133

Der Amokläufer phantasiert, daß er mit Hilfe von Schußwaffen mächtig auftreten kann. Die halbe restliche Gesellschaft in den USA phantasiert, daß sie mit Hilfe von Schußwaffen frei und sicher leben kann (oder freier und sicherer). Der Unterschied kommt mir nicht groß vor. Normalerweise mag das in beiden Fällen ein stimmiges Gefühl sein, aber wenn es kritisch wird, gibt es Tote.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.12.2012 um 04.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22130

Da habe ich mich mißverständlich ausgedrückt. Ich weiß natürlich, daß das Recht auf Selbstverteidigung den Amerikanern im positiven Recht zusteht, ich meinte aber die vielfach reproduzierte Meinung, daß die Verfassung damit nur festhält, was dem Menschen natürlicherweise zustehe. In diesem Sinne sagten auch einige, sie brauchten die Waffen, um ihre Kinder zu verteidigen. Viele gaben in Interviews zu erkennen, daß in ihren Augen zum eigenen Haus auch die eigene Waffe gehöre. Das Gewaltmonopol des Staates ist also nicht überall anerkannt. In einigen Staaten ist das sehr leicht zu erklären, man denke an Israel. In Südafrika, wo meine Frau geboren ist, war es unter der Apartheid für Weiße selbstverständlich, nicht unbewaffnet außerhalb der Stadt unterwegs zu sein.
Wenn ich meinen subjektiven Eindruck noch wiedergeben darf: Diese Amokläufe, die ja insgesamt seltene, wenn auch furchtbare Ereignisse sind, haben meiner Ansicht nach nicht viel mit der sonstigen Kriminalität zu tun. Darum beugen sich auch gleich die Psychologen aus aller Welt über jeden einzelnen Fall. Bei der normalen Gewalttätigkeit liegen die Motive meist auf der Hand. (Englischer Witz: "Bei einem Banküberfall in Cork erbeuteten die Täter 50.000 Euro. Die Polizei rätselt über das Motiv.") Der Amokläufer dreht durch. Üblicherweise tötet er sich am Ende selbst. Deshalb ist hier auch die Zugänglichkeit der Waffen so wichtig. Der Drogenmafioso wird sich die Schießgewehre schon zu beschaffen wissen, aber der sonst schüchterne Gymnasiast?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 17.12.2012 um 22.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22129

Die Hemmschwelle, vorsorglich zu töten, sinkt:
Einerseits paßt die Schwelle nicht zum Infinitivsatz, andererseits wird sie aber wegen sinkt gebraucht, denn eine Hemmung kann ja nicht sinken. Die ganze Konstruktion ist also eine Art eierlegende Wollmilchsau.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.12.2012 um 19.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22128

Die US-Bürger meinen nicht nur, ein Recht auf Selbstverteidigung und Waffenbesitz zu haben, sie haben es tatsächlich – es ist in der Verfassung festgeschrieben (2. Zusatz). Daran wird sich auch nichts ändern.

Im übrigen hängt die Zunahme von Amokläufen mit einiger Sicherheit damit zusammen, daß sich sowohl »legale« Antidepressiva als auch »illegale« Drogen aller Art zunehmender Beliebtheit erfreuen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.12.2012 um 17.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#22127

Da ich den Kriminologen Christian Pfeiffer hier schon mal erwähnt habe, will ich noch seinen neuesten Versuch anführen, uns die Welt zu erklären.

"Der Kriminologe Christian Pfeiffer macht die repressive US-Erziehungskultur für die große Zahl von Amokläufen verantwortlich. Als Amokläufer werde man nicht geboren, dazu werde man gemacht, sagte er der «Neuen Presse». Jährlich würden dort mehr als 200 000 Schulkinder in der Klasse von ihrem Lehrer mit dem Stock gezüchtigt – bei uns unvorstellbar, so der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen. In den Vereinigten Staaten würden nur 15 Prozent der Kinder völlig gewaltfrei erzogen – in Deutschland seien es 64 Prozent."

Er scheint hinreichende Kenntnis von den Erziehungskulturen der ganzen Welt zu besitzen, dazu einen Überblick über die Amok-Statistik derselben. Seit das Prügeln in deutschen Schulen verboten wurde, müßten die Amokläufe hierzulande abgenommen haben. Soweit ich mich erinnere, haben sie zugenommen. In den Schulen vieler amerikanischer Bundesstaaten wird fleißig gepaddelt. Gerade Connecticut gehört aber nicht dazu. Usw., das macht aber gar nichts.

Ein bekannter Journalist schrieb, in den USA fehle es eben an Psychotherapeuten, die auch untereinander "vernetzt" werden sollten. Man lernt immer noch dazu. Ein anderer meinte, an den Waffen in Privatbesitz könne es nicht liegen, denn in der Schweiz usw. (Er übersieht, daß die Schweizer Sturmgewehre im Schrank von ausgebildeten Reservisten stehen und nicht der Selbstverteidigung der Bürger dienen, worauf die meisten US-Amerikaner ein Recht zu haben meinen; auch ist die Schweiz so klein, daß man 1000 Jahre warten müßte, bevor man eine statistisch auswertbare Zahl von Amokläufen zusammenhätte.)

Laut ZEIT-Kommentar müssen wir die Amokläufer "lieben", dann lassen sie von ihrem Tun ab oder auch nicht, einen anderen Weg gebe es nicht.

In diesem Kommentar finde ich auch eine interessante grammatische Erscheinung:

Die Hemmschwelle, vorsorglich zu töten sinkt (...) (zeit.de 17.12.12)

Eigentlich regiert Schwelle keinen Infinitivsatz, aber weil sie sich nur um ein aufgeblähtes Synonym für Hemmung handelt, erbt es dessen Rektion. (Von der Kommasetzung sehe ich hier ab.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.02.2012 um 08.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#20040

Wir wissen, wie die Parteien (ohne Ausnahme) mit Volksentscheiden zur Rechtschreibreform umgegangen sind. Seehofer fordert nun eine Volksabstimmung zur Rettung des Euro. Dazu will er das Grundgesetz ändern lassen. Er kann sicher sein, daß daraus nichts wird, und gerade deshalb macht er diesen Wirbel, der ihn nichts kostet.

Die "Welt" schreibt dazu:

»Das Grundgesetz gewährt den Bürgern etliche essenzielle Rechte. „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“, heißt es in der Verfassung. Von „Wahlen und Abstimmungen“ ist im Artikel 20 die Rede. Jene Abstimmungen aber sieht das Grundgesetz in gerade einmal zwei Fällen vor: wenn es darum geht, Bundesländer neu zu gliedern, oder das Grundgesetz durch eine neue Verfassung ersetzt werden soll. Eine solche bundesweite Abstimmung hat es seit 1949 kein einziges Mal gegeben.«

Das gibt die Meinung eines Teils der Fachleute wieder. Artikel 29 GG bestimmt zwar, daß diese beiden Fälle nur durch Volksentscheid möglich sind, aber Volksentscheide über weitere Fragen sind damit nicht ausgeschlossen. Just damit wurde aber bei der Durchsetzung der Rechtschreibreform argumentiert. Nun soll es auf einmal geändert werden? Das ist billiger Populismus. Seehofer, Söder usw. reihen eine Windbeutelei an die andere.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2010 um 09.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#16902

Zu den Untersuchungen, die eine wachsende Ausländerfeindlichkeit belegen sollen, möchte ich mal eine kritische Frage aufwerfen: Wie jetzt wieder von der Friedrich-Ebert-Stiftung werden ausländerfeindliche Sätze formuliert und dann einer Auswahl von Versuchspersonen zur Zustimmung oder Ablehnung vorgelegt. Dieses Material wird dann ausgewertet. Könnte es sein, daß ein gewisser Prozentsatz dieser Personen zunächst – gesunderweise – überhaupt keine Meinung oder "Einstellung" in dieser Sache hatte und erst durch die Formulierung darauf gebracht wird, daß hier ein Standpunkt möglich ist?

Ich zum Beispiel lebe in einer Umgebung, in der man kaum darauf achtet, ob jemand katholisch oder evangelisch oder etwas anderes ist; ich selbst weiß es von den meisten Mitbürgern auch nicht, und es ist mir auch egal. Wenn nun jemand kommt und (wieder und wieder!) fragt, ob es zu viele Katholiken gibt oder gar, ob die Privilegien der Katholiken zu weit gehen, dann werde ich allmählich dazu gebracht, hier ein "Problem" zu sehen und mir eine "Lösung" zu überlegen. Wir wissen, daß es judenfeindliche Einstellungen auch dort gibt, wo kein einziger Jude lebt. Die Frage, ob die neuseeländische Regierung ihre Truppen aus Uruguay abziehen oder wenigstens reduzieren sollte, wird auf beträchtliche Zustimmung stoßen, vor allem wenn sie von einem seriösen Institut gestellt wird. Das alles ist ja seit langem bekannt, und es wundert einen, wie unkritisch die Zeitungen die Umfrageergebnisse bekanntgeben, mögen sie auch von Christian Pfeiffer stammen, der "Geißel der Talkshows" (Stern).

(Gestern wurde die Meldung verbreitet, Erlangen nehme einen Spitzenplatz bei der Zukunftsfähigkeit ein. Zugrunde lag eine Umfrage mit Hilfe des Kriterienkatalogs eines sehr umstrittenen amerikanischen Soziologen. Zu den Kriterien der Zukunftsfähigkeit gehört auch der "Gay-Index", also der homosexuelle Bevölkerungsanteil, was manchen Erlanger überraschen dürfte. Hier weiß übrigens jeder, daß die wirtschaftliche Zukunft Erlangens von unternehmerischen Entscheidungen des Siemens-Konzerns abhängt, und die haben nichts mit dem Anteil von Homosexuellen zu tun.)

Gestern las ich wieder etwas von der angeblich jahrzehntelang gepflegten "Lebenslüge", Deutschland sei kein Einwanderungsland. Aber so einfach war das nie. Ich bin ja privat und vor allem beruflich seit Jahrzehnten mit Ausländerfragen befaßt und erinnere mich noch sehr gut an Konferenzen mit Vertretern aus "Entsendeländern", die damals zwar allerlei Forderung stellten, aber von "Einwanderung" nichts hören wollten. Die "Rückkehroption" gehörte stets dazu, und das war mindestens so sehr eine Lebenslüge wie die deutsche Position. Einwanderungsland wird man ja auch nicht einfach so, dazu gehört eine Einwanderungspolitik, und die läuft immer und überall auf Restriktionen hinaus.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 09.03.2009 um 08.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#14035

Zur allgemeinen Begriffsverwirrung paßt, daß die microsoft-encarta genannte Enzyklopädie Xenophobie mit Fremdenfeindlichkeit übersetzt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.03.2009 um 18.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#14007

Die Lausitzer Rundschau hat es auch nach meinem Eindruck getroffen: Seehofer sagte, was er dem Stammtisch schuldig zu sein glaubte.

Zu "gefälligst" sagt das Wörterbuch (Langenscheidt DaF): "verwendet in Befehlen und Forderungen, um auszudrücken, dass man ungeduldig und ärgerlich ist".
Warum ist Seehofer ungeduldig und ärgerlich? Aber wahrscheinlich ist er es gar nicht, sondern tut nur so, s.o.
Was weiß er überhaupt von der Sprachsituation in Deutschland?
Wo sind denn die Deutschverweigerer? Daß gebildete Menschen, wenn sie ins Ausland reisen, sich manchmal um die dortige Landessprache bemühen, ist ja ganz nett. Die Leute, die unsere Straßen fegen und den Müll beseitigen, sind aber keine gebildeten Reisenden. Die gebildeten Ausländer, die bei Siemens arbeiten, brauchen auch kein Deutsch, und niemand kritisiert sie, wenn sie es nicht lernen, die Konzernsprache ist ja Englisch. Ich habe auch gebildete Deutsche getroffen, die schon jahrelang in Delhi lebten und trotzdem kein Hindi sprachen (um die Deutsche Botschaft herum). Wie viele Sprachen spricht Seehofer?
In den großen Zeiten der Anwerbung von Gastarbeitern hat sich niemand darum gekümmert, ob sie Deutsch lernen. Ich habe in Kalabrien Leute kennengelernt, die jahrelang in Rüsselsheim am Fließband gearbeitet hatten und kaum mehr als "Scheiße" auf deutsch sagen konnten. Na und?
Heute ist bekannt, daß die zweite Generation schon recht gut deutsch spricht. Der starke, von uns ja auch beneidete Familienzusammenhalt bei manchen Zuwanderergruppen verzögert freilich die "Integration". In den letzten Jahrzehnten habe ich ungezählte Studenten aus Zuwandererfamilien unterrichtet und etliche zum Magister und sogar zum Doktor geführt. Das wird schon noch.
Kurzum, mir gefällt der Ton nicht, dieses "gefälligst" eben, und Konzessionen an den Stammtisch sind mir ebenso zuwider wie der Stammtisch selbst.
 
 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 03.03.2009 um 07.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#14005

Ehe man zufriedenstellend Gedanken austauschen kann, müssen die Begriffe eine klar definierte Grenze haben. Gummibegriffe taugen nur zu Saalschlachten. Damit aber operiert die Politik. Was genau stellt man sich denn unter „Fremdenfeindlichkeit“ oder gar „Fremdenhaß“ vor? Wollen wir damit dieselben Gefühle bezeichnen, die wohl jede Person beschleichen würden, wenn Unbekannte in den eigenen Garten eindringen, dort ihre Decken ausbreiten und sich von den Obststräuchern bedienen? Kann man das, was nun den sich unerwartet in der Rolle des „Gastgebers“ befindenden Menschen quält, etwa Fremdenfeindlichkeit oder gar Fremdenhaß nennen?
Womit viele Politiker in fahrlässiger und zuweilen folgenreicher Weise spielen, ist das Gefühl der Bedrohung, welches die meisten Bürger atmosphärisch empfinden, wenn sie plötzlich im eigenen Land in eine Art Defensive gedrängt sehen – in welcher Form auch immer. Auch die Erwartung, später einmal bedrängt zu werden, erzeugt unangenehme Gefühle und Angst. Politiker instrumentalisieren geschickt diese natürlichen Empfindungen (Konrad Lorenz und Irenäus Eibl-Eibesfeldt haben hierzu ihre wertvollen Erkenntnisse publiziert) und benutzen diffuse Ängste dazu, Zuhörer auf verschiedenen Kundgebungen zum Zwecke billigen Applauses aufzustacheln. Die Alternative wäre politische Arbeit, und die ist ohne Glanz: hinter den Kulissen könnten geräuschlos politische Lösungen angestrebt werden, wie sie allen Menschen - auch den zugewanderten - zugute kommen könnten. Dies zu hoffen, ist müßig.
Doch sollten wir uns immerzu dessen bewußt sein, daß alles nur ein Spiel mit Wörtern ist. Doch mit sinnentleerten und schillernden Wörtern kann man Feuer entzünden. Seien wir deshalb immer um genaue Klärung der Begriffe bemüht und meiden wir in der Diskussion Wieselwörter – Fremdenhaß ist so eines.

 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 03.03.2009 um 07.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#14004

Lieber Urs Bärlein, vielen Dank für Ihre Erläuterung. Jetzt habe ich es verstanden! Schreiben Sie doch bitte immer so verständlich :-)

Das Manuskript, nach dem Herr Achenbach fragt, dürfte noch nicht einmal reichen. Der Ton macht in diesem Fall die Musik, und ich glaube, daß das in der Regel feindselige gefälligst in unserer theoretischen Relexion einen falschen Eindruck vermittelt. Ich habe die Stelle der Rede irgendwo im Fernsehen mitbekommen, allerdings nicht den anschließenden Beifall. Seehofer war überhaupt nicht aggressiv wie seinerzeit Stoiber mit seinem sich überschlagenden Tonfall. Er kam nett herüber, mit einem Schuß Lausbuben-Frechheit, er war väterlich und freundlich, wie man ihn auch sonst erlebt. Diese ganze Feindseligkeit, die hier unterstellt wird, war jedenfalls bei Seehofer nicht vorhanden.

Auf der vergeblichen Suche nach einem Video habe ich einen Kommentar gefunden, der die ganze Rede ähnlich bewertet und Seehofer m. E. gerecht wird. Er stammt aus der "Lausitzer Rundschau". Zitat:

–-> Das große Draufhauen blieb aus. Nicht einmal an den Linke-Watschenmännern Gysi und Lafontaine mochte sich Seehofer abarbeiten. Kurzum: Auf dem angeblich “größten Stammtisch der Welt” blieben die Stammtischparolen diesmal aus. Auf den anderen Veranstaltungen wurde geholzt wie eh und je. Nein, Stimmung mit latenter Ausländerfeindlichkeit zu machen, das mag Seehofer nicht. Selbst als er einmal in dieses Fahrwasser geriet und forderte: “Wer nicht deutsch kann, soll es gefälligst lernen”, fügte er verschmitzt hinzu: “Auch wir Bayern mussten einmal Deutsch lernen.”

Platte Phrasen über Kirchen und Moscheen, mit denen Vor-Vorgänger Edmund Stoiber das Auditorium zum Kochen brachte, wenn nichts anderes mehr half, waren von Seehofer nicht zu hören. Zwar nahm der Ingolstädter oft Bezug auf CSU-Übervater Strauß, aber weder das Holzen noch dessen ausufernde Redezeit sind die Sache des neuen CSU-Chefs.

Die Begeisterung unter den Freunden deftiger Aussprache blieb daher eher gedämpft. Als der Schlussbeifall schon nach zwei Minuten abebbte, setzte dem Seehofer selbst mit dem Kommando “Hinsetzen” ein Ende. Nein, der politische Aschermittwoch der CSU ist nicht mehr das, was er einmal war.

Die Frage ist nur: Sollte und kann er überhaupt wieder werden wie früher? Irgendwann ist alles einmal zu Ende, wie der Verlust der absoluten Mehrheit der CSU gezeigt hat. Und wenn mit dem Ausspielen der Ausländer-Karte bei der CSU Schluss gemacht wird, ist das sicher kein Schaden.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 03.03.2009 um 05.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#14003

Auf einen groben Klotz ein noch gröberer Keil

Man mag ja "gefälligst" für reichlich stark, grob, unfreundlich halten, aber mir scheint das Wort "Fremdenhaß" noch um Größenordnungen stärker zu sein. Jemandem direkt oder indirekt Fremdenhaß vorzuwerfen, heißt ihn restlos und ohne Gnade zu disqualifizieren. Ein solcher Vorwurf ist kaum noch zu überbieten, außer durch den Vorwurf der Holocaust-Leugnung.

Unter Fremdenhaß verstehe ich, daß jemand "Ausländer raus" auf Wände schmiert. Ausländer aufzuforden - und sei es noch so grob oder unfreundlich - Deutsch zu lernen, heißt doch zumindest anzuerkennen, daß diese Ausländer bei uns bleiben.

Bevor wir weiter im luftleeren Raum diskutieren, wäre es nützlich, wenn uns jemand den genauen Text der fraglichen Passage in der Rede Seehofers mitteilen könnte. Ohne Kenntnis des genauen Zusammenhangs ist es reichlich fruchtlos, über ein einziges Wort zu richten.

Soviel ich weiß, ist der vollständige Entwurf seiner Rede nirgends veröffentlicht. Ob die fragliche Äußerung sorgfältig vorbereitet war oder spontan erfolgte, bleibt somit Gegenstand reiner Spekulation.

 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 03.03.2009 um 04.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#14002

Was für eine Diskussion! Ich lebe auch im Ausland und kann nur sagen, Herr Wrase hat recht; ich stimme ihm jedenfalls voll und ganz zu. Herr Bärlein hat übrigens auch recht. Und Frau von Thiel hat einfach einen klasse Stil: So sollten wir alle auf Reisen gehen, wenn wir auf Reisen gehen. Herr Riemer möchte nicht, daß jemand so mir nichts dir nichts die Sau herausläßt, nicht mal in Bayern; und wer könnte etwas dagegen sagen. Aber trotzdem, Mann, mir gefällt auch die bayrische Art irgendwie. Wenn die die Sau rauslassen, ist das irgendwie natürlicher als wenn die Hamburger oder die Berliner das täten. Herr Metz hat auch recht, auch wenn ich ihm nicht zustimme, wenn er sagt, daß Seehofer "sich auch in diesem Fall Gedanken darüber gemacht hat, bei welcher Gruppe die gewählte Formulierung besonders gut ankommen dürfte." Richtig ist aber, daß Seehofer instinktiv weiß, wie er für das, was er sagt, Beifall bekommt, und den allerdings brauchen Politiker (und bei weitem nicht nur Politiker wie er); es kommt nämlich gar nicht darauf an wofür. Allerdings haben offenbar die Landleute in Iowa Obama genau zugehört und ihm ganz unerwartet auf seinen beachtlichen Weg geholfen. Aber das waren eben die so oft belächelten, aber in ihrer stillen Art doch politisch Interessierten im so oft belächelten Bauernstaat Iowa; die fühlten sich offenbar durch Sachaussagen politisch angeredet. Andere Politiker und Politikerinnen hier bekamen jedoch eine durchaus beachtliche Zahl von Stimmen einfach nach der Seehofer-Methode; denn mit der fühlen sich ja auch viele persönlich in die Abstimmung zu wichtigen Personalfragen hineingezogen. Ich habe übrigens auch recht: Amerikaner sollten nicht nur als Touristen Geld nach Europa bringen, sie sollten auch vorher eine der da benutzen Fremdsprache lernen, — am besten übrigens bei mir. Aber da das nicht jeder tut, lächle ich nur "über Engländer und US-Amerikaner, wenn sie einen [im Ausland] unvermittelt in ihrer Muttersprache anreden, ohne die leiseste Andeutung eines höflichen Bedauerns, daß sie die Landessprache nicht können." Aber zum Lachen finde ich es, wenn sie in Paris den Gendarmen auf englisch nach der nächsten öffentlichen Toilette fragen und der ihnen auf französisch antwortet, daß er ihnen das nur sagt, wenn sie ihn bitte auf französisch fragten. Und gut finde ich auch, daß die Türkei Deutschland nicht den Krieg erklärt, wenn ihre in Deutschland für immer lebenden Landsleute gesagt bekommen, sie sollten gefälligst Deutsch lernen. Aber das sagte ich ja eingangs schon.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 03.03.2009 um 01.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#14000

Lieber Herr Wrase, so kompliziert wie ein Toeloop mit doppeltem Überschlag sind meine Überlegungen nun auch wieder nicht. Die Grundschritte sind ganz einfach. Erstens: Man muß zwischen Sachaussagen und politischen Aussagen trennen. Die Beurteilung der einen orientiert sich an der Unterscheidung wahr/falsch, die der anderen an derjenigen zwischen Freund und Feind. Zweitens: Die Kunst der politischen Rede besteht darin, daß jeder das versteht, was er verstehen soll. Drittens: Das gelingt besonders gut, wenn die politische Aussage mit einer Sachaussage identisch ist.

So ist für manchen vernünftigen Menschen Seehofer jemand, der endlich einmal die Wahrheit gesagt hat; das Wort "gefälligst" wertet er als einen stammtischatmosphärenbedingten verzeihlichen Ausrutscher. Für einen Türken (wenn er genug Deutsch kann, um Seehofer zu folgen) liegt die wichtige Information gerade in diesem Wort: daß die Aufforderung Seehofers nämlich nicht freundlich gemeint ist. Weiter gibt es Leute, die mindestens so gut Deutsch können wie der CSU-Vorsitzende und auch sonstwie nicht ausländisch sind, die heraushören, daß sich Seehofers Aufforderung zum Gruppenzugehörigkeitsvollzug auch an sie richtet. Und dann gibt es noch diejenigen, die deshalb Beifall geklatscht haben, weil ihnen das "gefälligst" besonders behagte.

In einem Punkt gebe ich Ihnen freilich recht. Die Fixierung von Journalisten und anderen Sittenwächtern auf Fremdenfeindlichkeit als die für sie einzig vorstellbare politische Todsünde ist nicht nur lächerlich, sondern auch gefährlich, weil sie den Blick auf mindestens so bedenkliche andere Erscheinungen verstellt.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 03.03.2009 um 00.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13999

Vielleicht saßen ja die eigentlichen Adressaten der hier besprochenen Äußerung gar nicht im Saal, sondern hocken exakt dort, wo es nach FJS keine demokratisch legitimierte Partei geben darf. Wenn sich in diesen Zeiten die SPD mit einer vermeintlich ausgesprochen »sozialen« Forderung hervortut, liegt auch immer der Verdacht nahe, daß diese in Wahrheit auf Wähler der Linkspartei gemünzt sei, die man damit wieder »einzufangen« sucht.

Das Wort »gefälligst« ist schon recht vielsagend. In gesprochener Sprache entfährt es einem in spontaner Empörung. Wer es in sein Redemanuskript schreibt, es zumindest in einer vorbereiteten Rede verwendet, hat darüber nachgedacht. Selbst wenn man Seehofer keine überdurchschnittlichen rhetorischen Fähigkeiten zusprechen möchte – auf seine Wirkung ist er stets peinlich bedacht, in allen Belangen. Alles spricht dafür, daß er sich auch in diesem Fall Gedanken darüber gemacht hat, bei welcher Gruppe die gewählte Formulierung besonders gut ankommen dürfte. Darüber, wie er selbst über Fremde denkt, ist damit noch nichts gesagt.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 02.03.2009 um 22.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13998

Lieber Urs Bärlein, Ihren Toeloop mit doppeltem Überschlag in Ehren, aber mir ist doch die Besinnung auf die Grundschritte lieber. Ich fasse meinen Standpunkt der Übersicht halber zusammen. Professor Ickler hat den "naturgemäß" großen Beifall des Publikums als "Fremdenhaß" gedeutet. Meine Entgegnung: Man muß überhaupt nicht fremdenfeindlich sein, um Seehofers Statement, Neubürger ohne Kenntnis des Deutschen sollten die Sprache gefälligst lernen, von Herzen zuzustimmen. Mir käme eine Partei unzurechnungsfähig vor, die an dieser Stelle dem Redner verschämt den Beifall verweigert hätte.

Es mag ja sein, daß es einen gewissen Prozentsatz von CSU-Mitgliedern gibt, die man als fremdenfeindlich einstufen muß oder könnte. Wie auch in der übrigen Bevölkerung, wie auch in allen anderen Ländern dieser Welt. Aber warum hat dann gleich der ganze Saal kräftig applaudiert? Alles Fremdenhasser? Nicht doch.

Wegen ein paar schief gewickelten Mitgliedern der CSU hat der Fremdenhaß noch lange keine Chance in Deutschland. Da brauchen wir nicht aufzupassen, das tun schon genug andere. Es gibt in Deutschland tausend große Wachhunde, die gleich die Zähne blecken und auch zubeißen werden, sobald sich so etwas wie Fremdenhaß offenbart. Ganz anders unser Anliegen: Gegen den Schwachsinn und die Destruktivität der Rechtschreibreform haben sich die politische Klasse und der Journalismus fast gänzlich unempfindlich gezeigt.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 02.03.2009 um 19.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13997

Also, ich ärgere mich ja auch manchmal über Ausländer, die nicht deutsch sprechen, vor allem über Engländer und US-Amerikaner, wenn sie einen unvermittelt in ihrer Muttersprache anreden, ohne die leiseste Andeutung eines höflichen Bedauerns, daß sie die Landessprache nicht können. Türken z.B. sind mir allerdings noch nie auf diese Weise dumm gekommen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 02.03.2009 um 19.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13996

Ich wehre mich gegen die Gleichsetzung aller Ausländer. Bei den Deutschlern-Verweigerern unter den Ausländern handelt es sich um eine ganz bestimmte Teilmenge, die nicht willens oder nicht fähig ist oder von ihrer Familie nicht erlaubt bekommt, Deutsch zu lernen, und sich auf Dauer auf eine Existenz als Unterschicht eingerichtet hat. Gegenüber dieser Gruppe ist entsprechender Druck, Sprachlern-Angebote wahrzunehmen, angemessen, wie er auch in anderen europäischen Staaten ausgeübt wird. Die Frage ist, ob die Gruppe der absichtlichen und dauerhaften Deutschlern-Verweigerer unter den Minderheitenschutz fällt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 02.03.2009 um 16.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13994

Weder Herrn Fischers bekannte Vorrede an seinen Präsidenten "Mit Verlaub ..." noch Herrn Seehofers "größter politischer Stammtisch der Welt" entschuldigen irgendetwas.
Am Stammtisch mag jeder die Sau rauslassen, wie er will, aber eine Rede, die in aller Welt hörbar ist, ist nun mal kein Stammtischgerede.

Wie er es denn sagen soll? Na, zwischen betulich und überheblich-erniedrigend wäre mehr als genug Platz gewesen für passende Worte zu den Einwanderungsbedingungen.
 
 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 02.03.2009 um 11.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13992

Ich habe die Äußerung von Seehofer nicht gehört und mich auch nicht besonders dafür interessiert, kann mich jetzt aber nur wundern. Wie soll er es denn sagen? Wenn er es lieb formuliert, würden wir uns über die Betulichkeit amüsieren (Bärlein), wenn es naßforsch ist, ist es auch verdächtig.
Ich erinnere mich, daß mein Mann und ich vor vielen Jahren vorhatten, entweder auszuwandern oder zumindest einige Jahre in unserem Wunschland zu leben. Zuallererst haben wir uns Gedanken gemacht, wo wir (vorher!) die Sprache lernen könnten, haben Informationen eingeholt und wollten sogar regelmäßig 60 Kilometer fahren, um an einem Kurs teilzunehmen. Es kam dann nicht dazu, weil der Konsul des Landes uns wenig Hoffnung machte, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Uns war aber klar, daß es eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre, so schnell wie möglich die Landessprache zu lernen, schon allein aus Respekt gegenüber der dortigen einheimischen Bevölkerung, natürlich auch im eigenen Interesse.
Es ist mir auch eher peinlich, wenn ich für einen längeren Urlaub in ein Land fahre und nicht wenigstens rudimentäre Kenntnisse der Landessprache habe.
Ich kann auch Herrn Wrase nur zustimmen: Warum regen wir uns hier über die Verletzung der allerfeinsten Äste unserer Sprache auf und denken jahrelang darüber nach, wenn andererseits noch nicht einmal das allersimpelste Deutsch die Verständigungsbasis sein soll?
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 02.03.2009 um 10.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13991

Lieber Herr Wrase, lassen Sie mich die „Pirouette“ noch ein Stückchen weiterdrehen: Es kann einer sogar bekennender Ausländerfeind sein und Seehofers Äußerung trotzdem als Zumutung empfinden, weil er nicht bereit ist, seinen Neigungen in Gesellschaft des CSU-Vorsitzenden nachzugehen, schon gar nicht unter dessen Anleitung. Tun wir doch nicht so, als hätte Seehofer einen soziologischen Fachvortrag über die Grenzen der Belastbarkeit einer Gemeinschaft durch Fremdheitserfahrung gehalten. Die Sache wird auch nicht dadurch besser, daß er die Aufforderung, gefälligst Deutsch zu lernen, Dritten gegenüber äußert, im Gegenteil. Es ist eine politische Aussage, die ein durchaus vernünftiges Ansinnen mittels Grobheit in eine Feinderklärung verwandelt, die die Komplizenschaft der Zuhörer erheischt – sei es nun wegen ihrer Grobheit oder wegen ihrer vermeintlichen Verständigkeit. Sekundär impliziert sie den Ausschluß auch derjenigen, die den Beifall verweigern.

Der politische Charakter von Seehofers Aussage zeigt sich nicht zuletzt darin, daß sich Leute über sie streiten, die den ihr scheinbar zugrundeliegenden Sachverhalt ähnlich beurteilen. Hätte Seehofer gesagt: „Liebe ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger, lernen Sie Deutsch“, würden wir uns allenfalls gemeinsam über die politisch korrekte Betulichkeit der Anrede amüsieren.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 02.03.2009 um 08.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13990

Urs Bärlein:
Gerade weil das so selbstverständlich ist, ist es nicht egal, wer es ausspricht.

Was ist denn das für eine Pirouette? Aber interessant: Wenn der Spracherwerb eine selbstverständliche Minimalanforderung an Immigranten zum Zwecke ihrer Integration ist, wie kann es dann so kritisch und hochpolitisch oder gar verwerflich sein, dies deutlich auszusprechen? In der großen Empfindlichkeit, die Seehofers Ausspruch auslöst, zeigt sich, daß es sich zwar der Sache nach um eine Selbstverständlichkeit handelt, in Deutschland jedoch zugleich um ein Tabu, bedeutet doch das Aussprechen dieser Selbstverständlichkeit angeblich automatisch das Urteil: "Diese Ausländer gehören nicht zu uns." (Interpretation von Urs Bärlein)

Noch einmal: Auch ohne Seehofer, auch ganz ohne seine Rede bewirkt die Fremdsprachigkeit von Immigranten, die kein Deutsch können, daß sie von Deutschen als (noch) nicht zugehörig empfunden werden und daß sie sich selbst (noch) nicht als zugehörig empfinden können. Das ist nicht Seehofers Urteil, sondern einfach eine Tatsache. Wie sieht die Lösung aus? Ganz einfach: Wer nicht Deutsch kann, soll es lernen! (Seehofer.) Die Behauptung, Seehofer wolle Ausländer als nicht zugehörig brandmarken oder gar aus dem Land ekeln, ist eine haltlose Unterstellung. Er hat vielmehr den wichtigsten Baustein der Integration formuliert.

Ich führe den starken Beifall, den Seehofer an dieser Stelle bekommen hat, nicht auf Ausländerfeindlichkeit des Publikums zurück, sondern darauf, daß Seehofer sich getraut hat, eine tabuisierte Selbstverständlichkeit auszusprechen. Endlich sagt das mal einer! Dann bekommt man kräftige Zustimmung, ob nun am Stammtisch oder in der Öffentlichkeit oder im trauten Gespräch. Was hat das mit Ausländerfeindlichkeit zu tun? Die Zuhörer denken schon seit langer Zeit: "In Gottes Namen sollen diese vielen Ausländer bei uns leben, aber dann sollen sie doch auch bitte schön/gefälligst Deutsch lernen, damit man sich wenigstens verständigen kann." Man lehnt nicht Ausländer ab, sondern man ärgert sich auf die Dauer über Ausländer, die in großer Zahl ins Land kommen und Leistungen der Gemeinschaft in Anspruch nehmen – solange sie nicht einmal Deutsch können und damit wie ein Fremdkörper in der Gesellschaft wirken. Sollen wir das "ausländerfeindlich" nennen? Ausländerfeindlichkeit würde sich darin zeigen, daß man Ausländer grundsätzlich anfeindet, verachtet, verfolgt oder sonstwie haßerfüllt behandelt, nur weil sie (ursprünglich) Ausländer sind. Will das jemand der CSU unterstellen? Mit welchem Recht? Aus Seehofers Rede oder dem Beifall des Publikums geht das jedenfalls nicht hervor.

Das Problem ist nicht die angebliche Ausländerfeindlichkeit in einer Partei wie der CSU. Problematisch ist es, wenn eine Selbstverständlichkeit tabuisiert wird und derjenige, der etwas Vernünftiges ausspricht, als Übeltäter gilt. Auf diese Weise züchtet man Ärger.

Was mich auch wundert: Wir thematisieren hier seit Jahren vergleichsweise winzige Irritationen, die die Reform im Schriftbild hervorruft. Wir zeigen auf, warum sich die Bevölkerung zu Recht gegen die gewaltsame Verunstaltung des Gewohnten aufgelehnt hat. Und dann soll es plötzlich den Deutschen mehr oder weniger gleichgültig sein, wie viele Sprachen in Deutschland gesprochen werden, wie viele unüberwindliche Sprachbarrieren hier existieren? Dagegen sind doch die Auswirkungen der Rechtschreibreform geradezu lächerlich. Der Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit gegenüber Seehofer und seinem Publikum kommt mir ebenso primitiv und sinnlos vor wie seinerzeit der Vorwurf an uns Reformgegner, wir seien kinderfeindlich.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 01.03.2009 um 12.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13989

Welches "Deutsch" ist denn wohl gemeint? Etwa Hochdeutsch? Das können nicht einmal alle Deutschen sprechen. Man trifft auf dem Balkan ehemalige Jugoslawen, die 30 Jahre als Facharbeiter in Württhemberg gearbeitet haben und perfekt Alemannisch schwätzen, aber kein Hochdeutsch sprechen können. Das hat auch völlig gereicht. Mit Hochdeutsch wären sie immer als Fremde angesehen worden, die nicht wirklich dazugehören. Das gilt für viele deutsche Dialektgebiete.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 01.03.2009 um 11.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13988

Spracherwerb ist nicht einfach eine Voraussetzung für den Gemeinschaftszugehörigkeitsvollzug, sondern zugleich dessen Minimum. Gerade weil das so selbstverständlich ist, ist es nicht egal, wer es ausspricht. Passau ist eben kein Stammtisch, obwohl die Akteure sich so benehmen. Es ist noch einmal ein Unterschied, ob ein Politiker am Kabinettstisch sagt, die Ausländer sollten gefälligst Deutsch lernen, oder in einer Büttenrede während einer von vornherein auf Krawall gebürsteten Veranstaltung. Dort ist der Satz lediglich Paraphrase einer ganz anderen Aussage, nämlich: "Diese Ausländer gehören nicht zu uns."
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 01.03.2009 um 10.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13987

Urs Bärlein:
Politisch geht es bei Gemeinschaften immer darum, wer nicht dazugehören soll.

Ich meine:
Bei Gemeinschaften geht es zwangsläufig darum, wer dazugehört und wer nicht. Um diese Frage aufzuwerfen, braucht man keine Politik und keine Politiker. Viel wichtiger ist, ob die bisherigen Mitglieder fraglichen neuen Mitgliedern die Zugehörigkeit zuerkennen oder nicht; und ob die fraglichen Mitglieder ihrerseits das Gefühl der Zugehörigkeit haben oder ob sie sich ausgeschlossen fühlen. Auf beiden Seiten ist die Sprache bei weitem das wichtigste Zugehörigkeitskriterium. Ich mache mein Zugehörigkeitsgefühl nicht von der Meinung von Horst Seehofer abhängig, und ich glaube nicht, daß es jemanden gibt, der Horst Seehofer braucht, um seine Kriterien zu finden.

Urs Bärlein:
Seehofer hat ein Ausschlußkriterium formuliert. Bedenklich daran ist ... daß er die Position dessen beansprucht, der jeweils entscheidet, ob das Kriterium erfüllt ist. Es ist nämlich zugleich die Position dessen, der überhaupt festlegt, wer zur Gemeinschaft gehört und wer nicht.

Ich meine:
Im Fall eines selbstverständlichen Kriteriums spielt es keine Rolle, ob es jemand ausspricht oder nicht. Es ist eine Tatsache: Je besser ein neues Mitglied die Sprache der Gemeinschaft spricht, a) desto leichter und vollständiger wird es von der Gemeinschaft als zugehörig empfunden, b) desto leichter und vollständiger wird sich das neue Mitglied selbst als zugehörig empfinden; sprich: desto eher gehört das neue Mitglied dazu, und desto weniger Probleme, Ängste, Mißtrauen, Fremdenfeindlichkeit usw. wird es geben. Entscheidend für das gedeihliche alltägliche Zusammenleben ist die sprachliche Übereinstimmung. Es ist einigermaßen gleichgültig, ob Seehofer das bei einer Rede zum Ausdruck gebracht hat oder nicht.

Bedenklich ist aus meiner Sicht nicht, daß solche evidenten Zusammenhänge gelegentlich auch von Politikern geäußert werden, sondern daß ein Politiker, der die entsprechende Anforderung an neue Mitglieder formuliert, sofort in die Nähe des Rechtsradikalismus gerückt wird. Es ist nun einmal leider so, daß die Mühe des Spracherwerbs hier den Zugewanderten zufällt. Aus praktischen Gründen entfällt die Möglichkeit, daß die Deutschen (je nach Zählung) vielleicht dreißig oder fünfzig Sprachen lernen, um von ihrer Seite aus die Brücke zu schlagen. Wäre es so, daß das Zahlenverhältnis von Einheimischen und Zugewanderten etwa eins zu eins beträgt und alle Zugewanderten dieselbe Muttersprache mitbringen, dann könnte man die Bringschuld des Spracherwerbs gleichmäßig auf beide Seiten verteilen. Keine Frage.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 01.03.2009 um 06.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13986

Politisch geht es bei Gemeinschaften immer darum, wer nicht dazugehören soll. Seehofer hat ein Ausschlußkriterium formuliert. Bedenklich daran ist nicht, daß er Deutschkenntnisse von Ausländern fordert, sondern daß er die Position dessen beansprucht, der jeweils entscheidet, ob das Kriterium erfüllt ist. Es ist nämlich zugleich die Position dessen, der überhaupt festlegt, wer zur Gemeinschaft gehört und wer nicht.

Im Fall von Sprachkenntnissen scheint das harmlos, weil jeder zu wissen glaubt, wann diese ausreichend sind, so daß zugleich jeder wissen zu können glaubt, woran er ist. Der Herrschaftsanspruch liefe dann ins Leere. Es ist aber derselbe Anspruch, den vor ein paar Jahren Wolfgang Schäuble mit der Parole von der "deutschen Leitkultur" erhoben hat. Ihm ging es so wenig um Kulturförderung, wie es Seehofer heute um Sprachförderung zu tun ist. Allerdings trat der Anspruch bei Schäuble klarer hervor: daß Leute wie er darüber befinden, was deutsche Kultur ist. Ebenfalls deutlicher war, daß er sich nicht nur gegen integrationsunwillige Ausländer richtete.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 01.03.2009 um 03.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13985

Tut mir leid, ich halte das Händeringen von wegen "rassistische Ausländerfeindlichkeit" nicht nur für übertrieben, sondern schlicht für unzutreffend. Daß Zuwanderer aus zig Ländern und die Eingeborenen sich auf deutsch austauschen, verständigen, verstehen können, und zwar möglichst viel, möglichst reibungslos, möglichst gut, also möglichst ohne sprachliche Barrieren und Defizite, ist die wichtigste Voraussetzung für den Zusammenhalt in dieser mittlerweile zersplitterten Gesellschaft. Übrigens auch dafür, daß Rassismus nicht um sich greifen kann! Ich halte das für viel wichtiger als die angeblich identitätsstiftende Berufung auf das Grundgesetz und die politischen Institutionen, die schließlich die Bürger emotional kaum berühren und deshalb mit ihrer Identität nicht viel zu tun haben. Wenn nun ein Politiker sagt: "Wer nicht Deutsch kann, soll es gefälligst lernen", hat er dies auf den Punkt gebracht. Wo ist der Skandal? Ich kann ihn nicht sehen. Ich halte es sogar für wünschenswert, daß der Anspruch, den Seehofer formuliert hat, für selbstverständlich gilt und von möglichst vielen Politikern geteilt wird. Um das Motto dieses Tagebucheintrags aufzugreifen: Deutschland ist an seiner Sprache kenntlich.

Nehmen wir an, Seehofer müsse wegen dieser Passage seiner Rede als rassistisch unterfüttert oder als arroganter Herrenmensch gelten. Stellen wir uns einen Politiker vor, der stattdessen die hier eingeforderte Toleranz verkörpert. Er hätte dann vielleicht sagen können:

"Ob die neuen Bürger Deutsch können oder nicht, darf für uns keine Rolle spielen. Wenn sie Lust haben, Deutsch zu lernen, werden sie es tun; wenn sie keine Lust haben, dann eben nicht. Ein paar Brocken wird jeder irgendwann aufschnappen. Wenn es darauf ankommt, wird man einen Dolmetscher finden. Wir sind nicht darauf angewiesen, daß der eine versteht, was der andere sagt. In Deutschland müssen alle Sprachen gleichermaßen akzeptiert werden, die die Leute zu uns bringen. Es lebe die sprachliche Vielfalt! Wir können die Zuwanderer freundlich ermutigen, Deutsch zu lernen, aber wir dürfen es auf keinen Fall einfordern."

Das wäre in der Tat sehr tolerant. Kurzfristig gesehen ist eine solche Großzügigkeit sehr angenehm. Die Frage ist nur: Wo führt es hin?

Es ist doch nichts Neues: Gemeinschaften sind sind nicht einfach bedingungslos offen für neue Mitglieder. Neue Mitglieder müssen mit der Gemeinschaft kompatibel sein, sonst zerbricht irgendwann die Gemeinschaft. Daß ausgerechnet die Sprache dabei belanglos sein sollte, kann ich nicht nachvollziehen.
 
 

Kommentar von David Konietzko, verfaßt am 01.03.2009 um 02.32 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13984

Herr Achenbach schreibt:
Es gibt jedenfalls ein berechtigtes Interesse der Allgemeinheit daran, daß die bei uns lebenden Ausländer Deutsch lernen und damit bessere Aussichten bekommen, einen ordentlichen Arbeitsplatz zu finden und nicht der Allgemeinheit zur Last zu fallen.

Das ist ein sehr interessantes Argument, denn es zeigt, wie der Wohlfahrtsstaat bewirkt, daß »das Private politisch« wird. In einer freien Gesellschaft ist es jedermanns Privatsache, ob er faul oder fleißig ist und ob er sich um einen »ordentlichen Arbeitsplatz« bemüht oder nicht. Erst aufgrund der Existenz des Wohlfahrtsstaates kann man es als Schädigung der Allgemeinheit hinstellen, sich selbst zu schaden. Die ›soziale Sicherheit‹, die der Staat uns bietet, ist die Sicherheit eines Hundes, der von seinem Herrchen gut versorgt wird.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 01.03.2009 um 02.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13983

Ich halte es für übertrieben, sich über das Wort "gefälligst" aufzuregen. Seehofer verwendet das Wort ja durchaus situationsgerecht, bezeichnet er die Aschermittwochveranstaltung der CSU doch selbst als "größten politischen Stammtisch der Welt".

Natürlich sollte die Erlernung des Deutschen im wohlverstandenen Eigeninteresse derjenigen liegen, die sich dauerhaft bei uns niederlassen wollen. Jedenfalls sehen wir das so. Aber sehen es manche der Betroffenen nicht vielleicht auch anders, nämlich als gefährlichen ersten Schritt zur Integration, ja Assimilation, und damit als Bedrohung der eigenen kulturellen Identität? Wollen wirklich alle ausländischen Männer in Deutschland, daß ihre Frauen Deutsch lernen?

Es gibt jedenfalls ein berechtigtes Interesse der Allgemeinheit daran, daß die bei uns lebenden Ausländer Deutsch lernen und damit bessere Aussichten bekommen, einen ordentlichen Arbeitsplatz zu finden und nicht der Allgemeinheit zur Last zu fallen.

Schließlich ist auch die Rechtslage heute so, daß in vielen Fällen Deutschkenntnisse <b>verlangt</b> werden, so bei der Einbürgerung, beim Ehegattennachzug oder für die Anerkennung als Spätaussiedler. Wo ist denn der große Unterschied zwischen "wird verlangt" und dem umgangssprachlichen "sollen gefälligst"?

Sollte man deshalb gleich das Gespenst des Fremdenhasses an die Wand malen?
 
 

Kommentar von A. Ugias, verfaßt am 28.02.2009 um 17.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13981

Man müßte Seehofer und anderen Politikern dagegenhalten, gefälligst ehrliche Politik zu machen. Sie haben es jahrzehntelang versäumt, eine geordnete Einwanderungspolitik zu machen. Stattdessen haben sie die Massenzuwanderung von Menschen zugelassen, die von unserem Sozialsystem geködert wurden und weder großes Interesse an der deutschen Sprache noch an unserer Kultur haben. Anstatt diesen Menschen vorzuwerfen, "gefälligst" Deutsch zu lernen, sollten die verantwortlichen Politiker gefälligst die Kosten für die gescheiterte Integration dieser Menschen aus ihren Diäten und Pensionen begleichen. Im Licht der desaströsen Einwanderungspolitik wird auch klar, warum bei der Durchsetzung der desaströsen Rechtschreibreform auf der Staatsräson beharrt wurde. Die Politiker wollten unbedingt vermeiden, Rechenschaft für ihre Fehler und Versäumnisse ablegen zu müssen.
 
 

Kommentar von Florian Bödecker, verfaßt am 27.02.2009 um 18.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13977

Ich finde, Herr Ickler hat das genau richtig formuliert: Es geht um den Unterschied zwischen einer Pflicht und dem Nutzen, den man selbst davon hat. Letzterer macht jede Form von auferlegte Pflicht überflüssig.

Im übrigen darf man sicher sein, daß es bei ganzen Debatte gar nicht um die Sprache geht, sondern um Unterwerfung unter ein Gemeinwesen und Widerstand dagegen. Wieso sollte sonst die Sprache, die jemand spricht, von Bedeutung sein? Wenn sich jemand davon etwas verspricht wird er sie schon erlernen wollen - Lernmöglichkeiten vorausgesetzt. An dieser Stelle kommt dann ganz schnell der Herr-in-Hause-Standpunkt durch, Kern jeder rassistischen Ausländerfeindlichkeit.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.02.2009 um 17.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13976

Am Stammtisch ist man unter sich, das gehört zum Begriff. Nicht einmal Einheimische dürfen wagen, dort Platz zunehmen. Dritte sitzen abseits, sollen aber durchaus mitbekommen, wenn einer der Stammtischbrüder auf den Tisch haut und mal so richtig deutlich sagt, was jene gefälligst zu tun haben. Insofern sind wir uns völlig einig.

In Deutschland wird übrigens millionenfach Deutsch gelernt, das ist sehr erfreulich. Wenn Zugewanderte es noch nicht so gut sprechen,ist das kein Grund, sich um die deutsche Sprache Sorgen zu machen, wie Herr Seehofer es zu tun vorgibt, obwohl er in Wirklichkeit ganz andere Sorgen hat.

"Deutsch sollen sie lernen!" sagte einst Karl Kraus, aber er meinte nicht Ausländer.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 27.02.2009 um 16.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13975

Hier noch das aktuelle Bild zum Thema:
http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-40056.html#backToArticle=609255
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 27.02.2009 um 16.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13974

Vorsicht:

1. Es ist ein Unterschied, ob ich ein gefälligst in eine direkte Aufforderung einbaue oder ob ich es in der dritten Person verwende. "Person X soll sich gefälligst zu ... bekennen" ist je nach Sachlage nicht unhöflich, sondern angemessen deutlich. "Bekennen Sie sich gefälligst zu ..." dürfte mehr als unhöflich und nur in Ausnahmefällen angemessen formuliert sein. Es ist außerdem ein Unterschied, ob eine Aufforderung an ein persönliches Gegenüber oder pauschal an eine große Menge von Adressaten ergeht. Das Beispiel meines Vorredners suggeriert, daß wir es mit einer direkten Konfrontation einer einzelnen Person zu tun hätten; das ist nicht der Fall.

2. Was tun, wenn die Erfahrung lehrt, daß höflich oder neutral formulierte Aufforderungen nichts fruchten, obwohl sie berechtigt sind?

3. Es geht nicht darum, daß jemand hinausgeworfen werden soll, sondern im Gegenteil darum, daß eine Gruppe von Menschen hereinkommen und es an gewissen Anforderungen fehlen lassen, die sie dafür mitbringen müßten.

Ich schlage freundlich vor, dies bei der Argumentation zu bedenken.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 27.02.2009 um 11.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13972

Lernen Sie bitte Deutsch.
Lernen Sie Deutsch.
Lernen Sie gefälligst Deutsch.

Für mich ist das schon ein großer Unterschied. Nicht immer ist besondere Höflichkeit notwendig, aber der mit "gefälligst" Aufgeforderte wird sozusagen mit einem verbalen Tritt wieder nach draußen befördert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.02.2009 um 10.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13971

"Stammtischmentalität" - genau darauf wollte ich hinaus. Man muß es gehört haben.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 27.02.2009 um 09.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1115#13970

Ich finde die Empörung über dieses eine Wort übertrieben. Man muß doch auch die Stammtischmentalität in Rechnung stellen, deren Demonstration von Seehofer erwartet wurde.

Ob nun die Zuwanderer Deutsch lernen sollen oder ob sie es gefälligst tun sollen, macht das überhaupt einen Unterschied? Wenn man aufgefordert wird, man solle etwas gefälligst tun, bedeutet das meistens, daß die Pflicht einigermaßen selbstverständlich ist und mit ihrer Erfüllung schon längst hätte gerechnet werden können, der Aufgeforderte hat sich jedoch (oft ausdauernd, manchmal auch herausfordernd) geweigert, ihr nachzukommen. Das kann man von größeren Teilen der zugewanderten Bevölkerung sagen. Die Forderung, Zugewanderte sollten dem Gemeinwesen zuliebe Deutsch lernen, wenn sie auf Dauer in Deutschland leben wollen, ist berechtigt.

Wirklich unverschämt waren die meisten Politiker sämtlicher Parteien, als sie von der widerwilligen Bevölkerung autoritär verlangten, sie solle sich gefälligst der neuen Rechtschreibung anschließen, um den angeblich bedürftigen Kindern beizustehen. Das ist ungefähr so, als hätten sie von den Deutschen verlangt, sie sollten gefälligst Türkisch, Polnisch oder Rumänisch lernen, um mit den vereinsamten Zugewanderten aus der Türkei usw. Solidarität zu üben. Ob dabei nun das Wort gefälligst verwendet wird, ist doch nahezu gleichgültig. Es geht in Wirklichkeit darum, ob der Anspruch berechtigt oder anmaßend ist.
 
 

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